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Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Der Witzableiter (5): Ein Spiel mit Worten

Fortsetzung von: Der Witzableiter (4): Reime, die sich schütteln

In Eike Christian Hirschs Kolumne, 1984 im ZEITmagazin erschienen, geht es diesmal um Wortspiele, so genannte Bonmots. Und um grundlegende Erkenntnisse den Witz betreffend. Etwas Theorie muss eben auch sein.

„Wie geht’s denn in Charleys neuer Ehe?“ „Na, wie soll’s schon gehen. Sie wirft ihm das Trinken vor – und er ihr das Essen nach.“ Zu den ersten Witzen, die in Umlauf kamen, gehörten geistvolle Wortspiele. Im vorigen Jahrhundert haben sich daher die Theoretiker des Witzes hauptsächlich mit solchen Bonmots beschäftigt. Als einen „geradezu diabolisch guten Witz“ zitiert Sigmund Freud diese Vermutung über den erstaunlichen Wohlstand eines Ehepaares: „Nach der Ansicht der einen soll der Mann viel verdient und sich dabei etwas zurückgelegt haben, nach anderen wieder soll sich die Frau etwas zurückgelegt und dabei viel verdient haben.“

Aber wenn wir hier nur die Technik des Witzes betrachten, gibt es schon genug zu staunen, so reibungslos läuft alles und ist doch in dem Wort „zurückgelegt“ nur angedeutet. Nebenbei hat dieser Witz auch noch eine herrlich böse Tendenz, die jetzt nicht unser Thema ist. Dies Bonmot wurde durch einen Wiener Journalisten verbreitet und war zu Freuds Zeiten sehr bekannt. Daß Freud gerade dieses Bonmot am meisten schätzte, ist uns nun wiederum Anlaß, Freud mit der Frage zu necken, ob er nicht wirklich in finanzieller Not war. (Und gewinnt nicht Freuds These, Lust stamme aus Ersparung, einen ganz neuen Sinn, wenn wir hier hören, daß Erspartes aus Lust stammen kann?)

Der junge Lyriker fragt den Verleger: „Sie meinen, ich sollte mehr Feuer in meine Gedichte legen?“ „Umgekehrt“, antwortet der Verleger, „mehr Gedichte ins Feuer.“ Es wirkt immer besonders elegant, wenn dasselbe Wortmaterial zweimal verwendet wird, weil dabei mit der schwierigen Materie Sprache anscheinend so mühelos gespielt wird. Es gibt zwei große Enttäuschungen im Leben eines Mannes. Das erste Mal, wenn es das zweitemal nicht mehr klappt, und das zweite Mal, wenn es das erstemal nicht mehr klappt.

Man nennt das zu Recht ein Wortspiel, wobei ich das Wort „Spiel“ betonen möchte. Wahrscheinlich ist unsere Lust am Witz überhaupt die gleiche wie die am Spiel. Beim Wortspiel mag sich darüber hinaus noch ein besonderer Reiz einstellen. Freud bemerkt, daß dabei „jedes Mal etwas Bekanntes wiedergefunden wird“, und daß dieses Wiederfinden „lustvoll“ sei. Ich glaube, noch etwas Drittes kommt hinzu. Die Eleganz der Technik macht uns Freude, weil wir uns plötzlich so fühlen, als hätten wir die widerspenstige Materie Sprache selbst spielend besiegt. Zum Beispiel so: Unter uns wohnt ein kinderloses Ehepaar, über uns ein eheloses Kinderpaar. Na, bitte.

So fortgeschritten die Technik bei diesen Witzen auch ist, die Lust beim Witz stammt weniger aus der Technik (also aus dem Schliff der Worte und aus der Mechanik der Pointe) als aus der Tendenz. Das habe ich schon einmal erwähnt. Hier noch mal ausführlicher: Die Technik ist bestenfalls das Hämmerchen, das den Zündfunken auslöst. Was dann explodiert, ist von anderer Art; das ist unser angestautes Gefühl, das sich, durch den Witz befreit, endlich entladen kann. Nehmen wir wieder ein Beispiel: Besser ein Haar in der Suppe als Suppe im Haar. Die Technik kann uns zwar erfreuen, was aber wirklich komisch ist, ist allein die peinliche Vorstellung von Suppe im Haar; komisch ist auch der scheinbar so nüchtern gezogene Vergleich selbst. Diesen Unterschied von Technik und Tendenz, der uns heute so unentbehrlich scheint, hat übrigens erst Sigmund Freud entdeckt und beschrieben.

Witzableiter (5)

Ein passionierter Jäger kauft beim Hundezwinger von Herrn Schindler einen Schweißhund, der seinen hohen Preis wert sein soll. Empört schreibt der Jäger nach zwei Wochen einen Brief: „Sehr geehrter Herr Schindler, das W. das in Ihrem Namen fehlt, hat Ihr Schweißhund zuviel!“

Wir nehmen uns an dieser Stelle ein wenig Zeit zur Theorie. Worin besteht überhaupt die Technik eines Witzes? In jedem Witz stoßen zwei unabhängige Gedanken plötzlich aufeinander. Bergson nannte das, wie wir gehört haben, „Interferenz“. Koestler sprach von „Bisoziation“. Diese Beobachtung aber hat, soviel ich weiß, als erster Immanuel Kant gemacht und in seiner Vorlesung über Anthropologie 1798 veröffentlicht: „Der Witz paart (assimiliert) heterogene Vorstellungen, die oft nach dem Gesetz der Einbildungskraft (der Assoziation) weit auseinanderliegen.“ Das ist schon eine sehr vollkommene Definition.

Populär geworden ist diese Gedanke durch den Dichter und Witztheoretiker Jean Paul (den wir in dieser Eigenschaft auch schon kennengelernt haben), der 1804 vom Witz sagte, er sei „der verkleidete Priester, der jedes Paar kopuliert“. Wenn wir diese Erkenntnis nun auf Herrn Schindlers Schweißhund anwenden, merken wir, daß der Witz den Familiennamen des Verkäufers und den Gattungsnamen des Hundes (die beide „heterogen“ sind) überraschend paart.

„Alle Achtung, Sie fahren Mercedes?“ „Nun, das bin ich meinem Beruf schuldig.“ „Und woher haben Sie so viel Geld?“ „Nun, das bin ich meiner Bank schuldig.“ Die Brautleute gleichen sich völlig. Der verkleidete Priester aber hat in Wirklichkeit das Paar „schuldig sein“ und „Schulden haben“ getraut – das zu paaren sich unser Verstand nicht getraut hätte.

Eike Christian Hirsch – Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)
aus: ZEITmagazin – Nr. 32/1984

[Fortsetzung folgt]

Umberto Eco: Baudolino

Umberto Eco (* 5. Januar 1932 in Alessandria, Piemont) ist uns vor allem als Schriftsteller bekannt. Bis zum Herbst 2007 lehrte er an der Universität Bologna als Sprachwissenschaftler, genauer als Semiotiker. Außerdem ist Eco ein bekannter Kolumnist. Sein bekanntester Roman ist ohne Zweifel Der Name der Rose, 1980 in Italien, 1982 in Deutschland erschienen. Der äußeren Form nach handelt es sich dabei um einen breit angelegter historischer Kriminalroman, der anno 1327 in einer italienischen Benediktinerabtei spielt. Dieser Roman wurde auch erfolgreich mit Sean Connery verfilmt.

