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Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Anspruch und Wirklichkeit

Der 12. Spieltag in der Fußball-Bundesliga ist absolviert und die Tabelle wartet mit einigen Überraschungen auf. Fange ich mit den Bayern an, die sich wohl kaum haben träumen lassen, nach einem Drittel der Saison nur auf Platz neun zu stehen. Okay, vom Zweiten der Liga trennen die Münchener gerade einmal drei Punkte. Aber was interessieren sich die Bayern für den zweiten Platz. Zum ersten sind es dann schon sechs Pünktchen.

Was ist los mit den Bayern? Mit van Gaal haben die Obersten des Vereins ihren ‚Wunschtrainer’ und Franck Ribéry konnte gehalten werden (noch). Und mit Investitionen in Höhe von über 70 Millionen Euro für Spieler wie Pranjic, Tymoshchuk, Arjen Robben und Mario Gomez (der allein kostete 30 Millionen) liegt Bayern München auf europäischen Spitzenniveau. Aber von Spitze, national wie international, keine Spur. In der Champions League droht bereits in der Gruppenphase das Aus. Ich will hier nicht analysieren; das können andere besser. Den Bayern wurde von unabhängiger Stelle bescheinigt, dass sie finanziell gesehen ein absolutes Topmanagement haben. Aber wie sieht es auf der psychologischen Seite aus? Sicherlich ist es nicht ganz richtig, wenn ein Spieler wie Philipp Lahm in aller Öffentlichkeit schonungslos Kritik übt – sowohl am Management, sprich an der Personalpolitik, als auch am Spielsystem. Aber man tut sich keinen Gefallen daran, wenn man Lahm mit der höchsten Geldstrafe der Vereinsgeschichte belegt. Auch Luca Toni, der das Stadion nach seiner Auswechslung fluchtartig verlassen hatte, bekam den Zorn der Vereinsführung zu spüren. Lahm hat noch vor kurzem seinen Vertrag verlängert, dabei wollte er gern ins Ausland (z.B. zu Real Madrid) gehen. Dieser Wunsch dürfte jetzt wieder aufflammen.

Mir ist es eigentlich gleich, was mit den Bayern los ist; zz. dienen sie auf jeden Fall als abschreckendes Beispiel für Management und Spielkultur – wie man es nicht machen sollte.

Komme ich so auf den SV Werder Bremen zu sprechen. Vor einem Jahr krebsten die Bremer auch in etwa dort herum, wo die Bayern jetzt sind, sie waren 10. wie auch am Saisonende. Natürlich wurde man damals bei Werder kribbelig. Aber man hat die Ruhe bewahrt. Und trotz des Abgangs von Diego – ist Werder jetzt Tabellenzweiter. Natürlich läuft auch bei den Bremern nicht alles rund. In den letzten Pflichtspielen hatte man viel Glück (der 2:0-Sieg gegen Austria Wien in der UEFA Europa League kam äußerst glücklich zu Stande – und das 2:2 in Nürnberg, in letzter Sekunde erzielt, zeugt von viel Dusel). Aber manchmal gehört auch das dazu, wenn man oben mitspielt.

Was macht den Unterschied zum Vorjahr bei Werder aus? Zunächst hat Trainer Thomas Schaaf etwas am System gedreht. Rehhagels „kontrollierte Offensive“ mit verstärktem Mittelfeld bringt hinten mehr Entlastungen. Dann sind es aber auch die Spieler selbst: Mesut Özil ist aus dem Schatten von Diego getreten, spielt eine Supersaison, wenn es zuletzt auch etwas weniger gut lief. Es ist jung und muss erst einmal mit der Hype um seine Person klarkommen. Ähnliches ist von Marko Marin und Aaron Hunt zu vermelden. Marin hat sich ziemlich gut in die Mannschaft eingefügt. Und Aaron Hunt, endlich einmal nicht von Verletzungen geplagt, zeigt, was er drauf hat. Da ist die Nominierung für die Nationalmannschaft kein Wunder (immerhin ist auch der englische Nationaltrainer Fabio Capello auf Hunt aufmerksam geworden – Hunts Mutter ist Engländerin, er könnte also auch für England spielen).

BL 2009/10 12. Spieltag Werder Bremen - Borussia Dortmund (Aaron Hunt)

Aber auch Spieler wie Tim Wiese, Frings, Pizarro und Sebastian Boenisch (um Letzteren wirbt zz. sehr intensiv der polnische Nationaltrainer, Franciszek Smuda. Boenisch wurde in Polen geboren und könnte trotz der 20 Nachwuchs-Länderspiele für Deutschland für Polen in der A-Mannschaft spielen) zeigen konstant gute Leistungen (leider sind Frings und Pizarro im Augenblick verletzt, was vielleicht auch dafür spricht, dass das Spiel der Bremer zuletzt etwas aus den Fugen geraten ist).

Im Gegensatz zu van Gaal scheint mir Thomas Schaaf seinen Spielern immer noch so etwas wie Spielfreude abzugewinnen. Bei Werder ist alles etwas kleiner als bei den Bayern – übersichtlicher und familiärer. Dafür sorgt schon Thomas Schaaf, der so etwas wie eine kumpelhafte Vaterfigur abgibt. Vor allem schenkt er seinen Spielern Vertrauen (wie im Fall Marin, den er immer wieder von Anfang an spielen lässt) im Gegensatz zu van Gaal (Gomez sitzt zz. mehr auf der Bank als er spielt). Geld allein regiert nicht die Fußball-Welt. Was nützen den Bayern 4 oder 5 Mittelstürmer, wenn es in der Abwehr hapert.

Für den SV Werder Bremen kommt die Länderspielpause gerade recht, auch wenn viele Spieler für ihre Nationalmannschaften nominiert sind (Wiese, Özil, Mertesacker, Marin und Hunt allein für die deutsche A-Mannschaft). Die vielen englischen Wochen der letzten Zeit nagen schon an der Substanz. Immerhin Zeit für Frings und Pizarro, um von ihren Verletzungen rechtzeitig zu genesen.

