Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Heute Ruhetag (34): Jean Paul – Dr. Katzenbergers Badereise

2013 ist wieder so ein Jahrestag. Dieses Jahr feiern wir u.a. den 250. Geburtstag von Jean Paul, eigentlich Johann Paul Friedrich Richter, einem deutschen Schriftsteller zwischen Klassik und Romantik. Die Namensänderung geht auf Jean Pauls große Bewunderung für Jean-Jacques Rousseau zurück.

Eines der bekanntesten Werke von Jean Paul ist neben ‚Flegeljahre’ und ‚Siebenkäs’ die Erzählung Dr. Katzenbergers Badereise (1809), eine Satire, in der der Autor u.a. die Zusammenhänge „zwischen Häßlich und Schön, Böse und Gut, Leib und Seele, Teufel und Gott, Endlichkeit und Unendlichkeit“ untersucht.

Der „verwittibte ausübende Arzt und anatomische Professor Katzenberger von der Universität Pira im Fürstentume Zäckingen“ sucht Gesellschaft für die Reise nach Bad Maulbronn. Schließlich meldet sich Herr Theudobach von Nieß. Katzenberger reist noch mit seiner einzigen Tochter Theoda, beabsichtigt jedoch keine Badekur, sondern macht sich geschäftlich auf den Weg. Der Maulbronner Brunnenarzt Strykius hat Katzenbergers drei Hauptwerke giftig rezensiert. Für diese Schmähungen an der Ehre will der Autor den Rezensenten „beträchtlich ausprügeln“.

Bekannt wurde ich mit diesem Buch übrigens durch die Verfilmung von Gerd Winkler 1978 für das ZDF. Darsteller: Hans Helmut Dickow, Horst Frank, Peter Lakenmacher, Jörg Pleva, Witta Pohl, Alwin Michael Rueffer und Jutta Speidel, Filmmusik: H. E. Erwin Walther.

Heute Ruhetag = Lesetag!

Erste Abteilung
1. Summula – Anstalten zur Badreise.

[…] für seine Person war Katzenberger kein Liebhaber von persönlichem Umgang mit Gästen: »Ich sehe eigentlich«, sagte er, »niemand gern bei mir, und meine besten Freunde wissen es und können es bezeugen, daß wir uns oft in Jahren nicht sehen; denn wer hat Zeit? – Ich gewiß nicht.« Wie wenig er gleichwohl geizig war, erhellt daraus, daß er sich für zu freigebig ansah. Das wissenschaftliche Licht verkalkte nämlich seine edeln Metalle und äscherte sie zu Papiergeld ein; denn in die Bücherschränke der Ärzte, besonders der Zergliederer, mit ihren Foliobänden und Kupferwerken leeren sich die Silberschränke aus, und er fragte einmal ärgerlich: »Warum kann das Pfarrer- und Poetenvolk allein für ein Lumpengeld sich sein gedrucktes Lumpenpapier einkaufen, das ich freilich kaum umsonst haben möchte?« – Wenn er vollends in schönen Phantasien sich des Pastors Göze Eingeweidewürmerkabinett ausmalte – und den himmlischen Abrahams-Schoß, auf dem er darin sitzen würde, wenn er ihn bezahlen könnte – und das ganze wissenschaftliche Arkadien in solchem Wurmkollegium, wovon er der Präsident wäre –, so kannte er, nach dem Verzichtleisten auf eine solche zu teuere Brautkammer physio- und pathologischer Schlüsse, nur ein noch schmerzlicheres und entschiedeneres, nämlich das Verzichtleisten auf des Berliner Walters Präparaten-Kabinett, für ihn ein kostbarer himmlischer Abrahams-Tisch, worauf Seife, Pech, Quecksilber, Öl und Terpentin und Weingeist in den feinsten Gefäßen von Gliedern aufgetragen wurden samt den besten trockensten Knochen dazu; was aber half dem anatomischen Manne alles träumerische Denken an ein solches Feld der Auferstehung (Klopstockisch zu singen), das doch nur ein König kaufen konnte? –

Der Doktor hielt sich daher mit Recht für freigebig, da er, was er seinem Munde und fremdem Munde abdarbte, nicht bloß einem teuern Menschen-Kadaver und lebendigen Hunde zum Zerschneiden zuwandte, sondern sogar auch seiner eignen Tochter zum Erfreuen, so weit es ging.

Diesesmal ging es nun mit ihr nach dem Badorte Maulbronn, wohin er aber reisete, nicht um sich – oder sie – zu baden, oder um da sich zu belustigen, sondern sein Reisezweck war die …

2. Summula – Reisezwecke.

Katzenberger machte statt einer Lustreise eigentlich eine Geschäftreise ins Bad, um da nämlich seinen Rezensenten beträchtlich auszuprügeln und ihn dabei mit Schmähungen an der Ehre anzugreifen, nämlich den Brunnen-Arzt Strykius, der seine drei bekannten Meisterwerke – den Thesaurus Haematologiae, die de monstris epistola, den fasciculus exercitationum in rabiem caninam anatomico-medico-curiosarum [Für Leserinnen nur ungefähr übersetzt: 1. Über die Blutmachung, 2. Über die Mißgeburten, 3. Über die wasserscheu.], – nicht nur in sieben Zeitungen, sondern auch in sieben Antworten oder Metakritiken auf seine Antikritiken überaus heruntergesetzt hatte.

Indes trieb ihn nicht bloß die Herausgabe und kritische Rezension, die er von dem Rezensenten selber durch neue Lesarten und Verbesserung der falschen vermittelst des Ausprügelns veranstalten wollte, nach Maulbronn, sondern er wollte auch auf seinen vier Rädern einer Gevatterschaft entkommen, deren bloße Verheißung ihm schon Drohung war. Es stand die Niederkunft einer Freundin seiner Tochter vor der Türe.

[…]

Signatur: Jean Paul

Jean Paul: Dr. Katzenbergers Badereise

Beitrag BR: 250. Geburtstag von Dichter Jean Paul

Die Johanneskirche in Tostedt und ihre vier Vorgängerinnen

Als die evangelische Kirchengemeinde in Tostedt auf dem alten Tostedter Kirchenplatz im Himmelsweg den Bau eines Gemeindehauses plante, wurden 1969 Grabungen erforderlich, um eventuell archäologisch wertvolle Funde zu sichern. Bisher galt die Kirche in Hollenstedt als die älteste im Umland. Tostedt zählte mit Moisburg, Buxtehude und anderen Kirchengemeinden nachweisbar seit vielen Jahrhunderten zum Archidiakonat Hollenstedt der Diözese Verden. Diese hatten sich später dann von dieser ‚Urkirche’ in Hollenstedt abgetrennt.

