Kategorie-Archiv: WilliZ Welt

WilliZ kleine (eigene) literarische Welt

Betrachtungen Tagebuch eines ‚Außerirdischen’ – Vorbetrachtung

Eigentlich ist der Titel schon längst (und dabei öfter) besetzt: Tagebuch eines Außerirdischen. Vielleicht Betrachtungen eines Außerirdischen? Da gibt es ja nur Philosophische Betrachtungen zum Außerirdischen. Erst einmal bleibt ’s bei diesem Arbeitstitel. Weitere Überlegungen dazu kann ich mir immer noch machen.

Wenn ich also etwas zu uns, unseren Planeten, zu unserer Welt im Kleinen wie im Großen schreiben werde, dann unter der Sicht eben eines Nichterdenmenschen. Das ist eigentlich unmöglich, ist klar. Aber ich kann ja zumindest versuchen, die Sicht eines solchen Alien anzunehmen. Apropos Alien – auch eines dieser Wörter wie Handy oder Oldtimer, Happy End und Beamer (Public Viewing, Showmaster, Jogging – die Liste lässt sich beliebig erweitern), die es im Englischen gar nicht gibt oder dort eine andere Bedeutung haben. Wir Deutsche und unser Denglisch (fast schon ein Tagebucheintrag eines Außerirdischen wert …).

    ... eines Außerirdischen ...

Aber ich schweife ab … Was mir vorschwebt, ist eine Sammlung an Betrachtungen aus einer Sicht, die nicht der üblichen entspricht. Eben die Sicht auf Dinge unseres Alltags, wie sie nur jemand haben kann, der nicht ‚von dieser Welt’ ist. Das muss nicht unbedingt ein Außerirdischer sein, klar. Ich war einmal vor vielen Jahren in einem Seminar und traf dort Schwarzafrikaner, die bisher noch nie eine Großstadt gesehen hatten. Vieles war für diese Menschen völlig neu. Das begann z.B. mit großen verglasten Wänden und Türen am Flughafen und endete längst nicht bei Rolltreppen und Fahrstühlen. Ich denke da natürlich auch an viele alte Menschen, denen die Errungenschaften unserer heutigen Technik, besonders im Bereich der digitalisierten Kommunikation, wohl für immer verschlossen sein werden.

Ausgangspunkt ist natürlich unsere Zivilisation mit allem, was sie uns ‚zu bieten’ hat. Man muss kein Außerirdischer sein, um zu wissen, dass vieles, was als große Errungenschaften gepriesen wird, durchaus entbehrlich sein könnte. Aber wer so mitten im Wald steht, sieht bekanntlich diesen vor lauter Bäumen nicht. Man muss sich schon etwas abseits stellen, um zu erkennen, dass vieles auch ‚mit anderen Augen’ zu betrachten ist.

Soviel für heute. Mal gucken, was dabei herauskommt …

Sean Mayes: Joan Armatrading – A Biography – Introduction

Ein Buch ist ein Buch ist ein Buch ist ein Buch … – in Abwandlung von Gertrude Steins Rosen-Sentenz aus dem Sacred Emily-Poem. „Things are what they are” – Dinge sind, was sie sind. Und so ist ein eBook eben kein wirkliches Buch, nichts Handfestes, Greifbares, notfalls sogar etwas jemand an den Kopf Werfbares (man müsste schon den eBook-Reader oder das Tablet werfen). Nein, ein Buch, ein wirkliches Buch, ist ein Buch. Notfalls kann man es auch für andere Zwecke als zu denen des Lesens benutzen (wenn der Tisch wackelt zum Unterstellen – auch wenn’s eher ein Heft als ein Buch sein müsste).

Aber ich schweife gehörig ab und sollte zum eigentlichen Thema kommen. Wenn schon einmal abgeschweift, bleibe ich es noch EINEN Augenblick. Die Rosen, die Rosen, die Rosen, die Rosen sind (um es einmal anders auszudrücken) inspirierten Umberto Eco zu seinem Mittelalter-Roman Der Name der Rose, den ich mir gerade zu Gemüte führe (dazu später mehr …). Aber jetzt ist genug.

Es geht (wieder einmal, ich weiß) um Joan Armatrading. Erwähnt habe ich es bereits mehrmals. Schon 1990, da war Joan Armatrading noch keine 40 Jahre alt, erschien über sie eine Biografie, auf die sich besonders die Verfasser der englischsprachigen Wikipedia-Artikel über Joan und ihre Alben beziehen: Joan Armatrading – A Biography von Sean Mayes.

Ich habe das Buch für gerade einmal 4 € 49 (davon entfielen allein 3 € auf Versandkosten) in diesen Tagen gekauft. Es ist gut erhalten und ich habe natürlich auch schon einen ersten (und zweiten) Blick hineingeworfen. Allein die Fotos sind das Geld wert.

Sean Mayes: Joan Armatrading - A Biography (1990)

Sean Mayes: Joan Armatrading - A Biography (1990)

Sean Mayes: Joan Armatrading – A Biography (1990)

… und das Buch stammt, wie man sieht, aus einer Bibliothek in Schottland, genauer aus dem East Lothian District, das ist östlich von Edinburgh. Nun ‚geklaut’ wurde das Buch nicht, sondern ist ‚withdrawn’, also nach sieben Ausleihen ausrangiert worden – und über diverse Umwege, so vermute ich einmal, jetzt in meinem Bücherschrank gelandet (‚neu’ ist das Buch wohl schon lange nicht mehr erhältlich).

Sean Mayes: Joan Armatrading - A Biography (1990)

So können Bücher in ihrer ‘analogen’ Ausprägung neben ihrem eigentlichen Inhalt auch noch weitere Geschichten erzählen. Manche Schmauchspur verrät etwas von vorherigen Lesern (es muss nicht gerade eine ‚Speisekarte’ sein – vielleicht ein Rotweinfleck oder die Sabberspur eines Pfeifenrauchers). Und wer wie ich ohne Randmerkungen per Bleistift selten auskommt, ergänzt ein Buch gewissermaßen auch in literarischer Hinsicht. Es lohnt sich oft schon, in den Antiquariaten dieser Welt zu schauen. Da findet sich mancher Schatz (manche Erstausgabe). Und wenn der Preis stimmt, dann greife ich schon einmal zu (außer das Buch ist allein aus hygienischen Gründen, siehe ‚Speisekarte’, nicht mehr zu gebrauchen).