Ist das Team wieder vollständig, dann sollte es auch wieder zu alter Spielstärke zurückfinden. Und dann dürfte Werder Bremen auch weiterhin in der Liga oben mitmischen. Aber freuen wir uns erst einmal auf den Einsatz von Wiese und Co. im Freundschaftsländerspiel gegen Chile in Köln am Samstag, den 14. November. Am Mittwoch, den 18. November, geht es dann in Gelsenkirchen gegen die Elfenbeinküste, die sich bereits wie Chile für die WM 2010 qualifiziert haben.

Nachtrag: Der 13-malige englische Meister FC Arsenal soll an einer Verpflichtung von Mesut Özil interessiert ist. Wie der „Daily Star“ berichtete, wollen die Gunners für den Mittelfeldspieler von Werder Bremen im Sommer 17 Millionen Euro Ablöse zahlen, um sich dessen Dienste zu sichern. Arsenals Teammanager Arsene Wenger soll Özil als Wunschkandidaten auf der Liste haben. Der Klub aus London rechnet damit, dass in der Sommerpause der Spanier Cesc Fabregas zum FC Barcelona in seine Heimat zurückkehrt. Özil soll dann dessen Rolle einnehmen.

Der 21-jährige Özil, der bei Werder noch bis 2011 unter Vertrag steht, hat bislang sechs Länderspiele bestritten. Bremens Manager Klaus Allofs würde den Kontrakt mit dem U21-Europameister gerne verlängern, bislang konnte aber keine Einigung erzielt werden.

Als die Mauer fiel

Zwanzig Jahre ist es jetzt wieder her, als die Berliner Mauer fiel. Ich hatte kurze Zeit zuvor einen neuen Job angetreten, einen befristeten Aushilfsjob, der später dann eine Festanstellung wurde. Natürlich bekam ich die Ereignisse in der DDR mit, die Montagsdemonstrationen, die dem SED-Regime kundtaten: „Wir sind das Volk!“ Gorbatschow lenkte seit dem 11. März 1985 als Generalsekretär der KPdSU die Geschicke der Sowjetunion und sorgte mit Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umstrukturierung) für einen schnellen Wandel. In Ost-Berlin wollte man davon zunächst nichts wissen und feierte dafür mit großen Aufmarsch den 40. Jahretag der Staatsgründung der DDR.


Vor 20 Jahren: Der Fall der Berliner Mauer

Um so überraschender dann die Meldung, dass die Grenzen zum Westen geöffnet werden. Ich hörte davon im Radio auf der Arbeit in Hamburg. Zuhause verfolgten wir die weiteren Ereignisse dann im Fernsehen. Der 9. November 1989 war ein Donnerstag – und einen Tag später fuhr ein Trabi Wartburg aus der Gegend von Meißen in Tostedt vor mit Verwandten meiner späteren Frau (eine entfernte Cousine mit ihrem Mann und ein Onkel). Diese hatten einfach frei genommen und waren mit dem Auto losgefahren. Sie hatten sich am Vortag angekündigt – und ich war mit meiner späteren Frau am Samstagmorgen nach Tostedt mit der Bahn angereist. Eigentlich kannten wir sie nicht näher, aber wir fielen uns in die Arme wie Geliebte, die sich lange nicht mehr gesehen haben. Es war eine Triumphfahrt durch Tostedt mit dem Wartburg, alle Leute winkten uns zu. So etwas hatte ich bisher noch nicht erlebt.

Den Jahreswechsel von 1989 auf 1990 feierten wir dann bei dem jungen Paar in Sachsen. Dazu flogen wir von Hamburg aus mit der DDR-Fluggesellschaft Interflug nach Dresden, wo uns die Verwandten abholten. Es wurde ein feucht-fröhlicher Jahreswechsel.

Siehe auch zdf.de: Wo warst du, als die Mauer fiel? (mit Facebook-Posts)

Bald nach dem 9. November wurde aus dem Ruf „Wir sind das Volk!“ ein „Wir sind ein Volk!“. Nur war ein Wort anders, aber mit großer Wirkung, wie wir heute wissen.

Neues aus Ians Werkstatt?

Wer fürs Weihnachtsfest sich oder seine Lieben mit Werken von Ian Anderson und dessen Gruppe Jethro Tull eindecken will, wird einiges alte „Neue“ auf dem Markt finden. Die eigentliche Frage bleibt: Gibt es in absehbarer Zeit wirklich einmal etwas Neues aus Ian Andersons Werkstatt?

Einiges deutet darauf hin, denn bei den letzten Konzerten spielte der Meister einige Titel, die bisher auf keinem Album zu finden sind. So geschehen am 13. Oktober d.J. im Beacon Theater in New York City. Mitstreiter waren dort neben dem deutschen Gitarristen Florian Ophale und den Bandmitgliedern John O’Hara und David Goodier der farbige Schlagzeuger Mark Mondesir und die Violinistin Meena Bhasin. Mondesir kommt eigentlich aus der Jazz-Szene und hat u.a. mit Größen wir Ian Carr, John McLaughlin und Larry Coryell zusammengespielt.

Es sind zwei Stücke, die neu sind: Tea with the Princess und Change of Horses.

Neues aus Ians Werkstatt?

Der instrumentale Part der Stücke überwiegt, was auch besser so ist – angesichts Ian Andersons Stimme. Alles klingt nicht schlecht, hat aber mit Jethro Tull nach meinem Geschmack nichts mehr zu tun. Es erinnert mich u.a. am die niederländische Gruppe Flairck, die schließlich auch mit Flöte, Geige und Akustikgitarre aufwartet – allerdings ohne E-Bass und Schlagzeug.

