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Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Tarantinos Inglourious Basterds

Ist die Darstellung von Gewalt faszinierend? Das Massakrieren von Menschen, also rohe Gewalt fand ich immer abstoßend und finde es heute noch mehr. Es gibt aber eine sehr subtile Gewalt, die selbst mich interessiert, mich neugierig macht, weil sie vielleicht körperlich nicht verletzt oder gar tötet, die aber einen Menschen seelisch zerstören kann. Und die Hintergründe, die Psychologie der Bestie Mensch – ein Interesse hierfür ist im Grunde existenziell.

Quentin Tarantino ist ein Regisseur, der für beide Spielarten der Gewalt Interesse zeigt. Und da er geradezu obsessiv Bilder roher Gewalt in Szene setzt, in denen das Blut nicht allein fließt, sondern durch die Gegend spritzt, habe ich bisher bewusst seine Filme gemieden. Okay, Pulp Fiction aus 1994 kenne ich, auch From Dusk Till Dawn, den Tarantino 1996 als Autor bediente. Aber bei Kill Bill – Volume 1 (2003) und Kill Bill – Volume 2 (2004) versagte mein Interesse. Sin City (2005), für den Tarantino als Gastregisseur in einer kurzen Sequenz tätig wurde (nachdem Regisseur Rodriguez die Filmmusik für Tarantinos Kill Bill Vol. 2 (für eine Gage von einem US-Dollar) geschrieben hat, hat Quentin Tarantino in einer Szene Regie geführt (ebenfalls für einen US-Dollar Gage)), diesen Film habe ich zwar noch vorliegen, aber lediglich nur kurz quergeguckt.

Was mir endgültig den Rest gegeben hat, ist die Tatsache, dass Tarantino als ausführender Produzent für die beiden ersten Hostel-Filme (Regie: Eli Roth) zeichnete, für mich kranke Machwerke, deren Folter- und so genannte Goreszenen einfach widerlich sind (in „Hostel 2“ habe ich einmal einen Blick hineingeworfen, das genügte mir auf immer und ewig).

Jetzt liegt Tarantinos letzter Film Inglourious Basterds als DVD vor. In diesem Film arbeitet Tarantino den Nationalsozialismus auf seine ganz eigene Weise auf. Ich habe es gewagt und mir den Film am letzten Wochenende angeschaut:

Kapitel eins: Der Judenjäger Col. Hans Landa (Christoph Waltz) stattet dem französischen Bauern Perrier LaPedite (Denis Menochet), von dem er vermutet, dass er in seinem Haus eine jüdische Familie versteckt, einen Besuch ab. Es gibt leckere Milch zu trinken. Kapitel zwei: Die Basterds, eine Spezialeinheit unter der Führung von Lt. Aldo Raine (Brad Pitt), die hinter den feindlichen Linien Jagd auf Naziskalps macht, hat einen deutschen Soldaten gefangenen genommen. Der Bärenjude genannte Vollstrecker der Truppe, Sgt. Donny Donowitz (Eli Roth, genau: Regisseur der „Hostel“-Filme), klappert schon mit seinem Baseballschläger. Kapitel drei: Der deutsche Kriegsheld und Kinostar Fredrick Zoller (Daniel Brühl) verguckt sich in die hübsche französische Kinobetreiberin Shosanna (Mélanie Laurent). Die ist jedoch Jüdin und wartet nur auf den richtigen Moment, um sich an den Besatzern zu rächen. Dieser scheint gekommen, als Propagandaminister Joseph Goebbels (Sylvester Groth) zustimmt, eine deutsche Filmpremiere ausgerechnet in ihrem Lichtspielhaus zu veranstalten. Kapitel vier: Der britische General Ed Fenech (Mike Myers) entsendet den ehemaligen Filmkritiker Lt. Archie Hicox (Michael Fassbender) nach Frankreich, wo er sich gemeinsam mit den deutschsprachigen Mitgliedern der Basterds, Sgt. Hugo Stiglitz (Til Schweiger) und Cpl. Wilhelm Wicki (Gedeon Burkhard), und der Unterstützung des deutschen Filmstars Bridget von Hammersmark (Diane Kruger), die inzwischen für die Briten arbeitet, in die geplante Premiere schleichen soll. Kapitel fünf: das furiose Finale…

Aus: filmstarts.de


Inglourious Basterds – Deutscher Trailer

Zunächst: Von den 160 Minuten, die der Film dauert, sind 140 den ausgefeilten, aber auch ausufernden Dialogen gewidmet – in den restlichen Minuten spritzt das Blut. Die Darstellung von brutaler, roher Gewalt hält sich also ‚in Grenzen’, macht den Film aber mit Sicherheit für viele ‚ungenießbar’.

