Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Oh, Ohr, geschwungen schön …

    Als Maria sich die weiße Mantelschürze anzog und sich hinter den Ladentisch unseres Geschäftes stellte, trug sie noch Zöpfe hinter ihren rasch durchbluteten, derb gesunden Ohren, deren Läppchen leider nicht frei hingen, sondern direkt, zwar kein unschönes Fältchen ziehend, aber doch degeneriert genug in das Fleisch überm Unterkiefer wuchsen, um Schlüsse über Marias Charakter zuzulassen. Später schwatze Matzerath dem Mädchen Dauerwellen auf: die Ohren blieben verborgen. Heute stellt Maria unter modisch kurzgeschnittenem Wuschelkopf nur die angewachsenen Läppchen zur Schau; schützt aber die kleinen Schönheitsfehler durch große, ein wenig geschmacklose Klips.
    So steht es geschrieben bei Günter Grass: Die Blechtrommel (S. 214 – Sonderausgabe Sammlung Luchterhand 147 – 13. Auflage 1979 – Hermann Luchterhand Verlag, Darmstadt und Neuwied).

Es sind Ohren, die es mir angetan haben. Ich meine weniger das Hörorgan, sondern das äußere Ohr, die Ohrmuschel. Andere gucken auf den Po oder den Busen einer Frau. Ich betrachte mir die Ohren. Wohlgeformt müssen sie sein, geradezu aerodynamisch gerundet, und Ohrläppchen sollten sie haben. Denn alle Ohren ohne oder mit festgewachsenem Läppchen – wie bei Grass’ Maria – sind die von außerirdischen Damen, ja, das ist meine Meinung: weibliche Aliens! Es sind keine „Schlüsse über den Charakter“, es sind Schlüsse über die Herkunft! Aus entfernten Galaxien kommen sie, um sich bei uns „einzuschleichen“. Ob nun mit Darwin-Höckerlein oder ohne, schaut auf die Ohrläppchen, ob sie „in das Fleisch überm Unterkiefer“ verwachsen sind oder ganz und gar ohne diese lediglich mit Knorpel enden.

Ihr wollt ein Beispiel? Natalie Portman, ihres Zeichen Schauspielerin und sicherlich eine schöne Frau – sie spielte in einem Film namens Mars Attacks! (sic!) und in den drei Folgen Starwars Episode I, II und III die Königin und spätere Senatorin Padmé Amidala vom Planeten Naboo (nochmals: sic!). Ist das nicht Beweis genug? Außerirdisch, wenn auch sonst den Menschen gleich.

Ganz anders Demi Moore. Ich meine die junge Demi Moore aus Filmen wie Ghost – Nachricht von Sam. Da ist das Ohr wunderbar wie auf einer Achterbahn geschwungen und endet in einem fleischigen, ich nenne es knubbeligen Ohrläppchen. Wunderbar!

Natalie Portman: Ohr

Demi Moore: Ohr

David Bennent: Ohr

Natalie Portman: Ohr

Demi Moore: Ohr

David Bennent: Ohr

Noch etwas anders Oskar Matzerath, ich meine David Bennent, sein Darsteller in Schlöndorffs Film. Auch im Erwachsenenalter klein geblieben, sind seine Ohren (es dürfen auch einmal männliche Ohren sein) der Inbegriff der Bodenständigkeit – auch wenn sie etwas zum Segeln einladen mögen.

Was wären wir ohne Ohren – rein optisch gesehen. Es war Vincent van Gogh, der sich ein Ohr, einen Teil des Ohres oder vielleicht doch nur das Ohrläppchen abgeschnitten hat (geklärt wurde das irgendwie nie – und vielleicht war der Übeltäter sogar Paul Gauguin, mit dem van Gogh Streit hatte). Der Vorfall gilt als erste Manifestation seiner psychischen Erkrankung: Ohrverlust als Gesichtsverlust! Ohne Ohren ist das menschliche Gesicht doch ziemlich entstellt. Wer seine Ohren nicht mag, versteckt diese gern unter wallenden Locken.

Natürlich kann ich das Antlitz eines Menschen nicht auf seine Ohren reduzieren. Ohne Nase (in einem früheren Beitrag habe ich wohl etwas zu Nasen geäußert – ganz am Schluss des Beitrags: Was ist bloß mit Ian los? Teil 16: Ians kleiner Finger), ohne Mund, ohne Augen – unvorstellbar! Aber die Ohren werden oft übersehen, einfach ignoriert. Dabei kann in ihnen soviel Anmut, geschwungene Schönheit liegen. Erst wenn sie offensichtlich fehlen, werden die meisten ihrer bewusst.

Der Gott des Gemetzels

Der Gott des Gemetzels (Originaltitel: Carnage) ist eine schwarze Komödie von Roman Pola?ski aus dem Jahr 2011. In der Rolle des Alan Cowen ist Christoph Waltz zu sehen. Der Film basiert auf dem preisgekrönten Theaterstück Der Gott des Gemetzels der französischen Dramatikerin Yasmina Reza.

Buch „Der Gott des Gemetzels“: Mit 7 Fotos aus der Zürcher Inszenierung Uraufführung und Film als DVD bzw. BluRay Gott des Gemetzels sind im Handel erhältlich.


Roman Polanski: Der Gott des Gemetzels

Brooklyn Bridge Park, New York: Ein Elfjähriger gerät in einen Streit mit mehreren gleichaltrigen Mitschülern und schlägt einem der anderen Jungen mit einem Stock ins Gesicht, der dabei – wie wir später erfahren – zwei Zähne verliert. Kurze Zeit später treffen sich Michael (John C. Reilly) und Penelope Longstreet (Jodie Foster), die Eltern des Verletzten, in ihrer Wohnung mit Alan (Christoph Waltz) und Nancy Cowen (Kate Winslet), den Eltern des Schlägers. Schnell verständigen sie sich über die Streitpunkte und wollen wieder getrennte Wege gehen – man ist schließlich zivilisiert. Doch als die Cowens eigentlich schon aus der Tür sind, lassen sie sich noch zu einem kleinen Kaffee überreden. Nun kommt das Quartett doch wieder zum Streit der Kinder zurück und es zeigt sich, dass hier gar nichts geklärt ist. Schnell erhitzen sich die Gemüter immer weiter, es kommt zu einer vehementen Auseinandersetzung, in der es bald um ganz andere Dinge geht. Dabei werden munter die Fronten gewechselt und als auch noch Alkohol ins Spiel kommt, eskaliert die Situation völlig.

aus: filmstarts.de

    Roman Polanski: Der Gott des Gemetzels

Teile deinen Single Malt nur mit Menschen, die du kennst und magst … kann ich dazu nur sagen. Der Film ist eine köstliche Komödie, die trotz aller Übertreibungen aufzeigt, wo wir mit unserer ganzen Zivilisiertheit stehen, wenn wir bis auf den Grund herausgefordert werden. Da werden Frauen zu Furien und Männer zu abscheulichen Ekeln. Dabei muss man nicht gleich mit Messer und Gabel aufeinander losgehen. Der verbale Schlagabtausch allein hat es schon in sich und kann manchmal schlimmer verletzen als jede Schlag- oder Stoßwaffe.

Und kommt dann noch Alkohol ins Spiel (in Form eines edlen Single Malt Whisky aus Schottland), dann steigert sich das Ganze zu einer Orgie, bei der dann auch Gegenstände wie Smartphones, Blumen, Bildbände und Handtaschen dran glauben müssen.

Roman Pola?ski hat mit Jodie Foster, Kate Winslet, John C. Reilly und besonders Christoph Waltz ein Ensemble an schauspielerischen Schwergewichten versammelt, die ein nicht enden wollendes Dialogfeuerwerk voller satirischer Pointen und humoristischer Highlights bieten.

Dabei ist der Film eigentlich erschreckend: Unter dem Mäntelchen wohlfeiner Umgangsformen verbirgt sich ein Vulkan an verdrängter Wut, ja Hass und Ekel. Die Verlogenheit der Manieren, die sich in Schmeicheleien, einem ewig Vernünftigseinmüssen äußert, wird schnell aufgedeckt, wenn sich erst einmal der Boden unter den Füßen öffnet. „Es ist die pure Mechanik, und sie können nichts dagegen tun, es ist stärker als sie. Das Zwanghafte, es sitzt in den Augenfalten von Jodie Foster, im gemütlichen Gesichtsfett von John C. Reilly, im Grinsen von Christoph Waltz, in der bodenlosen Nervosität von Kate Winslet.“ (Peter Kümmel: Von schlimmen Eltern. In: Die Zeit)

Es ist ein Film, der auf hohem Niveau amüsiert und doch gleichzeitig zum Nachdenken anregt. Wie sind wir eigentlich, was schlummert in uns, in den tiefen Abgründen unserer Seele? In vielem erinnert mich der Film an Theaterstücke von Tennessee Williams, wie z.B. Die Katze auf dem heißen Blechdach. Oder an Wer hat Angst vor Virginia Woolf von Edward Albee – z.B. in der Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Richard Burton.