Einen großen Teil nimmt bei diesen beiden Stücken „the German Instrument of Hell“, wie Ian Anderson es einmal nannte, ein: The Squeezy Thing resp. die Quetschkommode, also das Akkordeon.

Es sind wohl noch einige neue Stücke mehr, die Ian Anderson, je nach Lust und Laune, bei Konzerten aufführt. Wann diese aber zusammen als ein neues Album auf den Markt kommen, steht weiterhin in den Sternen. Wie gesagt: Nach Jethro Tull klingen diese Lieder lange nicht mehr – sollte es also ein neues Ian Anderson-Soloalbum werden? Wenn überhaupt – und eben wann?

Übrigens: In dem neuen Stück „Change of Horses“ zitiert sich Anderson musikalisch selbst. Man hörte einmal in „In the Times of India (Bombay Valentine)“ von dem Soloalbum „Divinities“ hinein – so um die sechste Minute – das ist zwar etwas flotter dort und anders arrangiert – aber es ist das Gleiche.

Der Witzableiter (14): Pointen, die sich verdrückt haben

Fortsetzung von: (13): Ein Spiel mit doppelten Böden

In der Kolumne „Der Witzableiter“ von Eike Christian Hirsch, die 1984 im ZEITmagazin erschien, geht es heute im 14. Teil um Auslassungen, also um fehlende Teile, die intuitiv ergänzt werden müssen, um einen Witz zu verstehen. Mancher ist dabei schon auf der Strecke geblieben, weil er die Pointe verpasst hat.

Müller geht an Krücken. „Verkehrsunfall“, sagt er. „Schrecklich!“ ruft sein Kollege aus, „ohne Krücken können Sie nicht gehen?“ „Weiß nicht“, sagt Müller, „mein Arzt sagt ja, mein Anwalt nein.“ Das ist nicht ganz leicht zu verstehen. Leider sind diesmal Witze dran, die einen ganzen Gedankengang auslassen.

Eine auffallend attraktive Frau kauft in einer Pariser Parfümerie ein Eau de Toilette und bezahlt mit einem Fünfhundert-Franc-Schein. „Bedauere“, sagt die Dame an der Kasse, „der Schein ist nicht echt.“ „Dann hat man mich“, sagt die Frau, „eben vergewaltigt.“ Ein bißchen Lebenserfahrung gehört wohl zum Verstehen dieser Witze dazu. Schließlich muß der Witzhörer die Auslassung mit eigenen Kenntnissen überbrücken. „Wünschen die Herrschaften noch etwas?“ fragt der Hoteldiener, nachdem er das Gepäck des Paares abgesetzt hat. „Danke, nein“, sagt der Mann. „Vielleicht noch etwas für die Frau Gemahlin?“ „Ach ja, das ist eine Idee“, sagt der Mann, „bringen Sie mir eine Postkarte.“

Der Soziologe Helmuth Plessner hat diese Technik als „witzige Prägnanz“ bezeichnet, die einen ganzen Gedankengang übergeht und zu „einer verschwiegenen Mehrdeutigkeit“ führt. Als Beispiel zitierte er selbst den Stoßseufzer eines Berliner Zoobesuchers angesichts einer Giraffe: „So ’n Hals und denn ’n Kümmel!“ Diese Auslassung kann man wohl deshalb recht leicht verstehen, weil es sich um einen Einfall aus den Tiefen des Gemüts handelt.

Verschlüsselter ist schon ein Ausspruch, den Sigmund Freud als Beispiel für eine Auslassung zitiert. Sie stammt aus der Festschrift eines Wiener Künstlerballes. Auf Hochdeutsch etwa: „Eine Frau ist wie ein Regenschirm. Man nimmt dann doch die Droschke.“ Das muß ich wohl erläutern. Es fehlt der Zwischensatz „wenn es regnet“ und am Schluß die Gleichsetzung Droschke/Dirne. Das ist Doppelsinn aus der Zeit der doppelten Moral. Uns kommt es heute zu rätselhaft vor.

„Warum bist du eigentlich nie Soldat gewesen?“ „Keine Ahnung. Dabei habe ich bei jeder Musterung mit dem Stabsarzt sogar um tausend Mark gewettet, daß ich tauglich bin. Aber immer vergeblich.“ Hier spürt man, finde ich, deutlich die Verwandtschaft von Witz und Rätsel. Als Rätsel würde der Gedanke wohl lauten: „Wie kann man eine Musterung mit Geld beeinflussen, ohne zu bestechen?“ Der Unterschied besteht darin, daß ein Rätsel die Einzelteile gibt und nicht das Ergebnis, während der Witz das Ergebnis (hier: Wette) gibt, aber uns ein fehlendes Teil intuitiv ergänzen läßt.

Witzableiter (14)

„Einer aus meiner Klasse“, erzählt der Sohn seinem Vater, „hat behauptet, ich sähe dir ähnlich.“ „So, so“, sagt der Vater, „und was hast du ihm geantwortet?“ „Nichts“, sagt der Sohn, „er ist stärker als ich.“ Das ist so ziemlich das Komplizierteste, was ein Witzhörer heute noch hinnimmt. Früher scheint das anders gewesen zu sein. Jean Paul zitiert 1804 eine Anekdote, deren Knappheit er besonders gelungen findet:

Ein römischer Kaiser fragte einen Fremden, über die Familienähnlichkeit spottend: „War deine Mutter nicht in Rom gewesen?“ – und dieser versetzte: „nie, aber wohl mein Vater.“ Heute ist dieser Witz schon deshalb unverständlich, weil man sich mit hochgestellten Herrschaften nicht mehr so auskennt. Es geht hier – wenn beide Männer Halbbrüder sind – um die Frage, wessen Mutter dann das uneheliche Kind hatte. Etwas verzwickt. Dennoch zitieren diesen Witz, leicht modernisiert, noch Sigmund Freud und Arthur Koestler als Vorbild für eine gelungene Auslassung.