Im Jahre 2000 erschien im italienischen Original und 2001 in der deutscher Übersetzung ein weiterer Roman von Umberto Eco, der im Mittelalter spielt: Baudolino. Im Stile eines Schelmenromans wird die Lebensgeschichte des piemontesischen Bauernjungen Baudolino aus der Gegend von Alessandria erzählt, der anno 1154 als etwa Dreizehnjähriger von dem Stauferkaiser Friedrich I. Barbarossa adoptiert worden ist, an dessen Hof erzogen wurde, nach einem Studium in Paris zum Berater des Kaisers in italienischen Dingen aufstieg, 1189 mit dessen Heer zum Dritten Kreuzzug aufbrach, nach abenteuerlichen Reisen in den fernen Osten anno 1204 die Plünderung von Konstantinopel durch die Kreuzritter des Vierten Kreuzzugs miterlebte und einige Jahre später irgendwo im Orient verschollen sein soll.

Baudolino ist wahrlich ein Schelm und beeinflusst u.a. durch seine Lügenmärchen nachhaltig die damalige Geschichte, in deren Mitte Friedrich I. Barbarossa steht. Nach Friedrichs Tod beschließt Baudolino, mit seinen Freunden und Getreuen nach Osten zu ziehen, um das Reich des Priesters Johannes zu finden. Diese Expedition führt die Gruppe in ferne Weltgegenden, die von allerlei kuriosen Menschen- und Monsterwesen bewohnt sind – ein phantastischer, teils komischer, teils anrührender, teils dramatischer Streifzug durch die mittelalterliche Mythologie der Fabelwesen.

Ähnlich wie die Legende vom Reich des Priesters Johannes so spielt auch die Legende um den Heiligen Gral eine wichtige Rolle in diesem Roman:

Als Baudolino ihm gegenüber die Wunder des Palastes des Priesterkönigs Johannes erwähnte, rief er ganz aufgeregt: „Ja, von solch einem Schloß oder einem ganz ähnlichen habe ich auch schon in der Bretagne gehört! Es ist das Schloß, in dem sie den Gradal aufbewahren!“

„Was weißt du über den Gradal?“ fragte Boron mit einem plötzlichen Mißtrauen, als hätte Kyot die Hand nach etwas ausgestreckt, das ihm gehörte.

„Was weißt denn du darüber?“ fragte Kyot ebenso mißtrauisch zurück.

„He, he“, mischte sich Baudolinio ein, „wie es scheint, liegt euch beiden sehr viel an diesem Gradal. Was ist das denn? Soweit ich weiß, müßte ein gradalis so etwas wie ein Napf oder eine Schüssel sein.“

„Napf, Schüssel!“ sagte Boron mit mildem Tadel. „Eher ein Kelch.“ Dann, als entschlösse er sich, ein Geheimnis zu lüften: „Ich wundere mich, daß ihr noch nie davon gehört habt. Es ist die kostbarste Reliquie der ganzen Christenheit, der Kelch, in welchem Jesus beim Letzten Abendmahl den Wein in Blut verwandelt hat und in welchem dann Joseph von Arimathia das Blut aus der Seite des Gekreuzigten aufgefangen hat. Manche sagen, der Name dieses Kelches sei Saint Graal, andere sagen statt dessen Sangreal, königliches Blut, denn wer ihn besitze, gehöre dadurch zu einem Geschlecht auserwählter Ritter, die vom selben Stamme seinen wie David und wie Unser Herr Jesus Christus.“

„Graal oder Gradal?“ fragte der Poet, der sofort aufhorchte, wenn er von etwas hörte, das eine Macht verleihen konnte.

„Man weiß es nicht“, sagte Kyot. „Einige sagen auch Grasal und ander Graalz. Und es ist nicht gesagt, daß er ein Kelch ist. Die ihn gesehen haben, erinnern sich nicht an die Form, sondern wissen nur, daß er ein Gegenstand war, der außergewöhnliche Kräfte besaß.“

„Wer hat ihn denn gesehen?“ fragte der Poet.

„Sicher die Ritter, die ihn in Broceliande hüteten. Aber auch von ihnen hat sich jede Spur verloren, ich habe nur Leute kennengelernt, die von ihm erzählen.“

„Es wäre besser, wenn man von dieser Sache weniger erzählen würde und lieber versuchte, mehr darüber zu wissen“, meinte Boron. „dieser junge Mann war gerade in der Bretagne, und kaum hat er davon reden gehört, schon sieht er mich an, als wollte ich ihm etwas wegnehmen, was er gar nicht hat. So geht es allen. Man hört irgendwo vom Gradal reden, und schon glaubt man, man sei der einzige, der ihn finden werde. Ich war auch in der Bretagne, sogar auf den Inseln jenseits des Meeres, ich habe dort volle fünf Jahre verbracht, ohne zu erzählen, nur um zu suchen …“

„Und hast du ihn gefunden?“ fragte Kyot.

„Das Problem ist nicht, den Gradal zu finden, sondern die Ritter, die wußten, wo er sich befand. Ich bin durchs Land gezogen und habe nach ihnen gefragt, aber ich bin ihnen nie begegnet. Vielleicht war ich kein Auserwählter. Und jetzt seht ihr mich hier zwischen alten Pergamenten wühlen in der Hoffnung, eine Spur zu entdecken, die mir beim Durchstreifen jener Wälder entgangen ist …“

„Was reden wir hier eigentlich vom Gradal?“ sagte Baudolino. „Wenn er sich in der Bretagne befindet oder auf jenen Inseln, braucht er uns nicht zu interessieren, denn er hat nichts mit dem Priester Johannes zu tun.“ Falsch, widersprach Kyot, denn wo sich das Schloß befindet, in dem der Gradal gehütet werde, sei nie recht geklärt worden, aber unter den vielen Geschichten, die er gehört habe, sei eine gewesen, nach welcher einer von jenen Rittern, ein gewisser Feirefiz, ihn gefunden und dann einem seiner Söhne geschenkt habe, einem Priester, der später König von Indien geworden sein solle.

„Faseleien“, sagte Boron. „Meinst du, ich hätte jahrelang am falschen Ort gesucht? Wer hat dir denn die Geschichte von diesem Feirefiz erzählt?“

„Jede Geschichte kann gut sein“, meinte der Poet, „und wenn du Kyots Geschichte folgst, kannst du womöglich deinen Gradal finden. Aber im Moment ist es für uns nicht so wichtig, ihn zu finden, sondern erst mal zu klären, ob es sich lohnt, ihn mit dem Priester Johannes zu verbinden. Mein lieber Boron, wir suchen hier nicht einen Gegenstand, sondern jemanden, der über ihn spricht.“ Dann wandte er sich an Baudolino: „Was hältst du davon? Der Priester Johannes besitzt den Gradal, aus ihm bezieht er seine allesüberragende Würde, und die könnte er doch auf Friedrich übertragen, indem er ihm das Ding zum Geschenk macht!“

„Und es könnte derselbe Rubinkelch sein, den der Prinz von Sarandib dem Harun al-Raschid gesandt hat“, regte Solomon an, wobei er vor lauter Erregung begann, durch den zahnlosen Teil seines Mundes zu pfeifen. „Die Sarazenen erehren Jesus als einen großen Propheten, sie könnten den Kelch gefunden haben, und dann könnte Harun ihn seinerseits dem Priester geschenkt haben …“

„Großartig!“ sagte der Poet. „Der Kelch als vorausweisendes Symbol der Wiedergewinnung dessen, was die Mauren zu Unrecht besessen hatten. Von wegen Jerusalem!“

aus Umberto Eco: Baudolino (Carl Hanser Verlag, 2001 – 1. Auflage – S. 157 ff.)

