Der Schritt ins Leere

Es ist erst einige Tage her, da berichtete ich aus meiner Alptraumwelt, in der abstürzende Balkone öfter eine Rolle spielen. Das Ganze hat etwas mit Akrophobie, also Höhenangst zu tun, der Angst vor Höhen, in denen der nächste Schritt wie ein Schritt ins Leere anmutet, von denen der Blick ins Bodenlose zu gehen scheint. Konturen und Horizonte lösen sich auf. Ein unvermeidliches Fallen steigt als Vision in einem auf.

Fast drei Jahre ist es inzwischen her, dass ich mit meiner Familie für knapp zwei Wochen in Grainau, dem Zugspitzdorf, Urlaub machte und dabei auch diesen x-förmig angebrachten Skywalk für Schwindelfreie, diese über dem Höllental bei Garmisch-Partenkirchen erbaute Aussichtsplattform namens Alpspix ‚inspizierte‘. Auf dieser 13 Meter scheinbar ins Nichts ragenden Stahlkonstruktion hat man einen schwindelerregenden Blick in tausend Meter Tiefe. Wenn man nicht lange überlegt, dann getraut man sich auch als nicht Schwindelfreier, diese stählerne Plattform zu betreten. Dem Ganzen wohnt ein Reiz inne, ein Kitzel, dem man sich nicht völlig entziehen kann.

Vor über einem Jahr blätterte ich in einem Nachrichtenmagazin (Focus Nr. 52/01 vom 23.12.2013) und fand dort als eines der Fotos der Woche ein Bild mit zwei jungen Frauen, die auf der gläsernen Aussichtsplattform mitten in der Mont-Blanc-Gruppe stehen. Dagegen ist die Alpspix fast nichts

Blick ins Bodenlose: Auf einer gläsernen Brücke am Gipfel des Aiguille du Midi genießen zwei Mitarbeiterinnen der Seilbahngesellschaft den Blick auf die Region um den Montblanc
Blick ins Bodenlose: Auf einer gläsernen Brücke am Gipfel des Aiguille du Midi genießen zwei Mitarbeiterinnen der Seilbahngesellschaft den Blick auf die Region um den Montblanc. Und den bedrohlichen Kitzel, so hoch über dem Abgrund zu stehen.

Ein, wie ich finde, faszinierendes Foto. Interessant auch der kurze Wortbetrag zu diesem Foto unter der Überschrift Höhenangst ist purer Hoch-Genuss (verfasst von Borwin Bandelow, Angstforscher an der Universität Göttingen), der meinen Eindruck von Reiz und Kitzel erklärt:

„Zwei Damen stehen auf der Aussichtsplattform auf dem Aiguille du Midi 3842 Meter über dem französischen Wintersportort Chamonix.“

„Durch den gläsernen Boden fällt der Blick in die Tiefe – und weckt unsere Urangst, ins Bodenlose zu stürzen. Diese Sorge stammt aus entwicklungsgeschichtlich sehr alten Regionen unseres Gehirns. Die Höhenangst signalisiert uns: Du hast ein Problem. Du bist kein Vogel. Du bist im freien Fall! Dieses primitive Angstzentrum weiß nicht, was Glas ist. Denn das wurde erst vor 3500 Jahren erfunden.

Die Folge ist der Fluchtreflex. Unser Herz beginnt zu rasen, der Atem stockt. Und der Körper schüttet Endorphine aus. Wenn der Absturz dann doch nicht erfolgt, erzeugt dieses körpereigene Opiat ein Wohlgefühl, sodass wir den Moment über dem Abgrund auf eine verwirrende Art genießen. Die gute Nachricht lautet: Wer diesen Kitzel empfindet, ist nicht verrückt. Im Gegenteil, sein Gehirn funktioniert bestens.“

Dieses Foto findet sich auch auf der Website zum Wintersportort Chamonix (zu Garmisch-Partenkirchen besteht übrigens eine Städtepartnerschaft – so schließt sich der ‚Kreis‘). Dort steht unter der Überschrift: Der Schritt ins Leere:

Einfach umwerfend! Wer Nervenkitzel mag, wird von dieser neuen Attraktion begeistert sein: Eine technologische Meisterleistung und ein unvergessliches Erlebnis! Über tausend Meter Leere tun sich unter Ihren Füßen auf, wenn Sie erstmal in diesem an 5 Seiten [links, vorn, rechts, oben und unten] verglasten Kasten stehen … Ein kleiner Schritt für den Besucher, aber ein großer Schritt in der Geschichte der Aiguille du Midi! Nervenkitzel garantiert…

Und als Ergänzung (wenn auch nur auf Englisch) der Hinweis für alle, die jetzt Lust auf diesen Nervenkitzel bekommen haben und einen Abstecher nach Chamonix planen, dass dieser „Schritt ins Leere“ wegen Renovierungsarbeiten voraussichtlich bis zum 26. Juni 2015 geschlossen sein wird:

From September 15th 2014, the access to the summit terrace and to the “Step into the Void” will be closed for further renovation & refurbishment work. The opening is planned for June 26th 2015.

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

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