„Ich habe mich gestern mit meinem Mann gestritten.“ „Und wer hat gewonnen?“ „Der Juwelier.“ Das ist doch wenigstens auf Anhieb zu begreifen, auch wenn hier ebenfalls viel ausgelassen worden ist. Aber das Ende ist bekannt („Der Juwelier“), und die Lücke schließen wir intuitiv.

Eine amerikanische Fluggesellschaft bot in einer Werbeaktion allen Ehefrauen an, ihre Männer auf Geschäftsreisen zu begleiten – zum halben Preis. Später wurden alle Frauen, die das Angebot genutzt hatten, schriftlich gefragt, wie ihnen die Reise gefallen habe. Die Antworten lauteten alle gleich: „Welche Reise?“

Es ist weniges so peinlich wie der Augenblick, da man zugeben muß, als einziger nicht mitlachen zu können, weil man die Pointe verpaßt hat. Beim Rätsel darf man scheitern, einen Witz aber muß man sofort mitkriegen, oder man hat verspielt. Man hat schon deshalb verspielt, weil man später nicht mehr lachen kann, wenn die Suche zu mühsam gewesen ist.

Hier blamiert sich hoffentlich nicht der geneigte Leser, sondern nur die dritte Dame, die unfreiwillig ein Geheimnis preisgibt: An einem heißen Sommertag gehen drei Damen in der Anlage ihres Tennisclubs spazieren. Plötzlich geraten sie an einen Mann, der nackt im Gras liegt und, um nicht erkannt zu werden, schnell sein Gesicht bedeckt. Da sagt die eine Dame: „Im ersten Moment dachte ich, es sei mein Mann, ist er aber nicht.“ „Das hätte ich dir gleich sagen können“, meint die zweite. Die dritte Dame sieht noch mal kurz hin und sagt dann: „Der ist überhaupt nicht aus unserem Tennisclub.“

Eike Christian Hirsch – Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)
aus: ZEITmagazin – Nr. 41/1984

[Fortsetzung folgt]

Lob des Aufenthalts im Freien – ein PER

Vorbemerkung: Manchmal entscheidet der Anfang eines Romans darüber, ob wir das Buch zu Ende lesen oder nicht. Manche Romane sind geradezu bekannt für ihren Beginn. Mancher Schreiberling und Schriftsteller ist aber über den Start einer Geschichte, ob sie nun als Kurzerzählung oder Roman enden sollte, nicht hinausgekommen. Andere schreiben Romananfänge und nur diese. Die weitere Geschichte interessiert sie nicht.

Ich versuche mich hier an einer neuen Gattung der Prosa und nenne es „plötzlich endender Roman“ (PER), neu-deutsch: „suddenly ending novel“ (SEN), weil’s so schön klingt, wobei ein Hauptmerkmal auf eine möglichst längere Einleitung wie bei einem Romananfang liegt. Die Einführung soll dem Leser suggerieren, dass es eine lange Geschichte werden könnte, die da erzählt wird. Möglichst viele Handlungsstränge werden miteinander verwoben, alles spielt vielleicht auf verschiedenen Zeitebenen (Rückblenden sind bestens geeignet). Aber nach bereits einer Seite soll dann der Paukenschlag kommen: das plötzliche Ende … Schluss und vorbei!

Also wie ein Aufsatz ohne Hauptteil, nur mit Einleitung und Schluss. Wichtig ist vielleicht auch der Titel eines PERs, der möglichst abstrus sein sollte, um den Leser schon hier in die Irre zu führen.

Von meinem ersten PER (ach wie schön können Abkürzungen sein) erhebe ich keinerlei literarischen Anspruch. Die neue Gattung muss erst noch wachsen. Auch gestehe ich, dabei einfach ‚drauflos’ geschrieben zu haben – und dass mir zunächst ‚etwas ganz anderes’ vorschwebte. Vielleicht ist dieses intuitive Schreiben eines der Kennzeichen des PERs.

Der Bruch in der Geschichte, die Stelle, die das plötzliche Ende einleitet, ist sicherlich sehr klischeehaft (ein Vorhang, der zerreißt) – und das Ende ist eher ordinär. Aber, ich hoffe, das tut dem Ganzen keinen Abbruch. Hier also mein erster PER, plötzlich endender Roman:

Lob des Aufenthalts im Freien

Leisen Schrittes erstieg er den Gipfel, der ihn eine weite Sicht über die anderen Berge eröffnete. Nie zuvor war er so hoch gestiegen, noch nie blickte er so frei auf das Land seiner Ahnen. Die Milch im Sack war sauer geworden, aber er mochte Saures – und war schon allein der Windzug erfrischend, so schmolz die Flüssigkeit wie Eis in seiner heißen Kehle. Das tat gut. Der Aufstieg hatte ihn durstig gemacht. Und Hunger verspürte er nun auch. Appetit kommt beim Essen oder hier beim Trinken. Das Brot war schimmelig, aber mit dem Messer kratzte er die fauligen Stellen wie eine Wunde sauber, brach sich erst ein Stück mit den Fingern heraus, steckte es in den Mund, und biss dann Stück für Stück aus dem Brot wie ein Wolf das Fleisch aus dem Körper seines Opfers.

Sein Blick war auf einen Punkt in der Ferne gerichtet. Das musste das Gehege sein, in dem der Hirt am Abend seine Schafe zur Nachtruhe treibt. Hier hatte er vor zwei Tagen Quartier zwischen den warmen Körpern der Tiere und nach einem langen Fußmarsch tiefen, traumlosen Schlaf gefunden. Der Hirt hatte ihm am nächsten Tag mit Milch und Brot versorgt. Geld wollte er dafür nicht. Ein Handschlag zum Abschied genügte ihm.