Übrigens: Das Stück lief im letzten Jahr auch im Theater am Goetheplatz in Bremen (Theater Bremen). Mein jüngerer Sohn besuchte das Stück.

Heute Ruhetag (30): Albin Zollinger – Pfannenstiel

Sein Vorname ist mein Nachname. Hätte nicht der damals noch junge Max Frisch die Begegnung auf dem Pfannenstiel mit ihm, drei Wochen vor seinem Tod im Alter von nur 46 Jahren, in seinem „Tagebuch 1946–1949“ festgehalten, Albin Zollinger (1895 – 1941) wäre uns so gut wie unbekannt geblieben. Dabei gehörte er zu den weitsichtigsten kritischen Schweizer Intellektuellen seiner Zeit.

Bevorzugt schrieb er in Zürcher Kaffeehäusern, wohin er jeweils von Oerlikon, heute einem Stadtteil von Zürich und bis 1934 selbständige Gemeinde, nach der Schule mit der Straßenbahn fuhr. Fast legendär war in den 30er Jahren sein Marmortischchen im Café Terrasse. Dort war er oft in Gesellschaft von weiteren Zürcher Literaten und Kulturschaffenden anzutreffen.

1940 veröffentlichte Albin Zollinger den Roman „Pfannenstiel – Die Geschichte eines Bildhauers“. Darin beschreibt er den Höhenzug als «ein Grat von schlichtem Verlauf, welchem sonderliche Überraschungen nicht eigentlich zugetraut werden konnten». Im Roman wird ein in die Schweiz zurückgekehrter Bildhauer von der politischen Realität enttäuscht, zieht sich auf den Pfannenstiel zurück, baut sich dort ein Haus und findet eine intakte dörfliche Gemeinschaft.

Kein Wunder, dass Max Frisch die Begegnung mit Zollinger in Erinnerung blieb. Beide hatten ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrer Heimat, der Schweiz. Nachdem Frisch jahrelang im Ausland gelebt hatte, beschäftigte er sich nach seiner Rückkehr zunehmend kritisch mit seinem Heimatland. Im Roman „Pfannenstiel“ ist die Thematik ähnlich.

Heute Ruhetag = Lesetag!

Zwei Freunde, Bildhauer, reisten zusammen von Paris nach der Schweiz zurück.

Sie waren nicht mehr jung; einige vierzig; dem Dunklen, zur Behäbigkeit neigenden, lichtete sich das Haar von seinem Wirbel aus, der andere, der ein Hüne war, trug noch die Mähne eines Jünglings. Beide blickten sehr jugendlich aus den Augen, nach deren Bläue beurteilt sie hätten Brüder sein können; die von Stapfer schienen verträumter, Krannig hatte den Schalk im Gesicht.

«Pass auf, es wird sein wie immer,» sagte er gegen das Scheibenglas, «wir kommen gleichsam in eine moosige Luft hinein, alles ist sehr traulich muschlig, die Dinge überraschen dadurch, dass sie noch etwas niedlicher sind als man sie sich vorsichtigerweise dachte; sogar die Alpen erstaunen auf den Abstand durch ihre geringe Höhe – wenn man freilich an sie herantritt . . . ! Die Seen erscheinen als Flüsse, und immer halten die Züge, kaum dass sie in Bewegung gekommen sind.»

«Ja,» antwortete der blonde Landsknecht, «und alles das ist gewiss sogar nicht wenig sinnbildlich für das Ganze. Aber du weisst, wir kommen nicht los davon; dieses sonderbare Ländchen beschäftigt uns mit seinen Mängeln ebenso wie mit seinen Zaubern. Was hab ich nicht Heimweh ausgestanden! Meist sah ich den Pfannenstiel in Blust und Amseln.»
«Es wird sich zeigen, ob die Luft unserer Arbeit zuträglich ist oder nicht. Ihr Gehalt an Säuerlichkeit ist zu fürchten, einer Säuerlichkeit, die den Bienenstock nicht verlässt. Mein Gott, schliesslich ist es Hochland, ein Hochland mit Hagebutten; die Kapellen geraten ein wenig spröder, die Ornamente schnörkliger – Bernini, nein, für dergleichen ist die Atmosphäre allzu gestopft, allzu frostig: Reisläufer sind daher herabgestiegen, Kerle immerhin, die die Welt veränderten, und das Hochland hat seine unergründlichen enzianblauen Wasser.»

«Für mich fürchte ich weniger als für dich; doch ist mir beides gleich denkbar, dass sie die Käseglocke ihres Stillschweigens über dich setzen oder aus dem Bedürfnis nach der Gegenart dich vergötzen werden. Du müsstest dich in Sorrent ansiedeln, Orangengärten mit deinem appollinischen Geschlecht bevölkern, du Göttersohn.»

[…]

Kapitel 1: Marie
Geschrieben März/April 1940

Albin Zollinger - Pfannenstiel

Albin Zollinger: PfannenstielDie Geschichte eines Bildhauers

Friedrich Glauser: Der Tee der drei alten Damen

Neben den fünf Wachtmeister Studer-Romanen (Verkachelte Fälle: Wachtmeister Studers Fälle) schrieb Friedrich Glauser noch einen weiteren Kriminalroman, der im Genf der dreißiger Jahre den Schauplatz internationaler Intrigen, schwarzer Magie und rätselhafter Todesfälle bildet. Glausers erster Kriminalroman wurde erst nach seinem Tod 1938 veröffentlicht: Der Tee der drei alten Damen

    Friedrich Glauser: Der Tee der drei alten Damen (Diogenes)

Als Glauser Geld brauchte, schrieb er diesen, seinen ersten Krimi – und gleichzeitig eine Parodie auf dieses Genre. Er lässt neben einer ganzen Anzahl fiktiver Personen auch vier Genfer Persönlichkeiten leicht verfremdet auftreten, die im doppelgesichtigen Genf zu Beginn dieses Jahrhunderts ihre mehr oder minder gewichtige Rolle spielten. Letztlich aber geht es im temporeichen und verwirrlich-bunten Cocktail aus Phantasie und Realität um die Frage nach dem Geheimnis, dem Mysterium schlechthin und nach den mannigfaltigen Mitteln zu seiner Erkenntnis. Dass dabei auch noch die hohe Politik hineinspielt, etwa mit dem Völkerbund, mit Ölfunden in einem indischen Randstaat und mit dem britischen und dem sowjetischen Geheimdienst, macht die Lektüre des Buches zum Vergnügen für all diejenigen, die Glausers feinsinnige Charakterzeichnung und Atmosphärengestaltung lieben.

Genf zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Mit deutlichen Anzeichen einer Vergiftung sterben kurz hintereinander zwei Männer. Verdächtigt wird ein prominenter Professor, der zu beiden Toten engen Kontakt hatte. Ciryll Simpson O’Key, ein Agent der britischen Krone, mischt sich in die Ermittlungen der Polizei ein und findet einen Maharadscha eines indischen Randstaates, der in Genf weilt, um seine Ölquellen zu verkaufen. Daran wiederum haben auch die Russen Interesse. Und schließlich gibt es Gerüchte über drei alte Damen, die regelmäßig Männer zum Tee einladen …

Drei Jahre arbeitete Friedrich Glauser an „Der Tee der drei alten Damen“ und schuf damit nicht nur ein frühes Zeugnis des deutschsprachigen Kriminalromans, sondern zugleich auch eine Krimi-Parodie.