Kurze Exkursion: Ich habe einmal ein reales Video über eine Exekution gesehen. Einem Mann wurde der Kopf vom Körper getrennt. Gegen dieses Video ist Tarantinos Gewaltdarstellung Puppentheater. Es stellt sich für mich einfach nicht die Frage, ob rohe Gewalt in einem Film dargestellt werden muss, weil sie auch im wirklichen Leben existiert. Ähnlich wie in Bond-Filmen, die jenseits von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit den Protagonisten erlauben, mit dem Gegner ‚kurzen Prozess’ zu machen, so stehen auch in Tarantinos Film die ‚guten Helden’ jenseits aller Gerichtsbarkeit. Nur ein toter Nazi ist ein guter Nazi, wobei alle Deutschen in Uniform vereinfacht Nazis zu sein haben. Aber selbst wenn dem so wäre, so ist diese Art von Blutschau eher abstoßend. Für mich werden durch solche Filme lediglich kranke Voyeure bedient. Aber das ist schon ein eigenes Thema.

Komme ich zum Film zurück: Es sind zwei Charaktere, die den Film prägen. Zum einen ist es Lt. Aldo Raine – Aldo, der Apache -, Anführer der Basterds. Brad Pitt spielt diese Figur mit viel Coolness. Aber es gibt jemanden, der Pitt ganz gewaltig die Schau stiehlt. Der Österreicher Christoph Waltz, der für seine Rolle als Judenjäger Hans Landa zu Recht mit dem Darstellerpreis in Cannes geehrt wurde und sich wohl auch für die Oscar-Verleihung 2010 einiges an Chancen ausrechnen darf, steht zwar in Sachen Marketing nicht an vorderster Front, fungiert aber als der eigentliche Motor des Films. Er bekommt von allen Darstellern die meiste Leinwandzeit und reißt jede Szene, in der er vorkommt, in Sekundenbruchteilen an sich. Zwar überhöht er seine Rolle bis zum Geht-nicht-mehr (Landas Art ist von einem derart schleimigen Zynismus geprägt, dass einem jedes Mal der Atem stockt, wenn er den Mund aufmacht), aber dennoch verkommt die Figur – im Gegensatz zum vom Theater- und „Tatort“-Star Martin Wuttke verkörperten Hitler – nie zur reinen Karikatur. Eher das Gegenteil ist der Fall: Landa ist ein Soziopath, wie er im Buche steht – er ist hochintelligent, kann Menschen lesen und hat die Lächerlichkeit der Nationalsozialisten längst durchschaut. Er selbst ist keinesfalls ein überzeugter Nazi, vielmehr ist er als eiskalter Analytiker nur Teil der SS, um bei der Judenjagd seine perfiden Mord- und vor allem Machtphantasien bis zum Exzess auszuleben.

Hier geht es um weitaus subtilere Gewalt, auch wenn sie am Ende in Mord und Todschlag endet (dafür hat Landa notfalls seine Chargen). Die Dialoge mit Landa/Waltz und den anderen lassen einem die Haare zu Berge stehen. Es hat geradezu etwas Teuflisches an sich, wie Landa/Waltz seine Antagonisten mit Worten in die Enge treibt. Hier ist Tarantino wirklich meisterlich.

„Inglourious Basterds“ ist auch eine Liebeserklärung an das Kino. In Shosannas Kino läuft gerade „Die weiße Hölle vom Piz Palü“ mit Leni Riefenstahl, dessen Regisseur Georg Wilhelm Pabst auch später immer wieder Erwähnung findet. Und der Showdown findet im gleichen Kino statt, in dem die Nazigrößen von Hitler bis Goebbels den Tod finden. Kino als Instrument gegen Gewalt? Es müssen schon Filmspulen, die leicht entzündbar sind, herhalten, um das Feuer zu entfachen, in dem Hitler und Konsorten im Film ums Leben kommen. Ansonsten mag das Medium Film als Propaganda dienstbar sein, als Mittel gegen Diktatoren taugt es leider weiterhin nur wenig.

Was mich irritiert, sind die vielen Dialoge, in denen es um Spitz- oder Nicknamen, wie man heute sagt, geht. Landa ist der Judenjäger, Aldo ist der Apache, was sowohl etwas zu seiner Abstammung als auch zu seinen Praktiken (Skalpierung) aussagt. Und da gibt es den Bärenjuden, eben jenen Basterd, der seine Opfer bis zur Unkenntlichkeit mit dem Baseballschläger traktiert. Hier verkürzt Tarantino die jeweilige Rolle auf eine Kurzbezeichnung. Solches hat sich eben auch bei uns eingebürgert. Gibt man so dem Grauen einen einprägsamen Namen?

Am Ende des Films sind es nur noch Landa und Aldo Raine, die die Tarintino’schen Massaker überleben. Landa hat einen Deal ausgehandelt. Er ist maßgeblich an dem Tod von Hitler und Co. beteiligt. Dafür bekommt er nicht nur Straffreiheit, sondern wird auch materiell ausreichend entlohnt. Auch ein dicker Orden muss es sein. Das Böse, das dem Guten dient. Eine schreckliche Vorstellung. Aber wir kennen es aus der amerikanischen Politik zur Genüge, in der Diktatoren oft genug hofiert wurden. Aldo, der Apache, mag sich im Namen aller Zuschauer damit nicht abfinden und ritzt seinem Gegner ein Kainszeichen, nämlich ein Hakenkreuz, in die Stirn. Damit will Tarantino gleichzeitig die Zuschauer zu Befürwortern seiner blutigen Phantasie machen, was ihm in den meisten Fällen sogar gelingen sollte.

