Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Klein und Wagner – zum 50. Todestag von Hermann Hesse

Ich bin erst ziemlich spät zur Literatur gekommen, zur Erwachsenenliteratur bzw. Belletristik, wie man so schön sagt. Natürlich habe ich in meiner Jugendzeit auch gelesen, Karl May, Jugendbücher eben und auch Comics. Mit Anfang 20 Jahren las ich zunächst Hermann Hesse, war sofort fasziniert, hatte die Hesse-Masern, wie man wohl diese frühzeitige Begeisterung für Hesse nennt (siehe die Diskussion bei „Literatur im Foyer“ des SWR: Hermann Hesse: Öko, Hippi, Gutmensch – was bleibt vom Steppenwolf?, und habe so ziemlich alles von ihm gelesen: Steppenwolf, Siddhartha, Narziß und Goldmund, das Glasperlenspiel, natürlich auch die Gedichte (siehe meine Beiträge: Der Mann von fünfzig JahrenKarfreitagVoll BlütenIm NebelWelkes BlattStufen) und vieles mehr. Nach Hesse kamen dann natürlich viele andere deutsche Autoren von Kafka über Robert und Martin Walser bis hin zu Günter Grass, dann natürlich auch ausländische Schriftsteller, speziell aus Südamerika.


Hermann Hesse: Öko, Hippi, Gutmensch – was bleibt vom Steppenwolf?

Begonnen hat es aber mit Hermann Hesse. In diesem Jahr 2012 haben wir nun gleich zwei Anlässe, ihn zu feiern und zu würdigen. Zum einen gibt es am 2. Juli seinen 135. Geburtstag und mit dem 9. August seinen 50. Todestag. Letzterer war bereits Anfang Mai Anlass zu einem „Filmmittwoch im Ersten“, u.a. mit einer entsprechenden Dokumentation: Hermann Hesse – Superstar:

„Er war Schriftsteller, Nobelpreisträger, Ersatzgott. Wer Hermann Hesse liest, ändert danach gerne sein Leben. Der Dichter hinterlässt einen tiefen Eindruck in der Seele seiner Leser. In der Doku ‚Hermann Hesse – Superstar’ sprechen Prominente über ihre Begegnungen mit dem Dichter und seinem Werk.“

    Hermann Hesse

Ich habe zu Hermann Hesse in diesen Tagen aus einem allerdings völlig anderen Grund gegriffen und wiederholt die Erzählung Klein und Wagner gelesen. In einem Beitrag zum zz. laufenden Prozess gegen den Attentäter Anders Behring Breivik, der im vergangenen Sommer in Norwegen 77 Menschen getötet hatte, schrieb ich, dass der forensische Psychiater Norbert Leygraf im Fall Breivik Parallelen zum Fall Ernst August Wagner sieht, der erste Fall in der württembergischen Rechtsgeschichte, bei dem ein Prozess wegen Unzurechnungsfähigkeit eingestellt wurde (zu diesem Vergleich in einem späteren Beitrag mehr):

Am Abend des 4. September 1913 tötete der Hauptlehrer Ernst August Wagner seine Frau und seine vier Kinder mit einem Knüppel. Später erschoss er dann zwölf weitere Menschen. Dieser Wagner spielt in der Erzählung von Hesse eine nicht unbedeutende Rolle.

    Hermann Hesse: Klein und Wagner

Die Erzählung Klein und Wagner schrieb Hesse im Frühling/Sommer 1919 und sie ist eine Art Vorreiter zum 1927 erschienenen Steppenwolf. Denn die Protagonisten beider Bücher – zum einen Friedrich Klein, zum anderen Harry Haller – leiden an der Zerrissenheit ihrer Persönlichkeit: Die bürgerlich-angepasste Seite kämpft mit der steppenwölfischen, einsamen bzw. ‚verbrecherischen’ Seite. Ich habe die Erzählung als Suhrkamp Taschenbuch – st 116 -, 3. Auflage 26.–35. Tausend 1975, vorliegen.

Zum Inhalt von „Klein und Wagner“: „Der Familienvater und Bankbeamte Friedrich Klein flieht, nachdem er eine Summe Geldes veruntreut, Urkunden gefälscht und sich einen Revolver besorgt hat, mit dem Zug Richtung Süden. Voller Verzweiflung versucht er seine Tat zu verstehen, denkt zwanghaft nach und landet schließlich wie zufällig in einer italienischen Stadt. Hier trifft der Flüchtige bald auf die Tänzerin Teresina, an der das Pendeln zwischen seinen tiefen Wünschen und seiner bürgerlichen-moralischen Prägung besonders deutlich wird. Immer wieder befällt Klein der Gedanke an einen Schullehrer, Ernst August Wagner, der in einem Amoklauf seine Familie umgebracht hatte, und mit dem er sich „irgendwie…verknüpft“ fühlt. Klein hat mit dem bürgerlichen Leben abgeschlossen; seine späten Bemühungen, seine Identität zu finden und nach dem eigenen innersten Selbst zu leben, sind aber vergebens. Immer wieder gerät er ins Zweifeln, gefolgt von Angst- und Schuldgefühlen. Schließlich gibt Klein seinem langgehegten Selbstmordwunsch nach und ertränkt sich eine Woche nach seiner Flucht im naheliegenden See. Die Erzählung endet mit Kleins letzten epiphanienhaften Augenblicken.“ (Quelle: de.wikipedia.de)