Jetzt stand er also hier oben, nagte am Brot und trank von der sauer gewordenen Milch. Er musste plötzlich an den Bauern denken, der ihn von seinem Hof gescheucht hatte. Mit Herumtreibern, die nur von der Hand in den Mund leben, die vielleicht das Vieh schänden, wollte dieser nichts zu tun haben. Dabei suchte er nur eine Unterkunft für eine Nacht in dem Stroh der Scheune. Einmal ein Dach über dem Kopf haben, nur das wünschte er sich.

So war der Himmel seit Tagen sein Dach in der Nacht.

Vor genau zwei Wochen war er mit der Fähre auf diese Insel gekommen. Im Gepäck, das jetzt in der Hauptstadt in seinem Hotelzimmer auf dem Bett lag, waren die Briefe, die sein Bruder ihn nach Übersee geschrieben hatte, zurückgeblieben. Dieser hatte ihn gebeten, so schnell wie möglich hierher auf die Insel zu kommen. Der Grund war ihm nicht ganz klar. Es sollte aber um viel Geld gehen.

Als er vor 14 Tagen die Reling der Fähre hinabstieg, sein Blick suchte den Bruder auf dem Kai, überkam ihn ein unbeschreibliches Gefühl. Von diesem Hafen aus war er vor mehr als zwölf Jahren in die Welt aufgebrochen. Hier hatte er Kindheit und Jugend zurückgelassen, um in einem fernen Land sein Glück zu suchen.

Als er auf dem Kai stand, den Koffer mit den wenigen Sachen und mit den Briefen des Bruders in der Hand, war von diesem nichts zu sehen. Urplötzlich breitete sich Panik in ihm aus. Warum war sein Bruder nicht da, der ihn doch ausdrücklich von der Fähre abholen wollte? Er versuchte sich zu beruhigen. Der Bruder war sicherlich aufgehalten worden und wird in wenigen Augenblicken mit lachenden Gesicht vor ihm stehen und begrüßen. Als aber auch nach einer vollen Stunde kein Bruder zu sehen war, stieg dieses von ihm so bekannte Gefühl von existenzieller Angst erneut und in voller Wucht in ihm auf.

Hier oben auf dem Gipfel erschien ihn seine Ankunft auf dieser Insel wie ein Traum, eher ein Alptraum, an den man sich plötzlich wieder erinnert, der aber schon Monate zurückliegt. Als der Bruder auch nach einer weiteren Stunde nicht erschienen war, suchte er in der Nähe nach einem Taxi. –

Er stand vor einem völlig verwahrlosten Haus und fragte noch einmal den Taxifahrer, ob das wirklich die Straße wäre, die der Bruder in seiner Adresse angegeben hatte. Straße und Hausnummer stimmten. Völlig ratlos betrat er das Grundstück. Die Pforte war nur angelehnt, der in Stein gefasste Weg zum Haus überwuchert von Unkraut. Es war schon nicht mehr Panik, was ihn beschlich. Es war eine Faust, die sein Herz umklammerte. Sein Atem stockte.

Die Sonne begann zu brennen. Obwohl es auf dem Gipfel des Berges kalt war, fing die Sonne an, ihn zu wärmen. Sein Gesicht rötete sich. In diesem Augenblick zerriss der Vorhang. Vor ihm stand sein Bruder und fasste ihm am Arm. Wie benommen blickte er auf.

„Wach endlich auf, du Schlafmütze! Es wird Zeit für uns. Ich kann nicht länger warten.“

Was gibt es Beschisseneres als diesen Traum, als diesen Traum im Traum. „Mach die Fliege, ich will noch eine Runde schlafen!“

Altes „Neues“ von Jethro Tull (4)

Es weihnachtet sehr … Und da darf Ian Anderson & Co. nicht fehlen, wenn es darum geht, Kasse zu machen. Erstaunlich ist es, wie der Meister mit neuen Scheiben und Konzerten in der Vorweihnachtszeit aufwartet.

Zunächst noch einige Worte zum letzten Produkt: Jethro Tull live at Madison Square Gardens 1978 DVD/CD. Die ersten Videobilder, die ich von einem Live-Konzert von Jethro Tull kenne, stammen aus diesem Konzert. So hatte ich nun mit dieser DVD wirklich gehofft, endlich die supertollen Aufnahmen käuflich zu erwerben. Nicht dass ich enttäuscht bin, aber wirklich glücklich bin ich eben auch nicht. Das mag auch an dem amerikanischen Farbübertragungssystem für Fernsehsignale NTSC liegen, das nicht die satten Farben wie das PAL-System hatte. Auch der Ton, sosehr daran geschraubt wurde, ist nicht ganz so sauber wie gewünscht.

Aber kommen wir zu dem, was jetzt den Jethro Tull-Fan und Käufer Neues (altes „Neues“) erwartet. Vom Auftritt der Gruppe beim AVO Session Festival in Basel/Schweiz hatte ich berichtet (Jethro Tull live in Basel/Switzerland 2008 bzw. AVO-Session-Night: Jethro Tull). Am 13. November ist das Konzert als DVD erhältlich: Jethro Tull – Live at Avo Session 2008

Instrumental sicherlich ein schönes Konzert (gesanglich die bekannte Katastrophe), aber für mich kein Muss, zudem ich die Aufnahmen, wenn auch nicht in DVD-, so doch in halbwegs ansehnlicher Qualität vorliegen habe (und bei YouTube die Videos zu sehen sind).

Das Weihnachtsfest übt auf Herrn Anderson wohl eine besondere Affinität aus. Früher wäre er gut als Weihnachtsmann durchgegangen (mit Rauschebart und langer Matte). Das Christmas-Album kennen wir ja. Jetzt kommt dieses Album am 27. November als Doppel-CD zusammen mit dem Live-Auftritt in der St Bride’s Kirche in der Fleet Street in London vom 22.12.2008 heraus (damals wohlweißlich aufgenommen – zur späteren kommerziellen Verwendung): The Christmas Album+Live Christmas at St. Brides.

