Kategorie-Archiv: Wiedergelesen

Wiedergelesen – wiederentdeckte Literatur

Jean-Marie Gustave Le Clézio : Onitsha

Die Vergabe des Literaturpreises 2008 an den Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio sorgte besonders in Deutschland für einiges Unverständnis. Ein Grund: Keiner kannte ihn bisher richtig. Als ich zwei seiner Bücher vor acht Jahren zum ersten Mal las, so war bis heute nicht viel in meinem Gedächtnis von dem Gelesenen hängen geblieben. Natürlich frage ich mich heute, was der Grund dafür sein konnte. So las ich also eines der Bücher Onitsha (1991 – dt. Ausgabe 1993 bei Kiepenhauer & Witsch, Köln) in diesen Tagen erneut.

Jean-Marie Gustave Le Clézio

Nun Le Clézio wurde der Nobelpreis als „dem Verfasser des Aufbruchs, des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase” zuerkannt. Ich halte „Onitsha“ für ein sehr poetisches Buch. Es ist Entwicklungs- und eine Art Abenteuerroman und ein Buch über eine uns unbekannte Welt, die Welt der Schwarzafrikaner. Afrika hat mich schon immer interessiert, von der Musik bis hin zur Literatur (beginnend mit Albert Camus und das Leben in Nordafrika bis hin zu Wole Soyinka aus Nigeria). Was mich vielleicht vor Jahren beim ersten Lesen dieses Romans störte: Es fehlt mir etwas der psychologische Tiefgang. Die Personen verharren auf einer Oberfläche, die zwar immer wieder einen Blick in die Tiefe zulässt, der dann aber nur unzureichend ausgeleuchtet wird. Sicherlich sind knapp 300 Seiten zu wenig, um sich der vielen Themen, die hier angesprochen werden, ausführlicher zu widmen. So ist dieser Roman wie ein Gedicht, knapp und poetisch, aber ohne epische Breite.


Onitscha/Nigeria

Zum Inhalt: Geoffroy Allen lebt am Nigerstrom, „etwas oberhalb des Stroms, ein wenig stromaufwärts von der Stadt Onitsha, wie im Herzen einer großen Kreuzung von Wasserwegen.“ Geoffroy arbeite für eine britische Handelsfirma, die diverse Waren aus England importiert.

Als Maou, seine Frau, und der zwölfjährige Sohn Fintan im Jahre 1948 in Port Harcourt ankommen, haben sie eine vierwöchige Schiffsreise hinter sich. Maou ist voller Zuversicht und freut sich schon auf ihr Leben in Afrika: weite Grasebenen, in denen man sich verliert, der breite Strom, so breit, dass man ihn für ein Meer halten könnte, Mangobäume, rote Lehmhäuser und ihr Haus auf einem Hügel, das von Bäumen umgeben ist. Fintan wird erstmals seinen Vater sehen.

Doch die Reise führt keineswegs ins Idyll. Maou betritt afrikanischen Boden, und es dauert nicht lange, da macht sie sich bei Kolonialbeamten unbeliebt. In Onitsha trifft sie auf „eine Gesellschaft von langweiligen, pedantischen Beamten“, die in ihrem Klub Bridge spielen, währenddessen angekettete Sklaven für die englischen Herrschaften eine Grube für ein Swimmingpool ausheben.

Goeffrey dagegen träumt davon, das Land zu finden, in das der Legende nach eine schwarze ägyptische Königin einst mit ihrem Volk gezogen ist, als die Stadt Meroë im Jahre 350 nach Chr. vom König Ezana aus Aksum geplündert wurde.

Für Fintan, dem 12-jährigen tut sich dagegen eine wundervolle Welt auf. Mit seinem afrikanischen Freund Bony erlebt er Abenteuer, wobei er in das afrikanische Leben und auch in die Mythologie des schwarzen Kontinents eintaucht.

Als eine schwere Malariaerkrankung Geoffroys die Familie zwingt, Afrika zu verlassen, nimmt Fintan ein Stück von Afrika für immer mit sich nach Europa.

Wie sein Held Fintan hat Le Clézio seine Kindheit in Afrika verbracht. Er hat mit diesem Buch den Roman einer nie vergessenen Initiation geschrieben. Ihm gelingt es, die kunstvolle Verknüpfung von persönlichen Schicksalen mit den uralten Mythen des schwarzen Kontinents und den Bildern einer geheimnisvollen, archaischen Welt, die im Biafrakrieg für immer untergegangen ist, aufzuzeigen.

Jean-Marie Gustave Le Clézio – Literaturnobelpreis 2008

Anfang des Jahres 2000 hatte ich mich bei 2001 wieder einmal mit preiswerten Büchern eingedeckt, alles Mängelexemplare, die den einzigsten Mangel aufwiesen, den Stempel „Mängelexemplar“ zu tragen, meist Restexemplare, die keinen Käufer gefunden hatten. Darunter auch zwei Werke eines J.M.G. Le Clézio, eines Franzosen. Bisher hatte ich von dem noch nichts gehört, aber der Klappentext verhieß spannende Lektüre. So las ich beide Bücher noch im Februar 2000.

