Kategorie-Archiv: Wiedergelesen

Wiedergelesen – wiederentdeckte Literatur

Martin Walser: Finks Krieg

Martin Walser erzählt in seinem Roman Finks Krieg von dem Konflikt um eine Stellenbesetzung in der Hessischen Staatskanzlei, der sich von 1988 bis 1994 tatsächlich zugetragen hat. Im Mittelpunkt der Ereignisse steht der Leitende Ministerialrat Stefan Fink, der in der Staatskanzlei für die Verbindung zu den Kirchen zuständig ist. Als er im Zuge einer politischen Veränderung, einer Intrige, versetzt werden soll, wehrt er sich und führt, mit der Zeit immer einsamer werdend, einen langen Kampf über viele Instanzen, der Formen eines persönlichen Krieges annimmt. Je länger er diesen Kampf führt, desto mehr muß er erfahren, daß sein Krieg eben nur sein Krieg ist. Alle raten, diesen zu beenden, Fink dagegen ist der Meinung: ‚Jemand, der um sein Leben kämpft, kann nicht aufhören, um sein Leben zu kämpfen.’“
(aus dem Klappentext)

Martin Walser: Finks Krieg

Walsers Roman habe ich als Taschenbuch (Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main – st 2900 – erste Auflage 1998) vorliegen und erneut vor Weihnachten 2012 gelesen. Wie im Klappentext erwähnt bezieht sich der Roman auf einen tatsächlich zugetragenen Fall, den Fall des Rudolf Wirtz. Zum Hintergrund ist u.a. bei FOCUS Online im Artikel Schlacht der Leitz-Ordner zu lesen:

„Rudolf Wirtz, Katholik, Sozialdemokrat, seit 1970 Leitender Ministerialrat in der hessischen Staatskanzlei zu Wiesbaden, zuständig für Kontakte zu den Kirchen und Religionsgemeinschaften des Landes, wurde am 23. November 1988 über seine Versetzung informiert. Der Beamte fiel beim Chef der Staatskanzlei, Staatssekretär Alexander Gauland (CDU), in Ungnade, weil sich angeblich Kirchenvertreter über ihn, Wirtz, beklagt hätten. In zwei Eilverfahren wehrte er sich erfolgreich gegen die Versetzung. Gaulands durch eine eidesstattliche Versicherung untermauerter Verdacht gegen Wirtz wurde von den Kirchen weder bestätigt noch dementiert.

Zum vorläufigen Sieg des Beamten Wirtz trug auch bei, daß sich sein vermeintlicher Nachfolger, Wolfgang Egerter (CDU), als aktives Mitglied des völkischen Witiko-Bundes entpuppte und somit als untragbar für ein Amt, das unter anderem auch mit der jüdischen Gemeinde Kontakte zu pflegen hat. Um es kurz zu machen: Die rot-grüne Opposition meldete sich zu Wort, vornehmlich in Person von Joschka Fischer. Der forderte, vergeblich, die Entlassung Gaulands, bezeichnete später sein Verhalten gegenüber Gauland aber als ‚Fehler’.

Immerhin: Der Fall Wirtz avancierte zum Politikum. Am Ende blieb der Beamte in seinem Amt, womit er sich allerdings nicht zufrieden gab. Mit juristischen Mitteln wollte Wirtz Gaulands eidesstattliche Versicherung widerlegen, die Kirchen hätten sich unzufrieden über ihn, Wirtz, geäußert. Doch das Ermittlungsverfahren gegen Gauland wurde eingestellt. Der Fall Wirtz versickerte im Sande.“

Sicherlich benötigt der Leser dieses Romans einen gewissen Nerv, denn der finksche Karriere-Fall ist eigentlich nicht die Welt. Aber es ist doch erstaunlich, wie sich Martin Walser dieses Stoffs angenommen hat und in die Rolle des Stefan Fink alias Rudolf Wirtz geschlüpft ist. Beim Erscheinen des Buchs gab es den Vorwurf, Walsers ‚Psychologie’ stimme nicht so ganz. Aber es ist ja nicht Walser, der schreibt, sondern durch ihn schreibt der Beamte Fink. Und dessen Sichtweise wird im Laufe der Zeit immer verschrobener und lässt den Ich-Erzähler Fink zunehmend von sich selbst in der dritten Person reden. Sein Monolog wird zum ‚Selbstentzweiungsgespräch’. Ein altmodischer Mann, dem es um die Ehre geht – ‚der Posten war mein Lebenswerk’ (siehe hierzu den Artikel Kohlhaas im Amt – spiegel.de).

„Sein Kampf um Rehabilitierung nimmt bald kafkaeske Züge an und erinnert an Michael Kohlhaas; bald kann Fink an nichts anderes mehr denken. Das juristisch-bürokratische wird von einem kriegerischen Vokabular abgelöst.“ (Quelle: dieterwunderlich.de)

Sitzen bleiben mußten wir am Computer und einen Artikel entwerfen für eine noch zu findende, wenn nicht sogar zu erfindende Zeitschrift. Einen Artikel gegen das System, aber das Wort System durfte nicht vorkommen. Der Linguist hatte gerügt, daß der Beamte Fink alles, wogegen er anrenne, System nenne. So aber sei die Weimarer Republik von den Nazis genannt worden. Und überhaupt habe der Beamte Fink mit Don Quijote gemeinsam, daß er Erscheinungen so lange auf bausche, bis eine Windmühle herauskomme, gegen deren mächtige Flügel er dann anrennen könne. Das System, das sei die übermächtige Windmühle des Beamten Fink. Zum Schein hatte der Beamte Fink gefragt, wie er denn den Gegner zusammenfassend bezeichnen solle. Überhaupt nicht zusammenfassend, hatte der Linguist gesagt, differenzierend, analysierend, also auseinandernehmend …
Ach ja, ach ja. Mein Gott! Wie soll jemand, der im Krieg lebt, sich verständigen mit einem, der im Frieden lebt!
Martin Walser: Finks Krieg (S. 99 f)

