Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Heute Ruhetag (45): Stanislaw Przybyszewski – Androgyne

Stanisław Przybyszewski (1868 – 1927) war ein polnischer Schriftsteller, der zu Beginn seiner Laufbahn auf Deutsch schrieb. Er entwickelte ein großes Interesse für Satanismus sowie die Philosophie von Friedrich Nietzsche und begann ein Bohème-Leben. Zu seinen Freunden in dieser Zeit gehörten Edvard Munch, Richard Dehmel und August Strindberg, die sich in ihrer Berliner Stammkneipe Zum schwarzen Ferkel trafen. 1895 wurde er Mitbegründer der Zeitschrift Pan, veröffentlichte daneben aber auch in Karl Kraus‘ Fackel und in der Freien Bühne.

Als Vermittler zwischen der deutschen und den slawischen Literaturen gilt Przybyszewski auch in der Tschechoslowakei, wo er kurze Zeit wohnte und literarisch befruchtend wirkte, bevor er 1919 wieder nach Polen zurückkehrte.

Hier arbeitete er intensiv am Aufbau des neuen polnischen Staates mit. Przybyszewski starb 1927 im Alter von 59 Jahren, also in einem Alter, in dem ich mich jetzt nur noch zwei Wochen lang befinde (wenn Ihr wisst, was ich meine … 😉 ).

Seine Erzählung „Androgyne“ fand ich auf einer Werkliste mit „100 erotischen Klassikern“ beim Projekt Gutenberg–DE auf Spiegel Online; hier ist sie auch nachzulesen, da sie urheberrechtsfrei, genauer gemeinfrei ist. Zur Erzählung (bis auf ihren Inhalt selbst) habe ich leider nichts gefunden. So habe ich in ihr etwas quergelesen und muss sagen, dass sie etwas schwülstig-hochtrabend klingt. Aber wer sich an einem solchen schmuddelig feucht-kalten Abend daran erwärmen möchte, bitte …

Heute Ruhetag = Lesetag!

Es war späte Nacht, als er nach Hause kam.

Er setzte sich an den Schreibtisch und sah gedankenlos auf einen herrlichen Blumenstrauß hin, der mit einem breiten roten Band umwunden war.

Auf dem einen Ende stand in goldenen Buchstaben ein mystischer, weiblicher Name.

Nichts weiter.

Und wieder empfand er diesen langen, fliederweichen Schauer, der ihn durchzuckte, als man ihm diesen Strauß auf die Estrade hinaufreichte.

Man hat ihn ja mit Blumen beworfen, soviel Kränze regneten nieder zu seinen Füßen – aber dieser Strauß mit diesem roten Band und dem mystischen Namen – wer mag ihn wohl hinaufgeschickt haben?

Er wußte es nicht.

Als ob eine warme, kleine Hand die seine erfaßt – nein! nicht erfaßt, – sich wollüstig einschmeichelte, hineinküßte mit heißen Fingern …

Und sie, deren Name ihn so verwirrte …

Vielleicht hat sie die Blumen geküßt, bevor man sie ihm reichte, ihr Gesicht in das weiche Blumenbett eingewühlt, bevor sie es zum Strauß gewunden, das reiche Armgewinde von Blumen an ihr Herz gedrückt und sich nackt und lustkeuchend über das Blumenlager gewälzt …

Und das Geblüte atmete noch den Duft ihres Körpers, zitterte noch das kauernde, heiße Lispeln ihres Verlangens …

Sie liebte ihn ja, sie kannte ihn schon lange, ganze Tage hat sie zitternd durchdacht, bevor sie wagte, ihm diese Blumen zu schenken … Er wußte es, ganz genau wußte er es …

Er wußte sicher, daß sie ihn liebte, denn solche Blumen schenken nur Mädchen, die lieben.

[…]

Ein Mädchengesicht tauchte auf: ein heller, heiliger Klang in den schwarzen Sturmakkorden, der helle Widerschein eines blassen Sternes in dem schäumenden Gischt dunkler Wogen, – nie früher hatte er es gesehen, aber er kannte es, er kannte es gut, dies Mädchengesicht …

Er wachte auf: rieb sich die Augen, ging in dem Zimmer auf und ab, aber er konnte die Vision dieses Gesichtes nicht los werden: halb Kind, halb Weib.

Ja, ja – sie war es sicher. Sie ließ ihm den Blumenstrauß auf die Estrade reichen.

Er dachte nach, woher seine plötzliche Gewißheit, daß sie es war.

Jemand Fremdes hat ihm die Blumen hinaufgereicht.

Und er dachte und grübelte …

Stanislaw Przybyszewski : Androgyne

Betrachtungen Tagebuch eines ‚Außerirdischen’ (1): Vom Steinelegen und -zählen

Noch einmal zum Titel (Arbeitstitel): Wenn man den folgenden Text (Entwurf) liest, dann kommt der Titel „Tagebuch …“ schon gar nicht mehr in Frage, es sei denn, ein imaginärer, irdischer Herausgeber hätte diesen Titel gewählt. Aber auch der sollte so schlau sein, „Tagebuch …“ als unpassend anzusehen (außerdem müsste man es dem Text entsprechend „‚Haus’-Buch“ nennen). Also doch Betrachtungen – oder doch lieber Aufzeichnungen, Ansichten oder Beobachtungen? Gedanken?

Natürlich kann man das Ganze auch umkehren und den Titel aus Sicht des Verfassers (des Außerirdischen) wählen. Das bei Philosophen so beliebte „Über …“ bietet sich da an: „Über die Menschen“ oder „Über uns“ (dann eher „Über Euch“ oder gar „Über Euch Menschen“). Ich gedenke aber schon, die Texte über einen Dritten ‚veröffentlicht’ zu sehen, sprich: Ein Herausgeber (ähnlich wie z.B. bei Jonathan Swifts Gullivers Reisen) veröffentlicht (eigentlich ohne Wissen und damit Einverständnis des Verfassers) die Aufzeichnungen/Gedanken usw. mit seinem Vorwort versehen. Also nichts mit „Über …“.

In meinen Vorbetrachtungen gehe ich von einem Nichterdenmenschen, eigentlich von einem Lebewesen aus, das unsere Welt ‚mit anderen Augen’ sieht. Das kann durchaus auch ein Mensch sein (und ich, eh, der wirkliche Verfasser, bin ja ein Mensch). Vielleicht, und damit komme ich dem Ganzen etwas näher, sollte ich das Wort Außerirdischer in (einfachen) Anführungsstrichen setzen. Damit halte ich es offen, ob es wirklich ein Außerirdischer ist, der das schreibt, oder doch nur einer, der WIE ein Außerirdischer unsere Welt betrachtet, einer, der gewissermaßen eine Philosophie der ‚anderen Sichtweise’ entwickelt. Dann käme Betrachtungen auch eher zum Tragen, also: Betrachtungen eines ‚Außerirdischen’!

    Betrachtungen eines ‚Außerirdischen’

Der Mensch ist ein seltsames Lebewesen. So wie man Stein auf Stein legt, so hat er sich etwas ausgedacht, das diesem Steinelegen entspricht, nur das man ständig, immer wieder einen Stein auf den anderen und wieder einen Stein auf einen anderen und wieder einen Stein … legt, wobei man den ersten irgendeinmal gelegten Stein gar nicht mehr sieht und kaum erahnen kann, wann der LETZTE Stein gelegt sein wird. Natürlich zählt der Mensch diese Steine. Eigentlich geht es nur ums Steinezählen. Die Steine selbst sind nicht das Wichtigste. Es ist die Anzahl der Steine. Da es aber unzählig viele sind und der erste Stein – wie gesagt – schon längst nicht mehr zu sehen ist (wenn es denn einen ERSTEN Stein überhaupt gibt), hat er einfach irgendwann einmal angefangen zu zählen. Ja, erst war das Steinelegen, ein argloses, geradezu gedankenloses Steinelegen. Dann, als überfiele dem Menschen eine höhere Absicht mit dem Steinelegen, kam er aufs Steinezählen. Da er aber ständig Steine legen muss, Stein auf Stein, schaffte er es nicht, gleichzeitig die schon gelegten Steine mitzuzählen. Also begann er dort, wo er gerade war, bei den Steinen, die er im Augenblick legte. Ab jetzt legte er also nicht nur Steine, sondern zählte sie auch noch. Und eines Tages schuf er eine Maschine, die für ihn nicht nur das Steinelegen, sondern auch das Steinezählen übernahm. Und die zählt jetzt: Stein für Stein …

Da es inzwischen so viele Steine sind, so fasst er eine Anzahl von Steinen zusammen. 60 Steine sind eine Mauer. Und da es schon so viele Mauern sind, so ergeben 24 Mauern ein Haus. Und da es auch schon so viele Häuser sind, so ergaben 365 Häuser eine Stadt. Und 100 Städte ein Land.