Siehe auch den Artikel auf hr-online.de zu dem Hörspiel, das der Schweizer Rundfunk 1964 ausgestrahlt hatte: Der Tee der drei alten Damen

Die Kriminalromane von Friedrich Glauser sich in unterschiedlichsten Ausgaben erhältlich: Friedrich Glausers Kriminalromane

Glauser selbst bezeichnete den „Tee der drei alten Damen“ als „Schundroman mit Hintergründen“, doch trivial ist dieses Gemisch aus Fakten und Fiktionen, diese Mischung aus Phantasie und Realität, aus Drogenrausch und Parapsychologie keinesfalls. Glausers eigene Drogensucht zieht sich durch dieses Buch wie ein Leitfaden, an dem Rausch und nüchterne Beobachtung gleichermaßen hängen, wie die sonst so tadellose Schweizer Gesellschaft. Der Roman enthält dabei viel Witz und ist, wie bereits erwähnt, eine Parodie auf Kriminal- und auch Spionageromane.

Am 1. Januar 2009 verfiel die Regelschutzfrist der Werke Glausers. Daraufhin veröffentlichte das Projekt Gutenberg-DE seiner Kriminalfälle online – hier die Links zu dem Roman:

1941 Der Tee der drei alten Damen

Zu Friedrich Glauser selbst, dessen Leben allein romanwürdig ist: Geboren am 4.2.1896 in Wien, gestorben am 8.12.1938 in Nervi bei Genua, begraben auf dem Friedhof Manegg in Zürich. Er wurde aus der Schule gewiesen, weil er die Lyrik eines Lehrers abschätzig rezensiert hatte. Wegen »liederlichen und ausschweifenden Lebenswandels« ließ sein Vater ihn entmündigen. Glauser hatte in Zürich nicht Chemie studiert, sondern war dem Dadaismus und dem Morphium verfallen. Er geriet in ein wahnwitziges Karussell von Irrenanstalten, Zuchthäusern und Kliniken, von dem er mit Hilfe der Pflegerin Berthe Bendel absprang. Ein erster Versuch, aus dem Teufelskreis auszubrechen, war von seinem Vater unterstützt worden: Ihm war es nur recht gewesen, seinen Sohn in die Fremdenlegion verschwinden zu sehen. Glausers Erstling ›Gourrama‹ handelt von dieser Zeit. Am 6. Dezember 1938, einen Tag vor der geplanten Hochzeit mit Berthe, fiel er – wahrscheinlich durch eine Überdosis Schlafmittel – in eine tiefe Bewußtlosigkeit, aus der er nicht mehr erwachte.

Verkachelte Fälle: Wachtmeister Studers Fälle

Während meines Sommerurlaubs im letzten Jahr hatte ich auf der Leseliege verharrend begonnen, Friedrich Glausers Wachtmeister Studer-Romane (Studer ermittelt – Sämtliche Kriminalromane in einem Band, Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2009) zu lesen. Begonnen hatte ich da mit dem ersten Roman Wachtmeister Studer

Friedrich Glauser: Studer ermittelt (Zweitausendeins)

Am Anfang des modernen Kriminalromans steht Friedrich Glauser. Seine fünf Romane um den Wachtmeister Studer sind zeitlose Meisterwerke der literarischen Spurensuche. Dem landständig schlicht auftretendem Ermittler von der Berner Kantonspolizei werden nur die besonders kratzigen Fälle anvertraut. Er löst sie mit Hartnäckigkeit, genauer Beobachtungsgabe und feiner Menschenkenntnis.

In seinem ersten Fall untersucht Wachtmeister Studer den rätselhaften Todesfall des Kaufmanns Wendelin Witschi. Wurde er vom vorbestraften Gärtnergehilfen Schlumpf ermordet? Als Studer den Tatort intensiv sichtet, entdeckt er eine ganz andere Spur … In Matto regiert wird der Direktor einer Heil- und Pflegeanstalt mit gebrochenem Genick aufgefunden. Unfall oder Mord? Es bleibt nicht der einzige Todesfall … Die Fieberkurve: Erst eine Reise nach Marokko bringt die Lösung dieses spektakulären Falles. Krock & Co: Der junge Detektiv Stieger wird mit einer angespitzten Fahrradspeiche erstochen. Wenig später wird sein Chef vergiftet. Was hatten sie herausgefunden? Der reiche James Jakob Farny, der wegen seine Augen Der Chinese genannt wird, liegt tot auf dem frischen Grab seiner Nichte. Doch der Revolver neben ihm ist nicht die Tatwaffe … mit dabei auch Glausers Erzähldebüt, der Kriminalroman Der Tee der drei alten Damen.
(aus dem Klappentext)

Während der wenigen Resturlaubstage jetzt im Winter habe ich die Zeit genutzt, um auch die restlichen Romane aus der über 1100 Seiten starken Zweitausendeins-Ausgabe zu lesen. Beim Halten des Buches kann man schnell Krämpfe bekommen (und hat am Ende einen ‚Tennisarm’). Aber die Krimis haben mir besonders durch das Lokalkolorit gefallen, die Schweiz in den 30-er Jahren des letzten Jahrhunderts. Und der Wachtmeister Studer ist einfach ein Ermittler der ganz eigenen Art: durch und durch menschlich ohne jegliche Allüren.

Nach Ansicht der Wachtmeister Studer sind all die Fälle, mit denen er vertraut wird, äußerst ‚verkachelt’, also ‚verkachelte Fälle’. Um sie zu lösen, hat er seine ganz eigenen Methoden, die er dann auch wie folgt beschreibt:

    Es handelte sich darum, den Fall anders anzupacken. Erstens: man mußte sich im Hintergrund halten. Zweitens: es war notwendig, alle Mitspieler kennenzulernen, sich einzuschleichen, nach und nach, in ihr Vertrauen, mit ihnen zu leben, eine Zeitlang, um dann die kleinen Beobachtungen, die alltäglichen, zusammenzusetzen, wie man ein Steinbett legt als Fundament einer Straße. Stein an Stein, geduldig … Endlich ist der Weg fertig und er führt zum Schuldigen …
    (Krock & Co, S. 789)

Die Kriminalromane von Friedrich Glauser sich in unterschiedlichsten Ausgaben erhältlich: Friedrich Glausers Kriminalromane

Mich interessieren natürlich immer auch die Lokalitäten, also die Orte, wo die Fälle spielen. So wird auch mindestens zweimal die Wohnadresse von Jakob Studer in Bern genannt, allerdings nur der Straßenname. Aber im Roman „Krock & Co“ erfahren wir dann auch noch die Hausnummer dazu: Thunstraße 98, Bern, in einer Dreizimmerwohnung. Aber „dort, wo das Haus Nummer 98 stehen müßte, zweigt eine Seitenstraße ab und läuft an einem Fabrikgelände vorbei, das so aussieht, als sei es einmal ein Straßenbahn-Bahnhof oder -Depot gewesen.“ (Quelle: zeit.de)


Wachtmeister Studers Dreizimmerwohnung in der Thunstraße 98, Bern
Größere Kartenansicht

Interessant sind sicherlich auch die Mordsspaziergänge – Kriminalliterarische Wanderungen im Kanton Bern (u.a. als Buch Mordsspaziergänge – mit 1 Audio-CD), in der u.a. zwei Studer-Krimis abgehandelt werden.

Am 1. Januar 2009 verfiel die Regelschutzfrist der Werke Glausers. Daraufhin veröffentlichte das Projekt Gutenberg-DE seiner Kriminalfälle online – hier die Links zu den fünf Wachtmeister Studer-Romanen:

1934/35 Wachtmeister Studer
1936 Matto regiert
1938 Die Fieberkurve
1938 Der Chinese
1940 Krock & Co.

Außerdem tritt Wachtmeister Studer noch in den folgenden zwei Erzählungen von Friedrich Glauser auf:

Der alte Zauberer
Der Schlossherr aus England

Salcia Landmann: Jüdische Witze

    „Warum hat Kain Abel erschlagen?“
    „Weil Abel ihm alte jüdische Witze erzählt hat.“

Eigentlich mag ich es nicht, wenn in Gesellschaft Leute meinen, die Stimmung durch das Erzählen von Witzen heben zu müssen. Meist sind es schlüpfrige, also ‚unanständige’ Witze, bei denen dann mindestens die Hälfte der Anwesenden pikiert daherschaut. Oder es sind Witze mit langem Bart, also Witze, die man schon zum tausendsten Mal gehört hat. Und bei manchem Kalauer stöhnt dann bereits die ganze Mannschaft. Geistreiche, vielleicht auf Wortspiele beruhende Witze sind doch eher selten.

Wenn ich Witze mag, dann sind es oft Witze, die man dem ‚trockenen’ bzw. dem schwarzen Humor zurechnet, z.B. also den britischen Humor mit seinen oft absurden Elementen wie bei Monty Python oder in Deutschland bei Loriot. Die Grenzen des guten Geschmacks sollten nicht unbedingt überschritten werden.

