Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Thomas Mann: Der Zauberberg

Martin Walser hält seinen Stil für manieriert und meint damit sicherlich das oft genug eitel Affektierte, Gekünstelte seiner Schreibweise. Etwas aufgeblasen war er schon in seinem Bildungsgroßbürgertum. Den „Doktor Faustus“ gab Walser sogar auf, weil er diese Prosa „nicht ertagen konnte“ (Gespräch mit Peter Roos: Genius Loci – in Auskunft, S. 61 – siehe: Jörg Magenau: Martin Walser – eine Biographie, S. 58f.) Ich selbst bin vor Jahren am ‚Tretapak’ Joseph und seine Brüder kläglich gescheitert. Und Bertolt Brecht bezeichnete ihn einen „regierungstreuen Lohnschreiber der Bourgeoisie“. Ich spreche von Thomas Mann.

Im Sommer 1981, ich weilte in Spanien in der Ferienwohnung meiner Eltern und hatte mir als Leküre Thomas Manns Der Zauberberg mitgenommen (den Roman habe ich als Fischer Taschenbuch Band 800, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main – 193. – 212. Tausend: Februar 1980 vorliegen). Immerhin ein Wälzer von über 750 Seiten (in anderen Ausgaben mit etwas größerer Schrift sind ’s oft 100 Seiten mehr). Und bis zum Ende meines Urlaubs habe ich den Roman tatsächlich geschafft – vielleicht auch, weil ich wegen eines Sonnenbrandes einige Tage die Sonne meiden musste. Jetzt habe ich nach 32 Jahren den Roman ein zweites Mal gelesen.

1912 äußerten Ärzte bei Katia, der Frau von Thomas Mann, den Verdacht auf Tuberkulose, was einen längeren Sanatoriums-Aufenthalt in Davos erforderlich machte. Thomas Mann war, als er sie dort besuchte, beeindruckt von der Atmosphäre des Sanatoriums und fasziniert von den amüsanten Schilderungen, die ihm seine Frau über die Klientel der Klinik gab. Sie inspirierten ihn zu seinem Roman Der Zauberberg, den er 1913 begann, aber erst 1924 vollendete.

Wie bereits an anderer Stelle (Heute Ruhetag (32): Thomas Mann – Der Zauberberg) erwähnt, sollte der Roman „eine Art von humoristischem, auch groteskem Gegenstück“ zum 1912 erschienenen Tod in Venedig werden, geriet dann mit 800 Seiten länger als beabsichtigt. Ohne Zweifel gilt der Roman heute als einer der wichtigsten des 20. Jahrhunderts, beleuchtet er mit Geist und Witz die Atmosphäre am Anfang des letzten Jahrhunderts – vor fast genau 100 Jahren. Er handelt vom Reifeprozess des jungen Hans Castorp. Während eines siebenjährigen Aufenthalts in einem Tuberkulose-Sanatorium trifft Castorp dort Menschen, die ihn mit Politik, Philosophie, aber auch Liebe, Krankheit und Tod konfrontieren.

Im Mittelpunkt – und dann auch wieder nicht – steht also jener junge Hans Castorp, der unheldische Held aus Hamburg, der eigentlich nur seinen Vetter Joachim Ziemßen auf drei Wochen in der Lungenheilanstalt Berghof nahe Davos besuchen wollte. Aus diesen drei Wochen werden dann sieben Jahre. Er lernt dabei u.a. die Russin Clawdia Chauchat kennen und lieben. Es ist eine verwickelte Liebesgeschichte, denn der junge Castorp traut sich erst nicht, Kontakt mit der ‚Kirgisenäugigen’ aufzunehmen, die ihn an einen ehemaligen Schulkameraden erinnert. Erst während einer ausgelassenen Karnevalsfeier kurz vor der unmittelbar bevorstehende Rückreise der Russin nach Daghestan kommen sich die beiden näher. Es beginnt ein jahrelanges Warten. Auch ein Grund, weshalb Castorp als einer ‚Der da oben’ Davos nicht verlassen wird. Clawdia Chauchat kommt zwar eines Tages zurück, aber in Gesellschaft eines Mynheer Peeperkorn, dem ein merkwürdig kruder Vitalitätskult umweht und dem es selten gelingt, seine Sätze zu beenden … Obwohl dieser Peeperkorn sein Konkurrent in der Gunst um die schöne Russin ist, freundet sich Catorp mit diesem an. Für ihn ist Peeperkorn eine faszinierende ‚Persönlichkeit’.

Bis zu dieser Wiederkehr vertreibt sich Castorp seine Zeit mit Gesprächen mit den Antipoden Settembrini und Naphta, die ihn, das „Sorgenkinder des Lebens“, zu ihrem Erziehungsobjekt auserkoren haben. Der eine, der italienische Literat Lodovico Settembrini, ist ein Humanisten, Freimaurer und „individualistisch gesinnter Demokraten“, mit dem der junge Deutsche über philosophische und politische Fragen der Zeit in Berührung kommt. Der andere ist „der asketische Jesuit Naphta, ein zum Katholizismus konvertierter galizischer Jude mit bewegter Vergangenheit. Naphta ist ein brillanter, rhetorisch begabter und sophistischer Logik verpflichteter Intellektueller, von dessen Einflüssen Settembrini seinen jungen Freund Castorp vergeblich fernzuhalten versucht. In anarcho-kommunistischer Tradition strebt Naphta nach der Wiederherstellung des ‚anfänglichen paradiesisch justizlosen und gottesunmittelbaren Zustands’ der Staat- und Gewaltlosigkeit, den letztendlich auf Terrorismus gestützter Gottesstaat.“ (weiteres siehe auch freitag.de und faz.net).

Man braucht schon einen etwas längeren Atem, um sich durch diesen Roman hindurchzukämpfen. Aber es lohnt sich. Die genannte Liebesgeschichte hat ihren ganz besonderen Reiz. Und die Gespräche zwischen dem jungen Castorp und Settembrini, an denen sich dann später auch noch der dunkle Naphta beteiligt, zeugen eine Nachhaltigkeit, die den Leser schon zum Grübeln bringt. Das Ganze ist untersetzt mit einem Ton, der eine Ironie versprüht, der man sich einfach nicht entziehen kann. So sollte der Leser nicht alles zu ernst nehmen. Manchmal ist der Roman (er wurde ja vor 100 Jahren begonnen) in seinen Formulierungen etwas ‚altfränkisch’ – den Begriff verwendet Thomas Mann übrigens selbst. Oft trieft es etwas zu sehr vor lauter Bildungsbürgertum. Und manche Passage auf Französisch oder Italienisch mag vor dem weiteren Lesen abschrecken. Aber keine Angst, man versäumt nicht viel (im längeren französisch und deutsch geführten Gespräch zwischen Castorp und Clawdia Chauchat geht es erst einmal um den Vetter, dann ums ›vous‹ und ›tu‹ – ums Sie und Du -, dann gesteht Castorp seine Liebe – und am Schluss sagt sie: »N’oubliez pas de me rendre mon crayon.« und erinnert ihn daran, nicht zu vergessen, ihr den ausgeliehenen Bleistift zurückzugeben; der Leser wird an dieser Stelle wissen, was es mit dem Bleistift auf sich hat). Aber wer sich traut, ein anspruchsvolles Buch zu lesen, kommt auf seine Kosten.

Der Roman fordert gegen Ende viele Todesopfer. So stirbt Catorps Vetter Joachim Ziemßen, nachdem dieser in wilder Flucht Davos verlassen hatte, um seinen Dienst als Offizier ‚im Flachland’ anzutreten, dort einen Rückfall bekam – und kurze Zeit nach seiner Rückkehr ins Sanatorium der Tuberkulose erlag. Es stirbt auch der Mynheer Peeperkorn und Naphta – beide durch Freitod. Und als nach sieben Jahren Aufenthalt in Davos der erste Weltkrieg ausbricht, kehrt auch Castorp in die Heimat zurück, um als Soldat eingezogen zu werden. Sein Schicksal bleibt ungeklärt. Er wird in Frankreich gefallen sein.

Noch ein kleiner Hinweis. Es geht um den lateinischen Begriff Placet experiri“, der eine erkennbar gewichtige Rolle in dem Roman spielt. Der Ausdruck ist ursprünglich eine wissenschaftliche Randbemerkung Petrarcas. Placet bedeutet ‚Bekundung eines Einverständnisses’ und experiri ist die Infinitivform von experior, also ‚versuchen, erproben’ – grob übersetzt: Bekundung eines Einverständnisses (etwas) zu erproben oder einfacher: Es gefällt, es ist recht, es ist erlaubt – einen (tastenden) Versuch zu machen, zu experimentieren. Settembrini rät Castorp, „vorderhand mit allerlei Standpunkten Versuche anzustellen.“ Es ist also die Aufforderung, Gehörtes geistig zu verarbeiten.