Nun über acht Jahre später geht der Nobelpreis für Literatur 2008 an den französischen Schriftsteller Jean-Marie Gustave Le Clézio, eben jenem Autoren, dessen Bücher damals bei 2001 verramscht wurden. Der Preis wurde dem 68 Jahre alten Autor zuerkannt, „dem Verfasser des Aufbruchs, des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase“ (siehe hierzu auch ein kurzes Video bei zdf.de).

Jean-Marie Gustave Le Clézio

Le Clézio ist auch heute noch bei uns in Deutschland ein weitgehend Unbekannter, dafür aber in seiner Heimat Frankreich ein ganz Großer. So gilt es, ihn erst einmal zu entdecken. Ich muss gestehen, dass nicht viel von dem in meinem Gedächtnis hängen geblieben ist, was ich damals vor acht Jahren las. Vielleicht hatte ich damals zu viel gelesen. Wie auch immer – ich habe mir vorgenommen, die zwei Bücher ‚neu’ zu entdecken. Hier u.a. die Informationen in den Klappentexten der beiden Bücher:

J.M.G. Le Clézio : Onitsha (1991 – dt. Ausgabe 1993 bei Kiepenhauer & Witsch, Köln)

Seine Kindheit in Afrika, die kleine Stadt Onitsha am Niger, das Tamtam der Trommeln in der Nacht, wilde tropische Gewitter, riesige Termitenhügel in der Savanne, Fahrten mit der Piroge auf dem gewaltigen Strom – Fintan Allen wird das alles nie vergessen. Mit 12 Jahren ist er im Frühjahr 1948 an Bord der „Surabaya“ mit seiner Mutter Maou von Frankreich nach Onitsha in Nigeria gekommen. Maou trifft dort ihren Mann Geoffroy wieder, von dem sie durch die Wirren des Krieges getrennt war und dem sie sich bald entfremdet fühlt. Sie, die von einer afrikanischen Idylle geträumt hatte, erfährt nun die Feindseligkeiten der engstirnigen Kolonialgesellschaft und die vielfältige Brutalität dieses Landes. Geoffroy hat sich neben seiner Arbeit bei einer britischen Handelsfirma in eine Traumwelt geflüchtet. Um ihn herum zerfällt die koloniale Welt, er aber sucht wie besessen nach den Spuren der mythischen Stadt Meröe, die nach der Legende von einer schwarzen ägyptischen Königin auf einer Insel im Niger gegründet worden sein soll. Während seine Eltern ihren vergeblichen Träumen nachhängen, erlebt Fintan mit seinem schwarzen Freund wilde Abenteuer und taucht immer tiefer in das afrikanische Leben ein. Als eine schwere Malariaerkrankung Geoffroys die Familie zwingt, Afrika zu verlassen, nimmt Fintan ein Stück von Afrika für immer mit sich nach Europa.

Wie sein Held Fintan hat Le Clézio seine Kindheit in Afrika verbracht. Er hat mit diesem Buch den Roman einer nie vergessenen Initiation geschrieben. Die kunstvolle Verknüpfung von persönlichen Schicksalen mit den uralten Mythen des schwarzen Kontinents und den Bildern einer geheimnisvollen, archaischen Welt, die im Biafrakrieg für immer untergegangen ist, machen dieses Buch zu einer unvergesslichen, faszinierenden Lektüre.

Le Clézio 1940 in Nizza geboren, stammt aus einer Familie, die seit 200 Jahren auf Mauritius lebt. Studium der Literatur in Frankreich und England.

J.M.G. Le Clézio : Fliehender Stern (1992 – dt. Ausgabe 1996 bei Kiepenhauer & Witsch, Köln)

J.M.G. Le Clézio, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Frankreichs, erzählt in seinem bewegenden Roman von der jungen Jüdin Esther, die im Sommer 1943 mit ihren Eltern und anderen Juden im Hinterland von Nizza interniert ist. Wie alle Jugendlichen lebt Esther in einer Welt der Spiele und Träume, der ersten Liebeleien. Sie freut sich an der Schönheit der Landschaft, erfährt aber auch Angst und Bedrohung, und sie verliert den Vater, der im Widerstand war. Nach Ende des Krieges wandern Esther und ihre Mutter nach Palästina aus, finden dort jedoch nicht den ersehnten Frieden. Auf dem Weg nach Jerusalem begegnet Esther Nejma, die mit einem Treck von Palästinensern in ein Lager flüchtet. Nur einmal sehen sie sich, die Jüdin und die Palästinenserin, und können sich nur ihre Namen nennen – Esther und Nejma. Aber sie erkennen sich, zwei Schwestern, die immer aneinander denken werden, absurderweise durch Kriege getrennt, gegen die sie beide aufbegehren.

In Le Clézios unverwechselbarem Stil und poetischer Sprache geschrieben, fasziniert dieser Roman durch die Schicksale der Menschen, ihre Suche nach Identität, ihre Tapferkeit und ihre Hoffnung.

