Alle Artikel von WilliZ

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Von Ehefrauen und Ehemännern

Ja, die Frauen. Nach dem Sündenfall war es wohl die Einrichtung von Damenkränzchen – beides hat etwas mit Essen und/oder Trinken zu tun –, die den Männern leidlich Sorgen bereiten sollten. Für die Damen gibt es eben nichts Ausgelasseneres als weibliche Geselligkeit. So waren es dann auch Männer (mit Sicherheit Ehemänner), die die Erfindung des Telefons forcierten. Dieses ermöglicht das Abhalten des besagten Gesprächsaustausches über die Ferne hin. Und dank Flatrate halten sich die Kosten in Grenzen. Damit man sich trotzdem ab und zu auch wieder einmal persönlich treffen kann, wurden so genannte Tupperware-, Kerzen- und sonstige Partys begründet. 😉

Erstaunlich dabei ist, dass die Frauen, besonders die Ehefrauen, es schaffen, neben all den Telefonaten den Haushalt zu erledigen. Erstaunlich auch aus dem Grunde, weil Männer sich vor Hausarbeit meist erfolgreich zu drücken verstehen. 😉

Von Ehefrauen und Ehemännern © Loriot

Von Ehefrauen und Ehemännern © Loriot

„Du störst überhaupt nicht, Elsbeth – ich habe ja ewig nichts von dir gehört!“ © Loriot

Der Mann der vierzigjährigen Karin Z. zählt zur Sorte der guten Ehemänner, die es nicht mit ansehen wollen, wie ihre Frauen sich tagtäglich rund zwei Stunden mit dem Abwasch herumquälen. © Loriot

Endlich Winter

Vor über einem Viertel Jahr hatte ich einen ‚harten’ Winter (Vorbereitungen auf einen frostigen Winter) prophezeit. Was hatten wir bisher? Einen meist lauen Herbst. Aber wer nun dachte, das wäre es mit diesem Winter, der muss sich arg getäuscht sehen: Förmlich über Nacht ist es jetzt auch bei uns im hohen Norden Deutschlands Winter geworden. Es hat über Nacht geschneit. Und dieser Schnee ist sogar liegen geblieben. Für die nächsten Tage ist sogar richtig knackiger Frost vorausgesagt. Bis zu einem zweistelligen Minus-Bereich. Da heißt es, sich warm anziehen. Ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt …

Winterimpression Tostedt 2001
aus: Winterimpression Tostedt 2001

Vom Quadraten und Hinterhöfen

Eine Scherzfrage lautet: Wie heißt der höchste Berg in Bremen? Antwort: Der Hulsberg; von dort kann man bis ans schwarze Meer gucken. Nun es gibt in Bremen eine Straße „Am Hulsberg“ und die mündet in eine Straße mit dem Namen „Am schwarzen Meer“. Von einem Berg ist aber weit und breit keine Spur.


Bremen: Am Hulsberg – Am schwarzen Meer

Straßennamen haben es schon in sich. Da gibt es die verrücktesten Namen. In Hamburg gibt es Straßen wie Ellenbogen und Schulterblatt. Oder wie in New York so sind Straßen gewissermaßen durchnummeriert (siehe 5th Avenue).


Hamburg: Schulterblatt

Aber es kommt noch kurioser. Mannheims historische Innenstadt hat ein gitterförmiges Straßennetz, ist also eine Planstadt, die in Häuserblöcken statt in Straßenzügen angelegt wurde, und bis heute erhalten geblieben ist. Sie bildet eine mit der Festung verbundene Bürgerstadt. Statt Straßennamen sind die jeweiligen Quadrate (Häuserblöcke) ähnlich wie auf einem Schachbrett bezeichnet, hier von A1 bis U6. Daher führt Mannheim auch den Beinamen Quadratestadt.


Mannheim – historische Innenstadt als Planstadt

Ein anderes Beispiel für eine Planstadt ist „Eixample [katalanisch für Erweiterung), der zweite Stadtbezirk der katalanischen Hauptstadt Barcelona, welcher für seine quadratischen Häuserblocks mit den abgeschrägten Ecken (Chaflanes) und den vielen modernistischen Bauten bekannt ist. Auf einer Fläche von 7,48 Quadratkilometern beherbergt er fast 270.000 Menschen (2008), somit macht ihn die Bevölkerungsdichte von über 35.800 Einw./km² zu einem der am dichtesten besiedelten Orte in Europa.“ (Quelle: de.wikipedia.org).