Bilder vom ‚Berghof’
Bilder vom ‚Berghof’

Weitere Empfehlungen zum Nachschlagen:
Hans Castorp – Thomas Manns „Zauberberg“
Literaturlexikon online: Thomas Mann Figurenlexikon: Der Zauberberg (1924)

Erwähnenswert ist sicherlich, dass Thomas Mann, als er 1929 den Nobelpreis für Literatur erhielt, diesen ‚ausdrücklich’ für seinen ersten Roman Buddenbrooks (1901) bekam. ‚Der Zauberberg’ (immerhin bereits 1924 erschienen) wurde allein deshalb nicht erwähnt, weil der Schwede Fredrik Böök, ‚Königsmacher’ im Nobelpreis-Komitee, den Roman nicht mochte und zuvor mehrfach verrissen hatte.

Übrigens wurde der Roman 1981 (da schon zum 2. Mal nach einer TV-Produktion des Sender Freies Berlin in Schwarzweiß unter der Regie von Ludwig Cremer aus dem Jahr 1968) in der Regie von Hans W. Geißendörfer in einer deutsch-französisch-italienische Koproduktion in einer 2½ Stunden langen Version für die Kinos – die dreiteilige Fernsehfassung war mehr als doppelt so lang – verfilmt. Die TV-Langfassung Thomas Mann: Der Zauberberg – Der komplette 3-Teiler kommt am 7. Juni in den Handel. Darsteller sind unter anderem Christoph Eichhorn als Castorp, Rod Steiger als Peeperkorn, Marie-France Pisier als Clawdia Chauchat, Hans Christian Blech als Hofrat Behrens, Flavio Bucci als Settembrini und Charles Aznavour als Naphta.


Der Zauberberg (1981)

Siehe auch meine Beiträge:
Thomas Mann: Felix Krull und die HomosexualitätHerr Albin in Thomas Manns „Zauberberg“Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Amazon Kindle eBooks für jedermann

Im Herbst letzten Jahres kam ja bei Amazon der Kindle Fire auf den Markt, ein Tablet, mit dem man weit mehr als mit einem eBookreader machen kann, den es als einfachen Kindle für 79 € auch weiterhin zu kaufen gibt. Damals fragte ich mich, ob ich mir ein Netbook oder einen Tablet-PC zulegen sollte, und hatte mich dann schon aus Kostengründen für ein Netbook entschieden.

Nun Amazon vertreibt seine Kindle-eReader Kindle Fire, Kindle Paperwhite (ab 129 €) und eben den einfachen Kindle natürlich auch, um neben Videos auch eBooks über den Kindle-Shop an die Kundschaft zu bringen. So bietet Amazon über 1,5 Millionen Kindle eBooks an. Darunter befinden sich auch viele Werke, die kostenlos oder als Gesamtwerke äußerst günstig zu haben sind, da gemeinfrei, diese also keinem Urheberrecht mehr unterliegen (die alten Klassiker von Goethe bis zu Werken von Kafka und Dostojewski, um nur einige zu nennen – auch englische Originale).

Die Frage stellt sich dann natürlich: Kann ich mir diese eBooks (speziell die kostenlosen) auch herunterladen, ohne einen Kindle zu besitzen? Immerhin haben diese eBooks das besondere Kindle-Format.

Die Antwort lautet: ja! Da Amazon natürlich auch unabhängig von seinen Kindle-eReadern seine eBooks vertreiben möchte (speziell die nicht kostenlosen), so gibt es diverse kostenlose Lese-Apps, neben solchen für Geräte mit Android auch für Mac, iPhone und iPad sowie natürlich auch ein Kindle für PC App (Download des Install-Programm ab Windows XP – rd. 32 MB).

Allerdings braucht man ein Amazon-Konto, denn die einzelnen eBooks, auch die kostenlosen, müssen wie andere Ware ‚bestellt’ werden. Diese Bestellungen werden dann automatisch z.B. (nach Installation des Kindle für PC App auf dem Windows-Rechner) an den PC gesendet.

Dieses Kindle für PC-Programm enthält verschiedene Funktionen (Lesen gehört natürlich auch dazu), u.a.:

· Bücher durchsuchen: Durchsuchen Sie ein Buch, um ein Thema, eine Figur oder einen Abschnitt zu finden und wiederaufzugreifen.
· Sammlungen organisieren: Sortieren Sie Ihre Bücher mit der Kindle für PC App in verschiedene Sammlungen und Listen ein.
· Notizen machen: Sie haben in jedem Buch die Möglichkeit, Passagen zu markieren, sich Notizen zu machen und Lesezeichen zu setzen.
· Seitenzahlen ansehen: Lassen Sie sich Seitenzahlen anzeigen, die denen der Druckausgabe entsprechen, um einfacher zitieren zu können. Diese Funktion ist bei tausenden Büchern im Kindle-Shop verfügbar.

Amazon Kindle eBooks für jedermann – auch dank Calibre

Jetzt kommen natürlich die Fragen, ob man die eBooks auch ausdrucken oder sogar in andere Formate konvertieren kann (PDF oder als editierbare RTF). Mit dem App von Amazon Kindle leider nicht. Aber es gibt da ein Freeware-Programm namens Calibre (Download bei chip.de), über das man u.a. all seine eBooks (also in allen gängigen Formaten von EPUB bis PDF) verwalten, konvertieren und dann auch ausdrucken kann. Allerdings bedarf es beim Konvertieren diverser Voreinstellungen (z.B. Schriftgröße usw.). Auch mit dem neuen KF8-Format (Kindle Format 8 ) für moderne eBook-Dateien kann Calibre umgehen. So können zum Beispiel MOBI-Dateien, die mit dem KF8-Format erzeugt sind skalierbare Vektorgrafiken enthalten. Auch ein Profil für den Kindle Paperwhite wurde in der aktuellen Version 0.9.x von Calibre integriert. Die Kindle eBooks sind übrigens als *.AZW-Dateien in einem besonderen Verzeichnis abgelegt (Dokumente und Einstellungen\%USERNAME%\Eigene Dateien\My Kindle Content\).

Auf diesem Weg kann ich also Kindle eBooks auch auf meinem Netbook und meinem normalen Windows-PC verwalten und natürlich – lesen. Das gilt dann auch für alle anderen portablen Geräte.

Walpurgisnacht 2013

Die Hexen sind los. Heute Nacht ist Walpurgisnacht … Mythologisch findet die Walpurgisnacht (ähnlich dem keltischen Fest Beltane – siehe hierzu: Jethro Tull: Beltane) als Mondfest in der Nacht des ersten Vollmondes zwischen der Frühjahrstagundnachtgleiche und der Sommersonnenwende statt. Traditionell gilt jedoch die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai als die Nacht, in der angeblich die Hexen insbesondere auf dem Blocksberg (eigentlich Brocken), aber auch an anderen erhöhten Orten ein großes Fest abhalten und auf die Ankunft des “gehörnten Gottes” warten. Im Rahmen der Christianisierung des Abendlandes wurde der Kult der Walpurgisnacht und verwandter Kulte (z. B. antiker Pan-Kult) im wahrsten Sinne des Wortes “ver-teufelt”: aus dem gehörnten Gott, dem Symbol des Männlichen, welches sich in dieser Nacht mit dem Weiblichen vereinigt, wurde der Teufel.

mehr siehe bei Wikipedea

siehe auch: Angie – Tanz in den Mai

Walpurgisnacht - Kupferstich von W. Jury nach Johann Heinrich Ramberg- Walpurgisnachtszene aus Faust 1 (Ausschnitt)
Kupferstich von W. Jury nach Johann Heinrich Ramberg- Walpurgisnachtszene aus Faust 1 (Ausschnitt)

Natürlich finden wir die Walpurgisnacht auch in der Literatur wieder. Ich lese zz. Thomas Manns Zauberberg, einen Roman, der u.a. von der Liebe des jungen Hans Castorp zur Russin Clawdia Chauchat handelt. Bei de.wikipedia.org findet sich dazu folgender Text:

In jener grotesken mit „Walpurgisnacht“ überschriebenen Karnevalsszene, während der Castorp, vom Alkohol ermutigt, Madame Chauchat seine Liebe gesteht, wird das Sanatorium zum Blocksberg, wo sich im ersten Teil von Goethes Faust die Hexen und Teufel zu einem obszön-höllischen Fest zusammenfinden. Hier, in der Mitte des Romans, klingt in Settembrinis Goethezitat indirekt zum ersten Mal auch der Romantitel an: Allein bedenkt! Der Berg ist heute zaubertoll (Walpurgisnacht, Faust I).

Und damit sind wir schon bei Goethes Faust und der Szene Walpurgisnacht – hierzu bei de.wikipedia.org:

Faust wird von Mephisto zum Hexentanz der Walpurgisnacht auf den Blocksberg gelockt. Sie geraten in eine Windsbraut, ein Gewimmel von Hexen, die zur Bergspitze hinauf reiten, wo der Teufel Hof hält. Faust wünscht sich, bis zum Gipfel vorzudringen: Dort strömt die Menge zu dem Bösen; Da muss sich manches Rätsel lösen. Mephisto aber überredet Faust, stattdessen an einer Hexenfeier teilzunehmen. Er bietet ihm an, dort als Fausts Kuppler zu fungieren. Bald ergehen sich beide im Tanz und anzüglichem Wechselgesang mit zwei lüsternen Hexen.