Sean Mayes: Joan Armatrading - A Biography (1990) - Introduction

Aber nun doch schon etwas zum Inhaltlichen (sehr weit bin ich noch nicht gekommen). In einer Einleitung (Introduction) steht Folgendes (natürlich auf Englisch, eine deutsche Ausgabe der Biografie hat es nie gegeben):

„Over the years Joan Armatrading has producted albums of never-failing inspriration and quality. Her LPs go gold, her concerts sell out and her songs – such as ‘Love And Affection’, ‘Willow’ and ‘Drop The Pilot’ – have become lasting anthems.

There is courage in Joan’s writing and courage in the way she has changed from shy, nervous performer into the confident star with a radiant smile who inspired love and affection from seventy thousand people at the Nelson Mandela concert. She is a guitarist of breathtaking originality, and a singer whose voice goes straight for the heart. Her songs show both vulnerability and great personal strength, intimate yet universal. Short on ‘he’ and ‘she’ but long on ‘you’ and ‘me’, they appeal to both sexes equally, saying the things we should like to be able to say, but with greater perception, sensitivity and poetry than most of us can ever hope to command.

What is the source of this understanding? Were these songs wrought from intense personal experience? Here the smile fades, the shutters come down. Joan is simple not telling.

This is the first biography of the enigmatic and fascinating star. Joan Armatrading is not, it must be said, the easiest subject. ‘Joan Armourplating’ – ‘the Greta Garbo of pop’ – Joan is the most reclusive and secretive of individuals. The book was nearly called “A Very Private Person’. […]”

Also Joan Armourplating, die Panzerplattenbewehrte … Um es gleich zu sagen (und damit zu wiederholen): Diese Biografie ist von Joan Armatrading nicht ‚abgesegnet’ worden. Auf Fragen über ihr Privatleben sagte Joan fast stereotyp am Ende von Interviews: „You kept asking me questions about myself – you should have asked about my music.“ Sean Mayes, selbst Musiker, hat so versucht, seine Begeisterung für Joan möglichst auf die Sicht eines Musikers zu beschränken. Allein das ruft Begeisterung genug hervor. Und da Joan, die sich von einer schüchtern, nervösen Darstellerin zum selbstbewussten Star mauserte, ansonsten verschlossen (panzerplattenbewehrt) ist, sich als eine sehr private Person ausgibt, musste der Autor andere fragen, Mitmusiker, für die ersten Jahre ihre damalige Freundin Pam Nestor.

Ich unterstelle dem Autor genügend eigene Wahrnehmungsfähigkeit, Sensibilität und poetischen Geist, um das aufschlussreiche Porträt einer gegnadeten Künstlerin zu zeichnen und freue mich auf die weitere Lektüre. Dazu dann später mehr …

In der Schlacht: Geborgen trotz Not und Gefahr

Es sind Shakespeare’sche Geister, mit denen uns Javier Marías zu kämpfen aufgibt, die uns ‚ermahnen’, an sie zu denken in der alltägliche Schlacht: Morgen in der Schlacht denk an mich

    Javier Marías: Morgen in der Schlacht denk an mich

Aber dann sind es auch wieder nur alltägliche Geister, die uns bedrücken, die uns diffuse Gefühle eingeben, irgendetwas zwischen Unsicherheit und Scham: ein seelisches Unwohlsein. Die Ursache liegt in der Situation. Es ist Nacht oder es stürmt. Es überkommt uns eine Ängstlichkeit, die begründet scheint – und es vielleicht ist oder auch nicht. „… und ich kann nicht einmal etwas dagegen tun“. Javier Marías beschreibt es wie folgt:

Das ist es, was panische Angst bewirkt und jene ins Verderben führt, die sie erleiden: Sie macht sie glauben, daß sie inmitten von Not und Gefahr trotz allem in ihr geborgen sind. Der Soldat, der fast ohne zu atmen und ganz still in seinem Schützengraben bleibt, obwohl er weiß, daß dieser schon bald angegriffen wird; der Passant, der nicht wegrennen will, als er spätnachts in einer dunklen, verlassenen Straße hinter sich Schritte hört; die Hure, die nicht um Hilfe ruft, nachdem sie in ein Auto gestiegen ist, dessen Türverriegelung sich automatisch schließt, und der klar wird, daß sie niemals zu diesem Kerl mit so großen Händen hätte einsteigen dürfen (vielleicht ruft sie nicht um Hilfe, weil sie meint, daß sie kein Anrecht darauf hat); der Fremde, der den vom Blitz gespaltenen Baum auf seinen Kopf niedergehen sieht und nicht ausweicht, sondern zuschaut, wie er langsam auf die große Allee fällt; der Mann, der einen anderen mit einem Messer auf seinen Tisch zukommen sieht und sich weder rührt noch verteidigt, weil er glaubt, daß ihm so etwas eigentlich nicht passieren kann und daß dieses Messer sich nicht in seinen Bauch bohren wird, das Messer kann nicht seine Haut und Eingeweide zum Ziel haben; oder der Pilot, der gesehen hat, wie das feindliche Jagdflugzeug es geschafft hat, hinter ihn zu gelangen, und der keinen letzten Versuch mehr unternommen hat, durch ein akrobatisches Manöver aus der Schußlinie zu kommen, in der Gewißheit, daß der andere, obwohl er alle Trümpfe in der Hand hielt, das Ziel verfehlen würde, weil diesmal er das Ziel war. ‚Morgen in der Schlacht denk an mich, und falle dein Schwert ohne Schneide.’

[…] es geht also alles weiter, und ich kann nicht einmal etwas dagegen tun […]