Die vier Kapitel des Romans:

I. Der Rausschmiss [23.11.1988]
II. Unperson
III. Distelblüten
IV. Höhengewinn mit Tractatus skatologikus [etwa: Abhandlung vom Kot] oder Cacata Charta [etwa: Scheiß-Urkunde]

Geschichtlicher Hintergrund (Landesregierung Hessen):

11. Legislaturperiode 1983-87
Wörner SPD ab Oktober 1985 mit den Grünen (u.a. J. Fischer)

12. Legislaturperiode 1987-91
Wallmann CDU mit FDP

13. Legislaturperiode 1991-95
Eichel SPD mit den Grünen

Sicherlich ist dieser Roman nicht jedermanns Sache. Vielleicht sollte man selbst die Strukturen behördlicher Einrichtungen kennen gelernt haben, um einen gewissen Geschmack an diesem Roman zu finden. Man sagt, „Gottes Mühlen mahlen langsam“ und ergänzt das dann mit: „die des Staates aber noch langsamer!“. Bürokratie – und in Übersteigerung der Bürokratismus – findet sich im Besonderen bei staatlichen Stellen und ist als Beamtenwirtschaft verschrieen. Wer in die Zwickmühle des Staates gerät, findet kaum einen Ausweg heraus. Von daher gelingt Martin Walser mit diesem Roman eine Art Lehrstück zu diesem Thema.

Stefan Fink ist sicherlich ein gesitteter Mensch. Aber mit zunehmender Zeit im Verlauf des Verfahrens ‚verroht’ er förmlich und schmeißt mit Fäkalausdrücken um sich, dass es nur so kracht. Wer könnte sich nicht selbst manchmal mit dem Beamten Fink identifizieren?!

„Seit Koeppens Treibhaus 1953 erschienen ist, hat es ein besseres Buch über das leise Verhältnis von Macht und Wahn nicht gegeben.“ Frank Schirrmacher, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Vorweihnachtszeit 2012 (17): Joachim Ringelnatz – Vorfreude auf Weihnachten

Jetzt geht es wirklich ‚hart’ auf Weihnachten zu. Statt die letzten Geschenke zu kaufen stürze ich mich auf die Fabrikation von Geschenkgutscheinen (es geht um Klamotten, die soll sich der ‚Beschenkte’ selbst kaufen, ich würde nur das Falsche kaufen). Ansonsten ist alles besorgt – einen Festtagsbraten gibt es bei uns schon deshalb nicht, weil der ältere meiner Söhne Veganer ist (was uns Restliche nicht davon abhalten wird, die eine oder andere ‚leichte’ fleischliche Leckerei zu genießen). Am Heiligabend werde ich morgens nur noch Brötchen einkaufen gehen …

Joachim Ringelnatz hatte ich hier bereits mit seiner Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu präsentiert. Heute, so kurz vor Weihnachten, noch ein kleines weiteres Gedicht von ihm: Vorfreude auf Weihnachten. Lassen wir in diesen Tagen wie Ringelnatz die Flämmchen am Christbaum blühen.

Schöne Vorweihnachtzeit 2012

Ein Kind – von einem Schiefertafel-Schwämmchen
Umhüpft – rennt froh durch mein Gemüt.

Bald ist Weihnacht! – Wenn der Christbaum blüht,
Dann blüht er Flämmchen.
Und Flämmchen heizen. Und die Wärme stimmt
Uns mild. – Es werden Lieder, Düfte fächeln. –

Wer nicht mehr Flämmchen hat, wem nur noch Fünkchen glimmt,
Wird dann doch gütig lächeln.

Wenn wir im Traum eines ewigen Traumes
Alle unfeindlich sind – einmal im Jahr! –
Uns alle Kinder fühlen eines Baumes.

Wie es sein soll, wie’s allen einmal war.

Joachim Ringelnatz: Vorfreude auf Weihnachten

Vorweihnachtszeit 2012 (13): Erich Kästner – Weihnachtslied, chemisch gereinigt

Emil Erich Kästner (1899 – 1974) war ein deutscher Schriftsteller, Drehbuchautor und Verfasser von Texten für das Kabarett, der vor allem wegen seiner humorvollen, scharfsinnigen Kinderbücher und seiner humoristischen bis zeitkritischen Gedichte bekannt geworden ist. Wie Kurt Tucholsky war er freier Mitarbeiter der Zeitschrift Die Weltbühne. Sein „Weihnachtslied, chemisch gereinigt“ lässt sich auf der Melodie von „Morgen, Kinder, wird’s was geben!“ auch gesanglich anstimmen. Ja, Morgen (in einer Woche) wird’s was geben …

Schöne Vorweihnachtzeit 2012

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte euch das Leben.
Das genügt, wenn man’s bedenkt.
Einmal kommt auch eure Zeit.
Morgen ist’s noch nicht so weit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bißchen durch die Straßen!
Dort gibt’s Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen –
Lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt’s an Holz!
Stille Nacht und heil’ge Nacht –
Weint, wenn’s geht, nicht! Sondern lacht!

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der Kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit …
Ach, du liebe Weihnachtszeit!