„Le Clézio sucht die Zeichen des Friedens und des Unglücks im Herzen, im Innersten des Lebens, in der Begegnung mit der Zeit und den Elementen, den Rätseln des Anfangs und der Zukunft.“ Le Monde

Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein

Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich die Menschen ihr Leben und das ihrer Nächsten zur Hölle machen. Auf dem Weg zum Glück stolpern sie in jede Falle und verfangen sich immer wieder in einem Netz von Intrigen. So als wolle keiner wirklich glücklich sein. Damit das Unglücklichsein auch wirklich gelingt, hat Paul Watzlawick vor jetzt 25 Jahren eine Leitfaden hierzu geschrieben: Anleitung zum Unglücklichsein.

Watzlawick zeigt uns einige der Fallstricke, in die wir uns doch so gern verwickeln, und belegt vieles mit Beispiele, bei denen man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll, z.B. wie die vom Helfersyndrom ereilte Frau ihr Lebtag den Säufer als Ehemann braucht, um ihm helfen zu können. Wenn er trocken wird, braucht er sie nicht mehr und umgekehrt.

In vielem erkennt man sich selbst (leider) oft genug wieder, wie z.B. in den selbsterfüllenden Prophezeiungen. Witzig ist auch die Geschichte vom Manne, der alle zehn Sekunden in die Hände klatscht:

Nach dem Grunde für dieses merkwürdige Verhalten befragt, erklärt er: „Um die Elefanten zu verscheuchen.“

„Elefanten? Aber es sind doch hier gar keine Elfanten?“

Darauf er: „Na, also! Sehen Sie?“

Die Moral von der Geschichte ist, daß Abwehr oder Vermeidung einer gefürchteten Situation oder eines Problems einerseits die scheinbar vernünftigste Lösung darstellt, andererseits aber das Fortbestehen des Problems garantiert.

Nun könnte man Watzlawick für einen Sadisten halten („Ein Sadist ist jemand, der lieb zu einem Masochisten ist“). Aber er meint es eigentlich nur gut mit uns, denn im Epilog zu dem kleinen Büchlein von leider nur 120 Seiten (gern hätte man mehr von diesem Witzig-Geistreichen) steht, gewissermaßen als Quintessenz:

Die grundlegende Regel, wonach das Spiel kein Spiel, sondern todernst ist, macht das Leben zu einem Spiel ohne Ende, das eben nur der Tod beendet. Und – als wäre das nicht schon paradox genug – hier liegt eine zweite Paradoxie: Die einzige Regel, die dieses todernste Spiel beenden könnte, ist nicht selbst eine seiner Regeln. Für sie gibt es verschiedene Namen, die an sich ein und dasselbe bedeuten: Fairneß, Vertrauen, Toleranz.

Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus. Das hat man uns schon gesagt, als wir noch Kinder waren. Und in unserem Kopf wissen wir es auch; aber glauben tun es nur einige wenige Glückliche. Glaubten wir es nämlich, dann wüßten wir, daß wir nicht nur die Schöpfer unseres eigenen Unglücklichseins sind, sondern genauso gut unsere Glücklichkeit selbst schaffen könnten.

Mit Dostojewski begann diese Anleistung, mit ihm soll sie enden. In den Dämonen sagt eine der zwiespältigsten Persönlichkeiten, die Dostojewski je schuf: „Alles ist gut … Alles. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, daß er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird gleich glücklich sein, sofort, im selben Augenblick …“

So hoffnungslos einfach ist die Lösung.

aus: Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein (Lizenzausgabe 1983 – S. 127 f.)

Hermann Hesse: Narziß und Goldmund

Im Alter von zwanzig Jahren begann ich mit dem Lesen. Gut, in jungen Jahren hatte ich den obligatorischen Karl May gelesen und auch andere Jugendbücher. Sind ja auch gar nicht so schlecht die Geschichten von Winnetou und Old Shatterhand, obwohl mir Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar noch etwas besser gefallen haben (damals wie heute).

Mit zwanzig Jahren las ich zunächst Hermann Hesse. Es war damals die auslaufende Zeit der Blumenkinder. Und Hesses Bücher, speziell „Der Steppenwolf“, löste eine Hesse-Rezeption gerade bei diesen aus (vergleiche u.a. den Film „Easy Rider“ mit der Musik – „Born to be Wild“ – der Gruppe „Steppenwolf“, benannt nach Hesses Roman).

Hermann Hesse

In dieser Zeit las ich auch Hesses „Narziß und Goldmund“ zum ersten Mal (diese Erzählung aus dem Jahr 1930 habe ich auch in die Liste meiner liebsten Bücher aufgenommen). Das Buch handelt zwar im Mittelalter, beschäftigt sich aber mit Fragen der Psychologie. Die beiden genannten Hauptfiguren verkörpern gewissermaßen die beiden Pole des Menschen – den Geistesmensch und den Sinnesmenschen in etwa nach dem Motto: Sinn und Sinnlichkeit. Zwar wirkt die Sprache Hesses heute teilweise etwas zu pathetisch, vor allem antiquiert, lässt einen aber doch nicht vom Lesen los. Und die Thematik ist weiterhin aktuell. Natürlich stehen Narziß und Goldmund hier jeweils als Stereotypen für einen dieser Menschentypen. Aber gerade oder weil sie so verschieden sind, schließen sie eine enge Freundschaft, da sie den fehlenden Teil in sich beim anderen entdecken. Narziß, der Geistesmensch, ist Lehrer und Mönch und wird eines Tages Abt eines Klosters. Goldmund, als Schüler ins Kloster gekommen, entrinnt den starren Mauern, um in der Welt sein Glück zu suchen. Er ist ganz den Sinnen zugewandt (Emotionen und Lust) und entwickelt sich zum Künstler.