dieser Mann mit so großen Händen streichelt mir den Hals und drückt noch nicht zu: er streichelt mich zwar grob und tut mir ein bißchen weh, aber ich spüre weiter seine plumpen, harten Finger auf meinen Wangenknochen und Schläfen, meinen armen Schläfen – seine Finger sind wie Tasten; und ich höre noch die Schritte dieses Menschen, der mich im Dunkeln ausrauben will, oder womöglich täusche ich mich und es sind die eines harmlosen Menschen, der nicht schneller gehen und mich überholen kann, vielleicht sollte ich ihm die Gelegenheit dazu geben, indem ich meine Brille herausziehe und stehenbleibe, um eine Auslage zu betrachten, aber es kann sein, daß ich sie dann nicht mehr höre, und was mich rettet, ist, daß ich sie weiterhin höre; und immer noch bin ich hier in meinem Schützengraben mit gefälltem Bajonett, von dem ich bald werde Gebrauch machen müssen, wenn ich nicht von dem meines Feindes durchbohrt werden will: aber noch nicht, noch nicht, und solange dieses Noch-nicht gilt, verbirgt und bewahrt mich der Schützengraben, obwohl wir auf offenem Feld sind und ich die Kälte an den Ohren spüre, die der Helm nicht bedeckt; und das Messer dort, das in einer Faust näher kommt, hat sein Ziel noch nicht erreicht, und ich sitze weiter an meinem Tisch, und nichts wird aufgeschlitzt, und trotzdem werde ich noch einen Schluck von meinem Bier trinken, und noch einen und noch einen; so wie der Baum da drüben noch nicht umgestützt ist und nicht umstützen wird, obwohl er abgebrochen ist und kippt, aber nicht auf mich, und seine Äste mir nicht den Kopf abtrennen werden, das ist nicht möglich, denn ich bin nur auf Durchreise in dieser Stadt und in dieser Allee, und ebensogut könnte ich nicht hier sein; und ich sehe die Welt weiter aus der Höhe, von meiner Supermarine Spitfire aus, und noch habe ich nicht das Gefühl von Sinken und Schwere und Schwindel, von Stürzen und Schwerkraft und Gewicht, das ich haben werde, sobald die Messerschmitt, die mir im Genick sitzt und mich im Visier hat, das Feuer eröffnet und mich trifft: aber noch nicht, noch nicht, und solange dieses Noch-nicht gilt, kann ich weiter an die Schlacht denken und die Landschaft betrachten und Zukunftspläne schmieden; … (S. 37 ff.)

Ich kenne das Beispiel vom Verfolgtem in einer bitterkalten Winternacht, der durchfroren Unterschlupf in einem warmen Heim in verlassener Gegend findet. Und dort vor dem wärmenden Ofen bleibt er hocken, obwohl er weiß, dass die Häscher ihm so nahe sind.

Aber solange es ‚weitergeht’, solange wir noch spüren, noch hören, noch sitzen und trinken, die Landschaft betrachten und Zukunftspläne schmieden, solange mag die Angst bestehen, aber solange leben wir auch noch.

Absurd und zugenäht

Was unterscheidet uns vom Camus’schen Protagonisten, Jean Tarrou, dem jungen Tagebuchschreiber in Die Pest, der mit der Frage nach dem Tun, um seine Zeit nicht zu verlieren, die passende Antwort samt der zu bewerkstelligen Mittel parat hatte? Ist nicht vieles ähnlich absurd, verflixt und zugenäht in unserem Leben? Um dem Ganzen die Krone der Absurdität aufzusetzen, ließ Camus, nachdem die Pest abgeebbt war, als letzten seiner Helden jenen Jean Tarrou doch noch erkranken – und sterben.

Albert Camus: Absurd und zugenäht © Collage Wilfried Albin

„Frage: was tun, um seine Zeit nicht zu verlieren? Antwort: sie in ihrer ganzen Länge auskosten. Mittel: tagelang auf einem unbequemen Stuhl im Wartezimmer eines Zahnarztes sitzen; den Sonntagnachmittag auf seinem Balkon verbringen; Vorträge anhören in einer Sprache, die man nicht versteht; in der Eisenbahn die längsten und umständlichsten Strecken fahren, selbstverständlich stehend; am Vorverkaufsschalter eines Theaters Schlange stehen und keine Karte lösen usw. usw.“

(Albert Camus: Die Pest – Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg – rororo 15, 1979, S. 20)

Zu Martin Walser (4): Tod eines Kritikers

Walser ist ein Differenzierungskünstler der Innenwelten. Weil er sich offenbart, ist er so leicht angreifbar.“ So heißt es auf Seite 520 in Jörg Magenaus Martin Walser-Biographie (Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, rororo 24772 – aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, Oktober 2008). In seiner Dankesrede Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels am 11. Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche, in der er eine „Instrumentalisierung des Holocaust“ ablehnte, hatte sich Martin Walser auf diese Weise angreifbar gemacht und musste sich den Vorwurf des Antisemitismus gefallen lassen.

    Jörg Magenau: Martin Walser - eine Biographie

2002 erschien Walsers Roman Tod eines Kritikers. Als Vorbild der Figur André Ehrl-König, des von der Bildfläche verschwundenen Starkritikers, gilt gemeinhin Marcel Reich-Ranicki, der einflussreichste deutschsprachige Literaturkritiker der Gegenwart (Literaturpapst). Bereits 1977 publizierte Martin Walser in DIE ZEIT (25. März 1977) seine Polemik „Über Päpste“ gegen eine sich päpstlich-unfehlbar gerierende Literaturkritik, meinte damit aber hauptsächlich Reich-Ranicki. Und in seinem Roman „Ohne einander“, erschienen 1993, hatte Walser einen Literaturkritiker namens Willi André König eingeführt, der „in der Branche Erlkönig genannt wurde.“

„Noch bevor der Roman anderen Rezensenten zugänglich, geschweige denn im Buchhandel erhältlich war, hatte die FAZ das unredigierte Manuskript zur Prüfung für einen Vorabdruck erhalten. In seinem offenen Brief an Walser lehnte der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher eine Vorveröffentlichung in seiner Zeitung aber ab und machte damit den Inhalt des Werkes öffentlich. Schirrmacher, der 1998 bei der Verleihung des Friedenspreises an Martin Walser noch die Laudatio gehalten hatte, nannte in seinem Artikel den Roman eine zwanghaft aus Verbitterung geborene Abrechnung Walsers mit seinem langjährigen Kritiker Marcel Reich-Ranicki. Als Thema des Buches sah Schirrmacher schlicht den ‚Mord an einem Juden’.“ (Quelle: de.wikipedia.org)

Es entbrannte wieder eine Antisemitismus-Diskussion, denn Marcel Reich-Ranicki ist Jude. Man warf Walser vor, sein „Roman bediene sich bei der Beschreibung Ehrl-Königs durchgängig historischer Chiffren und antisemitischer Klischees.“ Das ging dann sogar soweit, dass man Walser vorwarf, „die Propagierung von ‚Judenhass’ jahrelang vorbereitet zu haben“. Dazu kamen ressentimentgeladene öffentliche Äußerungen Walsers: „In unserem Verhältnis ist er der Täter und ich bin das Opfer“, sagte er 1998 beispielsweise über Reich-Ranicki. „Jeder Autor, den er so behandelt, könnte zu ihm sagen: Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude.“ („Süddeutsche Zeitung“ v. 19./20. September 1998).