Umberto Eco: Baudolino

Daneben gibt es eine „schön verrückte Geschichte“ in dem Roman, die sich um Adams Sprache rankt. Nach Abduls Aussage, einem Gefährten des Baudolino, ist das Gälische eine Rekonstruktion der biblischen Ursprache:

„Ich weiß eine schön verrückte Geschichte“, sagte Abdul. „Meine Mutter hat mir immer erzählt, daß die Sprache Adams auf ihrer Insel rekonstruiert worden ist, nämlich in Gestalt der gälischen Sprache, die sich aus neun Wortarten zusammensetzte – Nomen, Pronomen, Verb, Adverb, Partizip, Konjunktion und so weiter -, also aus ebenso vielen wie den neun Materialien, aus denen der Turm zu Babel bestanden habe: Ton und Wasser, Wolle und Blut, Holz und Kalk, Pech, Leinen und Teer … Es seinen die zweiundsiebzig Weisen der Schule von Fenius gewesen, welche die gälische Sprache zusammengebastelt hätten aus Fragmenten aller zweiundsiebzig Idiome, die nach der babylonischen Sprachverwirrung entstanden seien, und daher enthalte das Gälische die besten Elemente aus allen Sprachen und habe, genau wie die Sprache Adams, die gleiche Form wie die geschaffene Welt, so daß in ihr jeder Name das Wesen dessen ausdrücke, was er benenne.“

„Rabbi Solomon lächelte nachsichtig. „Viele Völker glauben, daß die Sprache Adams die ihre sei, wobei sie vergessen, daß Adam nur die Sprache der Torah sprechen konnte, nicht die jener Bücher, die von falschen und lügnerischen Göttern erzählen. Den zweiundsiebzig Sprachen, die nach der Verwirrung entstanden sind, fehlen grundlegende Buchstaben. So kennen die Gojim beispielsweise nicht das Het, und die Araber haben kein Peh, und deswegen ähneln manche Sprachen dem Grunzen der Schweine, andere dem Krächzen der Frösche oder dem Kreischen der Kraniche, und das sind genau die Sprachen von Völkern, welche die richtige Lebensführung aufgegeben haben. Dennoch stand die ursprüngliche Torah im Moment der Schöpfung vor dem Angesicht des Allerhöchsten, heilig sei immerdar der Gesegnete, geschrieben wie schwarzes Feuer auf weißem Feuer, in einer Ordnung, die nicht die der geschriebenen Torah ist, wie wir sie heute lesen, und die sich erst nach dem Sündenfall Adams manifestiert hat. Deshalb verbringe ich jede Nacht Stunden und Stunden damit, in großer Konzentration die Lettern der geschriebenen Torah zu buchstabieren, um sie zu verrühren und kreisen zu lassen wie das Rad einer Windmühle und daraus wiedererstehen zu lassen die ursprüngliche Ordnung der ewigen Torah, die vor der Schöpfung bestand und übergeben wurde den Engeln des Allerhöchsten, gesegnet sei der Heilige immerdar. …“

aus Umberto Eco: Baudolino (Carl Hanser Verlag, 2001 – 1. Auflage – S. 150 f.)

Auf der Suche nach dem Reich des Priesters Johannes landet Baudolino mit seinen Freunden und Getreuen in der Stadt Pndapetzim, in der in schönster Eintracht, aber theologischer Zwietracht (hier lernen wir viele der so genannten Häresien des Mittelalters kennen) ein multikulturelle Völkergewimmel lebt. Die Stadt wird von dem „Diakon Johannes“, der als Stellvertreter des Priesters Johannes über Pndapetzim herrscht, regiert. Hier verliebt sich Baudolino unsterblich in eine feenhafte Jungfrau namens Hypatia, die ihn nicht nur in eine ganz neue Art von Liebe, sondern auch in die Grundzüge der gnostischen Weltsicht und Gottesvorstellung einführt. Der Gnosis entsprechend wird die materielle Welt als böse Schöpfung eines eigenen Schöpfergottes (Demiurg) angesehen, mithin auch der Körper negativ beurteilt wird. Von diesem Demiurgen wird ein vollkommen jenseitiger, oberster Gott unterschieden, vom dem ein göttliches Element stammt, welches als göttlicher Funke im Menschen schlummert und in der materiellen Welt „fremd“ ist. Dieser verborgene Funke muss vom Menschen erkannt werden, um nicht der materiellen Welt verhaftet zu bleiben.

Baudolino stammt wie sein Autor aus Alessandria im Piemont. Den ersten Teil seiner Lebensgeschichte schreibt er noch selbst. Alles weitere erzählt er dem byzantinischen Historiker und hohen Beamten Niketas Choniates, den er aus den Händen marodierender fränkischer Kreuzfahrer gerettet hatte.

Eco lässt den Roman mit einem metafiktionalen Kommentar enden, wenn er dem (historisch verbürgten) Geschichtsschreiber Niketas Choniates folgenden Schlussdialog mit einem erfundenen Freund in den Mund legt:

„Es war eine schöne Geschichte. Schade, dass sie nun niemand erfährt.“
„Glaub nicht, du wärst der einzige Geschichtenverfasser in dieser Welt. Früher oder später wird sie jemand erzählen, der noch verlogener ist als Baudolino.“

Das sollte Umberto Eco sein.

Der Witzableiter (4): Reime, die sich schütteln

Fortsetzung von: Der Witzableiter (3): Freud und etwas zum Stöhnen

Schüttelreime sind eine besondere Art von Witz. Denn witzig sind Schüttelreime (fast) immer. Es mag an ihrer „witzigen“ Technik liegen. Aber lasse ich weiter Eike Christian Hirsch in seiner 1984 im ZEITmagazin erschienenen Kolumne sprechen:

Buddha nach der netten Fabel / starrt auf seinen fetten Nabel. Keine Frage, es geht hier um Schüttelreime. Wie Sie wissen, werden da die Konsonanten am Anfang der Reimpaare vertauscht, eine Technik, die vor hundert Jahren von ein paar preußischen Studenten erfunden worden sein soll. Oft hängt bei einem forschen Mädchen / die Tugend nur am morschen Fädchen. Das stammt von dem großen Pianisten Artur Schnabel, der von sich selbst in gespielter Bescheidenheit gereimt hat: Am Anfang war auch Schnabel nur / das Ende einer Nabelschnur.

Sind das überhaupt Witze? Ich sehe, daß ich mich rechtfertigen muß. Friedrich Hollaender war dagegen („mit Witzen haben die Dinger glatterdings nichts zu tun“). Hans Weigel rechnet sie auch nicht dazu („eine uralte, sehr literarische Hochform des Blödeln“). Aber Sigmund Freud bescheinigte im Jahr 1905 den „neuerdings beliebt gewordenen Schüttelreimen“, daß unser Wohlgefallen an ihnen „das nämlich ist, an dem wir den Witz erkennen“. Als Beispiel wählte Freud übrigens: Und weil er Geld in Menge hatte / lag stets er in der Hängematte, was uns nun wiederum fragen läßt: Warum liebte Freud gerade diesen Vers? (War er doch in finanziellen Nöten? Zog er Lust aus Ersparung?)

Am Schüttelreim können wir wirklich etwas über Witze lernen. Auch Schüttelreime vergreifen sich im Ausdruck, was zynisch oder ungeschickt wirken kann. Die Boxer aus der Meisterklasse / die hauen sich zu Kleistermasse. Oder von den römischen Christenverfolgungen heißt es: Mit den Bekennern neuer Lehren / ließ Nero manchen Leu ernähren.

Wie bei allen Witzen ist auch beim Schüttelreim die Pointe kurz, überraschend und unausweichlich. Von der Kürze sagte schon der große Theoretiker des Witzes, Jean Paul, im Jahre 1804, Shakespeare zitierend, sie sei „der Körper und die Seele des Witzes“. Prüfen wir das gleich am Vierzeiler über die alte Sängerin: Krumme Beine / Mieder leer / brumme keine / Lieder mehr.