Hier die Worte von Narziß, mit denen er die Unterschiede zwischen sich und Goldmund beschreibt:

“Die Naturen von deiner Art, die mit den starken und zarten Sinnen, die Beseelten, die Träumer, Dichter, Liebenden, sind uns andern, uns Geistmenschen, beinahe immer überlegen. Eure Herkunft ist eine mütterliche. Ihr lebet im Vollen, euch ist die Kraft der Liebe und des Erlebenkönnens gegeben. Wir Geistigen, obwohl wir euch andere häufig zu leiten und zu regieren scheinen, leben nicht im Vollen, wir leben in der Dürre. Euch gehört die Fülle des Lebens, euch der Saft der Früchte, euch der Garten der Liebe, das schöne Land der Kunst. Eure Heimat ist die Erde, unsere die Idee. Eure Gefahr ist das Ertrinken in der Sinnenwelt, unsere das Ersticken im luftleeren Raum. Du bis Künstler, ich bin Denker. Du schläfst an der Brust der Mutter, ich wach in der Wüste. Mir scheint die Sonne, dir scheinen Mond und Sterne, deine Träume sind von Mädchen, meine von Knaben …“

aus: Hermann Hesse Narziß und Goldmund (suhrkamp taschenbuch 274 – 2. Auflage 1975, S 49)

Goldmunds abenteuerliches Leben bildet den großen Mittelteil der Erzählung. Er scheut selbst den Totschlag nicht, wenn er dazu gezwungen ist. Am Ende nach einer Zeit des Wüten der Pest kehrt er zu Narziß zurück. Beide erkennen:

Jedes Leben wird ja erst durch Spaltung und Widerspruch reich und blühend. Was wäre Vernunft und Nüchternheit ohne das Wissen vom Rausch, was wäre Sinnenlust, wenn nicht der Tod hinter ihr stünde, und was wäre Liebe ohne die ewige Todfeindschaft der Geschlechter?

(S. 198)

Zwar entschwindet Goldmund noch einmal und kehrt krank und alt zurück. Aber sowohl er als auch Narziß haben gewissermaßen den inneren Frieden gefunden, indem sich beide auf ihre Art selbst verwirklicht haben:

Das vollkommene Sein ist Gott. Alles andere, was ist, ist nur halb, ist teilweise, es ist werdend, ist gemischt, besteht aus Möglichkeiten. Gott aber ist nicht gemischt, er ist eins, er hat keine Möglichkeiten, sondern ist ganz und gar Wirklichkeit. Wir aber sind vergänglich, wir sind werdend, wir sind Möglichkeiten, es gibt für uns keine Vollkommenheit, kein völliges Sein. Dort aber, wo wir von der Potenz zur Tat, von der Möglichkeit zur Verwirklichung schreiten, haben wir Teil am wahren Sein, werden dem Vollkommenen und Göttlichen um einen Grad ähnlicher. Das heißt: sich verwirklichen.

(S. 286)

Thomas Mann schrieb seinerzeit durchaus passend:

Hesses Roman ‚Narziß und Goldmund’ setzt mit großer sprachlicher Schönheit ein und scheint in einer mittelalterlichen Zeitlosigkeit zu schweben, die dem poetischen Bedürfnis dieser rohen Aktualität widerstrebenden Geistes entspricht, ohne darum seine schmerzliche Fühlung mit den Problemen der Gegenwart zu verleugnen … ein wunderschönes Buch mit seiner Mischung aus deutsch-romantischen und modern-psychologischen, ja psychoanalytischen Elementen … eine in ihrer Reinheit und Interessantheit durchaus einzigartige Romandichtung.

Selbsterfüllende Prophezeiungen

Das Buch „Menschliche Kommunikation“, an dem auch Paul Watzlawick maßgeblich mitgewirkt hat, habe ich noch gar nicht zu Ende gelesen (siehe hier kleine Ausschnitte aus dem Buch in meinen Beiträgen: Kulturbedingtes PaarungsverhaltenManipulation der Wahrnehmung und Kleine Denkaufgabe), da habe ich mir Paul Watzlawicks bekanntes Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ noch einmal vorgenommen. Das Buch ist 1983 erschienen und war damals ein „Renner“. Denn entgegen gewöhnlichen Ratgebern, die uns nur glücklich zu machen versuchen, bezweckte dieses Buch das genaue Gegenteil. Oder etwa nicht? Ich denke, jeder Leser wird beim Lesen etwas von sich selbst wiederfinden – „nämlich seine eigene Art und Weise, den Alltag unerträglich und das Triviale enorm zu machen“, wie es der Piper-Verlag ausdrückt. Aber auf die „Anleitung zum Unglücklichsein“ komme ich sicherlich später noch einmal zurück.