Es ist sicherlich richtig, dass Martin Walser „mit seinem Roman jahrzehntelange Demütigungen [bearbeitete]. Was sich so lange angestaut hatte, musste nun als Wut heraus. Das war eine Notwendigkeit, ein therapeutischer Akt und dann erst, in einem zweiten Schritt, literarischer Gestaltungswille. Als er vollbracht war, fühlte Walser sich ‚so unabhängig wie noch nie’ und behauptete tapfer, über kein Buch so froh gewesen zu sein wie über dieses.“ (S. 528 der Biografie).

Gehen wir ins Jahr 1976 zurück. Walser hatte seinen kleinen Roman „Jenseits der Liebe“ veröffentlicht. „Am 27. März kaufte er sich auf dem Weg nach Frankfurt am Bahnhof die F.A.Z. und fand darin Marcel Reich-Ranickis Rezension, die mit den Sätzen begann: ‚Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen’. Schon die Überschrift – ‚Jenseits der Literatur’ – gab kund, daß es Reich-Ranicki eher um eine Exkommunizierung als um sachliche Kritik zu tun war. […] Vom einstigen Talent sei nichts übriggeblieben als Sterilität, Geschwätzigkeit und eine saft- und kraftlose Diktion. Ja, er diagnostizierte geradezu eine Verbalinkontinenz, wenn er dem Autor vorwarf, ‚Die Worte nicht mehr halten’ zu können.“ (S. 343)

Dem nächsten Werk Walsers, der Novelle Ein fliehendes Pferd (1978), war dann Reich-Ranicki dann schon wieder eher wohlgesonnen: Walser habe „offenbar nicht mehr den Ehrgeiz, mit der Dichtung die Welt zu verändern. Er will nur ein Stück dieser Welt zeigen. Mehr sollte man von Literatur nicht erwarten.“ (Marcel Reich-Ranicki: Martin Walsers Rückkehr zu sich selbst. In: FAZ, 4. März 1978). Aber nichts anderes wollte Walser schon mit seinem Roman „Jenseits der Liebe“. Reich-Ranicki wertete nicht Literatur, sondern die Gesinnung des Schriftstellers.

Sinngemäß äußerte sich Reich-Ranicki einmal so: Schriftsteller sollten froh sein, wenn er sie rezensiere. Lobt er ein Buch, so dürfte es 100.000 Leser finden. Bei einem Verriss sind es dann immer noch 20.000.

Kein Wunder, wenn sich Martin Walser eines Tages dieser Gestalt eines machtbesessen „Großkaspars“ annahm, der nach Meinung vieler Literaturkenner keine seriöse Literaturkritik betreibt, sondern Selbstinszenierung auf Kosten der Schriftsteller. Es ging für Walser aber um mehr, nämlich vor allem um die Schilderung der Machtverhältnisse im Literaturbetrieb insgesamt – und die Mechanismen, die ihn im Innersten zusammenhalten. Das Ergebnis ist der Roman ‚Tod einer Kritikers’.

Dabei „glaubte [Walser], keine ‚Abrechnung’ und schon gar keine ‚Exekution’ geschrieben zu haben, wie Kritiker ihm vorhielten, sondern auch eine versteckte Liebeserklärung.“ (S. 528 der Biografie) – „Er hatte ja sogar – davon war er überzeugt – Reich-Ranicki in der Figur des André Ehrl-König schöner, witziger, größer, souveräner gemacht, als er wirklich war. Bloß daß ihm das niemand abnehmen wollte.“ (S. 543)

Und: „Das Buch ist nicht antisemitisch, sondern handelt davon, wie Antisemitismus zum Medienthema wird.“ (S. 530) Aber das erkannten nur die wenigsten. „‚So leidenschaftlich geht die Suche nach verdächtigen Stellen mittlerweile voran, daß jeder, der keine Passage mit ‚antisemitischen Klischees’ finden kann, sich selbst des Antisemitismus verdächtig macht’, beschrieb Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung die Atmosphäre.“ (S. 522)

„Reich-Ranicki […] behauptete allen Ernstes, in ‚Tod eines Kritikers’ werde nach ‚dem Vorbild des ‚Stürmers’ ‚gegen Juden gehetzt’. ‚Der Autor vom Bodensee’ [wie er Walser jetzt nur noch nannte] kann sich nicht damit abfinden, daß ich noch lebe und arbeite. Er kann sich ja ausrechnen, daß das nicht mehr lange dauern wird. Aber er ist auf grausame Weise ungeduldig.’ Angst habe er, sagte der wortgewaltige Kritiker, als müsse er tatsächlich um sein Leben fürchten.“ (S. 537)

Interessant dabei ist, dass die öffentliche Diskussion über Walsers Werk in vielen Punkten dem Drehbuch des Romans folgte, weswegen dieser aus heutiger Sicht, wie schon Sigrid Löffler bemerkte, „gnadenlos klug und fast prophetisch“ wirkt. Oder wie es in der Walser-Biografie heißt: „Schirrmacher […] schrieb: ‚Es geht hier nicht um die Ermordung des Kritikers als Kritiker (…). Es geht um den Mord an einem Juden.’ Auch diesen unerhörten Vorwurf mußte er nur aus Walsers Roman abschreiben. ‚Das Thema war jetzt, daß Hans Lach einen Juden getötet hatte’, heißt es da. Walser schildert an dieser Stelle die Funktionsweise der Medien, die in ihrer Aufmerksamkeitskonkurrenz stets auf den größtmöglichen Skandal aus sind. Der größtmögliche Skandal aber ist der Antisemitismus. ‚Erst jetzt hatten die Medien ihr Saisonthema gefunden’, heißt es im Roman, der als Farce vorwegnahm, was in der Wirklichkeit als Tragödie folgte. Erstaunlich wie präzise die medialen Nachspieler sich an das Drehbuch hielten. Walser hätte sich über seine prognostische Präzision freuen können, wenn sie ihn nicht selbst getroffen hätte.“ (S. 531)

siehe hierzu auch: Das vermeintliche Skandalbuch

Nun auch diesen ‚Skandal’ hat Martin Walser überlebt. Ich hatte damals das Buch gelesen und konnte der Anschuldigungen wegen nur den Kopf schütteln. Natürlich brannte Walser einiges auf der Seele. Und was macht man als Schriftsteller, man schreibt es sich von dieser. Aber es ist kein Roman aus dem Affekt heraus. Walser hat sicherlich lange recherchiert und alles von Belang gesammelt. Und natürlich war da die Lichtgestalt Reich-Ranickis ein ‚gefundenes Fressen’.