Barcelona: Antiga Esquerra de l’Eixample

Die Planstadt Eixample führt übrigens ‚normale’ Straßennamen und wurde Ende des 19. Jahrhunderts errichtet, also zu einer Zeit, in der eine breite Industrialisierung und damit eine zunehmende Urbanisierung einsetzte, und die bei uns in Deutschland Gründerzeit genannt wird. Großstädte wie Berlin benötigten dringend Wohnraum. So entstanden Mietskasernen und speziell in Berlin der „Typus des dreigliedrigen Berliner Mietshauses mit Vorderhaus, Seitenflügel, Hinterhaus um einen Hof in dicht bebauten Quartieren mit Blockrandbebauung“. (Quelle: Deutsches Historisches Museum)

Ein sehr interessantes, wenn auch nicht ganz typisches Beispiel hierfür sind die Hackeschen Höfe mit insgesamt acht Höfen. Dieses Areal wurde allerdings nicht nur für Wohnzwecke genutzt, sondern diente auch als Gewerbehof-Anlage. „Ungewöhnlich und neu war damals das Konzept, den ersten Hof kulturell zu nutzen und entsprechend aufwändig zu gestalten. Auch hierin zeigte sich der Einfluss der um 1900 propagierten Lebensreform-Bewegung. Im Jahr 1905 hatte Berlin zwei Millionen Einwohner und galt als größte Mietskasernenstadt der Welt, die Tuberkulose als „Berliner Krankheit“. Eigentümer und Architekt der Hackeschen Höfe wollten mit ihrer Anlage ein beispielhaftes Umfeld für modernes, gesünderes Wohnen und Arbeiten schaffen. Die Wohnhöfe lagen weitab vom Straßenlärm im Blockinneren und wurden nach Möglichkeit so angelegt, dass sie von benachbarten Grünanlagen – dem alten Jüdischen Friedhof von 1672 und dem Friedhof der evangelischen Sophiengemeinde – Sonnenlicht und Sauerstoff bekommen konnten. Zur Ausstattung der Höfe gehörten Grünpflanzen, ein großer Sandkasten, mehrere Brunnen. Die rund 80 Wohnungen hatten vielfach Balkone und durchweg Bäder, Innentoiletten und Zentralheizung.“ (Quelle: de.wikipedia.org)

Heute gibt es in den Hackeschen Höfen Galerien und Werkstätten, Restaurants und Bars, Theater und Kino, Büros und Wohnungen. Die genaue Anschrift lautet übrigens Rosenthalerstraße 40/41 & Sophienstraße 6. Die Nennung des jeweiligen Hinterhofes in der Postanschrift ist wohl sinnvoll. Das Fotoblog: Berliner Hinterhöfe zeigt anschaulich, wie diese Hinterhöfe heute gestaltet sind.


Berlin Hackesche Höfe (Rosenthalerstraße 40/41 & Sophienstraße 6)

Demonstration am 4. Februar: Tostedt gegen Rechts

Der braune Spuk in Tostedt geht vorerst weiter. Das Urteil gegen den Betreiber des Ladengeschäft „Streetwear“ wegen Landfriedensbruchs wurde wie kurz berichtet aufgehoben. Damit ist auch die Bewährungsauflage, den Laden, der Anlaufsstelle für die rechtsextremistische Szene ist, zu schließen, hinfällig. Man kann vom dem Urteil halten, was man will. Es mag juristisch richtig sein (immerhin war es ein geschickter Schachzug des Herrn S., zuzugeben, die besagte „Waffe bereits längere Zeit bei sich gehabt“ zu haben). Damit Herr S. und Konsorten aber nicht zu sehr die Urteilsaufhebung feiern und im Gegenteil spüren, dass man in Tostedt nicht gewillt ist, das Treiben der rechtsextremistischen Szene zu dulden, ruft der Tostedter Bürgermeister mit Unterstützung aller Fraktionen der im Gemeinderat Tostedt und Samtgemeinderat Tostedt vertretenen Parteien (u.a. die Grünen) zu einer Demonstration am Samstag, den 4. Februar 2012 ab 14 Uhr vor dem Rathaus in Tostedt auf:

Bürgerbewegung
Tostedt gegen Rechts
Bürger demonstrieren gegen Neonazis

Wann: Samstag, den 04.02.2012 ab 14:00 Uhr

Treffpunkt: Rathaus

Gang zum Platz Am Sande

Anschließend laden die Tostedter Kirchen zu einer Friedensandacht in die Johanneskirche ein

Fassungslosigkeit und Empörung über den Beschluss des Oberlandesgerichts Celle!