Da er ja jetzt eine Maschine hatte, die die Steine legte und zählte, verfiel der Mensch ins Grübeln. Er überlegte angestrengt über die Anzahl der Steine nach, die er früher einmal gelegt hatte, als er noch nicht die Steine zählte und ob ihre Zahl vielleicht noch höher wäre, als die Zahl der Steine, die seitdem gelegt wurde. Auch fragte er sich, ob nicht schon vor ihm, den Menschen, Steine gelegt wurden. Ob es überhaupt einen ANFANG des Steinelegens gibt. Und dann überlegte er, wie hoch die Anzahl der Steine werden könnte, wenn man IMMER Stein auf Stein legt, und ob man diese Anzahl benennen könnte. Ja, er fragte sich, ob es ein ENDE des Steinelegens geben kann. Und außerdem fragte es sich, ob er damit vielleicht einfach innehalten oder gar das Steinelegen (und damit das Steinezählen) rückgängig machen könnte, indem er ganz einfach eine Mauer aus Steinen einrisse?

Außerdem überlegte sich der Mensch, ob er mit verschlossenen Augen mitzählen könne und die so von ihm ermittelte Anzahl mit der Anzahl der tatsächlich von der Maschine gelegten (und gezählten) Steine gleichkäme.

Wie anfangs gesagt: Der Mensch hat sich etwas ausgedacht, das diesem Steinelegen entspricht. Eigentlich sind es keine Steine, keine wirklichen. So viele Steine gibt es gar nicht. Der Mensch bildet sich diese Steine eigentlich nur ein. Es sind gedachte Steine. Und Steine nennt er sie auch nicht. Er nennt sie Sekunden und ihre Anzahl (oder besser: die Abfolge des Steinelegens) Zeit.

siehe hierzu: de.wikipedia.org:

Die Zeit beschreibt die Abfolge von Ereignissen, hat also im Gegensatz zu anderen physikalischen Größen eine eindeutige, unumkehrbare Richtung.

In der Philosophie fragt man seit jeher nach dem Wesen der Zeit, was auch Themen der Weltanschauung berührt.

Die Psychologie untersucht die Zeitwahrnehmung und das Zeitgefühl. Die Ökonomie betrachtet Zeit auch als Wertgegenstand.

Sex, Crime & Kafka: Guilty of Romance

    „Wie viel besser wäre ich dran, wenn ich niemals die Bedeutung der Worte erfahren hätte. Ich stehe still im Inneren deiner Tränen und komme allein zurück in dein Blut.“
    Ryuichi Tamura
    Es war spät abends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor.
    Franz Kafka: Das Schloss

Guilty of Romance ist ein japanischer Film aus dem Jahre 2011 von Sion Sono. Er ist nach Love Exposure und Cold Fish der Abschluss von Sonos „Hass“-Trilogie.

    Guilty of Romance (2011)

Eine präparierte Frauenleiche wird im Rotlichtbezirk Tokios gefunden: Der Rumpf und der Oberkörper sind getrennt und nur lose aneinandergelegt. Kopf und Geschlechtsteile fehlen ganz. Einige Extremitäten sind durch Puppenteile ergänzt. Bei ihren Ermittlungen stößt Kommissarin Kazuko Yoshida auf die verschwundene Hausfrau Izumi Kikuchi, die mit einem berühmten Schriftsteller verheiratet ist. Ihr ganzes Leben ist darauf ausgerichtet, ihm alle Wünsche von den Lippen abzulesen und perfekt den Haushalt zu führen, damit er sich ganz dem Schreiben seiner erotischen Novellen widmen kann.

Emotional und intellektuell frustriert, sucht sie eine Arbeit, findet aber nur eine Anstellung als Wurstverkäuferin im Supermarkt. Ausgerechnet dort wird eine Casting-Agentin auf sie aufmerksam, die nach Pornodarstellern sucht. Izumi gewinnt durch ihren neuen Nebenerwerb eine Souveränität und Selbstsicherheit, die ihr bislang fremd waren.

Sie lässt sich nun häufiger mit fremden Männern ein. Im Rotlichtmilieu macht sie Bekanntschaft mit der Universitätsdozentin Mitsuko Ozawa. Die beiden freunden sich an und Mitsuko lehrt der jüngeren Frau das Geschäft der käuflichen Liebe. Doch als Izumi nach der Lehrzeit ihre Reifeprüfung ablegen soll, wird das einer der beiden Frauen das Leben kosten …

aus: arte.tv


Guilty of Romance (mit dt. Untertiteln)

In dem Film Guilty of Romance stehen zwei Frauen im Mittelpunkt, eigentlich drei, denn die ermittelnde Kommissarin ist ebenfalls in einem Wust aus Sex und Gewalt verstrickt. Beide Frauen sind auf der Suche nach Liebe und Erfüllung, die eine, weil sie ungeliebt von ihrem Mann zu Hause dahin vegetiert; die andere, weil sie die Liebe ihres Vaters, der vor Jahren gestorben ist, verloren hat.

Ein Gedicht von Ryuichi Tamura spielt eine wichtige Rolle, in dem es heißt: „Wie viel besser wäre ich dran, wenn ich niemals die Bedeutung der Worte erfahren hätte“ – und endet mit: „Ich stehe still im Inneren deiner Tränen und komme allein zurück in dein Blut.“

Mitsuko, die Literaturprofessorin, spricht gegenüber Izumi, der Hausfrau, von dem Körper des Wortes, der die des Wortes Bedeutung ergibt: „Bald wird das Wort Liebe für dich einen Körper haben“, sagt Mitsuko zu Izumi. Der Literaturprofessorin folgend erlangen Worte nur dann Bedeutung, wenn sie physisch erfahrbar werden – was wiederum nur über einen Ausbruch aus sexuellen und moralischen Konventionen erreicht werden kann. Die Suche nach dem Ich ist hier immer auch die Überwindung romantischer Bilder und die Entfesselung aggressiver Sexualität (filmstarts.de). Dabei wird „Das Schloss“ von Franz Kafka zum Sinnbild für diese vergebliche Suche. Wie K., der Landvermesser aus dem Roman, finden sie nicht das ‚Tor’, keinen Zugang zum Schloss, also keinen Zugang zum eigenen Ich.

Man ahnt es bereits: Der Film ist ein oft verstörender Ausbruch aus Thriller, Psychodrama, Sexploitation, dem genuin japanischen Erotik-Genre Pink Eiga und einer kulturwissenschaftlichen Abhandlung. Ein provozierendes, schockierendes Werk um Patriarchat, Sex und Gewalt. Sion Sono, einer der wichtigsten zeitgenössischen Regisseure Japans, schließt hier seine „Hass-Trilogie“ ab – mit Stilbrüchen, einer unkonventionellen Bildsprache und natürlich auch mit aufschlussreichen Einblicken in die Kultur Japans.

Mahlers Fünfte ist in „Guilty of Romance“ eines der musikalischen Themen, und je intensiver die Verstörung wird, desto unverdrossener unterlegt Sion Sono den Szenen kammermusikalische Passagen, die keineswegs ironisch wirken, sondern wie eine Struktur, auf der sich das Unerhörte entfalten kann. Die poetologische Selbstdeutung, die er seinem Film durch das Gedicht von Ryuichi Tamura gegeben hat, lässt sich also sogar auf mehr noch beziehen als nur auf den Körper, den die Worte bekommen müssen.

Das Kino insgesamt wird in „Guilty of Romance“ zu einer Erfahrung von Sinnlichkeit und Distanz, in einem ständigen, höchst formbewussten Wechselspiel zwischen Ermittlung und Verstrickung. Das Reich der Sinne hat hier keine Außenseite mehr, es gibt keine Beobachterposition, auf der uns nicht auch irgendwann die spritzende Farbe treffen könnte, und der Hinweis auf den höheren Blödsinn, der dieser Film sicher auch ist, ist keine Gewähr dagegen, dass einen dieser vielleicht ehrgeizigste aller Erotikthriller nicht doch ein wenig mitnimmt (Quelle: faz.net).

Betrachtungen Tagebuch eines ‚Außerirdischen’ – Vorbetrachtung

Eigentlich ist der Titel schon längst (und dabei öfter) besetzt: Tagebuch eines Außerirdischen. Vielleicht Betrachtungen eines Außerirdischen? Da gibt es ja nur Philosophische Betrachtungen zum Außerirdischen. Erst einmal bleibt ’s bei diesem Arbeitstitel. Weitere Überlegungen dazu kann ich mir immer noch machen.

