Alle Artikel von WilliZ

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Hermann Hesse: Stufen

Hermann Hesse widmete sich in seinem Tun und literarischem Schaffen dem Individuum. Seine Romane, Erzählungen und Gedichte haben immer wieder die Selbstverwirklichung, die Selbstwerdung, die Autoreflexion des einzelnen zum Thema. Im Glasperlenspiel nun findet das individuelle Leben in eine überpersönlichen Gemeinschaft seine Einordnung. Obwohl es hier um eine streng hierarchisch geordnete Gesellschaft geht, so ist diese zutiefst human und lässt dem Einzelnen die Wahlmöglichkeit.

Aus diesem Roman stammt das wohl von Hesse bekannteste Gedicht: Stufen.

Wie jede Blüte welkt
und jede Jugend dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in and’re, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Hermann Hesse: Stufen

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten!
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt,
so droht Erschlaffen!
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden:
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

(Hermann Hesse)

Speicherstadt und HafenCity Hamburg

Am Sonntag habe ich mit meinen Lieben nach langer Zeit einmal wieder die Speicherstadt in Hamburg besucht – und auch die neue HafenCity, ein eigener Stadtteil von Hamburg, zu der jetzt der historische Lagerhauskomplex der Speicherstadt, das Kreuzfahrterminal mit dem Marco-Polo-Tower (Wohnung sind wohl noch zu erstehen), dem neuen Unilever-Gebäude und die im Bau befindliche Elbphilharmonie gehört, angeschaut.

Die HafenCity erreicht man entweder gleich vom Hauptbahnhof aus oder mit der U3 (bis Station Baumwall). Den Rest kann man gut zu Fuß zurücklegen. Neben den alten Lagerhäusern sticht natürlich besonders die Elbphilharmonie heraus. Letztere könnte zum neuen Wahrzeichen von Hamburg werden – und ähnelt einem futuristischen Bauwerk (oder ist eines): Es „schwingt sich die gläserne Welle über dem Hafen auf – Architektur der Spitzenklasse, die das Bild Hamburgs in der Welt prägen wird. Die Elbphilharmonie fungiert dabei nicht nur als Leuchtturm der neuen HafenCity, sondern auch der Musikstadt Hamburg: Ihr Herzstück bildet ein neuer Konzertsaal mit 2.150 Plätzen, der zu den besten seiner Art gehören wird.“

Dahinschmelzende Gletscher

Das sichtbarste Zeichen der Klimaänderung ist das Abschmelzen der Gletscher: Wir sind Zeitzeugen des schnellsten Gletscherschwundes seit Jahrtausenden, können heute aber noch richtige Gletscher sehen, noch, denn für unsere Nachkommen wird dies mit hoher Wahrscheinlichkeit schon sehr schwierig sein.

Im Gletscherarchiv wird auf eindringliche Weise anhand von Bildvergleichen der Schwund des Gletschereises gezeigt. Die umfangreiche Dokumentation ist von großer Bedeutung, da dort eine Entwicklung aufgezeigt, deren Gegenstand zunehmend verschwindet.

Zwei dieser Gletscher kenne ich selbst. So habe ich mich 1997 mit meinen Lieben auf dem Hintertuxer Gletscher getummelt. Und 2002 war meine Familie mit mir in Grainau, gleich neben Deutschlands größtem Berg, der Zugspitze:

Tuxer Ferner/Zillertal 1924

Tuxer Ferner/Zillertal 2004

Tuxer Ferner (Hintertux im Zillertal/Tirol) 1924 und 2003

Schneeferner/Zugspitze um 1910

Schneeferner/Zugspitze 2003

Schneeferner Zugspitze (Bayern) um 1910 und 2003

Vor 21 Jahren war ich mit meiner Frau (unser älteste Sohn war gerade ‚unterwegs‘) auf Island. Dort ist mit knapp 8500 qkm Europas größter Gletscher, der Vatnajökull. Hier zwei Aufnahmen von unserem Island-Aufenthalt:

Willi über dem Gletscher Skaftafellsjökull

der Gletschersee Jökullsárlon

Willi über dem Gletscher Skaftafellsjökull ………… und der Gletschersee Jökullsárlon

weitere Bilder und Videos auf unseren Island-Seiten

Zen in der Kunst des Bogenschießens

Es ist eine kleine Schrift von gerade einmal 90 Seiten, die Eugen Herrigel 1951 veröffentlicht hat. Von 1929 bis 1948 war er u.a. Professor für systematische Philosophie in Erlangen. Zuvor war er in Japan tätig und lernte dort den Buddhismus, speziell den Zen-Buddhismus kennen. Das Buch wirkt etwas angestaubt, aber es ist doch eine gute Einleitung in diese fernöstliche Anschauung: Zen in der Kunst des Bogenschießens

Obwohl ich dieses kleine Büchlein wirklich empfehlen kann, so darf nicht verschwiegen werden, dass Eugen Herrigel alles andere als eine unumstrittene Person war: „Am 1. Mai 1937 trat Herrigel in die NSDAP ein und machte Karriere. In verschiedenen Schriften der folgenden Jahren stellte er u.a. vermeintliche Gemeinsamkeiten in deutschen und japanischen Tugenden dar, darunter die Opferbereitschaft für das Vaterland und die Furchtlosigkeit vor dem Tode. Herrigel schrieb 1944 über das Ethos des Samurai: so verstehen wir unseren tapferen Bundesgenossen im fernen Osten doch in allem Wesentlichen, wie es für uns wie für ihn heiligste Überzeugung ist, daß, nach einem tiefen Wort Hölderlins, für das Vaterland noch keiner zu viel gefallen ist. Er pries den unbedingten soldatischen Gehorsam zum Wohle des eigenen Volkes. 1938 wurde er Prorektor und 1944/45 Rektor der Universität Erlangen.“

    Zen-Buddhismus

Zurück zum Buch: Es wurde nicht nur in Deutschland sehr populär und trug maßgeblich zur Bekanntheit des Zen in Europa bei. In dem Vorwort von Deisetz T. Suzuki, der gerade durch seine Bücher und durch die Zusammenarbeit mit namhaften Größen (z.B. Erich Fromm) dem Westen den Zen-Buddhismus gleichfalls näher gebracht hat, steht:

‚Einer der wesentlichsten Faktoren in der Ausübung des Bogenschießens [usw.]… ist die Tatsache, daß sie keinen nützlichen Zwecken dienen, auch nicht zum rein ästhetischen Vergnügen gedacht sind, sondern eine Schulung des Bewußtseins bedeuten und dieses in Beziehung zur letzten Wirklichkeit bringen sollen. So wird Bogenschießen nicht allein geübt, um die Scheibe zu treffen …, sondern vor allem soll das Bewußtsein dem Unbewußten harmonisch angeglichen werden.‘

Eines der wichtigsten Punkte beim Bogenschießen ist die ‚Konzentration durch Atmung‘. Der Autor beschreibt es wie folgt:

‚Drücken Sie nach dem Einatmen den Atem sachte herunter, so dass sich die Bauchwand mäßig spannt und halten Sie ihn da für eine Weile fest. Dann atmen Sie möglichst langsam und gleichmäßig aus, um nach kurzer Pause mit einem raschen Zug wieder Luft zu schöpfen – in einem Aus und Ein fortan, dessen Rhythmus sich allmählich selbst bestimmen wird.‘

Das Bogenschießen selbst wird in Abschnitte gegliedert, bei denen die richtige Atmung vielleicht die wichtigste Rolle spielt:

‚Der einheitliche Vorgang des Spannens und Schießens wurde in die Abschnitte: Ergreifen des Bogens – Auflegen des Pfeiles – Hochnehmen des Bogens – Spannen und Verweilen in der höchsten Spannung – Lösung des Schusses zerlegt. Jeder von ihnen wurde durch Einatmen eingeleitet, durch Festhalten des heruntergedrückten Atems getragen und durch Ausatmen abgeschlossen.‘