Viele, die sich in einer bürgerlichen Existenz eingerichtet haben, überkommt hin und wieder der Drang, aus all den vorhandenen Konventionen auszubrechen. Die auferlegten Normen, Werte und Ziele werden plötzlich als unerträgliches Korsett empfunden, in das man sich gezwängt und gedrängt fühlt. Nur wenigen gelingt es, aus diesem Korsett auszubrechen. Friedrich Klein hatte zwar alle Vorzüge eines gesicherten und bequemen gesellschaftlichen Lebens. Das führte „jedoch zu einer wachsenden Unzufriedenheit, die in der Veruntreuung und Flucht ihren […] extremen Ausbruch findet. Der Versuch Kleins, das bürgerliche Korsett abzuschnallen, führt ihn zwar hier und da zu großen Einsichten in sein innerstes Selbst. Es sorgt aber auch dafür, das Klein sich hilf- und haltlos fühlt und schließlich stirbt.“ (Quelle: de.wikipedia.de)

Friedrich Klein hat in der Erzählung einen Traum, der die ‚Verknüpfung’ zu Wagner, einerseits den Mörder, andererseits Richard Wagner, den Komponisten, auflöst und von einem Zugang zu einem Theater handelt:

„Das Theater mit der Aufschrift ‚Wagner’, war das nicht er selbst, war es nicht Aufforderung, in sich selbst einzutreten, in das fremde Land seines wahren Innern? Denn Wagner war er selber – Wagner war der Mörder und Gejagte in ihm, aber Wagner war auch der Komponist, der Künstler, das Genie, der Verführer, die Neigung zu Lebenslust, Sinnenlust, Luxus – Wagner war der Sammelname für alles Unterdrückte, Untergesunkene, zu kurz Gekommene in dem ehemaligen Beamten Friedrich Klein.“ (S. 70)

„Die Technik arbeitet stellenweise fast wissenschaftlich exakt: im Traum des Klein und Wagner z.B. – mit den jüngsten psychologischen Erkenntnissen, wie sie etwa C.G. Jung in seiner ‚Psychologie der unbewußten Prozesse’ vermittelt hat. Ich bewundere Hermann Hesse, daß er, ein Mann in den Vierzigern, es aus eigenster Kraft über sich gebracht hat, noch einmal von vorn anzufangen, noch einmal ein neuer, ein junger Mensch zu werden. Er hat mit einem entschiedenen Ruck sein altes Gewand von sich geworfen. Er hat den Mut, neu zu beginnen, eingedenk des alten Tao-Wortes, daß der Weg, nicht das Ziel den Sinn des Lebens mache. Auch die Zerspaltenheit, die doppelte oder gar dreifache Gestalt und Gestaltung des eigenen Ich gewinnt bei Hesse wie einst bei Goethe und später bei den Romantikern erneut Bedeutung und tiefsten Sinn. Selbst Gott ist gut und böse. Klein zugleich Wagner.“ Klabund

„Die Novelle ‚Klein und Wagner’ ist einer der Höhepunkte der Prosa Hermann Hesses. 1919, nach vierjähriger, durch freiwillige Gefangenenfürsorge selbst auferlegter, fast völliger schriftstellerische Abstinenz [….] und nach der Trennung von Familie und Wohnsitz erfolgte die vehemente Niederschrift …“ (aus dem Klappentext)

Noch eines am Rande: Auf Seite 15 hört Friedrich Klein in der Ferne ein Lied und den folgenden Vers daraus:

Mama non vuole, papa ne meno,
Come faremo a fare l’amor?

Auf Deutsch etwa (mein Italienisch ist mehr als dürftig):
Mama will nicht, Papa (noch) weniger
Wie wird es gelingen, Liebe zu machen?

Dieses Lied singt Tom Ripley (wenn auch erst Papa, dann Mama genannt wird) in dem Kriminalroman Der talentierte Mr. Ripley von Patricia Highsmith.

Jaroslav Hašek: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk

Manche Romanfigur ist allein von ihrem Typus her einmalig und daher unsterblich. Und manchen Schriftstellernamen kennt man nur noch dieser unsterblich gewordenen Romanfigur wegen. Das gilt insbesondere für Jarolav Hašek und seinen braven Soldaten Schwejk (Originaltitel: Osudy dobrého vojáka Švejka za svĕtové války, zu deutsch: Die Schicksale des braven Soldaten Schwejk während des Weltkrieges).

Schwejk (tschechisch Švejk) ist ein typischer Prager Charakter, der sich mit List und Witz durchs Leben schlägt und sich als Soldat der österreichisch-ungarischen Armee im Ersten Weltkrieg mit Chuzpe, also einer „Mischung aus zielgerichteter, intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit“, vor dem Kriegseinsatz zu drücken versucht. Zunächst lebt Schwejk zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Prag als Hundehändler. Er ist naiv und tölpelhaft, meistert sein Leben aber mit Witz und Bauernschläue. Schwejk steht im ständigen Kampf mit Bürokratie, staatlicher Willkür und Militarismus. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird er als Reservist in die österreichisch-ungarische Armee einberufen. Wie die meisten Bürger in den „Untertanenvölkern“ hat der Böhme/Tscheche Schwejk wenig Lust, für die Donaumonarchie in den Krieg zu ziehen.

Seine Laufbahn beim Militär, seine Spital- und Gefängnisaufenthalte, sein Fronteinsatz, seine Kriegsgefangenschaft und nicht zuletzt seine amourösen Abenteuer: Stets schafft es Schwejk, sich mit der Hilfe von guten Freunden und vor allem mit seinem unerschöpflichen Repertoire an Anekdoten aus der Affäre zu ziehen. Sein Mut gegenüber Autoritäten und seine stoische Gelassenheit im Angesicht des „alltäglichen Wahnsinns“ machen ihn zum sympathischen Lebenskünstler. Der brave Soldat Schwejk wurde zum Sinnbild des Widerstands gegen jegliche Obrigkeit über die Grenzen der Tschechoslowakei hinaus.

