Archiv für den Monat: September 2011

Hermann Hesse: Welkes Blatt

Heute ist Herbstbeginn. Da passt ein einwenig melancholisches Gedicht von Hermann Hesse ganz gut. Ich liebe die Farben des Herbstes, dieses Gemisch aus Gelb, Braun und Rot mit verbliebenem Grün. Und wenn, wie hoffentlich an diesem Wochenende, die Sonne hinzukommt, dann wirkt alles golden.

Jede Blüte will zur Frucht,
jeder Morgen Abend werden,
Ewiges ist nicht auf Erden
als der Wandel, als die Flucht.

Auch der schönste Sommer will
einmal Herbst und Welke spüren.
Halte, Blatt, geduldig still,
wenn der Wind dich will entführen.

Spiel dein Spiel und wehr dich nicht,
lass es still geschehen.
Lass vom Winde, der dich bricht,
dich nach Hause wehen.

Hermann Hesse: Welkes Blatt

Hintergrundbild „Herbstwald in Deutschland“ von Martin.Heiss

Google+ ab sofort für alle offen

Mit rund 750 Millionen Mitgliedern ist Facebook nach wie vor das weltgrößte Online-Netzwerk. Aber jetzt bekommt das ‚Fratzenbuch’ Konkurrent von Google+ (plus). Ende Juni ging Suchmaschinenriese Google mit seinem Online-Netzwerk Google+ an den Start – zunächst in einer Testversion für ausgesuchte Nutzer. Jetzt ist der Testbetrieb vorbei: Google+ öffnete seine virtuellen Tore. Ab sofort kann jeder das soziale Netzwerk aus dem Hause Google testen.

In der Testphase hat Google+ Millionen Nutzer angezogen – „vor allem natürlich die sogenannten Early Adopters, technikaffine Nutzer, die immer zu den Ersten gehören, die neue Dienste testen“ (bin ich wirklich technikaffin?).

Google+

Google+ bietet ähnlich wie Facebook jede Menge Funktionen, z.B. die Videochat-Funktion “Hangout”. Äußerst nützlich ist auf jeden Fall die neue Suche, die Google seinem Netzwerk spendiert. Man tippt seine Anfrage in das Google+-Suchfeld ein und erhält relevante Ergebnisse zu Personen und Beiträgen sowie beliebte Inhalte aus dem Web.

Konkurrenz belegt das Geschäft. Nur ist man als Normalinternetnutzer schon anderweitig im sozialen Netz beschäftigt. Also muss man langsam aber sicher Prioritäten setzen. Facebook und Google+ (neben Twitter und all den anderen Diensten) wird zusammen zu viel, oder?

Willi @ facebook
Willi @ google+

True Grit

True Grit (engl.: Echter Schneid) ist ein US-amerikanischer Spätwestern aus dem Jahr 2010. Regie führten Ethan und Joel Coen, die auch für das Drehbuch verantwortlich sind. Es handelt sich um die zweite Verfilmung des gleichnamigen Romans von Charles Portis aus dem Jahr 1968. Im ersten Film, der 1969 in die Kinos kam und den deutschen Titel Der Marshal trägt, spielte John Wayne die Rolle des Rooster Cogburn. Nach The Big Lebowski ist True Grit die zweite Zusammenarbeit der Coen-Brüder mit Jeff Bridges.

„Mattie Ross (Hailee Steinfeld) ist 14 Jahre alt – und steckt längst jeden Erwachsenen in die Tasche, sobald rhetorische Fertigkeit und clevere Argumentation geboten sind. Als ihr Vater vom berüchtigten Gangster Tom Cheney (Josh Brolin) erschossen wird, beschließt das kecke Mädchen, eigenhändig Rache zu nehmen. Als Geleitschutz und Spürhund engagiert sie den furchtbar versoffenen US-Marshall Rooster Cogburn (Jeff Bridges). Derweil meldet auch Texas Ranger LaBoeuf (Matt Damon) Anspruch auf den Kopf des Flüchtigen an, immerhin winkt dafür ein fette Prämie. Und so debattiert das ungleiche Trio darüber, wer nun zuerst zulangen darf, sobald sich Cheney in Gewahrsam befindet. Doch der ist weder alleine, noch unvorbereitet. Im Indianer-Land jenseits der Western Frontier kommt es zum großen Showdown…“

aus: filmstarts.de


True Grit – deutscher Trailer

Ich bin kein Fan von Western. Als Junge habe ich die Orient-Abenteuer den Winnetou-Romanen von Karl May vorgezogen. Und jetzt noch ein Remake von einem Western mit John Wayne? Okay, Jeff Bridges als versoffener Marschal – und die Coen-Brüder auf den Regie-Sesseln, das lädt natürlich ein, nach langer Zeit auch wieder einmal einen Western zu sehen, der jetzt sowohl als DVD True Grit sowie als Blue-ray True Grit (inklusive DVD + Digital Copy) auf dem Markt ist.