Die Verwandtschaft der Schüttelreime mit den Witzen mag nun wirklich am Tage liegen. Aber was ist das Besondere an den Schüttelreimen? Ich glaube, es ist diese starre Form, mit der sich die Pointe ankündigt (Da klagt unser Sängerlein / mein Auftritt sollte länger sein!). Unweigerlich schlägt der Schlußreim zu. Das ist die Mechanik der Mausefalle. Hier der Eunuch, der hodenlose / was trägt er in der Lodenhose?

Und noch etwas: Mit dieser Strenge der Form kontrastiert angenehm der oft alberne Sinn der Reime. Und dieser Gegensatz ist komisch. Zwecks Heirat lief die Nichte Schi / doch klappte die Geschichte nie. Immerhin: Mit der Pointe klappt es immer.

Witzableiter (4)

Auch in dem Schmähvers über Probleme beim Stillen: Nicht immer hat die feiste Mutter / fürs Baby auch das meiste Futter. Als der französische Philosoph Henri Bergson (wir kennen ihn schon) im Jahre 1900 sein Buch über das Lachen veröffentlichte, hat er den deutschen Schüttelreim gewiß nicht gekannt. Und doch paßt seine Theorie des Komischen besonders gut auf dies deutsche Produkt. Bergson hat sich nämlich zur Erklärung des Komischen auf Kinderspielzeug berufen, auf Hampelmann und Springteufelchen (das ist der Teufel, der aus dem Kasten sprint, sobald man den Deckel aufmacht). Nach Bergson ist es immer komisch, wenn eine Mechanik lebendig wirkt (oder etwas Lebendiges mechanisch). Gilt das nicht besonders vom Schüttelreim? Er folgt einem starren Schema und lebt doch. So manchem gilt die Treue nix / der sinnt auf immer neue Tricks.

Bergson schreibt: „Komisch ist jede Anordnung von ineinandergreifenden Handlungen und Geschehnissen, die uns die Illusion von wirklichem Leben und zugleich den deutlichen Eindruck von mechanischer Einwirkung vermittelt.“ Ich weiß nicht, ob das von aller Komik gilt – vom Schüttelreim bestimmt.

Da springt der Sinn lebendig aus der Mechanik. Auch bei dieser Berufsberatung für Journalisten: Bei wem sich Geist und Fresse paaren / wird gut stets bei der Presse fahren. Man kann auch sagen: Der lebendige Vers ist komisch, weil er wie mechanisch läuft. Zum Beispiel dieser, den sich Österreichs Juden gern erzählten: Gut jodeln kann der Steiermärker / im Jüdeln ist der Meyer stärker. So laufen Schüttelreime. Mechanisch und doch lebendig. Ich könnte auch sagen, unabänderlich und doch daneben. Das ist ihr Witz. Der Braten: schwarz, die Sauce: grau / die Köchin: eine große Sau.

Am liebsten würde ich Ihnen noch die ganz kurzen Schüttelreime vorführen (Altes Haus, halt es aus!) und dem Kampf um den kürzesten, den wohl dieser gewinnt: Du bist / Buddhist. Recht knapp sind auch „Latente Talente“ und „Weh diesen Devisen!“ Oder der, der besser nur mit einem Wort zitiert wird, seinem zweiten übrigens: „ … / Kosacken.“

Man kann mechanisch und unausweichlich auf unpassende Worte zurollen. Das tut auch der Zweizeiler, der von dem Cembalisten Fritz Neumeyer stammen soll, der morgens im Schwarzwald Skilaufen war und abends zur Orchesterprobe nach Freiburg hinunter mußte: Morgens der Berge schimmernde Weiße / abends der Geigen …“.

Eike Christian Hirsch – Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)
aus: ZEITmagazin – Nr. 31/1984

[Fortsetzung folgt]

Mit Multikulti zur Europameisterschaft

Für den unermüdlichen Fußballfan gab es in den letzten Tagen ja noch einmal Fußball satt im Fernsehen. Zunächst gab es die Mini-WM, den Confed Cup in Südafrika – gewissermaßen auch als Test für die im nächsten Jahr dort stattfindende Weltmeisterschaft. Nachdem die USA überraschend Spanien im Halbfinale ausschalten konnte (das Spiel erinnerte mich an viele Werder-Spiele in dieser Saison: wie Werder war Spanien zwar überlegen, konnte aber die Torchancen nicht in Tore ummünzen – und verlor so am Ende), gingen die Amerikaner auch gegen Brasilien im Endspiel 2:0 in Führung. Am Ende konnten die Brasilianer aber in einer Aufholjagd mit 3:2 siegen und den Cup-Gewinn von vor vier Jahren wiederholen.

Nachdem die Spanier in der Gruppenphase an ihre Erfolgsserie bei der Europameisterschaft 2008 und Qualifikation zur WM 2010 anknüpfen konnte, fanden sie im Halbfinale gegen die USA nach 15 Siegen in Folge wieder ihren Meister. Lässt man den Spaniern möglichst wenig Raum zum Entfalten ihrer Kombinationsspiels, dann geht auch ihnen schnell die Puste aus.

Die Überraschungsmannschaft war ohne Zweifel die USA, die auch gegen Brasilien lange Zeit mithalten konnte. Man darf gespannt sein, wie es im nächsten Jahr weitergeht. Die Brasilianer haben sich wieder in die Favoritenrolle gehievt. Spanien ist dafür wieder auf dem Boden der Tatsachen zurückgekehrt.

Neben dem Confed-Cup spielten fast zeitgleich die U21-Nationalmannschaften in Schweden um den Europameistertitel. Nachdem bereits im letzten Sommer die deutsche U19-Mannschaft Europasieger mit einem 3:1-Sieg gegen Italien in Tschechien wurden (Trainer war übrigens Horst Hrubesch) und im Mai diesen Jahres das deutsche Team als Gastgeber die U 17-EM in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gewann (im Finale in Magdeburg setzte sich das Team von DFB-Trainer Marco Pezzaiuoli gegen die Niederlande 2:1 (1:1) nach Verlängerung durch), hat es jetzt die deutsche U21-Mannschaft geschafft und mit einem 4:0-Sieg gegen England zum ersten Mal auch diesen Europameistertitel gewonnen. Trainer des Erfolgteams: Horst Hrubesch.

Bilderserie bei zdf.de: Die deutsche U21-Auswahl

Wenn man die Namen einzelner Spieler liest, dann wird einem schnell klar, dass hier Multikulti am Werk ist: Gonzalo Castro ist spanischer Abstammung, Mesut Özil ist Deutsch-Türke, Dennis Aogo hat einen nigerianischen Vater und Jerome Boateng einen ghanaischen; Änis Ben-Hatira ist tunesischer Abstammung, Fabian Johnsons Vater ist US-Amerikaner, Sami Khedira hat einen tunesischen Vater und Ashkan Dejagah ist iranischer Abstammung. Deutsche Namen besagen zudem nicht, dass die Spieler mit diesen Namen auch in Deutschland geboren wurden: Andreas Beck wurde in Kemerowo, im Westen Sibiriens geboren, Marko Marin in Bosanska Gradiška, Bosnien und Herzegowina – und Sebastian Boenisch in Gliwice, Polen.