Als man nun bei diesen Grabungen auf die Grundrisse zweier hölzerner Kirchen aus der Zeit der Christianisierung stieß, war die Überraschung groß. Man stellte fest, dass die früheste Holzkirche um 804 n. Chr. datiert werden konnte. Sie stammt also aus der Zeit, in der Karl der Große mit großem Eifer bemüht war, die Sachsen zwischen Weser und Elbe (Wigmodien) gewaltsam zum Christentum zu führen. Es ist überliefert, dass der Franke Karl der Große sein Lager bei Hollenstedt aufgeschlagen hatte. In dieser Zeit könnte die Kirche Tostedt I gebaut worden sein.

Diese erste Kirche wurde wohl abgebaut, um zwei oder drei Generationen später eine größeres Holzkirche zu bauen, denn man benötigte eine Pfarrkirche, deren Priester taufen durften und an der Tote bestattet werden konnten.

Im 11. Jahrhundert wurde dann erstmals eine Kirche aus Stein gebaut. Diese war genauso groß wie ihre hölzerne Vorgängerin und hatte eine Grundfläche von 200 m². Es kann daraus geschlossen werden, dass die Bevölkerungszahl mit rund 200 Einwohnern in den Dörfern des Kirchspiels Tostedt bis zum Abbruch der Kirche annähernd gleich geblieben ist.

Diese Kirche wurde dann um 1300 durch eine neue noch größere Steinkirche IV ersetzt. Sie war ein Feldsteinbau, hat alle Stürme der darauffolgenden Zeit überstanden und ist die „alte Kirche“, die, nach Fertigstellung der jetzigen Kirche, in den Jahren 1881/1882 abgerissen wurde.

Die heutige Johanneskirche wurde nicht auf dem historischen Grund des alten Gotteshause errichtet, sondern 150 Meter südlich davon. Am 14. März 1880 wurde die im neugotischen Stil errichte Kirche eingeweiht. Tostedt benötigte damals ein größeres Gotteshaus, da der Ort durch den Bahnanschluss an die Strecke Hamburg-Bremen im Jahre 1874 einen ungeahnten Aufschwung genommen hatte.

    Johanneskirche in Tostedt, erbaut 1880

Richtfest der heutigen Kirche war am 3. Dezember 1878. Zum Schluss errechnete man die stattliche Summe von 120.000 Mark, wovon die Kirchengemeinde Tostedt selbst den allergrößten Teil aufzubringen hatte. Wesentliche sakrale Gegenstände wurden dabei aus der alten Kirche übernommen. Das älteste in die neue Kirche übernommene Teil ist der aus Glockenbronze gegossene, durch die Inschrift Anno 1423 datierte Taufkessel. Hier wurden bis ins 16. Jahrhundert alle neugeborenen Kinder durch Eintauchen, später über ihr getauft.

Ein weiteres Schmuckstück ist die Kanzel, die ebenfalls aus der alten Kirche übernommen wurde. Ihr Stifter ist Johann Wilken von Weyhe, Herr auf Gut Bötersheim, der die Kanzel 1607 bei dem Lüneburger Bildhauermeister Ludtke Garbers und wenig später durch einen weiteren Vertrag mit dem ebenfalls dort ansässigen Maler und Vergolder Jürgen Windt in Auftrag gab.

Als letzter und dritter wichtiger Einrichtungsgegenstand wurde der Altar, der wesentliche Teile eines mittelalterlichen Flügelaltars enthält, die schon Mitte des vorigen Jahrhundert nicht mehr vollständig waren, in der neuen Kirche eingerichtet. Dabei muss es sich um eine Arbeit des Bildschnitzers Cord Snitker handeln. Da dieser in Lüneburg für die Zeit bis 1485 nachzuweisen ist, wurde der Altar auf „um 1480“ taxiert. Eine neuere Expertise datiert ihn „um 1490“ und sah den Altar als Arbeit eines Nachfolgers von Cord Snitker an.

Gekürzte Fassung des Kapitels: Die alte und die neue Tostedter Kirche – von Klaus-Rüdiger Rose aus: Die Este: Von der Quelle bis zur Mündung, S. 112 ff. unter Verwendung der folgenden Literatur:
Hans Drescher: Tostedt. Die Geschichte einer Kirche aus der Zeit der Christianisierung im nördlichen Niedersachsen bis 1880, 1985
100 Jahre Tostedter Kirche (1880-1980), 1979

Inzwischen steht die Johanneskirche in Tostedt seit 133 Jahren. Von der Feier anlässlich des 125 Jahrestages hatte ich 2005 kurz berichtet. Vor nun 23 Jahren habe ich meine Frau in dieser Kirche geheiratet. Außerdem feierten meine beide Söhne in der Johanneskirche ihre Konfirmation 2005 und 2008.

Hier noch einige Bilder aus Tostedt von der Kirchturmspitze der Johannes-Kirche aus aufgenommen (am 29.09.2004)

Wer glaubt denn an den Klapperstorch

In einem Buch über den Fluß Este, einem Nebenfluß der Elbe, der in der Lüneburger Heide entsteht und in nördliche Richtung östlich an Tostedt vorbeifließt, gibt es einen Artikel über die Störche, die auch bei uns immer noch bei der Brut und der Aufzucht der Jungvögel anzutreffen sind. Es handelt sich dabei meist um Weißstörche.

Im Zusammenhang mit dem Weißstorch gibt es in Europa die Legende, dass er die Babys bringt, oder, eine ältere und heute vergessene Geschichte, dass er sich um alte Leute kümmert. In vielen Gegenden Europas wird nach der Geburt eines Kindes als deren Symbolisierung vor dem Haus eine Storchenfigur angebracht. In dem genannten Artikel gibt es einen Abschnitt, der über diese Legende vom Storch Adebar hinaus uns etwas von Frau Holle und einem Jungbrunnen erzählt, und uns in die alte nordische Götterwelt und in die Welt der Märchen, die wunderbar miteinander verwoben sind, entführt:

Storchennest in Niedersachsen

In der Götterwelt vergangener Zeiten hielt die Gemahlin des Gottes Wotan [Odin] als Frigg, Fraia oder Frikka [auch Freia oder Freya] ihre schützende Hand über die Menschen. Noch immer ist Freias Tag unser Freitag. Auch unter ihrem anderen Namen Hulda [Perchta] oder Holle lebt sie in unsern Märchen fort. In der Vorstellungswelt der Alten hatte sie ihren Wohnsitz in einem See oder Brunnen. Da „besitzt Holda einen wunderlieblichen Garten, hier nimmt sie die Seelen der Verstorbenen in Empfang und sendet sie wiedergeboren als Kinderseelen auf die Erde zurück. Das ist der Ursprung des Sage vom Jungbrunnen oder Quickborn und des Glaubens, dass die neugeborenen Kinder aus dem Brunnen kommen. Hier holt sie der Storch, Adebar oder Odebar, welcher der Vogel der Freia ist.“

aus: Die Este: Von der Quelle bis zur Mündung – herausgegeben von Marlis und Hans-Joachim Dammann – 2012 Verlag Atelier im Bauernhaus – Heimatverein Buxtehude und Kulturforum am Hafen, S. 64 – eigentliche Quelle: Reallexicon der Deutschen Altertümer – Ein Hand- und Nachschlagebuch der Kulturgeschichte des deutschen Volkes bearbeitet von Dr. E. Götzinger, 1885

Heute Ruhetag (33): Kafka & der Sex (Der Proceß)

In Kafkas Der Prozess (Titel der Kritischen Ausgabe: Der Proceß) gibt es eine pikant erotische Szene, deren ‚Ende’ zwar nicht in Worte gefasst, die aber trotz ‚Ausblendung’ zu erahnen ist. Kafka und Sex? Ja! Kafka gilt als Stereotyp des „Junggesellen der Weltliteratur“. Seine Beziehungen zu Frauen waren immer geprägt von seinem inneren Konflikt, entweder eine eheliche Bindung einzugehen oder sich in selbstgewählter Askese allein dem Schreiben zu widmen. Als er an Lungentuberkulose erkrankte, begriff er die Krankheit „wohl weniger als medizinisches Hindernis der Ehe, umso mehr aber als Zeichen, als Imperativ, nicht mehr heiraten zu sollen“. (siehe auch das Video zu: 125 Jahre Franz Kafka).

Ich habe im Netz Kafkas Roman als PDF-Datei in der Kritischen Ausgabe (Jürgen Born, Gerhard Neumann, Malcolm Pasley und Jost Schillemeit (Hrsg.): Kritische Ausgabe. Schriften, Tagebücher, Briefe. Frankfurt am Main: S. Fischer 1982 ff.; auch bezeichnet als „Kritische Kafka-Ausgabe“ (KKA)) gefunden, den ich hiermit (erneut) vorstellen und zum Lesen empfehlen möchte.

Der wesentliche Unterschied gegenüber der von Kafkas Freund, Max Brod, 1925 herausgegebenen Ausgabe (Brod-Ausgabe) liegt in der leicht modifizierte Kapitelreihenfolge und in der Rechtschreibung (Proceß statt Prozess bzw. Prozeß – Schooß statt Schoß usw.). Man sollte wissen, dass dieser Roman erst nach Kafkas Tod veröffentlicht wurde und eine Revision durch den Autor mithin nicht erfolgte. Außerdem entstand der Roman „in nicht-linearer Abfolge. Es lässt sich nachweisen, dass Kafka zuerst das Eingangs- und das (von Brod an diese Stelle sortierte) Schlusskapitel niederschrieb und weiterhin an einzelnen Kapiteln parallel arbeitete. Kafka schrieb den Process in Hefte, die er auch für die Niederschrift anderer Texte verwendete.“ Zudem ist „Der Proceß“ unvollendet.

Heute Ruhetag = Lesetag!

Der Onkel – Leni

[…]

Wie sie auf meinem Schooß sitzt, als sei es ihr einzig richtiger Platz! „Nein“, antwortete Leni und schüttelte langsam den Kopf, „dann kann ich Ihnen nicht helfen. Aber Sie wollen ja meine Hilfe gar nicht, es liegt Ihnen nichts daran, Sie sind eigensinnig und lassen sich nicht überzeugen.“ „Haben Sie eine Geliebte?“ fragte sie nach einem Weilchen. „Nein“, sagte K. „Oh doch“, sagte sie.„Ja, wirklich“, sagte K., „denken Sie nur, ich habe sie verleugnet und trage doch sogar ihre Photographie bei mir.“ Auf ihre Bitten zeigte er ihr eine Photographie Elsas, zusammengekrümmt auf seinem Schooß studierte sie das Bild. Es war eine Momentphotographie, Elsa war nach einem Wirbeltanz aufgenommen, wie sie ihn indem Weinlokal gern tanzte, ihr Rock flog noch im Faltenwurf der Drehung um sie her, die Hände hatte sie auf die Hüften gelegt und sah mit straffem Hals lachend zur Seite; wem ihr Lachen galt, konnte man aus dem Bild nicht erkennen. „Sie ist stark geschnürt“, sagte Leni und zeigte auf die Stelle, wo dies ihrer Meinung nach zusehen war. „Sie gefällt mir nicht, sie ist unbeholfen und roh. Vielleicht ist sie aber Ihnen gegenüber sanft und freundlich, darauf könnte man nach dem Bilde schließen. So große starke Mädchen wissen oft nichts anderes als sanft und freundlich zu sein. Würde sie sich aber für Sie opfern können?“ „Nein“, sagte K., „sie ist weder sanft und freundlich noch würde sie sich für mich opfern können. Auch habe ich bisher weder das eine noch das andere von ihr verlangt. Ja ich habe noch nicht einmal das Bild so genau angesehn, wie Sie,“ „Es liegt Ihnen also gar nicht viel an ihr“, sagte Leni, „sie ist also gar nicht Ihre Geliebte.“ „Doch“, sagte K. „Ich nehme mein Wort nicht zurück.“ „Mag sie also jetzt Ihre Geliebte sein“, sagte Leni, „Sie würden sie aber nicht sehr vermissen, wenn Sie sie verlieren oder für jemand andern z. B. für mich eintauschen würden.“ „Gewiß“, sagte K. lächelnd, „das wäre denkbar, aber sie hat einen großen Vorteil Ihnen gegenüber, sie weiß nichts von meinem Proceß, und selbst wenn sie etwas davon wüßte, würde sie nicht daran denken. Sie würde mich nicht zur Nachgiebigkeit zu überreden suchen.“ „Das ist kein Vorteil“, sagte Leni. „Wenn sie keine sonstigen Vorteile hat, verliere ich nicht den Mut. Hat sie irgendeinen körperlichen Fehler?“ „Einen körperlichen Fehler?“ fragte K. „Ja“, sagte Leni, „ich habe nämlich einen solchen kleinen Fehler, sehen Sie.“ Sie spannte den Mittel- und Ringfinger ihrer rechten Hand auseinander, zwischen denen das Verbindungshäutchen fast bis zum obersten Gelenk der kurzen Finger reichte. K. merkte im Dunkel nicht gleich, was sie ihm zeigen wollte, sie führte deshalb seine Hand hin, damit er es abtaste. „Was für ein Naturspiel“, sagte K. und fügte, als er die ganze Hand überblickt hatte, hinzu: „Was für eine hübsche Kralle!“ Mit einer Art Stolz sah Leni zu, wie K. staunend immer wieder ihre zwei Finger auseinanderzog und zusammenlegte, bis er sie schließlich flüchtig küßte und losließ. „Oh!“ rief sie aber sofort, „Sie haben mich geküßt!“ Eilig, mitoffenem Mund erkletterte sie mit den Knien seinen Schooß, K. sah fast bestürzt zu ihr auf, jetzt da sie ihm so nahe war gieng ein bitterer aufreizender Geruch wie von Pfeffer von ihr aus, sie nahm seinen Kopf an sich, beugte sich über ihn hinweg und biß und küßte seinen Hals, biß selbst in seine Haare. „Sie haben mich eingetauscht“, rief sie von Zeit zu Zeit, „sehen Sie nun haben Sie mich doch eingetauscht!“ Da glitt ihr Knie aus, mit einem kleinen Schrei fiel sie fast auf den Teppich, K. umfaßte sie, um sie noch zu halten, und wurde zu ihr hinabgezogen. „Jetzt gehörst Du mir“, sagte sie.
(S. 143 ff.)