Erich KästnerWeihnachtslied, chemisch gereinigt
(Nach der Melodie: „Morgen, Kinder, wird’s was geben!“)

Vorweihnachtszeit 2012 (9): William Butler Yeats – Die Anbetung der heiligen drei Könige

William Butler Yeats (1865 – 1939) war ein irischer Dichter. Er gilt als einer der bedeutendsten englischsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. 1923 erhielt er den Literaturnobelpreis. In romantischen Stimmungsbildern schilderte er die alten Kelten und ihre Mythen, wie er sie sah. Seine Werke sind gekennzeichnet von verträumter Atmosphäre und irischer Folklore. Kein Wunder also, wenn seine Erzählung von der Anbetung der heiligen drei Könige geprägt ist von wundersamen Dingen, die das christliche Motiv in ein gälisches Märchen verwandeln.

Besonders beeindruckend finde ich den Schluss der Erzählung mit dem Gebet in gälischer Sprache – und den Gedanken, mit den drei alten Männern auch wieder den Unsterblichen begegnet zu sein. Das ist fernab des weihnachtlichen Einkaufstrubels. Dafür gönne ich mir (ähnlich den drei alten Männer: „Nacht für Nacht im Winter trugen ihnen gälische Märchenerzähler über einem Krug Whiskey alte Dichtungen vor“) abends einen wee dram of whisky … wenn’s auch kein irischer, sondern ‚nur’ ein schottischer ist (single malt versteht sich): Slàinte mhath!

Schöne Vorweihnachtzeit 2012

Nicht lange nach meiner letzten Begegnung mit Aherne war es, als ich spät nachts, in meine Bücher vertieft, ein leises Klopfen an meiner Haustür vernahm. An der Schwelle fand ich drei sehr alte Männer mit dicken Stöcken in den Händen, die sagten, es sei ihnen mitgeteilt worden, daß ich auf sei und daß ich bereit sei, und sie hätten mir wichtige Dinge zu sagen.

[…]

Das ist alles, was mir die Alten erzählt haben, und wenn ich mich ihrer Rede und ihres Schweigens entsinne, ihres Kommens und Gehens, dann bin ich fast überzeugt, ich hätte, wenn ich nach ihnen das Haus verlassen, keine Fußspuren im Schnee gefunden. Nach allem, was ich oder irgend jemand hierüber sagen kann, mögen sie selber Unsterbliche gewesen sein, unsterbliche Dämonen, gekommen, um meinem Geiste eine unwahre Geschichte einzugeben, zu einem Zweck, den ich nicht kenne. Wer immer sie gewesen sein mögen, sicherlich habe ich einen Weg eingeschlagen, der mich von ihnen und der Chymischen Rose entfernen wird. Nicht länger mehr lebe ich ein sorgfältiges und hochmütiges Leben, sondern bin bestrebt, mich unter den Gebeten und den Sorgen der Menge zu verlieren. Am liebsten bete ich in den Kirchen der Armen, wo grobe Kittel mich streifen, wenn ich niederknie; und wenn ich ein Stoßgebet gegen die bösen Geister verrichte, dann wiederhole ich ein Gebet, das, ich weiß nicht vor wieviel Jahrhunderten, gelispelt worden, um irgendeinem gälischen Mann oder einer Frau beizustehen, die an einem Leiden gleich dem meinen gelitten.

Seacht b-páidreacha fó seacht
Chuir Muire faoi n-a Mac,
Chuir Brighid faoi n-a brat,
Chuir Dia faoi n-a neart
Eidir sinn ’san Sluagh Sidhe
Eidir sinn ’san Sluagh Gaoith.

Sieben Patres siebenmal
Senden Marien durch ihren Sohn,
Senden Brigitt durch den Mantel,
Senden Gott durch seine Kraft
Zwischen uns und die Zauberschar,
Zwischen uns und die luftgen Geister.

William Butler Yeats: Die Anbetung der heiligen drei Könige (aus: Erzählungen und Essays)

Vorweihnachtszeit 2012 (8): Joachim Ringelnatz – Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu

Bevor Joachim Ringelnatz (eigentlich Hans Gustav Bötticher) eine Laufbahn als Kabarettist und Schriftsteller begann, war er als Seemann unterwegs. Meist mit weniger guten Erfahrungen. Aber daraus resultiert eine Kunstfigur, die des Seebären Kuttel Daddeldu, die Hauptfigur in diversen schwarzhumorigen Balladen und Moritaten von Ringelnatz. Weihnachten kommt bei Kuttel Daddeldu auch vor, wenn auch ‚nordisch herb’, aber herzlich, wie eben bei Seeleuten üblich:

Schöne Vorweihnachtzeit 2012

Die Springburn hatte festgemacht
Am Petersenkai.
Kuttel Daddeldu jumpte an Land,
Durch den Freihafen und die stille heilige Nacht
Und an dem Zollwächter vorbei.
Er schwenkte einen Bananensack in der Hand.
Damit wollte er dem Zollmann den Schädel spalten,
Wenn er es wagte, ihn anzuhalten.
Da flohen die zwei voreinander mit drohenden Reden.
Aber auf einmal trafen sich wieder beide im König von Schweden.

Daddeldus Braut liebte die Männer vom Meere,
Denn sie stammte aus Bayern.
Und jetzt war sie bei einer Abortfrau in der Lehre,
Und bei ihr wollte Kuttel Daddeldu Weihnachten feiern.

Im König von Schweden war Kuttel bekannt als Krakehler.
Deswegen begrüßte der Wirt ihn freundlich: »Hallo old sailer!«
Daddeldu liebte solch freie, herzhafte Reden,
Deswegen beschenkte er gleich den König von Schweden.
Er schenkte ihm Feigen und sechs Stück Kolibri
Und sagte: »Da nimm, du Affe!«
Daddeldu sagte nie »Sie«.
Er hatte auch Wanzen und eine Masse
Chinesischer Tassen für seine Braut mitgebracht.

Aber nun sangen die Gäste »Stille Nacht, Heilige Nacht«,
Und da schenkte er jedem Gast eine Tasse
Und behielt für die Braut nur noch drei.
Aber als er sich später mal darauf setzte,
Gingen auch diese versehentlich noch entzwei,
Ohne daß sich Daddeldu selber verletzte.