Tarantinos Film lässt mich ziemlich ratlos zurück. Hätte er die Gewaltszenen auf ein notwendiges Übliches reduziert, so wäre ich begeistert von dem Film. Christoph Waltz als Landa hat den Oscar mit Sicherheit verdient. Aber die rohen Gewaltszenen irritieren mich. Vielleicht soll das so sein. Vielleicht will Tarantino aufzeigen, wohin selbst die subtilste Gewalt führt: in ein Blutbad ohne Ende! Ich sehe allein zumindest die Gefahr, dass ein solcher Film missverstanden und die rohe Gewalt verherrlicht werden könnte.


Der Film im Film: Stolz der Nation (Nation’s Pride)

XXI. Olympischen Winterspiele in Vancouver sind beendet

Goodbye Vancouver – dobro poschalowatj Sotschi! Die XXI. Olympischen Winterspiele in Vancouver 2010 sind beendet. Die nächsten Spiele finden vom 7. – 23. Februar 2014 im russischen Sotschi statt.

Für die deutschen Athleten waren diese Spiele wieder ein Erfolg. Nach Turin 2006, mit 29 gewonnenen Medaillen (11x Gold, 12x Silber und 6x Bronze) und in der Nationenwertung sogar an 1. Stelle, wurden in Vancouver 30 Medaillen (10x Gold, 13x Silber und 7x Bronze) gewonnen, wenn man in der Nationenwertung auch Kanada (14x Gold) oder nach der Anzahl der Medaillen den USA (37) den Vortritt einräumen musste.

Nationenwertung Vancouver 2010

Natürlich gab es einige Überraschungen für die deutschen Sportler, positive wie negative. Positiv war das Abschneiden in den alpinen Wettbewerben der Frauen, negativ das Ergebnis der männlichen Biathleten. Außerdem gab es viele undankbare vierte Plätze, manchmal nur ganz knapp hinter den Medaillenrängen platziert.

Hier noch einmal alle deutschen Medaillengewinner in der Übersicht:

Gold

Eisschnelllauf Frauen Verfolgung (Speed Skating – Ladies‘ Team Pursuit)
BECKERT Stephanie
ANSCHUTZ THOMS Daniela
MATTSCHERODT Katrin
FRIESINGER-POSTMA Anna

Ski Alpin Frauen Slalom (Alpine Skiing – Ladies‘ Slalom)
RIESCH Maria

Ski alpin Frauen Riesenslalom (Alpine Skiing – Ladies‘ Giant Slalom)
REBENSBURG Viktoria

Langlauf Frauen Team Sprint (Cross-Country Skiing – Ladies‘ Team Sprint Free)
SACHENBACHER-STEHLE Evi
NYSTAD Claudia

Bob Männer Zweier (Bobsleigh – Two-Man)
LANGE Andre
KUSKE Kevin

Biathlon Frauen 12,5 km Massenstart (Biathlon – Women’s 12.5 km Mass Start)
NEUNER Magdalena

Ski alpin Frauen Superkombination (Alpine Skiing – Ladies‘ Super Combined )
RIESCH Maria

Rodeln Frauen Einzel (Luge – Women’s Singles)
HUEFNER Tatjana

Biathlon Frauen 10 km Verfolgung (Biathlon – Women’s 10 km Pursuit)
NEUNER Magdalena

Rodeln Männer Einzel (Luge – Men’s Singles)
LOCH Felix

Silber

Langlauf Männer 50 km Massenstart Klassisch (Cross-Country Skiing – Men’s 50 km, Mass Start Classic)
TEICHMANN Axel

Bob Männer Vierer (Bobsleigh – Four-Man)
ROEDIGER Alexander
KUSKE Kevin
PUTZE Martin
LANGE Andre

Langlauf Frauen 4×5 km Staffel Klassisch/Freistil (Cross-Country Skiing – Ladies‘ 4×5 km Relay Classic/Free)
NYSTAD Claudia
GOSSNER Miriam
SACHENBACHER-STEHLE Evi
ZELLER Katrin

Eisschnelllauf Frauen 5000 m (Speed Skating – Ladies‘ 5000 m)
BECKERT Stephanie

Langlauf Männer Team Sprint (Cross-Country Skiing – Men’s Team Sprint Free)
TEICHMANN Axel
TSCHARNKE Tim

Skispringen Mannschaft (Ski Jumping – Team)
NEUMAYER Michael
WANK Andreas
SCHMITT Martin
UHRMANN Michael

Bob Männer Zweier (Bobsleigh – Two-Man)
ADJEI Richard
FLORSCHUETZ Thomas

Langlaug Männer 30 km (15 km Klassisch + 15 km Freistil) (Cross-Country Skiing – Men’s 30 km Pursuit (15 Classic+15 Free))
ANGERER Tobias