Neonazi Silar muss seinen Szeneladen nicht schließen!

Uns reicht`s!

Wir wehren uns gegen das braune Image Tostedts.

Kommen Sie mit auf die Demonstration, um zu zeigen,

dass die Mehrheit der Tostedter Bürger anders denkt!

Verantwortlich:

Gerhard Netzel
Bürgermeister der Gemeinde Tostedt

Dieser Aufruf wird von allen im Rat der Gemeinde Tostedt und im Samtgemeinderat vertretenen Fraktionen sowie von Kirchengemeinden, Vereinen und Verbänden unterstützt!

 

Zur Information hier die Pressemeldung der Staatsanwaltschaft Stade vom 17.01.2012 zu der Einstellung des Strafverfahrens:

Pressemeldung der Staatsanwaltschaft Stade vom 17.01.2012

Oberlandesgericht Celle hebt Verurteilung von Stefan Silar auf und stellt Strafverfahren ein

Stade / Tostedt. Auf die Revision des Angeklagten Stefan Silar hat das Oberlandesgericht Celle mit Beschluss vom 20.12.2011 ein Urteil des Landgerichts Stade vom 05.08.2011 aus Rechtsgründen aufgehoben und das Strafverfahren wegen des Vorwurfs des Landfriedensbruchs aufgrund eines sogenannten „Strafklageverbrauchs“ eingestellt.

Silar betreibt im Tostedter Raum das Ladengeschäft "Streetwear", in welchem er Bekleidung und Tonträger anbietet, die in der rechtsextremistischen Szene beliebt sind.

Hintergrund der Entscheidung sind Ereignisse von Pfingsten 2010. Damals zog eine Gruppe von linksgerichteten Personen zum Ladengeschäft „Streetwear“ des Stefan Silar in Tostedt und traf dort auf rechtsgerichtete Personen aus dem Umfeld des Silar. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gruppen und der Polizei. Silar war deswegen zum einen mit einem inzwischen rechtskräftigen Strafbefehl des Amtsgerichts Tostedt vom 28.07.2010 wegen Führens einer Schusswaffe ohne eine waffenrechtliche Erlaubnis zu einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu je 30 Euro verurteilt worden.

Nachfolgend hat ihn das Amtsgericht – Schöffengericht – Tostedt am 21.02.2011 ebenfalls aufgrund der Ereignisse von Pfingsten 2010 wegen einer gesonderten prozessualen Tat des schweren Landfriedensbruchs zu einer Freiheitsstrafe von 1 Jahr und 6 Monaten verurteilt. Dieses Urteil wurde vom Landgericht Stade auf die Berufung des Silar aufgehoben, der nunmehr vom Landgericht Stade am 05.08.2011 nur noch wegen Landfriedensbruchs zu einer Freiheitsstrafe von 9 Monaten verurteilt wurde, deren Vollstreckung zudem zur Bewährung ausgesetzt wurde. Silar erhielt die Bewährungsauflage, sein Ladengeschäft „Streetwear“ bis Ende März 2012 zu schließen.

Das Oberlandesgericht in Celle hob das vorgenannte Berufungsurteil gegen Silar vom 05.08.2011 nunmehr auf, weil die Tat aus dem Strafbefehl und aus dem angefochtenen Berufungsurteil als eine Tat im prozessualen Sinne anzusehen sei.

Die Staatsanwaltschaft war bei ihrer Anklageerhebung noch davon ausgegangen, dass zwischen dem Landfriedensbruch und dem Waffendelikt entsprechend dem Sachstand in den Ermittlungsakten eine wesentliche zeitliche und örtliche Zäsur bestand. Erstmals in der Hauptverhandlung vor dem Landgericht Stade behauptete Silar, er habe die Waffe bereits längere Zeit bei sich gehabt. Das Landgericht Stade hat diese Einlassung zur Grundlage seiner Entscheidung gemacht, wobei das Oberlandesgericht Celle diese Feststellungen dahingehend rechtlich gewürdigt hat, dass neben der vorangegangenen rechtskräftigen Verurteilung wegen des waffenrechtlichen Verstoßes eine weitere gesonderte Verurteilung wegen Landfriedensbruchs unzulässig sei.

