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Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze

Wer sich für Prag interessiert und Kafka liest, kommt an Jaroslav Hašek (1883 – 1923) und seinem braven Soldaten Schwejk nicht vorbei. Ich habe mir für meinen bevorstehenden Urlaub Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk (auch als Kindle Edition) als Lektüre herausgesucht und bereits den ersten von vier Teilen gelesen. Der Schwejk ist immer wieder köstlich.

Wie sein weltberühmter Held so war auch Jaroslav Hašek ein Prager Original. Er durchwanderte von 1903 bis 1907 ganz Mitteleuropa. Wie Schwejk handelte er eine Zeitlang mit Hunden und war Soldat in der k.u.k. Armee. Und er war dafür bekannt, dass er gern redete und sehr viel trank. „Jaroslav Hašek war beinahe immer betrunken. Der Rausch löste seine Zunge, und er begann, in den Schankstuben den Leuten verschiedene Dinge zu erzählen. Dabei blieb sein feistes Gesicht, das eine frappante Ähnlichkeit mit dem Balzacs hatte, immer ganz ernst, nur seine Schweinsäuglein schienen ironisch zu blinzeln – aber das konnte auch Täuschung sein. Er erzählte das Unwahrscheinlichste, die Einwände seiner Zuhörer widerlegte er, und dann nahm er ein Briefpapier, schrieb alles nieder und trug die Geschichte in die nächstgelegene Redaktion, das Honorar zu vertrinken.“ („Der rasende Reporter“ aus Prag, Egon Erwin Kisch: Auf den Tod eines tschechischen Humoristen).

Und er gründete die „Partei des gemäßigten Fortschritts in den Grenzen des gesetzmäßig Erlaubten“ (auch: Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze (PFGFIDSDG), tschechisch: Strana mírného pokroku v mezích zákona (SMPVMZ)), eine Partei im Kaiserreich Österreich-Ungarn, die sich 1911 unter seiner Führung in Form einer Parodie am Wahlkampf für den österreichischen Reichsrat beteiligte. Für diese Partei hielt Hašek über tausend Wählerversammlungen ab. „Am Schluß einer jeden sammelte er für den Wahlfonds, über dessen Zweck er jeden Zweifel ausschloß. Er versoff ihn an Ort und Stelle.“ (Egon Erwin Kisch, s.o.)

    Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze // Strana mírného pokroku v mezích zákona

Unter den Zuschauern dieser Rednerabende war mit Sicherheit auch Franz Kafka und dessen Freund Max Brod. Hauptmittel Hašeks „war die frei improvisierte Rede, wobei er in langen Assoziationsketten Wichtiges mit Unsinnigem, Fakten mit Scheinfakten verband. So erklärte Hašek in einer Wahlkampfrede“ (siehe: de.wikipedia.org):

„Über uns wachen Ordnungsgesetze und Sicherheitsämter, ohne deren Aufsicht uns nicht einmal ein Haar vom Kopfe fällt. Das ist Fortschritt. Schauen wir anderswohin, nach China zum Beispiel, wo die Sicherheitsorgane den Leuten die Köpfe abschlagen, dann müssen wir selber zugeben, daß bei uns Fortschritt herrscht.“ (Jaroslav Hašek: Die Partei des maßvollen Fortschritts in den Grenzen der Gesetze. Frankfurt a.M. 1971, Anhang, S. 139f.)

Mit zunehmender Dauer der Veranstaltungen wurden die Argumentationsketten allerdings immer absurder:

„Freunde, wir sind an einem Punkt, an dem wir nicht sein wollten. So wie der Mann, der nach Budweis wollte und in einen Zug in die Gegenrichtung geriet. Er wurde vom Schaffner in der 2. Klasse erwischt, obwohl er nur einen 3. Klasse-Fahrkarte hatte und in Bakov aus dem Zug geworfen. Und weil schon einer der Wegbereiter unserer Partei, Herr Galileo Galilei einmal sagte: ‚Und sie bewegt sich doch’, so sage auch ich jetzt: Bewegen Sie sich doch, Fräulein Bożenka, und bringen Sie bitte eine neue Runde: Noch drei Bier für mich, einen Allasch für Opočenský, ein Viertel Weißwein für Langer, ein Bier und einen Magador für Diviš und ein Mineralwasser für Gottwald. Das ist der Beweis für Galileos Worte ‚Und sie bewegt sich doch’ und ein überdeutlicher Beleg dafür, dass die Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze weiß, wie sie sich durchsetzt und sich darum kümmert, was ihre Wähler wollen.“ (tschechisch in František Langer: Byli a bylo. Prag 1963)

siehe auch: (Auszug aus) Die Geschichte der Partei des …

Vielleicht mag die Idee zur Parteigründung aus einer Bierlaune heraus entstanden sein. Aber am Ende war es wesentlich mehr als eine Spaßpartei, denn Hašek schuf mit seiner Partei und seinen Auftritten gewissermaßen eine neue Kunstform, die sich mit Dada-Veranstaltungen und später mit Happenings vergleichen lässt.

Übrigens: Das Wahlprogramm des Kandidaten für den Wahlbezirk Prag-Weinberge, Jaroslav Hašek, umfasste sieben Punkte (Jan Berwid-Buquoy: Die Abenteuer des gar nicht so braven Humoristen Jaroslav Hašek. Berlin 1989, S. 175–185.):

1. Die Wiedereinführung der Sklaverei.
2. Verstaatlichung der Hausmeister („auf die gleiche Weise wie in Rußland [..], wo jeder Hausmeister gleichzeitig ein Polizeispitzel ist“).
3. Die Rehabilitierung der Tiere.
4. Die Einrichtung von staatlichen Anstalten für schwachsinnige Abgeordnete.
5. Die Wiedereinführung der Inquisition.
6. Die Unantastbarkeit der Geistlichen und der Kirche („Falls ein Schulmädchen von einem Geistlichen defloriert wird“).
7. Die obligatorische Einführung des Alkoholismus.

Nun der Suff brachte den Schöpfer des Schwejks um. Sternhagelvoll traf ihn mit noch nicht einmal 40 Jahren der Schlag. Ein seriöser Schriftsteller war er nicht, überhaupt war er kein seriöser Mensch. Aber es ist von ihm mehr geblieben als von all diesen k.u.k. Franz Josefs und Ferdinanden – Schwejk sei Dank!

