Alle Artikel von WilliZ

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Vorbereitungen auf einen frostigen Winter 2012

Es wird gesagt, wenn es viele Früchte im Herbst gibt, dann erwartet uns ein langer, kalter Winter. Schon purzeln die ersten Eicheln von den Bäumen, der Boden bei Haselbäumen ist übersät mit Haselnüssen. Selten habe ich so viele Kastanien an den Bäumen gesehen – und auch viele Beerensträucher tragen schwer an ihren Früchten. Die Natur bereitet sich so auf einen langen Winter vor.

Kastanien

Und auch die Zugvögel, bei uns hauptsächlich Wildgänse, sind längst auf dem Weg in südliche, damit sonnigere Gefilde. Ich bin gespannt, aber es deutet wirklich alles daraufhin, dass der kommende Winter ein ‚harter’, also frostiger Winter mit dann sicherlich auch viel Schnee werden könnte. Für dieses Wochenende hat sich der ersten Nachtfrost angekündigt.

Beerenstrauch

Alltag (2): Wochenende (Freitag)

Über meinen werktäglichen Alltag habe ich hier bereits vor anderthalb Jahren einmal geschrieben. Viel Aufregendes gab es da nicht zu berichten. Im Grunde ist auch heute noch alles beim Alten. Keinen wird’s wirklich interessieren …, oder?

Mein Wochenende beginnt schon am frühen Freitagnachmittag. Am Freitag arbeitete ich in der Regel sechs ½ Stunden, mache so also vor 13 Uhr Feierabend und bin dann mit dem Zug kurz vor 14 Uhr zu Hause. Als Einleitung des Wochenendes gibt es dann erst einmal eine Tasse Tee oder einen Becher Cappuccino. Es ist ja Kaffeezeit. Dazu esse ich dann mit meiner Frau vielleicht frisch gebackenen Kuchen, ansonsten einige Kekse.

    Wochenend’ & Sonnenschein?

Freitag ist bei uns seit frühen Jahren (als unsere Söhne noch klein waren) Spaghettitag. Nicht irgendeine Nudel kommt auf den Tisch, nein, es müssen Spaghetti sein. Und auch nur die langen. Natürlich variiert die Soße dazu. Meist gibt es neben einer Tomatensoße (selbstverständlich mit frischen Tomaten, roten Zwiebeln wie in Kalabrien und Kräutern) eine Knoblauchsoße. Die letztere besteht aus frisch gehacktem Knoblauch, das in Olivenöl leicht angeschwitzt wird. Gewürzt wird diese mit Salz, Pfeffer, etwas Basilikum und etwas mehr Estragon. Leider gibt es Estragon nicht immer frisch, so nehmen wir durchaus auch getrocknete Blätter. Der Geschmack von Estragon ist ziemlich intensiv und ‚medizinisch’. Aber mit Knoblauch passt dieses Kraut auf ungewöhnlich gute Weise zusammen. Soße und Spaghetti bereite ich zu, es sei denn, wir leisten uns mit einem Pesto einen anderen mediterranen Abstecher, dann bereitet der jüngere Sohn dieses zu. Mein Frau werkelt in der Zwischenzeit oft im Garten herum (das ist ihr Revier).

Wir essen am Freitag wie werktags zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags. Meine Frau düst dann ab zum Sport, während ich mich an meinen Rechner setze, um schon einmal den einen oder anderen Beitrag für diesen Blog vorzubereiten, Fotos oder Videos zu bearbeiten, eben all die Arbeiten mache, für die ich sonst wochentags kaum Zeit habe. Am Abend gönne ich mir dann mit meinem jüngeren Sohn meist einen guten Film (im Fernsehen, wenn es einen geben sollte – oder via Beamer im Keller unseres Hauses). Meine Frau kommt dann später dazu. Je nach Filmlänge entscheidet es sich, wann wir ins Bett kommen.

Die nächste Zumutung beim Bahnfahren

Ich hasse sie, die verfluchte, hirnrissige, Weichteile erweichende, vollidiotische, den Magen umdrehende, trottelige, verblödete, wahnsinnig gewordene, die von überforderten, gerade angelernten Möchtegern-Lokführern gefahrene, ständig verspätete, sich an keinen Fahrplan haltende, auf mit Baumängeln behafteten Gleisen fahrende, vor Harburg wie von einem Begasten gefahren rasende, die schaukelnde, holpernde, den Gastgast schüttelnde, die Alkohol befreite, die nach minutenlangen Bremsversuchen im Fahrgastraum nach Gummi stinkende und quietschende, die von über Lautsprecher kreischend durchgegebene Durchsagen den Fahrgast von Zugbegleitern mit oft null Information zutextende und zudröhnende, diese kackverarschte, verarschende, schiet-verdammte und bananenrepublikanische Drecks-Bahn! … … … Wo ist mein Valium?!

Ach, es tut wieder einmal gut, so aus voller Seele heraus zu fluchen. Lange habe ich jetzt geschwiegen und mich meinem Schicksal, das bestimmt hat, als so genannter Pendler morgens und abends mit dem Zug zu fahren, ergeben. Aber jetzt ist es einer Zumutung wieder zuviel. Die ständigen Verspätungen habe ich ertragen und den mir vor der Nase davonfahrenden S-Bahnen sogar noch nachgewinkt. Aber irgendwann platzt jedem der Kragen.