Skeleton Frauen Enzel (Skeleton – Women’s)
SZYMKOWIAK Kerstin

Eisschnelllauf Frauen 500 m (Speed Skating – Ladies‘ 500 m)
WOLF Jenny

Rodeln Männer einzel (Luge – Men’s Singles)
MOELLER David

Eisschnelllauf Frauen 3000 m (Speed Skating – Ladies‘ 3000 m)
BECKERT Stephanie

Biathlon Frauen 7,5 km Sprint (Biathlon – Women’s 7.5 km Sprint)
NEUNER Magdalena

Bronze

Nordische Kombination Mannschaft (Nordic Combined – Team/4×5 km CC)
KIRCHEISEN Bjoern
FRENZEL Eric
EDELMANN Tino
RYDZEK Johannes

Biathlon Frauen 4-6 km Staffel (Biathlon – Women’s 4×6 km Relay)
WILHELM Kati
HENKEL Andrea
HAUSWALD Simone
BECK Martina

Biathlon Frauen 12,5 km Massenstart (Biathlon – Women’s 12.5 km Mass Start)
HAUSWALD Simone

Skeleton Frauen einzel (Skeleton – Women’s)
HUBER Anja

Rodeln Männer Doppel (Luge – Doubles‘)
RESCH Alexander
LEITNER Patric

Rodeln Frauen Einzel (Luge – Women’s Singles)
GEISENBERGER Natalie

Eiskunstlauf Paare (Figure Skating – Pairs)
SZOLKOWY Robin
SAVCHENKO Aliona

Schwimmend ins Ziel und von hundertstel Sekunden

Der vorletzte Tag der olympischen Winterspiele in Vancouver wird einigen deutschen Athleten – aber auch den Zuschauern – noch lange Zeit in Erinnerung bleiben: Da geht es um hundertstel Sekunden, die über Medaillen entscheiden – und um eine Bauchlandung, die gerade noch rechtzeitig ins Ziel findet.

Nach Gold im Zweier-Bob konnte André Lange nach einer missglückten Fahrt mit Faststurz in Kurve 13 (50-50 genannt) im zweiten Durchgang doch noch zu Silber im Vierer-Bob vorrücken: Mit einer einzigsten hundertstel Sekunde Vorsprung vor dem Kanadier Lyndon Rush und seiner Crew. Mit vier goldenen und eben dieser einen silbernen Medaille ist André Lange der erfolgreichste Bobpilot aller Zeiten.

Anni Friesinger - bäuchlings ins Ziel

Anni Friesinger-Postma, vielfache Weltmeisterin und Olympiasiegerin, wäre fast zur tragischen Figur beim Team-Wettbewerb der Eisschnellläuferinnen geworden. Im Halbfinale gegen die USA ging ihr die Luft aus, sie konnte mit ihren Teamkolleginnen nicht mehr mithalten, stürzte sogar auf der Zielgeraden – und kam doch noch „schwimmend“ rechtzeitig ins Ziel. Im Endlauf dann gegen starke Japanerinnen sah es bis zur letzten Zwischenzeitnahme nach einem Sieg der Japanerinnen aus – aber Dank der zweifachen Silbermedaillengewinnerin Stephanie Beckert, die ihre Mitstreiterinnen Daniela Anschütz-Thoms und Katrin Mattscherodt (für Anni Friesinger in die Mannschaft gekommen) noch einmal mitriss, siegte das deutsche Frauenteam – wenn auch nur mit der Wenigkeit von zwei hundertstel Sekunden: Der Lauf zur Goldmedaille. So spannend kann Olympia sein!

Wenn die Wildgänse kommen

Wenn man den Zeichen der Natur trauen darf, dann ist der Frühling nicht mehr weit. Gestern zogen innerhalb kürzester Zeit mindestens ein halbes Dutzend Vogelschwärme über Tostedt hinweg in Richtung Nordosten. Die Wildgänse kommen.

Vogelflug über Tostedt

Und damit kommt sicherlich – trotz Regenwetter und weiterhin angekündigter Nachtfröste – der Frühling. Wer hat nicht längst die Nase voll von diesem wochenlangen Winter.


Joan Armatrading – Flight Of The Wild Geese

Das hochaufgelöste Vancouver

Mit dem digitalisierten Abendmahl von Leonardo da Vinci (Der gepixelte Jesus) können die Kunstfotografien eines Eric Dies (von der Größe her) nicht mithalten. Das Abendmahl hat eine Größe von rund 16 Milliarden Pixel, die Fotos von Eric Dies etwa 2,5 Milliarden Bildpunkte. Dafür sind die Fotos strahlend schön in der Gesamtsicht und faszinierend im Detail, die trotz fast beliebiger Vergrößerung immer noch scharf erscheinen.