Romananfänge (2): Schweinehund(e)

In meiner Vorbetrachtung läutete ich gewissermaßen einen Wettbewerb für gekonnt formulierte Romananfänge ein. Dazu bin ich, wie geschrieben, durch John Irving angeregt worden. Eine ‚Ursache’ besteht aber auch in vielen Romananfängen, die ich selbst verfasst habe und über die ich meist kaum hinausgekommen bin. So fand ich in den Notizen und Aufzeichnungen aus dem Jahre 1982, die ich vor kurzem hervorgekramt hatte, folgende Skizze, Mitte Februar 1982 verfasst, die ich nach und nach ausbauen wollte – wozu es dann aber nicht kam. Dreißig Jahre nach dem Verfassen dieser wenigen Sätze fragte ich mich natürlich, warum ich den Titel Schweinehund(e) gewählt hatte? Einer dieser Schweinehunde sollte sicherlich auch der ‚innere Schweinehund’ sein. Hier die ersten vier Absätze. Kleiner Hinweis: Berlin, hier Ausgangspunkt, ist ja inzwischen wieder Metropole im Sinne von Hauptstadt.

Willi und die Romananfänge

Schweinehund(e)

Geboren wurde ich. Das soll vorkommen. Dabei war es kalt im Februar. Und man wunderte sich sehr. Die Nabelschnur hatte ich um den Hals. Gehängt. Väter wurden nervös. Gesicht schon blau. Erste Atemluft eine Qual. „Laßt die Kindlein.“ Das noch mit Mitte dreißig, fui. Was kann man schon dagegen tun. Geschenkt. So lebe ich und darf dankbar sein. Ich denke: muß. Aber auch so wird man alt. Wer will schon anders. Leben nach dem Tode. Erst einmal leben, dann weitersehen. Kann nur nicht so ohne weiteres. Kopf voll – zunächst einmal Windeln voll …

Hermann, der Wehrmann, sprach leis ein Flehen aus. Ei der Daus, was kommt da raus? Klaus? (Einen Klaus, oder sind’s schon zwei, genügen der Familie. So bekundet mein Vater seinen Friedenswillen, meine Mutter erinnert sich an gefallene Brüder: heißt mein Bruder kämpferisch …).

Geboren in einer Großstadt, ehemals Metropole, jetzt überaltert – aber auch viel Jungvolk, nur das Mittelalter fehlt. Dafür ist es in Stein erhalten. Dem Mann am Klavier, bitte ein Bier – mit Strohhalm: Berliner Weiße mit Schuß in den Ofen. Grün mit Waldmeister, rot mit Himbeer.

Am Ku’damm grasen keine Bullen. Stück weiter am Zoo treibt man sich rum. Und Züge der Reichsbahn. Eine letzte Bulette, bestrichen mit Senf, statt Eckkneipe Dosenbier. Rückreise … Uhr … An einer Leine Wachhunde, was mir zwischendurch einfällt. Übereinander gestapelt pennt einer, einer kratzt sich am Bein, einer liest, einer nuckelt an übriggebliebenem Bier, eine liest was über Grass, eine schaut ins Leere, mittendrin sucht einer seine Fahrkarte. Im Scherz: 10 Mark für die Reinigung! Schuhe runter – vom Sitz, vom Fuß. Sucht schon Geld, findet doch noch [die] Fahrkarte. Alles jubelt listig: Den Schaffner doch hereingelegt, wieso eigentlich?

Soweit das. Kunst der Kunst wegen (L’art pour l’art) mag ich eigentlich nicht. Gerade eine Erzählung, ein Roman sollte auch immer einem Zweck dienen, aufklären, zum Denken anregen. Trotzdem hatte ich damals geplant, viele stilistische Mittel in mein Geschreibsel einfließen zu lassen. Davon zeugt die hier (ausschnittweise) wiedergegebene Übersicht:

Rückwärts schreiben -> Sätze (Warum lügt er? -> Er lügt warum?)
Silbentrennung (Don-Au-Dam-Pf-Schi-Fff-Ahrt-Skapi-Tän)
Kunstsprache
Sinnlose Sprache
diagrammäßige Schrift
Ornamentale Schrift
zwischendurch leere Blätter („frei für Notizen“)
„Skizzen aus dem Büro“

überhaupt alle Stilmittel:
– Lyrik (Gedichte, Balladen etc.)
– Prosa (Kurzgeschichten, auch Essays …)
– Tagebuch, Briefe
– Anmerkungen – Skizzen, Notizen, Spickzettel
– Aphorismen, Anekdoten, Witze („Sprach Hinz zu Kunz: „Laß uns mal …“)
– Einkaufszettel, Rechnungen, amtl. Briefe (Bw).
– Märchen, Legenden
– Programme (Radio/TV)
– Zitate
– Bibliographie / Discographie (?)

einfach alles, das irgendwie, irgendwann zu Papier gebracht wurde …:
– Liedertitel, Buchtitel, Zeitungsschlagzeilen
– Reklamen (Slogans), Plakate, Plattenhüllen (-> Blodwyn Pig)
– auch Englisch (-> Wörterbücher: Langenscheidt/ Duden / etc.)
– Reiseberichte (Übersichten / Pläne -> Randbemerkung)
– Kleidungsgrößen – Körpermaße
– Lehrsätze der Mathematik / Physik / Chemie
– Wortdefinition (verschiedene -> Lexika / Duden / Wörterbücher)
– aus der Geschichte der Sprachen

Heute Ruhetag (9): Honoré de Balzac – Die tolldreisten Geschichten

Ihr habt es inzwischen wohl schon gemerkt: Meine Ruhetage sind Lesetage. Und das, was ich lese, sei Euch natürlich auch ans Herz gelegt, zumal es nichts kostet. Denn all die Fabeln und Fabulierungen sind dank dem Projekt Gutenberg frei zugänglich und von irgendwelchen Urheberrechten längst entbunden, da die Autoren und Autorinnen längst, d.h. vor vielen, vielen Jahren, ins Gras gebissen haben und kein Erbe sich die Tantiemen unter den Nagel zu reißen gedenkt. Gerade die Alten bieten meist schmackhafte, wenn auch deftige Kost. So seid aufs Neue verköstigt.

Heute Ruhetag!

Das ist ein stark gepfeffertes Buch, ein Buch für die Kenner kräftiger und saftiger Bissen, die vom Guten und Besten der Welt den Geschmack auf der Zunge haben, und eines für solche Zecher am Spundloch des Lebens, die schon dem unsterblichen François Rabelais, unsrem Tourainer Landsmann ewigen Angedenkens, die liebste Kumpanei und Jüngerschaft waren.