Wenn ich also etwas zu uns, unseren Planeten, zu unserer Welt im Kleinen wie im Großen schreiben werde, dann unter der Sicht eben eines Nichterdenmenschen. Das ist eigentlich unmöglich, ist klar. Aber ich kann ja zumindest versuchen, die Sicht eines solchen Alien anzunehmen. Apropos Alien – auch eines dieser Wörter wie Handy oder Oldtimer, Happy End und Beamer (Public Viewing, Showmaster, Jogging – die Liste lässt sich beliebig erweitern), die es im Englischen gar nicht gibt oder dort eine andere Bedeutung haben. Wir Deutsche und unser Denglisch (fast schon ein Tagebucheintrag eines Außerirdischen wert …).

    ... eines Außerirdischen ...

Aber ich schweife ab … Was mir vorschwebt, ist eine Sammlung an Betrachtungen aus einer Sicht, die nicht der üblichen entspricht. Eben die Sicht auf Dinge unseres Alltags, wie sie nur jemand haben kann, der nicht ‚von dieser Welt’ ist. Das muss nicht unbedingt ein Außerirdischer sein, klar. Ich war einmal vor vielen Jahren in einem Seminar und traf dort Schwarzafrikaner, die bisher noch nie eine Großstadt gesehen hatten. Vieles war für diese Menschen völlig neu. Das begann z.B. mit großen verglasten Wänden und Türen am Flughafen und endete längst nicht bei Rolltreppen und Fahrstühlen. Ich denke da natürlich auch an viele alte Menschen, denen die Errungenschaften unserer heutigen Technik, besonders im Bereich der digitalisierten Kommunikation, wohl für immer verschlossen sein werden.

Ausgangspunkt ist natürlich unsere Zivilisation mit allem, was sie uns ‚zu bieten’ hat. Man muss kein Außerirdischer sein, um zu wissen, dass vieles, was als große Errungenschaften gepriesen wird, durchaus entbehrlich sein könnte. Aber wer so mitten im Wald steht, sieht bekanntlich diesen vor lauter Bäumen nicht. Man muss sich schon etwas abseits stellen, um zu erkennen, dass vieles auch ‚mit anderen Augen’ zu betrachten ist.

Soviel für heute. Mal gucken, was dabei herauskommt …

Harald Martenstein: Freuet Euch, Bernhard kommt bald!

Ich weiß auch nicht so recht, warum ICH immer solche Bücher zu Weihnachten geschenkt bekomme. Vor einige Jahren bekam ich den Roman Der Club der Weihnachtshasser von meiner Frau geschenkt. Letzte Weihnachten nun Freuet Euch, Bernhard kommt bald! von Harald Martenstein, bekannt für seine Kolumnen im ZEITmagazin. Es handelt sich dabei um 12 unweihnachtliche Weihnachtsgeschichten – mit Illustrationen von Rudi Hurxlmeier.

Sicherlich liegt es an meinem zwiespältigen Verhältnis zu dieser Anhäufung von Feiertagen, was meine Frau erkannt hat. Sicherlich freue ich mich darüber, dass zu Weihnachten die Familie zusammenkommt. Aber irgendwie geht es mir am 27. Dezember wie vielen anderen auch: Ich bin froh, wenn die Festtage hinter mir liegen. Und Silvester, ich wiederhole mich, mit dem gemeinsamen Besäufnis und der gemeinschaftlich begangenen Ruhestörung zur Schlafenszeit (Böller, Silvesterraketen) geht mir dann nur noch auf dem Wecker. Okay, soweit es die Umstände zuließen, bin ich ruhig ins neue Jahr gekommen.

    Harald Martenstein: Freuet Euch, Bernhard kommt bald!

In seinen zwölf modernen Weihnachtsgeschichten definiert Harald Martenstein den Begriff ‚Besinnlichkeit’ neu. Da gibt es den Weihnachtsmörder, der jedes Jahr am 24. Dezember zuschlägt, mal als Lamettawürger, mal als Christabaumstecher, und damit nicht nur dem ermittelnden Ich-Erzähler das Fest versaut. Da wird ‚Das Neue Testament’ einfach mal juristisch verstanden oder ‚Die heilige Familie’ radikal in die Gegenwart katapultiert. Und wir verfolgen, wie sich ein Weihnachtsmann als Stripper und erotischer Dienstleister bei Betriebsfeiern durchschlägt. So schwarz haben sich Weihnachtsgeschichten noch nie angehört. Trotz seines Sarkasmus hat Martenstein aber kein Anti-Weihnachtsbuch verfasst. Mit Hintersinn und überraschenden Pointen stellt er vielmehr die alten Fragen neu – was heißt heute Familie, wie können wir Frieden finden, wo wohnt die Liebe?
(aus dem Klappentext)

Titel der 12 unweihnachtlichen Geschichten:

Der Weihnachtsmörder, Teil eins
Interview mit einem Weihnachtsmann
Joe
Garfield
Die Heilige Familie
Das Neue Testament
Das Weihnachtsbaumwunder
Das Fest
Das Geschenk
Das Fest, etwas später
Der Weihnachtsmörder, Teil zwei
Der Weihnachtsagent

Nachwort

Diese 12 Geschichten, die z.T. inhaltlich miteinander verbunden sind, beleuchten das Weihnachtsfest mit viel schwarzem Humor von einer ziemlich anderen Seite und sind stilistisch sehr elegant verfasst. Sie verraten das Vergnügen, das der Autor an diesem Reigen skurriler Einfälle hatte und laden den Leser immer wieder zum Schmunzeln ein. Man merkt aber auch, dass Martenstein das Weihnachtsfest nicht gleich in Bausch und Bogen verdammen wollte. Er kann diesen Festtagen noch sehr viel abgewinnen. Die einzelnen Geschichten sollen eher zum Nachdenken anregen. Dabei geht natürlich der zumindest von mir erwartete Biss verloren. Trotz aller Skurrilität zündet so das Festtagsfeuerwerk nicht so ganz. Das ist bestimmt dem Weihnachtsfest als solchem geschuldet.

„Stille Nacht, Martensteins Nacht“ könnte man sagen. Amüsant zu lesen ist das Buch allemal. Auch wenn Weihnachten natürlich hinter uns liegt. Das nächste Weihnachten kommt bestimmt und das Buch als kleines Präsent für manchen Weihnachtseuphoriker zur Dämpfung allzu großer Besinnlichkeit bestens geeignet.

Martin Walser: Die Gallistl’sche Krankheit

Es ist ein Roman, der 1972 in erster Auflage erschien. Die Gallistl’sche Krankheit, ich möchte sie fast Walser-Syndrom nennen, ähnelt sehr dem heute weitverbreiteten Burnout-Syndrom. Bei Walser ist es die Krankheit der Intellektuellen der damaligen Zeit (siehe hierzu auch meinen Beitrag Zu Martin Walser (2): Links und DKP-nah). Paul Konrad Kurz schrieb bei Erscheinen des Romans im Spiegel: Gesundung in der Partei?:

„Der Ich-Erzähler Josef Georg Gallistl beschreibt sein Krankheitsbild. Da die zu beschreibende Krankheit noch keinen Namen hat, leiht er ihr den eigenen. Gallistls Fall ist in Kürze dieser: Es ist ihm völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, Lust zu empfinden, Sinn zu erfahren, Zukunft vor sich zu sehen, menschliche Kontakte nicht der Lüge, die Gesellschaft nicht der Unmoralität zeihen zu müssen. Es ist die Krankheit des Intellektuellen, vorab des Schriftstellers in dieser Zeit und Gesellschaft.“

    Martin Walser: Die Gallistl’sche Krankheit (1972)

Josef Georg Gallistl ist der Ich-Erzähler des lediglich gut 120 Seiten starken Romans. Seine Frau heißt Marianne, genannt Mimi. Außerdem tauchen zwei Töchter auf, die 13-jährige Judith und die 3-jährige Angela.

Seine Freunde sind durchbuchstabiert von A bis F. Gallistl mit G reiht sich da gewissermaßen nur dem Alphabet ein:

A. ist Architekt (29 Jahre alt)
B. ist Bankkaufmann (30 Jahre alt)
C. ist Chemiker (31 Jahre alt)
D. ist Dichter bzw. in der Datenverarbeitung tätig (32 Jahre alt)
E. ist Englisch-Horn-Bläser in einem Orchester (33 Jahre alt)
F. arbeitet bei Fernsehen (34 Jahre alt).

Da ist es ein leichtes zu erraten, wie alt Gallistl ist: 35 Jahre alt.