Jeff Bridges hatte als The Big Lebowski seinen großen Auftritt bei den Coen-Brüdern. Dort zeigte er sich bereits ziemlich trinkfest. Das ist aber schon eine Weile her. Trinkfest musste Bridges auch in dem Film Crazy Heart sein, mit dem er nach mehreren Nominierungen endlich seinen verdienten Oscar gewann. Und jetzt als bärtigen Säufer mit Revolver und Pferd? Oft schwankend und nuschelnd gelingt Jeff Bridges als einäugiges Raubeins wieder eine eigenständige Charakterrolle – und er lässt sich selbst von Hailee Steinfeld als frühreife Mattie nicht völlig an die Wand spielen. Denn dieses zarte Wesen hat es in sich. Wenn der Film ansonsten durch Ernsthaftigkeit besticht, so muss man wenigstens schmunzeln, wenn man sieht, wie sie manchen reifen Herrn über den Tisch zieht. Dabei wirkt das auch im realen Leben erst 14-jährige Mädchen an keiner Stelle überfordert mit der Aufgabe, eine Erwachsene im Körper eines Kindes zu spielen.

True Grit ist eine detailverliebte Hommage an den klassischen Western. Es geht zunächst um Vergeltung im alttestamentarischem Sinne. Aber „statt einer Schwarz-Weiß-Lektion über Moral“ ist der Film am Ende eher „ein trauriger Abgesang auf sicher geglaubte ethische Überzeugungen.“ Eine solche Art von Western lasse auch ich mir gefallen.

Nun die Gebrüder Ethan und Joel Coen gehören bei uns zu Hause zum festen Spielplan, siehe hierzu auch meine Beiträge No movies for an old man (No Country for Old Men 2007), Ethan & Joel Coen: Burn after Reading (2008) und A Serious Man (2009). Beide sind im Bereich Kino in etwa das, was Ry Cooder (der immerhin verschiedene Filmmusiken verfasst hat) für mich im Bereich der Musik ist: Etwas jenseits des Mainstreams gelingt diesen dreien ein Abbild eines Amerika, das sich nicht als Weltpolizei aufspielt, sondern menschliche Züge zeigt.

Rösler und die Griechen

Ach ja, die Finanzkrise – und Griechenland. Und jetzt melde auch ich mich noch dazu (endlich oder auch nicht) zu Wort.

Zunächst etwas zu unserem Bundeswirtschaftsminister, ja den Rösler, den Zappelphilipp, der nun eigentlich nicht der große Finanzexperte ist. So verkündet er (auch aus Gründen der Präsenz, denn wo ist die FDP, deren Vorsitzender er noch so nebenbei ist, sonst noch präsent?) vollmundig in dieser Sache: Eine geordnete Insolvenz Griechenlands könne nicht ausgeschlossen werden.

Genau, Herr Rösler (wie steht es eigentlich in der Insolvenz-Sache FDP?). Erst einmal gibt es immer nur ‚geordnete’ Insolvenzen und sollte es auch bei einer Staatsinsolvenz geben. Des Weiteren sollte man nicht ins Blaue hinein philosophieren über etwas, für das es bis heute in Europa keine Regeln gibt, eben für eine solche Staatsinsolvenz. Solch ein Beitrag zur Debatte ist zu Recht unverantwortlich.

Überhaupt. Was versteht Herr Rösler unter einer Insolvenz? Nach Ansicht des Wirtschaftswissenschaftlers Professor Rudolf Hickel hat Rösler nämlich nicht präzise unterschieden zwischen einer Insolvenz, also einer Staatspleite, und einem so genannten Haircut. Haircut ist, wenn die Gläubiger auf einen gewissen Teil ihrer Forderungen verzichten. Das hätte zur Folge, dass Griechenland mit einem Schlag einen Teil seiner Schulden loswäre. Die Schuldenberge sind nicht mehr so gigantisch und damit die Zinslast nicht mehr so drückend.