Nicht daß der Autor sich einbildet, etwas andres zu sein als ein guter Tourainer und etwas andres zu können, als den guten Gesellen dieses fetten und famosen Landes ein paar Schöpflöffel einer nicht alltäglichen Brühe zu kredenzen; – dieses Landes, das fruchtbarer ist an gehörnten und hörnerpflanzenden Spaßvögeln als irgendein Land der Welt, darunter nicht wenige sind, vor denen unser ganzes Volk salutiert und noch einige Völker der Erde mit ihm, wie der Meister Courier selig, der nun niemand mehr kitzelt, oder Meister Verville mit seinem Buch ›Wie die Welt will beschissen werden‹ und andere, die jedermann kennt, den edlen Meister Cartesius ausgenommen. Denn der war ein fast düsterer Geist und hat seine Wolkenträume und Hirngespinste höher gestellt als die guten fetten Bissen und die klaren Tropfen, also daß die Waffelbäcker und Garköche der guten Stadt Tours nichts von ihm wissen noch hören wollen und, wenn man seinen Namen nennt, ein Gesicht machen, als ob sie sagen wollten: ›Ist mir nicht vorgestellt.‹

[…]

›Also seid mir lustig und aufgeräumt, meine Lieben, und lest dies mit fröhlichem Sinn, daß sich eure Lenden und Eingeweide dabei wohl fühlen; wenn ihr mich aber verleugnet, nachdem ihr mich gelesen, so mög euch der Beelzebub reiten.‹

Diese Worte sind von Meister Rabelais, vor dem wir alle ehrfurchtsvoll den Hut abziehen als vor dem König der Wissenschaft und aller göttlichen und menschlichen Komödie.

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten (Prolog)

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten

Auf zur Zugspitze

Auf in den Süden. Nur noch zwei Arbeitstage, dann habe ich Urlaub und dann geht es mit meiner Familie wieder einmal nach Grainau, dem Zugspitzdorf, in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen. Eigentlich bin ich nicht der Typ, der an einem und dem selben Ort mehrmals Urlaub macht. Ich liebe durchaus die Abwechslung. Okay, ich war öfter schon in London und natürlich auch in Schottland. Aber London ist immer wieder interessant und neu. Und Schottland ist ‚ein weites Feld’. Nach Grainau geht es jetzt bereits zum dritten Mal, immer mit der Familie und ‚komischerweise’ immer in Fünfjahresabstand; d.h. 2002 (Video in Urlaub: Grainau 2002 – 2007) war ich mit Kind und Kegel das erste Mal dort. Und dann folgte 2007 (siehe Grainau 2007: Berglandschaften und Grainau 2007: Eibsee) der nächste Urlaub in dem kleinen, aber feinen Ort unterhalb der Zugspitze. Irgendwie gefällt uns Grainau.

Wie die beiden erste Male so werden wir auch diesmal in einer Ferienwohnung in der Alpspitzstraße bei Familie Degenhart unterkommen. Vom Balkon hat man freie Sicht auf die Waxensteine und die Zugspitze.

Seit dem letzten Mal vor knapp fünf Jahren hat sich doch einiges dort ‚unten’ getan, u.a. gibt es jetzt am Osterfelderkopf am Fuße der Alpspitze die Alpspix, eine Aussichtsplattform für atemberaubende Ausblicke. Natürlich werden wir uns das nicht entgehen lassen. Ziemlich neu ist auch der Kletterwald in Garmisch-Partenkirchen, oberhalb der Talstation der Wank-Seilbahn (2011 während unseres Urlaubs in Brandenburg besuchten wir ja den Arbora Kletterwald in Bad Saarow). Und neu ist jetzt auch die ZugspitzCard Gold, die einmal eine Zugspitz-Rundreise beinhaltet.

ZugspitzCard 2011/2012

ZugspitzCard 2012/2013

ZugspitzCard 2011/2012 – gültig bis 30.04.2012 ZugspitzCard 2012/2013 – gültig ab 01.05.2012

Vor fünf Jahren gab es die ZugspitzCard auch bereits, allerdings nicht in der Version GOLD. Möchte man unbedingt auch einmal auf die Zugspitze, dann sollte man diese Version der Karte nehmen, denn der normale Fahrpreis beträgt 48 €, der Mehrpreis für die Gold-Version gerade 32 €. Und wir wollen auf jeden Fall auf die Zugspitze. Ansonsten hat man freien Eintritt ins Zugspitzbad von Grainau (morgens vor dem Frühstück oder am Nachmittag werden wir dort unsere Bahnen ziehen), kann die Garmisch-Classic-Rundfahrt buchen, um auf die Aussichtsplattform AlpspiX zu kommen. Der besagte Kletterwald ist im Preis enthalten – und auch die Eishockey-Heimspiele des SC Riessersee im weltbekannten Olympia-Eissportzentrum von Garmisch-Partenkirchen, der zz. noch in der Abstiegsrunde der 2. Bundesliga spielt.

Natürlich sind noch viele andere Leistungen ‚all inclusive’. Außerdem gibt es so genannte Bonus-Partner, bei denen man Preisermäßigungen bekommt. Die ZugspitzCard und ZugspitzCard Gold gibt es für 3, 6 oder 13 Tage. Es lohnt sich auf jeden Fall. Wir freuen uns auf jeden Fall auf die Tage in Grainau und Umgebung.

siehe auch meine Beiträge (mit Videos):
Urlaub in Grainau/Zugspitze 2007
In a Black Box: Partnachklamm 2007

Romananfänge (1): Vorbetrachtung

Die Erzählung Das Urteil von Franz Kafka (ja, schon wieder Kafka) endet wie folgt:

„Georg fühlte sich aus dem Zimmer gejagt, den Schlag, mit dem der Vater hinter ihm aufs Bett stürzte, trug er noch in den Ohren davon. Auf der Treppe, über deren Stufen er wie über eine schiefe Fläche eilte, überrumpelte er seine Bedienerin, die im Begriffe war heraufzugehen, um die Wohnung nach der Nacht aufzuräumen.

»Jesus!« rief sie und verdeckte mit der Schürze das Gesicht, aber er war schon davon. Aus dem Tor sprang er, über die Fahrbahn zum Wasser trieb es ihn. Schon hielt er das Geländer fest, wie ein Hungriger die Nahrung. Er schwang sich über, als der ausgezeichnete Turner, der er in seinen Jugendjahren zum Stolz seiner Eltern gewesen war. Noch hielt er sich mit schwächer werdenden Händen fest, erspähte zwischen den Geländerstangen einen Autoomnibus, der mit Leichtigkeit seinen Fall übertönen würde, rief leise: »Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt«, und ließ sich hinfallen.