Der Weg ist ein sehr langer. Der Autor des kleinen Büchleins hat mehrere Jahre bei einem Meister gelernt. Dieser verdeutlichte ihm, dass, ‚… wer sich am Anfang leicht tut, tut sich später um so schwerer.‘

Das Bogenschießen im Einzelnem:

‚Beim Spannen wird der Daumen unterhalb des Pfeiles um die Bogensehne herumgelegt und eingeschlagen, Zeige-. Mittel- und Ringfinger greifen über ihn, umschließen ihn fest und geben damit zugleich dem Pfeil sicheren Halt. Lösen des Schusses heißt dann: Die den Daumen umschließenden Finger öffnen sich und geben ihn frei.‘ Sodass sich ‚… die recht Hand … plötzlich geöffnet und von der Spannung befreit, zwar ruckartig zurückschnellte, aber nicht die geringste Erschütterung des Körpers hervorrief.‘

Das Bogenschießen als Bild: ‚Mit dem oberen Ende des Bogens durchstößt der Bogenschütze den Himmel, am unteren Ende hängt, mit einem Seidenfaden befestigt, die Erde. Wird der Schuß mit starkem Ruck gelöst, besteht die Gefahr, dass der Faden zerreißt. Für den Absichtlichen und Gewalttätigen wird dann die Kluft endgültig, und der Mensch verbleibt in der heillosen Mitte zwischen Himmel und Erde.‘ – ‚… wenn die Spannung erfüllt ist, muß der Schuß fallen, er muß vom Schützen abfallen wie die Schneelast vom Bambusblatt, noch ehe er es gedacht hat.‘

... wenn die Spannung erfüllt ist, muß der Schuß fallen, er muß vom Schützen abfallen wie die Schneelast vom Bambusblatt

Der Autor fragte den Meister: ‚Wie kann denn überhaupt der Schuß gelöst werden, wenn ‚ich’ es nicht tue? – Des Meisters Antwort: ‚Es’ schießt.‘

Und als es nicht klappen wollte, da sagte der Meister: ‚Ihre Pfeile werden nicht ausgetragen …, weil sie geistig nicht weit genug reichen. Sie müssen sich so verhalten, als wäre das Ziel unendlich fern.‘ Und: ‚Über schlechte Schüsse sollen Sie sich nicht ärgern, … sich über gute Schüsse nicht freuen. Von dem Hin und Her zwischen Lust und Unlust müssen Sie sich lösen …, in gelockertem Gleichmut darüber … stehen.‘

Überhaupt gilt: ‚Die ‚Große Lehre’ des Bogenschießens … weiß nichts von einer Scheibe, die in bestimmter Entfernung vom Schützen aufgestellt ist. Sie weiß nur von dem Ziel, das sich auf keine Weise technisch erzielen lässt …: Buddha!‘ – Wir können auch sagen: den Weg zu uns selbst!

Und: ‚Es gibt Stufen der Meisterschaft, und erst, wer die letzte erreicht hat, kann auch das äußere Ziel nicht mehr verfehlen.‘ – ‚Wer es vermag … mit dem Horn des Hasen und dem Haar der Schildkröte zu schießen, also ohne Bogen (Horn) und Pfeil (Haar) die Mitte zu treffen, der erst ist Meister im höchsten Sinne des Wortes …‘

Das Bogenschießen gilt im Zen-Buddhismus als meditative Übung. Wie in der inneren Versenkung der Meditation so findet der das Bogenschießen Ausübende den rechten Weg und die harmonische Angleichung des Bewußtseins an das Unbewußte, wie Suzuki einleitend schreibt.