Und ein Mädchen nannte ihn Trunkenbold
Und schrie: er habe sie an die Beine geneckt.
Aber Daddeldu zahlte alles in englischen Pfund in Gold.
Und das Mädchen steckte ihm Christbaumkonfekt
Still in die Taschen und lächelte hold
Und goß noch Genever zu dem Gilka mit Rum in den Sekt.
Daddeldu dacht an die wartende Braut.
Aber es hatte nicht sein gesollt,
Denn nun sangen sie wieder so schön und so laut.
Und Daddeldu hatte die Wanzen noch nicht verzollt,
Deshalb zahlte er alles in englischen Pfund in Gold.

Und das war alles wie Traum.
Plötzlich brannte der Weihnachtsbaum.
Plötzlich brannte das Sofa und die Tapete,
Kam eine Marmorplatte geschwirrt,
Rannte der große Spiegel gegen den kleinen Wirt.
Und die See ging hoch und der Wind wehte.

Daddeldu wankte mit einer blutigen Nase
(Nicht mit seiner eigenen) hinaus auf die Straße.
Und eine höhnische Stimme hinter ihm schrie:
»Sie Daddel Sie!«
Und links und rechts schwirrten die Kolibri.


Blick in die Mattentwiete/Hamburg

Die Weihnachtskerzen im Pavillon an der Mattentwiete erloschen.
Die alte Abortfrau begab sich zur Ruh.
Draußen stand Daddeldu
Und suchte für alle Fälle nach einem Groschen.
Da trat aus der Tür seine Braut
Und weinte laut:
Warum er so spät aus Honolulu käme?
Ob er sich gar nicht mehr schäme?
Und klappte die Tür wieder zu.
An der Tür stand: »Für Damen«.

Es dämmerte langsam. Die ersten Kunden kamen,
Und stolperten über den schlafenden Daddeldu.

Joachim RingelnatzDie Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu

Vorweihnachtszeit 2012 (7): Günter Grass – Advent

Heute feiern wir bereits den 2. Advent. In dieser Vorweihnachtszeit lese ich Das Weihnachtsbuch, das mit alten und neuen Geschichten, Gedichten und Liedern aufwartet, die Besinnliches, aber auch manch Kritisches enthalten.

Mit ‚Krieg im Kinderzimmer’ könnte man Günter Grass’ Gedicht „Advent“ betiteln. Grass, der erst in diesem Jahr mit einem Israel-kritischen Gedicht („Was gesagt werden muss“) für Aufregung sorgte. Aus welchem Grund auch immer erinnert mich das Gedicht „Advent“, wenn auch mit einem Augenzwinkern mehr, an Weihnachten bei Hoppenstedts von Loriot.

Schöne Vorweihnachtzeit 2012

Wenn Onkel Dagobert wieder die Trompeten vertauscht
und wir katalytisches Jericho mit Bauklötzen spielen,
weil das Patt der Eltern
oder das Auseinanderrücken im Krisenfall
den begrenzten Krieg,
also die Schwelle vom Schlafzimmer zur Eskalation,
weil Weihnachten vor der Tür steht,
nicht überschreiten will,
wenn Onkel Dagobert wieder was Neues,
die Knusper-Kneißchen-Maschine
und ähnliche Mehrzweckwaffen Peng! auf den Markt wirft,
bis eine Stunde später Rickeracke . . . Puff . . . Plops!
der konventionelle, im Kinderzimmer lokalisierte Krieg
sich unorthodox hochschaukelt,
und die Eltern,
weil die Weihnachtseinkäufe
nur begrenzte Entspannung erlauben,
und Tick, Track und Trick,
das sind Donald Ducks Neffen, –
wegen nichts Schild und Schwert vertauscht haben,
ihre gegenseitige, zweite und abgestufte,
ihre erweiterte Abschreckung aufgeben,
nur noch minimal flüstern, Bitteschön sagen,
wenn Onkel Dagobert wieder mal mit den Panzerknackern
und uns, wenn wir brav sind, doomsday spielt,
weil wir alles vom Teller wegessen müssen,
weil die Kinder in Indien Hunger haben
und weniger Spielzeug und ABC-Waffen,
die unsere tägliche Vorwärtsverteidigung
vom Wohnzimmer bis in die Hausbar tragen,
in die unsere Eltern das schöne Kindergeld stecken,
bis sie über dreckige Sachen lachen,
kontrolliert explodieren
und sich eigenhändig,
wie wir unseren zerlegbaren Heuler,
zusammensetzen können,
wenn ich mal groß und nur halb so reich
wie Onkel Dagobert bin,
werde ich alle Eltern, die überall rumstehen
und vom Kinder anschaffen und Kinder abschaffen reden,
mit einem richtigen spasmischen Krieg überziehen
und mit Trick, Track und Tick, –
das sind die Neffen von Donald Duck,
eine Familie planen,
wo bös lieb und lieb bös ist
und wir mit Vierradantrieb in einem Land-Rover
voller doll absoluter Lenkwaffen
zur Schule dürfen,
damit wir den ersten Schlag führen können;
denn Onkel Dagobert sagt immer wieder:
Die minimale Abschreckung hat uns bis heute, –
und Heiligabend rückt immer näher, –
keinen Entenschritt weiter gebracht.

Günter Grass: Advent
Aus: Gedichte und Kurzprosa © Steidl Verlag, Göttingen 1993/2007

Vorweihnachtszeit 2012 (3): Martin Walser: Überredung zum Feiertag

Von der rechten ‚Weihnachtsstimmung’ schrieb ich erst vorgestern: Weihnachtliche Stimmung ist nicht immer frei von Sentimentalität, also von Rührseligkeit oder gar Gefühlsduselei (auch das sind ‚schöne’ deutsche Wörter). Daher graut es manchem vor dem ‚Fest’.