[…]

Autograph: Franz Kafka

Franz Kafka: Der Proceß (in der kritischen Ausgabe als PDF)

Günter Grass: Grimms Wörter

Es war wohl der Sohn von Wilhelm Grimm, Herman, der meinte, das von seinem Vater und seinem Onkel, Jacob Grimm, herausgegebene deutsche Wörterbuch (DWB) wäre schon zu deren Lebzeiten ‚überholt’. Begonnen wurde mit diesem Wörterbuch 1838 (fertiggestellt dann erst 1961). Der Gebrauchswert für den heutigen Alltag, damit hat er Recht, ist sicherlich nicht sehr hoch. Da bringen Duden, Wahrig u.a. mehr Nutzen (siehe hierzu auch meine Beiträge: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm und Wortschatz).

Es beginnt damit, das der ältere der Grimm-Brüder, Jacob, keine Fremdwörter in diesem ‚deutschen’ Wörterbuch duldete. Evolution oder Revolution kommen nicht vor. Selbst der uns heute gängige Friseur (oder Frisör) und die Frisur gibt es nicht. Dafür finden wir den damals wohl eher üblichen Barbier, dann die deutschen Begriffe Haarscherer und Haarschneider – und für Frisur den Haarschnitt. Kurios muten uns heute manche ebenfalls von Jacob Grimm erstellte ‚Regeln’ des Wörterbuchs an: Durchgängige Kleinschreibung (außer bei Eigennamen), was heute ja schon fast wieder modern ist. Und das ß immer als sz geschrieben. Goethe kommt als Göthe daher.

Was den eigentlich Wert dieses 34.824 Seiten ausufernden und mit ca. 320.000 Stichwörtern versehenen Nachschlagewerkes ausmacht, sind die Hinweise auf die Herkunft der Wörter und eine nachvollziehbare Beschreibung, wie sich die Wörter im Laufe der Zeit verändert haben, oft auch dem Wortsinne nach. Vieles, wir erahnen es, rührt aus dem Stamm der indogermanischen (auch indoeuropäisch genannten) Sprachfamilie her (bis hin zum östlichen Zweig der gotischen Sprache). Oft werden viele Spalten lang Zitate (von Luther über Kant bis zu Goethe) zu den einzelnen Stichwörtern aufgeführt, die den Gebrauch der Wörter in der Literatur belegen. Allerdings wollte Jacob Grimm keine Zeitgenossen wie Heine zitiert wissen. Wer möchte, kann online im DWB stöbern. Als aufschlussreiches Beispiel empfehle ich den Artikel zum Wort Schnee (das aus gegebenem Anlass: Kate Bushs Gespür für Schnee)

Erwähnenswert ist, dass sich vor den Grimm-Brüdern bereits andere daran gemacht hatten, ein deutsches Wörterbuch zusammenzustellen. Das wohl bekannteste ist das von Johann Christoph Adelung, von dem Jacob Grimm (ja, wieder der) allerdings nicht allzu viel hielt: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart (1774–1786, 2. Aufl. 1793–1801). Adelung lässt übrigens auch Fremdwörter zu. – Online mit Volltextsuchegescannte Ansicht

Aber genug der langen Vorrede. Wie der Titel dieses Beitrags verrät, möchte ich ein 2010 erschienene Buch von Günter Grass vorstellen: Grimms Wörter. Der Untertitel, der wie eine neue literarische Gattung klingt, sagt es deutliche: Eine Liebeerklärung.

    Günter Grass: Grimms Wörter

„Die Brüder Grimm erhalten im Jahr 1838 einen ehrenvollen Auftrag: Ein Wörterbuch der deutschen Sprache sollen sie erstellen. Voller Eifer machen sie sich ans Werk. Aberwitz, Angesicht, Atemkraft – fleißig sammeln sie Wörter und Zitate, in wenigen Jahren sollte es zu schaffen sein. Barfuß, Bettelbrief, Biermörder – sie erforschen Herkommen und Verwendung, sie verzetteln sich gründlich. Capriolen, Comödie, Creatur – am Ende ihres Lebens haben Jacob und Wilhelm Grimm nur wenige Buchstaben bewältigt.

Günter Grass erzählt das Leben der Brüder Grimm als Liebeserklärung an die deutsche Sprache und die Wörter, aus denen sie gefügt ist. Er schreibt über die Lebensstationen der Brüder, über ihre uferlose Aufgabe und die Zeitgenossen an ihrer Seite.

