Halldór Laxness: Islandglocke

Der Roman “Die Islandglocke”, bestehend aus drei Teilen, von Halldór Laxness (geboren als Halldór Guðjónsson; * 23. April 1902 in Reykjavík; † 8. Februar 1998 in Reykjalundur bei Mosfellsbær) spielt im unter dänischer Herrschaft stehenden Island des späten 17. und frühen 18. Jahrhundert. Halldór Laxness schrieb Die Islandglocke während des Zweiten Weltkrieges.

Im Mittelpunkt stehen der mit allen Wassern gewaschene Bauer Jón Hreggvidsson, die schöne, selbstbewusste und vornehme blonde Richterstocher Snæfriður Íslandssól (im Buch: Snaefridur Islandsonne, auch Snaefridur Björnsdóttir Eydalin) und der Gelehrte Arnas Arnaeus. Ihre Wege kreuzen sich immer wieder.

Jón Hreggvidsson wird des Mordes an den königlichen Henker angeklagt, kann sich einer Hinrichtung gerade noch entziehen und irrt anschließend jahrelang durch Europa. Nach seiner Rückkehr nach Island wird der Prozess immer wieder aufgerollt. Snaefridur ist die Tochter des Richters, der den Bauern das erste Mal aufgrund vager Indizien verurteilt, das Mädchen selbst ermöglicht ihm aber die Flucht. Und so zieht sich ein Prozess fast 50 Jahre hin, nämlich von 1683 bis 1730 – und ist historisch verbürgt. Die Akten dazu befinden sich in der ‚Arnamagnä(an)ischen Sammlung’ der Universitätsbibliothek von Kopenhagen (Die Handschriftsammlung wird heute in Reykjavík beim Arnamagnäanischen Handschrifteninstitut Islands unterstützt durch die Institution Árnastofnun, die Stiftung Árni Magnússon, aufbewahrt), die mit die ältesten und wertvollsten nordischen Handschriften enthält. Der Stifter dieser Handschriftensammlung war der isländische Pfarrerssohn Arni Magnússon, latinisiert Arnas Magnaeus (1663 – 1730), der erste Isländer, der in Kopenhagen Universitätslehrer wurde. Tragischerweise wurde bei einem Großbrand in Kopenhagen im Jahre 1728 ein großer Teil der Handschriften, Abschriften und Aufzeichnungen Árnis vernichtet, die wichtigsten Handschriften jedoch glücklicherweise gerettet. Einen Teil der Schriften konnte er bis zu seinem Tod Anfang 1730 noch aus dem Gedächtnis erneut zu Papier bringen. Im Roman tritt er als Arnas Arnaeus auf.

Zwischen Snaefridur und dem Gelehrten Arnas Arnaeus entwickelt sich ein Liebesverhältnis, das aber nicht seine Erfüllung findet. So heiratet Snaefridur den Junker Magnús Sigurdsson von Braedratunga (eigentlich Bræðratunga), der sich als Quartalssäufer entpuppt und sogar so weit geht, seine Frau gegen Schnaps zu verkaufen. Und neben dem Bischof von Skálholt und seiner Frau Jórunn, der Schwester Snaefridurs spielt noch der so genannte Wartefreier und Domkirchenpastor Sigurdur Sveinsson eine gewichtige Rolle. Diesen von ihr zuvor immer wieder demütigend zurückgewiesenen „ewigen Freier“, den gelehrten, zeitweise fanatisch asketischen und dem Katholizismus zugeneigten Pastor heiratet sie zuletzt, als es sich zeigt, das ihre Beziehung zu Arnas Arnaeus für immer zerbrochen ist. Nach dem Tod des Bischofs von Skálholt und seiner Frau durch die Pest, wird dieser dessen Nachfolger.

Die Romantrilogie ist kein historischer Roman im eigentlichen Sinne, sondern eine freie Dichtung. Aber wir lernen ein Land am Anfang der Neuzeit kennen – vertreten durch die Protagonisten dieses Romans. Dabei spielt die soziale und politische Situation Islands in diesem Roman eine große Rolle; gezeigt werden die verelendeten Bauern, die stolze, aber gleichfalls recht einfach lebende Oberschicht und die reichen dänischen Profiteure, aber auch der Stolz auf das Land und seine alten Überlieferungen bei Isländern aller Schichten.

„Gelahrte Männer haben in ihren Büchern mancherlei über die vielen Vorboten aufgezeichnet, welche die Beulenpest auf Island ankündigten. Zunächst kann man Hungersnot und Mißernten nennen, die es in allen Teilen des Landes gab mit großer Sterblichkeit unter dem Volk, insonderheit bei den Armen. Großer Mangel an Angelschnüren. Dazu kam Raub und Diebstahl mehr denn gewöhnlich, so auch Blutschande, zudem Erdbeben im Südland. Dazu vielerlei seltsame Dinge. In Eyrarbakki ehelichte eine Frau von achtzig Jahren einen Mann von einiges über zwanzig im Herbst vor der Pest und wollte ihn im Frühjahr impotentiae causa wieder loswerden. Am siebzehnten Majus wurden sieben Sonnen gesehen. Im selbigen Frühjahr bekam ein Schaf in Bakkakot im Skorratal ein mißgestaltes Lamm mit Schweinskopf und Schweinsborsten; der Oberkiefer bis zu den Augenhöhlen fehlte, die Zunge hing lang hervor über dem Unterkiefer, der keinen Zusammenhang mit der Hirnschale, und man fand keine Spur von Augen; Ohren lang wie an einem Jagdhund; vom Schädel hing eine kleine Zitze mit einem Loch darin. Als das Lamm geboren ward, hörte man es deutlich sprechen, indem es diese Worte sagte: Mächtig ist der Teufel in Kindern des Irrglaubens. Vom Kirkjubaearkloster verbreitete sich im Winter vor der Pest die Kunde, daß der Pächter des Klosterhofs wie auch ein anderer Mann, als sie zusammen am Abend durch den Kirchhof gingen, unter ihren Füßen ein Jammern vernommen; im Kirchspiel von Kjalarnes in der Luft eine Schimpferei. Im Skagafjord ward ein Rochen aus dem Wasser gezogen, der, sowie man ihn ins Schiff gebracht, fürchterlich zu lärmen und kreischen anhub, und als man ihn auf dem Strande ausgenommen und gevielteilt, in jedem einzelnen Stück weiter lärmte und kreischte; und als man die einzelnen Stücke nach den verschiedenen Hütten der Fischer gebracht, da schrien sie alle und ein jegliches auf seine Weise immerfort, lärmend und kreischend, so daß man sie alle samt und sonders wieder ins Wasser geschmissen. Menschen in der Luft. Und schließlich bleibt zu vermelden, daß jenes Ei, welches ein Huhn auf Fjall zu Skeid legte, deutlich ein dunkles Zeichen eingepreßt wies, das in umgekehrter Weise das Zeichen Saturni war, bedeutend: Omnium rerum vicissitudo veniet [Der Wechsel aller Dinge komme!].“

Halldór Laxness: Islandglocke (suhrkamp taschenbuch 228 – 1. Auflage 1975 – Suhrkamp Taschenbuch Verlag – S. 368f.)

„Das ist ein Buch weit entfernt von aller kostümierten Geschichtsunterrichtung – es ist ein Nachklang aus dem alten herrlichen Island der Skalden, eine echte Saga, eine moderne Epiphanie jenes Volksgeistes, der einst die Geschichten vom Skalden Egil und dem geächteten Grettir gedichtet hat.“ (Hermann Hesse)

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

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