Faust bricht den Tanz ab, als seiner Partnerin ein rotes Mäuschen aus dem Mund springt und ihm ein blasses, schönes Kind erscheint, das ihn an Gretchen erinnert und ein rotes Schnürchen um den Hals trägt (eine Vorausdeutung auf Gretchens Hinrichtung). Um Faust von diesem Zauberbild abzulenken, führt Mephisto ihn auf einen Hügel, wo ein Theaterstück aufgeführt werden soll.

Heute Ruhetag (36): Ferdinand Freiligrath – Gedichte

Hermann Ferdinand Freiligrath (1810 bis 1876) war ein deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer. Seine Sammlung politischer Gedichte „Ein Glaubensbekenntniß“ erschien im September 1844 in Mainz und begründete Freiligraths Ruf als politischer Dichter. Freiligrath betätigte sich auch als Übersetzer, u. a. von Werken von Robert Burns, Victor Hugo, Alfred de Musset. Von bleibender Bedeutung ist vor allem sein politischer Einsatz und idealistischer Schwung gegen die als ungerecht empfundenen Zustände seiner Zeit.

Mit Ferdinand Freiligrath verbinden sich für mich besonders seine Übersetzungen der Gedichte von Schottlands Nationaldichter, Robert Burns – und hier speziell die Übersetzung eines Liedes, das mich gewissermaßen mein bisheriges Leben immer wieder verfolgt: Trotz alledem (A Man’s A Man for A’ That). Schon öfter bin ich in meinem Blog hier auf dieses Lied zu sprechen gekommen – und habe auch die eine oder andere (auch eigene) Version vorgestellt:

Robert Burns: A Man’s A Man for A’ That
Robert Burns: A Man’s A Man for A’ That – Teil 2
Fiedel Michel: Trotz alledem
Keltischer Nachschlag: A Man’s A Man for A’ That – Trotz alledem
Schottland 2005: Robert Burns und ‚Die Toten Hosen‘

Heute Ruhetag = Lesetag!

Aber auch die anderen Gedichte von Ferdinand Freiligrath sind lesenswert. Hier aber einmal die ‚volle’ Version:

Trotz alledem! (Aus „Ein Glaubensbekenntnis“, 1844)
Nach Robert Burns

Ob Armut euer Los auch sei,
Hebt hoch die Stirn, trotz alledem!
Geht kühn den feigen Knecht vorbei;
Wagt’s, arm zu sein trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
Trotz niederm Plack und alledem,
Der Rang ist das Gepräge nur,
Der Mann das Gold trotz alledem!

Und sitzt ihr auch beim kargen Mahl
In Zwilch und Lein und alledem,
Gönnt Schurken Samt und Goldpokal –
Ein Mann ist Mann trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
Trotz Prunk und Pracht und alledem!
Der brave Mann, wie dürftig auch,
Ist König doch trotz alledem!

Heißt »gnäd’ger Herr« das Bürschchen dort,
Man sieht’s am Stolz und alledem;
Doch lenkt auch Hunderte sein Wort,
’s ist nur ein Tropf trotz alledem!
Trotz alledem und alledem!
Trotz Band und Stern und alledem!
Der Mann von unabhängigem Sinn
Sieht zu, und lacht zu alledem!

Ein Fürst macht Ritter, wenn er spricht,
Mit Sporn und Schild und alledem:
Den braven Mann kreiert er nicht,
Der steht zu hoch trotz alledem:
Trotz alledem und alledem!
Trotz Würdenschnack und alledem –
Des innern Wertes stolz Gefühl
Läuft doch den Rang ab alledem!

Drum jeder fleh‘, daß es gescheh‘,
Wie es geschieht trotz alledem,
Daß Wert und Kern, so nah wie fern,
Den Sieg erringt trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
Es kommt dazu trotz alledem,
Daß rings der Mensch die Bruderhand
Dem Menschen reicht trotz alledem!

St. Goar, Dezember 1843

    Signatur: (Hermann) Ferdinand Freiligrath

Ferdinand Freiligrath: Gedichte

Max Frisch: Lebensabendhaus

Nachdem ich in meiner Entgeltgruppe zum 1. Januar d.J. um eine Stufe höher eingruppiert wurde, was mir aber außer ‚viel Ehr’’ dank eines sensationellen „Reform“-Tarifvertrags eine Gehaltserhöhung von 0 € einbrachte, kommt es jetzt noch etwas dicker: Ich arbeite bei einem Wohlfahrtsverband, der sowohl in Hamburg, wo ich arbeite, als auch in München eine ‚Niederlassung’ hat. Zum 1. Januar 2015 sollen beide Standorte in einem zusammengeführt werden. Welche Mitarbeiter – die in Hamburg oder die in München – nun das ‚Glück’ haben, von einer Großstadt in die andere umziehen zu dürfen, ist noch lange nicht geklärt. Wer nicht umziehen will oder kann, soll mit einer Abfindung und Arbeitslosigkeit ‚belohnt’ werden.

Ich habe nichts gegen München. Mir gefällt Bayern durchaus. Nicht umsonst habe ich mit meiner Familie öfter Urlaub in den Bergen, in Grainau gemacht. Aber wenn man sich wie ich (bezogen auf den Termin, den 01.01.2015) unaufhaltsam der Rente nähert, dann muss man einen solchen Schritt, nämlich den Umzug mit Familie, nicht unbedingt wagen wollen.

Sollte der Standort in Hamburg geschlossen werden, so werde ich wohl die Abfindung kassieren und mich bis zum möglichen Renteneintritt arbeitslos melden. Das hieße, dass ich bereits in ein ¾ Jahren den Hut an den Nagel hängen werde. So schnell sollte das eigentlich nicht gehen. Aber wahrscheinlich wird man den ‚Laden’ in München dichtmachen.

Unter diesem Aspekt (frühes In-Rente-Gehen) kommt man natürlich schon auf den Gedanken, was man mit dem ‚Rest’ seines Lebens, dem so genannten Lebensabend, machen könnte. Viele zieht es in den Süden in eine Ferienwohnung am Mittelmeer oder so. Mich könnte eine Insel wie Helgoland interessieren. Oder eben die Berge wie in Grainau. Aber ‚warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah’. Mein Wohnort liegt im Norden der Lüneburger Heide. Und zum Meer ist es ja auch nicht so weit … So sollte unser jetziger Wohnsitz auch unser Altersruhesitz bleiben.

Max Frisch hat in seinen Entwürfen zu einem dritten Tagebuch einen Traum von einem Haus für die letzten Jahre („das weiße ‚Lebensabendhaus’ in der Landschaft von New England.“) skizziert. So heißt es dort:

„Was ich mir also wünsche: – so ein älteres Haus, meinetwegen aus Holz (weiss gestrichen) wie die Häuser in New England, eine ehemalige Villa mit dreizehn Zimmern etwa und einer Veranda.“ (S. 144)

    Lebensabendhaus a la Max Frisch

Dreizehn Zimmer brauchen meine Frau und ich natürlich nicht. Für Gäste (vor allem für unsere Söhne, wenn sie uns besuchen) ließe sich ein Zimmer herrichten. Statt einer (vielleicht überdachten) Veranda haben wir bereits eine Terrasse, die sich aber zum Wintergarten ausbauen ließe. Die Größe des Gartens hält sich in Grenzen, was sinnvoll ist, wenn man in ein bestimmtes Alter kommt, in dem die Gebrechen zunehmen und die Gartenarbeit nicht mehr so ‚von der Hand geht’.

Natürlich sollte man noch etwas weiter denken – wenn man die zunehmenden körperlichen, besonders wohl auch möglichen geistigen Gebrechen berücksichtigt: z.B. die Unterbringung in einer Anlage für betreutes Wohnen. Und dann?

1984 kehrte Frisch nach Zürich zurück, wo er nun bis zu seinem Tode lebte. Also nichts mit einem weißen Lebensabendhaus „wie … in New England.“ Max Frisch starb am 4. April 1991, mitten in den Vorbereitungen zu seinem 80. Geburtstag. Die Asche Max Frischs wurde bei einem Erinnerungsfest seiner Freunde im Tessin in ein Feuer gestreut; eine Tafel an der Friedhofsmauer des Ortes Berzona, einem ruhigen Bergort in der Schweiz, wo er abwechselnd mit New York bis 1984 wohnte, erinnert an ihn.

Das wäre eine Möglichkeit …

Literatur von Max Frisch

Siehe auch meine weiteren Beiträge zu Max Frsich:

Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän – Eine ErzählungVergessene Stücke (9): Max Frisch – Biografie: Ein SpielMax Frisch: Homo faber – Ein BerichtMax Frisch und the American Way of Life!Max Frisch: Mein Name sei GantenbeinMax Frisch: StillerMax Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch

Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit

1988 klopften zwei Damen an Martin Walsers Tür. Sie waren mit dem Zug angereist und hatten vier Kartons mit Schriftstücken bei sich. Es handelt sich um den Nachlass einer unlängst verstorbenen Person. Wohin damit? Eine der Damen war übrigens von der Telefonseelsorge. Lauter Briefe und Karten und Fotos und Aufzeichnungen. Vielleicht interessiert sich der Schriftsteller Herr Walser dafür?