Auch Martin Walser graut es. Ihm kommen ‚zwiespältige Empfindungen’ und er muss zum Feiertag geradezu überredet werden. Dafür nimmt er auch schon ’mal ein Blatt vor den Mund.

Im besagten Das Weihnachtsbuch findet sich ein kleiner Text von Martin Walser, der übrigens bereits in der Ausgabe der Süddeutsche Zeitung vom 22./23.12.1962 erstveröffentlicht wurde – und dann noch einmal im Neuen Deutschland vom 23.12.2009 zu finden war (und auch als kleines Hörbuch erhältlich ist).

Schöne Vorweihnachtzeit 2012

Ich sage mir: Nimm ein Blatt vor den Mund, die Feiertage nahen.

Ich sage mir: Mach, was du willst, Edelrauhreif fällt gezielt auch auf den sprödesten Fleck, das Klima ist teuer präpariert, mach, was du willst: Es weihnachtet sehr. Zögere, ganz zuletzt schlüpfst du doch noch in eine Rolle. Es muß ja nicht gleich das am meisten getragene Drogistenlächeln sein. Schau einen Winterbaum an, beachte den durchdringenden Ernst, mit dem er auf dürren Zweigen Schnee trägt, als ginge ihn der was an. Mach, was du willst, du wirst mitmachen. Schließlich sind das deine Festspiele. Ich sage mir: Wer jetzt eine Großmutter hat oder ganz kleine Kinder, der hat Glück, der hat rasch eine Rolle. Gib dir feierlich Mühe, sag ich mir. Dazu stehen ja die Feiertage mit hohen Wänden im Wind als Vitrinen auf Zeit, daß wir in angestrengter Gelassenheit darin spielen, für uns, für den beliebten Himmel, oder bloß so, daß gespielt wird. Am Ende hat jedes Jahr seine gefürchteten Feiertage verdient. Die Schneegrenze sinkt ins Tal, Maiwege sind nur noch mit Ketten befahrbar, nun rück schon zusammen mit allen, der traurige Gemeinplatz wärmt auch dich. Schellengeläut der Erinnerung und so. Taube Nüsse, Wehmut, der Geruch der Jahrzehnte. Lach doch mit. Das ganze Jahr flüssiger Maskenwechsel, jetzt wird dir doch nicht zuletzt noch das Gesicht ausgehen für ein bißchen Kerzengerechtigkeit. Und ist denn das gar nichts, wenn dir im Halse das Silberglöcklein wächst, die Kerze dir fünfsterniges Edelweiß auf dem Zahnschmelz züchtet und in deinen Ohrgängen Chöre nisten, daß es dich vor inwendigem Brausen auf die Zehenspitzen hebt. Du kannst sogar ausführlich von Liebe reden. Das ist das rechte Wort für diese Festspiele. Das hat Kunstcharakter, darin klirrt Leistung. Denk, was das Ballett der schieren Natur abringt. Trau dir was zu. Ganz positiv. So richtig in Rechtshändermanier. Tu, als könntest du momentan nicht anders. Wähl also Liebe, wähl Heimlichkeit, furchigen Ernst, wähl einen weißen Bart oder verhalten flackernde Würde, beobachte die Wirkung, und dein Lampenfieber ist weg. Du spielst dich frei, und ringsum verfallen die Glocken sofort in wildfröhliches Läuten.

Ich sage mir: Was soll dir jetzt Asien? Vergiß doch Asien. Vergiß alle möglichen Brüder. Ausgerechnet zur hohen Festspielzeit fällt es dir ein, den Christenmenschen zu spielen, dem sein Punsch nicht schmeckt, weil andere noch immer kein gutes Wasser haben. Überhaupt, wenn du an Christus denkst, hört sich sowieso alles auf. Dann können wir einpacken. Hübsch barbarisch-kultivierte Feiertage, mehr ist nicht drin. Falls zwiespältige Empfindungen dich stören, bleib schön irdisch, bleib hart. Keine christlichen Anfechtungen. Du willst am Leben bleiben und deine Anzüge selber tragen. Das ist schon eine Welt, in der man sich wegen eines so schlichten Vorsatzes gleich Gewissensbisse einbilden muß zur eigenen Beruhigung.

Zum Beispiel – nein, bitte keine Beispiele. Daß das Fräulein im fünften Stock besonders kalte Füße hat und irgendwo einen Pilz, ist ja auch kein Beispiel. Die Misere blüht so gut wie die Riviera. Darum haben wir doch die Vitrinen. Also Vorsicht. Sonst zieht es gleich, und die Feiertage kriegen die Schwindsucht. Bewegungen nur wie am Steuer eines Autos auf Glatteis. Und allen Mitspielern einen um Beschränktheit bemühten Verschwörerblick. Wir wollen Feiertag spielen, auch wenn uns auf blankem Eis Asche und Asche serviert wird. Daß Regen als Schnee fällt zur Zeit, ist kalkuliert. Wer ein Glas hebt, zerbricht es, vielleicht. Aber wenn du dann trotz allem deinem Freund übern Kopf streichst, beherrsche dich, zähl nicht seine Haare. Wir kommen sonst einfach nicht in die richtige Stimmung. Zuletzt müssen wir die Feiertage noch abblasen mit Trompeten aus Himmelsrichtungsschrott. Wenn aber jeder weiß, er ist ein ungesunder Elefant, dann wird schon ein Zauber mäßig gelingen. Viel Musik, wenig Text.

Den Blick starr auf die Kerze. Bis sie qualmt. Dann dürfte es ohnehin spät genug sein, Zeit, das Blatt wieder vom Mund zu nehmen.