Allerdings drohten den deutschen Banken in einem solchen Fall Milliardenverluste, denn die Branche hat griechische Engagements in zweistelliger Milliardenhöhe in den Büchern. Und wieder einmal wären. wenn auch in die andere Richtung, staatliche Hilfen unumgänglich. Diesmal für die Banken?!

Aber verlassen wir Herrn Rösler, der genug mit der Pleite seiner Partei zu tun hat. Hat er sich schon nach einem neuen Betätigungsfeld umgeschaut? Ohne abgeschlossene Facharztausbildung reicht es höchstens zum finanzpolitischen Berater der AOK.

Die Finanzkrise und der Fall Griechenland ist inzwischen ein Glaubenskrieg. Eigentlich wollen alle dem Land helfen – und hoffentlich auch den Menschen dort, aber wie? Und was wird aus dem Euro? Was sagen die Experten?

Für die einen geht z.B. eine Insolvenz notwendigerweise einher mit der Wiedereinführung der Drachme. Griechenland hätte dann die Chance für einen Neustart. Es könnte wieder konkurrenzfähig werden, gerade in Hinblick auf den Export und die Tourismusbranche, weil die Drachme im Vergleich zum Euro schwach wäre, griechische Produkte, die exportiert werden, ebenso das Urlaubmachen dort dadurch billig gemacht würden.

Dieser Argumentation widerspricht der bereits erwähnte Wirtschaftswissenschaftlers Hickel aus Bremen vehement: „Wenn Griechenland aus dem Euro rausfliegt, wird es langfristig zu einem nicht lebensfähigen Staat. Die schwache Drachme würde die Investitionen verhindern, die so bitter nötig sind.“ Außerdem fürchtet Hickel einen Domino-Effekt: „Andere angeschlagene Staaten folgen dann unweigerlich.“ Der Zusammenbruch des Euros würde den Finanzmarkt instabil machen. Damit wäre Deutschland eindeutig ein Verlierer des Ausstieges.

Wie auch entschieden werden sollte: Der deutsche Steuerzahler wird immer im Boot mitpaddeln, also einen Teil der Zeche berappen dürfen.

Einen Ausstieg Griechenlands aus der Euro-Zone halte auch ich für bedenklich. Ein teilweiser Verzicht der Gläubiger auf ihre Forderung (Haircut) wäre vielleicht mittelfristig die beste Lösung, auch wenn die Banken dann wieder bitter zu weinen begännen.

Wenn die EU es nicht schafft, innerhalb ihrer Grenzen die Finanzkrise zu bewältigen, dann allerdings sehe ich schwarz für Europa und den Euro. Hilfe aus China oder gar aus Indien, wie zu lesen ist, wäre das denkbar ungeeignetste Mittel. Das, was von einer „europäischen Idee“ übrig bliebe, wäre ein Scherbenhaufen.

Eigentlich frage ich mich nur, wohin die angeblich Billionen von Euro ‚vernichtet’ worden sind. Zwecks Partizipierung meinerseits teile ich den Zockern und Spekulanten gern meine Kontonummer mit.

Eine neue Parteienlandschaft

Es war absehbar, dass die Piratenpartei eines Tages auch in ein Landesparlament einzieht. Besonders in Städten gelingt es der Partei immer mehr, junge Wähler zu gewinnen. Aber selbst ‚in der Provinz’, wie bei der Kommunalwahl in Niedersachsen vor einer Woche hat die Piratenpartei z.B. mit 1,5 % der Stimmen immerhin auch schon einen Sitz im Kreistag des Landkreises Harburg erzielt.

Bei Umfragen kristallisierte sich erst in den letzten Tagen vor der Wahl heraus, dass der Piratenpartei möglicherweise sogar den Einzug ins Berliner Abgeordnetenhaus gelingen könnte. Trotzdem werden die Piraten selbst über den Ausgang der gestrigen Wahl des Landesparlaments von Berlin überrascht gewesen sein: Mit 8,9 % und 15 Mandaten gelang der Partei ein riesiger Erfolg.

Blicken wir dreißig Jahre zurück: Da gab es die AL (Alternative Liste), die als Landesverband des 1980 gegründeten Bundesverbandes der Grünen an den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus am 10. Mai 1981 antrat und mit 7,2 % der Stimmen und neun Abgeordneten erstmals ins Abgeordnetenhaus einzog. Den weiteren Weg der Grünen kennen wir: 1983 gelang ihnen der Einzug in den Bundestag und von 1985 bis 1987 stellten sie in einer rot-grünen Koalition in Hessen mit Joschka Fischer erstmals einen Landesminister.