Juni 2000

siehe auch meinen Beitrag: Zen des Bloggens

Wie der Aralsee schrumpft

Ich stöbere gern in alten Atlanten. Unsere Erde hat irgendwie etwas Beständiges, auch wenn sich die Ländergrenzen, wie gerade in den letzten 20 Jahren, ständig ändern. Natürlich weiß ich, dass nichts so bleibt wie es ist, auch auf unserer guten Erde nicht. Da bahnt sich ein Fluss neue Wege, da bröckelt Felsen oder es entsteht durch vulkanische Tätigkeit auch schon einmal eine kleine neue Insel. Aber so dramatisch, wie es um den riesigen Aralsee in Zentralasien bestellt ist, so etwas habe ich dann doch in diesem Ausmaß bisher nicht erfahren.

    Aralsee 1960 Aralsee 2000

Der Aralsee ist kaum wieder zu erkennen, wenn man aktuelle Luftbilder mit vierzig Jahre alten Karten vergleicht. Heute hat der Aralsee nicht einmal mehr die Hälfte der ursprünglichen Ausdehnung (früher war er einer der größten Seen unsere Erde mit über 65.000 qkm). Eine Fläche so gross wie die Schweiz ist trocken gefallen. Das Wasservolumen ist sogar auf einen Fünftel von früher geschrumpft. Und der Grund: Bewässerung der Felder zur Produktion von Baumwolle für unsere Kleider.

    Entwässerung des Aralsse 1960-1994

Der Aralsee ist ein Beispiel für den brachialen Eingriff, den die Menschen in die Natur vornehmen. Erschreckend!

A Clockwork Orange

Es ist viele Jahr her, da hatte ich das Buch von Anthony Burgess in Händen: A Clockwork Orange. Die Frage, warum ich es mir nicht gekauft habe, kann ich bis heute nicht beantworten. Und dann wurde das Buch auch noch 1971 von Stanley Kubrick mit Malcolm McDowell als Alexander DeLarge verfilmt: A Clockwork Orange


Stanley Kubrick: A Clockwork Orange

Es hat immerhin vierzig Jahre gebraucht, bis ich mir den Film angeschaut habe. Aus gegebenem Anlass, denn Antony Burgess’ Roman läuft in einer Bühnenadaption zz. im Altonaer Theater in Hamburg.


Anthony Burgess’A Clockwork Orange – in einer Aufführung des Altonaer Theaters Hamburg

Am nächsten Samstag besuche ich mit meinen beiden Söhnen die Aufführung. Wir sind schon sehr gespannt, denn das Stück (Buch und Film) ist durchaus sehr aktuell. Dazu aber später mehr …

Wer weder Buch noch Film kennt, hier eine kurze Inhaltsangabe:

„Alex DeLarge und seine Gang, die Droogs, sind jung, charismatisch, brutal und gewissenlos. Sie treffen sich in einer Milchbar, trinken „Moloko“ – Milch mit Drogen – und ziehen los, um wahllos Menschen zu überfallen, zu berauben, zu quälen, zu vergewaltigen. Sie zelebrieren ihre abendlichen Gewaltstreifzüge aus purer Freude an der Gewalt. Der Bewährungshelfer ist machtlos, Alex gelingt es jedes Mal sich die Hände reinzuwaschen. Doch bei einem Einbruch wird Alex von einem seiner Droogs außer Gefecht gesetzt und von der Polizei verhaftet. Er fühlt sich verraten und selbst als Opfer.

Im Gefängnis wird er einer neuartigen Therapie unterzogen und fortan wird ihm beim geringsten Gedanken an Sex und Gewalt übel. Zu eigenen gewalttätigen Handlungen ist er nicht mehr fähig.“

Anthony Burgess: A Clockwork Orange (Buch)
Stanley Kubrick: A Clockwork Orange (Film als DVD bzw. Blu-ray)

Vergessene Stücke (12): Botho Strauß – Kalldewey, Farce

Botho Strauß (* 2. Dezember 1944 in Naumburg) ist ein deutscher Schriftsteller und Dramatiker. Er gehört zu den erfolgreichsten und meistgespielten zeitgenössischen Dramatikern auf deutschen Bühnen. Sein Stück Kalldewey, eine Farce, wurde am 31.01.1982 in der Regie von Niels-Peter Rudolph am Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt.