Eric Deis: Vancouver - Olympisches Dorf und Wettkampfstätten

Sein neuesten Werk – ein grandioser Blick auf das Olympische Dorf und die Wettkampfstätten entlang des False Creek in Vancouver – besteht aus 700 Einzelaufnahmen, fotografiert über 2-3 Stunden, die er dann hinterher am Computer zusammengesetzt hat. Die Auflösung entspricht damit 2,5 Gigabyte, so dass beim Heranzoomen in der Bildergalerie auf Erics Webseite auch noch kleinste Elemente zu sehen sind.

siehe auch zdf.de: Der Gigapixel-Mann von Vancouver

(Fast) unterschlagene Beiträge – Teil 22

EKD-Vorsitzende Käßmann tritt zurück

Auch eine evangelische Bischöfin und Ratsvorsitzende der EKD ist nur ein Mensch und begeht Fehler. Aber es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit: Es kann nicht Wasser gepredigt und Wein getrunken – und dann noch Auto gefahren werden. Als eine wesentliche moralische Instanz in Deutschland hat Frau Käßmann die Konsequenz gezogen und ist von ihren Ämtern zurückgetreten. Dafür mein voller Respekt.

Westerwelle wegen Vortrags-Honoraren in der Kritik

Ach, schon wieder der Westerwelle. Aber mich wundert nichts mehr: Mindestens 36 Vorträge unter anderem bei Firmen der Finanzindustrie sowie der Hotel- und Versicherungsbranche hat sich diese pockennarbige Fratze in der letzten Legislaturperiode üppig honorieren lassen. Jetzt fordert die SPD, er soll die Einnahmen offen legen.

Wie heißt es so schön: Eine Hand wäscht die andere. Die Hotelbranche hat bereits profitiert.

Kür für Olympiasieger: Aus Gold Geld machen

Nach Gold kommt Geld. Dank lukrativer Sponsorenverträge wird für viele Olympiasieger der Weg frei zum Sport-Millionär. Schließlich erhöht sich mit jedem Sieg und jeder Medaille der Marktwert.

Immer mehr Deutsche rutschen in die Privatinsolvenz

Vor allem junge Menschen sind von Pleite und Armut bedroht – das geht aus dem Schuldenbarometer der Hamburger Wirtschaftsauskunftei Bürgel hervor. Insgesamt ist die Zahl der Privatinsolvenzen im vergangenen Jahr um knapp neun Prozent gestiegen und dürfte auch in diesem Jahr weiter steigen.

Löw und die Illusion vom WM-Titel

Während in Vancouver noch die olympischen Winterspiele laufen, beginnen in Deutschland die Vorbereitungen auf die Fußball-WM in Südafrika (11. Juni bis 11. Juli). Nichts soll vor der WM dem Zufall überlassen werden. So mussten die Nationalspieler zu einem dreitägigen Leistungstest nach Sindelfingen, um u.a. Ausdauer, Schnelligkeit und Sprungkraft testen zu lassen. Da für diese Zeit (3-4 Tage) die Spieler in ihren Vereinen nicht zur Verfügung standen, hagelte es einige barsche Kritik – besonders aus Richtung Bayern.

Fußball-Bundestrainer Joachim Löw

Inzwischen gab es erste Verhandlungen, eine Vertragsverlängerung für Bundestrainer Löw und Teammanager Bierhoff betreffend. Beide fordern eine Extra-Prämie in Höhe eines Jahresgehaltes. Der Verhandlungspoker scheiterte aber vorerst und wurde auf die Zeit nach der WM verschoben. Inzwischen hält es der Bundestrainer sogar für möglich, dass sein Vertrag mit dem Deutschen Fußballbund (DFB) nicht verlängert wird.

Aber kommen wir zum eigentlichen Fußball – und zu den Spielern. Da hat es der Bundestrainer zz. mit zahlreichen Baustellen zu tun. Die drei auserkorenen Torhüter präsentieren sich augenblicklich nicht in gerade bestechender Form. Vor allem dem Leverkusener René Adler, dessen Inthronisierung als neue Nummer eins am Mittwoch kommender Woche im Länderspiel-Klassiker gegen Argentinien erwartet worden war, leistete sich in Bremen zum wiederholten Male in dieser Saison einen Anfängerfehler. Besonders augenfällig ist die Baustelle Angriff: Lukas Podolski und auch Miroslav Klose sind weit entfernt von der Leistung, die sie z.B. bei der WM 2006 gezeigt haben. Sicherlich empfehlen sich da der Stuttgarter Cacau mit seinem Viererpack in Köln und der Münchner Shootingstar Thomas Müller mit seinem Treffer in Nürnberg. Aber Cacau hat in der Nationalmannschaft bisher nicht überzeugen können.

Auch im Mittelfeld gibt es einige Sorgenkinder. Bayern-Leihgabe an Leverkusen Kroos könnte im Mittelfeld für Belebung sorgen, wo derzeit nur DFB-Kapitän Michael Ballack vom FC Chelsea und Bastian Schweinsteiger gesetzt scheinen. Thomas Hitzlsperger ist nach seinem Absturz beim VfB Stuttgart auch bei seinem neuen Klub Lazio Rom noch nicht angekommen, Mesut Özil läuft bei Werder Bremen seiner starken Form aus der Hinrunde hinterher und Simon Rolfes wird es nach seiner Knie-OP kaum noch zum Kap der Guten Hoffung schaffen. Ob der Verzicht Löws auf Frings da glücklich getroffen war?

In der Abwehr scheinen bisher nur der Bremer Per Mertesacker und Bayerns Lahm gesetzt zu sein.