Wir bringen Sie bis nach Hause – Deutsche Bahn AG

Da habe ich mit meinen Leidensgenossen in Kauf genommen, das monatelang die Strecke zwischen Buchholz und Hamburg-Harburg wegen Gleisbauarbeiten gesperrt war und Umleitungen über den Rangierbahnhof Maschen (vom 5. April bis zum 11. Dezember 2004 um ganz genau zu sein) hingenommen, was verlängerte Fahrzeiten bedeutete. Dann wurde im letzten Jahr gestreikt bis zum Abwinken, sodass man lange Wartezeiten oder weite Umwege in Kauf nehmen musste, wenn man überhaupt je ans Ziel kam. Und jetzt offenbaren sich auf der genannten Strecke zwischen Buchholz und Hamburg-Harburg immer wieder Baumängel, die zu nicht unwesentlichen „Verzögerungen im Betriebsablauf“ der Bahnen führen, weil die Strecke dann höchstens eingleisig zu befahren ist. Gestern wurde die Strecke erneut nach Baumängeln überprüft. Und wieder durfte mein Zug über Maschens Rangierbahnhof auf der für Schnellzüge ungeeigneten Umgehungsstrecke fahren. Ist zu hoffen, dass keine weiteren Mängel gefunden wurden. Dabei steht das alljährliche Chaos bei der Fahrplanumstellung Mitte Dezember noch aus.

Nachtrag: Der Metronom ME 82015 um 12:15 ab Hamburg Hbf. hatte in Tostedt (12:46) 17 Min. Verspätung. Geht der Murx heute also doch weiter? Okay, der Zug hat nur eine ‚Störung‘ und endet in Rotenburg/Wümme. Folgezug, ein MEr, hat in Richtung Bremen allerdings auch schon 15 Min. + Verspätung.

An der Nordseeküste … in Büsum (18.08.2012)

Mitte August diesen Jahres machte ich mit meinen Lieben einen kleinen Tagesausflug nach Büsum, zu dem uns meine Schwiegermutter eingeladen hatte. Büsum ist eine kleine Hafenstadt an der Nordsee in der Region Dithmarschen, die durch den Anbau von Kohl bekannt ist. Büsum selbst ist durch die Krabbenfischerei ein Begriff: Büsumer Krabben!

Strand von Büsum mit vielen Strandkörben

An dem Tag unseres Ausflug hatten wir wirklich herrliches Wetter, was man in diesem Sommer in der Form nicht so oft hatte. Büsum lebt heute weniger von der Fischerei als vom Fremdenverkehr. Obwohl am Strand ein Strandkorb neben dem anderen stand, verteilten sich die Leute dann doch im Ort. Insgesamt wären es mir aber doch zu viele Menschen, wenn ich hier Urlaub machen sollte. Da war mir der Inselaufenthalt 2009 auf der kleinen Insel Neuwerk doch um einiges lieber.

Strand von Büsum mit vielen Strandkörben

Dieser Beitrag kommt mit fast Ende Oktober schon reichlich spät. Wir fangen ja schon an zu bibbern im herbstlichen Nieselregen. Nun, ich bin erst jetzt dazu gekommen, die wenigen Videoaufnahmen, die ich in Büsum gemacht habe, zusammenzuschneiden. Hier also Büsum im Video – zunächst der Museumshafen, dann der Strand mit Leuchtturm, zuletzt der Fischereihafen:


Büsum – Hafen und Strand (18.08.2012)

Es ist aus, Lance Armstrong!

+++ Der Radsport-Weltverband UCI ist erwartungsgemäß dem Strafmaß der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada gefolgt und hat Lance Armstrong seine durch Doping erschlichenen Tour-Siege aberkannt. +++ Lance Armstrong sieht sich nach der Aberkennung seiner Tour-Siege mit einer Zahlungsaufforderung in Höhe von 7,5 Millionen Dollar durch die Versicherungsgesellschaft SCA Promotions konfrontiert. +++ Über weitere Sanktionen gegen Armstrong wird die UCI am Freitag beraten. So droht ihm die Rückzahlung sämtlicher Preisgelder der betreffenden Jahre. +++

„Heute nehmen wir Armstrong die sieben Siege weg, am Freitag werden wir weitere Maßnahmen besprechen. Dazu müssen wir die UCI-Regeln ändern“, sagt McQuaid, Vorsitzender der UCI. Der Ire sagte, der Radsport befinde sich in der „größten Krise, der er sich jemals entgegenstellen musste.“ (Quelle: zdf.de)

Neben Fußball und Leichtathletik hat mich der Radsport und hier in erster Linie die Tour de France, als größtes und bedeutendstes Radrennen der Welt, immer interessiert. In jungen Jahren war ich ein guter Weitspringer und Läufer und habe auch einige Zeit Fußball gespielt. Und im Sommer war ich öfter auf Radtouren, habe dabei halb Norddeutschland erradelt, zuletzt 2006 mit meiner Familie die Insel Fehmarn. Heute jogge ich immer noch einwenig.

Von daher habe ich natürlich auch immer etwas die Karriere des Lance Armstrong verfolgt, eine Karriere, die sehr bald zu einem Fall Armstrong wurde. Bereits im Juli 2006 schrieb ich in diesem Blog (Armstrongs Rache) bezogen auf den Verdacht des Eigenblutdopings eines Jan Ullrich:

„Und wie in den Vorjahren ein Lance Armstrong, der zuvor nie an größeren anderen Rennen teilgenommen hatte, wie Phoenix aus der Asche aufstieg, um Jahr für Jahr die Tour de France zu gewinnen, das konnte auch nicht mit rechten Dingen zugehen. Nicht um sonst kamen im letzten Jahr Verdächtigungen gegen ihn auf, die dann aber – aus welchem Grund auch immer – sehr bald unter den Tisch gekehrt wurden.“

Es war die UCI im Wesentlichen selbst (und ihr Vorsitzender Pat McQuaid), die immer wieder die schützende Hand über Armstrong gehalten hat. 2005 verkündet Armstrong im April seinen Rücktritt für den Zeitpunkt nach der Tour, die er zum siebten Mal gewinnt. Im August berichtet die französische Sportzeitung L’Equipe, dass in sechs Urinproben des Amerikaners von 1999 das Blut-Dopingmittel EPO nachgewiesen wurde. Armstrong bestreitet die Vorwürfe weiterhin.