Ein Jahr lang wühlte sich Walser in die Zeugnisse dieses vergangenen, fremden Lebens hinein. „Ein Jahr nur rezeptiv, das ist schlimmer als Militär!“ so Martin Walser später. Mit der Zeit eignete sich Walser restlos seine Figur an und verfasste dann ein starkes und gewitztes, heiteres und weises Buch gegen das Vergessen: Die Verteidigung der Kindheit. Das Buch habe ich als Taschenbuch (Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main – st 2252– erste Auflage 1993) vorliegen und in diesen Tagen erneut gelesen.

    Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit

„Die Verteidigung der Kindheit – ‚ein fesselndes Deutschlandbuch’, ‚ein Meisterwerk’, ‚ein Epochenroman’, wie die Kritik feststellte – ist zugleich der Roman einer großen Liebe. Da die Welt auf große Liebe nicht gefasst ist, nicht eingerichtet ist, bringt eine solche Liebe den Liebenden nicht das, was man Glück nennt. Weltgerechtes Verhalten und große Liebe – das geht nicht zusammen. Schon gar nicht, wenn diese Liebe die eines Sohnes zu seiner Mutter ist. Und diese Liebes-Geschichte hört auch nach dem Tod der Mutter nicht auf. Denn jetzt muß Alfred Dorn dafür sorgen, daß die Vergangenheit nicht vergeht. Er muß nun die Kindheit verteidigen gegen Gegenwart und Zukunft. Die Verteidigung der Kindheit ist in diesem Sinne als Geschichtsschreibung des Alltags zu verstehen. Das, was nachher Epoche heißt, ist ja zuerst Alltag. Und weil dieser Roman einer großen Liebe von 1929 bis 1987 in Deutschland spielt und von Dresden über Leipzig nach Berlin und Wiesbaden führt, ist er ein deutsches Epos dieser Zeit.“
(aus dem Klappentext)

Nun, Martin Walser zeigte damals Interesse an dem Nachlass und strickte daraus diesen Roman – so wie er Jahre später die ihm angebotenen Akten eines hessischen Landesbeamten, der jahrelang mit seiner vorgesetzten Behörde, der hessischen Staatskanzlei zu Wiesbaden, stritt, zu dem Roman Finks Krieg verarbeitete. Wie hier so sehen wir uns im letzten Drittel des Romans ‚Verteidigung der Kindheit’ in Wiesbaden wieder, wo Alfred Dorn, der Held des Romans, ebenfalls als Beamter arbeitet.

Wie der Roman ‚Finks Krieg’ so verlangt auch die ‚Verteidigung der Kindheit’ viel Geduld vom Leser, denn mit Alfred Dorn haben wir es wieder mit einer der vielen überempfindlichen Walser-Gestalten zu tun, „denen das Leben ganz und gar nicht leichtfällt, denen so vieles mißlingt und die deswegen komisch sind.“ „Sein Held Alfred Dorn ist eine armselige, rührende Erscheinung, eine unausstehliche Mimose, ein Muttersöhnchen, ein Hysteriker. Und doch nimmt man an seinem Schicksal fast ohne Unterlaß mitleidend teil. So fremd einem dieser Neurotiker sein mag, seine überempfindlichen Beobachtungen bieten doch immer wieder Züge an, in denen sich viele wiedererkennen können.“ (Quelle: Ein deutsches MuttersöhnchenJoseph von Westphalen über Martin Walsers neuen Roman „Die Verteidigung der Kindheit“)

Das vorrangige Interesse Walsers an dem Nachlass dürfte aber auch durch das besondere Verhältnis des Beamten Dorn zu seiner Mutter ausgelöst worden sein. Martin Walser selbst hatte, wie wir in seinem Tagebuch aus dem Jahre 1967 erfahren, ein inniges Verhältnis zu seiner Mutter und war am Boden zerstört, als diese verstarb. Da war Walser 40 Jahre alt. – Und viele Jahre später beschäftigte sich Walser noch einmal mit einem außergewöhnlichen Sohn-Mutter-Verhältnis in Muttersohn.

Für mich ist es eines der schönsten Romane Martin Walsers, dermaßen detailliert, wie aus dem wahren Leben gegriffen, der uns in eine Zeit führt, die die Älteren unter uns längst vergessen und die die Jungen nicht kennen gelernt haben. So ist es ein Roman gegen das Vergessen, auch wenn es hier ganz speziell auf den Romanhelden gemünzt ist, der in seiner ungewöhnlichen Liebe zu seiner Mutter beginnt, alles zu sammeln, was in seinem Leben von Belang zu sein scheint: „… jetzt kommt es auf jedes Foto an, auf jedes Backrezept, jeden Bettvorleger.“ (S. 263)

Und natürlich sind es Sprüche, Worte, die die Eltern sprachen und die nicht dem Vergessen anheimfallen dürfen: „Laßt den Jungen erst mal groß werden. Vaters Satz. Alfred spürte geradezu, wie Vaters Hand bei diesem Satz auf seinem Kopf hin und her rieb. Da kannste warten, biste schwarz bist. Hatte die Mutter gesagt. Der Vater: Dich laß ich an der ausgestreckten Hand verhungern. Die Mutter: Halt die Luft an. Der Vater: Du kriegst gleich eine gewienert. Die Mutter? Der Vater: Wenn Dummheit weh täte, müsstest du ununterbrochen schreien. Die Mutter? Der Vater: Dumm geboren und nichts dazugelernt. Die Mutter: Halt doch mal deine blöde Pappe. Der Vater: Und wenn ich dir eine vor den Latz knalle. Die Mutter: Das ist gehuppt wie gesprungen. [usw.]“ (S. 437)

Alfred Dorn wünscht sich „soviel Menschen, so viele Museen. Das fände er angemessen. Milliarden Museen. Das wäre seine Welt. Die Frage, wer diese Museen besuche, ist nicht angebracht. Das Bewahren ist ein Bedürfnis. Jeder Mensch will bewahrt werden. Er sagte es ja auch keinem, daß er sich bewahren will. Wahrscheinlich sagt das keiner, deshalb sieht es so aus, als sei jeder mit seiner Vernichtung einverstanden. Jeder Mensch verdient ein Museum.“ (S. 320)

„Gegenwart -, das war für ihn der Zwang, die Vergangenheit zurückzulassen, sich dem Leben zuzuwenden. Leben -, das war eine Zusammenstellung von Aufgaben, die ihm nicht lagen. Zukunft war für ihn nur eine ins Unerträgliche gesteigerte Fortsetzung der Gegenwart: fortgeschrittener Zerfall, den er an Haaren und Zähnen, Haut und Knochen immer schon erlebte und mit immer größerer Aufmerksamkeit und Angst beobachtete. In jedem Augenblick konnte diese Angst vor dem Verfall ausbrechen, der Schrecken, den das Vergehen weckt.“ (S. 198) Nein, Alfred Dorn will und kann nicht erwachsen werden. Die Welt der Erwachsenen bleibt ihm immer fremd. „Besessen trägt Alfred alle Spuren seiner Kindheit, deren er habhaft werden kann, zusammen. Berge von Fotos, Briefe, bis hin zu Kämmen der Mutter“ und eine Fischsturzform. „Auch dies ein rührendes und noch in seinem Wahn ehrenwertes Bemühen in einer Zeit, in der längst die Wegwerfgesellschaft triumphiert.“

Dorns Problem ist die Zeit, in der er lebt. Da gab es noch zwei Deutschland. Und weil er aus dem östlichen ins westliche geflüchtet war, ist es nicht leicht, die Objekte seiner Sammelleidenschaft, die sich noch im Dresden befinden, in den Westen zu bekommen. Und es ist die Zeit selbst, die vergeht und die ihn in Anspruch nimmt für Dinge und „Aufgaben, die ihm nicht lagen.“

„… vor der Pensionierung konnte er nicht beginnen. Aber vorbereitet wollte er sein, wie noch nie jemand vorbereitet gewesen war. Vielleicht war es ein Zeichen der Erschöpfung, daß er jetzt öfter die Hoffnung mobilisierte, die soviel Kraft beanspruchende Vorbereitung sei schon das, was sie vorbereiten sollte: die Verteidigung der Kindheit gegen das Leben.“ (S. 511)

Ja, diesen Walser mag ich, der das Alltägliche unseres Lebens auf eine Weise festzuhalten versteht wie kein anderer und daraus meisterliche Literatur zu gießen versteht. Seine Helden sind meist eigentümliche Versager, die sich kaum gegen die Großsprecher zu wehren verstehen. Aber in aller Tragik besticht Walser durch trockenen Witz, der die dargestellte Pein erträglich macht.