Gegenüber Biografien bin ich immer etwas skeptisch. Aber die Martin Walser-Biographie von Jörg Magenau kann ich jedem nur wärmstens empfehlen, der sich wenigstens etwas für Walser interessiert. Inzwischen ist diese Biografie zu einer Art Standardwerk für den ‚Autor vom Bodensee’ geworden, auch wenn Walser auf Magenaus Rückfrage behauptete: „Ihr Buch ist interessant zu lesen, aber ich bin das nicht!“.

siehe auch:
Zu Martin Walser (1): Ich bin nicht Walser
Zu Martin Walser (2): Links und DKP-nah

Zu Martin Walser (3): Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede

Für Martin Walser gibt es zwei Ebenen, um mit der Schuldfrage zu den Verbrechen des Nationalsozialismus umzugehen: „eine öffentlich-rechtliche des Meinens, zu der auch die juristische Aufarbeitung gehört, und eine innerlich-moralische, vor der die eigentliche Schuld verhandelt wird.“ (S. 372) – „Jeder Deutsche hat die ganze Geschichte geerbt und zu verantworten, damit also auch Auschwitz. Doch es gibt keine richtige Haltung gegenüber der Vergangenheit. Besonders grotesk fand Walser die Erfindung der ‚Vergangenheitsbewältigung’. Erst Auschwitz zu betreiben und dann als Rechtsnachfolger des NS-Staates Bewältigung auf die Tagesordnung zu setzen war geradezu anstößig. […] ‚Ein Rechtsnachfolger, der zahlt, organisiert, feiert, gedenkt, so gut er kann: das heißt, der hat einen Terminkalender, der bewältigt. Und wir? Wir lassen bewältigen. Wir alle.’“ (S. 373) Ich habe hier zitiert aus Jörg Magenaus Martin Walser-Biographie (Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, rororo 24772 – aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, Oktober 2008).

    Jörg Magenau: Martin Walser - eine Biographie

Unter diesem Gesichtspunkt wird vielleicht Walsers Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels am 11. Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche, in der er eine „Instrumentalisierung des Holocaust“ ablehnte (Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede) begreifbar. Diese Rede wirbelte viel Staub auf. Walser wurde Antisemitismus vorgeworfen. Kurze Zeit später in seiner Rede zum Jahrestag des Novemberpogroms am 9. November 1998 nannte Ignatz Bubis, der (damalige) Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Walser sogar einen „geistigen Brandstifter“. Sicherlich war die Rede „literarisch kompliziert“ und die Auseinandersetzung Walsers mit dem Thema „rational kontrovers bewertbar“: „Die nationalsozialistischen Verbrechen würden von einigen Leuten dazu missbraucht werden, den Deutschen weh zu tun oder gar politische Forderungen zu stützen. Auch fühle derjenige, der ständig diese Verbrechen thematisiert, sich den Mitmenschen moralisch überlegen. Der Themenkomplex Auschwitz dürfe aber nicht zur ‚Moralkeule’ verkommen, gerade wegen seiner großen Bedeutung.“ (Quelle: de.wikipedia.org).

Ignatz Bubis erregte sich besonders an Walsers „Wegschauen“. Nur meinte Walser mit Sicherheit mit „Wegschauen“ nicht ignorieren und vergessen. Es ist ein schamhaftes „Wegschauen“ im Gegensatz zum „Gaffen“, was in unserer heutigen Gesellschaft so gängig geworden ist. Walser in seiner Rede: „Wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Ich möchte verstehen, warum in diesem Jahrzehnt die Vergangenheit präsentiert wird wie nie zuvor. Wenn ich merke, daß sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf die Motive hin abzuhören, und bin fast froh, wenn ich glaube entdecken zu können, dass öfter nicht das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung. […] Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung. Was durch Ritualisierung zustande kommt, ist von der Qualität des Lippengebets […].“

Martin Walser betonte, hier seine subjektiv eigene, wenn man so will: private Denkweise wiedergegeben zu haben und plädierte allgemein für eine ‚subjektive’ Geschichtsauffassung. Wie können wir für uns allein „innerlich-moralisch“ Geschichte aufarbeiten, wenn nicht subjektiv geprägt. – Die nachstehende Kontroverse wurde zu einer Diskussion um politische Korrektheit. Ich denke, dass political correctness zu einem Mäntelchen werden kann, unter das manches versteckt wird. Eine offene Debatte ist sinnvoller. Im gewissen Sinne hat Walser diese mit seiner Rede angeregt, wenn auch mit für ihn nicht vorhersehbaren Folgen.

Ich möchte hier nicht weiter auf diese „Sonntagsrede“ eingehen. Die Rede selbst (Martin Walser – Dank: Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede) zusammen mit der Laudatio von Frank Schirrmacher – Laudatio: Sein Anteil findet sich im Internet als PDF-Datei bzw. als Text mit einigen Vorbemerkungen.

Wer nach „Martin Walser Sonntagsrede“ googlet wird erstaunt sein, wer sich da alles (ich ja auch) zu Wort gemeldet hat. Die Auseinandersetzung zwischen Walser und Bubis wurde zudem ausführlich von Frank Schirrmacher als Herausgeber in dem Buch Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation, Frankfurt am Main 1999 (Inhaltsverzeichnis als PDF) dokumentiert.

Hier nur einige Links im Netz, die sich mit der Rede Walsers bzw. mit der anschließenden Debatte befassen:

Der Streitverlauf in Stimmen und Zitaten
Kritik an Martin Walser
Martin Walsers (Un-)Friedenspreisrede – von Stefan Kühnen

Beängstigend finde ich, wie manche emotional auf die Walser-Rede überreagiert haben. So sah Ignatz Bubis sein Lebenswerk – die Versöhnung mit den Deutschen auf der Basis gemeinsamen Erinnerns an den Holocaust – als gescheitert an. Selbst der blanke Hass tritt da Walser entgegen, als Beispiel der Blog walserbashing. Jahre später hat es Martin Walser bereut, ein ‚Friedensangebot‘ von Ignatz Bubis nicht angenommen zu haben.

siehe auch:
Zu Martin Walser (1): Ich bin nicht Walser
Zu Martin Walser (2): Links und DKP-nah

Zu Martin Walser (2): Links und DKP-nah

In den 70er Jahren galt Martin Walser als Kommunist, zwanzig Jahre später dann fast schon als Nationalsozialist, zumindest als einer, der den Rechten zuspielt (so mit seiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels am 11. Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche, in der er eine „Instrumentalisierung des Holocaust“ ablehnte). Wer viel schreibt und auch viel in der Öffentlichkeit sagt, bietet genügend Angriffsfläche.