In vielem ist Schwejk ein Alter Ego seines Schöpfers Jarolav Hašek. Und in noch einer Figur, der des Einjährigenfreiwilliger Marek, erkennen wir Hašek wieder. Hašek selbst war ein Original und seine Lebensgeschichte einen Roman wert (siehe meinen Beitrag: Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze). Allerdings brachte der Suff den Schöpfer des Schwejks um. Sternhagelvoll traf ihn mit noch nicht einmal 40 Jahren der Schlag. So blieb der Roman unvollendet, das Manuskript endet mitten im Satz. Übrigens: Anders als im Film mit Heinz Rühmann (siehe den nächsten Absatz) erfreut sich der Oberleutnant Lukasch auf der letzten Seite des Romans bester Gesundheit.

Ich kenne Schwejk von dem Film mit Heinz Rühmann her. Dieser 1960 gedrehte Film ist nur wenig originalgetreu, besonders Hašeks radikale Kritik an staatlicher und kirchlicher Obrigkeit fehlt fast vollständig. Aber Rühmann spielt den Schwejk immerhin liebenswert, verschmitzt augenzwinkernd und vornehmlich mit leisen Mitteln. Erst vor kurzem lief dieser Film im Fernsehen; ich habe ihn aufgezeichnet und inzwischen mit viel Schmunzeln gesehen. Und es gibt eine 13-teilige Fernsehfassung (1972/76) mit einem kongenial spielenden Fritz Muliar in der Titelrolle, die werkgetreu nacherzählt ist (in diesen Tage habe ich mir die DVD-Box bestellt).


Film mit Heinz Rühmann (1960) in voller Länge

Aber nichts geht über den fast 800 Seiten starken Roman, den ich mir 1989 gekauft habe, der 1988 in der damals noch existierenden DDR erschienen ist (Aufbau-Verlag Berlin und Weimar – Bibliothek der Weltliteratur – 11. Auflage 1988). Gerade in der DDR war Schwejk sehr beliebt. Die erste und wichtigste Übersetzung in eine andere Sprache war die ins Deutsche von Grete Reiner-Straschnow (1926), die auch heute noch den ganzen Charme des Romans offenbart.

    Der brave Soldat Schwejk

Noch etwas zum Inhaltlichen: Bemerkenswert ist das Verhältnis von Schwejk zu Oberleutnant Lukasch, dessen Diener (Putzfleck) er ist. Wie Schwejk ihn immer wieder in den Schlamassel (‚Schlamistik’) zieht, zuletzt seine Versetzung an die Front bewirkt, hat etwas Tragikomisches. Trotzdem kann Lukasch nicht von Schwejk lassen. Beide eint ein unteilbares Schicksal:

   Oberleutnant Lukasch drehte sich auf dem Stuhl zur Türe und sah, wie sich die Türe langsam und leise öffnete; und ebenso leise trat in die Kanzlei der II. Marschkompanie der brave Soldat Schwejk, der bereits zwischen der Türe salutierte, was er augenscheinlich schon getan hatte, als er geklopft und die Aufschrift „Nicht klopfen“ betrachtet hatte.
   Oberleutnant Lukasch schloß für einen Augenblick die Augen vor dem Anblick des braven Soldaten Schwejk, der ihn mit seinem Blick umarmte und küsste.
   Ungefähr mit demselben Wohlgefallen hatte der verschwenderische verlorene und wiedergefundene Sohn seinen Vater betrachtet, als dieser ihm zu ehren ein Lamm am Spieße drehte.
   „Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, daß ich wieder hier bin“, meldete sich Schwejk von der Türe her mit einer so aufrichtigen Ungezwungenheit, daß der Oberleutnant mit einem Schlag zu sich kam.
… (S. 430).

Hašek verspottet in erster Linie die Herren Offiziere der k.u.k. Armee. Nur Lukasch, der sich gegenüber Schwejk menschlich verhält, ist mehr oder weniger ausgenommen. Und mit diesen Offizieren und ihren obersten Kriegsherrn, dem Kaiser von Österreich, zieht Hašek über die ganze Obrigkeit her und den Krieg. Denn der Roman ist auch eine Abrechnung mit der Sinnlosigkeit des ersten Weltkrieges:

„Schwejk ist ein Geschöpf des alten Österreich. Er konnte nur in jener Atmosphäre von Borniertheit, Schlamperei, gutmütiger Perfidie, anachronistischem Absolutismus und nationaler Unterdrückung entstehen, die den alten Donaustaat charakterisierten. Er konnte nur in einer Zeit, da dieser morsche Staatskadaver in seinen letzten Zuckungen lag, nur im Krieg, zum lächerlichen, blöd-verschlagenen Helden werden, an dessen verschmitzter, fatalistischer Sabotage der Staat nicht zuletzt zugrunde ging.“ F.C. Weiskopf

„Es ist der kleine Mann, der in das riesige Getriebe des Weltkriegs kommt, wie man eben da so hineinrutscht, schuldlos, ahnungslos, unverhofft, ohne eigenes Zutun. Da steht er nun, und die andern schießen. Und nun tritt dieses Stückchen Malheur den großen Mächten der Erde gegenüber und sagt augenzwinkernd leise, schlecht rasiert die Wahrheit.“ Kurt Tucholsky: Herr Schwejk

Nun der Film mit Heinz Rühmann beginnt im Gasthaus „Zum Kelch“. Allerdings passt die im Film gezeigte Umgebung nicht zur Straße Na Bojišti in Prag. Egal. Und hier endet der Film denn auch, eben weil sich Schwejk mit seinem alten Kameraden Woditschka hier „bis der Krieg vorbei sein wird“ verabredet hatte.


