Jacques Tati: Schützenfest (1949)

Nach Jacques Tatis zweiten Spielfilm Die Ferien des Monsieur Hulot aus dem Jahr 1953 habe ich mir jetzt auch seinen ersten von ihm selbst geschriebenen und inszenierten Langfilm Jour de fête (Tatis Schützenfest – 1947 gedreht, 1949 erschienen) angeguckt, der mit drei weiteren Filmen zum Jahreswechsel auf arte gezeigt wurde.

François (Jacques Tati), der linkische Briefträger in dem verträumten Dorf St.-Sévère-sur-Indre, begeistert sich plötzlich für den Fortschritt: Nachdem er im Kinozelt auf dem Schützenfest in einem Film gesehen hat, dass die Post in den USA mit Flugzeugen befördert wird, nimmt er sich keine Zeit mehr für ein Gläschen Wein oder ein Schwätzchen im Bistro, denn das Motto lautet von nun an: „Rapidité!“ Auf seinem klapprigen Fahrrad hetzt er durchs Dorf und erfindet waghalsige Kunststücke, um Zeit zu sparen. Die anderen Dorfbewohner schütteln den Kopf, wenn sie ihn rasen sehen. (Quelle: dieterwunderlich.de)

Schon in diesem Film zeigt Tati das Spannungsfeld zwischen „guter alter Zeit“ und den Errungenschaften der Moderne, die er 1967 auch in dem Film Tatis herrliche Zeiten (Playtime) persiflierte.

In „Tatis Schützenfest“ kommt es durch Fortschritt und Rationalisierung in einem Dorf zur Katastrophe, denn da bleiben die persönlichen Beziehungen auf der Strecke. Tatis Kritik richtet sich wohl auch gegen die Amerikanisierung des Lebens, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa einsetzte. Den Film inszenierte er als ein Geflecht von Miniaturgeschichten rund um den Postboten François.

Jacques Tatischeff wurde 1908 in Frankreich geboren, als Sohn eines Kunstrestaurators, Enkel eines russischen Grafen und mit italienischen, niederländischen und französischen Vorfahren. In den Dreißigerjahren trat er als angeblich betrunkener Pausenkellner in einem Pariser Nachtclub auf und zog als Pantomime durch Kabaretts, Varietés und Zirkuszelte. 1947 drehte er seinen ersten Kurzfilm: „Die Schule der Briefträger“.

Mit „Tatis Schützenfest“ ist ihm ein poetischer, liebevoller und urkomischer Film gelungen, der 1949 bei den Filmfestspielen in Venedig und im Jahr darauf mit dem Grand Prix du Cinema ausgezeichnet wurde.

Tati als Briefträger François ist einfach köstlich. Es klingt vielleicht komisch, aber um in den vollen Genuss des Films zu kommen, muss man erst einmal ‚loslassen‘ und vielleicht all den Schenkelklopfermist US-amerikanischer Machart vergessen. Besonders amüsant sind die Radfahrerszenen. In der ersten Szene hat sich François‘ Fahrrad selbständig gemacht:


Tatis Schützenfest (Jour de fête): Ausschnitt 1

Und hier ist François schneller unterwegs als das Peleton von Radsportlern:


Tatis Schützenfest (Jour de fête): Ausschnitt 2

Geschwindigkeit ist alles: Wie sich François die moderne Briefzustellung vorstellt:


Tatis Schützenfest (Jour de fête): Ausschnitt 3

Tatis Schützenfest (Jour de fête) - Kopf 'runter, in die Pedalen!

Zuletzt eine kleine Hommage an Tatis Film, der auch die Szene enthält, als François, vom Bäckerjungen auf dem Mofa angetrieben („Kopf ‚runter, in die Pedalen!“), die Abzweigung verpasst und, statt über die Brücke zu fahren, im Fluss landet:


Hommage an Tatis Schützenfest (Jour de fête)

Die Szene mit dem Sturz ins Wasser erinnert mich an eine Szene aus dem ebenfalls aus Frankreich stammenden Film Willkommen bei den Sch’tis. Hier landet Philippe, der deutlich angetrunkene Filialleiter der Post, mit dem Rad in ein Straßencafe. Ob die Macher des Films hier vielleicht an Jacques Tati gedacht haben?

Willkommen bei den Sch’tis: Ab geht die Post

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

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