Ob der Weg der Piratenpartei ähnlich steil nach oben führt, wird sich zeigen. Aber die Wahl 2011 in Berlin deutet wie 1981 einen Trend an, der zu einer erneuten Veränderung der Parteienlandschaft in Deutschland führen dürfte. Leidtragend dürfte die FDP sein, die ihren Abwärtstrend auch gestern nicht stoppen konnte und mit gerade noch 1,8 % der Stimmen zur Bedeutungslosigkeit verkommen ist (… gefeiert wurde ‘trotzdem’). So sehe ich auch für die nächsten Bundestagswahl 2013 ‚schwarz’. Die FDP wird ohne die Leihstimmen aus der Union an der 5-%-Hürde scheitern. Ob es allerdings die Piratenpartei schaffen wird, 2013 in den Bundestag einzuziehen, wird sich erst noch zeigen. Für möglich halte ich das aber schon. Zur Bundestagswahl 2009 hatte ich übrigens die Piratenpartei mit meiner Unterstützungsunterschrift geholfen, an dieser Wahl teilnehmen zu können. Damit gehöre ich (und mein älterer Sohn) zu den 5333 Wahlberechtigten, die die Piratenpartei entsprechend unterstützten.

Übrigens: Meine Wahlprognose samt Szenario (statt Fukushima erdachte ich mir eine verheerende Panne in dem AKW Emsland) vom Oktober 2009 für eine Bundestagswahl 2014 (in meiner Kühnheit bin ich davon ausgegangen, dass die jetzige schwarz-gelbe Regierung die Legislaturperiode auf 5 Jahre verlängert, eben um weitere Zeit zu finden, den Abwärtstrend beider Parteien zu stoppen) muss ich wohl doch noch einmal revidieren. Die 6,4 % für die FDP verringere ich auf rund 3 %, die Linke ist mit 18,7 % auch viel zu gut weggekommen (2009 gab es einen entsprechenden Trend). Die SPD (z.T. auch die CDU) sollte davon profitieren. Aber wahrscheinlich kommt es ganz anders, als man heute zu denken in der Lage ist.

Rechtes Schattenland

Am Anfang der Woche erhielt ich folgende Mail aus Buchholz/Nordheide:

Hallo,

in der vorletzten Ausgabe des Nordheide Wochenblattes vom 07.09.2011 wird auf Seite 1 ein redaktioneller Beitrag über EUCH und Ulrich Graß gebracht. Die Aktion gegen rechte Bürger u. Unternehmer ist ziemlich krass und verschärft m.E. nur die politische Auseinandersetzung zwischen rechts und links. Die Auseinandersetzung muss demokratisch und politisch geführt werden ohne den politischen Gegner in das wirtschaftliche AUS zu treiben und ihn abhängig von staatlichen Transferleistungen zu machen. Die Rechten haben genauso wie die Linke das demokratische Recht, Ihre Meinungen zu sagen. Demokratie muss das aushalten. Demokratie lebt von Mehrheiten, die sich bilden und sicher wird sich keine rechte Mehrheit in Deutschland bilden. Oder ist Euer Vertrauen in unsere Demokratie so schlecht?

Gruss …

Es geht hierbei um diesen kleinen Artikel. Ausführlicher wurde übrigens im Hamburger Abendblatt am 20.09.2011 berichtet: Mietklausel soll rechte Läden in Tostedt verhindern – Das Forum für Zivilcourage appelliert an Vermieter. Ein Zusatzparagraf im Mietvertrag soll eine Kündigung in Zukunft erleichtern.

Kreiszeitung Nordheide Wochenblatt Nr. 36 vom 07.09.2011/40. Jg.
Kreiszeitung Nordheide Wochenblatt Nr. 36 vom 07.09.2011/40. Jg.