Größere Kartenansicht
Prag, Na Bojišti („Auf dem Schlachtfeld“) 12-14 – Gasthaus “Zum Kelch”

   Als Schwejk und Woditschka Abschied nahmen, weil jeder von ihnen zu seinem Truppenteil abgehen sollte, sagte Schwejk: „Bis der Krieg vorbei sein wird, so komm mich besuchen. Du findest mich jeden Abend ab sechs Uhr beim ‚Kelch’, Na Bojischti.“
   „Freilich komm ich hin“, antwortete Wodtschka, „gibt’s dort Unterhaltung?“
   „Jeden Tag kommst dort zu was,“ versprach Schwejk, „und wenn’s zu ruhig wär, so wern wir schon aufmischen.“
   Sie trennten sich, und als sie bereits einige Schritte voneinander entfernt waren, rief der alte Sappeur Woditschka Schwejk nach: „Also schau aber bestimmt, daß du eine Unterhaltung zustand bringst, bis ich hinkomm!“
   Worauf Schwejk zurückrief: „Komm aber bestimmt, bis der Krieg zu Ende is!“
   Dann entfernten sie sich voneinander, und nach einer beträchtlichen Pause konnte man hinter der Ecke von der zweiten Reihe der Baracken hier abermals Woditschkas Stimme vernehmen: „Schwejk, Schwejk, was für Bier ham sie beim ‚Kelch’?“
   Und wie ein Echo ertönte Schwejks Antwort: „Großpopowitzer.“
   „Ich hab gedacht, Smíchover!“ rief Sappeur Woditschka von weitem.
   „Mädl gibt’s dort auch!“ schrie Schwejk.
   „Also nachm Krieg, um sechs Uhr abend!“ schrie Woditschka von unten.
   „Komm lieber um halb sieben, wenn ich mich irgendwo verspäten möchte“, antwortete Schwejk.
   Dann ließ sich noch aus weiter Ferne Woditschka vernehmen: „Um sechs Uhr kannst du nicht kommen?“
   „Also komm ich um sechs“, erreichte Woditschka die Antwort des sich entfernenden Kameraden.
   Und so trennte sich denn der brave Soldat Schwejk vom alten Sappeur Woditschka. „Wenn Menschen auseinandergehn, so sagen sie auf Wiedersehn!“
(S. 421 f.)

siehe auch: Bierpfützenpoesie als Weltliteratur: Jaroslav Hašek zum 125. Geburtstag

Heute Ruhetag (12): Herman Melville – Bartleby der Schreiber

Bartleby der Schreiber ist der deutsche Titel der amerikanischen Erzählung Bartleby the Scrivener von Herman Melville. Es ist das erste Werk, das Melville nach Moby Dick schrieb, und wurde zunächst 1853 in Putnam´s Monthly Magazine veröffentlicht und dann 1856 in die Piazza Tales aufgenommen.

Viele Kritiker sehen in ihr die beste Erzählung Melvilles und sie wird manchmal mit Der Mantel von Gogol verglichen. Sie weist aber auch auf das 20. Jahrhundert, vor allem auf Kafka, voraus.

Ein älterer Rechtsanwalt berichtet als Icherzähler von einem seiner Schreiber namens Bartleby, den er eines Tages in sein von Hochhäusern umstelltes lichtloses Büro in der Wall Street aufnimmt. Bartleby beginnt seine Tätigkeit mit stillem Fleiß und einsiedlerischer Ausdauer. Er kopiert unermüdlich Verträge, lehnt aber zur Überraschung seines Dienstherrn schon bald jede andere Tätigkeit mit den Worten ab: „Ich möchte lieber nicht“, „I would prefer not to“. Bald weigert er sich sogar, Verträge zu kopieren, wohnt aber inzwischen in dem Büro – höflich, freudlos, ohne Freunde und fast ohne zu essen. Der Rechtsanwalt kann oder will ihn nicht gewaltsam aus dem Büro entfernen lassen und auch eine großzügige Abfindung interessiert Bartleby nicht. Wegen eines unerklärlichen Einverständnisses mit Bartleby sieht sich der Rechtsanwalt am Ende gezwungen, selbst aus dem Büro auszuziehen, statt Bartleby vor die Tür zu setzen. Seine Nachmieter – weniger verständnisvoll – lassen Bartleby bald durch die Polizei abführen und in das Gefängnis The Tombs (die Gräber) bringen. Dort verweigert Bartleby sowohl alle Kommunikation und auch alle Nahrung. Der Rechtsanwalt versucht, sich um seinen „Freund“ zu kümmern, aber nach wenigen Tagen stirbt Bartleby an seiner Lebensverweigerung.

Das einzige, was der Rechtsanwalt über das Vorleben Bartlebys erzählen kann, ist ein ihm später zu Ohren gekommenes Gerücht, wonach Bartleby früher in einem Dead Letter Office arbeitete, einer Sammelstelle für nicht zustellbare Briefe.

Heute Ruhetag!

Ich bin, ich muß es gestehn, nicht mehr der Jüngste. Die Art meiner Berufsgeschäfte hat mich seit nunmehr dreißig Jahren in ungewöhnlich enge Berührung mit einer in mancher Hinsicht merkwürdigen, man kann wohl sagen sonderbaren Sorte von Menschen gebracht, über die meines Wissens noch nie etwas geschrieben worden ist – ich meine die Anwaltsschreiber, die Kopisten in den Kanzleien der Advokaten. Ich habe ihrer eine ganze Menge gekannt, beruflich sowohl wie privat, und könnte, wenn ich wollte, allerlei Historien zum besten geben, zur Erheiterung wackerer Männer, zur tränenseligen Rührung empfindsamer Seelen. Doch will ich aller anderen Kanzleischreiber Lebensgeschichte beiseitelassen und nur einiges aus Bartlebys Leben erzählen, Bartlebys, der ein Schreiber war und zwar der seltsamste, den ich je gesehen, von dem ich je gehört habe. Während ich von anderen Anwaltskopisten den gesamten Lebenslauf niederschreiben könnte, ist bei Bartleby dergleichen nicht möglich. Es existieren wohl überhaupt keine Unterlagen für eine ausführliche, befriedigende Biographie des Mannes: ein unersetzlicher Verlust für die Literatur. Bartleby gehörte zu den Menschen, über die sich nichts ermitteln läßt, es sei denn an den Quellen selbst, und die flossen in seinem Fall nur äußerst spärlich. Was ich mit eigenen erstaunten Augen von Bartleby gesehen habe, das stellt meine gesamte Kenntnis von ihm dar – abgesehen allerdings von einem ziemlich unbestimmten Bericht, der später hier wiedergegeben werden wird.