Walser ist eloquent, in seinem Schreiben wortreich und ausdrucksvoll, geradezu wortgewaltig. Er lädt dazu ein, missverstanden zu werden. In seiner Beharrlichkeit, auf Begriffe zu bestehen, gelingt es ihm dann nicht immer, diese Missverständnisse auszuräumen.

Was mich lange stutzig gemacht hat, ist die nachgesagte Nähe Walsers zur Deutschen Kommunistischen Partei (DKP). Es galt als deren Sympathisant. Er war nach Moskau gereist, engagierte sich gegen den Vietnamkrieg und hatte keine ‚Skrupel’ – die ‚Krönung’ aus der Sicht konservativer Kreise -, auch in der UZ, der Zeitung der DKP zu publizieren.

War nun Walser ein Kommunist? Antwort erhoffte ich mir aus Jörg Magenaus Martin Walser-Biographie (Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, rororo 24772 – aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, Oktober 2008).

    Jörg Magenau: Martin Walser - eine Biographie

Es ist nicht ganz leicht, ein halbwegs genaues Bild vom politischen Weg Walsers zu bekommen. 1969, als sich linke Intellektuelle (Günter Grass u. a.) für die Wahl von Willy Brandt zum Bundeskanzler einsetzten, empfahl Walser die ADF – Aktion Demokratischer Fortschritt, ein linkes Bündnis. Das sollte dann aber auch seine letzte Wahlempfehlung für eine linksgerichtete Partei sein. Die DKP lehnte er deshalb ab, weil sie von Ost-Berlin gesteuert und moskautreu war. Ihm fehlte (schon damals) das nationale Element. Walser schwebte dagegen ein demokratischer Sozialismus vor, wie er vor allem von den kommunistischen Parteien Italiens, Spaniens und Frankreichs vertreten wurde, dem so genannten Eurokommunismus; auf Walser bezogen könnte man seine Vorstellung auch einen ‚demokratischen Nationalkommunismus’ nennen.

„Neue Freunde bringen Rettung und Heilung. Mit ihnen erlernt er soziale Verhaltensweisen. Das kranke bürgerliche Individuum gesundet im kraftvollen Kollektiv der Genossen. Walser demonstriert an Gallistl [Die Gallistl’sche Krankheit, Roman 1972] die Einübung in den Sozialismus und tastet sich voran zu ‚Tonarten der Hoffnung’“, heißt auf Seite 301 der Biographie und weiter: „Die Erlösungshoffnung ist brüchig, aber sie besteht.“

Zum angesprochenen Roman schrieb Paul Konrad Kurz im Spiegel: Gesundung in der Partei?:

„Der Ich-Erzähler Josef Georg Gallistl beschreibt sein Krankheitsbild. Da die zu beschreibende Krankheit noch keinen Namen hat, leiht er ihr den eigenen. Gallistls Fall ist in Kürze dieser: Es ist ihm völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, Lust zu empfinden, Sinn zu erfahren, Zukunft vor sich zu sehen, menschliche Kontakte nicht der Lüge, die Gesellschaft nicht der Unmoralität zeihen zu müssen. Es ist die Krankheit des Intellektuellen, vorab des Schriftstellers in dieser Zeit und Gesellschaft. […]

Gallistls ‚Vorstellung von einer besseren Welt’ und dem ‚Leben einen Sinn geben’ mündet in die ‚Partei’. Die im Roman anvisierte sozialistische Idee meint nicht einen bereits vorhandenen Staatsmarxismus oder eine einfach übernehmbare Parteivorstellung. In der neuen Hier-und-Jetzt-Partei darf und muß man selber denken.“

Die Betonung liegt auf ‚selber denken’.

Um diese Art von Utopie zu verstehen, muss man den gesellschaftlich-politischen Hintergrund eingeziehen. 1968 wurden von der großen Koalition von CDU/CSU und SPD die Notstandsgesetze verabschiedet. 1972 erfolgte ein Beschluss der Regierungschefs der Bundesländer und Bundeskanzler Willy Brandts, der so genannte Radikalenerlass, der insbesondere auf die Deutsche Kommunistische Partei zielte.

Ähnlich wie es viele heute sehen, so sah Walser keinen wesentlichen Unterschied mehr zwischen den Konservativen und den Sozialdemokraten, zwischen CDU/CSU und SPD. Was damals die DKP war, findet sich heute vielleicht in der Linken wieder – eine Position links der verbürgerlichten SPD. Wählbar aber waren bzw. sind beide kaum. So muss eine eigene Alternative her, wenn auch nur eine vorstellbare.

Ich kann Martin Walser sehr gut verstehen. Seine so genannte Nähe zur DKP war eine Ausschau nach dieser Alternativen – spätestens mit dem Besuch eines internationalen Schriftstellerkongress 1971 in Moskau, war ihm bewusst, dass es diese Partei wohl nicht sein kann: „Auf das pathetische öffentliche Bekenntnis zum Sozialismus folgte dort postwendend die Ernüchterung. Der Besuch in Moskau war, so sagte er rückblickend, ‚Tödlich für jede Hoffnung.’“ (S. 295)

Als die Grünen gegründet wurden, sah Walser in ihnen eine mögliche Alternative. Heute hat sich seine Ansicht da sicherlich relativiert, auch wenn sein Lebensgefühl eigentlich grün ist, wie er sagt. Immerhin ist er von Winfried Kretschmann, Ministerpräsident Baden-Württembergs, ganz angetan.