„Es hat lange keinen Roman in deutscher Sprache gegeben, der in diesem Ausmaß Durchblicke auf die historischen und politischen Ereignisse gestattet hat und von Realität durchdrungen ist.“ (Die Zeit)

„Martin Walsers 500seitiges Meisterwerk, das an einem individuellen Lebensschicksal nicht nur Erinnerungsarbeit an das deutsch-deutsche Verhängnis in seinen ‚Kleinkatastrophen’ leistet, sondern sich zu einer ergreifenden Klage über die Unmöglichkeit der Liebe und die Schrecken der Vergänglichkeit überhaupt steigert.“ (Neue Zürcher Zeitung)

Heute Ruhetag (35): Johann Fischart – Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung

Das 20. Jahrhundert war stolz auf seine „innovative“, „avancierte“, „experimentelle“ Moderne. Von Schwitters bis Burroughs und von Joyce bis Arno Schmidt galt die Parole: je extremer, rätselhafter, rücksichtsloser, desto besser. Aber das noch nie Dagewesene hat einen ehrwürdigen Stammbaum. Eigenbrötler, Selbstdenker, bizarre Neuerer hat es in der deutschen Literatur immer gegeben. Einer dieser Alten Wilden war Johann Fischart. Seine Geschichtklitterung ist keine Rabelais-Übersetzung, sondern ein entfesselter Karneval der Wörter. Der Text des Gargantua ertrinkt in einer chaotischen Flut von Sprachspielen und Assoziationen. Fischart selbst nannte sein Werk „ein Muster der heute verwirrten ungestalten Welt“, und Jean Paul sah darin einen „goldhaltigen Strom“. Wir Heutigen können mit glatter Stirn behaupten, daß wir hier ein Finnegans Wake aus dem 16. Jahrhundert vor uns haben. (Quelle: die-andere-bibliothek.de)

Johann Fischarts Geschichtsklitterung findet ihren Niederschlag besonders im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (online aufrufbar). Nirgends wird Fischart mit seinem ‚Karneval der Wörter’ so häufig zitiert wie hier. Man schaue z.B. bei den Stichworten Geschichtsklitterung bzw. Klitterung nach – Schlucker oder gar Kruckenstupfer („der an der krücke geht, eig. mit der krücke wiederholt aufstöszt (stupfen stoszen)“).

siehe auch : Phantasie ohne Grenzen

Heute Ruhetag = Lesetag!

Ein und VorRitt, oder das Parat unnd Bereytschlag, inn die Chronick vom Grandgoschier, Gurgellantual und Pantadurstlingern.

Ihr meine Schlampampische gute Schlucker, kurtzweilige Stall und Tafelbrüder: ihr Schlaftrunckene wolbesoffene Kautzen und Schnautzhän, ihr Landkündige und Landschlindige Wein Verderber unnd Banckbuben: Ihr Schnargarkische Angsterträher, Kutterufstorcken, Birpausen, und meine Zeckvollzepfige Domini Winholdi von Holwin: Ertzvilfraß lappscheisige Scheißhaußfüller unnd Abteckerische Zäpfleinlüller: Freßschnaufige Maulprocker, Collatzbäuch, Gargurgulianer: Grosprockschlindige Zipfler und Schmärrotzer: O ihr Latzdeckige Bäuch, die mit eim Kind essen, das ein Rotzige Nasen hat: ja den Löffel wider holt, den man euch hinder die thür würfft: Ja auch ihr Fußgrammige Kruckenstupfer, Stäbelherrn, Pfatengramische Kapaunen, händgratler, Badenwalfarter: Huderer, Gutschirer, Jarmeßbesucher, ihr Gargantztunige Geiermundler und Gurgelmänner, Butterbrater, safransucher, Meß und Marcktbesucher, Hochzeitschiffer, Auffhaspler, Gutverlämmerer, Vaterverderber, Schleitzer, Schultrabeiser: Und du mein Gartengeselschafft vom Rollwagen, vom Marckschiff, von der Spigeleulen, mit eueren sauberen Erndfreien Herbstsprüchen. Ihr Sontagsjüngherlin mit dem feyertäglichen angesicht, ihr Bursch und Marckstanten, Pflastertretter, Neuzeytungspäher, Zeitungverwetter, Naupentückische Nasen und Affenträher, Rauchverkeuffer, Geuchstecher, Blindmeuß und Hütlinspiler, Lichtscheue Augennebeler: Und ihr feine Verzuckerte Gallen und Pillulen, unnd Honiggebeitzte Spinnen. Sihe da, ihr feine Schnudelbutzen. Ihr Lungkitzlige Backenhalter unnd Wackenader, ihr Entenschnaderige, Langzüngige Krummschnäbel, Schwappelschwäble, die eym eyn Nuß vom Baum schwetzen: ihr Zuckerpapagoi, Hetzenamseler, Hetzenschwetzer, Starnstörer, Scherenschleiffer, Rorfincken, Kunckelstubische Gänsprediger, Schärstubner, Judasjagige Retscher, Waffelarten, Babeler und Babelarten, Fabelarten und Fabeler, von der Babilonischen Bauleut eynigkeyt. Ihr Hildenbrandsstreichige wilde Hummeln, Bäumaußreisser, Trotzteuffelsluckstellige Stichdenteuffel unnd Poppenschiser, die dem Teuffel ein horn außrauffen, unnd pulferhörnlein drauß schrauffen. Unnd endlich du mein Gassentrettendes Bulerbürstlein, das hin und wider umbschilet, und nach dem Holtz stincket, auch sonst nichts bessers thut, dann rote Nasen trincket, und an der Geysen elenbogen hincket. Ja kurtzumb du Gäuchhornigs unnd weichzornigs Haußvergessen Mann unnd Weibsvolck, sampt allem anderen dürstigen Gesindlein, denen der roh gefressen Narr noch auffstoset.

    Johann Fischart - Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung

Ihr all, sag ich noch einmal, verstaht mich wol, solt sampt und sonders hie sein meine liebe Schulerkindlein, euch wil ich zuschreiben diß mein fündlein, pfündlein und Pfründlein, euer sey diß Büchlin gar mit haut und haar, weil ich doch euer bin so par, Euch ist der Schilt außgehenckt, kehrt hie ein, hie würd gut Wein geschenckt: was lasset ihr lang den Hipenbuben vergebens schreien? Ich kan euch das Hirn erstäubern, Geraten ihr mir zu Zuhörern, so wird gewiß dort die Weißheit auff der Wegscheid umbsonst rufen.

[…]

Johann Fischart: Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung (Text der Ausgabe letzter Hand von 1590)

Hierzu Des Autors Prolog aus François Rabelais: Gargantua und Pantagruel (1532) in einer Übersetzung von Gottlob Regis (1832), der dem obigen Fischart-Text „Ein und VorRitt …“ ‚sehr entfernt’ entspricht.

Sehr treffliche Zecher und ihr, meine kostbaren Venusbrüder (denn euch und sonst niemandem sind meine Bücher zugeschrieben): Alcibiades, in dem Gespräch des Platon, Gastmahl betitelt, sagt unter anderen Reden zum Lob seines Meisters Sokrates, welcher unstreitig der Weltweisen Kaiser und König war, daß er sei gleich den Silenen gewesen. Silenen waren einstens kleine Büchslein, wie wir sie heut in den Läden der Apotheker sehen, von außen bemalt mit allerlei lustigen, schnakischen Bildern, als sind Harpyien, Satyrn, gezäumte Gänslein, gehörnte Hasen, gesattelte Enten, fliegende Böcke, Hirsche, die an der Deichsel ziehen, und andre vergnügliche Bilder mehr, zur Kurzweil konterfeiet, um einen Menschen lachen zu machen: wie denn des guten Bacchus Lehrmeister Silenus auch beschaffen war. Hingegen im Innersten derselben verwahrte man die feinen Spezereien, als Balsam, Bisam, grauen Ambra, Zibeth, Amomum, Edelstein und andre auserlesene Dinge. So, sagt er, war auch Sokrates; weil ihr denselben von außen betrachtend und äußerm Ansehn nach schätzend nicht einen Zwiebelschnitz für ihn gegeben hättet: so häßlich war er von Leibesgestalt, so linkisch in seinem Betragen, mit einer Spitznas, mit Augen wie eines Stieres Augen, mit einem Narrenantlitz, einfältigen Sitten, bäurisch in Kleidung, arm an Vermögen, bei Weibern übel angesehen, untauglich zu allen Ämtern im Staat, immer lachend, immer jedem zutrinkend, immer Leute foppend, immer und immer Verstecken spielend mit seiner göttlichen Wissenschaft. Aber, so ihr die Büchse nun eröffnet, würdet ihr inwendig gefunden haben himmlisch unschätzbare Spezereien: einen mehr denn menschlichen Verstand, wunderwürdige Tugend, unüberwindlichen Starkmut, Nüchternheit sondergleichen, feste Genügung, vollkommenen Trost, unglaubliche Verachtung alles dessen, darum die sterblichen Menschen so viel rennen, wachen, schnaufen, schiffen und raufen.