Spielerisch-virtuos spürt ‚Grimms Wörter’ dem Reichtum der deutschen Sprache nach und durchstreift die deutsche Geschichte seit der Fürstenherrschaft und den ersten Gehversuchen der Demokratie. Von der Vergangenheit mit ihren politischen Kämpfen und ganz alltäglichen Sorgen schlägt Grass manche Brücke in seine eigene Zeit.“
(aus dem Klappentext)

Wer einen Sinn für Sprache und einen besonderen für anspruchsvolle Literatur hat, dem kann ich diese ‚Liebeserklärung’ nur empfehlen. Oder wie Sigrid Löffler im ‚rbb Kulturradio’ sagte: „Für Grass-Verehrer ist dieses Buch ein Muss, für das übrige Publikum einfach eine lohnende Lektüre.“

Deutsches Wörterbuch der Brüder Grimm – Erster Band: A - Biermolke

Man sieht, wie Günter Grass in seinem Exemplar dieses 33-bändigen Werkes blättert, den ersten Band „A – Biermolke“ vielleicht auf den Knien längere Zeit beim Stichwort Alfanzerei verweilend … Und wie er sieht, wie sich die Brüder Grimm an die Arbeit machen:

So begann ihre Zettelwirtschaft. Von überall her schneite es Wörter und wortbezügliche Zitate. Jedem aufgelesenen Wort hatten die Sammler seine Herkunft nachzuweisen. Es galt herauszufinden, bei welchem Dichter das jeweilige Stichwort bereits Vorklang gefunden hatte. Von Parzivals Gralsuche und dem Nibelungenlied über Luthers Bibeldeutsch bis zu Goethes und Schillers Gereimtem fand sich Zitierbares. Außerdem wollte Jacobs Ehrgeiz wissen, ob dieses oder jenes Wort bei dem arianischen Bischof Ulfilas bereits gotisch nachzuweisen sei, wie es sich alt- oder mittelhochdeutsch gewandelt habe. Die Lautverschiebung und ihre Folgen. Was war dem Wortschwall der Mundarten abzuhören? Welches Echo fand das eine, das andere Stichwort in den skandinavischen Sprachen? Was klingt bereits im Sanskrit an? Welches deutschstämmig anmutende Wort ist dem Latein entlehnt? Was soll mit anstößigen, weil schmutzigen Wörtern geschehen, zumal wenn sie lebendig, weil volksnah sind? Welche Dichter waren besonders stichhaltiger Zitate trächtig?
(S. 31 der Taschenbuchausgabe)

Manches Stichwort bei den Grimms gibt auch dem knurrigen Grass Anlass, sich über die Jetztzeit Gedanken zu machen („genau aufs Stichwort …“), hier nur ein Beispiel:

Mich treibt Zorn an, der sich an westlichen Colonialherren reibt, die als Sieger des Kalten Krieges meinen, hemmungslos zugreifen, fortan auf Pump leben zu dürfen und nun, nach dem Triumph des Kapitalismus über den Kommunismus, beginnen, ihresgleichen zu zerstören, weil ihnen der Feind fehlt.
(S. 108 der Taschenbuchausgabe)

Ohne Zweifel: „‚Grimms Wörter’ gehört zu den wichtigsten Büchern Grass’ und ist vielleicht sein schönstes.“ (Jörg Magenau, ‚Der Tagesspiegel’) – und noch einmal: Wer die deutsche Sprache liebt, wer sich für deren Reichtum interessiert, dem sei als Einstieg gewissermaßen Grass’ Prosawerk empfohlen. Das Blättern im der Brüder Grimms Deutschen Wörterbuch gibt’s gratis dazu.

Heute Ruhetag (32): Thomas Mann – Der Zauberberg

Auf der (eher rudimentären) Liste meiner liebsten Bücher ist der Roman zu finden: Der Zauberberg von Thomas Mann, der 1924 veröffentlicht wurde, spielt in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg. Er handelt vom Reifeprozess des jungen Hans Castorp. Während eines siebenjährigen Aufenthalts in einem Tuberkulose-Sanatorium trifft Castorp dort Menschen, die ihn mit Politik, Philosophie, aber auch Liebe, Krankheit und Tod konfrontieren.

Es ist eine illustre Gesellschaft, in die der junge Castorp gerät. In der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, also vor 100 Jahren, begegnet er dem Geist der damaligen Epoche. Da ist der italienische Literat Lodovico Settembrini, ein Humanisten, Freimaurer und „individualistisch gesinnter Demokraten“, mit dem der junge Deutsche über philosophische und politische Fragen der Zeit in Berührung kommt. Oder „der asketische Jesuit Naphta, ein zum Katholizismus konvertierter galizischer Jude mit bewegter Vergangenheit. Naphta ist ein brillanter, rhetorisch begabter und sophistischer Logik verpflichteter Intellektueller, von dessen Einflüssen Settembrini seinen jungen Freund Castorp vergeblich fernzuhalten versucht. In anarcho-kommunistischer Tradition strebt Naphta nach der Wiederherstellung des ‚anfänglichen paradiesisch justizlosen und gottesunmittelbaren Zustands’ der Staat- und Gewaltlosigkeit, wo es ‚weder Herrschaft noch Dienst gab, nicht Gesetz noch Strafe, kein Unrecht, keine fleischliche Verbindung, keine Klassenunterschiede, keine Arbeit, kein Eigentum, sondern Gleichheit, Brüderlichkeit, sittliche Vollkommenheit.’ Nach Abschaffung ‚der Greuel des modernen Händler- und Spekulantentums’ und ‚der Satansherrschaft des Geldes, des Geschäfts’ sei ein totalitärer, auf Terrorismus gestützter Gottesstaat zu errichten; das Prinzip der Freiheit sei ein überlebter Anachronismus.“ (Quelle: de.wikipedia.org).

Und zuletzt ist der erst spät auftretende Mynheer Peeperkorn mit seinem kruden Vitalitätskult zu nennen.

Der Roman sollte „eine Art von humoristischem, auch groteskem Gegenstück“ zum 1912 erschienenen Tod in Venedig werden, geriet dann mit 800 Seiten länger als beabsichtigt. Ohne Zweifel gilt der Roman heute als einer der wichtigsten des 20. Jahrhunderts, beleuchtet er mit Geist und Witz die Atmosphäre am Anfang des letzten Jahrhunderts.

Im Roman tritt eine Person auf, der ein Kapitel gewidmet ist und die wir in weiteren kurzen Szenen begegnen. In meinem Beitrag Herr Albin in Thomas Manns „Zauberberg“ finden wir ihn kurz beschrieben. Jede Ähnlichkeit mit mir (bis auf den Namen) ist bekanntlich rein zufällig.

Heute Ruhetag = Lesetag!

Herr Albin

Drunten im Garten hob sich das Phantasie-Fahnentuch mit dem Schlangenstabe zuweilen im Windhauch. Der Himmel hatte sich wieder gleichmäßig bedeckt. Die Sonne war fort, und sogleich war es fast unwirtlich kühl geworden. Die gemeinsame Liegehalle schien voll besetzt; es herrschte Gespräch mit Gekicher dort unten.