2006 wird Armstrong vom Weltverband UCI freigesprochen, da die erneuten Tests der Proben nicht nach wissenschaftlichem Standard durchgeführt wurden. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA nennt den UCI-Bericht „fast schon lächerlich“.

    Tour de France 2009 - Lance Armstrongs Comeback

Im Jahr 2008 verkündet Armstrong sein Comeback und starte 2009 erneut bei der Tour de France. Zuvor im April wirft ihm die französiche Anti Doping Agentur (AFLD) vor, dass er bei Dopingproben nicht kooperiere. Ich schrieb damals im Juli 2009 (Weiter auf Tour):

„Bei der jetzigen Tour spaltet besonders der Name Lance Armstrong, des siebenfachen Toursiegers, die Gemeinde, wurde ihm nachträglich Doping vorgeworfen und startet er jetzt in einem Comeback für den skandalumwitterten Rennstall Astana aus Kasachstan.

Die Tour de France und Doping sind leider immer im Zusammenhang zu sehen. Ein wirklich sauberer Radsport scheint unmöglich geworden zu sein. Der Name Armstrong trägt sicherlich nicht dazu bei.“

Armstrong wurde 2009 dritter und startete auch noch einmal 2010 bei der Tour mit dem Ziel, diese zum 8. Mal zu gewinnen. Er wurde lediglich 23. mit einem Rückstand von 39:20 Minuten auf den später nachträglich wegen Doping disqualifizierten (sic!) Sieger Alberto Contador.

Zu dieser letzten Tour-Teilnahme Armstrongs 2010 schrieb ich u.a. (Ein ehrenvoller Abgang sieht anders aus):

„Sicherlich ist Armstrong ein Beispiel dafür, dass sich Krebs bekämpfen lässt. Aber er ist gleichzeitig eine zwiespältige Persönlichkeit, die nur den Erfolg sieht und dafür alles zu tun bereit ist. Warum er noch einmal zur Tour de France zurückgekehrt ist, ist wohl sein persönliches Geheimnis. Vor einem Jahr schaffte er es noch aufs Treppchen und erreichte den 3. Platz. Glaubte er wirklich, in diesem Jahr die Tour noch einmal und damit zum 8. Mal gewinnen zu können? Neben Skrupellosigkeit ist es wohl Größenwahn, der Armstrongs Charakter prägt. Es wird endlich Zeit, dass man ihn seiner Taten überführt und er den Denkzettel erhält, der ihm zusteht.“

Den Denkzettel hat er nun bekommen: Am 29. Juni 2012 bezichtigt ihn die US-Anti-Doping-Agentur (USADA) des Doping-Missbrauchs und suspendiert ihn von allen Wettkämpfen. Am 20. August weißt ein Gericht Armstrongs Klage gegen die USADA zurück. Drei Tage später gibt er den Rechtsstreit um die Dopingvorwürfe auf, die USADA sperrt Armstrong lebenslang. […] Am 10. Oktober veröffentlicht die USADA ihre Urteilsbegründung. Armstrongs langjähriges Profiteam US Postal habe das „ausgeklügelste, professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm betrieben, das der Sport jemals gesehen hat“, heißt es in dem Bericht. Am 22. Oktober folgt der Weltverband UCI der USADA und erkennt Armstrong sämtliche sieben Tour-Siege ab. (Quelle: zdf.de)

Damit nimmt der wohl größte Doping-Skandal der Sportgeschichte langsam sein Ende. Am Freitag nun wird der UCI darüber entschieden, ob die Tour-Zweitplatzierten der Jahre 1999 bis 2005, darunter Jan Ullrich (2000, 2001, 2003) und Andreas Klöden (2004), nachträglich zu Siegern erklärt werden. Besonders im Fall Jan Ullrich wäre das wenig sinnvoll, da auch er in Doping-Skandale verwickelt war.

Radsport und Doping – das ist ein Teufelskreis: „Wer wirklich über Jahre in der Spitze mitfahren will, dem reichen Talent (wie bei Jan Ullrich oder auch Lance Armstrong) und ständiges Training kaum aus.“ Aber wie will der Radsport aus diesem Teufelskreis ausbrechen? Vielleicht sollte man die Tour de France und all die anderen großen Radrennen für mindestens ein Jahr aussetzen. Aber dann, so ist zu befürchten, wäre das das Ende des Profiradsports. Vielleicht sollte auch ein Herr Pat McQuaid endlich seinen Hut nehmen.

Immerhin zeigt der Fall Lance Armstrong, dass auch die gewieftesten Betrüger am Ende erwischt werden. Ob aber die Einsicht, Doping lohnt sich auf lange Sicht nicht, wirklich Früchte trägt, ist leider zu bezweifeln.

Siehe hierzu auch meinen Beitrag Die Last der Beweise zu den Mechanismen der Selbsterhaltung durch Verdrängung

Ischa Freimaak! 2012

Was den Münchnern das Oktoberfest und den Stuttgartern die Cannstatter Wasen sind, das ist für die Bremer der Freimarkt. Noch bis zum 4. November findet auf der Bremer Bürgerweide das immerhin älteste Volksfest Deutschlands statt. Öffnungszeiten: täglich von 12 – 23 Uhr, freitags und samstags bis 24 Uhr. Es ist dieses Jahr der 977. Freimarkt in Bremen.

    Ischa Freimaak!

Wenn es draußen dunkel und ungemütlich wird, freuen sich die Bremer auf die “5. Jahreszeit”, die mit bunten Lichtern, herrlichen Düften und fröhlicher Musik alle grauen Gedanken vertreibt: “Ischa Freimaak!” heißt es im Herbst. Nun ja, es geht auch oft recht feucht-fröhlich zu und neben Friesendiele gibt es auch eher untypisch norddeutsche Ausschänke wie “Zur Schwarzwaldmühle”, Almhütte und die Bayern-Festhalle, wo es Brathendl, Schweinshaxe und Weißwurst zu futtern gibt. Im Brauhaus dagegen werden neben Grillhaxe auch Bremer Gerichte serviert werden (Grünkohl mit Pinkel und Bremer Knipp mit Bratkartoffeln).