Pressemeldung der Staatsanwaltschaft Stade vom 17.01.2012

… looking at Things

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen, besagt ein Sprichwort. Und da das Internet reichlich Material an aussagekräftigen Bildern liefert, kommt das eine zum anderen. Das andere sind (meist) Tumblr-Blogs. Das läuft dann unter dem Motto „…looking at Things“ (also etwa: … beim Betrachten von Sachen). Meist trifft es Politiker – oder Diktatoren wie den unlängst verstorbenen Kim Jong-Il. So ist dann auch „Kim Jong-il Looking at Things” die Mutter dieses Webspottes (Okay, für seinen Sohn und Nachfolger, Kim Jong-un, gibt’s natürlich auch einen entsprechenden Blog).

    Kim Jong-il looking at an escalator

Wie gesagt: Diktatoren sind die ‚Opfer’, im Allgemeinen oder ganz speziell wie im Falle Gaddafi. Und natürlich Politiker, die immer gern im Blitzgewitter stehen. Für unsere Kanzlerin gibt es gleich mehrere solcher Foto-Blogs, z.B. Angela Merkel looking at Things bzw. (die Popularität des Kim Jong-Il-Blogs nutzend) Kim Jong Merkel looking at Things. Viel her gab natürlich auch der Freiherr von und zu Guttenberg. Und das nun auch der Bundespräsident dran glauben muss, ist wenig verwunderlich. Hier sei aber gewarnt. Ähnlich der Majestätsbeleidigung gibt es einen Tatbestand der Verunglimpfung des Bundespräsidenten. Daher betone ich ausdrücklich, dass der folgende Link auf ein externes Tumblr-Blog verweist, für das ich jede Verantwortung ablehne: Christian Wulff looking at Things.

    the leader is lookin at german glass..

Neuestes Opfer (einmal kein Politiker und Staatsoberhaupt) ist nach seiner Festnahme der als Kim Dotcom bekannte Betreiber der Filehosting-Plattform Megaupload, Kim Schmitz looking at Things (genau das!).

‚Willi’ beim Ministerpräsidenten

Etwas unter Zeitdruck stand er wohl und nicht so ganz bei der Sache war er. Immerhin empfing Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU) letzten Mittwoch Vertreter der Evangelischen Jugend im Kirchenkreis Hittfeld (u.a. Jan Hendrik ‚Willi’ Saxe) und vom Vorstand des Jugendkonvents des Sprengel Lüneburg, die ihm die 6000. „Kugelkreuz“-CD übergaben. Wie berichtet steuerten 13 Bands ihre Songs gegen rechte Gewalt zu dem CD-Projekt bei. „Eine lobenswerte Initiative“ nannte McAllister das Projekt und freute sich über die CD: „Die höre ich mir gern an“, so der Ministerpräsident. Wollen wir es hoffen.

Willi bei McAllister
aus: Kreiszeitung Wochenblatt Nordheide Elbe & GeestNr. 3a – 41. Jahrgang vom 21.01.2012 – Seite 3

Armutszeugnis für den Rechtsstaat?

Recht und Gerechtigkeit sind manchmal zwei Paar Schuh. Eigentlich wundert mich nichts mehr, was in diesem, unseren ‚Rechtsstaat’ passiert. Sicherlich soll und kann ein Täter nicht zweimal wegen der gleichen Straftat bestraft werden. Man spricht hier vom Strafklageverbrauch. Wie sich das nun im Fall des Rechtsextremisten S. verhält, da mögen sich die Gelehrten schlagen. Ich empfinde nur, dass hier Recht und mein Rechtsempfinden nicht gerade deckungsgleich sind.

Hier Bericht, Kommentar und Stimmen aus Tostedt in Kreiszeitung Wochenblatt Nordheide Elbe & GeestNr. 3a – 41. Jahrgang vom 21.01.2012 – Seite 8:

Neonazi geht straffrei aus
Neonazi geht straffrei aus
Neonazi geht straffrei aus

Zlatá Praha (1)

Ende März fährt der jüngere meiner beiden Söhne auf Klassenfahrt nach Prag. Die Hauptstadt Tschechiens ist wohl sehr beliebt bei jungen Menschen. Ich muss gestehen, dass sie mir auch sehr gut gefällt. Das hat sicherlich aber auch andere Gründe.