»Herr Albin, ich flehe Sie an, legen Sie das Messer fort, stecken Sie es ein, es geschieht ein Unglück damit!« klagte eine hohe, schwankende Damenstimme. Und:
»Bester Herr Albin, um Gottes willen, schonen Sie unsere Nerven und bringen Sie uns das entsetzliche Mordding aus den Augen!« mischte sich eine zweite darein, – worauf ein blondköpfiger junger Mann, welcher, eine Zigarette im Munde, seitwärts auf dem vordersten Liegestuhl saß, in frechem Tone erwiderte:
»Fällt mir nicht ein! Die Damen werden mir doch erlauben, etwas mit meinem Messer zu spielen! Nun ja, gewiß, es ist ein besonders scharfes Messer. Ich habe es in Kalkutta einem blinden Zauberer abgekauft… Er konnte es verschlucken, und gleich darauf grub sein Boy es fünfzig Schritte von ihm entfernt aus dem Boden . . . Wollen Sie sehen? Es ist viel schärfer als ein Rasiermesser. Man braucht die Schneide nur zu berühren, und sie geht einem ins Fleisch wie durch Butter. Warten Sie, ich zeige es Ihnen näher . . .« Und Herr Albin stand auf. Ein Gekreisch erhob sich. »Nein, jetzt hole ich meinen Revolver!« sagte Herr Albin. »Das wird Sie mehr interessieren. Ein ganz verflixtes Ding. Von einer Durchschlagkraft . . . Ich hole ihn aus meinem Zimmer.«
»Herr Albin, Herr Albin, tun Sie es nicht!« zeterten mehrere Stimmen. Aber Herr Albin kam schon aus der Liegehalle hervor, um auf sein Zimmer zu gehen, – blutjung und schlenkricht,mit rosigem Kindergesicht und kleinen Backenstreifen neben den Ohren.
»Herr Albin«, rief eine Dame hinter ihm drein, »holen Sie lieber Ihren Paletot, ziehen Sie ihn an, tun Sie es mir zuliebe! Sechs Wochen haben Sie mit Lungenentzündung gelegen, undnun sitzen Sie hier ohne Überzieher und decken sich nicht einmal zu und rauchen Zigaretten! Das heißt Gott versuchen. Herr Albin, mein Ehrenwort!«

[…]

Thomas Mann: Der Zauberberg

Der Sieg der Gleichgültigkeit

Im November letzten Jahres hatte ich mich über Twitter mit Dunehopper, dem 2. Vorsitzender der Heidepiraten aus Tostedt zum Thema „Mehr Demokratie“ kurz ausgetauscht. Seine Meinung: „Der Plan ist, das mehr Demokratie und mehr Bürgerbeteiligung zu mehr Interesse an Politik führt.“, „Kitastreit zeigt, das ‚Mehr Demokratie’ Thema ist.“ Und „Themen waren Jugendarbeit, Bürgerbeteiligung, mehr Demokratie. Die werden alle piratisiert :-)“

Meine Ansichten damals wie heute: „’Mehr Demokratie‘ ist so ein alter Schlagwort“ und „’Mehr Demokratie‘, weil die Politik versagt – auf Dauer wird das leider für viele Bürger ermüdend, fürchte ich“.

Gestern nun war der Bürgerentscheid in Sachen Neubau der Kindertagesstätte/Kinderhort Dieckhofstraße in der Samtgemeinde Tostedt. Von 20.961 Stimmberechtigten gaben gerade einmal 25,5 % ihre Stimme ab. Ein niederschmetterndes Ergebnis. Immerhin stimmten 3.350 (62,9 %) mit ‚ja’ und damit gegen den Neubau in der Dieckhofstraße, 1977 (27,1 %) stimmten mit ‚nein’, also dafür. Die erforderliche Mindestzahl von 5205 Ja-Stimmen wurde also deutlich nicht erreicht.

Gegner wie Befürworter der Dieckhofstraßen-Lösung werden nun das Ergebnis werten müssen. Jeder wird das ihm Angenehme hervorheben. Ohne Zweifel haben die Gegner eine klare Mehrheit erzielt. Die Gegenkampagne der Parteien, die den Ratsbeschluss zum Bau einer Kindertagesstätte am Standort Dieckhofstraße durchgesetzt haben, hat nur wenig gefruchtet. Erschreckend für mich ist aber die Interesselosigkeit fast drei Viertel der Bürger. Drei von vier stimmberechtigter Bürger haben es für nicht notwendig erachtet, ihr Recht auf direkte Bürgerbeteiligung wahrzunehmen. Vielleicht lag es am Thema: ‚lediglich’ ein Kindergarten! Vielleicht habe ich auch etwas Recht mit der Annahme, „mehr Demokratie“ ermüde auf Dauer viele Bürger. So oder so ist es ein Sieg der Gleichgültigkeit, der Ignoranz. Das ist ein Armutszeugnis und ein Freibrief für die Politik, weiterhin auch Entscheidungen zu treffen, die am Bürger vorbeizielen. Und es ist eine Ohrfeige für die Bürger, die sich für mehr Bürgerbeteiligung einsetzen.

Schade, Tostedt: Setzen, sechs!

zuletzt: Dank twitter/dunehopper hier eine aufschlussreiche Tabelle zum Bürgerentscheid – sortiert nach Beteiligung

Im Mundwinkel

Ich bin der Krümel im Winkel Deines Mundes
Du erwischst mich nicht
Mit der Zunge fährst Du
Von rechts oben nach links
Dann von links unten nach rechts
Über Deine Lippen längst
Und doch erwischst Du mich nicht.

Merkst Du mich überhaupt?
Sie merkt mich nicht!
Sie merkt mich nicht!

Krümel im Mundwinkel

Erst Dein Lachen
Wenn sich die Haut spannt
Lässt mir keinen Halt mehr
Im freien Fall
Verkrümele ich mich.

[Mir liegt die Prosa besser. Aber ab und wann überkommt selbst mich ein lyrisches Gefühl: Des Daseins Dinge – eine mögliche Sammlung]

Tostedt, erwache!

Trompeter von Jericho, macht Euch auf den Weg in dieses verschlafene Nest in der Nordheide, um dessen Bewohner aus ihrer winterlichen Lethargie zu wecken. Ihr domestizierten Hähne und Gockel der Gattung Gallus lasst euren Weckruf erklingen: Kikeriki und cock-a-doodle-doo!

Verpennte Bande, erhebt Euch aus Eurem Winterschlaf: Tostedt, erwache!

Trompeter von Jericho - © bpk / Dietmar Katz

Der Weckruf richtet sich besonders auch an Politiker bestimmter Couleur, deren Tun oft genug auf keine Kuhhaut passt – respektive Schweinehaut! So laut kann man gar nicht trompeten und brüllen. Dem Kalk in ihren Gehirnwindungen muss auf andere Weise der Kampf angesagt werden.

Heute ist meteorologischer Frühlingsanfang und es wird Zeit, Euch Schnarchnasen den Weg zu zeigen. Also auf!