Die Wurzeln des Bremer Freimarkts liegen im Mittelalter. Das älteste deutsche Volksfest begann am 16. Oktober des Jahres 1035, als Kaiser Konrad II. dem bremischen Erzbischof Bezelin die Jahrmarktsgerechtigkeit verlieh. Seit diesem denkwürdigen Herbsttag hatte die Stadt die Erlaubnis, zweimal jährlich Markt auf dem Kirchhof “Unser Lieben Frauen” abzuhalten. Ohne jede Beschränkung und Rücksicht auf die einheimischen Zünfte konnten Krämer und Wandersleute nun ihre Waren verkaufen – eine neu gewonnene wirtschaftliche Unabhängigkeit, an die noch heute der Name “Freimarkt” erinnert.

Wie komme ich auf den Bremer Freimarkt? Immerhin habe ich 25 Jahre in Bremen gelebt und dort den Großteil meiner Kindheit und Jugend verbracht. Und so war ich oft genug auf dem Freimarkt. Ähnlich wie bei den Kohlfahrten zu Beginn des neuen Jahres ist es Tradition mit Arbeitskollegen oder Sportsfreunden den Freimarkt zu besuchen. Bäcker bieten zur Freimarktszeit Schmalzgebackenes (Berliner, Viktoria u.a.) an.

Volker Ernsting: Bremer Freimarkt
Volker Ensting: Bremer Freimarkt

Webcam vom Freimarkt

Freimarkt 2012: Der Sonntagnachmittag auf der Bürgerweide

Heute Ruhetag (25): Daniel Defoe – Robinson Crusoes Leben und seltsame Abenteuer

Es gibt bei uns in Deutschland eine Reihe von Romanen, die z.T. stark gekürzt als Jugend- oder gar Kinderbücher auf den Markt kommen, obwohl sie ursprünglich für Erwachsene geschrieben wurden. Es handelt sich dabei um so genannte Abenteuer- oder Phantasieromane, die sicherlich für junge Menschen von besonderem Interesse sind. Was vielleicht nicht so ganz jugendfrei darin ist, wurde getilgt; das Ganze dann auf ein übersichtliches Maß reduziert, da es sich meist um sehr umfangreiche Romane handelt. Gullivers Reisen von Jonathan Swift gehört ohne Zweifel dazu, oft gekürzt um die Teile 3. und 4. und natürlich ohne die sozialkritischen und satirischen Positionen, die Swift in diesem Buch einnimmt. Ein ähnliches Schicksal ereilt meist auch den Ritter von der traurigen Gestalt, Don Quixote, von Miguel de Cervantes. Und obwohl auch voll Abenteuer und Phantasie blieb François Rabelais’ Gargantua und Pantagruel davon verschont, weil es wohl zu viele anzügliche Stellen beinhaltet, die nun einmal nicht jugendfrei sind.

Wie von Gullivers Reisen so finden wir im Buchladen eher eine Jugendausgabe vom Robinson Crusoe als den nach dem Original ins Deutsche übersetzten Roman. Daniel Defoe hat mit diesem Robinson einen Archetypen von Abenteurer geschaffen, der auch heute noch die Phantasie der Menschen, ob jung oder alt, beflügelt. Als etwas abgeschmackte Variante kommt dann so etwas wie das Dschungelcamp heraus, in dem sich C- und D-Prominente als Robinson versuchen dürfen.

Die Vorstellung, allein ohne jegliche Hilfsmittel auf einer Insel überleben zu müssen, hat natürlich etwas Beängstigendes. In gewisser Hinsicht muss man dann die Zivilisation für sich neu erfinden, muss schöpferisch tätig werden, denn sonst ist man schnell am Ende. Und es ist natürlich etwas völlig anderes, ob man sein Robinson-Dasein als Spiel oder als bittere Realität erlebt.

Heute Ruhetag = Lesetag!

Ich bin geboren zu York im Jahre 1632, als Kind angesehener Leute, die ursprünglich nicht aus jener Gegend stammten. Mein Vater, ein Ausländer, aus Bremen gebürtig, hatte sich zuerst in Hull niedergelassen, war dort als Kaufmann zu hübschem Vermögen gekommen und dann, nachdem er sein Geschäft aufgegeben hatte, nach York gezogen. Hier heirathete er meine Mutter, eine geborene Robinson. Nach der geachteten Familie, welcher sie angehörte, wurde ich Robinson Kreuznaer genannt. In England aber ist es Mode, die Worte zu verunstalten, und so heißen wir jetzt Crusoe, nennen und schreiben uns sogar selbst so, und diesen Namen habe auch ich von jeher unter meinen Bekannten geführt.

[…]

Nachdem ich nun meine Seele in solcher Weise an der tröstlichen Seite meiner Lage erhoben hatte, begann ich umherzublicken und auszuschauen, auf was für einem Lande ich mich eigentlich befinde und was zunächst zu thun sei. Da sank nun bald wieder mein Muth und ich erkannte, daß meine Errettung eine furchtbare Begünstigung sei. Ich war durchnäßt und konnte die Kleider nicht wechseln; hatte weder etwas zu essen, noch etwas zu meiner Stärkung zu trinken; keine andere Aussicht bot sich mir, als Hungers zu sterben oder von den wilden Thieren gefressen zu werden; und, was mich besonders bekümmerte, ich besaß keine Waffen, um irgend ein Thier zu meiner Nahrung zu tödten, oder mich gegen andere, die mich zu der ihrigen zu verwenden Lust hätten, zu wehren. Nichts trug ich bei mir als ein Messer, eine Tabakspfeife und ein wenig Tabak in einem Beutel. Dies war meine ganze Habe, und ich gerieth darob in solche Verzweiflung, daß ich wie wahnsinnig hin und her lief. Die Nacht kam, und ich begann schweren Herzens zu überlegen, was mein Loos sein würde, wenn es hier wilde Thiere gäbe, von denen ich wußte, daß sie stets des Nachts auf Beute auszugehen pflegen.