Prag ist eine einzigartige Stadt. Besonders die Innenstadt zeigt heute ein geschlossenes, von Gotik und Barock geprägtes Stadtbild. Prag ist die „Goldene Stadt“ (Zlatá Praha = Goldenes Prag) und war besonders in der Zeit Kafkas (zur Jahrhundertwende um 1900) eine nach außen weltoffene Stadt und ein Treibhaus für Künstler und nachwachsende Literaten. Und Prag ist ein Eldorado für Bierfreunde.

Als ich mit einem Freund in der Vorosterzeit 1982, also vor fast genau dreißig Jahren, Prag besuchte, da mussten wir natürlich u.a. auch ins „U Fleků“ (deutsch: beim Fleck). Es handelt sich dabei um die bekannteste im Jahre 1499 gegründete Prager Brauereikneipe in der Prager Neustadt, Křemencova 11. Wahrzeichen ist die draußen hängende Uhr. Dort wird zu böhmischer Küche ein gepflegtes dunkles Bier ausgeschenkt. Damals war es dort abends schon recht voll, heute ist es eine touristische Attraktion, zu der die Gäste scharenweise in Bussen vorgekarrt werden. Bekannt dürfte auch der Gasthaus „Zum Kelch“ (tschechisch Hostinec „U Kalicha“) sein, in dem der brave Soldat Schwejk wegen Hochverrats verhaftet wurde.

    Zlatá Praha - Quelle: de.marys.cz

Fotoquelle: de.marys.cz

Prag ist eine geschichtsträchtige Stadt. Daneben ist sie aber vor allem eine Stadt der Literatur. Der brave Soldat Schwejk ist ein antimilitaristisch-satirischer Schelmenroman und wurde in Prag (zum Teil in Wirtshäusern) von Jaroslav Hašek (1883–1923) verfasst. Und natürlich lebte und schrieb Frank Kafka hier seine Erzählungen und Romane(siehe: Franz Kafka: Der Prozess). Sein Roman ‚Das Schloss’ wäre wahrscheinlich ohne die Prager Burg auf dem Hradschin gar nicht möglich.

Bekannt dürfte auch vielen die Legende um dem Golem sein, einer menschenähnlichen, aus Lehm gebildeten Gestalt, die durch Magie zum Leben erweckt wurde (siehe hierzu auch: Gustav Meyrink: Der Golem).

Zum ersten Mal rückte Prag 1968 in mein Interesse – ich war damals 14 Jahre alt -, als der so genannte Prager Frühling niedergeschlagen wurde. Sehr beeindruckt hatte ich mich damals der Tod des Studenten Jan Palach. Über die damaligen Ereignisse bin ich dann auch zu Kafka gekommen.

Man merkt es vielleicht bereits. Irgendwie lockt mich die Stadt. Ich kann mir gut denken, Prag in den nächsten Jahren mit meiner Familie einmal wieder einen Besuch abzustatten. Zunächst wünsche ich aber meinem Sohn viel Spaß dort.

siehe hierzu auch eine kleine Fotogalerie der Stadt
Google Street View (2): Prag
Umberto Eco: Der Friedhof in Prag

John Keats: Bright Star … On Top Down Under

Auf den Spuren von John Keats (* 31. Oktober 1795 in London; † 23. Februar 1821 in Rom), einem der wichtigsten Dichter der englischen Romantik (siehe meinen Beitrag: An die Hoffnung) – nicht zu verwechseln mit dem Literaturnobelpreisträger William Butler Yeats -, wurde ich auf einen Kurzfilm mit dem Titel „On Top Down Under” von Friðrik Þór Friðriksson, mit Nina Gunnarsdottir und Hilmir Snær Guðnason aufmerksam. Friðrik Þór Friðriksson ist einer der wichtigsten Regisseure Islands, den wir von der Verfilmung eines Romans von Einar Kárason her kennen: Die Teufelsinsel (1996) – Regisseur und Produzent als Fridrik Thór Fridriksson – Originaltitel: „Djöflaeyjan“