Ian Anderson wünscht Frohe Weihnachten

Die Einnahmen des so genannten ‚Jethro Tull Christmas Carol Service‘ (2006 zum 1. Mal veranstaltet – ist also schon fast Tradition); kamen der St Mungo’s charity for the homeless (Stiftung für Obdachlose) zugute.

Hierzu die Setlist der 2. CD:

1. Weathercock
2. Introduction: Rev. George Pitcher/Choir: What Chee
3. A Christmas Song
4. Living In These Hard Times
5. Choir: Silent Night
6. Reading: Marmion by Ian Anderson (aus Sir Walter Scott’s “Marmion”- Dichtung in sechs Gesängen (A Tale of Flodden Field in six Cantos))
7. Jack In The Green
8. Another Christmas Song
9. Reading: God?s Grandeur by Gavin Esler
10. Choir: Oh, Come All Ye Faithful
11. Reading: The Ballad Of The Breadman by Mark Billin
12. A Winter Snowscape
13. Reading: Christmas by Andrew Lincoln
14. Fires At Midnight
15. We Five Kings
16. Choir: Gaudete
17. God Rest Ye Merry Gentlemen / Thick As A Brick

Dem ist noch nicht genug: Ian Anderson plays The Christmas Jethro Tull an fünf Abenden in Deutschland, die Tickets ab 38,60 € (in Berlin einheitlich 68,15 €). Mit dabei sind (sollen sein): Pete Riley (Schlagzeug), Meena Bhasin (Violine) und der deutsche Gitarrist Florian Opahle:

München – Herkulessaal der Residenz München – 01.12.2009
Berlin – Passionskirche Kreuzberg – 02.12.2009
Hannover – Theater am Aegi – 04.12.2009
Bochum-Zentrum – Christuskirche Bochum – 05.12.2009
Offenbach am Main – Stadthalle Offenbach – 06.12.2009

Süßer die Kassen nie klingen …. als zur Weihnachtszeit. Was die 2. Hälfte des Doppelpacks mit dem St Bride’s Kirchenlivekonzert betrifft bin ich fast versucht (aber auch nur das), mir dieses käuflich zu erwerben. Ansonsten habe ich ja noch das ‚alte’ Christmas-Album von Jethro Tull; das sollte genügen.

home tweet home oder Wie Du mir, so ich Dir

Seit gut zwei Monaten twittere ich nun schon. Twitter ist ein soziales Netzwerk und ein meist öffentlich einsehbares Tagebuch im Internet (Mikroblog), welches weltweit per Website, Mobiltelefon, Desktopanwendung usw. geführt und aktualisiert werden kann. Twitter wurde im März 2006 der Öffentlichkeit vorgestellt.

http://twitter.com/willizblog

Die Beiträge auf Twitter werden als „Tweets“ (engl. to tweet = zwitschern) oder „Updates“ bezeichnet. Das referenzierte Wiederholen eines Beitrages einer anderen Person, um beispielsweise eine Eilmeldung im Netzwerk schnell weiterzuverbreiten, wird als „ReTweet“ bezeichnet. Das soziale Netzwerk beruht darauf, dass man die Nachrichten anderer Benutzer abonnieren kann. Die Leser eines Autors, die dessen Beiträge abonniert haben, werden als „Follower“ (engl. to follow = folgen) bezeichnet. Die Beiträge der Personen, denen man folgt (Following), werden in einer abwärts chronologisch sortierten Liste von Einträgen dargestellt.

Ein Ziel ist es, möglichst viele Follower zu gewinnen. Das kann man u.a. dadurch, indem man zunächst anderen ‚folgt’ – in der Hoffnung, das diese wiederum einem selbst folgen werden: Wie du mir, so ich dir!

Es gibt mehrere Typen von Followern. Zunächst die, die gleiche oder ähnliche Themen zum Inhalt ihrer Beiträge haben. Schließlich will man sich ja miteinander austauschen. Dann gibt es aber einen Typus, der mehr oder weniger kommerzielle Absichten hat, also irgendetwas ‚verkaufen’ will, und mit durchaus interessanten Informationen ‚lockt’. Und der Typ Pornoanbieter (‚Britney’ lässt grüßen) darf natürlich nicht fehlen, ist aber meist kurzlebig, da als Spam schnell aus dem System entfernt.

Zu Twitter selbst gibt es eine Menge Tools (A Better Way to Discover Twitter Apps), also Werkzeug, mit dem man Beiträge ins Netz stellen kann (wenn man es nicht direkt übers Web tut), mit dem gesucht werden kann (Twitter Search) oder zusätzlich Bilder (Twitpic) eingestellt werden können. Auch statistische Auswertungen sind natürlich möglich. Viele dieser Tools arbeiten allerdings sehr schleppend, da sie nicht professionell betrieben werden.

Was sind meine Erfahrungen in nun neun Wochen Twitter? Zunächst ist es natürlich etwas mühsam, gleichgesinnte Twitterer zu finden, die einen dann auch noch ‚folgen’. Hat man erst einmal einige beisammen, dann beginnt das Twittern Spaß zu machen und es kann geschehen, dass der Suchtfaktor schnell ansteigt. Maximal 140 Zeichen lange Beiträge lassen sich ja immer platzieren. Irgendwann kommt dann aber ein Zeitpunkt, ab dem man sich fragt, was das Ganze eigentlich soll. Ein Problem: Following Twitterer und Follower decken sich nur zum Teil. Ich schreibe meine Beiträge also nicht unbedingt an die, deren Beiträge ich lese.

Ich will nicht überheblich sein, aber mir erscheint Twitter manchmal als das Bloggen für Arme. Und das Twittern des Twittern wegen ist natürlich Schwachsinn. Ich muss zudem auch nicht immer besonders geistreich sein, um bei anderen Twitterern Favoritensterne (FavStars) zu sammeln. Für manches ist Twitter ein gutes Medium, um kurze Informationen ‚unters Volk’ zu bringen (über einen Link können dann ja weitere Informationen abgerufen werden). Und bisschen blödeln ist auch nicht schlecht. Aber woher einige die Zeit nehmen, fast rund um die Uhr zu twittern, vermag ich nicht zu sagen.