Die einzige Auskunft, die mir einfiel, war, einen dicken buschigen Baum, eine Art dorniger Fichte, die in meiner Nähe stand, zu erklettern. Ich beschloß, dort die ganze Nacht sitzen zu bleiben und am nächsten Tag die Art, wie ich meinen Tod finden wolle, zu wählen, denn auf das Leben selbst hoffte ich nicht mehr. Ich ging einige Schritte am Strande her, um nach frischem Wasser zu suchen: das fand ich denn auch zu meiner großen Freude. Nachdem ich getrunken und etwas Tabak in den Mund gesteckt hatte, um den Hunger abzuwehren, erstieg ich den Baum und versuchte mich in demselben so zu lagern, daß ich im Schlafe nicht herunter fallen könnte. Vorher hatte ich mir einen kurzen Stock, eine Art von Prügel zu meiner Vertheidigung abgeschnitten, und dann verfiel ich in Folge meiner großen Müdigkeit auf dem Baum in einen tiefen Schlaf und schlief so erquickend, wie es wohl Wenige in meiner Lage vermocht hätten. Nie im Leben hat mir, glaube ich, der Schlummer so wohl gethan wie damals.

Daniel Defoe: Robinson Crusoes Leben und seltsame Abenteuer

Von isländischen Pfannkuchenpfannen und deutschen Bürgerfesten (2)

Gestern haben wir uns also mit isländischen Pfannkuchen vollgestopft. Heute nun zu weiteren Spezialitäten aus der isländischen Bäckerei.

Tostedt, der kleine Ort zwischen Bremen und Hamburg, in dem ich lebe, hat ein Problem mit Rechtsextremen (wie hier leider schon öfter berichtet). Um dem entgegenzuwirken, hat man ein Bürgerfest initiiert, das bisher dreimal stattfand. Das Motto: Tostedt ist bunt!

    Tostedt ist bunt

Das erste dieser Bürgerfeste fand 2001 am 01.09.2001 statt. Dem folgte eines ein Jahr drauf am 24.08.2002. Das dritte Bürgerfest fand dann erst wieder 2008 (28.06.2008) statt. Sowohl beim ersten als auch dritten Bürgerfest gab es ein internationales Buffet, zu dem viele in Tostedt ansässige ausländische Bürger kulinarische Spezialitäten ihrer Heimat vorstellten, beide Male war auch unsere isländische Freundin dabei, um – wie man sich jetzt denken kann – Backwaren ihres Landes anzubieten.

Ich muss hier etwas ausholen: Bei mir vor vielen Jahren zu Hause bei meinen Eltern gab es am Wochenende öfter einmal Schmalzgebackenes, das wir Schmalzkringel nannten und die ihren Ursprung in der ostpreußischen Heimat meines Vaters haben sollten (meine Mutter selbst stammte aus Köln). Dabei wurde stinknormaler Kuchenteig flach ausgerollt und in kleine Rechtecke geschnitten. In der Mitte dieser Rechtecke wurde dann ein Schlitz geschnitten, die jeweiligen beiden Enden durch den Schlitz gezogen (einmal rechtsrum, einmal linksrum), um einen „Knoten“ zu erzeugen. Diese Kuchenstücke wurden dann in Öl frittiert und am Schluss mit Puderzucker bestäubt.

Genau solche Küchlein bot uns nun beim ersten Bürgerfest in Tostedt unsere isländische Freundin an. Kleina (plural kleinur) haben in Island eine mindestens zweihundert Jahre alte Tradition. „Ein Rezept für kleinur findet sich bereits im ersten isländischen Kochbuch, das vom Juristen und Verleger Magnús Stephensen (1762-1833) im Jahr 1800 unter dem Namen von Marta María Stephensen, der Frau seines Bruders, herausgegeben wurde.“

Der einzigste erkennbare Unterschied ist wohl der, dass in der isländischen Variante nur ein Ende durch den Schlitz gezogen wird. Ansonsten schmecken beide gleich lecker. Ja, die Welt ist klein.

Beim dritten Bürgerfest (und dem zweiten internationalen Buffet) gab es nun etwas andere kleine Kuchen aus Island: Snúðar genannt. Auch hier ist die Welt wieder klein, denn diese isländische Küchlein werden bei uns Schnecken genannt und es gibt diese z.B. mit Mohn oder Rosinen und Marzipan. Die besten Snúður (Plural) Islands soll es angeblich in Isafjordur geben. 😉 (Woher der Name kommt, ist mir nicht ganz klar – irgendwas mit Kreisel oder Drehung oder Plattenspieler … oder gar mit der griechischen Spezialität Gyros …??? 😀 – nun, Gyros steht auch für ‚Drehung‘).

Tostedt ist bunt 2008: Internationales Buffet - Willi mit Kristin & Catarina

Snúður - 'Schnecken' aus Island

Tostedt ist bunt 2008: Internationales Buffet – Willi mit Kristin & Catarina / Snúður aus Island

Nun zu Kuchen passt am besten Kaffee (das sage ich, der sonst eigentlich Tee den Vorzug gibt). Und vielleicht sind deshalb kleine Küchlein (und Pfannkuchen) in Island besonders beliebt, weil Island nämlich ein ausgesprochenes Kaffeeland ist. Laxness-Leser wissen das. Und irgendwo habe ich schon (inzwischen zweimal) die isländische Gepflogenheit erwähnt, dass Kaffee selbst in Restaurants und Cafés ohne Aufpreis mindestens einmal nachgeschenkt wird. Wie bei der Frage um Henne oder Ei, stellt sich natürlich noch die Frage, was zuerst da war: Kuchen oder Kaffee?

