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Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein

Neben Homo faber und Stiller ist „Mein Name sei Gantenbein“ wohl der bekannteste Roman des Schweizers Max Frisch, der lange Zeit auch als Architekt gearbeitet hatte und besonders durch seine Theaterstücke wie Andorra bekannt wurde. Max Frisch starb am 4. April 1991, also vor 20 Jahren in Zürich, wo er auch geboren wurde.

„Frisch greift in Mein Name sei Gantenbein mit der Frage nach der Identität eines Menschen und seiner sozialen Rolle ein Hauptthema seines Werkes auf. Der Erzähler erfindet sich nach einer gescheiterten Beziehung wechselnde Identitäten, um der eigenen Erfahrung aus unterschiedlichen Blickwinkeln nachzuspüren. Der spielerische Umgang mit Biografien und Fiktionen folgt dem Motto ‚Ich probiere Geschichten an wie Kleider’ (S. 22 – Gesammelte Werke in zeitlicher Folge – 1964-1967 – Band V.1 – Suhrkamp Verlag – 1. Auflage 1976) und findet in einer literarischen Montage kurzer Erzählabschnitte seine formale Umsetzung.“

Der Inhalt des Romans lässt sich (wie von Max Frisch geschrieben) in wenige Sätze fassen:

„Ein Mann liebt eine Frau“; sagt er, „diese Frau liebt einen andern Mann“, sagt er, „der erste Mann liebt eine andere Frau, die wiederum von einem andern Mann geliebt wird“, sagt er und kommt zum Schluß, „eine durchaus alltägliche Geschichte, die nach allen Seiten auseinander geht -“
Ich nicke.
„Warum sagen Sie nicht klipp und klar“, fragt er mit einem letzten Rest von Geduld, „welcher von den beiden Herren Sie selbst sind?“
(S. 313)

Da gibt es zunächst den Herrn Felix Enderlin. Und dann einen Herrn namens Theo Gantenbein. Beide sind Erfindungen eines Erzählers. Gantenbein droht nach einem Autounfall zu erblinden. Als ihm der Verband abgenommen wird, kann er sehen, doch er spielt nun die Rolle des Blinden. Felix Enderlin, der überraschend einen Ruf nach Harvard erhält, glaubt, todkrank zu sein. Er ist unfähig, eine Rolle zu spielen, und fürchtet nichts mehr als Wiederholung und Monotonie.

„… jeder Ich, das sich ausspricht, ist eine Rolle-“. (S. 48) – „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält“. (S. 49) – … Sein Ich hatte sich verbraucht, das kann’s geben, und ein anderes fiel ihm nicht ein. … (S. 51)

Im Mittelpunkt des Romans steht der Mensch auf der Suche nach seiner wahren Identität. Ähnlich wie in „Stiller“ geht es um den Konflikt eines Menschen, der etwas anderes ist oder sein will, als er für andere zu sein scheint, um das ‘Bildnis’, das andere von uns machen. Es geht um die Erzählbarkeit des Lebens und um unsere Gier nach Geschichten.

Ein Man hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu – … und manchmal stellte ich mir vor, ein andrer habe genau die Geschichte meiner Erfahrung … (S. 11)

Das Erwachen (als wäre alles nicht geschehen!) erweist sich als Trug; es ist immer etwas geschehen, aber anders. (S. 313)

Oder etwas anders ausgedrückt: Langsam habe ich es satt, dieses Spiel, das ich nun kenne: handeln oder unterlassen, und in jedem Fall, ich weiß, ist es nur ein Teil meines Lebens, und den andern Teil muß ich mir vorstellen; Handlung und Unterlassung sind vertauschbar; manchmal handle ich bloß, weil die Unterlassung, genauso möglich, auch nichts ändert, daß die Zeit vergeht, daß ich älter werde … (S. 129)

Eine wichtige Einsicht, die wir aus dem Roman ziehen, spiegelt sich im folgenden Satz: Was überzeugt, sind nicht Leistungen, sondern die Rolle, die einer spielt. (S. 118) Besonders wenn wir Personen des öffentlichen Lebens betrachten, sehen wir nur Rollenspiele, Vorspiegelungen falscher Tatsachen (Geschichten). Leistungen (wenn es solche überhaupt gibt) überzeugen wenig.

Ziemlich am Schluss heißt es dann: Alles ist wie nicht geschehen … (S. 319) Das könnte heißen: Manches, was wir für unser wirkliches Leben gehalten haben, ist eigentlich nichts anderes als eine dieser Geschichten, ist diese Rolle, die wir anderen vorgespielt haben … Und dies alles ist in Wirklichkeit wie nicht geschehen, ist nicht unser wirkliches Sein.

Literatur von Max Frisch