Ich habe auf die Mail wie folgt geantwortet:

Hallo Herr …,

den Artikel habe ich erst jetzt gelesen und halte die Aktion zwar für legitim, aber auch für ziemlich überzogen. Natürlich muss die Auseinandersetzung mit den Rechten mit rechtstaatliche Mitteln geführt werden. Auch Rechte haben ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Nur sind diffamierende Nazi-Parolen keine Meinungsäußerung mehr. Und der Aufruf zur Gewalt noch weniger. Das gilt übrigens für links wie rechts. Bedenken Sie allerdings auch den Hintergrund: Es geht um Silar und seinen Laden. Hier wird nicht nur verkauft, sondern hier werden Jugendliche rekrutiert und zur Gewalt gegen Andersdenkende angestiftet. Leider hat es die halbherzige Politik nicht geschafft, für eine Schließung des Ladens zu sorgen. Jetzt schafft es die Justiz, wobei ich diesen Kuhhandel mit Herrn Silar alles andere als gut heiße [ein Urteil gegen den Neo-Nazi Silar wg. Landfriedensbruches wurde unter der Auflage, dass er seinen ‚Szeneladen’ schließt, in eine Bewährungsstrafe umgewandelt]. Ich denke, es geht nicht darum, „den politischen Gegner in das wirtschaftliche AUS zu treiben“. Es geht darum, der Gewalt vorzubeugen – notfalls auch mit etwas ‚ungewöhnlichen’ Mitteln.

Gruß
Willi

Warum schreibe ich das? Obwohl ich über die rechte Szene in Tostedt in diesem Block schon öfter berichtete, wunderte es mich schon, dass mir diese Mail zugesandt wurde. So ganz komme ich nicht hinter den Beweggrund des Schreibers. Will hier nur einer ‚auskundschaften’, wie ich zu dieser Aktion des Forums für Zivilcourage in Tostedt stehe (anfangs heißt es dort: „… wird … ein … Beitrag über EUCH … gebracht.“)? Dem widerspricht die Einsicht: „Demokratie lebt von Mehrheiten, die sich bilden und sicher wird sich keine rechte Mehrheit in Deutschland bilden.“

Rechtes Schattenland

Vom Letzteren gehe ich aus. Trotzdem beschäftigt mich die rechte Szene und die Frage, welchen Reiz deren Gedankengut eigentlich auf Menschen hat. In meinem Beitrag über den Massenmord in Norwegen zitierte ich den Terrorismus-Experten des ZDF, Elmar Theveßen, und wiederhole seine Aussage hier noch einmal, in der er von einer Szene spricht, „die in den Krisen und Kriegen dieser Welt den großen Endkampf der Religionen – die Schlacht von Armageddon – wiederzuerkennen glaubt; die den Islam als das Böse und jeden Muslim als Feind ansieht. Und die jeden Europäer, der für Toleranz und Offenheit zwischen den Religionen, den ethnischen Gruppen und gegenüber Zuwanderern eintritt, zum Verräter stempelt, der in der großen Schlacht sterben muss. Die Anhänger dieser Theorien lesen Bücher, in denen der Generalsekretär der Vereinten Nationen der Antichrist ist, spielen christliche Ballerspiele, trainieren ihre Kinder für den Kampf und vernetzen sich quer durch Europa und die USA.“

Ganz so weit ausholen muss man wohl nicht, wenn man die Nazi-Szene in Tostedt betrachtet. Diese geben sich weniger ‚religiös’, dafür nationalistisch-sozialistisch (Ziel ist eine Volksgemeinschaft der Deutschen). Im Wesentlichen begnügt man sich mit Gespött und Denunzierungen des ‚politischen Gegners’, wobei man auch demokratisch Gesinnte bei den Linksextremen einreiht. Und es geht natürlich um Einschüchterungsversuche. Die einschlägigen rechten Blogs (z.B. logr.org/tostedtgegenlinks) werden fernab in den USA gehostet, um dem Zugriff deutscher Behörden zu entgehen. Außer Herrn Silar bleiben die Herrschaften natürlich im Anonymen. Das Ganze wirkt eher spielerisch, wären da nicht die diversen kriminellen Handlungen (Landfriedensbruch, Körperverletzung, Sachbeschädigung). Ich denke, die Herren betrachten sich als eine Art elitärer Geheimbund. Nur will man nicht die ganze Welt, sondern nur ein „Deutschland der Deutschen“ retten. Solch spätpubertäres Verhalten findet sich übrigens viel in rechten Kreisen.

Nun ich habe weiter im Internet recherchiert, das die rechte Szene natürlich zur Genüge für sich ausnutzt. Da gibt es jede Menge selbst ernannte Kreuzzügler und Tempelritter, die uns vor dem Bösen, dem Islam und den ‚Liberalen’ retten wollen. Es ist ein rechtes Schattenland, in dem viele unselige Geister spuken. Man könnte das beängstigend nennen. Ich persönlich finde das nur ‚krank’. Für heute aber genug.