Wie auch immer: Selbst wenn vieles wieder ins Lot kommen sollte, so ist die Vorstellung, Deutschland könnte Fußballweltmeister werden, illusorisch. Heute steht nicht einmal der halbe Kader, viele Spieler wissen nicht, ob sie überhaupt nach Südafrika fahren werden. Ein gewisses Konkurrenzdenken mag ja nicht schlecht sein, aber auf Dauer ist es nicht leistungsfördernd – die augenblicklichen Leistungen vieler der potentiellen Nationalspieler sollten das belegen.

Joachim Löw sieht sich gern als Stilist. Aber wie Torsten Frings von ihm abserviert wurde, beweißt keinen großen Stil. Vieles ist für mich nur Augenwischerei. Denn Löw ist ein Zögerer, der Entscheidungen gern vor sich hinschiebt. Ich wünsche ihm und besonders der Mannschaft alles Gute für die bevorstehende WM – aber ich fürchte, dass schon in der Gruppenphase die große Ernüchterung eintreten wird. Die deutsche Mannschaft ist gerade unter Löw nur Mittelmaß. Sicherlich schafft sie es immer wieder, sich in einem wichtigen Spiel enorm zu steigern. Aber von der Weltklasse, wie sie Spanien und Brasilien verkörpern, ist sie weiterhin sehr weit entfernt. Ich lasse mich aber gern eines Besseren belehren.

Wie das Leben so spielt

Mein jüngerer Sohn ist ein Fan von Adam Sandler. Auf jeden Fall guckt er ganz gern Filme mit diesem Schauspieler, der als Comedian begann und dann in diversen Fernsehshows auftrat. Seit 1995 kümmert er sich verstärkt um seine Schauspielkarriere. Heute ist er einer der am besten verdienenden männlichen Schauspielern in Hollywood.

Seine bisher bekanntesten Filme sind Die Wutprobe (Anger Management) aus 2003 mit Jack Nicholson. Ex-Tennisstar John McEnroe hat in dem Film einen Cameo-Auftritt. Das dürfte wohl Sandlers bisher bester Film sein. Es folgten Filme wie „50 erste Dates“ (50 First Dates) und „Spanglish“ aus 2004 und „Leg dich nicht mit Zohan an“ (You Don’t Mess with the Zohan) und „Bedtime Stories“ aus 2008.

Es handelt sich dabei überwiegend um Komödien mit nicht allzu viel Tiefgang. Zum Abschalten und zur bloßen Unterhaltung finde ich die Filme mit Sandler aber ganz okay. Sein neuester Film aus 2009 Wie das Leben so spielt (Funny People) ist jetzt auf DVD Wie das Leben so spielt erschienen:

George Simmons (Adam Sandler) hat es nach ganz oben geschafft. Aus dem einstigen Stand-Up Comedian, der die ganze Ochsentour durch die kleinen und mittleren Clubs überlebt hat, ist ein millionenschwerer Hollywood-Star geworden – mit allem, was dazu gehört: einer Villa in den Hügeln, teurem Spielzeug und natürlich unzähligen weiblichen Fans, die sich ihm bei jeder Gelegenheit an den Hals werfen. Doch nun hat das alles keinen Wert mehr. Sein Arzt hat ihm gerade offenbart, dass er an einer seltenen Blutkrankheit, einer besonders aggressiven Leukämie-Variante, leidet. Ihm bleibt höchstens noch ein, immer wieder von extremen Schmerzen begleitetes Jahr. Angesichts dieser Aussichten hält er es in seinem mit teuren Möbeln und neuesten High-Tech-Geräten vollgestopften, aber menschenleeren Haus nicht mehr aus. Die Erkenntnis niemanden zu haben, keine Freunde und auch keine Frau, trifft ihn letztlich sogar härter als die Diagnose. Also besinnt er sich auf seine Anfänge und tritt noch einmal in einem Comedy-Club auf.

Da nicht nur der Regisseur und die Hauptdarsteller zu Beginn ihrer Karrieren als Stand-up Comedians tätig waren, verarbeitet Wie das Leben so spielt zahlreiche autobiographische Erfahrungen. Regisseur Apatow und Sandler wohnten in einer Wohngemeinschaft zusammen, als sie rund 20 Jahre vor der Arbeit an dem Film selbst regelmäßig im Comedy-Club The Improv auftraten. In dem Film kommen eine Reihe von Comedians in kleinen Rollen oder Cameo-Auftritten vor,

Zunächst: Der Film ist für mich ziemlich Sandler-untypisch – trotz der autobiografischen Bezüge. Er hat keine wirklichen Höhepunkte, fließt dahin (in der Originalfassung fast zweieinhalb Stunden) und ähnelt für mich, ich weiß auch nicht warum, einem Dokumentarfilm. Und am Ende weiß ich nicht, ob ich die Person des George Simmons in irgendeiner Form sympathisch finden soll. Was besonders stört, ist dieses andauernd verbale „Schwanzlutschen“; und eine Person kommt ohne mindestens ein „fuck“ in jedem Satz nicht aus. Soll das etwa cool sein? Überhaupt ist der Film zu sehr amerikanisch, was man darunter auch immer verstehen mag. Für alte Sandler-Fans muss der Film irritierend sein – und vielleicht liegt darin sein eigentlicher Reiz. Es ist ein Film, der an der Oberfläche schwimmt. Und plötzlich gewährt er uns doch etwas, was Sandler-Filmen eigentlich fehlt: Tiefgang, so unverhofft, dass man glaubt, es nur zu träumen. Ist der Film nun eine Komödie oder gar eine Tragikomödie? Oder doch nur Klamauk mit einem etwas derangierten Sandler?