Nun denn: Guten Appetit! Oder wie die Isländer wohl sagen: Verði þér að góðu!

Übrigens: Für dieses Jahr ist zwar kein Bürgerfest vorgesehen, aber immerhin hat man sich aufgerafft, am Sonnabend, dem 17.11.2012 von 9.30 – 16.60 Uhr eine so genannte Open-Space-Veranstaltung ins Leben zu rufen. Die Veranstaltung wird in den Räumen der Hauptschule Tostedt, Schützenstraße 53, 21255 Tostedt stattfinden. Motto: Tostedt bunt oder braun was wollt IHR und wie? Open-Space bezeichnet eine besondere Art von Großgruppenveranstaltungen. Hierbei gibt es keine feste Tagesordnung, denn die wird durch die Themen der TeilnehmerInnen selbstbestimmt. Die Ergebnisse werden schriftlich festgehalten und später allen zugänglich gemacht. Dann entscheiden die TeilnehmerInnen, welche der Ansätze ihnen am Wichtigsten erscheinen. Diese sollen weiterverfolgt werden.

Und dann doch: Im kommenden Jahr soll erneut das beliebte Bürgerfest stattfinden. Der Termin ist Samstag, der 24.08.2013. Beginn ist 14.00 Uhr mit dem Internationalen Buffet. Das Motto des Festes lautet „Tostedt bleibt bunt“ – denn das Tostedt bunt IST, wurde bereits bewiesen!

Von isländischen Pfannkuchenpfannen und deutschen Bürgerfesten (1)

Im Frühsommer 1990 weilte ich mit meiner Frau und Freunden zu einer Rundreise auf Island. Kurz vor Abschluss unserer Reise waren wir auch im hohen Norden der Insel in Akureyri. Zeit, um Souvenirs für zu Hause zu kaufen. So fanden wir dann auch einen größeren Laden, eigentlich eine Art Lagerhalle etwas außerhalb des Ortskerns, der alles hatte, was man so aus Island hätte gern mitnehmen wollen. Natürlich viel Strickware aus guter Wolle von isländischen Schafen. Ich gönnte mir eine wollene Mütze, die heute noch irgendwie nach Schaf riecht, aber selbst bei Eiseskälte Hirn und Ohren warm hält. Natürlich gab es auch diese typischen isländischen Pullover, die bei uns fälschlicherweise oft kurz Norweger genannt werden.

Und irgendwie gab es da in diesem Verkaufslager auch eine Küchenabteilung. Uns fiel gleich eine kleine Bratpfanne auf, deren Funktion uns aber schnell klar wurde: Das war eine ganz spezielle Pfanne um Ausbacken von Pfannkuchen. Wer Halldór Laxness gelesen hat, weiß, dass Pfannkuchen in Island ein gern und oft gereichter Imbiss sind – besonders bei unverhofften Gästen. Und so kauften wir auch so eine kleine Pfannkuchenpfanne, um auch heute noch íslensk pönnukökur (isländische Pfannkuchen) zu braten.

Nun Rezepte für Pfannkuchen (pönnukökur uppskrift – wie der Isländer sagt) gibt es ziemlich viele. Und sie ähneln sich auch meist. Ob nun nach isländischer oder deutscher Art. Wir essen Pfannkuchen auch heute noch gern. Grundlage ist Mehl, etwas Fett (Butter oder Sonnenblumenöl), viele Eier und Milch, die den Teig ziemlich flüssig machen. Dazu eine Brise Salz und nicht zuviel Zucker, denn auf die Pfannkuchen kommt ja meist noch etwas drauf: von Schlagsahne bis Marmelade – mit und ohne Joghurt; mein jüngerer Sohn bevorzugt Nougatcreme mit Erdnussbutter (die Crunchy-Variante). Natürlich geht Pfannkuchen auch in einer veganen Fassung mit Sojamilch und dann eben ohne Eier.

Natürlich habe ich etwas geforscht, ob es hier bei uns auch so eine Pfannkuchenpfanne gibt. Es gibt. Da gibt es die Pfannkuchenpfanne Gusseisen Pfanne 23 cm Holzgriff Carl Victor, die zumindest optisch mit der aus Island viel Ähnlichkeit hat, auch wenn diese z.B. ‚nur’ einen Griff aus Kunststoff hat, der aber selbst nach langem Ausbacken nicht heiß wird (aber Vorsicht: die Pfanne selbst …). Die Pfanne aus Island ist übrigens genial. Man lässt sie zunächst heißt werden (aber nicht zu heiß), gibt wenig Fett (Butterschmalz oder Öl) hinzu und kann dann ohne Ende Pfannkuchen für Pfannkuchen backen. Erst die eine Seite und dann noch kurz die andere. Und das alles ohne, dass der Pfannkuchen in der Pfanne kleben bleibt. Dafür sorgen wohl klitzekleine Rillen im Pfannenboden, die spiralenförmig verlaufen.

Da kann ich nur sagen: Guten Appetit! Oder: Verði þér að góðu!

Soviel zu isländischen Pfannkuchen. Morgen mehr zu deutschen Bürgerfesten (und, um genau zu sein, isländischen Backspezialitäten!).

Martin Walser: Das dreizehnte Kapitel

    Ich bin Schriftsteller genug, dass ich auch dann noch schreibe, wenn ich weiß oder annehmen muss, dass kein Mensch mich noch liest. Im Gegenteil, nicht mehr gelesen zu werden befreit von jener nie ganz zu überwindenden Schwäche, verständlich sein zu müssen.
    Martin Walser: Das dreizehnte Kapitel (S. 181)

Zu Martin Walsers letztem Buch Muttersohn sah es die Süddeutsche so, dass Walser sich wohl „selbst genügt und ein landläufiges Gelingen gar nicht im Sinn“ habe. Und jetzt diese beiden Sätze in Walsers neuem Roman Das dreizehnte Kapitel. Will sich Walser wirklich von dieser Schwäche, verständlich sein zu müssen, befreien?