„Mein Krankheitsbild verlangt einen eigenen Namen. Deshalb gebe ich ihm vorerst den meinen. […]. Es ist nicht Kopfweh. Es ist, wie wenn man liebt und die Person ist nicht mehr zu haben. Du kriegst sie nicht mehr. Es ist ein Schmerz. Das ist zuviel gesagt. Es ist eben kein Schmerz. Aber auch keine Schmerzlosigkeit. Aber man glaubt nicht, daß man das aushält. Aber man weiß, daß man es aushält. Aber man weiß nicht, wie lang noch.“ (S. 10 f.)

„Ich weiß jetzt so ziemlich, was gewünscht wird. Aber ich weiß auch, daß man es von mir nicht will. Es gibt genügend, die das liefern, was gewünscht wird. Ich komme dafür nicht in Frage. Da ich aber noch lebe, muß ich mich doch ein wenig bewegen. Das heißt, ich muß mich verstellen. Ich muß so tun, als mache es mir Spaß, dies und das aus mir zu machen. Ich muß etwas aus mir herausholen. Es muß aussehen, als hätte ich Lust. Als sei es mir wichtig. Als könne ich doch noch etwas liefern. Etwas beitragen. Man hat ringsherum keinen Anlaß, mich mitzuschleppen, wenn ich selber nicht mehr will.“ (S. 50 f.)

Gallistl ist ein Alter Ego Martin Walsers. Man spürt die Krise, die Walser Anfang der 70-er Jahre heimsuchte. Krise ist das falsche Wort. Es ist ein Verlorengehen in einer Zeit, die von der ersten großen Koalition aus Union und SPD mit ihren Notstandsgesetzen geprägt wurde. Der Mittelteil des Romans wirkt verstörend. Der Rückzug des Schriftstellers aus einer Welt, die nicht die seine ist.

Dann das letzte Kapitel: Er wird einmal. Es ist ein Wiedererwachen, ein Aufkeimen neuer Hoffnung. Es ist die Idee des Sozialismus, die Walser in Gestalt von Gallistl erfasst, aber nicht in Form eines bereits vorhandenen Staatsmarxismus oder als eine einfach übernehmbare Parteivorstellung („Wenn die Partei etwas Hiesiges wird, schafft sie’s.“ – S. 109). Die im Roman auftauchenden Figuren (es geht wieder dem Alphabet nach) tragen nun (fast) alle Vollnamen (mit P beginnend) und dürften realen Personen der linken Szene der damaligen Zeit nachempfunden sein:

Pankraz Pudenz (näher beschrieben ab S. 90)
Qualisto Queiros, Drucker (S. 94)
Rudi Rossipaul (S. 111)
Sylvio Schmon (S. 137)
Tanja Tischbein (S. 109)

Urs Ulmer
Vinzenz Vetter
Wilfried Weißpflog (S. 125)

X., Funktionär der Gewerkschaft HBV (Handel, Banken, Versicherungen) (S. 114)
York, Referent einer kritischen marxistischen Analyse (S. 116)
Zilli Zembrod

Walser war auf der Suche nach einer Alternative. Noch einmal zu meinem Beitrag Zu Martin Walser (2): Links und DKP-nah. Dort schrieb ich und wiederhole er noch einmal:

Ähnlich wie es viele heute sehen, so sah Walser keinen wesentlichen Unterschied mehr zwischen den Konservativen und den Sozialdemokraten, zwischen CDU/CSU und SPD. Was damals die DKP war, findet sich heute vielleicht in der Linken wieder – eine Position links der verbürgerlichten SPD. Wählbar aber waren bzw. sind beide kaum. So muss eine eigene Alternative her, wenn auch nur eine vorstellbare.

Übrigens beschreibt Walser bereits in diesem Roman sein ‚Verhältnis’ zur DDR: „… meine Empfindung [reicht] tief nach Pommern hinein. Sachsen ist mir vertraut, ohne daß ich je dort war. Wie oft denke ich an Magdeburg. Ich will die DDR nicht erobern. Ich will mir aber nicht verbieten lassen, daß mein Gefühl einreist und ausreist, wie es ihm paßt.“ (S.112). Schon damals 1972 wollte Walser die Teilung Deutschlands in zwei Staaten nicht akzeptieren.

Heute Ruhetag (44): Charles Dickens – Weihnachtslied

Bei Charles Dickens und Weihnachten denken viele gleich an seine Weihnachtsgeschichte, auch als Weihnachtslied bekannt (was dem englischen Titel A Christmas Carol näher kommt), die man vor allem aus einer der vielen Verfilmungen her kennt. Selbst Donald Duck und vor allem Dagobert Duck als Ebenezer Scrooge, einem alten, grantigen Geizhals, mussten dafür herhalten. Gelesen haben dürften aber nicht gerade viele – wenigstens bei uns – die Geschichte.

Die Erzählung handelt eben von jenem Ebenezer Scrooge, der in einer einzigen Nacht zunächst Besuch von seinem verstorbenen Teilhaber Jacob Marley und dann von drei weiteren Geistern erhält, die ihm schließlich dazu verhelfen, sein Leben zu ändern. Das Buch enthält stark sozialkritische Töne, mit denen Dickens die Missstände in England im 19. Jahrhunderts anprangern wollte. Parallelen zu heute wären erwünscht.

Hier nun zum Nachlesen – auch im englischen Original (und als Hörbuch im Original).

Übrigens: Charles Dickens hat noch weitere Weihnachtsgeschichten geschrieben, die sich ebenfalls lohnen, gelesen zu werden:

Drei Weihnachtsgeschichten (Der Behexte und der Pakt mit dem Geiste, Die Silvesterglocken, Auf der Walstatt des Lebens. Übersetzer: Gustav Meyrink)

Vier Weihnachtsgeschichten (Der Weihnachtsabend, Das Heimchen am Herde, Der Kampf des Lebens, Die Silvester-Glocken)

Weihnachtserzählungen (Doktor Marigold, Mrs. Lirripers Fremdenpension, Die Geschichte des Schuljungen, Die Geschichte des armen Verwandten. Übersetzer: Carl Kolb/Julius Seybt)

Heute Ruhetag = Lesetag!

Marley war tot, damit wollen wir anfangen. Kein Zweifel kann darüber bestehen. Der Schein über seine Beerdigung ward unterschrieben von dem Geistlichen, dem Küster, dem Leichenbestatter und den vornehmsten Leidtragenden. Scrooge unterschrieb ihn, und Scrooges Name wurde auf der Börse respektiert, wo er ihn nur hinschrieb. Der alte Marley war so tot wie ein Türnagel.

Versteht mich recht! Ich will nicht etwa sagen, daß ein Türnagel etwas besonders Totes für mich hätte. Ich selbst möchte fast zu der Meinung neigen, daß das toteste Stück Eisen auf der Welt ein Sargnagel sei. Aber die Weisheit unsrer Altvordern liegt in den Gleichnissen, und meine unheiligen Hände sollen sie dort nicht stören, sonst wäre es um das Vaterland geschehen. Man wird mir also erlauben, mit besonderem Nachdruck zu wiederholen, daß Marley so tot wie ein Türnagel war.

Wußte Scrooge, daß er tot war? Natürlich wußte er’s. Wie sollte es auch anders sein? Scrooge und er waren, ich weiß nicht seit wieviel Jahren, Kompagnons. Scrooge war sein einziger Testamentsvollstrecker, sein einziger Verwalter, sein einziger Erbe, sein einziger Freund und sein einziger Leidtragender. Und selbst Scrooge war von dem traurigen Ereignis nicht so schrecklich mitgenommen, um nicht selbst am Begräbnistag ein vortrefflicher Geschäftsmann sein und ihn mit einem unzweifelhaft guten Handel feiern zu können.

Nun bringt mich die Erwähnung von Marleys Begräbnistag wieder zu dem Ausgangspunkt meiner Erzählung zurück. Es gibt keinen Zweifel, daß Marley tot war. Das muß scharf ins Auge gefaßt werden, sonst kann in der Geschichte, die ich erzählen will, nichts Wunderbares geschehen. Wenn wir nicht vollkommen fest überzeugt wären, daß Hamlets Vater tot ist, ehe das Stück beginnt, so wäre durchaus nichts Merkwürdiges in seinem nächtlichen Spaziergang bei scharfem Ostwind auf den Mauern seines eigenen Schlosses. Nicht mehr, als bei jedem anderen Herrn in mittleren Jahren, der sich nach Sonnenuntergang rasch zu einem Spaziergang auf einem luftigen Platz entschließt, zum Beispiel auf dem Sankt-Pauls-Kirchhof.

Scrooge ließ Marleys Namen nicht ausstreichen. Noch nach Jahren stand über der Tür des Speichers »Scrooge und Marley«. Die Firma war unter dem Namen Scrooge und Marley bekannt. Leute, die Scrooge nicht kannten, nannten ihn zuweilen Scrooge und zuweilen Marley; aber er hörte auf beide Namen, denn es galt ihm beides gleich.