Vorweihnachtszeit 2012 (2): Maxim Gorki: Von einem Knaben und einem Mädchen, die nicht erfroren sind

Im bereits erwähnten Das Weihnachtsbuch: Mit alten und neuen Geschichten, Gedichten und Liedern (insel taschenbuch it 46) herausgegeben von Elisabeth Borchers – Insel Verlag 1973, das ich als 10. Auflage – 253.-262 Tausend 1980 vorliegen habe, gibt es eine kleine Erzählung von Maxim Gorki, die etwas Herzerfrischendes innehat (siehe online weitere Erzählungen und Bühnenstücke vom Maxim Gorki)

Schöne Vorweihnachtzeit 2012

Die Erzählung beginnt in einem spöttischen Ton und nimmt dabei die Massenproduktion von Weihnachtserzählungen, die mit kalendarischer Regelmäßigkeit in russischen Provinzzeitungen erschienen sind, aufs Korn:

In den Weihnachtserzählungen ist es von alther üblich, jährlich mehrere arme Knaben und Mädchen erfrieren zu lassen. Der Knabe oder das Mädchen einer angemessenen Weihnachtserzählung steht gewöhnlich vor dem Fenster eines großen Hauses, ergötzt sich am Anblick des brennenden Weihnachtsbaumes in einem luxuriösen Zimmer und erfriert dann, nachdem es viel Unangenehmes und Bitteres empfunden hat.

Ich verstehe die guten Absichten der Autoren solcher Weihnachtserzählungen, ungeachtet der Grausamkeit, welche die handelnden Personen betrifft; ich weiß, daß sie, diese Autoren, die armen Kinder erfrieren lassen, um die reichen Kinder an ihre Existenz zu erinnern; aber ich persönlich kann mich nicht dazu entschließen, auch nur einen einzigen Knaben oder ein armes Mädchen erfrieren zu lassen, auch zu solch einem sehr achtbaren Zweck nicht. Ich selbst bin nicht erfroren und bin auch nicht beim Erfrieren eines armen Knaben oder armen Mädchens dabeigewesen und fürchte, allerhand lächerliche Dinge zu sagen, wenn ich Empfindungen beim Erfrieren beschreibe, und außerdem ist es peinlich, ein lebendes Wesen erfrieren zu lassen, nur um ein anderes lebendes Wesen an seine Existenz zu erinnern.

Das ist es, weshalb ich es vorziehe, von einem Knaben und einem Mädchen zu erzählen, die nicht erfroren sind. (S. 74f.)

Er folgt die Erzählung der kleinen „Helden – arme Kinder: der Knabe Mischka Pryschtsch und das Mädchen Katjka Rjybaja.“

„Die ‚Weihnachtserzählung’ (Untertitel) von Maksim Gorki, zuerst erschienen in der Zeitung ‚Nizhegorodskij listok’, 1894, 25. Dezember, ist ein interessantes Beispiel für die Frische und Originalität der Erzählweise Gorkis in der ersten Periode seines Schaffens. Vieles ist dort unverkennbar Gorki: der ‚gewiefte Frechdachs’ (opytnyj prostrelenok) Mischka, ein kindliches Exemplar des Bosjaken (Barfüßers) und des Ozornik (Unruhestifters); seine weniger mutige kleine Gefährtin Katjka, die ihn glühend bewundert, und ebenso ihre gemeinsame Arbeit, das mit viel Talent organisierte Handwerk des Bettelns. Das alles wird in einem humorvollen und zärtlichen Ton erzählt, der offensichtlich darauf gerichtet ist, dem Leser die Welt dieser Kinder nahezubringen, seine Rührung und Begeisterung über diese Äußerungen kindlicher Lebensfreude zu wecken und Bewunderung für ihre Fähigkeit, den grausamen Bedingungen ihrer sozialen Umgebung zu widerstehen.“ (Quelle: der-unbekannte-gorki.de)

Beide Kinder erbetteln sich an diesem Abend mehr als einen Rubel, damals viel Geld. Eigentlich müssen sie das Geld an ihre Tante abgeben. Aber an diesem Abend gönnen sie sich einige Kopeken, um sich Essen zu kaufen und in einer schmuddeligen, aber warmen Schenke bei einem Glas Tee einzukehren:

Er schüttelte den Kopf und sagte: „Nun wollen wir essen ..“ „Ja, los!“ stimmte Katjka bei, die schon längst gierige Blicke auf Brot und Wurst geworfen hatte.

Dann begannen sie ihr Abendessen zu verspeisen inmitten des feuchten, übelriechenden Dunkels der mit berußten Lampen schlecht beleuchteten Schenke, im Lärm zynischer Schimpfreden und Lieder. Sie aßen beide mir Gefühl, Verstand und Bedacht, wie echte Feinschmecker. Und wenn Katjka, aus dem Takt kommend, heißhungrig ein großes Stück abbiß, wodurch sich ihre Backen blähten und ihre Augen komisch hervortraten, brummte der bedächtige Mischka spöttisch: „Schau mal einer an, Mütterchen, wie du über das Essen herfällst!“

Das machte sie verlegen, und sie bemühte sich, beinahe erstickend, die wohlschmeckende Kost rasch zu zerkauen.