In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr.“

    Willi und die Romananfänge

Besonders der Schlusssatz hat es mir angetan, dieses „geradezu unendlich“, das in nur einem Augenblick geschieht. Ich habe diesen Satz einmal am Schluss eines Kapitels (Von Pfannen, Seelen und Quark) persifliert: „In diesem Augenblick verging sich an der Schwester der Doktor trotz geradezu unendlicher Wehr.“ Kafka mag mir vergeben. – Überhaupt überzeugt Kafka mit ‚starken’ Schlusssätzen – wie bereits im Roman Der Prozess erfahren:

„»Wie ein Hund!« sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“

Wenn man einen neuen Roman in Händen hält, vielleicht den Autor noch gar nicht kennt oder nur vom Hörensagen, dann ist es natürlich der Anfang des Romans, der überzeugen sollte, um das Buch so schnell nicht wieder aus der Hand zu legen. Ich weiß nicht mehr so recht, es war auf jeden Fall John Irving, der sich mit „Romananfängen“ beschäftigte. Ich glaube es war in seinem Roman Witwe für ein Jahr (oder war es doch schon früher in Garp und wie er die Welt sah). Es ging um den Anfangssatz, der möglichst einprägend zu sein hatte (ähnlich den Kafka’schen Schlusssätzen). Irving machte daraus fast so etwas wie eine Wissenschaft oder besser: einen Wettbewerb für gekonnt formulierte Romananfänge!

Ich fand die Idee damals auf jeden Fall ganz ‚interessant’, irgendwo zwischen witzig und aufschlussreich. Nun könnte man wirklich eine Art Wettbewerb einläuten, um am Ende den aussagekräftigsten Anfangssatz zu prämieren (den Roman kann man getrost außen vor lassen). Wirklich interessant wäre es dann, von den jeweiligen Anfangssätzen auf den Inhalt der Romane zu schließen. In loser Folge werde ich mich hier mit eben solchen Romananfänge ‚beschäftigen’. Dabei müssen es natürlich nicht nur dicken Romanwälzer sein. Erzählungen tun es auch.

Wenn wir schon (wieder einmal) bei Kafka sind. Hier die Anfangssätze zu den zwei genannten Prosawerken:

Der Prozess beginnt mit: „Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Aha, das sagt doch schon (fast) alles!

So spektakulär die Erzählung Das Urteil endet, so landläufig beginnt sie: „Es war an einem Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr.“ Aber meist kommt das Grauen auf leisen Pfoten.

Wie auch immer: Vielleicht habt Ihr ja auch Spaß an dieser Sache. So denke ich daran, zum Einen Euren Lieblingsroman kennen zu lernen – und dann schreibt Ihr den Anfangssatz auf. Und umgekehrt: Zum Anderen nennt Ihr mir Euren Lieblingsanfangssatz – und den Romantitel. Wie sieht’s aus? Wer hat Lust mitzumachen?

Halldór Laxness: Weltlicht

Nach den Romanen Islandglocke, Am Gletscher und Sein eigener Herr habe ich einen weiteren Roman des isländischen Schriftsteller und Nobelpreisträgers Halldór Laxness gelesen: Weltlicht (Original: Heimsljós) – Steidl Verlag, Göttingen 2009 – Steidl taschenbuch 230 – aus dem Isländischen von Hubert Seelow. Eigentlich handelt es sich um vier kleinere Romane, jeder mit einem eigenen Titel; aber da Olafur Karason, die Hauptperson, in allen Romanen auftritt, kann man diese auch als einen großen Roman ansehen.

„Du bis das Licht der Welt!“ (S. 62)

    Halldór Laxness: Weltlicht

„Olafur Karason ist ein Fremdling im Island der dreißiger Jahre. Seine Leidenschaft und sein Talent gelten einzig der Literatur. In den Augen der Bauern und Städter ist er deshalb ein Faulpelz. Von den Eltern verstoßen wächst Olafur als Gemeindepflegling heran, muss schwere körperliche Arbeit verrichten, leidet unter Hunger, Schlägen und menschlicher Kälte. Später lebt er in ärmlichen Verhältnissen an der Seite einer ungeliebten Frau, seine Kinder sterben, wegen Vergewaltigung kommt er ins Gefängnis. Dort hat er eine Vision, und nach seiner Entlassung erfüllt sich doch noch sein Traum von Schönheit und Vollkommenheit. Nach den Tagebüchern des isländischen Volksdichters Magnus Hjaltason Magnusson (1873-1916) zeichnete Laxness seine Figur Olafur Karason und darüber ein breites Panorama von Island. Dieser Roman des isländischen Nobelpreisträgers war bisher nur in einer sprachlich veralteten deutschen Übersetzung vorhanden. Das Buch wurde von Hubert Seelow neu übersetzt.“
(aus dem Klappentext)

Laxness erzählt die Geschichte des Gemeindepfleglings Olafur Karason, der schon früh Dichter werden möchte. Als Kind trägt er heimlich Bücher am Herzen, bevor er überhaupt lesen kann. Bücher sind für ihn der Trost in einer Zeit von Armut und Rückständigkeit. Als von der Mutter ausgesetztes Gemeindekind wird er für jede Arbeit ausgebeutet, dabei verhöhnt und sein kleiner Körper gequält. Aber er findet Trost im Göttlichen, in der Schönheit, die er in der Natur findet. Für die Menschen bleibt er ein Sonderling, der sich vor der Arbeit drückt. Nur Frauen fühlen sich von dem Außenseiter angezogen, aber er scheitert, weil er nicht bereit ist, für die Liebe zu kämpfen. „Wie wunderbar du atmest. Ich komme, um dich atmen zu hören.“ sagt eine seiner Geliebten. Olafur nimmt seinen Leidensweg in Demut hin – opfert die Liebe dem Mitleid zu einer fünfzehn Jahre älteren, fallsüchtigen Frau und ihren gemeinsamen Kindern. Ärmliche Verhältnisse prägen die Ehe an der Seite dieser ungeliebten Frau, die Kinder sterben, und wegen der Vergewaltigung einer Minderjährigen kommt Olafur schließlich ins Gefängnis. Hier entwickelt er Visionen, und nach seiner Entlassung erfüllt sich endlich sein Traum von Schönheit und Vollkommenheit – „es liegt nicht in meiner Natur, von dem Glauben abzuweichen, daß es nur eine wahre Liebe zwischen Mann und Frau gibt“.