[…]

Herman Melville: Bartleby der Schreiber

Heute Ruhetag (11): Mark Twain – Die Schrecken der deutschen Sprache

In dieser Rede, die Mark Twain am 21. November 1897 vor dem Presse-Club in Wien gehalten hat, macht Mark Twain einige ironische Vorschläge zur »Verbesserung und Vereinfachung« der deutschen Sprache. Er macht sich auch ein wenig über die deutsche Sprache lustig, aber man merkt: er liebt sie (und er spricht und schreibt hervorragend!).

Heute Ruhetag!

Ich würde nur einige Änderungen anstreben. Ich würde bloß die Sprachmethode – die üppige, weitschweifige Konstruktion – zusammenrücken; die ewige Parenthese unterdrücken, abschaffen, vernichten; die Einführung von mehr als dreizehn Subjekten in einen Satz verbieten; das Zeitwort so weit nach vorne rücken, bis man es ohne Fernrohr entdecken kann. Mit einem Wort, meine Herren, ich möchte Ihre geliebte Sprache vereinfachen, auf daß, meine Herren, wenn Sie sie zum Gebet brauchen, man sie dort oben versteht.

Ich flehe Sie an, von mir sich beraten zu lassen, führen Sie diese erwähnten Reformen aus. Dann werden Sie eine prachtvolle Sprache besitzen und nachher, wenn Sie Etwas sagen wollen, werden Sie wenigstens selber verstehen, was Sie gesagt haben.

The Horrors of the German Language

I would only some changes effect. I would only the language method – the luxurious, elaborate construction compress, the eternal parenthesis suppress, do away with, annihilate; the introduction of more than thirteen subjects in one sentence forbid; the verb so far to the front pull that one it without a telescope discover can. With one word, my gentlemen, I would your beloved language simplify so that, my gentlemen, when you her for prayer need, One her yonder-up understands.

I beseech you, from me yourself counsel to let, execute these mentioned reforms. Then will you an elegant language possess, and afterward, when you some thing say will, will you at least yourself understand what you said had.

Mark Twain: Die Schrecken der deutschen Sprache (The Horrors of the German Language)

Romananfänge (3): Rost ist der Schimmel des Eisens

Im November 2004 begann ich einen Text zu verfassen, der im Untertitel „Ein Leben zwischen Stadt und Land, Beruf und Berufung“ tragen sollte. Sehr viel weiter als zu den unten aufgeführten Sätzen bin ich nicht gekommen. Man beginnt etwas und bald bleibt es liegen, verschwindet für lange Zeit und taucht plötzlich auf, weil man sich im Zusammenhang mit etwas anderen (Romananfänge) daran erinnert: Da war doch etwas …

In einer Vorbetrachtung zum Thema Romananfänge läutete ich gewissermaßen einen Wettbewerb für gekonnt formulierte erste Romansätze ein. Dazu bin ich, wie geschrieben, durch John Irving angeregt worden. Hier also ein weiterer Anfang: Da war doch noch etwas …

Willi und die Romananfänge

Ich nähme zwei, drei Schritte Anlauf im Dunkeln, stieße mich von der obersten hölzernen Stufe der Treppe ab, um die Beine wie ein Weitspringer bei der Landung (in der Sandkiste) nach vorn schnellen zu lassen, bekäme aber keinen Boden unter die Füße, sondern schlüge mit dem Kopf oder dem Rückgrat auf den untersten Treppenabsatz auf, dessen hölzerne Beschaffenheit den Aufprall nur leicht dämpfte, spürte einen stechenden Schmerz durch meine Glieder fahren (vom Kopf her oder vom Rücken), bis Ohnmacht mich in mich versinken ließe.

Aber ich liege im Bett, die Bettdecke über beide Ohren gezogen, und genieße die Wärme und die Ferne des Schmerzes, der mich, der zerschmettert auf der Treppe läge, übermannt hätte, wenn ich tatsächlich gesprungen wäre. Vielleicht wäre ich dann (mit dem Kopf oder dem Rücken) auf die Kante aus Eisen, die eingelassen in die betreffende Stufe, die gerostet im Laufe der Zeit ist, aufgeschlagen, so dass der Rost über die Wunde am Kopf (oder dem Rücken) in mein Inneres eindringend mich vergiften könnte, Rost ist der Schimmel des Eisens und wie Schimmel vergiftet Rost das Blut, obwohl – oder gerade deshalb – die Farbe des Blutes der des Rostes ähnelt.

Ich liege im Bett! Mit ist wohl zumute. Es ist kein Grund vorhanden, wehmütig oder gar todesmutig zu sein. Vielleicht todmüde.

Theodor Storm: Ostern (Wh.)

Die Sonne scheint (vielleicht nicht überall), was wollen wir mehr. Ich wünsche allen geruhsame Osterfeiertage und ein fröhliches Ostereiersuchen …!

OsternEs war daheim auf unserm Meeresdeich;
ich ließ den Blick am Horizonte gleiten,
zu mir herüber scholl verheißungsreich
mit vollem Klang das Osterglockenläuten.

Wie brennend Silber funkelte das Meer;
die Inseln schwammen auf dem hohen Spiegel;
die Möwen schossen blendend hin und her,
eintauchend in die Flut die weißen Flügel.

