Franz Kafka: Briefe an Milena

    Briefe schreiben heißt sich vor den Gespenstern entblößen, worauf sie gierig warten. Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken.
    Franz Kafka an Milena Jesenská (S. 199)

Zu Beginn des Jahres 1920 [Ende 1919] hatte Franz Kafka Milena kennengelernt. Zwischen ihr und Kafka entstand eine innige Freundschaft. Schon Kafkas Tagebücher haben uns die wirkliche Tiefe dieser Freundschaft gezeigt. Doch ahnen wir dort nur, was sich hier in diesen zum ersten Mal im Taschenbuch veröffentlichten Briefen offenbart: ein Liebesroman, eine Orgie an Verzweiflung, Seligkeit, Selbstzerfleischung und Selbsterniedrigung. (Willy Haas im Kladdentext)

„In der rücksichtslosen Enthüllung menschlicher Größe und Schwachheit, Leidenschaft und Feigheit, kann dieser Band als Lebensdokument nur etwa mit Rousseaus ‚Bekenntnissen‘ verglichen werden.“ (Die Welt)

Kafkas Briefe an Milena Jesenská sind das persönlichste, ja das leidenschaftlichste Dokument, das wir von ihm haben. (Umschlagtext)

Kafkas Briefe an Milena habe ich als Band 756 aus dem Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main – 84. – 88. Tausend: April 1976 – vorliegen. © 1952 Schocken Books Inc., New York City, USA

Schon vor einiger Zeit schrieb ich: „Eigentlich bin ich kein Voyeur, der sich in das Privatleben eines Schriftstellers zu schleichen wünscht.“ Bei einem wie Kafka, der oft ausführlich Tagebuch und intensiv und über eine lange Zeit seines Lebens sehr persönliche Briefe schrieb, hat man schnell erkannt, dass z.B. seine Briefe seine hohe Sensibilität belegen und seine Sicht der bedrohlichen Aspekte seiner Innenwelt und seine Ängste angesichts der Außenwelt vermitteln. Manche Autoren halten daher Kafkas Briefe nicht nur für eine Ergänzung seines literarischen Werks, sondern sehen sie als Teil davon. Besonders seine […] Briefe an Milena gehören zu den großen Briefdokumenten des 20. Jahrhunderts.

Franz Kafka & Milena Jesenská

Milena Jesenska arbeitete als Journalistin in Wien und übersetzte Texte vom Deutschen ins Tschechische. Franz Kafka hatte sie wohl Ende 1919 bei einem Besuch des Café Arco in der Prager Altstadt (Ecke Plaster-/Hybernergasse) mit ihrem Mann Ernst Pollak flüchtig kennengelernt. Bald darauf bat sie Kafka, einige seiner Texte ins Tschechische übersetzen zu dürfen. So übersetzte sie 1919 mit Kafkas Erlaubnis seine Erzählung „Der Heizer“, die im April 1920 erschien, sowie weitere seiner Prosatexte vom Deutschen ins Tschechische, worauf sich ihre Beziehung zum Schriftsteller vertiefte. Aus dieser hauptsächlich aus brieflichen Kontakten und wenigen Begegnungen bestehenden Beziehung resultiert ein umfangreicher Briefwechsel, von dem allerdings nur noch Kafkas Briefe erhalten sind. Den ersten Brief schrieb Kafka im April 1920 aus Meran-Untermais an Milena. Die ersten Brief sind datiert. Spätere Briefe enthalten meist nur noch den Wochentag (teilweise auch nummeriert) und ließen sich zunächst nur schwer der Reihenfolge nach sortieren (siehe Briefe an Milena als PDF mit Datierung).