Twitter, Facebook, YouTube etc. – alles schönes Spielzeug, um anderen Menschen (wenn auch zunächst nur virtuell) zu begegnen. Aber alles hat seine Grenzen. Ich werde Twitter u.a. auch dafür nutzen, über ein so genanntes Widget meine kleinen Twitter-Beiträge auf diesem meinem Blog (siehe rechter Rand) bereitzustellen. Auf diese Weise kann ich kleine Infos, zu denen ich mich nicht weiter auslassen möchte, auch in meinem Blog veröffentlichen.

Island: Riesenansturm auf die letzten Burger

1990 startete ich mit meiner Frau und Bekannten 1990 eine Rundreise durch Island in der Hauptstadt Reykjavík. Dort endete die Reise dann auch nach drei Wochen. Reykjavík ist die am nördlichsten gelegene Hauptstadt der Welt. Mit ihren knapp 120.000 Einwohnern ist die Stadt übersichtlich. Vor nun fast 20 Jahren gab es in Reykjavik ein Hard Rock Cafe, das wir besuchten, um uns etwas zu stärken und Kaffee zu trinken. Island ist ein typisches Kaffeetrinker-Land. Und in den Restaurants und Cafes zahlt man in der Regel für den Kaffee nur einmal – und kann dann das braune Gesöff trinken bis zum Herzinfarkt (siehe hierzu auch meinen Beitrag: Was ist bloß mit Ian los? Teil 66: Von Island nach Griechenland)

Die Hard Rock Cafes gibt es weltweit; das Cafe in Reykjavík muss aber bereits vor einigen Jahren geschlossen haben (genau gesagt am 29.05.2005). 1990 gab es, wenn ich mich nicht täusche, auf Island noch keinen Fast Food-Laden der McDonald-Kette. Das muss sich dann aber in den folgenden Jahren geändert haben.

Island-Urlaub 1990: Reykjavik

Aber wie dem Hard Rock Cafe 2005 geht es nun den McDonald’s-Filialen in Island. Wegen der Finanzkrise (die Zutaten für die Burger wurden aus Deutschland importiert) schließt die Fast Food-Kette alle ihre Filialen. So gab es in Reykjavik einen letzten, großen Ansturm: Schlange stehen für den letzten „Big Mac“.

Westerwelle speaking

Für einen deutschen Bundesaußenminister ist es sicherlich hilfreich, wenn er mehrere Sprachen, zumindest die englische Sprache, fließend beherrscht. Unser Neuer, der Guido Westerwelle, obwohl ansonsten mit einer großen Klappe gesegnet, scheint was Fremdsprachen betrifft nicht allzu viel drauf zu haben.

Zunächst: Bei seiner ersten Pressekonferenz nach der Wahl hat sich Guido Westerwelle geweigert, eine Frage auf Englisch zu beantworten. Eigentlich wollte der BBC-Reporter nur wissen, wie sich die deutsche Außenpolitik unter einem künftigen Außenminister Westerwelle ändern werde. Es hatte schon etwas Peinliches an sich, wie Westerwelle hier herumdruckste.

Es war der wenige Schlaf, der Herrn Westerwelle „scharfkantig“ werden ließ. Demnächst gibt er also seine Antworten auf Latein. Aber wie steht es nun wirklich um die Englisch-Kenntnisse unseres neuen Außenministers?


Westerwelle About Dynamic And The „Aufschwung“ In English

Darf man sich angesichts solcher bescheidener Sprachversuche wundern, wenn über Westerwelle speaking gelästert wird? SWR3 Comedy lässt uns lauschen, wie Westerwelle Englisch lernt.

Wie ich anfangs schrieb, wäre es sinnvoll für einen Außenminister, Fremdsprachen zu beherrschen, es ist aber nicht unabdingbar ‚Voraussetzung’ – wie z.B. Genscher zeigte (hören ließ). Aber dieses Herumgedruckse und diese bescheidenen Englischsprechversuche sollte er dann in der Öffentlichkeit unterlassen. Sonst blamiert er sich nicht nur selbst, sondern ganz Deutschland. Was ich übrigens nicht so ganz verstehe: Westerwelle ist ja nun an sein Ziel angekommen und übernimmt Regierungsverantwortung mit seiner FDP. Hätte er sich da nicht auf sein angepeiltes Amt als Außenminister etwas gründlicher vorbereiten können? Englisch lernen? Ähnlich wie Lafontaine und Stoiber, so denke ich, wird er schon bald das Handtuch werfen. Als Politclown und Schönredner war es sicherlich nicht ‚schlecht’, aber in Amt und Würden versagt er bereits jetzt schon.

Der Witzableiter (13): Ein Spiel mit doppelten Böden

Fortsetzung von: (12): Absurde Zumutungen ganz logisch

In der Kolumne „Der Witzableiter“ von Eike Christian Hirsch, die 1984 im ZEITmagazin erschien, erfahren wir heute etwas von der Anspielung als eine Technik des Witzes. Dabei geht es besonders um den paradoxen Widerspruch zwischen dem Gewicht einer Sache und der Verschwiegenheit, mit der sie angedeutet, also ‚angespielt’ wird.

Ein Bauer hat mit seinem Vieh Pech. Die Kühe nehmen nicht auf oder verkalben. Darum bittet er den Herrn Pfarrer, ihm doch seinen Stall auszusegnen. Der Pfarrer kommt gern und besprengt die Tiere mit Weihwasser. Nach einigen Monaten fragt der Pfarrer, ob das Aussegnen geholfen habe. „Freilich“, antwortet der Bauer, „nur hat unsere Tochter wohl auch einen Spritzer abbekommen.“

Eine Andeutung genügt, im Witz allemal. Man nennt das gewöhnlich eine Anspielung. Der Bauer hat ja auch Grund zu dieser Zurückhaltung. Je heikler eine Sache, desto dringender ist Diskretion geboten. Also greift man zu einer Anspielung.