Wer sich im Walser-Kosmos halbwegs auskennt, wird sich von diesen Sätzen nicht erschrecken lassen. Walser bleibt ‚verständlich’, wenn sich mancher neue Leser von dieser Wortgewalt auch eher erschlagen fühlen dürfte, von dieser Schreib- und Empfindungskunst, die so wenig zeitgemäß erscheint. Walser versteht es auch heute noch mit 85 Jahren Sätze zu schmieden, die mehr Geist besitzen als all das Geschwätz, mit dem wir tagtäglich konfrontiert werden.

    Martin Walser: das dreizehnte Kapitel

Die meisten leiden ohne Gewinn – so steht es im Roman Das dreizehnte Kapitel, der ebendiesen Satz widerlegen will. Mit einem Festessen im Schloss Bellevue fängt es an: Ein Mann sitzt am Tisch einer ihm unbekannten Frau und kann den Blick nicht von ihr lösen. Wenig später schreibt er ihr, und zwar so, dass sie antworten muss. Es kommt zu einem Briefwechsel, der von Mal zu Mal dringlicher, intensiver wird. Beide, der Schriftsteller und die Theologin, beteuern immer wieder, dass sie glücklich verheiratet sind. Aber sie gestehen auch, dass sie in dem, was sie einander schreiben aus sich herausgehen können wie nirgends sonst und dass sie ihre Ehepartner verraten. Nur weil ihr Briefabenteuer so aussichtslos ist, darf es sein. An ein persönliches Treffen ist nicht zu denken. Die Buchstabenketten sind Hängebrücken über einem Abgrund namens Wirklichkeit.

    „Unsere Buchstabenketten sind Hängebrücken über einem Abgrund namens Wirklichkeit.“, nennt es der Schriftsteller (S. 111), was die Theologin konkretisiert: „… Unsere Brücke wird in die Luft gebaut. Sie hat drüben noch keinen festen Punkt erreicht. […] : das In-die-Luft-gestellt-Sein.“ (S. 119)

Eines Tages teilt die Theologin mit, ihr Mann sei schwer erkrankt. Während sie auf einer Fahrradtour durch Kanadas Wildnis mit ihm noch einmal das Leben feiert, wartet der Schriftsteller auf Nachrichten. Als wieder eine eintrifft, wirft sie alles um.

Martin Walsers Roman über eine Liebe, die als Unmöglichkeit so tiefgründig und lebendig ist wie kaum etwas, kreist auf schwindelerregende Weise um das Wesen der menschlichen Existenz. Und führt dabei vor Augen, dass ein Lieben ohne Hoffnung auf Hoffnung das eigene Leben erst empfindbar macht. Ein bewegender, lebenskluger, ja aufregender Roman über eine Frau und einen Mann, die gerade durch die Unmöglichkeit ihrer Liebe zu einer noch nie erfahrenen Gefühlsheftigkeit gesteigert werden.
(aus dem Klappentext zum Roman – 1. Auflage September 2012)

Oder mit eigenen Worten: Basil Schlupp, der Schriftsteller, und seine Frau Iris sind zu einem Empfang beim Bundespräsidenten eingeladen. Gefeiert werden soll der Molekularbiologe Korbinian Schneilin, der sich nicht mehr der Forschung widmet, sondern mit seiner Firma der Produktion von „Medikamenten nach Maß“ widmet. Aus der Ferne sieht Schlupp die Frau des zu Feiernden, eine Theologin, und ist fasziniert von ihr. Von Befallenheit ist später die Rede.

Schlupp wagt es, der Frau des Wissenschaftlers zu schreiben. Und, was vielleicht nicht zu erwarten ist, sie antwortet. So entwickelt sich ein Schriftwechsel, der beiden Gelegenheit zu kleinen Denkspaziergängen, Gefühlsanalysen und Reflexionen über Briefe an sich gibt. Dabei stürzt sich jener Basil Schlupp Hals über Kopf in ein irrwitziges Liebesabenteuer, das allein in seinem Kopf und auf dem Papier stattfindet. Bis auf wenige Einschübe handelt es sich bei diesem Buch also um einen Briefroman.

Die Kritiken sind überraschend wohlwollend. Selbst auf welt.de ist zu lesen: „Diesmal keine Dirty-Old-Man-Fantasie unseres Dichterfürsten, sondern ein sich von einem Brief- in einen E-Mail-Roman verwandelnder hochgeistiger Schlagabtausch zwischen Autor und Theologin. Gott sei Dank lebt die Sprache in Zeiten des Internets – noch.“

„Seit einem halben Jahrhundert ist Martin Walser unser Gewährsmann für Liebe, ehe, Glaube und deutsche Befindlichkeiten. Die Vermessung der Ausdruckswelt, des Daseins als Abfolge schwankender Empfindungen – das ist seine große Stärke.“ (Felicitas von Lovenberg – Frankfurter Allgemeine Zeitung)

„Martin Walser ist einer der wichtigsten Schriftsteller, die wir haben. Sein Gedächtnis, seine Genauigkeit in der Betrachtung von menschlichen Verhältnissen und Unverhältnissen ist unerreicht, seine sprachliche Risikobereitschaft ist beispielhaft. Er geht in jeder Hinsicht aufs Ganze. Kurz, Martin Walser ist ein Dichter.“ (Frank Hertweck, SWR)

Personen im Roman:

Basil Schlupp, Schriftsteller (Verfasser von „Strandhafer“ – arbeitet zz. an „Sternstaub“)
Iris, geborene Tobler, Ehefrau (ca. 55 Jahre alt) – Haldenberg-Projekt (TV-Jugendsendung)
Beatus Niederreither, Architekt (ehemaliger Geliebter von Iris)