Eine besondere Art ist der jüdische Witz:

„Der jüdische Witz nimmt in der Weltliteratur eine Sonderstellung ein. Er ist tiefer, bitterer, schärfer, vollendeter, dichter, und man kann sagen, dichterischer als der Witz anderer Völker. Ein jüdischer Witz ist niemals Witz um des Witzes willen, immer enthält er eine religiöse, politische, soziale oder philosophische Kritik; und was ihn so faszinierend macht: er ist zugleich Volks- und Bildungswitz zugleich, jedem verständlich und doch voll tiefer Weisheit.

Durch Jahrhunderte war der Witz die einzige und unentbehrliche Waffe des sonst waffen- und wehrlosen Volkes. Es gab – besonders in der Neuzeit – Situationen, die von den Juden seelisch und geistig überhaupt nur mit Hilfe ihres Witzes bewältigt werden konnten. So lässt sich behaupten: Der Witz der Juden ist identisch mit ihrem Mut, trotz allem weiterzuleben. – Salcia Landmann hat es unternommen, die verstreuten und oft nur mündlich überlieferten jüdischen Witze zu sammeln und zu ordnen. Ihre Auswahl, die alle thematischen bereiche umfaßt, geht eine soziologische Interpretation voraus, in der zugleich über Herkunft, Geschichte und Niedergang des jüdischen Witzes berichtet wird.“
(aus dem Klappentext)

„Zweierlei wollte ich mit meinem Buche: den tragischen Hintergrund des jüdischen Witzes aufzeigen, und diesen Witz selber heute, nach dem Untergang des europäischen Judentums, für den deutschsprachigen Leser sammeln und vor dem Vergessenwerden bewahren.

[…]

Wohin man blicken mag – die Bedingungen, welche den jüdischen Witz erzeugt haben, findet man nirgends wieder. Ein Teil des jüdischen Volkes hat den Naziterror zu überleben vermocht – nicht aber sein Witz. Er gehört heute der jüdischen Vergangenheit an, genau wie das deutsche Volksmärchen der deutschen Vergangenheit angehört.

Wir können ihn nur noch sammeln, und, solange er uns in seinen Voraussetzungen noch nicht fremd geworden ist, verstehen.“
Salcia Landmann in: Der jüdische Witz und seine Soziologie

Salcia Landmann: Jüdische Witze

Wenn manches nicht so traurig wäre, würde man lachen – sagt man. Der Jude lacht. Und ich habe bei dem Buch Jüdische Witze – ausgewählt und eingeleitet von Salcia Landmann: Der jüdische Witz und seine Soziologie, mit einem Geleitwort von Carlo Schmid – dtv 21017 – Deutscher Taschenbuch Verlag – 5. Auflage 2011 (zuerst erschienen 1960 im Walter Verlag, Olten) mitgelacht.

Die Ostjuden pflegten zu behaupten:
Wenn man einem Bauern einen Witz erzählt, lacht er dreimal. Das erstemal, wenn er den Witz hört, das zweitemal, wenn man ihm den Witz erklärt, das drittemal, wenn er den Witz versteht.
Der Gutsherr lacht zweimal: das erstemal, wenn er den Witz hört, das zweitemal, wenn man ihn erklärt. Verstehen wird er ihn nie.
Der Offizier lacht nur einmal, nämlich wenn man ihm den Witz erzählt. Denn erklären läßt er sich prinzipiell nichts, und verstehen wird er ohnehin nicht …
Erzählt man aber einem Juden einen Witz, so sagt er: „Den kenn ich schon!“ und erzählt einen noch besseren.

Im Laufe seines Lebens hört man viele Witze, ob freiwillig oder nicht. Fast alle vergisst man schnell wieder. So kenne ich nur wenige Witze und diese auch nur, weil sie kurz, also prägnant, etwas absurd und nach meinem Verständnis eben ‚witzig’ sind. Und zwei dieser Witze, die sich mir eingeprägt haben, finden sich in diesem Buch mit jüdischen Witzen, wenn auch in Abwandlung (im zweiten Witz ist es bei mir kein Rebbe, also Rabbi, sondern ein Pastor), seltsamerweise (oder auch nicht) wieder. Es beweist zumindest, dass meine Vorliebe für den jüdischen Witz, wenn auch unbeahnt, schon früh bestand:

Berel, Nichtschwimmer, plätschert im seichten Fluß – plötzlich gerät er in eine tiefe Stelle und brüllt um Hilfe. Schmerel: „Berel, was schreist du?“
„Ich habe keinen Grund!“
„Wenn du keinen Grund hast – was schreist du dann?“
(S. 89)

Ankunft in Krotoschin: „Sagen Sie, wo wohnt der Rebbe?“
„Dort hinüber.“
„Aber da kann doch der Rebbe nicht wohnen, da ist doch der Puff?“
„Nein, der Puff ist hier links.“
„Danke.“ Und geht links.
(S. 249)

Auf über 360 Seiten finden sich in dem Buch unzählige Witze – thematisch gegliedert. Es gibt wirklich viel zu lachen – oder zumindest zum Schmunzeln. Hier nur eine kleine Auswahl von Witzen, die mir besonders gefallen haben:

Schmul ist von der Straßenbahn abgesprungen und unsanft auf dem Toches (Gesäß) gelandet.
„Sind Sie niedergefallen?“ fragt ein mitleidiger Passant.
Schmul: „No na, so steig ich immer aus!“
(S. 94)

Gespräch auf dem Bahnsteig.
„Wohin fährst du?“
„Nach Warschau, Holz einkaufen.“
„Wozu die Lüge? Ich weiß doch: wenn du sagst, du fährst nach Warschau, Holz einkaufen, dann fährst du in Wirklichkeit nach Lemberg, Getreide verkaufen. Zufällig weiß ich aber, daß du tatsächlich fährst, um Holz zu kaufen. Warum lügst du also?“
(S. 107)

Joine Nelken sitzt im Theater bei ‚Maria Stuart’. Es wird immer tragischer, und er weint bitter. Plötzlich sagt er zu sich selbst: „Mein Gott, was treib ich daß Ich kenn sie nicht, sie kennt mich nicht – was reg ich mich so auf?“ (S. 274)

Schmul vor dem Goethe-Denkmal: „No – wer ist er schon? Kein Feldherr, kein Kaiser … bloß die ‚Räuber’ hat er geschrieben!“
„Was für Stuß (Unsinn)! Die sind doch von Schiller!“
„No also: Nicht einmal die ‚Räuber’ hat er geschrieben.“
(S. 274)

Ein Jude sitzt neben einem fremden Herrn im Varieté.
Ein Vortragskünstler tritt auf. Der Jude dreht sich seinem Nachbarn zu und flüstert: „Einer von unsere Leut!“
Eine Sängerin tritt auf. „Auch von unsere Leut“, sagt der Jude. Ein Tänzer kommt auf die Bühne. „Auch von unsere Leut“, erklärt der Jude.
„O Jesus!“, stöhnt der Nachbar angewidert.
„Auch von unsere Leut“, bestätigt der Jude.
(S. 292)

1933. In einem deutschen Amtsgebäude meldet sich ein Jude mit der Bitte, seinen Namen ändern zu dürfen. Der Beamte: „Im allgemeinen lassen wir uns auf Namensänderungen nicht ein. Aber Sie werden wohl starke Gründe haben. Wie heißen Sie denn?“
„Adolf Stinkfuß.“
„Ja – da muß man schon Verständnis haben. Wie möchten Sie heißen?“
„Moritz Stinkfuß.“
(S. 324)

Weiteres Material zu diesem Buch und natürlich auch Witze findet man unter: Was ist Jüdischer Witz?