Im tiefen Kooge bis zum Deichesrand
war sammetgrün die Wiese aufgegangen;
der Frühling zog prophetisch über Land,
die Lerchen jauchzten, und die Knospen sprangen. –

Entfesselt ist die urgewalt’ge Kraft,
die Erde quillt, die jungen Säfte tropfen;
und alles treibt, und alles webt und schafft,
des Lebens vollste Pulse hör‘ ich klopfen.

Der Flut entsteigt der frische Meeresduft;
vom Himmel strömt die goldne Sonnenfülle;
der Frühlingswind geht klingend durch die Luft
und sprengt im Flug des Schlummers letzte Hülle.

O wehe fort, bis jede Knospe bricht,
daß endlich uns ein ganzer Sommer werde;
entfalte dich, du gottgebornes Licht,
und wanke nicht, du feste Heimaterde! –

Hier stand ich oft, wenn in Novembernacht
aufgor das Meer zu gischtbestäubten Hügeln,
wenn in den Lüften war der Sturm erwacht,
die Deiche peitschend mit den Geierflügeln.

Und jauchzend ließ ich an der festen Wehr
den Wellenschlag die grimmen Zähne reiben,
denn machtlos, zischend schoß zurück das Meer –
das Land ist unser, unser soll es bleiben!

Theodor Storm

Karfreitag – von Hermann Hesse (Wh.)

Karfreitag

Verhangener Tag, im Wald noch Schnee,
Im kahlen Holz die Amsel singt:
Des Frühlings Atem ängstlich schwingt,
Von Lust geschwellt, beschwert von Weh.

So schweigsam steht und klein im Gras
Das Krokusvolk, das Veilchennest,
Es duftet scheu und weiß nicht was,
Es duftet Tod und duftet Fest.

Baumknospen stehn von Tränen blind,
Der Himmel hängt so bang und nah,
Und alle Gärten, Hügel sind
Gethsemane und Golgatha.

aus: Hesse – Die Gedichte

Karwoche (Wh.)

Die Karwoche beginnt nach dem Palmsonntag, schließt Gründonnerstag und Karfreitag ein, und endet mit dem Karsamstag. Abendmahl, Kreuzestod und Auferstehung Jesu gehören eng zusammen.

Daher feierte man bis zum 4. Jahrhundert in der Osternacht alle drei Ereignisse; heute feiert man drei Tage von Leiden, Tod und Auferstehung des Herrn ab Gründonnerstag. Augustinus sprach im 5. Jahrhundert vom heiligen „Triduum des gekreuzigten, begrabenen und auferstandenen Christus“. In der evangelischen Kirche werden in der Karwoche traditionell tägliche Andachten – „Passionsandachten“ – abgehalten.

Der Karfreitag gedenkt des Kreuzestodes Jesu; „chara“, althochdeutsch, bedeutet „Trauer, Wehklage“. An diesem wie auch am folgenden Tag findet in katholischen Kirchen keine Messe statt, es wird nur ein einfacher Wortgottesdienst gehalten. In Österreich hat sich das Brauchtum des Heiligen Grabes etabliert. Dabei wird „der tote Jesus“ im Anschluss an die Karfreitagsliturgie in einer feierlichen Prozession in sein Grab gelegt.

KARWOCHE

O Woche, Zeugin heiliger Beschwerde!
Du stimmst so ernst zu dieser Frühlingswonne,
Du breitest im verjüngten Strahl der Sonne
Des Kreuzes Schatten auf die lichte Erde,

Und senkest schweigend deine Flöre nieder;
Der Frühling darf indessen immer keimen,
Das Veilchen duftet unter Blütenbäumen
Und alle Vöglein singen Jubellieder.

O schweigt, ihr Vöglein auf den grünen Auen!
Es hallen rings die dumpfen Glockenklänge,
Die Engel singen leise Grabgesänge;
O still, ihr Vöglein hoch im Himmelblauen!

Ihr Veilchen, kränzt heut keine Lockenhaare!
Euch pflückt mein frommes Kind zum dunkeln Strauße,
Ihr wandert mit zum Muttergotteshause,
Da sollt ihr welken auf des Herrn Altare.

Ach dort, von Trauermelodieen trunken,
Und süß betäubt von schweren Weihrauchdüften,
Sucht sie den Bräutigam in Todesgrüften,
Und Lieb‘ und Frühling, alles ist versunken!

Eduard Mörike

Heute Ruhetag (10): August Strindberg – Ostern

Heute Ruhetag!

Elis kommt herein in aufgeknöpftem Winterüberzieher, er trägt ein großes Bündel Akten, die er auf den Schreibtisch legt. Dann zieht er den Überzieher aus und hängt ihn links auf. Guten Tag, mein Schatz.

Kristina. Guten Tag, Elis!

Elis sieht sich um. Die Doppelfenster herausgenommen, der Fußboden gescheuert, reine Gardinen … ja, es ist wieder Frühling geworden … Und sie haben die Eisbahn aufgebrochen, und die Palmenweide blüht unten am Fluß … ja, es ist Frühling … Und ich will den Winterüberzieher … weißt du, er ist so schwer – wägt den Rock in der Hand – als ob er alle Mühen des Winters, allen Schweiß der Angst und allen Staub der Schule eingesogen hätte … Ah!

Kristina. Und jetzt hast du Ferien!

Elis. Osterferien! Fünf schöne Tage, um zu genießen, zu atmen, zu vergessen. Reicht Kristina die Hand und setzt sich dann in den Lehnstuhl. Nein, sieh, die Sonne ist wiedergekommen … im November ging sie davon, ich entsinne mich noch des Tages, als sie hinter der Brauerei schräg über der Straße verschwand … Ach, dieser Winter! Dieser lange Winter!

[…]

August Strindberg: Ostern – ein Passionsspiel in drei Akten (Erster Aufzug: Gründonnerstag)

Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze

Wer sich für Prag interessiert und Kafka liest, kommt an Jaroslav Hašek (1883 – 1923) und seinem braven Soldaten Schwejk nicht vorbei. Ich habe mir für meinen bevorstehenden Urlaub Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk (auch als Kindle Edition) als Lektüre herausgesucht und bereits den ersten von vier Teilen gelesen. Der Schwejk ist immer wieder köstlich.