Oh, er war ein wahrer Blutsauger, dieser Scrooge! Ein gieriger, zusammenkratzender, festhaltender, geiziger alter Sünder: hart und scharf wie ein Kiesel, aus dem noch kein Stahl einen warmen Funken geschlagen hat, verschlossen und selbstgenügsam und ganz für sich, wie eine Auster. Die Kälte in seinem Herzen machte seine alten Gesichtszüge starr, seine spitze Nase noch spitzer, sein Gesicht runzlig, seinen Gang steif, seine Augen rot, seine dünnen Lippen blau, und sie klang aus seiner krächzenden Stimme heraus. Ein frostiger Reif lag auf seinem Haupt, auf seinen Augenbrauen, auf dem starken struppigen Bart. Er schleppte seine eigene niedere Temperatur immer mit sich herum: in den Hundstagen kühlte er sein Kontor wie mit Eis, zur Weihnachtszeit machte er es nicht um einen Grad molliger.

Äußere Hitze und Kälte wirkten wenig auf Scrooge. Keine Wärme konnte ihn wärmen, keine Kälte frösteln machen. Kein Wind war schneidender als er, kein Schneegestöber erbarmungsloser, kein klatschender Regen einer Bitte weniger zugänglich. Schlechtes Wetter konnte ihm nichts anhaben. Der ärgste Regen, Schnee oder Hagel konnten sich nur in einer Art rühmen, besser zu sein als er: sie gaben oft im Überfluß, und das tat Scrooge nie und nimmer.

Niemals kam ihm jemand auf der Straße entgegen, um mit freundlichen Blicken zu ihm zu sagen:»Mein lieber Scrooge, wie geht’s, wann werden Sie mich einmal besuchen?« Kein Bettler sprach ihn um eine Kleinigkeit an, kein Kind fragte ihn, wie spät es sei, kein Mann und keine Frau hat ihn je in seinem Leben nach dem Weg gefragt. Selbst der Hund des Blinden schien ihn zu kennen, und wenn er ihn kommen sah, zog er seinen Herrn in einen Torweg und wedelte dann mit dem Schwanz, als wollte er sagen: »Gar kein Auge, blinder Herr, ist besser als ein böses Auge.«

Doch was kümmerte all das den alten Scrooge? Gerade das gefiel ihm. Allein seinen Weg durch die engen Pfade des Lebens zu wandern, jedem menschlichen Gefühl zu sagen: »Bleibe mir fern«; das war es, was Scrooge gefiel.

aus: Erste Strophe: Marleys Geist

    Signatur: Charles Dickens

Charles Dickens: Weihnachtslied

siehe auch: Heute Ruhetag (27): Charles Dickens – Oliver Twist

Vorweihnachtszeit 2013 (7): Weihnachten 1932 in Wasserburg/Bodensee

Die Bescherung fand, weil auf das Klavier nicht verzichtet werden konnte, im Nebenzimmer statt. Das heißt, Josef und Johann hatten erst Zutritt, als der Vater am Klavier Stille Nacht, heilige Nacht spielte. Der Einzug ins Nebenzimmer geschah durch zwei Türen: von der Wirtschaft her zogen, ihre Gläser in der Hand, die vier letzten Gäste hinter Elsa herein. Hanse Luis, der Schulze Max, Dulle und Herr Seehahn. Durch die Tür vom Hausgang her zogen Josef, Johann, Niklaus und der Großvater ein. Zuletzt Mina, die Prinzessin und die Mutter, sie kamen aus der Küche.

Immer an Weihnachten trug Herr Seehahn am grünen Revers seiner gelblichen Trachtenjacke den Päpstlichen Hausorden, den er bekommen hatte, weil er als Marinerevolutionär in München zum päpstlichen Nuntius, den er hätte gefangen nehmen sollen, gesagt hatte: Eminenz, wenn Sie mit mir kommen, sind Sie verhaftet, wenn Sie die Hintertür nehmen, sind Sie mir entkommen.

Wasserburg/Bodensee

Dulle war wohl von allen am weitesten von seiner Heimat entfernt. Dulle war aus einem Ort, dessen Name in Johanns Ohren immer klang, als wolle man sich über Dulle lustig machen. Niemals hätte Johann in Dulles Gegenwart diesen Namen auszusprechen gewagt. Buxtehude. Dulle sprach anders als jeder andere im Dorf. Er hauste in einem Verschlag bei Frau Siegel, droben in Hochsträß, direkt an der frisch geteerten Landstraße. Dulle war Tag und Nacht unterwegs. Als Fischerknecht und als Durstiger. Oder hinter Fräulein Agnes’ Katzen her. Adolf behauptete, Dulles Verschlag, Wände und Decke, sei tapeziert mit Geldscheinen aus der Inflation. Hunderttausenderscheine, Scheine für Millionen, Milliarden, Billionen. Eine Zeitung habe, sagte Adolf, 1923 sechzehn Milliarden Mark gekostet. Immer wenn Johann von dieser Inflation etwas hörte, dachte er, das Land hat Fieber gehabt damals, 41 oder 42 Grad Fieber müssen das gewesen sein.

Der Schulte Max war nirgendwo her beziehungsweise überall her, eben vom Zirkus. Er nächtigte im Dachboden des von zugezogenen Fischerfamilien bewohnten Gemeindehauses, und zwar auf einem Lager aus alten Netzen.

Verglichen mit den Schlafstätten von Dulle und Schulze Max, war das, was Niklaus droben im Dachboden als Schlafstatt hatte, eine tolle Bleibe. Niklaus hatte ein richtiges Bett so mit alten Schränken umstellt, daß eine Art Zimmer entstand. Niklaus war für Johann interessant geworden, als Johann ihm einmal zugeschaut hatte, wie er seine Fußlappen über und um seine Füße schlug und dann in seine Schnürstiefel schlüpfte. Die Socken, die Mina ein Jahr zuvor für Niklaus gestrickt und unter den Tannenbaum gelegt hatte, hatte er einfach liegen lassen. Als Mina sie ihm in die Hand drückten wollte, hatte er den Kopf geschüttelt. Niklaus sprach selten. Mit Nicken, Kopfschütteln und Handbewegungen konnte er, was er sagen wollte, sagen. Wenn er meldete, daß Freifrau Ereolina von Molkenbuer drei Zentner Schwelkoks und Fräulein Hoppe-Seyler zwei Zentner Anthrazit bestellt hatten, merkte man, daß er keinerlei Sprachfehler hatte. Er sprach nicht gern. Sprechen war nicht seine Sache.

Unterm Christbaum lagen für Josef und Johann hellgraue Norwegerpullover, fast weiß und doch nicht weiß, silbergrau eigentlich. Mit graublauen, ein bißchen erhabenen Streifen. Aber auf der Brust zwei sehr verschiedene Muster, eine Verwechslung war zum Glück ausgeschlossen. Josef zog seinen sofort an. Johann hätte seinen lieber unterm Christbaum gesehen, aber weil alle sagten, er solle seinen doch auch probieren, zog er ihn an. Johann mußte, als er spürte, wie ihn dieser Pullover faßte, schnell hinaus, so tun, als müsse er auf den Abort, aber er mußte vor den Spiegel der Garderobe im Hausgang, er mußte sich sehen. Und er sah sich, silbergrau, fast bläulich erhabene Streifen, auf der Brust in einem Kreis ein Wappen. Königssohn, dachte er. Als er wieder hineinging, konnte er nicht ganz verbergen, wie er sich fühlte. Mina merkte es. Der steht dir aber, sagte sie.

Dieser Pullover waren aus dem Allgäu gekommen, von Anselm, dem Vetter genannten Großonkel.

Zu jedem Geschenk gehörte ein Suppenteller voller Plätzchen, Butter-S, Elisen, Lebkuchen, Springerle, Zimtsterne, Spitzbuben, Makronen.

Die Mutter sagte zu Mina hin und meinte die Plätzchen: Ich könnt ’s nicht. Johann nickte heftig, bis Mina bemerkte, daß er heftig nickte. Er hatte letztes Jahr von Adolfs Plätzchenteller probieren dürfen. Bruggers Plätzchen schmeckten alle gleich, von Minas Plätzchen hatte jede Sorte einen ganz eigenen Geschmack, und doch schmeckten alle zusammen so, wie nur Minas Plätzchen schmecken konnten. In diesem Jahr lag neben Johanns und Josefs Teller etwas in Silberpapier eingewickeltes Längliches, und aus dem Silberpapier ragte ein Fähnchen, darauf war ein rotes Herz gemalt und hinter dem Herz stand –lich. Über dem Herz stand: Die Prinzessin grüßt. Josef probierte schon, als Johann noch am Auspacken war. Nougat, sagte er. Richtig, sagte die Prinzessin. Toll, sagte Josef. Johann wickelte seine Nougatstange unangebissen wieder ein.