Polnisch-jüdisches Sprichwort:
Wenn man arbeitet, hat man keine Zeit, Geld zu verdienen. (S. 201)

Schön ist auch dieser Witz, der den Talmud, eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums, zu erklären versucht:

„Joine, du warst doch auf der Jeschiwe (Talmudhochschule). Kannst du mir erklären, was das ist: Talmud?“
„Ich will es dir an einem Beispiel erklären, Schmul. Ich will dir stellen eine talmudische Kasche (Frage, Problem): Zweie fallen durch den Schlot. Einer verschmiert sich mit Ruß, der andere bleibt sauber … welcher wird sich waschen?“
„Der Schmutzige natürlich!“
„Falsch! Der Schmutzige sieht den reinen – also denkt er, er ist auch sauber. Der Reine aber sieht den beschmierten und denkt, es ist auch beschmiert; also wird er sich waschen. – Ich will dir stellen eine zweite Kasche. Die beiden fallen noch einmal durch den Schlot – wer wird sich waschen?“
„Na, ich weiß jetzt schon: der Saubere.“
„Falsch. Der Saubere hat beim waschen gemerkt, daß er sauber war; der Schmutzige dagegen hat begriffen, weshalb der Saubere sich gewaschen hat – und also wäscht sich jetzt der Richtige. – Ich stelle dir die dritte Kasche: Die beiden fallen ein drittes Mal durch den Schlot. Wer wird sich waschen?“
„Von jetzt an natürlich immer der Schmutzige.“
„Wieder falsch! Hast du je erlebt, daß zwei Männer durch den gleichen Schlot fallen – und einer ist sauber und der andere schmutzig?! Siehst du: das ist Talmud.“
(S.98f.)

Vor dem Holocaust gab es etwa 12 Millionen Menschen, die meisten davon in Osteuropa, die eine Sprache sprachen, die heutzutage neben älteren Menschen aller jüdischen Glaubensrichtungen vor allem chassidische Juden als Umgangssprache sprechen: Jiddisch, eine westgermanische Sprache, die aus dem Mittelhochdeutschen hervorging und dabei semitischen und slawischen Elemente benutzt. Über das Jiddische sind viele hebräische Wörter und Begriffe in die deutsche Sprache geflossen, die auch noch heute verwendet werden. Die jiddisch sprechenden Juden nennen diese Sprache Mame-Loschen (wörtlich Muttersprache, Laschón hebräisch = Sprache).

Einige ‚Neuinterpretationen’ jiddischer Begriffe finden sich ebenfalls in diesem Buch – Aus dem Jiddischen Lexikon:

Chuzpe (Impertinenz) = Lehrling
Dajes oder Daages (Sorgen) = Bilanz
Mischpoche (Familie, Klan) = beleidigt
Mizwe (religiöses Gebot, Wohltat) = eheliche Pflicht
Nadan (Mitgift) = die Hälfte
Stuß (Unsinn, Quatsch) = Liebe
Tinnef (Dreck) = Hochzeitsgeschenk
Toches (der Allerwerteste) = zweites Gesicht

Usw. (S. 255f.)

Es ist nun schon zwei Jahre her, da hatte ich an dieser Stelle eine 25-teilige Kolumne „Der Witzableiter“ von Eike Christian Hirsch, die 1984 im ZEITmagazin erschien, wiedergegeben und beendet. Wer möchte, findet hierzu den Anfang bzw. das Ende der Kolumne und kann sich – je nachdem – von vorn nach hinten oder von hinten nach vorn durchhangeln (das ist kein Witz):

Der Witzableiter (1): Totaler Blödsinn – ein Rückfall
Der Witzableiter (25): Abschied vom Witz, mit Humor

Joseph Caldwell: Das Schwein war’s

Bis gestern hatte ich noch Resturlaub aus dem alten Jahr und habe einige Bücher gelesen und abends Filme geguckt, die bisher ‚liegen’ geblieben waren. Dazu im Einzelnen später mehr. Zu Weihnachten bekam ich von meiner Frau u.a. einen Kriminalroman, der wohl ziemlich erfolgreich in Deutschland ist. Dieser spielt in Irland, obwohl er von einem US-amerikanischen Autoren ist: Joseph Caldwell: Das Schwein war’s (Aufbau taschenbuch 2627 – Aufbau Verlag, Berlin) – 2. Auflage 2010 – Originalausgabe: The Pig Did It (2008)). Es ist eigentlich mehr eine Liebesgeschichte, allerdings eine sehr verwickelte, und erinnert mich einwenig an Kriminalkomödien wie Kopf über Wasser oder den Hitchcock-Klassiker Immer Ärger mit Harry, denn es geht um einen Toten, der offensichtlich ermordet wurde. Die Frage ist nur: Von wem? Als Täter kommen drei Personen in Frage. Aber eines nach dem anderen … Übrigens: Das Schwein war es nicht; es hat lediglich den Toten ausgebuddelt.

„Eine stürmische Nacht an Irlands Steilküste: Eine Leiche, zwei Lieben und drei Tatverdächtige. Und mittendrin: Ein Schwein mit detektivischem Spürsinn.“
(aus dem Klappentext)

„Caldwell erzählt absurde Begebenheiten in einer leichten und humorvollen Sprache und überrascht mit einem Ende, das der Leser so nicht erwartet.“ (Publisher Weekly)

Joseph Caldwell: Das Schwein war’s

Aaron McCloud, ein Literaturprofessor aus New York leidet an Liebeskummer, denn eine Studentin, Phila Rambeaux, hat ihn abblitzen lassen. So reist er zu einer irischen Verwandten, seiner Tante Kitty McCloud, die in der Grafschaft Kerry in Irland beheimatet ist. Diese ist allerdings gerade einmal zwei Jahre älter als er.


Perry Street Greenwich Village/NY – Wohnanschrift von Aaron McCloud

Schon bei der Ankunft in Irland läuft Aaron McCloud ein Schwein über den Weg und erweist sich als äußerst anhänglich. Dieses gräbt, wie bereits erwähnt, im Garten der Tante die eine bereits zum Skelett verkommene Leiche des Dachdeckers Declan Tovey aus. Nun hatte dieser Declan Tovey offensichtlich früher einmal ein Verhältnis mit der Tante.

Da gibt es dann als weitere Hauptpersonen noch die Schweinezüchterin Lolly McKeever und Kieran Sweeney, der, obwohl die McClouds und die Sweeneys ein uralter Familienstreit trennt, in die Tante verliebt ist.

Am Ende haben sowohl die Tante als auch Schweinezüchterin und Kieran Sweeney Motive für die Ermordung. Und es kommt, wie es kommen muss: Alle drei bezichtigen sich selbst des Mordes. Aber es kann dann doch nur einer gewesen sein. Aber nur wer? Übrigens: Daran, die Polizei zu rufen, denkt keiner, außer Aaron McCloud, den man aber sehr schnell aufzuklären versteht:

„Gewiss würde sie die Herangehensweise der Iren begründen als von den Jesuiten ererbt und damit den unwiderlegbaren Beweis erbringen, dass bei Verbrechen der vorliegenden Art nicht die übliche Verfahrensweise in Betracht käme, dass die Beurteilung der Dinge nicht auf den Korridoren der Staatsgewalt, sondern mehr auf dem Gang im eigenen Haus erfolgen müsse. Es sei der heimische Herd und nicht der Gerichtssaal, wo man die Wahrheit zutage fördert, so wie auch Beweise nicht in dem grellen Schein von Neonleuchten im Labor erbracht werden, sondern eher im flackernden Licht des Kaminfeuers, wo die Schatten gleichermaßen über die Gesichter der Gerechten und der Schuldigen huschten. Wahrheit wäre höher zu bewerten als Rache, denn die Wahrheit als solche wäre die höchste Form von Strafe. Könne man sich eine größere Strafe vorstellen, als das die Wahrheit bekannt würde und alle Taten eines Menschen vor dem Auge des Klägers offengelegt werden? Ohne Gefängnismauern und folglich ungeschützt, ständig dem allwissenden Blick der bohrenden Wahrheit ausgesetzt, würde der Schuldige geistige und seelische Qualen erleiden, egal, wie er damit umgeht, ob er sich schaudernd verkriecht oder eine arrogante Gleichgültigkeit zur Schau trägt.“ (S. 93)

Nun der Roman beginnt etwas schleppend mit einer Schweinejagd von über zehn Buchseiten. Dann nimmt die Geschichte aber bald ihren Lauf und entwickelt sich zu einem sehr amüsanten, durchaus irisch geprägten Roman eben über Liebe, Leute und Landschaft – und reichlich Whiskey (den mit dem e) und Guinness fließen dann auch, sodass Aaron McCloud wohl schon Gespenster sieht, oder nicht?

„Aaron begriff, weshalb der Mann lächelte. Er lächelte, weil ihm seine Wiederkehr gelungen war. Er lächelte, weil er wusste, dass sein Schicksal und das Schicksal von Lolly McKeever für alle Ewigkeit miteinander verbunden waren. Keine Beziehung zueinander konnte inniger sein als ihre: die des Ermordeten zur Mörderin. Keine Leidenschaft konnte feuriger sein als die in den selbstvergessenen Momenten ihrer Verbindung: keine Liebe konnte sich messen mit der Intensität ihres Ineinanderverschmelzens.“ (S. 126 f.)