Hier eine Textpassage zum Thema selbsterfüllende Prophezeiungen, die ich sehr treffend finde. Es ist eigentlich schon verwunderlich, wie sehr wir uns durch Katastrophen beeindrucken lassen (nicht umsonst triefen Presseerzeugnisse für den Boulevard davon). Und noch erstaunlicher ist es, wie wir gern selbst in solche Katastrophen hineinschlittern, in Notlagen, die tatsächlich eigentlich keine sind. Man macht sich eben gern das Leben schwer.

Ihr Horoskop in der heutigen Zeitung warnt Sie (und ungefähr 300 Millionen andere, im selben Tierkreiszeichen Geborene) vor der Möglichkeit eines Unfalls. Tatsächlich passiert Ihnen etwas. Also hat es mit der Astrologie doch seine Bewandtnis.

Oder? Sind Sie sicher, daß Sie den Unfall auch dann gehabt hätten, wenn Sie das Horoskop nicht gelesen hätten? Oder wenn Sie wirklich überzeugt wären, daß die Astrologie krasser Unsinn ist? Nachträglich läßt sich das freilich nicht klären.

Vom Philosophen Karl Popper stammt die interessante Idee, daß – etwas laienhaft ausgedrückt – sich für Ödipus die schreckliche Prophezeiung des Orakels deswegen erfüllte, weil er von ihr wußte und ihr zu entgehen versuchte. Gerade aber das, was er zur Vermeidung tat, führte zur Erfüllung des Orakelspruches.

Delphi (Orakel)

Hier hätten wir es also mit einer … Wirkung der Vermeidung zu tun, nämlich ihrer Fähigkeit, unter Umständen das herbeizuführen, was vermieden werden soll. Und was für Umstände sind das? Erstens eine Voraussage im weitesten Sinne, also jede Erwartung, Besorgnis, Überzeugung oder ganz einfach ein Verdacht, daß die Dinge so und nicht anders verlaufen werden. Damit soll außerdem gesagt sein, daß die betreffende Erwartung entweder von außen, etwa durch andere Menschen, oder durch irgendwelche innere Überzeugungen ausgelöst werden kann. Zweitens muß die Erwartung nicht als reine Erwartung, sondern als bevorstehende Tatsache gesehen werden, zu deren Vermeidung sofortige Gegenmaßnahmen ergriffen werden müssen. Drittens ist die Annahme um so überzeugender, je mehr Menschen sie teilen, oder je weniger sie anderen, vom Lauf der Dinge bereits bewiesenen Annahmen widerspricht.

So genügt zum Beispiel die Annahme – ob sie faktisch begründet oder grundlos ist, spielt keine Rolle -, daß die anderen über einen tuscheln und sich heimlich lustig machen. Angesichts dieser „Tatsache“ legt es der gesunde Menschenverstand nahe, den Mitmenschen nicht zu trauen und, da das Ganze natürlich unter einem löchrigen Schleier der Verheimlichung geschieht, genau aufzupassen und auch die kleinsten Indizien in Betracht zu ziehen. Es ist dann nur eine Frage der Zeit, bis man die anderen beim Tuscheln und heimlichen Lachen, beim konspiratorischen Augenzwickern und gegenseitigen Zunicken ertappen kann. Die Prophezeiung hat sich erfüllt.

Allerdings funktioniert dieser Mechanismus nur dann wirklich klaglos, wenn Sie sich Ihres eigenen Beitrags dazu nicht Rechenschaft ablegen. Wie Sie aber … gelernt haben sollten, ist das nicht zu schwierig. Und außerdem, wenn die Sache einmal eine Zeitlang läuft, ist es ohnedies nicht mehr feststellbar und auch gar nicht wesentlich, was zuerst kam: Ihr für die anderen lächerlich mißtrauisches Gehabe, oder das Gehabe der anderen, das Sie mißtrauisch macht.

Selbsterfüllende Prophezeiungen haben einen geradezu magischen, „wirklichkeits“-schaffenden Effekt … .Und sie haben ihren Stammplatz nicht nur im Repertoire jedes Unglücklichkeitsaspiranten, sondern auch im größeren gesellschaftlichen Rahmen. … Je mehr Stopzeichen die Polizei aufstellt, desto mehre Fahrer werden zu Verkehrssündern, was die Aufstellung weiterer Stopzeichen „notwendig“ macht. Je mehr eine Nation sich vom Nachbarn bedroht fühlt, desto mehr wird sie sich zu ihrer Verteidigung rüsten, und desto mehr wird die Nachbarnation ihre eigene Aufrüstung für das Gebot der Stunde halten. Der Ausbruch des (längst erwarteten) Krieges ist dann nur noch eine Frage der Zeit. Je höher die Steuersätze eines Landes hinaufgeschraubt werden, um die Hinterziehungen der natürlich für unehrlich gehaltenen Steuerzahler zu kompensieren, desto mehr werden auch ehrliche Bürger zum Schwindeln veranlaßt. Jede von einer genügend großen Zahl von Menschen geglaubte Prophezeiung der bevorstehenden Verknappung oder Verteuerung einer Ware, wird (ob die Voraussage „faktisch“ richtig ist oder nicht) zu Hamsterkäufen und damit zur Verknappung oder Verteuerung der Ware führen.