U21-Europameister 2009: Höwedes, Özil und Boenisch

Also viele Spieler der U21-Mannschaft haben einen Migrationshintergrund oder sind Spätaussiedler. Und der Erfolg der gesamten Mannschaft zeigt, dass gerade Fußball einen guten Beitrag zur Integration leisten kann. Unabhängig von ihrer Herkunft sind die Spieler zu einem hervorragendem Team zusammengewachsen – und mich als Werder-Fan erfreut es natürlich am meisten, dass Mesut Özil, Thronfolger von Diego beim SV Werder Bremen, besonders im Endspiel seine ganze Klasse zeigen konnte.

siehe Videos bei zdf.de: Multikulti zum SiegBärenstarker ÖzilSuperabend für Super-Özil

Video: Das Endspiel der U21 Deutschland – England in voller Länge

(Fast) unterschlagene Beiträge – Teil 19

EWE schlägt Telekom

Die EWE Baskets Oldenburg sind erstmals in ihrer Vereinsgeschichte deutscher Meister im Basketball der Herren. Die Niedersachsen siegten am Donnerstagabend im entscheidenden fünften Spiel gegen die Telekom Baskets Bonn 71:70 (35:36) und krönten so ihre beeindruckende Saison.

EWE schlägt Telekom - im Basketball

Als Kunde der EWE freut mich das natürlich – zumal ich so meine Animositäten gegenüber der Telekom habe.

Versprecher der Politiker

Sigmund Freud lässt grüßen. So mancher Politiker leistet sich Versprecher – zum Vergnügen des Publikums. Wer ist eigentlich Roland Kotz?

Obama, der Fliegenkiller

Barack, der Killer … Das tat aber manchem Tierfreund nun wirklich weh.

Angriff auf Würmer – Gratis-Virenschutz von Microsoft

Microsoft bläst zum Angriff auf Viren, Würmer und Trojaner: Ein kostenloser Virenscanner mit dem prosaischen Namen „Microsoft Security Essentials“ (MSE) soll private Windows-Rechner sicherer machen. Am 23. Juni will Microsoft sein neues Virenschutzprogramm in einer ersten Testversion zum Download freigegeben.

Vorerst werden nur Microsoft-Kunden in den USA, in Israel und Brasilien sowie etwas später auch Nutzer in China in den Genuss des neuen Virenscanners kommen. Der Rest der Welt wird auf die Warteliste gesetzt.

Wann deutsche Nutzer die Software testen dürfen, hat Microsoft bisher noch nicht bekannt gegeben. Beobachter gehen davon aus, dass die deutschsprachige Testversion schon im nächsten Monat offiziell zum Download angeboten werden könnte.

Und wer schützt uns vor Microsoft?

Grau-in-grau, so farbenfroh

Grau-in-grau, so farbenfroh (0)

Vielleicht kennt Ihr den Film Pleasantville, in dem Teenies aus den 90ern plötzlich in einer schwarz-weißen TV-Serie der 50er Jahre landen. Durch eine rote Rose kommt zum ersten Mal Farbe in das triste Schwarz-weiß. Und je mehr Teenager ihre Individualität entdecken, desto bunter wird Pleasantville.

Ähnlich geht es in dem Film Sin City zu. Der Film ist wie die Comics, die als Vorlage dienten, in Schwarz-Weiß gehalten. Einige wenige Elemente (wie beispielsweise Augen, Autos, Lippen usw.) sind jedoch farbig dargestellt (Colorkey-Technik). Dieser Effekt wurde dadurch erreicht, dass der Film in Farbe gedreht und erst später in hochauflösendes Schwarz-Weiß konvertiert wurde.

Ich neige zu Spielereien und habe mir einige Fotos von unserem Urlaub vor zwei Jahren in Grainau (mit Abstecher zu dem Ritterturnier in Kaltenberg und nach München, u.a. ins Deutsche Museum) herausgesucht. Aus diesen Bildern habe ich ein Objekt herausgeschnitten, dann das ganze Bild in ein Graustufenbild umgewandelt und das farbige, ausgeschnittene Objekt wieder an die alte Stelle eingefügt (zuvor musste ich die Farbtiefe des Graustufenbildes wieder erhöhen).

Grau-in-grau, so farbenfroh (1)

Grau-in-grau, so farbenfroh (2)

Grau-in-grau, so farbenfroh (3)

Grau-in-grau, so farbenfroh (4)

Grau-in-grau, so farbenfroh (5)

Ich finde es schon bemerkenswert, wie sich die Sichtweise auf solche Bilder verändert. Auf dem letzten Bild würde man die junge Frau mit dem Bierkrug wohl nicht so ‚vordergründig’ wahrnehmen, wenn das ganze Bild in Farbe wäre. Und die Natur (Bild 2 und 3) verliert viel von ihrer ‚Majestät’, wenn sie sich nur noch in Grautönen präsentieren darf.

Ende eines Traums

Als das Ende der Musik, so sieht ein Twitterer den Tod von Michael Jackson. Das ist natürlich Blödsinn. Ich denke aber: Es ist das Ende eines Traums. Wie kein anderer so hatte es Michael Jackson geschafft, Millionen Menschen mit seiner Musik anzusprechen – über Ländergrenzen hinweg, Menschen aller Hautfarben und aller Religionen. Aber es war nur ein Traum, oft bonbonfarben, schrill und neurotisch – wie Jackson selbst.

Michael Jackson lebte in einer anderen Welt. Schon früh von seinem Vater brutal gedrillt, um mit seinen Brüdern im Showbiz erfolgreich zu sein, blieb ihm eine normale Kindheit versagt. Diese holte er auf obskure Weise in späteren Jahren nach. Jackson war ein Peter Pan, der nicht erwachsen werden wollte. Anders als dieser, war Jackson aber erwachsen. So mögen sich auch seine sexuellen Übergriffe auf Kinder erklären, wenn auch nicht rechtfertigen.

Kurz vor einem Comeback starb nun der King of Pop an Herzversagen. Die genaueren Umstände seines Todes werden noch untersucht. Es mag sein, dass sein Tod mit dieser bevorstehenden Rückkehr auf die Konzertbühnen zusammenhängt. Ich denke, dass Jackson nicht mehr die Kraft hatte, eine solche Tour durchzustehen.

Bemerkenswert natürlich auch die biografischen Parallelen zum King of Rock ’n’ Roll, Elvis Presley, mit dessen Tochter Michael Jackson rund 19 Monate verheiratet war. Presley starb mit 42 Jahren ebenfalls an Herzversagen. Wie Jackson so kämpfte auch er in seinen letzten Jahren mit erheblichen persönlichen und wirtschaftlichen Problemen und einer starken Medikamentenabhängigkeit, die letztlich seine labile Gesundheit ruinierte.


Michael Jackson: Earth Song

Der Witzableiter (3): Freud und etwas zum Stöhnen

Fortsetzung von: Der Witzableiter (2): Der Unsinn wird befreit

Nachdem uns Eike Christian Hirsch in seiner 1984 im ZEITmagazin erschienenen Kolumne bereits über die Technik des Blödelns aufgeklärt hatte, widmete er sich im folgenden Beitrag dem Kalauer. Es gibt wohl kaum eine Art von Witz, die uns dermaßen nerven kann – wie eben der Kalauer.

„Meinst du es auch ernst mit der Schlankheitskur?“ fragt der Ehemann. „Und ob, ich lese in der Zeitung nicht einmal mehr das Fettgedruckte!“ So etwas tut weh. Offenbar ein Kalauer, ein Wortwitz also, auf den man mit „Aua!“ reagiert. Der Kalauer („Kal-aua!“) steht in schlechtem Ruf; Kuno Fischer, ein Heidelberger Philosoph, der vor hundert Jahren über den „Witz“ geschrieben hat, meinte, der Kalauer dürfe „nicht Anspruch mache, für etwas Besonderes zu gelten“. Er ist sozusagen der Proletarier unter den Witzen. Aber das macht ihn gerade stark!