Um es gleich zu sagen, ich bin kein Gesundbeter, Bekehrer oder gar Bußprediger, ob religiös oder politisch, von denen es allerdings manche in diesem Ort gibt. Wenn Gott, dann nur als ‚Gott, bewahre …’! Die Sonne zeigt uns den Weg ….!

Astrologisch ist zwar dieses Jahr erst am 20. März 12:02 MEZ Frühlingsanfang. Aber bereits in diesen Tagen erwacht endlich Schritt für Schritt die Natur. Es wird also auch Zeit für die Bewohner verschlafener Nester, aus den Betten – vom Alkoven bis Futon – zu steigen.

Topf und Deckel

Es wird gesagt:
Jeder Topf findet sein Deckelchen.

Mancher Topf wartet lang
28 Jahre vielleicht.
Auch mancher Deckel findet nicht gleich
Vielleicht erst nach über 40 Jahren.

Die Suppe kocht im Topf
Auch ohne Deckel.
Und ein Deckel bedeckt
Auch ohne Topf.

Topf und Deckel
Quelle: montagsmalerin.de

Manchem Topf passen viele Deckel.
Und manch DIN-genormter Deckel passt zu vielen Töpfen.
Aber lang währt ‚die Freundschaft’ nicht.

Da mag ein Topf ungewohnte Formen
Und ein Deckel ungewöhnliche Größe haben.
Und was vielleicht auf Anhieb nicht passt,
wird dann passend gemacht.

Am Schluss dann doch:
Jeder Topf findet sein Deckelchen.

[aus: Des Daseins Dinge – eine mögliche Sammlung]


Lilo PulverJedes Töpfchen find sein Deckelchen 1962

[Hurra, ich werde senil! Topf und Deckelchen, bei mir piepen sie nicht mehr alle richtig! Demnächst buddle ich auch noch im Sand! Und dann auch noch die gute, alte Lieselotte, ha! Wahrscheinlich hat mir jemand etwas in den Tee getan!]

Nachtrag: Hat man erst ein Thema beim Wickel, dann stolpert man über weiteres Material – wie zum Beispiel das am Schluss folgende Kalenderblatt für den Februar 2013. Passt doch zum Thema, oder? Und abends lese ich in Grimms Wörter von Günter Grass dann den Buchstaben D betreffend und die Bedeutung von ‚dafür’ und ‚dagegen’ den folgenden Abschnitt:

Und schon ist dem dafür ein dagegen gesetzt, auch dargegen wie bei Hans Sachs: „mir grauet aber hart dargegen, mein hand an meinem herrn zu legen.“ Wenn jemand jedoch Hilfe erhalten hat und dagegen Treue verpfändet, steht dagegen auch für dafür, weil „die braut nicht schön, dagegen klug sein kann.“ Und weitere Beispiele, die dafür wie dagegen sprechen, damit am Ende jeder Topf seinen Deckel drauf hat.

Günter Grass: Grimms Wörter – eine Liebeserklärung – dtv 14084 – Deutscher Taschenbuch Verlag, 2012 – S. 137)

Warten ... ... auf den richtigen Partner!

Günter Grass: Die Blechtrommel

    Was soll ich noch sagen: Unter Glühbirnen geboren, im Alter von drei Jahren vorsätzlich das Wachstum unterbrochen, Trommel bekommen, Glas zersungen, Vanille gerochen, in Kirschen gehustet, Luzie gefüttert, Ameisen beobachtet, zum Wachstum entschlossen, Trommel begraben, nach Westen gefahren, den Osten verloren, Steinmetz gelernt und Modell gestanden, zur Trommel zurück und Beton besichtigt, Geld verdient und den Finger gehütet, den Finger verschenkt und lachend geflüchtet, aufgefahren, verhaftet, verurteilt, eingeliefert, demnächst freigesprochen. Feiere ich heute meinen dreißigsten Geburtstag und fürchte mich immer noch vor der Schwarzen Köchin – Amen.

So fasst Oskar Matzerath seine bisherige Lebensgeschichte wie ein Gebet zusammen und so steht es kurz vor dem Ende des Romans in Günter Grass’: Die Blechtrommel (S. 490 – Sonderausgabe Sammlung Luchterhand 147 – 13. Auflage 1979 – Hermann Luchterhand Verlag, Darmstadt und Neuwied).

Oskar Matzerath, der kaschubische Trommler, dürfte wohl eine der bekanntesten Romanfiguren der deutschen Nachkriegsliteratur sein. Und mit Romanen wie Martin Walsers Roman „Halbzeit“ (1960 erschienen) ist die Blechtrommel (1959) eine Art „Meilenstein“ der Literatur nach dem 2. Weltkrieg.

Zusammen mit der Erzählung „Katz und Maus“ und dem Roman „Hundejahre“ zählt „Die Blechtrommel“ zur „Danziger Trilogie“, die Günter Grass in einem Zusammenhang von Ereignissen, Figuren und Zeitumständen gestellt hat.

( ebook – german – deutsch) grass, günter – die blechtrommel by Sternenfisch

Zunächst wollte kein Verlag den Roman veröffentlicht. Und als der dann erschien, löste er in der Kritik kontroverse Diskussionen aus. So verweigerte Bremens Senat dem Autor den von einer unabhängigen Jury zugesprochenen Bremer Literaturpreis 1960. Aus heutige Sicht wenig verständlich. Der Roman verhalf immerhin der bis dahin im Ausland wenig beachteten deutschen Nachkriegsliteratur auch über die Grenzen hinweg zu Aufmerksamkeit.

In diesen Tagen habe ich den Roman wiedergelesen und mich erneut an der überbrodelnden Fabulierlust des Autors erfreut. Wer kennt sie nicht, die vier Röcke der Großmutter, mit denen der Roman beginnt, wie Oskar, wenn immer wieder die Leute versucht sind, ihm die zum 3. Geburtstag geschenkte Blechtrommel zu entreißen, alles Glas zersingt – selbst die Brillengläser der Lehrerin zum Schulbeginn. Und dann trommelt Oskar unter der Tribüne und bringt der Aufmarsch der Nationalsozialisten durcheinander. Bekannt dürfte auch die ‚Karfreitagskost’ sein, Aale, die mit Hilfe eines Pferdekopfes aus der Ostsee gefischt wurden und am Ende Oskars Mutter das Leben kosten. Der Kampf um die polnische Post und die Erschießung des Onkel Jan Bronski. Das Brausepulver, wie es zu einem erotisch gefärbten Abenteuer zwischen Oskar und Maria Truczinski wird. Dann versucht Oskar der Jesus-Figur in der Herz-Jesu-Kirche das Trommeln beizubringen. Und wie Oskar indirekt den Tod seiner Mutter und seines Onkels verursacht, so bewirkt er auch den Tod seines vermutlichen Vaters, Alfred Matzerath. Während das erste und zweite Buch des Romans in Danzig vor und während des 2. Weltkriegs spielt, so spielt das 3. Buch in Düsseldorf. Hier finden wir Oskar Matzerath in der Nachkriegszeit u.a. als Trommler der Jazz-Band „The Rhine River Three“ in dem Lokal „Zwiebelkeller“ wieder, dort wo durch das Zerschneiden von Zwiebeln die Besucher dazu gebracht werden sollen, ihren persönlichen Problemen Ausdruck zu verleihen. Kurz gesagt, im ganzen Lokal wird geweint.