Der Film gehört zu einer zweiten Staffel einer Filmreihe namens EROTIC TALES, zu der verschiedene bekannte Regisseure ihren Beitrag geleistet haben. Der Film ist ohne Worte. Das Gedicht wird im Wortlaut am Anfang eingeblendet:

„Erotische Erinnerungen überwinden Kontinente, lassen aber mitunter auch den Trennungsschmerz ins Unerträgliche wachsen. Das ist das Thema von Fridrik Thór Fridrikssons Variation über die manchmal auch traurigste Sache der Welt. Der Protagonist des isländischen Kinos erzählt von Liebenden an denkbar entgegengesetzten Orten des Planeten. Für eine junge Leuchtturmwärterin muss ein Eiszapfen als Ersatz für ihren verlorenen australischen Lover herhalten. Aber sie kann nicht wissen, wie verzweifelt sie im gleichen Augenblick auf dem fünften Kontinent wirklich vermisst wird.“

aus: moviepilot.de

ON TOP – in Island – erinnert sich eine junge Frau an ihre Sommerliebe, einen jungen Mann, der sich DOWN UNDER – in Australien – in der heißen Mittagshitze ebenfalls an seine Liebe erinnert. Die Sehnsucht und das Verlangen der beiden wird reflektiert durch ein Gedicht von John Keats. Hierbei handelt es sich um einen Ausschnitt aus dem Gedicht „Bright Star“.

Pillow’d upon my fair love’s ripening breast,
To feel for ever its soft fall and swell,
Awake for ever in a sweet unrest,
Still, still to hear her tender-taken breath,
And so live ever-or else swoon to death.

aus: John KeatsBright Star

Gedichte, Verse zu übersetzen, dabei die rhythmische Gliederung, also das Metrum oder Versmaß, und den Reim beizubehalten, ist eine besondere Aufgabe und schließt fast immer eine wortwörtliche Wiedergabe aus. In einem 1950 bei Manesse erschienenen Büchlein werden den Gedichten von Keats Übersetzungen in nahezu wortwörtlicher Umsetzung als Prosa gegenübergestellt, die lediglich als Übersetzungshilfe für die Originallektüre dienen sollen:

Heller Stern

… gebettet auf meiner holden Liebsten reifender Brust,
ewig das sanfte Sich-Heben und -Senken zu spüren,
ewig wach in süßer Ruhelosigkeit,
ewig, ewig ihrem leisen Atemholen zu lauschen
und ewig so zu leben oder in den Tod zu sinken.

Mirko Bonné schafft den Spagat und dichtet ganz behutsam, gewissermaßen neu:

Glänzender Stern!

Gebettet auf der Liebsten junger Brust,
Dem sanften Auf und Ab für immer nah,
Für immer wach in ruheloser Lust,
Stets, stets im Ohr den zarten Atemzug,
Und wär so ewig – sonst nie tot genug.

Ich habe noch eine weitere Fassung des Gedichtes gefunden: Entbrannter Stern – Übertragen ins Deutsche von Sigrun Höllrigl:

Gebettet an der Liebsten reife strahlend Brust,
Nur um zu fühlen endelos, wie weich
Wach für immer, im süß rastlos sein, du musst
Hören den zart zart genommenen Atem gleich

So heißt´s ewig leben – oder in den Tod, mit Lust!

Sicherlich hat auch das Original einen erotischen Unterton. Die sinnliche, erfüllbare und erfühlbare Gegenwart der Geliebten wird anhand des Auf und Ab ihrer jungen Brust geschildert. Aber dort heißt es noch ‚sweet unrest’, also süße Unruhe bzw. Ruhelosigkeit, die in der ersten deutschen Übersetzung bereits zu ‚ruheloser Lust’ wird. Im zweiten Gedicht bekommt die Lust dann auch noch einen morbiden Unterton: ‚in den Tod, mit Lust!’ So eine Übersetzung ist wahrlich nicht leicht und von der Auslegung des Gedichtes durch den Übersetzer bestimmt.

Friðrik Þór Friðriksson versuchte nun, dieses Gedicht filmisch umzusetzen. Hier sind die Geliebten über den halben Erdball hinweg getrennt. Und die ‚süße Unruhe’ bzw. ‚ruhelose Lust’ wird zu einer im Augenblick unerfüllbaren Sehnsucht. Während die junge Frau diese auf ihre Weise zu stillen sucht, sieht der Mann in der Ferne nur den Ausweg im Tod.