Die Prophezeiung des Ereignisses führt zum Ereignis der Prophezeiung. Voraussetzung ist nur, daß man sich selbst etwas prophezeit oder prophezeien läßt, und daß man es für eine unabhängig von einem selbst bestehende oder unmittelbar bevorstehende Tatsache hält. Auf diese Weise kommt man genau dort an, wo man nicht ankommen wollte.

aus: Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein (Lizenzausgabe 1983 – S. 47-61)

Martin Walser: Brandung

Etwa sieben Jahre nachdem Helmut Halm mit seiner Frau Sabine Urlaub am Bodensee machte („Ein fliehendes Pferd“, veröffentlicht 1978), begegnen wir ihn in dem Roman „Brandung“ (veröffentlicht 1985) von Martin Walser wieder.

Mit „Brandung“ habe ich jetzt das dritte Walser-Buch innerhalb kurzer Zeit zu Ende gelesen. Es ist schon allein deshalb für mich interessant, weil der Protagonist des Buches, Helmut Halm, in meinem jetzigen Alter ist.

Halm ist Englisch- und Deutschlehrer in Stuttgart, wo er im Stadtteil Sullenbach im ehemaligem Haus seiner Schwiegereltern lebt. Am zweiten Tag der Sommerferien erreicht ihm ein Anruf eines ehemaligen Studienkollegen mit der Bitte, stellvertretend für einen ausgefallenen Wissenschaftler für ein Semester einen Lehrauftrag an der Collegestufe der Universität von Los Angeles (lt. Roman die Washington University in Oakland, die es aber nicht gibt – es muss sich anhand der geografischen Daten um die UC (University of California) in Berkeley handeln) zu übernehmen. Nach reiflichen Überlegung sagt er zu.


Wohnsitz von Helmut Halm: Stuttgart-Sillenbuch – Buowaldstraße

Seine Arbeit besteht im Wesentlichen aus einem Konversationskurs, an dem auch die 22-jährige Fran Webb teilnimmt. Obwohl sie sich nicht am Unterricht beteiligt, vereinnahmt sie Helmut Halm nach dem Unterricht und lässt sich für die Anfertigung eigener Examensarbeiten von ihm beraten. Zunächst scheint seine Hilfe zu fruchten. Aber schon der 2. Aufsatz von ihr bekommt eine schlechte Note, da seine Ratschläge zu ausgelassen und zu gewagt werden.


Wohnsitz der Halms in Berkeley (San Francisco) – Contra Costa Avenue

Helmut Halm ist hin- und hergerissen von dieser „schönen Dummen“ und nimmt sich sehr viel Zeit für sie. Hinzu kommt, dass sich Fran Webbs Aufsatzthemen immer wieder um Pärchen drehen, die anscheinend nicht zueinander finden können, obwohl sie ineinander verliebt sind – wie z.B. Benedikt (Benedick) und Beatrice in William Shakespeares „Viel Lärm um nichts“, die ihre gegenseitige Liebe mit viel Wortwitz zu leugnen trachten.

Zuvor ist es aber auch William Shakespeares 129. Sonett, das die Phantasie des Helmut Halms zu beflügeln scheint. Außerdem treibt ein Sittenstrolch (rapist) sein Unwesen auf dem Campus. Da kommt selbst ein Herr Halm auf komische Ideen.

Shakespeare – 129. Sonett

The expense of spirit in a waste of shame
Is lust in action; and till action, lust
Is perjured, murderous, bloody, full of blame,
Savage, extreme, rude, cruel, not to trust …

Des Geistes Aufwand bei der Schandthat Plan
Wird bei der That zur Lust, und bis zur That
Ist blutig, treulos, mördrisch, voll von Wahn,
Und wild die Lust, und roh und voll Verrath.

Deutsch von Ludwig Reinhold Walesrode, 1840

Nachdem seine Frau wieder nach Deutschland zurückkehren muss (ihr Vater liegt im Sterben) , geht die Phantasie endgültig mit Helmut Halm durch. Aber es ist eben nur die Phantasie, obwohl sein ständiges Beisammensein mit Fran Webb auch die Kollegen argwöhnisch werden lässt.

„Hatte er eigentlich je ein Mädchen, eine Frau angesprochen? Hatte er je eine Absicht zu erkennen gegeben, bevor er durch Zeichen der Frau sicher sein konnte, er werde, wenn er sich nähere, nicht abgewiesen?“

(Martin Walser: Brandung, 1985, Lizenzausgabe S. 251)

Nein, auch Fran Webb spricht er nicht an. Und sie lässt ihn physisch nicht näherkommen.