„Warum hat Müller seinen Sohn Hamlet genannt!“ „Ja, sein oder nicht sein, das ist hier die Frage.“ Nicht mal schlecht, finde ich, und doch kränkt das Niveau unseren intellektuellen Hochmut. Man hat es daher nötig, das Gesicht schmerzhaft zu verziehen und sich zu distanzieren. Als die deutsche Reichshauptstadt 1943 unter Luftangriffen litt, erhielt ihr Gauleiter Goebbels den Ehrentitel „Berlins Schuttpatron“.

Das ist beißend aggressiv in der Tendenz. Weil ich bisher immer nur von der „Technik“ eines Witzes gesprochen habe, ergibt sich hier die Gelegenheit, auch auf die „Tendenz“ zu sprechen zu kommen. Sie ist wesentlich für die Wirkung eines Witzes verantwortlich, weil allein die Tendenz an unsere Gefühle und Tabus appelliert und ein Lachen hervorrufen kann.

„Warum haben Sie ihrem Nachbarn auf einer Postkarte geschrieben, er sei ein Betrüger?“ fragt der Richter. Der Angeschuldigte rechtfertigt sich: „Andere schreiben ja auch Ansichtskarten.“

Man kann von jedem Wortwitz sagen, daß in ihm zwei Gedanken überraschend zusammenstoßen. Henri Bergson, ein französischer Philosoph, hat in seinem sehr populären Buch über „Das Lachen“ (1900 zum erstenmal erschienen) gemeint, beim Witz komme es zu einer „Interferenz zweier Gedankensysteme in einem Satz“. Arthur Koestler sprach von einem Zusammenprall zweier „mit einander unvereinbarer Spielregeln“. Diesen Zusammenprall taufte er „Bisoziation“, aber man kann den Vorgang nennen, wie man will.

Witzableiter (3)

„Lieber Herr Doktor, ich war zwölf Jahre lang taub. Aber seit ich Ihre wunderbare Ohrensalbe benutze, höre ich wieder von meinem Bruder in Amerika.“ Warum wirkt das komisch? Es ist immer dieselbe Technik: Der gleiche Klang eines Wortes soll uns dazu verführen, auch einen gleichen Sinn dahinter zu sehen. Freud meinte, das sei die kindliche Form des Denkens, und es sei für uns sehr entspannend, einmal die schwere Last des ernsthaften Denkens abzuwerfen. Darin sah Freud „eine große Erleichterung der psychischen Arbeit“, die wir ständig leisten müssen. Damit begegnen wir wieder der grundlegenden Annahme Freuds, daß alle Lust am Witz aus einer „Einsparung an psychischem Aufwand“ stamme. Wie Sie wissen, kann ich Freud das nicht so ganz glauben. Es muß noch etwas anderes sein.

„Wo hast du denn deine Armbanduhr gelassen?“ „Ach, die geht immer vor, die ist sicherlich schon zu Hause.“ Das Vergnügen an dieser Art Blödsinn stammt offenbar daher, daß wir uns „für einen Moment auf die kindliche Stufe zurückversetzt“ sehen, sagt Freud. Und darin kann ich ihm gern zustimmen. Genau wie das Blödeln ist der Kalauer (und vielleicht alle Komik?) eine Regression – ein Rückschritt in kindliches Verhalten.

Nach dem Ende der Naziherrschaft sagte man, das Gegenteil von Arisierung sei Wiederjudmachung. Es läßt sich wohl spüren, daß in solchen Scherzen etwas Kindliches zum Vorschein kommt, es ist ein Schritt zurück hinter die Sprachlogik. Bei solchen Wortspielen, so meinte Jürgen Habermas [feierte übrigens letzte Woche seinen 80. Geburtstag], handele es sich sogar um einen Rückfall in die Vorzeit vor der Erfindung der definierenden Sprache; es liege eine „Verwechslung von Identität und Ähnlichkeit“ zweier Wörter vor. Der konservative Politologe Hans Speier hat den doppelsinnigen Kalauer in die Nähe von Orakelsprüchen und „enthusiastischem Wahnsinn“ gebracht und gefragt: Sollte unser „abweisendes Stöhnen“ als Antwort auf den Kalauer am Ende „vielleicht dazu dienen, unbewusste Angst vor Tollheit (kindischem Verhalten) abzuwehren“? Der Kalauer, so scheint es, führt uns jedenfalls in Ur-Zustände zurück.

Sigmund Freud, der sich sonst recht abfällig über Witzbolde geäußert hat, fand am kalauernden Zeitgenossen offenbar Gefallen. In seinem Buch über den Witz berichtet er von einem seiner Freunde, der die Gabe besaß, wenn er in aufgeräumter Stimmung war, durch längere Zeit jede an ihn gerichtete Rede mit einem Kalauer zu beantworten. „Als die Gesellschaft, die er einst so in Atem hielt, der Verwunderung über seine Ausdauer Ausdruck gab, sagte er: ‚Ja, ich liege hier auf der Ka-lauer’, und als man ihn bat, endlich aufzuhören, stellte er die Bedingung, daß man ihn zum Poeta Ka-laureatus ernenne.

Womit soll ich schließen? Ich traue mich, das Niveau noch weiter zu unterbieten, indem ich einen der bekanntesten Kalauer aller Zeiten hier noch einmal aufwärme. „Was siehst du in der Kristallkugel?“ fragt der Scheich seinen Wahrsager. „Eine große Dürre kommt auf uns zu …“ Der Scheich überlegt und meint dann:“ Eine kleine Dicke wäre mir eigentlich lieber.“

Eike Christian Hirsch – Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)
aus: ZEITmagazin – Nr. 30/1984

[Fortsetzung folgt]

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Der Witzableiter (2): Der Unsinn wird befreit

Fortsetzung von: Der Witzableiter (1): Totaler Blödsinn – ein Rückfall

Zu seiner Kolumne „Der Witzableiter“ im ZEITmagazin, vor 25 Jahren 1984 erschienen, schrieb Eike Christian Hirsch in einer Art Leitung:

Es bleibt Freuds große Entdeckung, daß der Witz eine entscheidende „Beziehung zum Unbewußten“ hat und von dort seine Wirkung bezieht. Diese Theorie ist inzwischen bestätigt, angezweifelt und verbessert worden. Aber genau weiß man es noch nicht, was an Witzen so lustvoll sein kann. Es ist zum Verzweifeln. Oder sollten wir uns doch daran versuchen? Immerhin ist Lachen die zweitschönste Beschäftigung des Menschen. Und nebenbei: Die Frage, warum man eigentlich manchmal lachen muß, ist ganz schön spannend. Auch wenn Arthur Koestler, dieser weise Mann, uns gewarnt hat, „daß die Analyse der Gründe, warum wir lachen, vielleicht eine ebenso heikle Angelegenheit ist, wie die chemische Analyse eines Parfüms mit seinen zahlreichen Komponenten“.

Und doch will ich mich an die Analyse dieses sonderbaren und aufregenden Parfüms machen. Ich muß es!

Hier also der 2. Teil der Kolumne aus dem ZEITmagazin:

An der Schießbude eines Volksfestes stand auf einem Schild: „In betrunkenem Zustand können wir Sie leider nicht bedienen.“ Das ist (ich gebe es zu) eigentlich kein Witz. So etwas verbucht man gewöhnlich unter „unfreiwilligem Humor“ oder besser: unfreiwilliger Komik. Und doch wage ich Ihnen die Geschichte anzubieten, weil es uns ja um die Wurzeln des Witzes geht. Wahrscheinlich ist die Gattung Witz, des es erst seit etwa hundertfünfzig Jahren gibt, auch aus solcher unfreiwilligen Komik entstanden. Hier ein Inserat für ein Färbemittel: „Mit unserer neuen Tönung fällt ihr Haar schon nach dem ersten Versuch gleichmäßig aus.“

So groß ist der Schritt zum uns geläufigen Witz gar nicht. Auch da kommt unfreiwilliger Doppelsinn vor, nur daß meist die Form des Dialogs gewählt wird. „Wer war denn die Dame, mit der ich Sie gestern gesehen habe?“ „Das war keine Dame, das war meine Frau.“ Formal ein echter Witz.