Für mich ist Olafur Karason eine zwiespältige Person. Ich sehe, wie er Ablehnung und Erniedrigung erfährt, verstehe aber nicht, wie er das immer wieder mit Demut und stoischer Gelassenheit erträgt und sich auf den Wogen des Lebens treiben lässt.

In der Zeit, in der Laxness seinen Roman schrieb – 1936 bis 1940 – setzte er seine Hoffnungen auf das neue Russland, als Gegengewicht zum aufkommenden Faschismus in Europa. Später hat Laxness diesen Irrweg bereut. Er war sogar 1937, wie andere Prominente aus aller Welt, zu den berüchtigten Schauprozessen Stalins nach Moskau eingeladen worden, wo er auch den zweiten Teil des Romans verfasste. In seinem Roman bleibt Laxness aber wahrhaftig und verweigert jegliche Schablonen sowjetisch-realsozialistischen Kunstverständnisses. Im Gegenteil: Laxness bietet neben geradezu griechischer Tragödie ein mitreißendes Schauspiel isländischer Natur, in dem auch die Elfen, also die Mythen ihr Daseinsrecht behaupten. Es ist ein Buch voller Poesie („Die Sonne war untergegangen, weiße Nebel stiegen aus den Tälern des Landes auf und schmiegten sich an die grünen Abhänge der Berge. Es war, als löse sich das Land in einen taumelnden, feenhaften Wachtraum ohne Wirklichkeit auf, fest und flüssig wurde eins, der Himmel stieg herab, die Erde hinauf, über allem der unwirkliche Schimmer einer unendlich weit entfernten Zukunft oder Vergangenheit, eine andere Zeit über der Welt.“ – S. 141) – und köstlich sind die Beschreibungen der auch hier in großer Zahl angetretenen kauzigen Figuren („Den Leuten war es gelungen, Schnaps aufzutreiben, und es gab Flüche, Obszönitäten, Geschrei, Gekotze, Schlägereien, Knochenbrüche und andere Belustigungen.“ – S. 476). Laxness knüpft stilistisch zuweilen an die literarische Tradition der heimatlichen Skaldendichtung an und zeichnet ein menschliches Schicksal, das zutiefst berührt und zugleich Licht auf die gesellschaftlichen Verhältnisse quer durch alle Schichten Islands wirft: „… der Geist des armen Volksdichters […] lebt schon seit tausend Jahren unter dem isländischen Volk, in der verräucherten Hütte in einem abgelegenen Tal, in der kargen Behausung der Fischer am Fuß des Gletschers, auf dem Haifischboot vor dem Nordland […] dieser Geist war der Lebensquell des Volkes durch seine ganze Geschichte, und er ist es, der dieses arme Eiland hier im Westen im Meer zu einer großen Nation und Weltmacht und einem unbesiegbaren Vorposten der Welt gemacht hat.“ (S. 609)

Die Zeitunterschiede zwischen den vier Romanen sind nicht allzu groß, höchstens wenige Jahre. Aber da die Orte wechseln, so gibt es eine am Ende vielleicht doch eher unübersehbare Anzahl von Personen, die in den Romanen auftreten. Ich habe hier eine kleine Übersicht (fast) aller Personen erstellt, um es den Leser (auch mir) etwas leichter zu machen, sich zu orientieren. Die wichtigsten Personen sind in fett gefasst. Bei den Namen habe ich mich an die Schreibweise im Buch gehalten (der Dichter Sigurdur Breidfjörd schreibt sich eigentlich Sigurður Breiðfjörð; Thordur wäre auf Isländisch Þórður). Viele der Orte sind wie so oft bei Laxness fiktiver Art. Zunächst die Namen der Literaten, die im Buch genannt werden (der erste ist wiederum fiktiv – und als solches ein schöner Stabreim):

G. (Gudmundur) Grimsson Grunnvikingur, genannt Gvendur
Hallgrimur Petursson
Sigurdur Breidfjörd (1799-1846)

Übersicht der Personen und Orte

Olafur Karason Ljosavikingur (Ljosavik = Lichtbucht), auch Lofi genannt – Hauptperson, Gemeindepflegling & Dichter

1. Buch: Der Klang der Offenbarung des Göttlichen
Originaltitel: Ljós heimsins (später: Kraftbirtíngarhljómur guðdómsins)
geschrieben auf der Reise nach Südamerika, Herbst 1936

Ort: Fotur unter Fotarfotur

Kamarillas, Pflegemutter Olafurs
Just, jüngerer Bruder Olafurs (Pflege)
Jonas, genannt Nasi, älterer Bruder Olafurs (Pflege)
Magnina, Tochter des Hauses (Magna)

Witwe Karitas, Mutter von Kr.
Kristjana, Magd

Gudrun von Graenholl
Lauga, Freundin

Josep, alter Mann in Haushalt
Jarthrudur (Jonsdottir) aus Gil – Brief

Reimar, Fuhrmann und Dichter

Thorunn in Kambar
Fridrik, der Elfenheiler
Tota, Schwester von Th.

2. Buch: Das Schloß des Sommerlandes
Originaltitel: Höll sumarlandsins
geschrieben in Moskau, Winter 1937-38

Ort: Svindinsvik

Jon Einarsson, der Heide
Gisli, der Alte

Petur Dreiroß Palsson, Geschäftsführer der Wiederaufbaugesellschaft
Gemeindevorsteher Gunsi
Pfarrer Brandur Jonsson
Toti Butter, ehemaliger Etatsrat

Juel J. Juel -> AG Grimur Lodinkinni Fangstation

Vegmey Hansdottir (Meya von Brekka), Olafurs Geliebte
Hlaupahalla

Holmfridur, Dichterin
Lydur, ihr Ehemann

Thorarinn Eyjolfsson (Örn Ulfar, Bursche von Skjol) – Freund von Olafur

Disa in Skalholt (Holsbudar-Disa)
Ewigkeits-Dadi Jonsson

Die Gebeine von Satan & Mosa (vor 200 J. hingerichtet) -> Sigurdur Natan(sson) + Moeidur

3. Buch: Das Haus des Dichters
Originaltitel: Hús skáldsins
geschrieben in Laugarvatn, Thingvellir, Spätsommer 1939

Ort: Svindinsvik am Othveginsenni

Jara -> Jarthrudur Jonsdottir aus Gil, Ol. 15 Jahre ältere Braut (s. 1. Buch)
Magga -> Margret, Tochter – stirbt
Kari, Sohn, bereits gestorben