Wie sein weltberühmter Held so war auch Jaroslav Hašek ein Prager Original. Er durchwanderte von 1903 bis 1907 ganz Mitteleuropa. Wie Schwejk handelte er eine Zeitlang mit Hunden und war Soldat in der k.u.k. Armee. Und er war dafür bekannt, dass er gern redete und sehr viel trank. „Jaroslav Hašek war beinahe immer betrunken. Der Rausch löste seine Zunge, und er begann, in den Schankstuben den Leuten verschiedene Dinge zu erzählen. Dabei blieb sein feistes Gesicht, das eine frappante Ähnlichkeit mit dem Balzacs hatte, immer ganz ernst, nur seine Schweinsäuglein schienen ironisch zu blinzeln – aber das konnte auch Täuschung sein. Er erzählte das Unwahrscheinlichste, die Einwände seiner Zuhörer widerlegte er, und dann nahm er ein Briefpapier, schrieb alles nieder und trug die Geschichte in die nächstgelegene Redaktion, das Honorar zu vertrinken.“ („Der rasende Reporter“ aus Prag, Egon Erwin Kisch: Auf den Tod eines tschechischen Humoristen).

Und er gründete die „Partei des gemäßigten Fortschritts in den Grenzen des gesetzmäßig Erlaubten“ (auch: Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze (PFGFIDSDG), tschechisch: Strana mírného pokroku v mezích zákona (SMPVMZ)), eine Partei im Kaiserreich Österreich-Ungarn, die sich 1911 unter seiner Führung in Form einer Parodie am Wahlkampf für den österreichischen Reichsrat beteiligte. Für diese Partei hielt Hašek über tausend Wählerversammlungen ab. „Am Schluß einer jeden sammelte er für den Wahlfonds, über dessen Zweck er jeden Zweifel ausschloß. Er versoff ihn an Ort und Stelle.“ (Egon Erwin Kisch, s.o.)

    Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze // Strana mírného pokroku v mezích zákona

Unter den Zuschauern dieser Rednerabende war mit Sicherheit auch Franz Kafka und dessen Freund Max Brod. Hauptmittel Hašeks „war die frei improvisierte Rede, wobei er in langen Assoziationsketten Wichtiges mit Unsinnigem, Fakten mit Scheinfakten verband. So erklärte Hašek in einer Wahlkampfrede“ (siehe: de.wikipedia.org):

„Über uns wachen Ordnungsgesetze und Sicherheitsämter, ohne deren Aufsicht uns nicht einmal ein Haar vom Kopfe fällt. Das ist Fortschritt. Schauen wir anderswohin, nach China zum Beispiel, wo die Sicherheitsorgane den Leuten die Köpfe abschlagen, dann müssen wir selber zugeben, daß bei uns Fortschritt herrscht.“ (Jaroslav Hašek: Die Partei des maßvollen Fortschritts in den Grenzen der Gesetze. Frankfurt a.M. 1971, Anhang, S. 139f.)

Mit zunehmender Dauer der Veranstaltungen wurden die Argumentationsketten allerdings immer absurder:

„Freunde, wir sind an einem Punkt, an dem wir nicht sein wollten. So wie der Mann, der nach Budweis wollte und in einen Zug in die Gegenrichtung geriet. Er wurde vom Schaffner in der 2. Klasse erwischt, obwohl er nur einen 3. Klasse-Fahrkarte hatte und in Bakov aus dem Zug geworfen. Und weil schon einer der Wegbereiter unserer Partei, Herr Galileo Galilei einmal sagte: ‚Und sie bewegt sich doch’, so sage auch ich jetzt: Bewegen Sie sich doch, Fräulein Bożenka, und bringen Sie bitte eine neue Runde: Noch drei Bier für mich, einen Allasch für Opočenský, ein Viertel Weißwein für Langer, ein Bier und einen Magador für Diviš und ein Mineralwasser für Gottwald. Das ist der Beweis für Galileos Worte ‚Und sie bewegt sich doch’ und ein überdeutlicher Beleg dafür, dass die Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze weiß, wie sie sich durchsetzt und sich darum kümmert, was ihre Wähler wollen.“ (tschechisch in František Langer: Byli a bylo. Prag 1963)

siehe auch: (Auszug aus) Die Geschichte der Partei des …

Vielleicht mag die Idee zur Parteigründung aus einer Bierlaune heraus entstanden sein. Aber am Ende war es wesentlich mehr als eine Spaßpartei, denn Hašek schuf mit seiner Partei und seinen Auftritten gewissermaßen eine neue Kunstform, die sich mit Dada-Veranstaltungen und später mit Happenings vergleichen lässt.

Übrigens: Das Wahlprogramm des Kandidaten für den Wahlbezirk Prag-Weinberge, Jaroslav Hašek, umfasste sieben Punkte (Jan Berwid-Buquoy: Die Abenteuer des gar nicht so braven Humoristen Jaroslav Hašek. Berlin 1989, S. 175–185.):

1. Die Wiedereinführung der Sklaverei.
2. Verstaatlichung der Hausmeister („auf die gleiche Weise wie in Rußland [..], wo jeder Hausmeister gleichzeitig ein Polizeispitzel ist“).
3. Die Rehabilitierung der Tiere.
4. Die Einrichtung von staatlichen Anstalten für schwachsinnige Abgeordnete.
5. Die Wiedereinführung der Inquisition.
6. Die Unantastbarkeit der Geistlichen und der Kirche („Falls ein Schulmädchen von einem Geistlichen defloriert wird“).
7. Die obligatorische Einführung des Alkoholismus.