In der Biographie auf S. 369 steht geschrieben: „Er bekennt, daß seine Meinungen von früher ihm fremd geworden sind. Oder genauer: Nicht die Meinungen sind ihm fremd, sondern das Meinen. Er ist immer weniger dazu in der Lage, die dafür erforderliche Eindeutigkeit und Entschiedenheit herzustellen. Er sieht, was er dafür alles weglassen muß, und entwickelt das Bedürfnis, nur noch das zu sagen, was ihn ganz enthält. Das ist seine neue Utopie: eine so umfassende Ausdrucksfähigkeit, daß kein ungesagter Rest zurückbleibt. Meinungen dagegen hinterlassen immer das Gefühl, etwas Wesentliches zu verschweigen: sich selbst.“

Wer das als mögliche politische ‚Trendwende’ versteht, liegt falsch. Walser ging es nie um Allgemeingültiges, um Öffentlichkeit, „deren Sprechen Gefahr läuft, zum Ritual zu verkommen“ (so heißt es nämlich weiter). Es geht ihm um sich selbst, Integrität oder wie immer man es nennen will. Sein Problem: Was er einmal gesagt (oder geschrieben) hat, bleibt beharrlich missverstanden, wenn es erst einmal missverstanden wurde. Die Worte lassen sich nicht mehr löschen (und das Ungesagte bleibt ungesagt), wohl auch nicht das Missverständnis ….

siehe auch: Zu Martin Walser (1): Ich bin nicht Walser

Zu Martin Walser (1): Ich bin nicht Walser

Die Eins hinter dem „Zu Martin Walser“ deutet es bereits an: Es kommt noch mehr … Martin Walser ist einer ‚meiner’ Autoren. Er ist der Schriftsteller, ich bin der Leser. Wer schreibt, verarbeitet seine Erfahrungen, wer liest wie ich, liest, um Erfahrungen zu machen. Und so stolpert man hin und wieder über einen Autoren, der einen auf besondere Weise anspricht. Das ist in vielerlei Weise Martin Walser für mich.

Warum jetzt und insbesondere Martin Walser? Ich lese zz. von Jörg Magenau Martin Walser: Eine Biographie (Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, rororo 24772 – aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, Oktober 2008). „Eine Biographie ist eine Anmaßung.“ (S. 15) schreibt Jörg Magenau, besonders wenn es um einen noch lebenden Schriftsteller geht. Zum Biographiebegehren sagte Walser: „Was Sie da vorhaben, habe ich auch schon dreimal gemacht. Nur habe ich es immer ‚Roman’ genannt.“ Eine Biographie ist ein Puzzle aus vielen unzähligen Einzelteilen, die nicht immer zusammenzupassen scheinen. Und immer fehlen Teile. Trotzdem ist es kein Roman. „Nichts lässt sich erfinden, alles muß gefunden werden.“ (S. 15). Natürlich kann eine Biographie immer nur ein ‚Bild’ vieler möglicher Bilder sein.

    Jörg Magenau: Martin Walser - eine Biographie

Nach fast zwei Drittel des Buchs bin ich dankbar, dass es diese Biographie gibt. Sie gibt Aufschluss über einen Mann, der bereits 86 Jahre zählt und immer noch nicht am Ende ist – zu erzählen. Denn „Walser ist unentwegt damit beschäftigt, Leben in Sprache zu verwandeln. Was ihm zustößt, beantwortet er mit Literatur.“ (S. 15). „Sein Schreiben ist ein ‚Entblößungs-Verbergungs-Spiel.’ […] ‚Es muß raus, aber als Verborgenes. Verbergen heißt ja nicht verschweigen.’“ (S. 16).

Walser der ‚dröhnende Meinungsmacher’ und ‚Politprovokateur’„Ob ‚Gesellschaftskritiker’, ‚Kommunist’ oder ‚Nationalist’ – in jeder Phase der Bundesrepublik klebte ihm das jeweils schädlichste Etikett an.“ – „Diese wuchernden Augenbrauen! Diese alemannische Starrköpfigkeit! Dieser Schmerzensreiche, Wehleidige, Dauerbeleidigte! Dieser Geschichtsempfinder und Deutschlanderleider.“ (S. 18) – Und dann ist da noch der Bodensee, von dem sich Martin Walser nie hat lösen können. Ohne das „Schwäbisches Meer“ wären all die Romanfiguren von Anselm Kristlein bis hin zu Gottlieb Zürn nicht möglich.

Ich bin nicht Walser, betitele ich diesen Beitrag. Aber auch wenn ich viele Jahre jünger bin (wenn auch nicht mehr der Jüngste), so gibt es doch Anknüpfungspunkte, die mich mit Walser näher bringen. Die Adenauer-Jahre habe ich noch nicht bewusst erlebt. Dafür bin ich aber schon als Jugendlicher mit einem repressiven Staat in Berührung gekommen, als ich mich 1968 an den Straßenbahnunruhen in Bremen beteiligte. Die 68er-Bewegung der Studenten hatte auch meine Schule erreicht. Durch den Vietnam-Krieg und hier durch die deutsche Politik als Unterstützer der USA wandte sich Martin Walser politisch immer mehr nach links. So reiste Walser nach Moskau und galt in den sechziger und siebziger Jahren als Sympathisant der DKP, der er aber nie als Mitglied angehörte. Ein Punkt, auf den man näher eingehen sollte. Ich selbst hatte damals Kontakt zu linksgerichteten, so genannten Basisgruppen, wurde aber durch die Dogmatik, dem Glaubenseifer sehr schnell abgeschreckt. Ähnlich muss es Walser 1971 ergangen sein, als er in Moskau zu einem internationalen Schriftstellerkongress eingeladen war. „Auf das pathetische öffentliche Bekenntnis zum Sozialismus folgte dort postwendend die Ernüchterung. Der Besuch in Moskau war, so sagte er rückblickend, ‚Tödlich für jede Hoffnung.’“ (S. 295)

Walser gilt heute als Nationalist. Man sollte das nicht mit Chauvinismus und Ähnlichem verwechseln. In dem Buch heißt es zum Begriff der Nation: „Nichts Staatliches ist damit gemeint, kein Machtapparat, keine aufputschende Ideologie. Die Nation ist ein geschichtliches, sprachliches und kulturelles Zusammengehörigkeitsgebilde, dem man nicht entrinnen kann. Eine Schicksalsgemeinschaft, in die man durch Geburt gerät.“ (S. 287) – Hier finde ich mich ohne weiteres wieder. Das gilt insbesondere auch für die deutsche Sprache, die nun einmal meine Muttersprache ist. Ich habe keine Probleme damit, mich zu ihr zu bekennen und habe mich in diesem Blog mit ihr und ihren Ausformungen immer wieder auseinandergesetzt (siehe u.a. Wortschatz).

Als in Deutschland Geborener habe ich wie „jeder Deutsche … die ganze Geschichte geerbt und zu verantworten, damit also auch Auschwitz. Doch es gibt keine richtige Haltung gegenüber der Vergangenheit. Besonders grotesk fand Walser die Erfindung der ‚Vergangenheitsbewältigung’. Erst Auschwitz zu betreiben und dann als Rechtsnachfolger des NS-Staates Bewältigung auf die Tagesordnung zu setzen war geradezu anstößig. Seine vehemente Ablehnung von Gedenkritualen […] wird von hier aus begreiflich.“ (S. 373) – Dem brauche ich von meiner Seite aus nichts hinzuzufügen. Die Nazi-Vergangenheit nach dem Terminkalender zu bewältigen ist nicht genug. Wie lasch heute gegen Neonazis vorgegangen wird, verdeutlicht das.