Das Stück von Botho Strauß selbst kenne ich aus einem Band mit verschiedenen Theaterstücken (suhrkamp taschenbuch 1190 – 1. Auflage 1985) Theater heute, dessen andere Stücke ich hier bereits alle vorgestellt habe.

Personen:
Der Mann (Hans)
Die Frau (Lynn)
K (Kattrin)
M (Meret)
Zweiter Mann (Kalldewey)
Kellner/Chef

M: … nur Lieb und Graus …

„Lynn und Hans wollen Abschied nehmen und kommen doch nicht voneinander los. Dann explodiert die Elegie, anfangs verbal und kurz darauf in einer Orgie der Gewalt, die Küsse auf Bisse reimt: Lynn hat zwei Lesben angeheuert, mit deren Hilfe sie ihren Mann zerfetzt und in die Waschmaschine stopft. Erneut abrupter Szenenwechsel: Alle sind wieder wohlbehalten auf der Bühne, bilden inzwischen eine Art Therapiegemeinschaft und feiern Lynns Geburtstag. Neben Hans erscheint ein zweiter Mann, den keiner kennt und keiner eingeladen hat. Er heiße Kalldewey, sagt er, gibt ein paar Obszönitäten von sich und bleibt ansonsten stumm. Zuerst ist er den anderen lästig, doch als er so plötzlich, wie er kam, verschwindet, fehlt er ihnen sehr. Ein zweites Mal sind Lynn und Hans mit sich allein, bis der letzte Akt sie auf den Korridor eines Bürogebäudes katapultiert. Der Chef, von dem man nur die Stimme hört, ist hier zugleich der Therapeut und lässt alle ohne allzu großes Zutun in turbulenten Rollenspielen ihre Konflikte mit sich, Gott und der Welt durchexerzieren …“ (Quelle: rowohlt-theaterverlag.de)

Der Mann: Da gab es einmal einen Rattenfänger, dem sind wir hinterher. Mit seiner Flöte zog er uns das Ungeziefer von der Seele und ertränkte es im Vergessensfluß.

Strauß‘ Persiflage auf das Heilsbegehren westlicher Wohlstandsmenschen wurde 1982 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet: „Kalldewey, Farce beschreibt die Zerstörtheit ehelicher und nicht-ehelicher Zweierbeziehungen, die Scharlatanerie der zur Routine gewordenen Seelen- und Gruppentherapie, das Versatzstückhafte einer sich anti-bürgerlich gebenden Sprache. Kalldewey, Farce ist gleichzeitig ein Beitrag zu einer zeitgenössischen Dramaturgie. Das Stück bekennt sich in jedem Augenblick dazu … nichts als Theater zu sein.“ (Aus der Begründung der Jury – Quelle: rowohlt-theaterverlag.de)

Der Mann: Es war dies nur ein Spiel mit tieferen Spielen
Nicht wirkliche Magie: nach Katalog bestellte Therapie
Ein Wühlen in der Krabbelkiste namens Seele
Restposten, alte Wünsche grün und blau
Spottbillig der Krempel, man wühlt sich
Durch Gelegenheiten, halb gierig, halb interesselos
Und bringt bestimmt was Überflüssiges nach Haus.
Dennoch hab ich viel dazugewonnen.
Die Kur war schlimm, die Regeln wirr
Doch hätt ich niemals bessere Partner finden können
Als ihr es wart, ihr drei, ihr wart fantastisch
Ich dank euch vielmals, große Könner!

K: Nun lassen wir noch etwas liegen hier,
nur zur Erinnerung – für Kalldewey.

Stücke, Prosa und mehr von Botho Strauß

Besuch in Göttingen

Vor nun über einem Jahr ist der ältere unserer beiden Söhne ‚ausgezogen’, um in Göttingen eine Ausbildung zu beginnen und spätestens danach auch noch zu studieren. Es wird dann höchstens noch ein Jahr dauern, bis auch der Jüngere der beiden sein elterliches Zuhause verlassen wird. Wenn alles gut läuft, dann wird er nach Hildesheim ziehen müssen, um dort ein Studium zu beginnen.