Nun der Suff brachte den Schöpfer des Schwejks um. Sternhagelvoll traf ihn mit noch nicht einmal 40 Jahren der Schlag. Ein seriöser Schriftsteller war er nicht, überhaupt war er kein seriöser Mensch. Aber es ist von ihm mehr geblieben als von all diesen k.u.k. Franz Josefs und Ferdinanden – Schwejk sei Dank!

Romananfänge (2): Schweinehund(e)

In meiner Vorbetrachtung läutete ich gewissermaßen einen Wettbewerb für gekonnt formulierte Romananfänge ein. Dazu bin ich, wie geschrieben, durch John Irving angeregt worden. Eine ‚Ursache’ besteht aber auch in vielen Romananfängen, die ich selbst verfasst habe und über die ich meist kaum hinausgekommen bin. So fand ich in den Notizen und Aufzeichnungen aus dem Jahre 1982, die ich vor kurzem hervorgekramt hatte, folgende Skizze, Mitte Februar 1982 verfasst, die ich nach und nach ausbauen wollte – wozu es dann aber nicht kam. Dreißig Jahre nach dem Verfassen dieser wenigen Sätze fragte ich mich natürlich, warum ich den Titel Schweinehund(e) gewählt hatte? Einer dieser Schweinehunde sollte sicherlich auch der ‚innere Schweinehund’ sein. Hier die ersten vier Absätze. Kleiner Hinweis: Berlin, hier Ausgangspunkt, ist ja inzwischen wieder Metropole im Sinne von Hauptstadt.

Willi und die Romananfänge

Schweinehund(e)

Geboren wurde ich. Das soll vorkommen. Dabei war es kalt im Februar. Und man wunderte sich sehr. Die Nabelschnur hatte ich um den Hals. Gehängt. Väter wurden nervös. Gesicht schon blau. Erste Atemluft eine Qual. „Laßt die Kindlein.“ Das noch mit Mitte dreißig, fui. Was kann man schon dagegen tun. Geschenkt. So lebe ich und darf dankbar sein. Ich denke: muß. Aber auch so wird man alt. Wer will schon anders. Leben nach dem Tode. Erst einmal leben, dann weitersehen. Kann nur nicht so ohne weiteres. Kopf voll – zunächst einmal Windeln voll …

Hermann, der Wehrmann, sprach leis ein Flehen aus. Ei der Daus, was kommt da raus? Klaus? (Einen Klaus, oder sind’s schon zwei, genügen der Familie. So bekundet mein Vater seinen Friedenswillen, meine Mutter erinnert sich an gefallene Brüder: heißt mein Bruder kämpferisch …).

Geboren in einer Großstadt, ehemals Metropole, jetzt überaltert – aber auch viel Jungvolk, nur das Mittelalter fehlt. Dafür ist es in Stein erhalten. Dem Mann am Klavier, bitte ein Bier – mit Strohhalm: Berliner Weiße mit Schuß in den Ofen. Grün mit Waldmeister, rot mit Himbeer.

Am Ku’damm grasen keine Bullen. Stück weiter am Zoo treibt man sich rum. Und Züge der Reichsbahn. Eine letzte Bulette, bestrichen mit Senf, statt Eckkneipe Dosenbier. Rückreise … Uhr … An einer Leine Wachhunde, was mir zwischendurch einfällt. Übereinander gestapelt pennt einer, einer kratzt sich am Bein, einer liest, einer nuckelt an übriggebliebenem Bier, eine liest was über Grass, eine schaut ins Leere, mittendrin sucht einer seine Fahrkarte. Im Scherz: 10 Mark für die Reinigung! Schuhe runter – vom Sitz, vom Fuß. Sucht schon Geld, findet doch noch [die] Fahrkarte. Alles jubelt listig: Den Schaffner doch hereingelegt, wieso eigentlich?

Soweit das. Kunst der Kunst wegen (L’art pour l’art) mag ich eigentlich nicht. Gerade eine Erzählung, ein Roman sollte auch immer einem Zweck dienen, aufklären, zum Denken anregen. Trotzdem hatte ich damals geplant, viele stilistische Mittel in mein Geschreibsel einfließen zu lassen. Davon zeugt die hier (ausschnittweise) wiedergegebene Übersicht:

Rückwärts schreiben -> Sätze (Warum lügt er? -> Er lügt warum?)
Silbentrennung (Don-Au-Dam-Pf-Schi-Fff-Ahrt-Skapi-Tän)
Kunstsprache
Sinnlose Sprache
diagrammäßige Schrift
Ornamentale Schrift
zwischendurch leere Blätter („frei für Notizen“)
„Skizzen aus dem Büro“

überhaupt alle Stilmittel:
– Lyrik (Gedichte, Balladen etc.)
– Prosa (Kurzgeschichten, auch Essays …)
– Tagebuch, Briefe
– Anmerkungen – Skizzen, Notizen, Spickzettel
– Aphorismen, Anekdoten, Witze („Sprach Hinz zu Kunz: „Laß uns mal …“)
– Einkaufszettel, Rechnungen, amtl. Briefe (Bw).
– Märchen, Legenden
– Programme (Radio/TV)
– Zitate
– Bibliographie / Discographie (?)

einfach alles, das irgendwie, irgendwann zu Papier gebracht wurde …:
– Liedertitel, Buchtitel, Zeitungsschlagzeilen
– Reklamen (Slogans), Plakate, Plattenhüllen (-> Blodwyn Pig)
– auch Englisch (-> Wörterbücher: Langenscheidt/ Duden / etc.)
– Reiseberichte (Übersichten / Pläne -> Randbemerkung)
– Kleidungsgrößen – Körpermaße
– Lehrsätze der Mathematik / Physik / Chemie
– Wortdefinition (verschiedene -> Lexika / Duden / Wörterbücher)
– aus der Geschichte der Sprachen