Siehe auch meinen Beitrag: Oh, Ohr, geschwungen schön …

„Mit seinem … Roman (Die Blechtrommel) hat sich Grass einen Anspruch darauf erworben, entweder als satanisches Ärgernis verschrien oder aber als Prosaschriftsteller ersten Ranges gerühmt zu werden. Unserem literarischen Schrebergarten, mögen seine Rabatten sich biedermeierlich oder avanciert-tachistisch geben, zeigt er, was eine Harke ist. Dieser Mann ist ein Störenfried, ein Hai im Sardinentümpel, ein wilder Einzelgänger in unserer domestizierten Literatur …“ H.M. Enzensberger

Es ist natürlich bekannt, dass der Roman viele autobiografische Bezüge zum Autoren, Günter Grass, hat. Oskars Heimat Danzig ist natürlich auch die Heimat von Günter Grass gewesen – bis hin zum gemeinsamen Geburtshaus der beiden im Labesweg 13 in Danzig-Langfuhr. Dort wo Oskar trommelte, spielte auch der Autor der Blechtrommel in seiner Kindheit. Das Haus mit der Nummer 13 liegt dort an der Hertastraße: Wilhelm Graß Kfm.

Danzig-Langfuhr, Labesweg 13

Längst wurde aus Danzig Gdańsk, aus dem Stadtteil Langfuhr Wreszcz und die Straße Labesweg zur Ulica Lelewela, genauer: ul. Joachima Lelewela (Fotos von einer Bildungsreise siehe unter fo-net.de)


Danzig-Langfuhr, Labesweg 13 (Gdansk, Ulica Joachima Lelewela 13)
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Im dritten Buch des Romans, das in Düsseldorf spielt, sucht sich Oskar eine eigene Wohnung und findet ein Zimmer als Untermieter bei den Eheleuten Zeidler in der Jülicher Straße 7, wo er den Musiker Klepp kennen lernt – und auch das nächtliche Abenteuer mit der Krankenschwester Dorothea erlebt. Auch diese Adresse gibt es. Ob sie mit der im Roman übereinstimmt, vermag ich nicht zu sagen. Es fehlt heute der Hof, wo sich bei Grass Anfang der 50er Jahre das Sargmagazin befand:


Düsseldorf, Jülicher Straße 7
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Von den vier Adressen, die mir die freundlichen Leutchen in der Studentenvertretung der Akademie überlassen hatten, gab ich der Adresse: Zeidler, Jülicher Straße 7, den Vorrang, weil ich es von dort nah zur Kunstakademie hatte.

Anfang Mai, es war heiß, dunstig und niederrheinisch, machte ich mich mit genügend Bargeld versehen auf den Weg. Maria hatte mir meinen Anzug gerichtet, ich sah manierlich aus. Jenes Haus, in dessen dritter Etage Zeidler eine Dreizimmerwohnung bewohnte, stand in bröckelndem Putz hinter einer staubigen Kastanie. Da die Jülicher Straße zur guten Hälfte aus Trümmern bestand, konnte man schlecht von Nachbarhäusern und dem Haus gegenüber sprechen. Links ein mit verrosteten T-Trägern durchwachsener, Grünzeug und Butterblumen treibender Berg die einstige Existenz eines vierstöckigen Gebäudes vermuten, das sich dem Zeidlerschen Haus angelehnt hatte. Rechts war es gelungen, ein teilzerstörtes Grundstück bis zum zweiten Stockwerk wieder instandzusetzen. Doch mochten die Mittel nicht ganz gereicht haben. Es galt noch die lückenhafte, vielfach gesprungene Fassade aus poliertem schwarz-schwedischen Granit auszubessern. Der Inschrift „Begräbnisinstitut Schornemann“ fehlten mehrere, ich weiß nicht mehr welche, Buchstaben. Glücklicherweise waren die beiden, keilförmig vertieften, den immer noch spiegelglatten Granit zeichnenden Palmenzweige unbeschädigt geblieben, konnten so mithelfen, dem lädierten Geschäft eine halbwegs pietätvolle Ansicht zu geben.

Das Sargmagazin dieses schon seit fünfundsiebenzig Jahren bestehenden Unternehmens befand sich auf dem Hof und sollte mir von meinem Zimmer, das nach hinten sah, oft genug betrachtenswert sein. Den Arbeitern sah ich zu, die bei gutem Wetter einige Särge aus dem Schuppen rollten, auf Holzböcke stellten, um die Politur dieser Gehäuse, die sich alle auf mit wohlvertraute Art zum Fußende hin verjüngten, mit allerlei Mittelchen aufzufrischen.

Zeidler selbst machte auf, nachdem ich geklingelt hatte. Er stand klein, untersetzt, kurzatmig, iglig in der Tür, trug eine dickglasige Brille, verbarg die untere Gesichtshälfte hinter flockigem Seifenschaum, hielt sich rechts den Pinsel gegen die Wange, schien ein Alkoholiker und, der Sprache nach, ein Westfale zu sein.

„Wenn Ihnen das Zimmer nich gefällt, sagen Sie es gleich. Ich bin beim Rasieren und muß mir noch die Füße waschen.“

Zeidler liebte keine Umstände. Ich sah mir das Zimmer an. Es konnte mir nicht gefallen, weil es ein außer Betrieb gesetztes, zur guten Hälfte türkis-grün gekacheltes, ansonsten unruhig tapeziertes Badezimmer war. Dennoch sagte ich nicht, das Zimmer könne mir nicht gefallen. Ohne Rücksicht auf Zeidlers trocknenden Seifenschaum, auf seine ungewaschenen Füße, beklopfte ich die Badewanne, wollte wissen, ob es nicht ohne Wanne gehe, die habe doch ohnehin kein Abflussrohr.

Lächelnd schüttelte Zeidler seinen grauen Igelkopf, versuchte vergeblich mit dem Rasierpinsel Schaum zu schlagen. Das war seine Antwort, und so erklärte ich mich bereit, das Zimmer mit Badewanne für monatlich vierzig Mark zu mieten.
(S. 395 f.)