Wie war doch gleich der Name? | Dialoge (1) | Der Zitatensammler

„Wie war doch gleich der Name?“
„Ich habe keinen Namen genannt, weder den meinen, noch irgendeinen anderen.“
„Ich dachte …“
„Denken, so sagt man, ist Glückssache! Außerdem sollte man, so sagt man auch, das Denken den Pferden überlassen. Die haben größere Köpfe!“
„Sie meinen Elefanten!“
„Ich sagte Pferde. Elefanten gibt es bei uns nur im Zoo. Vielleicht gilt das für Indien oder die Serengeti. Aber eigentlich passt Elefant und Denken nicht. Elefanten haben etwas mit Erinnern zu tun. Sie wissen doch: Elefanten vergessen nicht!“
„… und haben Angst vor Mäusen!“
„Wollen Sie meinen Job übernehmen, oder was?“
„Ich verstehe nicht …“
„Ich bin wie ein dritter Bruder der Grimms. Sie kennen doch die Brüder Grimm, Jacob und Wilhelm? Eigentlich wäre die Vier passender, denn da gab es noch den Ludwig, bekannt als Maler und Radierer. Bleiben wir aber bei drei.“

Wie war doch gleich der Name? | Dialoge

„Ich verstehe immer noch nicht!“
„Ganz einfach, wie die Grimms Märchen und Wörter gesammelt haben, so sammle ich Zitate: Denken ist Glückssache! Das Denken soll man den Pferden überlassen, die haben den größeren Kopf. – Verstehen Sie jetzt?“
„Ihr Name ist also Grimm?!“

Der Baader-Meinhof-Komplex

Der Spielfilm Der Baader Meinhof Komplex aus dem Jahr 2008 schildert Vorgeschichte und Aktionen der Terrorgruppe Rote Armee Fraktion (RAF) von 1967 bis zum „Deutschen Herbst“ 1977. Das von Produzent Bernd Eichinger verfasste Drehbuch folgt weitgehend dem gleichnamigen Sachbuch von Stefan Aust (erstmals erschienen Ende 1985). Unter der Regie von Uli Edel spielten in dem Film – auch in Nebenrollen – einige der bekanntesten deutschen Darsteller mit.

    Der Baader-Meinhof-Komplex – der Film

Während meines Osterurlaubs habe ich mir den Film in der Kinofassung angeschaut. Sowohl Buch (u.a. von Stefan Aust) Baader Meinhof Komplex als auch der Film als DVD bzw. BluRay sind weiterhin im Handel erhältlich.

„Beim Staatsbesuch des Schah Mohammad Reza Pahlavi in West-Berlin kommt es zur gewaltsamen Auflösung einer Demonstration, bei der Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 vor der Deutschen Oper erschießt. Ohnesorgs Todestag gilt als Einschnitt in die deutsche Nachkriegsgeschichte mit weitreichenden gesellschaftspolitischen Folgen. – Studentenführer Rudi Dutschke, Redner am Vietnam-Kongress im Audimax der TU Berlin, wird am 11. April 1968 auf offener Straße von einem jungen Hilfsarbeiter angeschossen und schwer verletzt. Als Reaktion folgt ein Protest gegen den Axel-Springer-Verlag, an dem auch Ulrike Meinhof teilnimmt. Nach der Brandstiftung in zwei Frankfurter Kaufhäusern als Protest gegen den Vietnamkrieg werden die Täter am nächsten Tag festgenommen. Meinhof schreibt als Journalistin über den Prozess und lernt dabei die angeklagten Studenten Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Andreas Baader kennen.


Der Baader Meinhof Komplex (2008) Trailer

Die Angeklagten werden zu drei Jahren Haft verurteilt, aber schon im Juni 1969 wieder entlassen, bis das Gericht über die Revision ihrer Urteile entscheidet. Als im November 1969 ihre Revision abgelehnt wird, tauchen Andreas Baader und Gudrun Ensslin in den Untergrund ab, unter anderem in Rom. Nach Berlin zurückgekehrt, wohnen sie zeitweise bei Meinhof. Während einer Fahrzeugkontrolle wird Baader festgenommen und inhaftiert, aber einen Monat später gelingt Meinhof und Ensslin die so genannte „Baader-Befreiung“ in Berlin. Damit wechselt Meinhof in die Illegalität und lässt ihre zwei Töchter zurück. Die Baader-Befreiung gilt als Geburtsstunde der Rote Armee Fraktion.“

    Rote Armee Fraktion (RAF)

„Deutschland in den 70ern. Die radikalisierten Kinder der Nazi-Generation, angeführt von Andreas Baader (Moritz Bleibtreu), der ehemaligen Starkolumnistin Ulrike Meinhof (Martina Gedeck) und Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek), kämpfen gegen das, was sie als das neue Gesicht des Faschismus begreifen: die US-amerikanische Politik in Vietnam, im Nahen Osten und in der Dritten Welt, die von führenden Köpfen der deutschen Politik, Justiz und Industrie unterstützt wird. Die von Baader, Meinhof und Ensslin gegründete Rote Armee Fraktion hat der Bundesrepublik Deutschland den Krieg erklärt. Es gibt Tote und Verletzte, die Situation eskaliert, und die noch junge Demokratie wird in ihren Grundfesten erschüttert. Der Mann, der die Taten der Terroristen zwar nicht billigt, aber dennoch zu verstehen versucht, ist auch ihr Jäger: der Leiter des Bundeskriminalamts Horst Herold (Bruno Ganz). Obwohl er große Fahndungserfolge verbucht, ist er sich bewusst, dass die Polizei allein die Spirale der Gewalt nicht aufhalten kann.“

Das Buch von Stefan Aust gilt inzwischen als Standardwerk über die RAF und behandelt die frühe Geschichte der Rote Armee Fraktion (RAF) unter der Führung von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof. Einer Verfilmung waren von Anfang an Grenzen gesetzt. So verzichtete das Drehbuch auf identifikatorische Figuren und einen durchgehenden Handlungsbogen. Zudem musste man einen solchen Stoff radikal verdichten. Am Ende kam ein Film heraus, der ganz offensichtlich vor allem für jene gemacht wurde, die die RAF nur vom Hörensagen kennen, die ganz gern mal wissen wollten, was es mit diesen Radikalen aus den Siebzigern auf sich hat, die beinahe im Alleingang den Rechtsstaat an seine Grenzen gebracht hatten.

Wer hier nach neuen Erkenntnissen sucht oder sogar einen Diskurs einfordert, der ist fehl am Platze. Der Film erzählt im Wesentlichen aus der Perspektive der Terroristen. So gab es natürlich Klagen, da man die Opfer nicht ausreichend gewürdigt oder den Gegenspieler der RAF, also die Bundesregierung, nur unzureichend ins Bild gerückt habe. Aber darum geht es im Film nun einmal nicht. Es ist in erster Linie ein Art Geschichtsfilm, dramaturgisch aufbereitet, der gleichzeitig unterhalten und aufklären will. Moritz Bleibtreu spielt Andreas Baader als testosterongesteuertes Alpha-Männchen. Johanna Wokalek oder Nadja Uhl als Gudrun Ensslin und Brigitte Mohnhaupt werden als Todesengel im Minirock inszeniert. Trotzdem bietet der Film einen ungewöhnlichen Einblick in die Zeit der siebziger Jahre und der damaligen Ereignisse. Das gilt sowohl für mich, der vieles als Zeitzeuge miterlebt hat und sich dieses durch den Film ins Gedächtnis zurückholen kann, besonders aber für die nachgewachsene Generation unserer Kinder.

Sicherlich wäre es interessant gewesen, wenn dem Film Bezüge zum Hier und Jetzt gelungen wäre. Wie schreibt Günter Grass in seinem Buch Grimms Wörter: Mich treibt Zorn an, der sich an westlichen Colonialherren reibt, die als Sieger des Kalten Krieges meinen, hemmungslos zugreifen, fortan auf Pump leben zu dürfen und nun, nach dem Triumph des Kapitalismus über den Kommunismus, beginnen, ihresgleichen zu zerstören, weil ihnen der Feind fehlt. – Die RAF hat nach meiner Meinung ebenso wie die ‚kommunistische Gefahr’ dazu beigetragen, den Verantwortlichen in unserer Republik (Politik, Justiz, Wirtschaft), ihre ‚persönlichen’ Grenzen aufzuzeigen. Der habgierige Wirtschaftsmagnat wurde in seinen Tun dadurch beschränkt, weil er fürchten musste, sonst in die Schusslinie der RAF-Terroristen zu gelangen. Natürlich will ich kein Klima der Angst schüren. Aber es wäre besser, wenn ‚die Oberen’ immer so etwas wie einen ‚natürlichen’ Feind hätten, zumindest einen außenstehenden Kontrolleur, der ihnen auf die Finger schaut.

Nachbetrachtung: Verbindung der RAF zur DDR

Am 2. Juni 1967 schoss der damalige Kriminalobermeister Kurras bei einem Polizeieinsatz gegen Demonstranten in West-Berlin den FU-Studenten Benno Ohnesorg mit seiner Dienstwaffe in den Hinterkopf, woran dieser starb. Der Tod Ohnesorgs führte zur Radikalisierung von Studenten und damit auch zur Gründung der RAF. Erwähnenswert ist dabei, dass Kurras von 1955 bis mindestens 1967 auch Inoffizieller Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR war. Kurras‘ im Mai 2009 bekannt gewordene IM-Tätigkeit löste neue staatsanwaltliche Ermittlungen zu seinem Todesschuss und eine neue Debatte über dessen Ursachen und Folgen aus. Es fanden sich allerdings keine Anhaltspunkte für einen Mordauftrag des MfS.