Als Eltern hängt man natürlich an seine Kinder, an seine ‚Brut’. Aber irgendwie möchte man natürlich auch, dass die Kinder erwachsen werden, um auf ihren eigenen Füßen zu stehen. Bei allen Bedenken, die uns Eltern manchmal überkommen, so sind wir doch überzeugt, dass unsere Söhne ihren Weg gehen werden. Vielleicht ist es nicht immer der gerade Weg, mancher Weg könnte sich als Umweg herausstellen. Uns ging es nicht anders. Und bei allem ist ‚der Weg das Ziel’ (frei nach Lao-Tse), solange es ein Fortschreiten ist.

Nun an diesem Wochenende habe ich mich mit meiner Frau und unserem jüngeren Sohn auf nach Göttingen gemacht, um endlich einmal unseren Sohn an seiner Wirkungsstätte zu besuchen. Das Wetter war prächtig, wenn auch kalt. So gingen wir zuerst durch die Innenstadt von Göttingen, besuchten dort das Wahrzeichen der Stadt, das Gänseliesel.

Das Gänseliesel vor dem alten Rathaus ist als Brunnenfigur seit 1901 das Wahrzeichen der Universitätsstadt Göttingen. Seit 1990 handelt es sich hierbei um eine Kopie, während sich die Originalfigur im Städtischen Museum befindet.

Teile der Studentenschaft bezogen die Brunnenanlage bald in ihr Brauchtum ein. Nach ihrer Immatrikulation bestiegen die Studenten den Brunnen, um die Brunnenfigur zu küssen

Allerdings waren es in den letzten Jahrzehnten nicht mehr die Neuimmatrikulierten, die das Gänseliesel küssten, sondern Doktoranden nach ihrer erfolgreichen Prüfung. Dabei wird dem Gänseliesel ein Blumenstrauß überreicht.

Abends aßen wir im Ali-Baba (Untere Karspüle 8 ) einen kleinen Happen, verbrachten dann den Abend in der kleinen Wohnung unseres Sohnes, um dann die Nacht im Gasthaus Weender Hof zu verbringen. Unsere Söhne schliefen die Nacht in der kleinen Wohnung. Dafür frühstückten wir vier dann ausgiebig am nächsten Morgen im Gasthaus zusammen.

Am frühen Nachmittag ging es dann wieder nach Hause. Wir fuhren mit dem Auto – und am Lenkrad saß unser jüngerer Sohn, für den es die erste längere Fahrt nach Erhalt seines Führerscheins war, den er bereits mit 17 Jahren gemacht hatte.

Vorbereitungen auf einen frostigen Winter

Es wird gesagt, wenn es viele Früchte im Herbst gibt, dann erwartet uns ein langer, kalter Winter. Schon früh purzeln die Eicheln von den Bäumen, der Boden bei Haselbäumen ist übersät mit Haselnüssen. Selten habe ich so viele Kastanien an den Bäumen gesehen – und auch viele Beerensträucher tragen schwer an ihren Früchten. Die Natur bereitet sich so auf einen langen Winter vor.

Kastanien

Und auch die Zugvögel, bei uns hauptsächlich Wildgänse, sind längst auf dem Weg in südliche, damit sonnigere Gefilde. Ich bin gespannt, aber es deutet wirklich alles daraufhin, dass der kommende Winter ein ‚harter’, also frostiger Winter mit dann sicherlich auch viel Schnee werden könnte. Den ersten Nachtfrost hatten wir ja bereits.

Beerenstrauch

Aus Wolfgangs Schatzkämmerlein: Richie Havens – Paradise

Heute nicht viel Gedöns, wie man in Norddeutschland sagt, Getue, Getöse, unnötiger Aufwand … Heute wieder einmal etwas aus Wolfgangs Schätzkämmerlein: Richie Havens – in die Jahre gekommen (wie viele von uns). Aber die Stimme ist wie vor über 40 Jahren:


Richie Havens: Paradise

Recorded live on Aug 2, 2008 at Newport Folk Festival (Newport, RI)
(hier findet Ihr auch das ganze Konzert bei Wolfgang’s Vault)

Siehe auch: Aus Wolfgangs Schatzkämmerlein: Jethro Tull at Tanglewood Jul 7, 1970

10 Millionen Mitglieder bei AVAAZ

Seit Ende 2007 unterstütze ich das politische Netzwerk AVAAZ.ORG und bin damit Teil einer Globalisierungsbewegung, die in diesen Tage auf 10 Millionen Mitglieder angewachsen ist.