Helmut Halm ist ein Meister der Verstellung. Er zeigt nicht, was er denkt und denkt nicht, wie er sich zeigt. Schon das war Thema des ersten Halm Buchs „Ein fliehendes Pferd“:

„Ist nicht jede Sprache eine Fremdsprache, hätte Halm gern gesagt, ausgerufen sogar. Fremd dem, was wir sind. Was wir sind, darf nicht herauskommen. In keiner Sprache. Also, die heutige Behauptung: Jede Sprache ist mehr zum Verbergen da als zum Enthüllen …“

(S. 66)

„Jetzt hatte er gestern das so schön vorbereitet: Was verschweigt man, wenn man etwas sagt? Was sagt man, um etwas verschweigen zu können? Wie kann man von Gesagtem auf Verschwiegenes schließen?“

(S. 68)

„Und ich wüsste nichts und niemanden, dem ich lieber beichtete als deiner Brandung. Oh, was für ein Mantel für alles du bist, Brandung.“

(S. 90)

Aber mit dieser Fran Webb treibt es Helmut Halm in diesem Punkt auf die Spitze. Er sieht sie und sich als jene Shapkespeare’sche Benedikt und Beatrice, die ihre Liebe so wortreich verleumdeten, und erwartet oder hofft, dass Fran sich als diese Beatrice zu erkennen gibt. Aber sie ist dann doch nur die „schöne Dumme“, oder?

Das Ganze endet tragisch, nein eigentlich tragikomisch. Fran stirbt in der Brandung des Pazifiks, während Halm – das Semester ist beendet und er nach Stuttgart heimgekehrt – auf einen Brief von ihr wartet (er ist ein letztes Mal seiner Phantasie erlegen). Es kommt ein Brief – aber von einer Kollegin der Uni in Kalifornien, die ihm den Tod mitteilt. Und selbst aus der Ferne ist er nicht ganz unschuldig an ihrem Tod. Überhaupt sterben in diesem Buch viele Menschen, auch der Studienfreund, der ihn zu dieser Reise nach Kalifornien eingeladen hatte. Und die Brandung des Pazifiks, in der Helmut Halm selbst fast umgekommen wäre, spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle in diesem Buch (wenn ich richtig gezählt habe, so kommt das Wort Brandung als Einzelwort oder in Kombinationen mindestens 31 Mal vor, außerdem zweimal auf Englisch = surf).

Als der Roman 1985 auf den Markt kam, überschlugen sich einmal wieder die Kritiken (“So brillant, so witzig, so genau …” – “Diese sprachliche Üppigkeit, diese manchmal prahlerische, gefallsüchtige Prächtigkeit, dieses Rankenwerk aus Sätzen, Einfällen, Anekdoten, Haupt- und Nebengeschichten …” – “… auf der Höhe all seiner Erzählkunst …“ – „Da gibt es Kabinettstücke tödlicher Ironie.“ – „Ein mitreißender Lebensroman …“). Martin Walser ist ohne Zweifel ein Meister der deutschen Sprache, auch wenn er dazu neigt, den Leser mit manchen Wort- und Satzungetümen zu erschlagen (Halm selbst erkennt, dass er oft geschwollen daherredet („Halm wollte, wenn ihm danach war, möglichst geschwollen daherreden.“ S. 28)). Aber wie er diese Sehnsucht eines 55-Jährigen nach Jugend beschreibt, ist schon außergewöhnlich und einmalig. Helmut Halm geht es nicht um Sex mit einer jungen Frau. Er erkennt immer wieder, wie lächerlich es wäre (für ihn, für die junge Fran, für seine Umwelt). Vielleicht fürchte er diese Lächerlichkeit mehr noch. Und doch kommt er von dieser jungen Frau so schnell nicht los – wenn auch nur in seiner Phantasie. Am Ende ist es wieder wie in „Ein fliehendes Pferd“. Er liegt mit seiner Frau im Bett und beginnt zu erzählen: Es ist der 2. Tag der großen Ferien, als sein früherer Studienfreund anruft. „Nichts schlimmer als so eine von Unausgesprochenheiten zermürbte Ehe“ (S. 258) warf ihm der Studienfreund zwischendurch einmal vor. Am Ende spricht er das Unausgesprochene aber doch aus – und findet so zu sich selbst. Damit akzeptiert er auch sein Alter. Und seine Ehe. Und findet auch zu seiner Frau zurück.

Matt Ruff: Fool on the Hill

Jeder Urlaub geht einmal zu Ende, so auch der meinige. Morgen ruft die Arbeit wieder. Noch soll sie rufen … Nun dieses Jahr fand mein Urlaub überwiegend auf Terrassien statt. Und so widmete ich einige Zeit dem Lesen. Ich glaube mich zu wiederholen, aber Urlaubszeit ist für viele eben auch Lesezeit.

Als letztes habe ich mir ein Buch von knapp 600 Seiten vorgeknöpft, dass ich bereits vor einigen Jahren gelesen hatte – Matt Ruff: Fool on the Hill. Es gehört nicht unbedingt zu den Büchern, die ich ständig lese. Trotzdem hat es mir ganz gut gefallen (sonst würde ich es nicht wiederholt hervorholen). Es ist ein Werk, das zwischen einem herkömmlichen Roman und einer Parodie schwankend reichlich mit Elementen des Science Fiction und Fantasy versehen ist.