Nun, das ist auch alles. Jetzt kann ich sie ruhig ihren Weihnachtsabend zu Ende feiern lassen. Glauben Sie mir, sie werden nun nicht mehr erfrieren! Sie sind am richtigen Platz … Wozu sollte ich sie erfrieren lassen ….? Meiner Meinung nach ist es äußerst töricht, Kinder erfrieren zu lassen, welche die Möglichkeit haben, auf gewöhnliche und natürliche Weise zugrunde zu gehen. (S. 84)

Vorweihnachtszeit 2012 (1): Das Weihnachtsbuch

Spätestens mit dem heutigen Tag beginnt die Vorweihnachtszeit. Wenn man rechtzeitig die meisten der von uns erwarteten Geschenke besorgt hat, kann es eine geruhsame Zeit werden. Denn das sollte sie eigentlich sein. Statt der Hetze durch überfüllte Kaufhäuser sollte man die Ruhe suchen und finden, die unsere Seelen brauchen. Das soll nicht heißen, untätig zu sein. Wer kleine Kinder hat, sollte mit ihnen basteln. Und um leckere Kekse zu backen, geht es auch ohne Kinder. Die schmecken auch uns Größeren.

Schöne Vorweihnachtzeit 2012

Da die Tage so kurz geworden sind, laden die Abende zum Lesen ein. Es muss nicht unbedingt etwas Weihnachtliches sein. Aber um in ‚Stimmung’ zu kommen, dann vielleicht doch … Ja, Stimmung … ein schönes deutsches Wort, das mehrere Bedeutungen hat. Zum einen hat es etwas mit der Erzeugung von Sprache und Tönen zu tun, dann betrifft es Musikinstrumente (‚hauptsächlich die geigen, … welche vor allen dingen rein und sauber gestimmt seyn müssen’ – lt. Wörterbuch der Brüder Grimm) – oder bedeutet ‚in eine haltung versetzen’ (immer noch die Grimms) bzw. wie der Duden schreibt: ein bestimmter Gemütszustand … Letzteres ist gemeint. Weihnachtliche Stimmung ist nicht immer frei von Sentimentalität, also von Rührseligkeit oder gar Gefühlsduselei (auch das sind ‚schöne’ deutsche Wörter). Daher graut es manchem vor dem ‚Fest’.

Um die richtige Stimmung zu finden, empfehle ich Das Weihnachtsbuch: Mit alten und neuen Geschichten, Gedichten und Liedern (insel taschenbuch it 46) herausgegeben von Elisabeth Borchers – Insel Verlag 1973, das ich als 10. Auflage – 253.-262 Tausend 1980 im Bücherschrank neben viel anderer weihnachtlicher Lektüre stehen habe und jetzt nach langer Zeit wiederlese.

    Das Weihnachtsbuch – herausgegeben von Elisabeth Borchers

„Dies ist ein Buch zum uralten Fest, das geliebt und gefeiert, verschmäht und angefeindet wird, das Empfindungen von Sanftmut, Freude, Erinnerung oder ‚zeitgemäße Ungeduld’ aufkommen läßt. Ein legendäres Fest, das ein alter Brauch ist und von Bräuchen mißbraucht wird. Das Weihnachtsbuch enthält Texte von Abraham a Santa Clara, Walter Benjamin, Heinrich Böll, Bertolt Brecht, Alphonse Daudet, Günter Grass, Friedrich Hebbel, Johann Peter Hebel, Heinrich Heine, Hermann Hesse, Hölderlin, Franz Kafka, Luther, Rainer Maria Rilke, Ringelnatz, Martin Walser, Robert Walser, Oscar Wilde, W. B. Yeats u.v.a.“
(aus dem Klappentext)

Allein die Autorenliste zeigt, dass das Buch frei ist von allzu großer Gefühlsduselei. Manchmal geht es eher herbe zu – sowie ziemlich gleich am Anfang mit einem alten deutschen Weihnachtsspiel (Verfasser: unbekannt). Das ist in einem bayrischen Tonfall gehalten, ziemlich rustikal und nicht beschönigend wie es der Dialog zwischen Herodes und seinen Knechten zeigt. Es geht um den Befehl Herodes’ zum Kindermord von Bethlehem:

Spricht Herodes u.a.: Ihr Soldaten, euch befehl ich nun:
Seht im ganzen Land herum
Und tötet geschwand die Knäblein all,
Die da seind unter der anderen Jahreszahl.

[…]
Laßt euch mit Worten nicht überlisten,
Reißt ihnen die Kinder von den Brüsten,
Schlauft in alle Winkel, Ort und Eck,
Daß man vor euch kein Knaben versteck;

[usw.]

Ein erster Knecht vermeldet dann: Vollzogen haben wir diese Schlacht.
Die Kindlein sind alle umgebracht.
Wir habens zerstochen und zerhaut,
An meinem Schwerte hängt noch die Haut.

Und ein zweiter Knecht ergänzt: Wie habens gerissen aus Mutters Hand,
Wir habens geschmissen an die Wand
[…]

Worauf Herodes: Recht, das klingt meinen Ohren hold,
Ihr Knechte, gut, so hab ich’s gewollt.

Klaus Wagenbach: Kafkas Prag – Ein Reiselesebuch

    Kafka in Prag – Fotomontage von Peter Rink

Es ist nun über dreißig Jahre her, dass ich mit einem Freund Prag besucht habe. Damals waren es wahrlich noch andere Zeiten. Zlatá Praha, das goldene Prag stand bereits vor so langer Zeit für mich auch für Franz Kafka. An seinem Geburtshaus war bereits eine Gedenktafel angebracht. Ansonsten kannte ich da noch keine weitere ‚Adresse’, die ich mit Kafka in Verbindung bringen konnte.

Ich hätte noch gut 11 Jahre warten müssen, denn im Oktober 1993 erschien in der wunderbaren Buchreihe Salto in Klaus Wagenbachs eigenem Verlag ein kleines, aber wunderschönes Büchlein: Kafkas Prag – Ein Reiselesebuch. Ich selbst habe es mir 2 Jahre später gekauft (Verlag Klaus Wagenbach, Berlin – 42. Salto – 21. – 25. Tausend September 1995).