Apropos Ex-Tennisstar John McEnroe (wohl ein alter Kumpel Sandlers): Der Auftritt McEnroes (in „Mr. Deeds“, „Die Wutprobe“ und in „Leg dich nicht mit Zohan an“) scheint ja wohl eine Art Running Gag zu sein. In diesem Film tritt er zwar nicht persönlich auf, dafür wird sein Name mindestens zweimal erwähnt.


Wie das Leben so spielt – Deutscher Trailer

Vancouver 2010: Olympische Stürze

Das olympische Motto „altius, citius, fortius“ (höher, schneller, weiter (eigentlich stärker)) gilt auch bei den Olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver. Es muss möglichst spektakulär sein, sind es nun alpine Abfahrtsläufe oder die Wettbewerbe im Eiskanal.

Nun ist besonders die Eisrinne des Whistler Sliding Centres in Blackcomb Mountain, dort wo neben den Rodelwettkämpfen die Rennen im Skeleton und Bobfahren ausgetragen werden, wohl die schnellste der Welt. Bereits beim ersten Weltcup auf der neuen Bahn stellte der deutsche Rodel-Doppelweltmeister Felix Loch (2008/2009) mit 153,937 Stundenkilometern einen neuen Geschwindigkeitsrekord im Rennrodeln auf. Die Zweierbobs erreichen Geschwindigkeiten, die noch darüber liegen – und von den Vierbobs, die bei den Frauen am Mittwoch und bei den Herren am Samstag mit dem jeweils 4. Lauf entschieden werden, ist zu erwarten, dass sie noch einen Tick schneller sind.

Es ist aber nicht nur die Geschwindigkeit, die die Bahn gefährlich macht und beim Training der Rodler einem Sportler aus Georgien das Leben kostete (Tod im Eiskanal); es ist die Folge der Kurven, die von den Sportlern höchste Konzentration verlangt. Der kleinste Fahrfehler führt unweigerlich zum Sturz. Das gilt besonders für die Kurve 13, die den Namen „50/50“ trägt und die Chance beschreibt, die die Sportler haben, um die Kurve ungeschadet zu durchfahren. Selbst Routiniers haben Probleme mit der Bahn.

Ähnliches gilt auch für die alpine Abfahrtstrecke „Franz’s Run“ der Damen in der Whistler Creekside. Die Strecke ist mit ihren Kurven und durch ihre Länge äußerst schwierig. Viele der Frauen hatten Konditionsprobleme, und wer das Ziel erreichte, war meist völlig ausgepumpt. Die vielen Stürze, die immerhin glimpflich verliefen, sprechen Bände.

Nun, ich will hier nichts madig machen. Besonders die Eisbahn des Whistler Sliding Centres hat sich für das deutsche Team als Goldgrube erwiesen (und die Rennen in den 4er-Bobs stehen ja noch aus). Aber manche Strecke und Bahn hat längst die Grenze überschritten, ab der die Gesundheit der Sportler in Gefahr gerät. Besonders die Verantwortlichen müssen sich fragen lassen, ob hier nicht zu sehr zugunsten des Spektakels entschieden wurde. Olympia ist ein Milliardengeschäft – aber die Sportler und deren Gesundheit stehen weiterhin an erster Stelle.


Vancouver 2010: Olympische Stürze

Videobearbeitung mit dem Schwager

Ja, so ist das mit Freunden und der ‚buckligen’ Verwandtschaft. Die kommen nicht nur auf einen Kaffee oder abends auf ein Bier zu Besuch, nein, die kommen gleich mit einen ganzen Fragenkatalog zu PC, Internet und Videobearbeitung am Rechner. Sicherlich weiß ich einiges und bin gern bereit zu helfen, wen ich helfen kann. Aber alles kann ich natürlich auch nicht wissen. Immerhin konnte ich gestern meinem Schwager aus Bremen etwas weiterhelfen – z.B. in Sachen Videobearbeitung.

Videobearbeitung am PC – 1. Teil
Videobearbeitung am PC – 2. Teil
Videobearbeitung am PC – 3. Teil
SUPER – Video- und Audiobearbeitung

Peter Gabriel: Scratch My Back

Wenn die Herren Rockmusiker in die Jahre kommen, dann tun sie sich zunehmend schwer und versuchen sich immer wieder selbst neu zu erfinden. So Ian Anderson von der Gruppe Jethro Tull, der von Konzert zu Konzert eilt, was seiner Stimme aber – wie hier an anderer Stelle ausreichend diskutiert – nicht gerade gut tut. Ähnlich konzertwütig zeigt sich auch ein anderer Heroe der Rockmusik: Peter Gabriel, der in diesen Tagen 60 Jahre alt wurde. Während Gabriels Stimme zwar rau klingt, aber nicht so ‚neben sich liegt’ wie bei Anderson, zeigen beide Musiker erstaunlich viele Parallelen auf: Beide sind oder waren Frontmann und Gründungsmitglied bekannter Progressive-Rock-Bands, und beide haben späterhin traditionelle, nichtwestliche Musikformen in ihre Kompositionen einfließen lassen.