Was amüsiert uns an solchen Fehlleistungen? Sicherlich erfreut uns zweierlei: einmal das Gefühl, den Fehler selbst sofort zu erkennen; zum anderen die Erleichterung, daß uns die Peinlichkeit nicht selbst passiert ist. Aus einem Nachruf: „Still und zuverlässig lebte und starb er für sein geliebtes Theater.“

Aus einem Vernehmungsprotokoll: „Herr S. bestreitet nachdrücklich, daß er irgendwelche sittlichen Berührungen mit Frl. B. hatte.“ Kleinanzeige in einer Kulturzeitschrift: „Welcher angesehene Verlag übernimmt Lyrikband eines bereits im Druck befindlichen Schriftstellers?“

Daß wir es hier mit einer Wurzel der Gattung Witz zu tun haben, dafür gibt es noch ein anderes Indiz. In den fünfziger Jahren hat der Pädagoge Hermann Helmers untersucht, worüber Schulkinder besonders leicht lachen. Er fand heraus, sie lachen am meisten über Sprachschnitzer anderer Kinder. Ein elfjähriger Junge erzählte: „Eines Tages lud mich mein Freund Fritz ein. Zuerst wußten wir nicht, was wir machen sollten. Plötzlich kam seinem kleinen Bruder eine gute Idee und er sagte: ‚Wollen wir nicht lischen gehen!’ Wir lachten so lange, bis uns der Bauch weh tat.“ Der jüngere Bruder hatte „fischen“ sagen wollen.

Ein Zwölfjähriger berichtete: „Herbert sollte eines Tages in der Klasse lesen, und als er an der Reihe war, hat er ‚Stiefenkehlchen’ gelesen. Wir mußten uns den Bauch vor lachen halten. Es heißt nämlich ‚Stief-Enkelchen’.“

Hermann Helmers vermutet, das sei kein Auslachen; es sei der neue, verdrehte Sinn, der komisch wirke. Hinzu kommt wohl die freude der Kinder darüber, fähig zu sein, den Fehler zu erkennen. Und noch etwas: ich dewnke mir, diese Elf- bis Zwölfjährigen sind schon zu erwachsen, um noch selbst ungeniert mit Worten spielen zu können. Sie sind darauf angewiesen, daß andere Unsinn machen – und sei er unfreiwillig.

Der Alltag bietet dazu, wie gesagt, schon immer Gelegenheit. Der Pfarrer in der Kirche: „Unser Organist kann heute nicht spielen. Ich stimme daher jetzt das Lied an, danach fällt die ganze Kirche ein.“

Solche Augenblicke schenken gleichsam ein Naturprodukt, während die üblichen Witze etwas von Fabrikware an sich haben. Wer Zeuge einer spontanen Entgleisung wird, hat die Komik an der Quelle erlebt. Die Leiterin des Mädchenwohnheims einer amerikanischen Universität will zusammen mit dem Rektor gegen die nächtlichen Rendezvouz im Park einschreiten. Ihre Ansprache vor den Studentinnen beginnt sie mit den Worten: „The president of der university and I decided to stopp petting on campus.“

Auch diese Geschichte ist formal ein richtiger Witz und keine bloß „unfreiwillige Komik“ mehr (ich habe diese Geschichte daher auch in einem Witzbuch gefunden).Die Technik ist ohnehin hier und dort die gleiche: Es ergibt sich ein überraschender Doppelsinn, der schnell erkannt werden kann – was uns als Hörer ein kleines Gefühl der Überlegenheit verschafft. Aus einer Bewerbung: „Bei Ausbruch des Krieges mußte ich ins Feld. Eine Schädelverletzung ermöglichte mir dann das juristische Studium.“

Na, nicht doch auch ein bißchen Schadenfreude? Mag ja sein. Es geht aber oft auch ganz harmlos zu. Aussprüche einer westfälischen Hausfrau sind von ihren Kindern der Nachwelt (anonym) überliefert worden. „Es war alles so recht zunett gemacht“, konnte die temperamentvolle, aber etwas zerstreute Frau sagen. Oder bei Tisch: „Halb gekauft ist gut verdaut.“

Ihre Menschenkenntnis begründete sie so: „Ich habe einen Blick dafür, wie ein Mensch aussieht oder nicht.“

Witzableiter (2)

So ist das auch in den heute üblichen, richtigen Witzen: es ergibt sich ein Doppelsinn, zwei Deutungen streiten mit einander. Es ist ein Spiel mit Klang und Sinn, das uns in die Stimmung unserer Kindheit versetzen kann. „Er litt zeitlebens so an Rheumatismus, daß er sich nichts auf die hohe Kante legen konnte.“

Es gebe eine „Lust am befreiten Unsinn“, schreibt Feud, und doch, so meint er, „man getraut sich nicht, Widersinn auszusprechen.“ Da müssen wir eben darauf hoffen, daß es andere für uns tun – und sei es unfreiwillig.

Aus einem Roman: „Sie war erstaunt, daß Gerda einen Mann auf dem Nachttisch stehen hatte.“

Eike Christian Hirsch – Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)
aus: ZEITmagazin – Nr. 29/1984

[Fortsetzung folgt]

Urheberrecht, Patente und Piraten

Nachdem die Schweden einen Abgeordneten der Piratenpartei ins Europaparlament wählten , hat nun auch der Bundestag für wenige Wochen einen Piraten an Bord: Der Internet-Experte Jörg Tauss verlässt die SPD und schließt sich der Piratenpartei an:


Interview mit Jörg Tauss über seinen Beitritt zur Piratenpartei vom 20.06.2009

Damit hat die Piratenpartei natürlich große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erlangt. Herr Tauss ist allerdings durch den Kinderporno-Vorwurf nicht ganz unbelastet, u.a. wurde in der Wohnung von Tauss in Berlin einschlägiges Material sichergestellt. Das Auffinden dieses Materials begründete er mit seiner Tätigkeit als medienpolitischen Sprecher. Zunächst stellte Jörg Tauss seine Ämter zur Verfügung, Jetzt ist er wegen der Zustimmung der SPD zu den Internet-Sperren zur Eindämmung von Kinderpornografie aus der Partei ausgetreten. Mit diesem Gesetz solle „eine staatliche Zensurinfrastruktur“ errichtet werden.

Die Ziele der Piratenpartei sind im Wesentlichen auf die neuen Medien, speziell das Internet, abgestimmt; u.a. fordert man informationelle Selbstbestimmung der Bürger, lehnt Patente auf Lebewesen und Gene, auf Geschäftsideen und auch auf Software einhellig ab und fordern eine Neuregelung des Urheberrechts, weil das veraltete Verständnis von so genanntem „geistigem Eigentum“ der angestrebten Wissens- oder Informationsgesellschaft entgegen steht.