Erwähnungswert ist ohne Zweifel Walsers Verbundenheit mit seiner Heimat. Es ist der Bodensee und es ist die Sprache, der Dialekt. „Gegen die Konjunktivkultur und die Konditionalfiligrane des Alemannischen, sagt Walser, ist das Hochdeutsche doch bloß eine Straßenwalze. Im Dialekt stimmten die Wörter. Sein Verlust – unausweichlich in einer kapitalistischen Ökonomie der Innovation – war eine ‚Vertreibung aus dem Paradies’ … Nicht nur Tierarten sterben aus, sondern auch Worte und mit ihnen Denkmöglichkeiten.“ (S. 359). In meiner Kindheit lebte ich rund drei Jahre in Pforzheim und lernte noch vor dem Hochdeutschen Schwäbisch, einen westoberdeutschen Dialekt bzw. einen Unterdialekt des Alemannischen. Leider ist davon, da ich mit knapp fünf Jahren nach Norddeutschland kam, nichts mehr geblieben.

So fehlt mir schon so etwas wie eine immerwährende Heimat und ich musste mich hier im Norden Deutschlands einrichten. Statt einer alemannischen Starrköpfigkeit ist es eben norddeutsche Sturheit, die mich geprägt hat.

Aber das sind nur einige Berührungs- bzw. Anknüpfungspunkte, die mich Walser so nahe halten. Es sind seine kleinbürgerlichen Helden, für die es nach Walsers Erkenntnis „kein Scheitern gibt, sondern immer nur eine Gesellschaft, die einzelne für gescheitert erklärt.“ (S. 130). Es sind seine Romane, „die sich von der Wirklichkeit nichts vormachen [lassen], sie mach[en] vielmehr der Wirklichkeit vor, wie die Wirklichkeit ist. Sie spiel[en] mit der Wirklichkeit …“ Und „es ist die Hoffnung des Verfassers, er sei Zeitgenosse genug, daß seine von der Wirklichkeit ermöglichten Erfindungen den oder jenen wie eigene Erfahrungen anmuten.“ (S. 135). – Mich muten Walsers literarische Erfindungen wirklich oft genug wie eigene Erfahrungen an.

Wie war doch gleich der Name? | Dialoge (1) | Der Zitatensammler

„Wie war doch gleich der Name?“
„Ich habe keinen Namen genannt, weder den meinen, noch irgendeinen anderen.“
„Ich dachte …“
„Denken, so sagt man, ist Glückssache! Außerdem sollte man, so sagt man auch, das Denken den Pferden überlassen. Die haben größere Köpfe!“
„Sie meinen Elefanten!“
„Ich sagte Pferde. Elefanten gibt es bei uns nur im Zoo. Vielleicht gilt das für Indien oder die Serengeti. Aber eigentlich passt Elefant und Denken nicht. Elefanten haben etwas mit Erinnern zu tun. Sie wissen doch: Elefanten vergessen nicht!“
„… und haben Angst vor Mäusen!“
„Wollen Sie meinen Job übernehmen, oder was?“
„Ich verstehe nicht …“
„Ich bin wie ein dritter Bruder der Grimms. Sie kennen doch die Brüder Grimm, Jacob und Wilhelm? Eigentlich wäre die Vier passender, denn da gab es noch den Ludwig, bekannt als Maler und Radierer. Bleiben wir aber bei drei.“

Wie war doch gleich der Name? | Dialoge

„Ich verstehe immer noch nicht!“
„Ganz einfach, wie die Grimms Märchen und Wörter gesammelt haben, so sammle ich Zitate: Denken ist Glückssache! Das Denken soll man den Pferden überlassen, die haben den größeren Kopf. – Verstehen Sie jetzt?“
„Ihr Name ist also Grimm?!“

Im Mundwinkel

Ich bin der Krümel im Winkel Deines Mundes
Du erwischst mich nicht
Mit der Zunge fährst Du
Von rechts oben nach links
Dann von links unten nach rechts
Über Deine Lippen längst
Und doch erwischst Du mich nicht.

Merkst Du mich überhaupt?
Sie merkt mich nicht!
Sie merkt mich nicht!

Krümel im Mundwinkel

Erst Dein Lachen
Wenn sich die Haut spannt
Lässt mir keinen Halt mehr
Im freien Fall
Verkrümele ich mich.

[Mir liegt die Prosa besser. Aber ab und wann überkommt selbst mich ein lyrisches Gefühl: Des Daseins Dinge – eine mögliche Sammlung]

Tostedt, erwache!

Trompeter von Jericho, macht Euch auf den Weg in dieses verschlafene Nest in der Nordheide, um dessen Bewohner aus ihrer winterlichen Lethargie zu wecken. Ihr domestizierten Hähne und Gockel der Gattung Gallus lasst euren Weckruf erklingen: Kikeriki und cock-a-doodle-doo!

Verpennte Bande, erhebt Euch aus Eurem Winterschlaf: Tostedt, erwache!

Trompeter von Jericho - © bpk / Dietmar Katz

Der Weckruf richtet sich besonders auch an Politiker bestimmter Couleur, deren Tun oft genug auf keine Kuhhaut passt – respektive Schweinehaut! So laut kann man gar nicht trompeten und brüllen. Dem Kalk in ihren Gehirnwindungen muss auf andere Weise der Kampf angesagt werden.

Heute ist meteorologischer Frühlingsanfang und es wird Zeit, Euch Schnarchnasen den Weg zu zeigen. Also auf!

Um es gleich zu sagen, ich bin kein Gesundbeter, Bekehrer oder gar Bußprediger, ob religiös oder politisch, von denen es allerdings manche in diesem Ort gibt. Wenn Gott, dann nur als ‚Gott, bewahre …’! Die Sonne zeigt uns den Weg ….!

Astrologisch ist zwar dieses Jahr erst am 20. März 12:02 MEZ Frühlingsanfang. Aber bereits in diesen Tagen erwacht endlich Schritt für Schritt die Natur. Es wird also auch Zeit für die Bewohner verschlafener Nester, aus den Betten – vom Alkoven bis Futon – zu steigen.