Während Ian Anderson schon früh auch Überschneidungen der eigenen Musik mit der klassischen Musik beschritt (A Classic Case von 1985, 1993 und 2008 wiederveröffentlicht unter dem Titel The London Symphony Orchestra Plays Jethro Tull unter der Leitung des Ex-Mitglieds David Palmer – oder Ian Anderson Plays the Orchestral Jethro Tull von 2005) feiert Peter Gabriel seinen 60sten Geburtstag mit der Veröffentlichung der CD Scratch My Back (Special Edition) – Lieder im klassischen Gewand – wenn auch nicht die eigenen.

Eigentlich gehört Peter Gabriel nicht zu den Musikern, die die Lieder anderer covern. Aber auf dieser neuen CD ist nicht ein Lied aus der eigenen Feder. Wer nun denkt, Gabriel covert hier nur oder versucht die Lieder anderer ‚neu zu interpretieren’, der kennt Gabriel nicht: Er dekonstruiert die Vorlagen teilweise bis zur Unkenntlichkeit und formt sie zu völlig neuen Klanggebilden. Und weil es sich ein Gabriel niemals einfach macht, gab’s obendrauf noch die Prämisse, dass keine Gitarren und kein Schlagzeug verwendet werden durften. Dafür gestattete sich der Engländer zum Teil üppige Orchesterbegleitungen. Schon der Opener „Heroes“ (von David Bowie) offenbart eindringlich, dass Peter Gabriel überhaupt kein Interesse an einer dem Original angemessenen Neufassung hatte.

Bowies ebenso energische wie letztlich romantische Vision vom Widerstand gegen Stacheldraht und Mauer in Ostberlin wird bei Gabriel zum wehmütigen Abgesang an den Sturm und Drang der Jugend. Hier singt ein alter, vom Leben schwer gezeichneter Mann von einstigen schwärmerischen Illusionen. Er kann sich noch daran erinnern, aber diese Zeiten sind wie eben auch bei Ian Anderson längst vergangen.

Seine Vergangenheit, die ihn von Art- und Progressiv-Rock zu Pop und World Music führte, spielt so auf dieser Scheibe auch kaum eine Rolle. „Scratch My Back“ wurde mit verschiedenen Chören und Orchestern eingespielt, wobei sich Gabriel beim Arrangieren seiner sehr persönlichen Versionen unter anderem von John Metcalfe (The Durutti Column) unterstützen ließ. Zum Schmunzeln ist der Titel, denn Gabriel dreht den Ausspruch „You scratch my back and I’ll scratch yours“ um – etwas einseitig als „Eine Hand wäscht die andere“ zu übersetzen-, ist doch geplant, dass alle hier gecoverten Gruppen bzw. Solokünstler sich nun mit Covern aus Gabriels Fundus revanchieren wollen. Die schwermütig und getragenen, manchmal dramatischen Lieder in Moll, in den die Streicher Trauer tragen, sind jedenfalls sehr eigenwillig und gelungen. Mit seiner prägnanten Stimme entführt Peter Gabriel die Stücke

„Heroes“ (David Bowie)
„The Boy In The Bubble“ (Paul Simon)
„Mirrorball“ (Elbow)
„Flume“ (Bon Iver)
„Listening Wind“ (Talking Heads)
„The Power Of The Heart“ (Lou Reed)
„My Body Is A Cage” (Arcade Fire)
„The Book Of Love” (Magnetic Fields)
„I Think It’s Going To Rain Today” (Randy Newman)
„Après Moi” (Regina Spektor)
„Philadelphia” (Neil Young)
und „Street Spirit (Fade Out)” von Radiohead

in eine sehr emotionale, sehr persönliche Welt. Einen einzelnen Song herauszunehmen, hieße das Ganze auseinander zu reißen, denn das Album mit seinen stark kontrastierten Versionen kennt kaum Höhen und Tiefen, es ist ein Werk im Fluss.

Obwohl ich nie ein großer Fan von Genesis und Peter Gabriel war und bin, so gefällt mir diese CD doch ausgesprochen gut. Ich muss gestehen, dass ich nur wenige der Originalfassungen der Lieder kenne und so schlecht vergleichen kann. Aber das ist auch gar nicht nötig. Die „dekonstruierten“ Fassungen von Gabriel klingen für sich:


Peter Gabriel -Heroes (David Bowie)

Weitere Lieder: Peter Gabriel – Listening Wind (Talking Heads)Peter Gabriel – The Book Of Love (Magnetic Fields) — alle weiteren Lieder siehe YouTube-Account von JonasOceansize