Zunächst scheinen die Ziele der Piraten nicht gerade existenzielle Probleme der Menschen zu berühren. Ähnlich den Grünen in ihrer Anfangszeit setzen die Piraten den Fokus auf eine bestimmte Thematik. Für uns als Informationsgesellschaft wird es aber Zeit, dass die Probleme, die in diesem Zusammenhang bestehen, definiert und geklärt werden und endlich auch eine politische Ausrichtung erhalten. Dabei geht es durchaus auch um Fragen, die für uns lebensbedeutend sind, z.B. Patenrechte auf Lebewesen (Tierzuchtpatente und Patente auf Nutzpflanzen). So vergab das Europäische Patentamt (EPA) in Den Haag ein Patent für Sonnenblumen aus traditioneller Zucht, die eine Schädlingsresistenz besitzen und für Lebens- und Futtermittel verwendet werden, 2006 an den US-Agrarkonzern Pioneer. Greenpeace hatte 2007 Einspruch gegen das Patent eingelegt. Die Umweltorganisation befürchtet, dass das EPA damit einen Präzedenzfall für die Erteilung von Eigentumsrechten an Nutzpflanzen aus traditioneller Züchtung schaffen will. Patente auf Pflanzen und Tiere müssen nach Auffassung von Greenpeace verboten werden.

„Wenn ganz normale Pflanzen wie Sonnenblumen zu einer Erfindung erklärt werden, kann bald jedes Tier oder jede beliebige Pflanze unter den Patentanspruch eines Konzerns fallen“, sagt Christoph Then, Patentexperte und Berater von Greenpeace. „Lebensmittelkonzerne wollen die Kontrolle über alle Stufen der Nahrungserzeugung bekommen. Die Interessen von Landwirten, Züchtern und Verbrauchern werden an die Industrie verkauft – trotz aller Verbote.“

Auch ein Überdenken des Urheberrechts halte ich für notwendig. Rechtsinhaber ist der Urheber. Nach § 7 UrhG ist dies der Schöpfer des Werkes. Bezogen auf die Musikbranche haben aber nicht die Künstler, die eigentlichen Urheber, die Urheberrechte, sondern treten diese gezwungenermaßen an die Firmen ab (in Form von Nutzungsrechten in Deutschland, da Urheberrechte bei uns nicht übertragbar sind). Dafür bekommen sie dann 9,009 % des Verkauferlöses (wenn ich mich nicht täusche). Also von einer CD für 12,99 € sind das dann 1,17 €. Kein Wunder also, wenn manche Künstler den Vertrieb ihrer Musik selbst in die Hand nehmen (wofür sich das Internet natürlich bestens eignet).

So ist es natürlich auch in erster Linie die Musikindustrie, die gegen Raubkopien vorgeht, da deren Gewinne geschmälert werden. Das Urheberrecht wird vorgeschoben. Welch unsinnig seltsame Blüten das treibt, haben wir jetzt wieder einmal aus den USA erfahren, wo eine mehrfache Mutter, bei der eigentlich nichts zu holen ist, zu einer Millionen-Strafe wegen illegaler Musik-Downloads verdonnert wurde.

Nun das Thema ist schon von richtigen erfahrenen Ökonomen und Spieltheoretikern (Michele Boldrin und David K. Levine) umfassend in ihrem Buch „Against Intellectual Monopoly“ abgehandelt worden. In einem Kommentar zum Urheberrecht auf der Website der Piratenpartei habe ich Folgendes gefunden, das sicherlich manchmal auf einem Bein hinkt, das aber doch verständlich macht, das ein Umdenken notwendig erscheint:

Menschen haben zu allen Zeiten Musik gemacht (wir kennen Flöten aus der Steinzeit) und Geschichten erzählt, und fast nie und nirgends gab es ein Urheberrecht, um ihnen ein Monopol auf ihre Lieder oder Geschichten zu geben. Wenn ein Bedarf dafür da ist, wird das auch bezahlt, wenn über den Bedarf hinaus oder am Markt vorbei produziert wird, eher schlecht. Das gilt für Milchbauern ebenso wie für Pop-Musik. Monopole korrumpieren, und genau das erleben wir ja auch. Am deutlichsten bei Software, denn das, was Microsoft sich da leistet (mit schlechten Produkten einen riesigen Reibach machen), würde in einem freien Markt völlig unmöglich sein. Und es ist ja nicht nur Microsoft – SAP verlangt für ihr eher lausiges Produkt ja auch Apotheker-Preise (die Preise haben nichts mit dem Namen des Chefs zu tun, sondern mit der ähnlich monopolisierten Struktur der Pharma-Branche).

Wie man Geld macht mit frei kopierbarer Software, das fragt am besten Konzerne, die das bereits jetzt machen, also RedHat, Novell und ähnliche. Die Antwort ist ganz einfach: Mit Service. Das Geschäft läuft, Novell hat in diesem Bereich ordentliches Wachstum, in dem Konzernbereich, in dem noch proprietäre („urheberrechtlich geschützt“) Software zu finden ist, schrumpfen sie.

Natürlich kann man für Musik keinen Service leisten. Dafür kann man Konzerte geben. Und auch Romanautoren haben ja auch vor der Einführung des Urheberrechts gut gelebt, die Werke von Goethe, Schiller, Shakespeare und Cervantes sind alle völlig ohne Schutz entstanden – und man fragt sich, wo denn durch das Urheberrecht gefördert auch nur vergleichbar gute Werke hervorgebracht wurden. Bach, Mozart und Beethoven haben alle ihr Business-Modell entwickelt. Und Werke, die aus Vergnügen heraus entstehen, bedürfen auch keiner Bezahlung (die größten Werke Michelangelos sind z.B. komplett ohne Entlohnung entstanden – das Werk selbst schaffen zu dürfen war ihm Lohn genug. Und was für Werke das waren!).

Ein anderes Argument ist: Kopiert wird sowieso nur das, was schon erfolgreich ist. Erfolgreich ist, was sich in größeren Stückzahlen verkauft hat. Da hat der Schöpfer wohl schon seinen Reibach gemacht. In der Regel steigert durch das Kopieren auch noch die Popularität des Originals, siehe Bill Gates, der lange nur sehr wenig gegen die privaten Raubkopien von Windows und Office gemacht hat.

Auch ich habe mich in einem kleinen Kommentar geäußert: Urheberrechte etc.

Wenn es darum geht, Verstöße gegen das Urheberrecht anzuprangern, dann werden immer wieder nur die ‚Großen‘ aufgeführt. Keiner regt sich auf, wenn es um einige illegale Downloads von Musikstücken kleiner Bands geht. Und wer erregt sich da in erster Linie? Die Musikindustrie, die sich die Urheberrechte angeeignet hat, nicht der eigentliche ‚Schöpfer‘. Das heißt: Es geht ums Geld und eigentlich nicht um den Schutz gedanklichen oder künstlerischen Eigentums.

Es ist nun einmal an der Zeit, dass sich andere Strategien der ‚Vermarktung‘ entwickeln. Viele Künstler haben das begriffen. Aber selbst die ‚Großen‘ (z.B. Madonna) wenden sich von den großen Firmen der Musikindustrie ab, um in eigener Regie ihre Werke dem Markt zugängig zu machen.

Ich denke, dass nicht allein, was Urheberrechte, Patente usw. betrifft, sondern dass grundsätzlich ein Umdenken stattfinden muss. Ich finde es geradezu unmoralisch, wenn z.B. im Fußball zig Millionen Euro an Ablösesummen gezahlt werden, die im Grunde dann doch nur der kleine Mann (hier: Fußballfan) zu zahlen hat.

Das sollen hier nur erste Gedankenanstöße sein. Ich selbst werde die Piratenpartei zunächst durch meine Unterstützerunterschrift helfen, damit sie bei den nächsten Wahlen zugelassen wird. Ob ich sie dann wirklich auch wählen werde, entscheide ich z.B. kurz vor der Bundestagswahl im September. Bis dahin ist ja noch genügend Zeit, um zu sehen, wie die Parteien insgesamt zu den aufgeworfenen Fragen wie Patente und Urheberrecht Stellung beziehen.