Für Mina und Elsa gab es Seidenstrümpfe. Beide sagten, daß das doch nicht nötig gewesen wäre. Für Mina lag noch ein Sparbuch dabei. Mit einem kleinen Samen, sagte die Mutter. Bei der Bezirkssparkasse. Die gehe nicht kaputt. Mina sagte kopfschüttelnd: O Frau, vergelt ’s Gott! Für die Prinzessin lagen mehrere Wollstränge in Blau unter dem Baum. Sie nahm sie an sich, salutierte wie ein nachlässiger Soldat mit dem Zeigefinger von der Schläfe weg und sagte: Richtig. Und zu Johann hin: Du weißt, was dir bevorsteht. Johann sagte auch: Richtig! Und grüßte zurück, wie sie gegrüßt hatte. Er mußte immer abends die Hände in die Wollstränge stecken, die die Prinzessin dann, damit sie nachher stricken konnte, zum Knäuel aufwickelte. In jeder feien Minute strickte sie für ihren Moritz, den sie einmal im Monat in Ravensburg besuchen durfte; aber allein sein durfte sie nicht mit dem Einjährigen. Die Mutter des Siebzehnjährigen, der der Kindsvater war, saß dabei, solange die Prinzessin da war. Nach jedem Besuch erzählte die Prinzessin, wie die Mutter des Kindsvaters, die selber noch keine vierzig sei, sie keine Sekunde aus den Augen lasse, wenn sie ihren kleinen Moritz an sich drückte. Die Prinzessin, hieß es, sei einunddreißig. Sie hatte jedem etwas neben den Teller gelegt, und jedesmal hatte sie ihr Herz-Fähnchen dazugesteckt. Für Elsa eine weiße Leinenserviette, in die die Prinzessin mit rotem Garn ein sich aufbäumendes Pferd gestickt hatte. Für Mina zwei Topflappen, in einem ein großes rotes A, im anderen ein ebenso großes M. Für Niklaus hatte sie an zwei Fußlappen schöne Ränder gehäkelt. Für Herrn Seehahn gab es ein winziges Fläschchen Eierlikör. Für die Mutter einen Steckkamm. Für den Vater ein Säckchen mit Lavendelblüten. Für den Großvater ein elfenbeinernes Schnupftabakdöschen. Johann, sagte sie, geh, bring ’s dem Großvater und sag ihm, Ludwig der Zweite, habe es dem Urgroßvater der Prinzessin geschenkt, weil der den König, als er sich bei der Jagd in den Kerschenbaumschen Wäldern den Fuß verstaucht hatte, selber auf dem Rücken bis ins Schloß getragen hat. Alle klatschten, die Prinzessin, die heute einen wild geschminkten Mund hatte, verneigte sich nach allen Seiten. Johann hätte am liebsten nur noch die Prinzessin angeschaut. Dieser riesige Mund paßte so gut unter das verrutschte Glasauge. Für Niklaus lagen wieder ein Paar Socken und ein Päckchen Stumpen unterm Baum. Die Socken, es waren die vom vorigen Jahr, ließ er auch diesmal liegen. Die Stumpen, den Teller voller Plätzchen und die umhäkelten Fußlappen trug er zu seinem Platz. Im Vorbeigehen sagte er zur Prinzessin hin: Du bist so eine. Sie salutierte und sagte: Richtig. Dann ging er noch einmal zurück, zum Vater hin, zur Mutter hin und bedankte sich mit einem Händedruck. Aber er schaute beim Händedruck weder den Vater noch die Mutter an. Schon als er seine Rechte, der der Daumen fehlte, hinreichte, sah er weg. Ja, er drehte sich fast weg, reichte die Hand zur Seite hin, fast schon nach hinten. Und das nicht aus Nachlässigkeit, das sah man. Er wollte denen, die ihn beschenkt hatten, nicht in die Augen sehen müssen. Niklaus setzte sich wieder zu seinem Glas Bier. Nur an Weihnachten, an Ostern und am Nikolaustag trank er das Bier aus dem Glas, sonst aus der Flasche. Johann sah und hörte gern zu, wenn Niklaus die Flasche steil auf der Unterlippe ansetzte und mit einem seufzenden Geräusch leertrank. Wie uninteressant war dagegen das Trinken aus dem Glas. Niklaus setzte auch jede Flasche, die angeblich leer aus dem Lokal zurückkam und hinter dem Haus im Bierständer auf das Brauereiauto wartete, noch einmal auf seinen Mund; er wollte nichts verkommen lassen.

Der Vater ging zum Tannenbaum und holte ein blaues Päckchen, golden verschnürt, gab es der Mutter. Sie schüttelte den Kopf, er sagte: Jetzt mach ’s doch zuerst einmal auf. Eine indische Seife kam heraus. Und Ohrringe, große, schwarz glänzende Tropfen. Sie schüttelte wieder den Kopf, wenn auch langsamer als vorher. Für den Großvater lag ein Nachthemd unter dem Baum. Er sagte zu Johann, der es ihm bringen wollte: Laß es nur liegen. Als letzter packte der Vater sein Geschenk aus. Lederne Fingerhandschuhe, Glacéhandschuhe, sagte der Vater. Damit könnte man fast Klavier spielen, sagte er zu Josef. Und zog sie an und ging ans Klavier und ließ schnell eine Musikmischung aus Weihnachtsliedern aufrauschen. Hanse Luis klatschte Beifall mit gebogenen Händen; das war, weil er seine verkrümmten Handflächen nicht gegen einander schlagen konnte, ein lautloser Beifall. Er sagte: Was ischt da dagege dia Musi vu wittr her. Er konnte sich darauf verlassen, daß jeder im Nebenzimmer wußte, Radio hieß bei Hanse Luis Musik von weiter her. Dann stand er auf und sagte, bevor er hier auch noch in eine Bescherung verwickelt werde, gehe er lieber. Es schneie immer noch, er solle bloß Obacht geben, daß er nicht noch falle, sagte die Mutter. Kui Sorg, Augusta, sagte er, an guate Stolperer fallt it glei. Er legte einen gebogenen Zeigefinger an sein grünes, randloses, nach oben eng zulaufendes Jägerhütchen, das er nie und nirgends abnahm, knickte sogar ein bißchen tänzerisch ein und ging. Unter der Tür drehte er sich noch einmal um, hob die Hand und sagte, er habe bloß Angst, er sei, wenn es jetzt Mode werde, statt Grüßgott zu sagen, die Hand hinauszustrecken, dumm dran, weil er so krumme Pratzen habe, daß es aussehe wie die Faust von denen, die Heil Moskau schrieen. Und dann in seiner Art Hochdeutsch: Ich sehe Kalamitäten voraus, Volksgenossen. Und wieder in seiner Sprache: Der sell hot g’seet: No it hudla, wenn ’s a ’s Sterbe goht. Und mit Gutnacht miteinand war er draußen, bevor ihm die Prinzessin, was er gesagt hatte, in Hochdeutsch zurückgeben konnte. Elsa rannte ihm nach, um ihm die Haustür aufzuschließen. Dann hörte man sie schrill schreien: Nicht, Luis … jetzt komm, Luis, laß doch, Luiiiis! Als sie zurückkam, lachte sie. Der hat sie einreiben wollen. Johann staunte. Daß Adolf, Paul, Ludwig, Guido, der eine Helmut und der andere und er selber die Mädchen mit Schnee einrieben, sobald Schnee gefallen war, war klar; nichts schöner, als Irmgard, Trudl oder Gretel in den Schnee zu legen und ihnen eine Hand voll Schnee im Gesicht zu zerreiben. Die Mädchen gaben dann Töne von sich wie sonst nie. Aber daß man so eine Riesige wie Elsa auch einreiben konnte! Hanse Luis war einen Kopf kleiner als Elsa. Kaum war Elsa da, erschien Hanse Luis noch einmal in der Tür und sagte: Dr sell hot g’sell, a Wieb schla, isch kui Kunscht, abe a Wieb it schla, desch a Kunscht. Und tänzelte auf seine Art und war fort. Die Prinzessin schrie ihm schrill, wie gequält nach: Ein Weib schlagen, ist keine Kunst, aber ein Weib nicht schlagen, das ist eine Kunst. Der Dulle hob sein Glas und sagte, Ohne dir, Prinzessin, tät ich mir hier im Ausland fühlen.