    Wurde mir der Liebespfeil in die Schläfen geschossen, statt ins Herz?
    Franz Kafka an Milena Jesenská (S. 163)

Die aus Prag stammende Journalistin war eine lebhafte, selbstbewusste, moderne, emanzipierte Frau von 24 Jahren. Sie lebte in Wien und befand sich in einer auseinandergehenden Ehe mit dem Prager Schriftsteller Ernst Pollak. Nach ersten Briefkontakten kam es zu einem Besuch Kafkas Ende Juni/Anfang Juli 1920 in Wien. Voller Begeisterung berichtete der Zurückgekehrte seinem Freund Max Brod von der viertägigen Begegnung. Im August 1920 trafen sich beide dann mindestens noch einmal in Gmünd an der tschechisch-österreichischen Grenze. Doch wie schon bei Felice Bauer, mit der Kafka zweimal verlobt war, wiederholte sich auch bei Milena das alte Muster: auf Annäherung und eingebildete Zusammengehörigkeit folgten Zweifel und Rückzug (siehe u.a.: Kafkas Beziehungen zu Frauen). Kafka beendete nach der Verschlimmerung seiner Krankheit (Lungentuberkulose) schließlich die Beziehung im November 1920, woraufhin auch der Briefwechsel abrupt abbrach. Der freundschaftliche Kontakt zwischen beiden riss allerdings bis zu Kafkas Tod nicht ab. Zwei Jahre später wurden wiederum einige vereinzelte Briefe gewechselt, und am Ende seines Lebens übergab ihr Kafka einige seiner Tagebücher.

Man erahnt es aus den Briefen Kafkas, welch starke Persönlichkeit Milena Jesenská gewesen sein musste. Er war begeistert von ihr. Aber die Beziehung scheiterte an der Angst Kafkas vor der sinnlichen und tatkräftigen Milena, auch an der Angst vor der Konkurrenz mit dem übermächtig scheinenden Pollak. Er traute sich nicht zu, die energische, selbständige Frau ganz für sich zu gewinnen. Was er an ihr liebte, wurde ihm zur Bedrohung und zum Verhängnis.

siehe auch: Milena war ein lebendiges Feuer (zeitzug.com)
und Wer war Milena? (zeit.de)

Nachtrag: Zufällig wurden vierzehn Briefe entdeckt, die Milena Jesenská, Journalistin, Übersetzerin, Widerstandskämpferin und einstige Freundin Franz Kafkas, in der Gefangenschaft geschrieben hat. Nach ihrer Festnahme durch die Gestapo im November 1939 waren das Gefängnis in Dresden und das berüchtigten Pankrác–Gefängnis in Prag, schließlich das Konzentrationslager Ravensbrück ihre Leidensstationen.

Neue Rundschau 2015/2: Briefe von Milena Jesenská aus dem Gefängnis – Hg. Hans Jürgen Balmes, Jörg Bong, Alexander Roesler, Oliver Vogel – 288 S., Hardcover, Fischer Verlag, 2015

Die bewegenden Briefe an ihren Vater und ihre Tochter Honza sind erschütternde Zeugnisse, in denen Milena Jesenská über sich und ihre Familie schreibt, über Hoffnungen und Hoffnungslosigkeit. Sie will Mut machen, trotzalledem. Zwischen den Zeilen liest man aber auch ihre Verzweiflung, ausgelöst vor allem durch ihre nicht oder nur notdürftig behandelten Krankheiten. Das sind überraschende Töne nur für die, die sie noch immer nur im Kafka-Kontext wahrnehmen. Bekannt wurde sie durch die erstmals 1949 veröffentlichten Erinnerungen von Margarete Buber-Neumann ‚Gefangene bei Stalin und Hitler‘ und ‚Kafkas Briefe an Milena‘. Die Briefe werden hier von Alena Wagnerová (s. hier auch: Alena Wagnerova; Kafkas Nichte – Prag) zum ersten Mal ediert und erläutert. 2014 wurden die Briefe, zusammen mit anderen Schriften, Büchern und Fotos von Milena Jesenská und ihren Weggefährten im tschechischen Kulturministerium in Prag gezeigt.

Quelle: Letnapark –Prager kleine Seiten

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

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