Natürlich ist diese Art von Kriminalroman Geschmackssache (siehe u.a. die eher kritische Rezension auf belletristiktipps.de). Stilistisch ist der Roman aber durchaus ausgefeilt, manchmal etwas langatmig, aber das liegt eher an dem irischen Element, denn die Iren schwelgen gern wortgewaltig in ihrem Redefluss – und wenn ein Tröpfchen guter alter Whiskey mit hineinspielt, dann wird’s oft ausschweifend. Übrigens hat dieser Roman noch zwei Fortsetzungen. Mir hat die Schweine-Geschichte auf jeden Fall ganz gut gefallen …


Joseph Caldwell Profile (englisch)

Martin Walser: Finks Krieg

Martin Walser erzählt in seinem Roman Finks Krieg von dem Konflikt um eine Stellenbesetzung in der Hessischen Staatskanzlei, der sich von 1988 bis 1994 tatsächlich zugetragen hat. Im Mittelpunkt der Ereignisse steht der Leitende Ministerialrat Stefan Fink, der in der Staatskanzlei für die Verbindung zu den Kirchen zuständig ist. Als er im Zuge einer politischen Veränderung, einer Intrige, versetzt werden soll, wehrt er sich und führt, mit der Zeit immer einsamer werdend, einen langen Kampf über viele Instanzen, der Formen eines persönlichen Krieges annimmt. Je länger er diesen Kampf führt, desto mehr muß er erfahren, daß sein Krieg eben nur sein Krieg ist. Alle raten, diesen zu beenden, Fink dagegen ist der Meinung: ‚Jemand, der um sein Leben kämpft, kann nicht aufhören, um sein Leben zu kämpfen.’“
(aus dem Klappentext)

Martin Walser: Finks Krieg

Walsers Roman habe ich als Taschenbuch (Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main – st 2900 – erste Auflage 1998) vorliegen und erneut vor Weihnachten 2012 gelesen. Wie im Klappentext erwähnt bezieht sich der Roman auf einen tatsächlich zugetragenen Fall, den Fall des Rudolf Wirtz. Zum Hintergrund ist u.a. bei FOCUS Online im Artikel Schlacht der Leitz-Ordner zu lesen:

„Rudolf Wirtz, Katholik, Sozialdemokrat, seit 1970 Leitender Ministerialrat in der hessischen Staatskanzlei zu Wiesbaden, zuständig für Kontakte zu den Kirchen und Religionsgemeinschaften des Landes, wurde am 23. November 1988 über seine Versetzung informiert. Der Beamte fiel beim Chef der Staatskanzlei, Staatssekretär Alexander Gauland (CDU), in Ungnade, weil sich angeblich Kirchenvertreter über ihn, Wirtz, beklagt hätten. In zwei Eilverfahren wehrte er sich erfolgreich gegen die Versetzung. Gaulands durch eine eidesstattliche Versicherung untermauerter Verdacht gegen Wirtz wurde von den Kirchen weder bestätigt noch dementiert.

Zum vorläufigen Sieg des Beamten Wirtz trug auch bei, daß sich sein vermeintlicher Nachfolger, Wolfgang Egerter (CDU), als aktives Mitglied des völkischen Witiko-Bundes entpuppte und somit als untragbar für ein Amt, das unter anderem auch mit der jüdischen Gemeinde Kontakte zu pflegen hat. Um es kurz zu machen: Die rot-grüne Opposition meldete sich zu Wort, vornehmlich in Person von Joschka Fischer. Der forderte, vergeblich, die Entlassung Gaulands, bezeichnete später sein Verhalten gegenüber Gauland aber als ‚Fehler’.

Immerhin: Der Fall Wirtz avancierte zum Politikum. Am Ende blieb der Beamte in seinem Amt, womit er sich allerdings nicht zufrieden gab. Mit juristischen Mitteln wollte Wirtz Gaulands eidesstattliche Versicherung widerlegen, die Kirchen hätten sich unzufrieden über ihn, Wirtz, geäußert. Doch das Ermittlungsverfahren gegen Gauland wurde eingestellt. Der Fall Wirtz versickerte im Sande.“

Sicherlich benötigt der Leser dieses Romans einen gewissen Nerv, denn der finksche Karriere-Fall ist eigentlich nicht die Welt. Aber es ist doch erstaunlich, wie sich Martin Walser dieses Stoffs angenommen hat und in die Rolle des Stefan Fink alias Rudolf Wirtz geschlüpft ist. Beim Erscheinen des Buchs gab es den Vorwurf, Walsers ‚Psychologie’ stimme nicht so ganz. Aber es ist ja nicht Walser, der schreibt, sondern durch ihn schreibt der Beamte Fink. Und dessen Sichtweise wird im Laufe der Zeit immer verschrobener und lässt den Ich-Erzähler Fink zunehmend von sich selbst in der dritten Person reden. Sein Monolog wird zum ‚Selbstentzweiungsgespräch’. Ein altmodischer Mann, dem es um die Ehre geht – ‚der Posten war mein Lebenswerk’ (siehe hierzu den Artikel Kohlhaas im Amt – spiegel.de).

„Sein Kampf um Rehabilitierung nimmt bald kafkaeske Züge an und erinnert an Michael Kohlhaas; bald kann Fink an nichts anderes mehr denken. Das juristisch-bürokratische wird von einem kriegerischen Vokabular abgelöst.“ (Quelle: dieterwunderlich.de)

Sitzen bleiben mußten wir am Computer und einen Artikel entwerfen für eine noch zu findende, wenn nicht sogar zu erfindende Zeitschrift. Einen Artikel gegen das System, aber das Wort System durfte nicht vorkommen. Der Linguist hatte gerügt, daß der Beamte Fink alles, wogegen er anrenne, System nenne. So aber sei die Weimarer Republik von den Nazis genannt worden. Und überhaupt habe der Beamte Fink mit Don Quijote gemeinsam, daß er Erscheinungen so lange auf bausche, bis eine Windmühle herauskomme, gegen deren mächtige Flügel er dann anrennen könne. Das System, das sei die übermächtige Windmühle des Beamten Fink. Zum Schein hatte der Beamte Fink gefragt, wie er denn den Gegner zusammenfassend bezeichnen solle. Überhaupt nicht zusammenfassend, hatte der Linguist gesagt, differenzierend, analysierend, also auseinandernehmend …
Ach ja, ach ja. Mein Gott! Wie soll jemand, der im Krieg lebt, sich verständigen mit einem, der im Frieden lebt!
Martin Walser: Finks Krieg (S. 99 f)

Die vier Kapitel des Romans:

I. Der Rausschmiss [23.11.1988]
II. Unperson
III. Distelblüten
IV. Höhengewinn mit Tractatus skatologikus [etwa: Abhandlung vom Kot] oder Cacata Charta [etwa: Scheiß-Urkunde]

Geschichtlicher Hintergrund (Landesregierung Hessen):

11. Legislaturperiode 1983-87
Wörner SPD ab Oktober 1985 mit den Grünen (u.a. J. Fischer)

12. Legislaturperiode 1987-91
Wallmann CDU mit FDP

13. Legislaturperiode 1991-95
Eichel SPD mit den Grünen

Sicherlich ist dieser Roman nicht jedermanns Sache. Vielleicht sollte man selbst die Strukturen behördlicher Einrichtungen kennen gelernt haben, um einen gewissen Geschmack an diesem Roman zu finden. Man sagt, „Gottes Mühlen mahlen langsam“ und ergänzt das dann mit: „die des Staates aber noch langsamer!“. Bürokratie – und in Übersteigerung der Bürokratismus – findet sich im Besonderen bei staatlichen Stellen und ist als Beamtenwirtschaft verschrieen. Wer in die Zwickmühle des Staates gerät, findet kaum einen Ausweg heraus. Von daher gelingt Martin Walser mit diesem Roman eine Art Lehrstück zu diesem Thema.

Stefan Fink ist sicherlich ein gesitteter Mensch. Aber mit zunehmender Zeit im Verlauf des Verfahrens ‚verroht’ er förmlich und schmeißt mit Fäkalausdrücken um sich, dass es nur so kracht. Wer könnte sich nicht selbst manchmal mit dem Beamten Fink identifizieren?!