Klaus Wagenbach: Kafkas Prag – Ein Reiselesebuch

Nun Kafka hat seine Heimatstadt Prag nur selten verlassen. Als notorischer Herumtreiber, wie er sich selbst nannte, war er mit ihr bestens vertraut. Klaus Wagenbach ist ihm nachgegangen, besucht mit ihm Schule, Universität und Büro, folgt ihm über die Brücken, ins Theater, in die Cafes und Parks. Viele seiner Erzählungen bekommen so einen konkreten Hintergrund.

„Ein wunderschönes Buch, das den Kritiker verlegen macht: denn er weiß nicht, wo er mit dem Loben und Bewundern beginnen soll. Die alten Fotos sind vielleicht das Schönste – noch nie wurden sie so kenntnisreich präsentiert und so liebevoll kommentiert …
Die Genauigkeit in der Übereinstimmung von Text, Abbildungen und Stadtplänen, die Sorgfalt, mit der Wagenbach seine Stadtreis betrieben hat, ist das beste an dem Buch. Sie hebt es über andere Reisebücher weit hinaus.“
(FAZ, Reiseblatt)

Dem kann ich nur zustimmen. Das kleine Buch animiert (vielleicht nicht nur Kafka-Liebhaber) zu einer Reise in die tschechische Hauptstadt, die nicht nur geschichtsträchtig ist, sondern neben vielen Sehenswürdigkeiten durch ein pulsierendes Kulturleben besticht: Prag! Zlatá Praha!

Kafkas tatsächliche Unterschrift

Tuiavii aus Tiavea: Der Papalagi

Papalagi – wer in etwa in meinem Alter ist, der wird irgendwann einmal über dieses Buch, das angeblich die (nicht gehaltenen) Reden des Südsee-Häuptlings Tuiavii aus Tiavea enthält, gestolpert sein, vielleicht sogar gelesen haben. Aber wohl auch heute noch erfreut sich das Buch einer gewissen Beliebtheit: Der Papalagi

Tuiavii aus Tiavea: Der Papalagi

Der eigentliche Verfasser ist wohl Erich Scheurmann, ein deutscher Maler und Schriftsteller. 1914 erhielt dieser von seinem Verleger einen Vorschuss über 2.000 Mark für eine Südsee-Geschichte. Scheurmann fuhr nach Samoa, das zu dieser Zeit noch deutsche Kolonie war. Er wurde dort vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges überrascht und verließ Samoa 1915, um in die USA zu reisen. Dort schrieb er den fiktiven Reisebericht „Der Papalagi“, der 1920 zu ersten Mal als Buch erschien. Ich habe das Buch als eine reich illustrierte Ausgabe aus dem Tanner + Staehelin Verlag, Zürich (220.-260. Tausend November 1980 – erweiterte Neuauflage der Originalausgabe von 1920 – Felsenverlag, Buchenbach/Baden), vorliegen.

Jener Häuptling Tuiavii (was ein Titel und kein Name ist) lebte dem Buch zufolge auf der Insel Upolu in dem Dorf Ti’avea. Ich habe nachgeschaut; den Ort gibt es tatsächlich auf der Insel, die im Jahr 1899 Teil der Kolonie Deutsch-Samoa geworden war. Während des Ersten Weltkriegs wurde die Insel dann von Großbritannien besetzt.


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Ti’avea auf der Insel Upolu (Samoa)

Was ist der Grund für die Beliebtheit dieses Buchs? Es ist eine Zivilisationskritik in elf „Reden“, die Scheurmann jenem Südseehäuptling in den Mund legte. Dieser berichtet von seiner Reise nach Europa und warnt sein Volk vor den dort herrschenden Wertvorstellungen. Real hatte jedoch nicht ein Südsee-Häuptling Europa bereist, sondern Scheurmann das polynesische Samoa. Bei seinem in etwa einjährigen Aufenthalt auf Samoa wird er viele Gespräche mit den Einwohnern geführt und deren Lebensumstände erforscht haben, was zur Idee zu diesem Buch führte.

    Tuiavii aus Tiavea: Der Papalagi

Die „Reden“ üben ohne Zweifel einen gewissen Reiz aus, wenn sich Scheurmann auch oft einer Sprache bedient, die die Dinge umschreibt, für die es aber auf Samoa schon längst Worte gab. Aber das erhöht natürlich die romantisch geprägte Exotik dieser Zivilisationskritik. Sicherlich regen die „Reden“ uns zum Nachdenken an – über unsere Stellung in der Gesellschaft, über unser Tun und Trachten. Aber wir sollten auch bedenken, dass „im Falle des Papalagi sich Scheurmann nicht der samoanischen Gesellschaft [widmet], sondern in den europäisch geprägten Vorstellungen von der Südsee als einem Paradies auf Erden [verharrt]. Die samoanische Lebenswelt ist dem reisenden Autor keine Zeile wert, seine Augen richten sich allein auf den europäischen Alltag durch die Brille des so hellsichtigen ‚Wilden’.“ Und weiter: „Dass dieser Ethnokitsch dann immer noch so populär ist, gibt zu denken – besonders angesichts der doch selten fremdenfreundlichen Tendenzen in unserem Alltag.“ (Quelle: literaturkritik.de)

Ganz so hart mag ich mit dem Buch nicht umgeben. Scheurmanns konstruierte Perspektive des Außereuropäischen hätte sich vielleicht nicht so konkret in Person eines Samoaner finden sollen. Das ist wohl der damaligen Zeit geschuldet, die dann tatsächlich in der Südsee ein Paradies vermutete. Wahrscheinlich wird aber auch Scheurmann selbst Samoa als heile Welt empfunden haben – angesichts der Hetze der Vorkriegszeit in Europa kein Wunder.