Die Bescherung war vorbei, jetzt also die Lieder. Schon nach dem ersten Lied, Oh du fröhliche, oh du selige, sagte der Schulze Max zur Mutter, die beiden Buben könnten auftreten. Der Vater hatte die Glacéhandschuhe wieder ausgezogen und spielte immer aufwendigere Begleitungen. Nach Kommet ihr Hirten, ihr Männer und Frau’n sagte der Schulte Max zu Dulle: Auf diese Musikanten trinken wir noch ein Glas. Wenn du einverstanden bist. Dulle nickte heftig. Dann gehen wir aber, sagte der Schulze Max. Dulle nickte wieder. Wieder heftig. Der Schulze Max: Wir wollen überhaupt nicht anwachsen hier. Dulle schüttelte den Kopf ganz heftig. Der Schulze Max: Heute schon gar nicht, stimmt ’s? Dulle nickte so heftig, daß er danach seine Brille wieder an ihren Platz hinaufschieben mußte. Der Schulze Max: Auch eine Wirtsfamilie will einmal unter sich sein, stimmt ’s? Dulle nickte wieder, hielt aber, damit er heftig genug nicken konnte, schon während des Nickens die Brille fest. Der Schulze Max: Und wann möchte, ja, wann muß eine Familie ganz unter sich sein, wenn nicht am Heiligen Abend, stimmt ’s? Dulle nahm, daß er noch heftiger als zuvor nicken konnte, seine Brille ab. Der Schulze Max: Und was haben wir heute? Dulle, mit einer unglaublich zarten, fast nur noch hauchenden Stimme: Heilichabend. Der Schulze Max, sehr ernst: Daraus ergibt sich, sehr, sehr verehrte Frau Wirtin, daß das nächste Glas wirklich das letzte ist, das letzte sein muß.

aus: Martin Walser: Ein springender Brunnen (suhrkamp taschenbuch 3100 – 1. Auflage 2000 – S. 92- 96, S. 98-101)

Vorweihnachtszeit 2013 (5): Ian Anderson liest Weihnachtliches

Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christkind, sondern liest uns unser Flötenguru, Ian Anderson von der Gruppe Jethro Tull, etwas traditionell Weihnachtliches aus seiner Heimat Schottland vor („Weihnachtliches mit Onkel Ian“):

    Ian Anderson: Happy New Year & Merry Christmas!

Es handelt sich hierbei um einen Radio-Beitrag zu einer Sendung namens „A Toss the Feathers Christmas Special 2004“ und wurde einst vor inzwischen neun Jahren über den amerikanischen Sender Public Radio International ausgestrahlt. Neben „Another Christmas Song“ und „Ring Out Solstice Bells” (am Ende) liest Ian Anderson aus Sir Walter Scott’s „Marmion“ – Dichtung in sechs Gesängen (Marmion – A Tale of Flodden Field in six Cantos; Edinburgh 1808) etwas Weihnachtliches vor:

INTRODUCTION TO CANTO SIXTH

Heap on more wood!-the wind is chill;
But let it whistle as it will,
We’ll keep our Christmas merry still.
Each age has deem’d the new-born year
The fittest time for festal cheer: 5
Even, heathen yet, the savage Dane
At Iol more deep the mead did drain;
High on the beach his galleys drew,
And feasted all his pirate crew;
Then in his low and pine-built hall, 10
Where shields and axes deck’d the wall,
They gorged upon the half-dress’d steer;
Caroused in seas of sable beer;
While round, in brutal jest, were thrown
The half-gnaw’d rib, and marrow-bone, 15
Or listen’d all, in grim delight,
While scalds yell’d out the joys of fight.
Then forth, in frenzy, would they hie,
While wildly-loose their red locks fly,
And dancing round the blazing pile, 20
They make such barbarous mirth the while,
As best might to the mind recall
The boisterous joys of Odin’s hall.

And well our Christian sires of old
Loved when the year its course had roll’d, 25
And brought blithe Christmas back again,
With all his hospitable train.
Domestic and religious rite
Gave honour to the holy night;
On Christmas eve the bells were rung; 30
On Christmas eve the mass was sung:
That only night in all the year,
Saw the stoled priest the chalice rear.
The damsel donn’d her kirtle sheen;
The hall was dress’d with holly green; 35
Forth to the wood did merry-men go,
To gather in the mistletoe.
Then open’d wide the Baron’s hall
To vassal, tenant, serf, and all;
Power laid his rod of rule aside, 40
And Ceremony doff’d his pride.
The heir, with roses in his shoes,
That night might village partner choose;
The Lord, underogating, share
The vulgar game of ‘post and pair.’ 45
All hail’d, with uncontroll’d delight,
And general voice, the happy night,
That to the cottage, as the crown,
Brought tidings of salvation down.

The fire, with well-dried logs supplied, 50
Went roaring up the chimney wide:
The huge hall-table’s oaken face,
Scrubb’d till it shone, the day to grace,
Bore then upon its massive board
No mark to part the squire and lord. 55
Then was brought in the lusty brawn,
By old blue-coated serving-man;
Then the grim boar’s head frown’d on high,
Crested with bays and rosemary.
Well can the green-garb’d ranger tell, 60
How, when, and where, the monster fell;
What dogs before his death he tore,
And all the baiting of the boar.
The wassel round, in good brown bowls,
Garnish’d with ribbons, blithely trowls. 65
There the huge sirloin reek’d; hard by
Plum-porridge stood, and Christmas pie:
Nor fail’d old Scotland to produce,
At such high tide, her savoury goose.
Then came the merry maskers in, 70
And carols roar’d with blithesome din;
If unmelodious was the song,
It was a hearty note, and strong.
Who lists may in their mumming see
Traces of ancient mystery; 75
White shirts supplied the masquerade,
And smutted cheeks the visors made;
But, O! what maskers, richly dight,
Can boast of bosoms half so light!
England was merry England, when 80
Old Christmas brought his sports again.
‘Twas Christmas broach’d the mightiest ale;
‘Twas Christmas told the merriest tale;
A Christmas gambol oft could cheer
The poor man’s heart through half the year. 85

Ich habe noch einmal nachgeforscht und entdeckt, dass es von diesem Poem mindestens zwei deutsche Übersetzung gibt:

Marmion. Eine Erzählung vom Schlachtfelde von Flodden. Dichtung in sechs Gesängen. Zwickau, Gebrüder Schumann, 1827 (Übersetzung: C. Richard) und
Marmion. Darmstadt 1857 (Übersetzung: Alexander Neidhardt, der auch Sonette von Shakespeare übersetzt hat)

Leider habe ich den deutschen Text nicht ausfindig gemacht, so dürft Ihr Euch selbst mit dem Schottischen herumschlagen (leider spricht Ian Anderson alles mehr oder weniger englisch aus. Schade eigentlich … Oder er kann nicht richtig schottisch).

Heute Ruhetag (43): Jean Paul – Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz mit fortgehenden Noten

Arno Schmidt sagte einmal, dass Jean Paul „einer unserer Großen (…), einer von den Zwanzig, für die ich mich mit der ganzen Welt prügeln würde“ gewesen sei. Nun beide waren verquere Köpfe mit hohem literarischen Anspruch, der vielen leider zu weit geht. „Jean Paul spielte ständig mit einer Vielzahl witziger und skurriler Einfälle; seine Werke sind geprägt von wilder Metaphorik sowie abschweifenden, teilweise labyrinthischen Handlungen.“ Was wohl auch für Arno Schmidt gilt, wenn auch in ‚anderer Fassung’.

„Ähnlich vielgestaltig und verwirrend wie viele seiner Romane muss auch Jean Pauls Charakter gewesen sein: Er war wohl sehr gesellig und geistreich, gleichzeitig extrem sentimental, von fast kindlichem Gemüt und schnell zu Tränen gerührt. Seine Werke lassen immer wieder erkennen, wie sehr er sich nicht nur für Literatur, sondern auch für Astronomie und andere Wissenschaften interessierte.“

Das Jahr geht langsam dem Ende entgegen, in dem wir den 250. Geburtstag von Jean Paul feiern durften. An einem anderen Ruhetag habe ich bereits auf seine Erzählung Dr. Katzenbergers Badereise hingewiesen und als Lektüre empfohlen (und in einem zweiten Beitrag noch etwas ausführlicher behandelt). Heute möchte ich eine andere seltsame Erzählung aufs Tapet bringen, in der Schmelzle, ein „Angsthase“, „mit Heldenpose“ von seiner „Feigheit vor dem Feind in napoleonischer Zeit“ erzählt.