„Seit Koeppens Treibhaus 1953 erschienen ist, hat es ein besseres Buch über das leise Verhältnis von Macht und Wahn nicht gegeben.“ Frank Schirrmacher, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Kurt Grobecker: Alstergeschichten

Gestern war ich gewissermaßen auf dem Jungfernstieg in Hamburg spazieren. Diese Flaniermeile grenzt an die Binnenalster, den kleineren, südlichen Teil des Alstersees, der einen großen Teil des innerstädtischen Gebiets von Hamburg einnimmt. Der Alstersee (bestehend aus Binnen- und Außenalster) prägt Hamburg auf besondere Weise. Zu Weihnachten bekam ich nun von meiner Frau ein Buch mit interessanten Geschichten samt Informationen zur Alster geschenkt: Alstergeschichten: Kleine Laudatio auf Hamburgs große Liebe – Edition Temmen 2011, Bremen.

„Alles begann mit einem Rechenfehler: Als die Hamburger im Mittelalter einen Staudamm anlegen wollten, um mehr Wasser auf die Alstermühle des Müllers Hein Reese zu lenken, verkalkulierten sie sich und es kam zu einer Riesenüberschwemmung. Innerhalb kurzer Zeit stand ein weites Gebiet nordöstlich der Hansestadt von Rotherbaum bis Uhlenhorst unter Wasser. Wie der so entstandene Stausee, der den Stadtrat damals horrende Entschädigungen kostete, im Laufe der Jahrhunderte zu einem Herzstück der Stadt wurde, erzählt Grobecker unterhaltsam und pointenreich in diesem Büchlein. Wer die Lektüre einmal begonnen hat, wird sie höchstens unterbrechen, um die liebevoll geschriebenen Geschichten direkt vor Ort am Alsterufer auszulesen.“
(aus dem Klappentext)

Die Alster ist also eigentlich „ein erbärmliches Gesellenstück mittelalterlicher Wasserbauingenieure!“

„Doch wie kam es, dass sich der durch ein Unglück entstandene Alstersee im Laufe der Zeit zu einer topografischen Attraktion entwickelte, für die Hamburg von vielen anderen Städten beneidet wurde? Was hatte Heinrich Heine im Blickfeld, wenn er vor rund 190 Jahren auf der Terrasse des Alsterpavillons saß? Und wie hat sich seine Aussicht von damals bis heute verändert? Wie kamen die Alsterschwäne auf den See? Und können ‚Elbhanseaten’ auch ‚Alstermenschen’ sein?

Diesen Fragen geht Kurt Grobecker in seinem Büchlein ‚Alstergeschichten – Kleine Laudatio auf Hamburgs große Liebe’ auf den Grund.“ (Quelle: hamburg-magazin.de)

Der Autor schreibt einen sehr saloppen Stil und weist sich als Kenner Hamburgs in mehr als 70 Büchern über die Hansestadt und seine Geschichte aus. Kein Wunder, war er lange Zeit Leiter des Ressorts „Hafen und hamburgische Geschichte“ beim NDR und dort u.a. verantwortlich für das Hamburger Hafenkonzert, die älteste Live-Hörfunksendung der Welt.

Wie erwähnt gibt es von Kurt Grobecker noch viele andere Bücher zu Hamburg, die mir für den Interessierten der Hansestadt an Elbe und Alster lesenswert erscheinen.

Christian Hanke: Hamburgs Straßennamen erzählen Geschichte

Über 12 ½ Jahre habe ich in Hamburg gewohnt (Wo Willi wohnte) und seit über 30 Jahre arbeitet ich in Hamburg. Die Hansestadt steht also schon lange im Mittelpunkt meines Lebens. Trotzdem, die Hamburger mögen mir verzeihen, kann ich die kritiklose Bewunderung der Bewohner für ihre Stadt nicht ganz teilen. Da gibt es Städte (auch in Deutschland), die mir einen Tick mehr gefallen. Vielleicht waren die rund 25 Jahre in Bremen so prägend, sodass ich immer noch einen heißen Draht zu dieser anderen Hansestadt (die mit dem Schlüssel zum Hamburger Tor der Welt) habe. Aber das ist ein Thema für sich. Im Beitrag Hanseatische Rivalität habe ich das schon einmal kurz angerissen.

Natürlich ist Hamburg eine schöne und interessante Stadt. Nur für ganz so weltstädtisch, wie sie sich gern ausgibt, halte ich sie nicht. Da fehlt dann doch noch ‚een lütt beden’ (ein klein bisschen). Das heißt natürlich nicht, dass mich Hamburg en détail nicht interessiert. Zu Weihnachten 2011 hat mir meine Frau das Buch Hamburgs Straßennamen erzählen Geschichte: Mit Stadtteilrundgängen, Karten, Fotos und den neuesten Straßen – Medien-Verlag Schubert, Hamburg – 4. überarbeitete und ergänzte Auflage 2006 – von Christian Hanke geschenkt, dass ich im Laufe des letzten Jahres nicht nur durchgeblättert, sondern vollständig gelesen habe.

„Nach welchen ‚Jungfern’ ist der Jungfernstieg benannt? Wer waren Mönckeberg und Ballin? Was verbirgt sich hinter der Bezeichnung Schoppenstehl? Dieses Buch gibt Antworten auf viele Fragen, die Hamburger Straßennamen aufwerfen, und erzählt damit etwas von Hamburgs Geschichte. Es handelt aber auch von der Geschichte der Straßen selbst. Wußten Sie zum Beispiel schon, daß auf dem Gänsemarkt und auf dem Rödingsmarkt nie etwas verkauft wurde, oder das die Brandstwiete im Gegensatz zur Straße Brandsende nichts mit einem Brand zu tun hat? Rundgänge regen außerdem dazu an, sich näher mit einigen besonders vielseitigen Stadtteilen zu beschäftigen.“
(aus dem Klappentext)

Lt. diesem Buch gibt es in Hamburg 8476 amtlich benannte Straßen, Wege, Plätze und Brücken. Nicht jede ist aufgeführt, für die meisten bietet es meist kurze Erklärungen und will anregen, sich weiter mit den Namensgebern zu beschäftigen. Durch die Eingemeindung früherer Dörfer nach Hamburg gab es das Problem von doppelten Straßennamen. „Nachdem 1894 eine ganze Reihe von Vororten Hamburger Stadtteile geworden waren, tauchten manche Bezeichnungen nun sogar drei- und viermal auf. 1899 wurden daher 130 Straßen umbenannt und zum Teil zusammengezogen. Altona erlebte 1928 eine ähnliche Umbenennungsaktion …“. „Nach dem Ersten Weltkrieg wichen einige Namen aus dem Bereich der Hohenzollern-Monarchie verdienten Demokraten, die 1933 wiederum NS-Größen und braunen Märtyrern Platz machen mussten. 1938 wurden auch alle verdienten Juden von Hamburgs Straßennamen verbannt. 1945 kehrten die meisten der von den Nazis geschassten Demokraten und Juden zurück. In den Jahren 1947 bis 1952 erfolgte dann die größte Umbenennungsaktion […] 1613 Straßennamen bekamen […] neue Namen.“

Nun Hamburg liegt in Norddeutschland, also im niederdeutschen Sprachraum. So gibt es hier oft verwendete Begriffe bei Flurnamen, die aus dem Niederdeutschen stammen. Diese Begriffe werden in diesem Buch aufgeführt, hier nur einige Beispiele:

Barg – Berg
Bek – Bach
Brook – Bruch, feuchtes gebiet, Niederung
Büttel – Haus mit Grund und Boden
Deel – Teil oder Niederung
Diek – Teich oder Dickicht
Dörp – Dorf
Glind, Glinde – Umzäunung aus Latten, Brettern oder Pfählen, abgegrenztes Flurstück
Högen – Anhöhe, Hügel
Höpen – feste Stelle inmitten eines Moores
Hoff – Hof
Kark – Kirche
Liet(h) – sanft abfallend
Lo(h) – Waldlichtung oder Waldgebiet
Nien – neu
Ohe – Gehölz
Reye, Rei, Riggen, Ree – kleiner Wasserlauf
Sieth – seichte Stelle
Wisch – Wiese
Wort, woort – erhöhter Wohnhügel

Twiete ist ein gebräuchlicher Name für einen Verbindungsweg zwischen zwei Straßen oder einen schmalen Pfad zwischen den Häusern, und kommt in Hamburg ca. 110 Mal vor.