Jens Färinger, Fischer
Hjörtur von Veghus
Joa -> Jorunn Hjartardottir, Tochter

Stina, Schülerin

Disa -> Vedis Petursdottir, Tochter des Geschäftsführers, Petur Dreiroß Palsson

Werke von Olafur:
Johann, der Nackte und seine Geliebte
Jan, der Allmächtige

4. Buch: Die Schönheit des Himmels
Originaltitel: Fegurð himinsins
geschrieben in Reykjavik und Umgebung, Winter 1939-40

Ort: Gemeinde Bervik
Ödhof Litlabervik (Olafur)
Hof Storabervik
Fluß Bera (Berja oder Berga)

Jon Olafsson, Sohn von Olafur

der alte Mann und die alte Frau in Gljufur
Helga, die Tochter (siehe Ende des Romans) und 2. behinderte Tochter

Pfarrer Janus
Thordur von Horn

Sveinn von Bervik, 13jähriger Junge, später in Reykjavik Abiturient

Jason Gottfredsson, Leuchtturmwächter von Tangar
Jasina Gottfredlina Jasonardottir, seine Tochter
Witwe von Sudureyri, Tante von Jasina
Dora, ihre Tochter

Reimar Vagnsson, jetzt Postbote und Dichter – siehe Buch 1 (und 2)

Mutter von Olafur – Besuch in Adalfjördur

Gericht in Kaldsvik unter Kaldur

Gefängnis in Reykjavik
– Besuch bei Sveinn von Bervik
– Besuch bei Thorunn in Kambar, heißt jetzt Felgor (Frau von Felgor)

Traum und Wirklichkeit: Bera (wirklicher Name unbekannt)

Frühlingsanfang 2012

Mögen die Nächte auch noch frisch sein, so ist es nicht zu übersehen, dass der Frühling Einzug hält. Heute um 6 Uhr14 MEZ ist der astronomische Frühlingsanfang. Die ersten Blumen blühen bereits seit einigen Wochen, jetzt sprießt auch endlich das erste Grün. So kann Ostern kommen. Die Wetteraussichten für die nächsten Tagen versprechen einiges an Sonne. So werden sich die Schüler (und Mitte der nächsten Woche auch ich) freuen, bald Ferien zu haben.

AlbinZ Garten: Frühlingsanfang 2012

AlbinZ Garten: Frühlingsanfang 2012

AlbinZ Garten: Frühlingsanfang 2012

AlbinZ Garten: Frühlingsanfang 2012

AlbinZ Garten: Frühlingsanfang 2012

AlbinZ Garten: Frühlingsanfang 2012

AlbinZ Garten: Frühlingsanfang 2012

Kafka „kehrt zur Natur zurück!“

Ab Mitte 1979 erschien für 20 Jahre im Wagenbach-Verlag Freibeuter, eine Vierteljahreszeitschrift für Kultur und Politik – herausgegeben u.a. von Klaus Wagenbach. Die Nr. 16 aus 1983 hatte als Schwerpunktthema Franz Kafka nachgestellt:

Kafka geht ins Kino – Die Ostseereise – Kafka und Casanova – Erfolgreiche und weniger erfolgreiche Verwandte – Drei Sanatorien Kafkas.

Kafka war „schon viel in Sanatorien herumgekommen“, so schreibt er in einem Brief vom 1. November 1912 an seine spätere Braut Felice Bauer. Eine „allgemeine Schwäche“ oder „Neurasthenie“ nennt er als Grund. „Die Naturheilkunde – Wasser, Licht, Luft, gesundes Essen, körperliche Bewegung, ‚Reformkleidung’ – war damals nicht nur Mode, sondern eine verständliche Antwort auf die dumpfe Luft spätwilhelminischer Wohnzimmer, die riesigen, fetten Fleischmengen auf den bürgerlichen Mittagstischen, auf Wasserscheu und Sonnenangst, Fischbeinkorsett und Schnurrbartbinde, Vatermörder und Schnürstiefel. Und die ‚Neurasthenie’ war nicht nur eine Modekrankheit empfindsamer Kaufmannssöhne und -gattinnen, sondern die ‚Zeitkrankheit’ im besten Wortsinn.“ (so Klaus Wagenbach in Freibeuter 16, S. 77).

So kam es, dass Franz Kafka sich im Juli 1912 drei Wochen im Harz aufhielt und dort in Just’s Jungborn, zwischen Ilsenburg und Harzburg gelegen, Postanschrift: Just, Stapelburg (Bahnstation Eckerthal), „zur Natur zurückkehrte“.

Jungborn um 1900

Jungborn im Eckertal zwischen Bad Harzburg und Stapelburg

Jungborn im Eckertal zwischen Bad Harzburg und Stapelburg

Die Kuranstalt war am 21. Juni 1896 eröffnet worden, wurde zwischen 1943 und 1945 Kinderlandverschickungslager, 1944 auch Lazarett und wurde dann im Mai 1945 beschlagnahmt. 1964 erfolgte der Abriss im Zuge der innerdeutschen Grenzsicherung, da sich die Häuser der Kuranstalt auf dem Gebiet der DDR befanden – unmittelbar an der Grenze zur Bundesrepublik Deutschland; heute ist dies die Ländergrenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.

Bevor Kafka nach Jungborn im Harz kam, hatte er gemeinsam mit seinem Freund Max Brod die ‚klassischen Stätten’ in Weimar besichtigt und dabei die beiden jungen Verleger Ernst Rowohlt und Kurt Wolff kennengelernt. Rowohlt zeigte ein ernsthafte Interesse, ein Buch von Kafka zu verlegen. Während seines Aufenthaltes in Jungborn überlegte er, was er dem Verleger anbieten könne. Zunächst dachte er an seinen ‚amerikanische Roman’, entschloss sich dann aber doch dazu, ältere Erzählungen zu einem Band zusammenzustellen. Daraus wurde dann „Betrachtung“, dass noch im gleichen Jahr erschien, das erste Buch Kafkas. Dafür dachte Kafka daran, den ‚Verschollenen’ (‚Amerika’) neu zu entwerfen. So schreibt Kafka in seinem ersten Brief an Max Brod: „Es gefällt mir hier ganz gut, gut, die Selbständigkeit ist so hübsch und eine Ahnung von Amerika wird diesen armen Leibern eingeblasen.“ Das Manuskript der ersten Fassung vernichtete Kafka und begann im September 1912 eine zweite, die uns überliefert ist.