Zum Inhalt (Quelle: de.wikipedia.de):

Schmelzle stellt eine – dem Anschein nach offensichtliche – Tatsache als Gerücht hin: Der Militärgeistliche Schmelzle hat „aus bedeutenden Schlachten Reißaus genommen“. Seine letzte diesbezügliche Affäre war bei Pimpelstadt. Dies bedauerliche Faktum war natürlich auch seinem höchsten militärischen Vorgesetzten, dem großen Minister und General Schabacker in Flätz nicht verborgen geblieben. Trotzdem reist Schmelzle unerschrocken zu dem General hin, um dem Militär eine Bittschrift vorzulegen. Der Fahnenflüchtige möchte Professor der Katechetik werden. Angetrieben wird Schmelzle von seiner Ehegattin Teutoberga, Tochter eines reichen Pächters. Bergelchen, wie Schmelzle seine liebe Frau nennt, möchte gerne ihre „niedrige Geburt“ vergessen machen, möchte „etwas vorstellen und manche Honoratiorin ausstechen“.

Schmelzle dringt in das Vorzimmer des Generals vor. Die Antwort Schabackers auf die Petition lautet bedauerlicherweise: Schmelzle möge sich wieder zum Teufel scheren, wie er bei Pimpelstadt getan.

Das kann den Überlebenskünstler Schmelzle kein bisschen verdrießen. Ist er doch durch das Vermögen seiner guten Frau besser besoldet als durch zehn katechetische Professuren.

„So bist du also nichts geworden?“ gibt sich das Bergelchen enttäuscht und denkt an die „hochtrabenden vornehmen Weiber“ in Neusattel, vor denen sie in der Kirche blutrot werden wird vor Scham.

Schmelzle will Abhilfe schaffen. Vielleicht wird Bergelchen Berg-, Bau-, Hof-, Kriegs-, Kammer-, Kommerzien-, Legations-, Henkers- oder auch Teufels-Rätin.

Heute Ruhetag = Lesetag!

Ein lautes Gewitter, das dem Postwagen nachfuhr, veränderte den Diskurs. Ihr, Freunde, erratet wohl alle – da ihr mich nicht als einen Mann ohne alle Physik kennen lernen – meine Maßregeln gegen Gewitter: [89 In großen Städten lebt der Fremde die ersten Tage nach seiner Ankunft bloß von seinem Gelde im Gasthofe, erst darauf in den Häusern seiner Freunde umsonst; langt man hingegen auf der Erde an, wie z.B. ich, so wird man gerade die ersten Jahre hindurch höflich freigehalten, in den andern und längern aber – denn man bleibt oft sechzig Jahre – muß man wahrhaftig (ich habe die Dokumente in Händen) jeden Tropfen und Bissen bezahlen, als wäre man im großen Gasthofe zur Erde, was noch dazu wahr ist.] ich setze mich nämlich auf einen Sessel mitten in der Stube (oft bleib‘ ich bei bedenklichem Gewölk ganze Nächte auf ihm), und decke mich durch mein Reinigen von allen Leitern, Ringen, Schnallen und so weiter und durch mein Absitzen von allen Blitzabsprüngen immer so, daß ich kaltblütig die Sphärenmusik der Donnerpauke vernehme. – Diese Vorsicht hat mir nie geschadet, da ich ja dato noch lebe; und ich wünsche mir noch heute Glück, daß ich einmal aus der Stadtkirche, ob ich gleich tags vorher gebeichtet hatte, ohne weiteres und ohne vorher das Abendmahl zu nehmen, ins Gebeinhaus hinausgelaufen, weil ein schweres Gewitter (was wirklich in die Kirchhofslinde einschlug) darüber stand; – ich kam auch sogleich nach der Entladung der Wolke aus dem Gebeinhaus in die Kirche zurück und war so glücklich, noch hinter dem [112 Ich sage aber nein. Der Mensch stelle sich so wie seinen Hut – wenn er sich und diesen nicht gerade gebraucht – beide, um sie zu schonen, so lange auf den Kopf, bis er wieder getragen wird.] Henker (als dem letzten) zu kommen und das Liebesmahl zu genießen.

So denk‘ ich für meine Person; aber leider, im vollen Postwagen traf ich Menschen, denen Physik wahre Narretei ist. Denn als die Gewitter sich fürchterlich über unsern Kutschenhimmel versammelten und prasselnde Feuerklumpen, als wären’s Johanniswürmchen, im Himmel umherspielten; und als ich endlich ersuchen mußte, das schwitzende Postkonklave möchte nur wenigstens Uhren, Ringe, Gelder und dergleichen zusammenwerfen, etwa in die Wagentaschen, damit kein Mensch einen Leiter am Leibe hätte: so tat’s nicht nur keiner, sondern mein eigener Schwager, der Dragoner, stieg gar mit gezogenem nackten Degen auf den Bock hinaus und schwur, er leite ab. Ich weiß nicht, war der desperate Mensch ein gescheiter oder keiner; kurz, unsere Lage [10 Die Weltepochen feiern – wie die spanischen Könige – Regierungsantritt, Volljährigkeit, Vermählung – gern mit Scheiterhaufen (Autodafés, Tressenausbrennungen der Weisen oder auch der Irrgläubigen).] war fürchterlich, und jeder konnte ein gelieferter Mann sein. Zuletzt bekam ich gar einen halben Zank mit zweien von der rohen Menschenfracht der Kutsche, dem Vergifter und der Hure, weil sie fragend fast zu verstehen gaben, ich hätte vielleicht bei dem angepriesenen Preziosenpicknick nicht die ehrlichsten Anschläge gehabt. So etwas verwundet die Ehre mit Gewalt, und in mir donnerte es nun stärker als oben; dennoch mußt‘ ich den ganzen nötigen Erbitterungswortwechsel so leise und langsam als möglich führen und haderte sanft, damit nicht am Ende eine ganz in Harnisch gebrachte Kutsche in Hitze und Schweiß geriete, und in unsere Mitte so den nahen Donnerkeil auf Ausdünstungen durch den Kutschenhimmel herabfahren [144 Der Rezensent gebraucht seine Feder eigentlich nicht zum Schreiben, sondern er weckt mit deren Brandgeruch Ohnmächtige auf, kitzelt mit ihr den Schlund des Plagarius zum Wiedergeben, und stochert mit ihr seine Zähne aus. Er ist der einzige im ganzen gelehrten Lexikon, der sich nie ausschreiben und ausschöpfen kann, er mag ein Jahrhundert oder ein Jahrtausend vor dem Tintenfasse sitzen. Denn indes der Gelehrte, der Philosoph und der Dichter das neue Buch nur aus neuem Stoff und Zuwachs schaffen, legt der Rezensent bloß sein altes Maß von Einsicht und Geschmack an tausend neue Werke an, und sein altes Licht bricht sich an der vorbeiziehenden, stets verschieden geschliffenen Gläserwelt, die er beleuchtet, in neue Farben.] ließe. Zuletzt setzt‘ ich der Gesellschaft das ganze elektrische Kapitel deutlich, aber leise und langsam – ich wollte nicht ausdampfen – auseinander und suchte besonders von der Furcht abzuschrecken. Denn, in der Tat, vor Furcht konnte jeden der Schlag – ja ein doppelter, mit dem elektrischen ein apoplektischer – treffen, da aus Erxleben und Reimarus genug bewiesen ist, daß starkes Fürchten durch Dünsten den Strahl zulockt; ich stellte daher in ordentlicher Angst vor meiner und fremder Furcht den Passagieren vor, daß sie jetzt durchaus bei unserer schwülen Menge, bei dem die Blitze spießenden Degen auf dem Kutschbock, und bei dem Überhang der Wetterwolke, und selber bei so vielen Ausdünstungen anfangender Furcht, kurz, bei so augenscheinlicher Gefahr nichts fürchten dürften, wollten sie nicht samt und sonders erschlagen sein. »O, Gott,« rief ich, »nur Mut! Keine Furcht! Nicht einmal Furcht vor der Furcht! – Wollen wir denn als zusammengetriebene Hasen hier seßhaft, von unserem Herrgott erschossen sein? – Fürchte sich meinetwegen jeder, wenn er aus der Kutsche heraus ist, nach Belieben an anderen Orten, wo weniger zu besorgen ist, nur aber nicht hier.«

Ich kann nicht entscheiden – da unter Millionen kaum ein Mensch an der Gewitterwolke stirbt, aber vielleicht Millionen an Schnee- und Regenwolken und dünnen Nebeln – ob meine Kutschenpredigt auf Menschenrettungspreise Anspruch zu machen hatte, als wir sämtlich unbeschädigt, einem Regenbogen entgegen, in das Städtchen Vierstädten einfuhren, wo ein Posthalter in der einzigen Gasse wohnte, die der Ort hatte.

aus: Erste Station, von Neusattel nach Vierstädten.

Signatur: Jean Paul

Jean Paul: Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz mit fortgehenden Noten