„Na, was hat Franz-Josef gesagt, als du ihn zur Rede gestellt hast?“ „Ach, nichts weiter. Und die Schneidezähne wollte ich mir sowieso ziehen lassen.“

Wir sehen schon: nicht jede Anspielung wäre witzig. Es muß um Dinge gehen, die man nicht gern ausspricht. Als Technik ähnelt die Anspielung dem Flüstern oder den heimlichen Blicken: Was verborgen bleiben soll, wirkt umso heftiger. Der Witz macht sich diesen Widerspruch zunutze.

Als der Viertkläßler nach Hause kommt, fragt ihn die Mutter nach dem Zeugnis. „Das habe ich dem Tim mitgegeben“, sagt er, „der will damit seine Eltern erschrecken.“

Gute Gelegenheit, diese Technik anzuwenden, ergibt sich, wenn die äußeren Umstände sowieso keine offene Darstellung zulassen, wie bei dieser Geschichte aus den USA: Ein Marinesoldat schreibt während des Zweiten Weltkrieges an seine Eltern: „Ich darf nicht sagen, wo ich gerade bin, aber was ich gestern geschossen habe, war ein Eisbär.“ Einen Monat später kommt wieder ein Brief. „Ich kann nicht schreiben, wo ich gerade bin, aber gestern habe ich mit einem Hula-Mädchen getanzt.“ Zwei Wochen danach kommt ein weiterer Brief. „Ich kann nicht schreiben, wo ich gerade bin, aber der Mann im weißen Kittel sagt, ich hätte besser mit dem Eisbär getanzt und das Hula-Mädchen erschossen.“

Der Freud-Schüler Theodor Reik, der in den zwanziger Jahren als einziger die Witzforschung seines Lehrers fortsetzte, sagt zu Recht von der Technik der Anspielung: „Sie besteht in einem demonstrativen Verdecken, das die Aufmerksamkeit auf sich lenkt und die Phantasie zur völligen Enthüllung reizt.“ Gerade was der Witz nicht sagt, hört man am lautesten. Das gilt auch von der unfreiwilligen Selbstentlarvung. Der Verbindungs-Student zu seinen Freunden: „Ihr seid ja ganz schön voll gewesen heute nacht. Fünfmal habt ihr mich fallen lassen.“

Witzableiter (13)

Eine Belastung in eigener Sache findet sich auch in diesem Witz: „Warum kommst du so spät aus dem Büro?“ „Blöder Scherz der Kollegen. Keiner hat mich geweckt.“

Wir haben ja schon manches Paradox im Witz gefunden, heute haben wir ein neues kennengelernt, nämlich den paradoxen Widerspruch zwischen dem Gewicht einer Sache und der Verschwiegenheit, mit der sie angedeutet wird. Witze mit Anspielungen zeigen dieses Paradox besonders deutlich.

Der beliebteste Schauspieler des Stadttheaters hat seine Frau verloren. Auf der Straße kondoliert ihm später ein Bewunderer und sagt: „Ich habe in der Friedhofskapelle gesehen, wie sehr Sie gelitten haben.“ „Da hätten Sie mich erst mal“, entgegnet der Mime, „am Grab erleben sollen.“

Die Schauspieler, sie sind willkommene Opfer des Witzes, weil bei ihnen (wie beim Witz) auch manches einen doppelten Boden hat. Damit auch mal ein anderer Beruf drankommt, veranschauliche ich die Technik jetzt lieber an diesem Beispiel. Ein Pfarrer besteigt die Kanzel und beginnt mit den Worten: „Liebe Gemeinde, die Predigt fällt heute aus, denn ich habe euch etwas zu sagen.“

Meist behandele ich, wie Sie wissen, die Technik eines Witzes, hier etwa die Anspielung. Aber Ihnen ist natürlich auch längst klar, daß die Gefühle, die von dieser Technik ausgelöst werden, das Entscheidende sind. Peinlichkeiten, Aggressionen – oder Bosheiten wie hier: Ein junger Mann will frühmorgens im See baden, splitternackt. Da warnt ihn ein Angler: „An ihrer Stelle würde ich was anziehen, die Fische schnappen hier schon nach dem kleinsten Wurm.“

Ich merke, daß ich Ihnen hauptsächlich Beispiele erzählt habe, in denen die Akteure eine absichtliche Anspielung machen. Es muß aber nicht immer so sein. Der Witzhörer bekommt auch dann eine Anspielung, wenn sie im Witz unfreiwillig passiert ist. Etwa hier: „Du Mutti, heute hat mich die Lehrerin gefragt, ob ich noch Geschwister habe. Ich habe nein gesagt.“ „Und was hat die Lehrerin dazu gesagt?“ „Gott sei Dank.“

Ob Absicht oder nicht, das kann auch in der Schwebe bleiben, etwa wenn der Patient sagt „Herr Doktor, ich bin schizophren“, und der Arzt antwortet: „Prima, dann sind wir ja schon zu viert!“

Bosheiten sind zwar auch willkommen wie die des Chefs, der zu seinen Angestellten sagte: „Ich überreiche Ihnen Ihr Gehalt am besten in einer Geschenkpackung.“

Aber es geht auch netter. So werden wir zum Schluß versöhnlich. Es läutet, Mike macht auf. Seine Freundin steht vor der Tür. „Ich komme gerade von der Untersuchung beim Frauenarzt“, sagt sie, „willst du uns nicht reinlassen?“

Eike Christian Hirsch – Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)
aus: ZEITmagazin – Nr. 40/1984

[Fortsetzung folgt]