„Für die Neukonzeption des Romans waren mit Sicherheit die Erlebnisse im Jungborn mitbestimmend, insbesondere die dort diskutierten panchristlichen Ideen und das dort täglich mit Nacktkultur, Lehmpackungen, Lichtlufthäuschen und vegetarischer Küche aufgeführte Naturtheater. Nicht von ungefähr heißt es in den ersten Zeilen des Romankapitels ‚Das Naturtheater von Oklahoma’: ‚Auf nach Clayton!’ Auf also nach Lehmstadt, wobei clay zugleich auch Erde heißt, Staub und irdische Hülle im religiösen Sinn – genauso wie es der Sanatoriumsinhaber Adolf Just sah (in seinem 1896 erschienenen und in zahlreichen Auflagen verbreiteten Buch ‚Kehrt zur Natur zurück!’): ‚Der Mensch ist aus Erde gemacht, alles, was er zu seinem Lebensunterhalt nötig hat, entsteht aus der Erde’, mit ausdrücklichem Verweis auf Moses 2,7 und 3,19. Deswegen empfahl Just auch Wickel mit ‚reinem, tiefgegrabenem Lehm’, Fußbäder, Gurgeln und ebenso die ‚innere Anwendung der Heilerde bei allen Krankheiten’.“ (Freibeuter 16: Jungborn, Heimstätte und Musteranstalt für reines Naturleben – Klaus Wagenbach, S. 82)

Diese biographische Konstellation widerspricht ziemlich den Worten in dem Artikel Wie Franz Kafka am Nordrand des Harzes seine Schreibkrise überwand, erschienen am 6. Dezember 2003 in der Volksstimme; u.a. heißt es dort: „Der schreibmüde Kafka fand in Justs Jungborn am Harzrand zu alter Schaffenskraft zurück.“ Sicherlich wurde Kafka während seines Aufenthalts inspiriert; Auftrieb gab vor allem die Gewissheit, bald ein eigenes Buch veröffentlicht zu sehen.

„‚Kehrt zurück zur Natur’ war das Motto des Sanatoriums, in dessen Therapie Bewegung an frischer Luft und Naturheilverfahren im Vordergrund standen. Die Kurgäste wohnten in Lufthäuschen, besuchten die Gesellschafts- und Badehäuser und nahmen ihr aus Rohkost, Obst und Nüssen bestehendes Essen in großen, lichtdurchfluteten Speisesälen ein. Gemäß der Erkenntnis ‚Gesundheit ist nicht alles – ohne Gesundheit ist alles nichts!’ absolvierte der Jungborn-Gast allmorgendlich in Luftparks, nach Geschlechtern getrennt, Freiübungen, die von Gesang und Spiel begleitet waren. Als weitere Anwendungen standen Luft- und Sonnenbäder, Heilerde-Kuren, Massagen, Gymnastik und Atemübungen auf dem Programm. Jeder Jungborn-Gast bekam seiner Veranlagung und seinem Zustand entsprechend eine besondere Kur verordnet, ausgerichtet auf die vier Urelemente Licht, Luft, Lehm und Wasser. Der Gast sollte damit zur Besinnung auf das Wesentliche geführt werden, zur Hinkehr auf die natürliche Einfachheit im Denken und Leben.“ (aus: Stapelburger Grenzgeschichten und das Eckertal)

„… Nackte liegen still vor meiner Tür. Alle bis auf mich ohne Schwimmhose“, schreibt Kafka in sein Tagebuch vom 8. Juli 1912. Der Anblick von so vielen Nackten wirkte auf ihn zunächst irritierend: „Hie und da bekomme ich leichte oberflächliche Übelkeiten, wenn ich, meistens allerdings in einiger Entfernung, diese gänzlich Nackten langsam zwischen den Bäumen sich vorbeibewegen sehe. Ihr Laufen macht es nicht besser. – Jetzt ist an meiner Tür ein ganz fremder Nackter stehen geblieben und hat mich langsam und freundlich gefragt, ob ich hier in meinem Hause wohne, woran doch kein Zweifel ist. – sie kommen auch unhörbar heran. Plötzlich steht einer da, man weiß nicht, woher er gekommen ist. – Auch alte Herren, die nackt über Heuhaufen springen, gefallen mir nicht. Abends Spaziergang nach Stapelburg. Mit zweien, die ich einander vorgestellt und empfohlen habe. Ruine. Rückkehr 10 Uhr. Zwischen den Heuhaufen auf der Wiese vor meiner Hütte einige schleichende Nackte, die in der Ferne vergehen. In der Nacht, als ich durch die Wiesen nach dem Kloset wandere, schlafen drei im Gras.“ (11. Juli 1912). Dann fand er zum gesundheitsfanatischen Treiben auf dem Gelände schnell den passenden ironischen Ton: „Wie ein wildes Tier jagt plötzlich ein Greis über die Wiese und nimmt ein Regenbad.“ (19. Juli 1912). Am 15. Juli 1912 notiert Kafka: „…Ohne Schwimmhosen. Exhibitionistisches Erlebnis… Die große Beteiligung des nackten Körpers am Gesamteindruck des Einzelnen…..“

Kafka wohnte in einer nach drei Seiten offenen Hütte: „Mein Haus heißt ‚Ruth’. Praktisch eingerichtet. 4 Luken, 4 Fenster, 1 Tür.“ (8. Juli 1912). Er half bei der Kirschenernte und auch beim Mähen des Grases (12. Juli: „Heu aufgeladen“– 13. Juli: „Kirschen gepflückt“ und 14. Juli: „Kirschen gepflückt auf Leiter mit Körbchen. Hoch im Baum oben gewesen.“). Über sein Begegnung mit dem Anstaltsleiter schreibt er am 12. Juli. „Der alte blauäugige Adolf Just, der alles mit Lehm heilt und mich vor dem Arzt warnt, der mir Obst verboten hat.“

Kafka betrachtet seine Mitpatienten, hält dieses in seinem Reisetagebuch ausführlich fest und führt auch interessante Gespräche (9. Juli 1912: „Das immerwährende grundlose Bedürfnis, sich anzuvertrauen.“). Viel anderes bleibt auch kaum zu tun, denn außer Natur ist wenig für Unterhaltung gesorgt im Jungborn. Kafka, der eigentlich ungesellige Mensch, taut hier geradezu auf. So schrieb er am 22. Juli 1912 an seinen Freund Max Brod: „Sag nichts gegen die Geselligkeit! Ich bin auch der Menschen wegen hergekommen und bin zufrieden, dass ich mich wenigstens darin nicht getäuscht habe. Wie lebe ich denn in Prag! Dieses Verlangen nach Menschen, das ich habe und das sich in Angst verwandelt, wenn es erfüllt wird, findet sich erst in den Ferien zurecht; ich bin gewiß ein wenig verwandelt.“

Am Abend des 16. Juli 1912 besucht Kafka das Schützenfest in Stapelburg. Die Erlebnisse hier fließen wie bereits erwähnt später in das Kapitel „Das Naturtheater von Oklahoma“ seines Amerika-Romans mit ein.