Franz Kafka: Der Prozess

Franz Kafka: Der Prozeß - Roman - Fischer Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus.

Franz Kafka: Der Prozess

Franz Kafka hätte wohl nie gedacht, dass sein literarisches Werk eines Tages zum unbestrittenen Kanon der Weltliteratur zählen würde und bei Lesern wie Literaturwissenschaftler vielfältig und anhaltend wirken sollte. Dabei hatte er seinen Freund und Testamentvollstrecker, den Schriftsteller Max Brod, beauftragt, sein Werk im Falle seines Todes zu vernichten. Lediglich einige wenige, bereits zu Lebzeiten Kafkas erschienene kleinere Werke sollten erhalten blieben. Kafka zu Brod: „Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher: Urteil, Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung: Hungerkünstler“. Besonders die nachgelassenen Romane (Amerika, Der Prozess und Das Schloss) sollte Brod verbrennen. Er tat das nicht, sondern veröffentlichte diese postum – zum Leidwesen mancher Schüler, die sich immer wieder mit Kafka (ähnlich wie mit Kleist) ‚herumschlagen’ dürfen..

Zu Franz Kafka habe ich mich in diesem Blog öfter schon geäußert (Wie wäre es mit Kafka?Mythos Kafka-Mythos Camus125 Jahre Franz Kafka). Und zum Roman „Der Prozess“ (nachzulesen u.a. im Projekt Gutenberg Spiegel Online) habe ich hier erst vor einigen Tagen etwas unter einem besonderen Gesichtspunkt (Kafka, der Prozess und das Kino) verfasst. Hier möchte ich anschließen.

Wie bereits erwähnt, las ich Kafkas „Der Prozess“ (Franz Kafka – Gesammelte Werke Band 2 – herausgegeben von Max Brot – Taschenbuchausgabe in sieben Bänden – Fischer Taschenbuch Verlag – April 1976) in diesen Tagen zum 3. Mal. Die letzten beide Male liegen schon lange zurück (1977 und 1987).

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. (S. 7)

So beginnt der Roman. Josef K. wird verhaftet und erlebt einen Prozess vor einem Gericht, das nicht wie andere Gerichte ist, kein Zivil- oder Strafgericht, wenn dann eher letzteres. Dann allerdings ein Strafgericht besonderer Art. Dieses Gericht steht Josef K. nämlich als eine unbekannte, anonyme Macht mit weit verzweigten, undurchdringbaren Hierarchien gegenüber und bleibt die ganze Zeit rätselhaft und nicht eindeutig erklärbar.

Der Roman endet dramatisch mit der Hinrichtung von K.:

Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. »Wie ein Hund!« sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben. (S. 194)

Franz Kafka: Der Prozess - handschriftlicher Anfang
Quelle: franzkafka.de

So real die Bilder Kafkas in diesem Roman sind, so abstrakt ist der Hintergrund des Inhaltlichen, oder wie André Gide einmal sagte: „Der Realismus seiner Bilder übersteigt ständig die Vorstellungskraft“. Wer diesen Roman liest, findet sich in einer Alptraumwelt wieder und wird ständig vor Fragen gestellt, auf die es aus dem Buch heraus keine Antworten gibt. Was ist K.s Schuld? Was ist das für ein Gericht?

Wie die Fragen des Lesers vielfältig sind, so weitreichend sind die Interpretationen der Werke Kafkas. Die einen interpretieren den ‚Prozess’ aus religiöser Sicht als ein Werk, das von Schuld und Sühne handelt. Andere meinen, es zeige die Schwachheit des Menschen im Räderwerk anonymer Mächte auf. Politisch betrachtet wird das Werk als ein Protest gegen die Gesellschaft angesehen. Oder führt es in tiefe Gründe menschlichen Seelenlebens?

Wichtig bei der Betrachtung ist sicherlich der zeitliche Hintergrund. Während der Entstehung des Romans fand die Auflösung von Kafkas Verlobung mit Felice Bauer statt. Sowohl die Verlobung als auch die Entlobung waren für Kafka mit starken Schuldgefühlen verbunden. Außerdem brach der Erste Weltkrieg aus. Von hieraus gibt es sicherlich biografische Bezüge.