Während der 12 ½ Jahre, die ich in Hamburg lebte, bin ich einige Male umgezogen. So wohnte ich u.a. in der Grindelallee und in Hamburg-Niendorf im Vielohweg. Übrigens hat Hamburg ebenfalls eine Euckenstraße wie Bremen (wo ich in jungen Jahren bei meinen Eltern wohnte). Eine der bekanntesten Straßen (neben der Reeperbahn) ist in Hamburg natürlich der Jungfernstieg. Hier die jeweiligen Erläuterungen aus dem Buch:

Jungfernstieg (um 1680), Hamburgs schöner Boulevard an der Binnenalster wurde als Damm zur zweiten Aufstauung der Alster um 1235 errichtet. Er hieß zunächst „Der Damm“ oder „Reesendamm“ (s. auch Reesendamm/Altstadt) und wurde 1665 durch das Anpflanzen von Baumreihen in eine attraktive Flaniermeile umgestaltet, der vor allem die Hamburgerinnen zum Spaziergehen einlud. So wurde er mit der Zeit zum Jungfernstieg.

Hamburgs Jungfernstieg um 1900

Euckenstraße (1951), Rudolf Eucken (1846-1926), Philosoph, erhielt 1908 den Nobelpreis für Literatur. Vor 1951: Gneisenaustraße.

Grindelallee (1858), Grindelberg (1858), Grindelweg (1882), der Straßenzug Grindelallee-Grindelberg ist der alte Weg vom Dammtor nach Hohehluft. Lokstedt und Niendorf sowie nach Eppendorf (über den Lehmweg). Alle drei Straßen haben ihren Namen von dem Grindelwald, der mindestens bis zum Ende des 14. Jahrhunderts das Gebiet zwischen ihnen und den heutigen Straßen Grindelhof und Parkallee bedeckte. Grindel soll auf Alt-Plattdeutsch Riegel bedeutet haben. Der Wald wurde so benannt, weil hier durch den Eisbach (Isebek) ungebetene Gäste gestoppt werden konnten. Der Name könnte aber auch mit dem Wort Grind für Moor oder Sumpf zusammenhängen. Am Grindelberg wurden 1946-1956 Deutschlands erste Hochhäuser, die Grindelhochhäuser erbaut. Grindelweg vor 1882: Grindelterrrasse.

Vielohweg (vor 1925), Vielohwisch (1950), Vielohkamp (vor 1933), „Vie“ bedeutet Bruch, „loh“ Wald und „wisch“ Wiese.

Wer sich für die Herkunft von Straßennamen interessiert (und das tut man spätestens dann, wenn man in einer Straße wohnt, deren Namen nicht gerade selbsterklärend ist), dem kann ich dieses Buch nur empfehlen. Und das nicht nur Hamburgern. Allein das Blättern macht Spaß.

Ein gutes neues Jahr 2013

Auch zum Jahresanfang 2013 sind wir hier im Norden Deutschlands weit davon entfernt, so etwas Ähnliches wie Winter zu haben. Von Schnee keine Spur, dafür eher frühlingshafte Temperaturen. Robert Walsers kleine Schneelandschaft ließ erahnen wie es sein könnte, wenn … Mit dem Schweizer Robert Walser, einem besonderen Sonderling und eigenartigen Poeten, will ich das neue Jahr auch beginnen – und wenigstens noch einmal mit fiktivem Schnee. Aber es wird sicherlich auch bei uns hier noch einmal Winter geben. Der kann sich bekanntlich bis in den Anfang des Mais erstrecken.

Raureif

Warum Robert Walser? Für mich ist er einer der liebsten Schriftsteller. Warum, das vermag ich kaum zu beantworten. Man sollte ihn lesen – dann wird man ihn mögen für alle Tage, oder einfach für verschroben und altmodisch abtun. Peter von Matt, ebenfalls ein Schweizer Schriftsteller, hält für Robert Walser besonders «die Unvorhersehbarkeit des nächsten Satzes» für charakteristisch. Das heute vorgestellte Prosastück wird das sicherlich verdeutlichen. Meine Ex-Schwägerin würde sagen, dass er von Kuchen backen auf Pobacken käme. Ich sehe darin eher einen bunten Blumenstrauß mit vielen einzelnen Farbtupfern.

Zuvor will ich Euch allen aber ein friedvolles und geruhsames neues Jahr 2013 wünschen mit viel Gesundheit und Zufriedenheit. Vom Glück will ich gar nicht schreiben. Das ist oft so flüchtig … Macht es also gut. Mögen wenigstens einige Eurer Wünsche in Erfüllung gehen. Wer keine Wünsche mehr hat, wem alles erfüllt wurde, der hat auch nichts mehr zu erwarten …

Schnee liegt auf Straßen und Plätzen, auf Denkmälern, Dächern, das paßt zur Neujahrszeit. Weihnachtsbäume, Süßigkeiten gönne ich andern. Dichter sind darin großartig, daß sie ihrer Mitmenschen Freude mit ansehen können, ohne gleich zu meinen, daß sie mitgenossen haben müßten. Eine warme Stube ist im Winter schon viel. Les’ ich nicht außerdem in einem Büchlein, betitelt: „Treu wie Gold“? – „Guten Tag, Frau Direktor von Stempel“, sprach ich neulich eine Dame an, die anders heißt, und die laut ausrief: „Was ist Ihnen?“ – „Gut aufgelegt bin ich“, gab ich zur Antwort. Den ersten Theaterabend meines Lebens erlebte ich in einer Neujahrsnacht, trug den hohen Eindruck heiß ins Elternhaus. An einem himmelblauen Frühlingstag erwartete eine Mutter ihren geliebten Sohn, den Leutnant von Schöllermark. Da klopfte es energisch an die Türe; der Ersehnte war’s, sie lagen sich in den Armen. Er kam dann nach Berlin, wo er die wundersamste Motzsträßlerin oder Millionärin kennenlernte; sie war jung und unerhört schön. Im Tiergarten gaben sie sich Rendezvous; flogen zusammen auf Schlittschuhen um die Rousseauinsel, die im kleidsamen Dezemberlichkeitsgewand lieblich aussah. Die Schöne sagte ihm, indem sie Kuß um Kuß von ihm empfing, ihr Papa habe Pläne mit ihr; er taumelte zurück, erlebte seine große Enttäuschung, was ich alles aus einem Vergissmeinnichtbüchlein habe. Nun meld’ ich etwas von mir und beichte, daß ich als Knabe auf einen Neujahrswunschzettel unachtsamerweise „ich wüsche“ schrieb, statt „ich wünsche“. Wie einem so etwas im Kopf bleibt! Der junge Napoleon siegte schon als Schüler im Schulhof zu Brienne in Schneeballschlachten. Schneemänner haben einen breiten Mund, nicht sehr eindrucksvolle Augen, in der Hand einen Besen und stehn unglaublich ruhig da. „Zwischen zwei Herzen“ nennt sich eine rührende Geschichte, die ich meinem Bibliothekchen einverleibte: Einer, der Geld hat, tritt einem, der keins hat, die, die er liebt, ab, da er nicht mehr jung ist, während dem andern die Jugend zum Antlitz herausstrahlt. Das Mädchen hieß Roberta und der Glückliche Max. Anderntags saßen alle friedlich beisammen. Möglich ist, daß sie bei Tisch saßen und aßen. Ich war neulich dabei, wie sich einer Wirtin ein netter, junger Mensch als Officebursche stramm vorstellte. Achtung erweckt man meist hinter seinem Rücken; daher weiß man nichts davon. Die, denen wir sympathisch sind, bleiben still, und das ist richtig, man nähme sich sonst zu wichtig. Ein Kurzwarenhändler sagte mir, man käme mit der Höflichkeit am besten weg; ich pflichtete ihm bei. Zu Neujahr wird geschenkt, Schenkende erhalten wieder ihrerseits Geschenke. Beides, Nehmen wie Geben, darf und will geübt sein. Ich erinnere mich an eine Zeichnung mit leichter Anfärbung: ein weißgefiederter Engel schaut zu einem Fensterchen in die Stube hinein, wo das Christkind liegt; nur ein kleines Blatt, und doch vergaß ich’s nicht. Man kann viel vergessen, sich wieder auf vieles besinnen, und herrlich ist im Erinnerungsbereiche dann ein wiedergefundenes Schäfchen; der Verlust wird lieb, da er sich ausglich.

Schnee liegt auf Straßen und Plätzen
Aus: Robert Walser – Dichtungen in Prosa …