Mitglieder der zweiten Generation der RAF erfuhren organisatorische und finanzielle Hilfe aus der DDR. Die „Stasi“ bot eine Art Waffenbrüderschaft an. Man bildete RAF-Mitglieder in Camps aus, wo man ihnen das Schießen mit Gewehr und Raketenwerfer beibrachte. Diese Ausbildung war guerillamäßig und sehr gut organisiert. Die dort erlernten Fähigkeiten konnten sie dann für Anschläge usw. verwenden (Quelle: rafinfo.org). Zehn sogenannte RAF-Aussteiger tauchten mit Hilfe der Staatssicherheit in der DDR unter. Noch vor der Wiedervereinigung wurden sie im Juni 1990 enttarnt, festgenommen und an die Bundesrepublik ausgeliefert. – siehe hierzu auch: spiegel.de

Erwähnenswert ist auch Horst Mahler, der im Film nur kurz abgehandelt wird. Er vertrat als Rechtsanwalt u.a. Andreas Baader und Gudrun Ensslin und gilt selbst als Gründungsmitglied der RAF. 1975 sagte sich Mahler vom Terrorismus los und erreichte 1988 seine Wiederzulassung als Anwalt. Dann erfolgte eine außergewöhnliche Kehrtwendung: Ab etwa 1997 wandte er sich dem Rechtsextremismus zu und vertrat 2002 die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) im NPD-Verbotsverfahren. Wegen verschiedener Delikte, darunter verfassungswidrige Betätigung, Holocaustleugnung, Mord- und Gewaltandrohungen, antisemitische und neonazistische Äußerungen wurde er zu mehreren Geld- und Freiheitsstrafen verurteilt. Ein vorläufiges Berufsverbot von 2004 wurde 2009 mit dem Entzug seiner anwaltlichen Zulassung bestätigt.

Karfreitag – von Hermann Hesse (Wh.)

Karfreitag

Verhangener Tag, im Wald noch Schnee,
Im kahlen Holz die Amsel singt:
Des Frühlings Atem ängstlich schwingt,
Von Lust geschwellt, beschwert von Weh.

So schweigsam steht und klein im Gras
Das Krokusvolk, das Veilchennest,
Es duftet scheu und weiß nicht was,
Es duftet Tod und duftet Fest.

Baumknospen stehn von Tränen blind,
Der Himmel hängt so bang und nah,
Und alle Gärten, Hügel sind
Gethsemane und Golgatha.

aus: Hesse – Die Gedichte

Jean Paul: Dr. Katzenbergers Badereise (zum Zweiten)

Meiner gestrigen Literaturempfehlung bin ich selbst gefolgt und habe mir in einigen Stunden von Jean Paul, dessen 250. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern dürfen, die Erzählung Dr. Katzenbergers Badereise ‚einverleibt’. Es ist ein kleines Reclam-Bändchen aus dem Jahr 1966, das ich vor fast genau 35 Jahren (also 1978) zum ersten Mal gelesen hatte, mit gewissen Schwierigkeiten, wie ich heute noch glaube. Denn Jean Paul „erwarb sich ein reiches Wissen – doch nicht eigentlich zur Förderung seiner Gelehrsamkeit und seiner Bildung, sondern seiner Satiren, für die er hier Stoffe, Bilder, Gleichnisse fand. Er sammelte seine Lesefrüchte in vielen Bänden und erschwert manchmal den Zugang zu seinen Werken durch ein zu weit hergeholtes Material“, wie Otto Mann in einem Nachwort zu der Erzählung schreibt, die immerhin über 200 Jahre alt ist.

Jean Paul war ein Zeitgenosse Goethes und Schillers, ist aber gegenüber diesen beiden doch ziemlich dem Vergessen anheimgefallen. Ein Grund ist sicherlich dieser etwas ‚erschwerte’ Zugang zu ihm. Und Jean Paul ist herrlich altmodisch. Aber wer sich einmal in ihn vertieft, sich in ihn eingelesen hat, wird mit köstlichen Textperlen beschenkt, die heute so nirgends zu finden sind.

Nun es geht um eine so genannte Badereise eines Dr. Katzenberger nach dem Badeort Maulbronn. Eine Lustreise soll es eigentlich nicht sein, eher eine Geschäftsreise, denn er gedenkt jenen Brunnen-Arzt Strykius beträchtlich auszuprügeln, der seine drei Werke über die Blutmachung, die Missgeburten und die Wasserscheu als Rezensent geschmäht und ihn somit in seiner Ehre angegriffen hat. Seine Tochter Theoda reist mit ihm, da diese gedenkt, in Maulbronn den Bühnen-Dichter Theudobach zu begegnen.

Den Reisenden schließt sich ein Herr von Nieß an, der sich dem Leser schon sehr bald, nicht aber dem verehrten Fräulein Theoda, als eben jener Bühnen-Dichter zu erkennen gibt. Trotz vielerlei Verwicklung und mancherlei Liebeswirren finden Theudobach von Nieß und Theoda dann doch nicht zusammen, denn es tritt ein weiterer Herr Theurobach auf, ein Hauptmann und Verfasser mathematischer Abhandlungen. Dieser samt dem Töchterlein des Dr. Katzenberger werden dann ein Paar:

[…] er hielt sie an der Hand fest, blickte sie an, wollte etwas sagen, ließ aber die Hand fahren und rief: »Ach Gott, ich kann Sie nur nicht weinen sehen.« Sie eilte in einen Felsen-Talweg hinein, er folgte ihr unwillkürlich nach – da fand er sie mit dem Kopfe an eine Felsenzacke gelehnt; sie winkte ihn weg und sagte leise: »O laßt mich weinen, es fehlt mir nichts, es ist nur die dumme Musik.« – »Ich höre keine (sagte der Krieger außer sich und riß sie vom Felsen an sein Herz) – O du himmlisches, gutes Wesen, bleib‘ an meiner Brust – ich meine es redlich, muß ich von dir lassen, so muß ich zugrunde gehen.« Sie schauerte in seinen Armen, das weinende Angesicht hing wie aufgelöset seitwärts herab, die Töne drangen zu heftig ins gespaltene Herz, und seine Worte noch heftiger. »Theoda, so sagst du nichts zu mir?« – »Ach«, antwortete sie, »was hab‘ ich denn zu sagen?« und bedeckte das errötende Gesicht mit seiner Brust. – Da war der ewige Bund des Lebens zwischen zwei festen und reinen Herzen geschlossen.

aus Kapitel 40)

Die Hauptperson ist aber jener Dr. Katzenberger, ein Liebhaber von Kuriositäten, besonders von Missgeburten, die er in einer in Spiritus eingelegten Sammlung sein eigen nennt. Und so dreht sich für ihn alles um seine medizinische Wissenschaft. Von Liebesnöten hält er nicht viel:

Auch er habe sonst als Unverheirateter an Heiraten gedacht und nach der damaligen Mode angebetet – was man zu jener Zeit Adorieren geheißen –; doch sei einem Manne, der plötzlich aus dem strengen mathematisch-anatomischen Heerlager ins Kindergärtchen des Verliebens hinein gemußt, damal zumute gewesen wie einem Lachse, der im Lenze aus seinem Salz-Ozean in süße Flüsse schwimmen muß, um zu laichen. Noch dazu wäre zu seiner Zeit eine bessere Zeit gewesen – damals habe man aus der brennenden Pfeife der Liebe polizeimäßig nie ohne Pfeifendeckel geraucht – man habe von der sogenannten Liebe nirgend in Kutschen und Kellern gesprochen, sondern von Haushalten, von Sich-Einrichten und Ansetzen. So gesteh‘ er z. B. seinerseits, daß er aus Scham nicht gewagt, seine Werbung bei seiner durch die ausgesognen Maikäfer entführten Braut anders einzukleiden als in die wahrhaftige Wendung: nächstens gedenke er sich als Geburthelfer zu setzen in Pira, wisse aber leider, daß junge Männer selten gerufen würden und schwache Praxis hätten, so lange sie unverehlicht wären. – »Freilich«, setzte er hinzu, »war ich damals hölzern in der Liebe, und erst durch die Jahre wird man aus weichem Holze ein hartes, das nachhält.«

»Bei der Trennung von Ihrer Geliebten mag Ihnen doch im Mondscheine das Herz schwer geworden sein?« sagte der Edelmann. »Zwei Pfund – also halb so schwer als meine Haut – ist meines wie Ihres bei Mond- und bei Sonnenlicht schwer«, versetzte der Doktor. »Sie kamen sonach über die empfindsam Epoche, wo alle jungen Leute weinten, leichter hinweg?« fragte Nieß. »Ich hoffe«, sagt‘ er, »ich bin noch darin, da ich scharf verdaue, und ich vergieße täglich so viele stille Tränen als irgend eine edle Seele, nämlich vier Unzen den Tag; nur aber ungesehen (denn die Magenhaut ist mein Schnupftuch); unaufhörlich fließen sie ja bei heilen guten Menschen in den knochigen Nasenkanal und rinnen durch den Schlund in den Magen und erweichen dadrunten manches Herz, das man gekäuet, und das zum Verdauen und Nachkochen da liegt.«

aus (Kapitel 11)