Im Grunde muss jeder seine eigene Interpretation erstellen, denn eigentlich kann man den Roman nur subjektiv betrachten, wirken lassen und entsprechend auslegen. Selbst für sich wird kaum einer zu einem eindeutigen Ergebnis kommen. Hier in Kürze meine Interpretationsansätze:

1. Das Gericht ist das Gewissen. In Alpträumen werden wir von nicht immer klar bestimmbaren Schuldgefühlen heimgesucht, die aus unserem Unterbewussten hervortreten.

2. Das Gericht verkörpert die das Leben einschneidenden, einengenden Verpflichtungen, gar Zwänge, die wir uns auferlegen, ein MUSS wie Arbeit. Auch Josef K. kommt nicht mehr seinem ‚eigentlichen’ Leben nach, weil er sich ständig nur noch um seinen Prozess kümmern muss. Kafka empfand seinen Brotberuf als Jurist im Unfall-Versicherungswesen als quälend.

3. Der Prozess im weiteren Sinne als ‚Tragikomödie des Lebens’. Dabei vermischen sich Gewissensfragen (1.) und Zwänge (2.) mit religiösen bzw. philosophischen Aspekten (Sinn des Lebens). Bis zu einem bestimmten Maße erscheint der einzelne Mensch als Opfer eines staatlichen Räderwerks. Die unterschiedlichen Gesichtspunkte werden gewissermaßen auf einer Linie zusammengefasst und anhand von Begrifflichkeiten wie Gericht und Anklage, die wie Sinnbilder dienen, dargestellt. Dabei gelingt es Kafka, der ‚Geschichte’ auch eine komische Seite abzugewinnen.

Gerade weil sich „Der Prozess“ nicht eindeutig interpretieren lässt, glaube ich, dass Kafka wie zu 3. beschrieben, ursprünglich unterschiedlichste Betrachtungsweisen auf einer Ebene kumuliert. So steht ein ‚Bild’ gleichzeitig für vieles, das Gericht für staatliche Stellen und zugleich für innere Instanzen, und bildet jeweils einen Mantel, der einerseits verhüllt, was unter ihm verborgen ist, andererseits aber auch zusammenführt, was sich eben unter einem Begriff zusammenfügen lässt.

Kafka war ein genauer Beobachter. Ihm entging keine Geste, keine Gebärde. Und er wusste Mimik und Gestik zu deuten und tat dies (daher der hohe Grad an Visualität in seinen Werken), leuchtete bis auf den Grund die menschliche Seele aus – und übersetzte das in einen ‚Code’, der nicht ohne weiteres zu knacken ist.

Das gesamte Werk von Franz Kafka

So nebenbei: Als großer Kafka-Bewunderer habe ich mir auf früheren Reisen ins Ausland, immer ein Buch Kafkas in der Übersetzung der jeweiligen Muttersprache des Landes besorgt. 1990, auf einer Rundreise in Island, fand ich eine Übersetzung des Romans „Der Prozess“ ins Isländische von Ástráður Eysteinsson und Eysteinn Þorvaldsson: Réttarhöldin – Skáldsaga (Bókaútgáfa Menningarsjóðs, 1983 – 293 Seiten). Der isländische Titel lässt sich eher mit dem deutschen Begriff ‚das Gerichtsverfahren’ bzw. ‚das Strafverfahren’ (der Artikel wird im Isländischen an das Substantiv angehängt: Réttarhöld-in) übersetzen. Und ‚ Skáldsaga’ ist der isländische Begriff für Roman (skáld = Dichter – saga zu segja, „sagen, erzählen“ – den Begriff Saga kennen wir ja auch im Deutschen). Hier Anfang und Ende des Romans spaßeshalber auf Isländisch:

Einhver hlaut að hafa rægt Jósef K. því að morgun einn var hann handtekinn án þess að hafa gert nokkuð af sér. (S. 7)

(Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. (S. 7))

En hendur annars mannsins lukust um barka K. á meðan hinn rak hnífinn djúpt í hjartað og sneri honum þar tvisvar. Brestandi augum sá K. hvernig mennirnir, kinn við kinn, þétt upp við andlit hans, fylgdust með úrslitunum. „Eins og hundur!“ sagði hann, það var sem smánin ætti að lifa hann. (S. 277)

(Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. »Wie ein Hund!« sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben. (S. 194))