Wie schreibt AVAAZ.ORG selbst dazu:

„10 Millionen von uns. Aus jedem Land, jeder sozialen Schicht. Voller Hoffnung und dabei absolut entschlossen, die Welt, von der wir alle träumen, zu schaffen. Wir gewinnen eine Kampagne nach der anderen. Nicht nur die kleinen Kämpfe, auch die großen, diejenigen, von denen behauptet wurde, sie seien nicht zu gewinnen. Und wir fangen gerade erst an.

Nie zuvor gab es ein Netzwerk wie dieses — wir erhöhen beständig die Geschwindigkeit und sind in den vergangenen 9 Monaten um 4 Millionen gewachsen. Wenn wir zusammenhalten ist alles möglich. Die Welt mag voller Angst und Fatalismus sein, aber Bürgerbewegungen sind überall auf dem Vormarsch und zusammen erneuern und erhalten wir die stärkste Kraft für Wandel, die es je gab…“

    AVAAZ.ORG

Die Kampagnen sind vielfältig, z.B. geht es um die Unterstützung für eine Anerkennung Palästinas, um Hilfe für Somalia – oder um den so genannten Behördentrojaner und der Verletzung unserer Bürgerrechte und Privatsphäre.

Sicherlich sind das ziemlich hochgestochene Sätze, und sicherlich muss man AVAAZ.ORG ‚vorwerfen’, lediglich ein sehr loses Netzwerk und oft populistisch nach amerikanischem Muster zu sein, das zentral von Leuten organisiert wird, die professionell arbeiten und genau wissen, wie man so etwas in den Medien, speziell im Internet, aufzieht. Es fehle eine Symbolfigur und ein klares Thema, wodurch das Engagement unverbindlich und sprunghaft bleibe (siehe spiegel.de). Ich empfehle hierzu den Blog-Beitrag von Stefan Münz: AVAAZ – global-mediale Kampagnen als politische Lösung?

Die eigentliche Gefahr, die besteht, ist, dass sich das Engagement so vieler von AVAAZ sehr schnell ‚verbraucht’. „Wenn unter einer Million Petitionsunterzeichnern keine zehn Aktivisten sind, die so schnell keine Ruhe geben, dann ist die Millionenzahl Makulatur. Die Power des Netzes ergibt sich aus der hohen Quote an authentischen, ernstgemeinten und mit realem Nachdruck vorgetragenen Bekundungen“, wie Stefan Münz schreibt. Oder anders gesagt: Ohne die Aktivisten, die bereit sind, mehr zu leisten, als ihre Mailadresse online zu einer Petition oder einem Aufruf eingegeben, werden Politiker schnell erkennen, dass selbst beim Eintreffen von mehreren hunderttausend Mails keine Gefahr für ihre ungerechten Vorhaben bestehen. Selbst ein millionenfache Protest dieser Art wird schnell ignoriert werden.

Und trotzdem sehe ich in AVAAZ.ORG eine Möglichkeit, mit meiner Stimme als Teil eines großen Chors bei den Mächtigen Gehör zu verschaffen. Das Engagement bei AVAAZ sollte und muss aber immer z.B. durch lokale Initiativen, also der Aktion vor Ort, ergänzt sein. Ich denke da an die Proteste gegen Stuttgart 21 oder jetzt die Aktionen „Occupy Wall Street“ in den USA, die inzwischen auch schon Deutschland erreicht haben. AVAAZ braucht ein Gesicht, das sich der Fratze der Macht entgegenstellt.