Übrigens gibt es das ‚neue“ vegetarische Kochbuch von Adolf Just, dem Gründer von Jungborn, im Internet: „Der Jungborn-Tisch“

Siehe auch meinen Beitrag: Rotraut Hackermüller: Das Leben, das mich stört

Heute Ruhetag (8): Äsop – Der Fuchs und der Holzhacker

Heute Ruhetag!

Ein vor Jägern fliehender Fuchs fand, nachdem er lange in der Wildnis herumgelaufen war, endlich einen Holzhacker und bat denselben inständig, ihn doch bei sich zu verbergen. Dieser zeigte ihm seine Hütte, worauf der Fuchs hineinging und sich in einem Winkel versteckte. Als die Jäger kamen und sich bei dem Manne erkundigten, so versicherte dieser zwar durch Worte, er wisse nichts, deutete aber mit der Hand nach dem Orte hin, wo der Fuchs versteckt war. Allein die Jäger hatten nicht darauf geachtet und entfernten sich sogleich wieder. Wie nun der Fuchs sie fortgehen sah, ging er wieder heraus, ohne etwas zu sagen; und als der Holzhacker ihm Vorwürfe machte, daß er ihm, durch den er doch gerettet worden sei, keinen Dank bezeuge, drehte sich der Fuchs nochmals um und sprach: »Ich wüßte dir gerne Dank, wenn die Werke deiner Hand und deine Gesinnung mit deinen Reden im Einklange ständen.«

Die Fabel geht diejenigen an, die zwar die Rechtschaffenheit im Munde führen, durch ihre Handlungen aber das Gegenteil an den Tag legen.

Äsop: Fabeln (Der Fuchs und der Holzhacker)

Heiraten in Schottland

Es gibt Steuerparadiese und es gibt, ja auch, Hochzeitsparadiese. Viele kennen Las Vegas im US-Bundesstaat Nevada. Aber auch in Europa gibt es einen solchen Ort, eigentlich nur ein Dorf im Süden Schottlands: Gretna Green.

‚Hochzeit’ beim Blacksmith in Gretna Green 16.08.1985

Warum gerade Gretna Green? Auf der alten Postkutschenroute von London nach Edinburgh war Gretna Green in alten Zeiten das erste Dorf in Schottland. „Im Jahre 1753 verabschiedete das britische Parlament den Lord Hardwicke’s Marriage Act, der unter anderem für eine Heirat zwischen Minderjährigen die Einwilligung der Eltern forderte. Dieses Gesetz galt nur für England, nicht aber in Schottland. Dort durften weiterhin Jungen mit 14 und Mädchen mit 12 Jahren eine Ehe ohne elterliche Zustimmung schließen. So flohen viele minderjährige Paare aus England über die englisch-schottische Grenze – und das erste Dorf hinter der schottischen Grenze war … Gretna Green. In Gretna Green hatte sich der Schmied als Amtsperson für die Eheschließung etabliert. Die Hochzeiten fanden in seiner Schmiede statt und der Amboss bekam bei den dortigen Trauungen eine besondere Bedeutung.“

„Ab 1856 verlangte das schottische Gesetz, dass die Ehepaare vor der Eheschließung sich mindestens 21 Tage in Schottland aufgehalten haben müssen. Diese Regelung wurde 1977 wieder aufgehoben. 1929 wurde das Mindestalter für eine Eheschließung auf 16 Jahre heraufgesetzt, wobei immer noch keine elterliche Einwilligung verlangt wird.“

Heute darf eine staatlich anerkannte Trauung nur ein Standesbeamter (Registrar) ausführen. Beim Schmied heiratet man zwar auch noch, aber nur ‚der Vollständigkeit halber’, wenn man schon amtlich verheiratet ist oder – wie meine damalige Freundin und heutige Frau und ich – aus Spaß (siehe Foto oben). Allerdings hatten wir vor unserem Schottland-Urlaub 1985 tatsächlich die Absicht gehabt, auch standesamtlich in Gretna Green zu heiraten. Deshalb hatten wir uns bei der damaligen und wohl auch noch heute amtierenden Standesbeamtin in Gretna, Miss Pat Bryden, die inzwischen auch MBE, also Mitglied des Order of the British Empire ist, alle nötigen Formulare und Informationen zusenden lassen. Wenn man ab und zu aufräumt, findet man die kuriosesten Dinge: Ich fand die 1985 an meine Freundin gesandten Unterlagen wieder:

Marriage Notice - Marriage (Scotland) Act 1977 mit Umschlag/Gebührenübersicht und Anschreiben

Leaflet (Flyer): Marriage in Scotland

Marriage Notice – Marriage (Scotland) Act 1977 mit Umschlag/Gebührenübersicht und Anschreiben

Leaflet (Flyer): Marriage in Scotland

ACHTUNG: Die Unterlagen kann man heute natürlich nicht mehr verwenden. Außerdem hat sich seit 1985 auch einiges getan. So ist das Standesamt von der Annan Road 1991 in die Central Avenue umgezogen; die neue Anschrift lautet:

GRETNA REGISTRARS OFFICE
Central Avenue
Gretna
Dumfries And Galloway
DG16 5AQ


Gretna – Central Avenue (Gretna Registration Office)

Außer den neuen (auch größeren) Räumlichkeiten haben sich natürlich auch die Gebühren für eine Heirat stark nach oben verändert. Formulare und weitere Informationen gibt es natürlich heute online bei gretnaonline.net (Vorsicht: Man sollte den Internet Explorer benutzen, bei allen anderen Browsern gibt es Probleme).

Heute werden an die 5000 Ehe im Jahr in diesem kleinen Ort geschlossen. Auch viel Prominenz aus dem Ausland ist dabei. So hat vor vielen Jahren unser grüner Ex-Bundesaußenminister Joschka Fischer wohl eine seiner (sind es jetzt schon) sieben Ehen in Gretna Green geschlossen.