Maja Schneilin, geborene Schneilin (ca. 44 Jahre alt), Theologin
Korbinian, ihr Ehemann
Roderich Wegelin, der Fahrer

Luitgard und Ludwig Froh, Freunde von Korbinian (und Maja)

Ein realer Ausgangspunkt ist die Beziehung des Theologen Karl Barth zu Charlotte von Kirschbaum, seiner Assistenten. Barth ist mit seiner existenzphilosophisch grundierten Theologie Vorbild für Maja Schneilin. Bei ihm, Karl Barth, findet sich gewissermaßen das Drehbuch für ihren Schriftwechsel mit dem Schriftsteller. „Mit ihm, dem «Lehrer aller Lehrer», wie sie sagt, imponiert sie erst dem Schriftsteller, später gesteht sie, wie sehr er sie aus allen Halterungen gerissen habe.

Es kommt noch besser: Sie lese nun, schreibt sie später, Barths Briefwechsel mit seiner Mitarbeiterin und Geliebten Charlotte von Kirschbaum. Das Buch ist ihr Offenbarung und Ansporn zugleich. Dieser neue Karl Barth mache sie «als Briefschreiber so schwach und so stark, wie ich noch nie war». Und sie empfiehlt die Lektüre auch Basil, auf dass die Briefe ihn ähnlich stimmen sollen. Und er – immerhin Katholik – noch gleichentags per Mail: Er lasse für Karl Barth eine Messe lesen. – Das sieht nach Ironie und Sarkasmus aus, doch dann folgt der entscheidende Satz, zum Zeichen, wie gelehrig er ist: «Mein Interesse für das Mögliche schrumpft.» Das Mögliche, erfüllte Liebe, physisches Zusammensein also: Es verblasst neben dem anderen, dem Imaginären, dem Unmöglichen.“ (Quelle: nzz.ch)

Walser wäre nicht Walser, wenn er nur scheinbar hochtrabend daherschriebe. Alles hat eine ironische Seite. Und manche ‚Erwähnungen’ in den Briefen, besonders die, die bezogen sind auf die Freundschaft von Majas Ehemann Korbinian zu Ludwig Froh, haben sarkastische Züge, die allein schon das Lesen des Romans lohnenswert machen.

Übrigens: das „13. Kapitel“ ist eigentlich ein Buch, ein loses Zettelwerk, an dem die Frau des Schriftstellers arbeitet. Einige dieser Zettel ‚verrät’ Basil Schlupp an die Theologin, u.a. steht dort:

„Wenn du mit niemanden offen sein kannst, bleibt nur noch das Schreiben.“ (S. 94) – oder auch der schon im Klappentext erwähnte Satz: „Die meisten leiden ohne Gewinn.“ (S. 95). Am Schluss des Romans, in dem alles umgeworfen ist, verbrennt Iris Schlupp, die Ehefrau, ihren Romanversuch, womit der Titel frei wird für den Ehemann, dem sie ihn großzügig überlässt. Frei auch als Titel für Walsers Roman.

Zuletzt noch etwas zu den Namen, die Walser immer wieder gern benutzt. Die stammen überwiegend aus dem alemannischen Sprachraum, also Walsers Heimat. Bei Basil Schlupp musste ich unwillkürlich an Nacke Dominik Bruut aus Walsers Roman Das Einhorn denken. Und Schlupp(en) gibt es auch im ‚Kinderprogramm‘.

Lesenswert ist auch die Rezension auf sueddeutsche.de/kultur: Walsers großes Werk der Liebe, in der eine Verbindung zu Franz Kafkas Korrespondenz mit seiner Verlobten Felice Bauer hergestellt wird. Dieser Briefwechsel begann am 20. September 1912. Fast auf den Tag genau einhundert Jahre später ist nun Walsers Roman erschienen.

Siehe auch meinen Beitrag: Martin Walser und die literarische Verlustanzeige
Übrigens: Walsers Tagebuch wurde bisher noch NICHT gefunden

Ein verschenkter Sieg

Eigentlich hätte die deutsche Fußballmannschaft gestern bei der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien schon (fast) die halbe Miete einfahren können. Wie bereits gegen die Iren, die den ganzen Frust der deutschen Elf, der sich nach dem Ausscheiden bei der EM im Halbfinale und nach den wenig glanzvollen ersten Siegen gegen die Färöer und in Österreich angesammelt hatte, abbekamen und 1:6 in Dublin untergingen, sah es nach 60 Minuten nach einem klaren Sieg in Berlin gegen Schweden aus. Durch schöne Kombination führte Deutschland 4:0. Aber dann wurde das Spiel zu einem Albtraum für den Torhüter. Vier Schüsse kamen auf Neuers Tor, vier Bälle waren drin. Neuer wirkte mit jedem Gegentreffer zunehmend verunsichert. Ein Abend zum Vergessen – nicht nur für ihn.

Qualifikationsspiel zur WM 2014: Deutschland – Schweden 4:4

Denn in Halbzeit zwei tauchte fast die gesamte Mannschaft unter. Und die Innenverteidigung mit Badstuber und Mertesacker schien plötzlich eingeschlafen zu sein. So verdienten sich die Schweden am Ende ein 4:4-Unentschieden und ließen in der Europagruppe C offen, wer sich direkt für die WM 2014 qualifiziert.

Erwähnenswert bleibt vielleicht der inzwischen 34-jährige Miroslav Klose, der gestern Abend seine Nationalmannschafts-Treffer 66 und 67 erzielte und nur noch einen Treffer hinter Gerd Müller, dem Rekordtorschützen, liegt. Der brauchte allerdings für seine 68 Treffer nur 62 Länderspiele (Torquote also > 1), während Klose gestern bereits sein 126. Länderspiel absolvierte.