Es ist schon etwas ekelig, wie sich der gute Dr. Katzenberger äußert. In Bad Heilbronn angekommen, interessiert ihn natürlich, bei welchen Krankheiten eine dortige Badekur Linderung verspricht:

Der Doktor hatte nämlich bei der Suppe seinen Wirt gebeten, ihn mit den verschiedenen Krankheiten bekannt zu machen, welche gerade jetzt hier vertrunken und verbadet würden. Strykius wußte, als ein leise auftretender Mann, durchaus nicht, wie er auf deutsch (zumal da außer dem eignen Namen wenig Latinität in ihm war) zugleich die Ohren seines Gastes bewirten, und die der Nachbarinnen beschirmen sollte. »Beim Essen«, sagte eine ältliche Landjunkerin, »hörte sich dergleichen sonst nicht gut.« – »Wenn Sie es des Ekels wegen meinen«, versetzte der Doktor, »so biet‘ ich mich an, Ihnen, noch ehe wir vom Tisch aufstehen, ins Gesicht zu beweisen, daß es, rein genommen, gar keine ekelhafte Gegenstände gebe; ich will mit Ihnen Scherzes halber bloß einige der ekelhaften durchgehen und dann Ihre Empfindung fragen.« Nach einem allgemeinen, mit weiblichen Flachhänden unternommenen Niederschlagen dieser Untersuchung stand er ab davon.

»Gut«, sagt‘ er, »aber dies sei mir erlaubt zu sagen, daß unser Geist sehr groß ist und sehr geistig und unsterblich und immateriell. Denn wäre dieser Umstand nicht, so wartete die Materie vor, und es wäre nicht denklich; denn wo ist nur die geringste Notwendigkeit, daß bei Traurigkeit sich gerade die Tränendrüse, bei Zorn die Gallendrüse ergießen? Wo ist das absolute Band zwischen geistigem Schämen und den Adernklappen, die dazu das Blut auf den Wangen eindämmen? Und so alle Absonderungen hindurch, die den unsterblichen Geist in seinen Taten hienieden teils spornen, teils zäumen? In meiner Jugend, wo noch der Dichtergeist mich besaß und nach seiner Pfeife tanzen ließ, da erinner‘ ich mich noch wohl, daß ich einmal eine ideale Welt gebauet, wo die Natur den Körper ganz entgegengesetzt mit der Seele verbunden hätte. Es war nach der Auferstehung (so dichtete ich); ich stieg in größter Freude aus dem Grabe, aber die Freude, statt daß sie hienieden die Haut gelinde öffnet, drückte sich droben bei mir und bei meinen Freunden durch Erbrechen aus. Da ich mich schämte wegen meiner Blöße, so wurde ich nicht rot, sondern sogenannt preußisch Grün, wie ein Grünspecht. – Beim Zorn sonderten sämtliche Auferstandne bloß album graecum ab. – Bei den zärtern Empfindungen der Liebe bekam man eine Gänsehaut und die Farbe von Gänse-Schwarz, was aber die Sachsen Gänse-Sauer nennen. – Jedes freundliche Wort war mit Gallergießungen verknüpft, jedes scharfe Nachdenken mit Schlucken und Niesen, geringe Freude mit Gähnen. – Bei einem rührenden Abschied floß statt der Tränen viel Speichel. – Betrübnis wirkte nicht wie bei uns auf verminderten Pulsschlag, sondern auf Wolf- und Ochsen-Hunger und Fieber-Durst, und ich sah viele Betrübte Leichentrunk und Leichenessen zugleich einschlucken. – Die Furcht schmeckte mit feinem Wangenrot. – Und feurige, aber zarte Zuneigung der Ehegatten verriet sich, wie jetzt unser Grausen, mit Haarbergan, mit kaltem Schweiß und Lähmung der Arme. – Ja, als …«

aus (Kapitel 24)

    Jean Paul

Es gibt vielerlei Gesprächsstoff bei den Mahlzeiten. Und als Mediziner kann er von seinem Interesse nicht lassen, alles eben aus dieser, der medizinische Sicht, zu betrachten. Die Nahrungsaufnahme selbst wird hinreichend ‚zergliedert’:

Unter dem Essen lenkte der Doktor die Rede aufs Essen und merkte an, er wundre sich über nichts mehr, als daß man, bei der Seltenheit von Kadavern und vollends von lebendigen Zergliederungen, so wenig den für die Wissenschaft benutze, in dem man selber stecke, besonders im Sommer, wo tote faulen. »Wär‘ es Ihnen zuwider, Herr Mehlhorn, wenn ich jetzo z. B. den Genuß der Speisen zugleich mit einem Genusse von anatomischen Wahrheiten oder Seelenspeisen begleitete?« – »Mit tausend Wohlgefallen, teuerster Herr Doktor«, sagt‘ er, »sobald ich nur kapabel bin, Ihrer gelehrten Zunge zu folgen.« – »Sie brauchen bloß zu meinem Sprechen zu käuen; nämlich bloß von der Käufunktion will ich Ihnen einen kleinen wissenschaftlichen Abriß geben, den Sie auf der Stelle gegen Ihre eigne, als gegen lebendiges Urbild, halten sollen. – Nun gut! – Sie käuen jetzt; wissen Sie aber, daß die Hebelgattung, nach welcher die Käumuskeln Ihre beiden Kiefern bewegen (eigentlich nur den untern), durchaus die schlechteste ist, nämlich die sogenannte dritte, d. h. die Last oder der Bolus ist in der größten Entfernung vom Ruhepunkte des Hebels; daher können Sie mit Ihren Hundzähnen keine Nuß aufreißen, obwohl mit den Weisheitzähnen. Aber weiter! Indem Sie nun den Farsch da auf Ihrem Teller erblicken: so bekommt (bemerken Sie sich jetzt) die Parotis (hier ungefähr liegend) so wie auch die Speicheldrüse des Unterkiefers Erektionen, und endlich gießt sie durch den stenonischen Gang dem Farsche den nötigen Speichel zu, dessen Schaum Sie, wie jeder andere, bloß den ausdehnenden Luftarten verdanken. Ich bitte Sie, lieber Zoller, fortzukäuen, denn nun fließet noch aus dem ductus nasalis und aus den Tränendrüsen alles nach, woraus Sie Hoffnung schöpfen, so viel zu verdauen, als Sie hier verzehren. Nach diesem Seedienst kommt der Landdienst.« –

Hier lachte der Zoller über die Maßen, teils um höflich zu erscheinen, teils das Mißbehagen zu verhehlen, womit er unter diesem Privatissimum von Lehr-Kursus alles verschlang; – gleichwohl mußt‘ er fortfahren, zu genießen. –

»Ich meine unter dem Landdienst dies: jetzt greift Ihr Trompetermuskel ein und treibt den Farsch unter die Zähne – Ihre Zunge und Ihre Backen stehen ihm bei und wenden und schaufeln hin und her – ausbeugen kann der Farsch unmöglich – auswandern ebenso wenig, weil Sie ihn mit zwei häutigen Klappen (Wangen im gemeinen Leben) und noch mit dem Ringmuskel oder Sphinkter des Mundes (dies ist nur Ihr erster Sphinkter, nicht Ihr letzter, damit korrespondierender, was sich hier nicht weiter zeigen läßt) auf das schärfste inhaftieren und einklammern – kurz der Farsch wird trefflich zu einem sogenannten Bissen, wie ich sehe, zugehobelt und eingefeuchtet. – Nun haben Sie nichts weiter zu tun (und ich bitte Sie um diese Gefälligkeit), als den fertigen Bolus in die Rachenhöhle, in den Schlundkopf abzufahren. Hier aber hört die Allmacht Ihres Geistes, mein Umgelder, gleichsam an einem Grenzkordon auf, und es kommt nun nicht mehr auf jenes ebenso unerklärliche als erhabne Vermögen der Freiheit (unser Unterschied von den Tieren) an, ob Sie den Farsch-Bissen hinunterschlucken wollen oder nicht (den Sie noch vor wenigen Sekunden auf den Teller speien konnten), sondern Sie müssen, an die Sperrkette oder Trense Ihres Schlundes geheftet, ihn nun hinabschlingen. Jetzt kommt es auf meine gütige Zuhörerschaft an, ob wir den Bissen des Herrn Zollers begleiten wollen auf seinen ersten Wegen, bis wir weiterkommen.« –

Mehlhorn, dem der Farsch so schmeckte wie Teufelsdreck, versetzte: »Wie gern er seines Parts dergleichen vernehme, brauch‘ er wohl nicht zu beschwören; aber auf ihn allein komm‘ es freilich nicht an.« – »Ich darf denn fortfahren?« sagte der Doktor. »Vortrefflicher Herr«, versetzte eine ältliche Dame, »Ihr Diskurs ist gewiß über alles gelehrt, aber unter dem Essen macht er wie desperat.«

aus (Kapitel 38)

Nun, 2013 ist ein Jean Paul-Jahr – ein Jahr, um den Dichter aus dem Oberfränkischen wieder zu entdecken. Ich würde es mir gern wünschen.