Matt Ruff

Der Umschlagtext hierzu verrät:

Stephen Titus George, ein junger amerikanischer Dichter, will sich verlieben. Nur in wen? Die schönste Frau der Welt wäre ihm recht: Aurora Borealis Smith. Nur die ist zu diesem Zeitpunkt noch über hundert Meilen entfernt. Ihr Vater kämpft gerade darum, sie aus ihrer Verlobung mit einem tödlichen Langweiler zu befreien. George macht sich auf seinen von reichlich Abenteuern gesäumten Weg, um seinen Plan in die (erotische)Tat umzusetzen. Er trifft u.a. auf einen atheistischen Kater (Blackjack) und seinen Kumpel Luther (eine fromme Promenadenmischung), auf Kalliope (mir ihr verbringt er eine rauschende Liebesnacht), auf eine trinkfeste Studentengruppe, eine furchterregende Rockerbande, auf Kobolde (handtellergroß), schurkische Drachen und böse Ratten, auf Glücksfeen, auf eine Gummipuppe (monströs), auf Umberto Eco, die Marx-Brothers und auf zwei Tanklastzüge, die mit „der Grundsubstanz zur Herstellung von Damen-Intimsprays beladen sind“. Und begegnet schließlich Rasferret, der darauf lauert, die Welt zu erobern …

Im Mittelpunkt steht der Campus der Cornell University in Ithaka im US-Staat New York. Matt Ruff ist Absolvent dieser Universität und hat seinen Roman in der Zeit von Mai 1985 – April 1987 geschrieben, also als er dort studierte. Dieser sein erster Roman war gleichzeitig seine Magisterarbeit.

Die Frankfurter Rundschau beschreibt das Buch als „märchenhaft“ und als eine Freibeuter-Erotik. „Ein Feuerwerk der ungezügelten Phantasie, eine Wundertüte voll Fröhlichkeit … Ein echter Hit! Witzig und frech!“ – so das Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt.

Nicht zu fassen, was an amerikanischen Universitäten alles passiert, wenn man diesem haarsträubenden Campus-Roman glauben darf, in dem der junge George sich in die schönste Frau der Welt verliebt, der Kobold Puck der Elfe Zephyr nachjagt und Blackjack und Luther in den Himmel für Katzen und Hunde aufbrechen. Ein Sommernachtstraum für Freunde der Hobbits? Eine Love-Story? All das und noch viel mehr ist der „Narr auf dem Hügel“.

Das Buch hätte auch „St. George und der Drachen“ heißen können. Denn Stephen Titus George (S.T. bzw. St. George) und der Kampf mit einem ‚beseelten’ Drachen bildet den Höhepunkt des Romans. Übrigens: den Drachentag (Dragon Day) gibt es tatsächlich und findet rund um den St. Patrickstag statt (hier Bilder vom Dragon Day 2008). In dem Buch sind es die Iden des Märzes.

weitere Infos zum Buch: Fool on the Hill
gleichnamiges Lied von den Beatles: Fool on the Hill

125 Jahre Joachim Ringelnatz: Morgenwonne

Heute vor 125 Jahren wurde Joachim Ringelnatz (eigentlich Hans Gustav Bötticher) geboren. Er war ein deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler, der vor allem für humoristische Gedichte um die Kunstfigur Kuttel Daddeldu bekannt ist.

Morgenwonne

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich „Euer Gnaden“.

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

Joachim Ringelnatz

Martin Walser: Seelenarbeit

Urlaubszeit ist Lesezeit! Und nach Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“ (1978 erschienen) habe ich Walsers „Seelenarbeit“ aus dem Jahr darauf erneut gelesen.

Ein immer wiederkehrendes Motiv Walsers ist das Scheitern am Leben. Walsers Helden tragen meist einsilbige Nachnamen („Dorn”, „Halm”, „Zürn”, „Lach”, „Gern”), und sie sind den Anforderungen, die ihre Mitmenschen oder sie selbst an sich stellen, nicht gewachsen. Der innere Konflikt, den sie deswegen mit sich austragen, findet sich in allen großen Walser-Romanen wieder – so auch in „Seelenarbeit“.

„Seelenarbeit“ ist ein Heimatbuch, wobei Heimat nicht allein für das Land, die Gegend steht, in der man lebt. Heimat steht hier besonders auch für Familie. Xaver Zürn, Chauffeur eines Industriellen, sehnt sich nach dieser familiären Heimat, wenn er oft tagelang seinen Chef durch Deutschland kutschiert. Aber auch diese Heimat hat ihre Tücken – seine beiden halbwüchsigen Töchter bereiten ihm und seiner Frau Sorgen.

Mehr ist es aber die Arbeit, die er ausübt, die ihm Magen- und Darmprobleme im wahrsten Sinne verursachen. Xaver Zürn ist ein Sklave, dessen man tags wie nachts bedienen kann. Das Buch handelt von konkreten Machtverhältnissen der Gesellschaft, hier der mächtige Chef, dort der dienende Chauffeur. Und so hat Zürns Frust durchaus politische Ursachen. Wie viele Bücher so ist auch dieses eine unverhohlene Kritik Walsers an den Verhältnissen in unserer Gesellschaft.

Das Xaver Zürn am Ende dann doch nicht vollends am Leben scheitert, ist seiner Heimat, der Familie, insbesondere seiner Frau Agnes zu verdanken:

Martin Walser: Seelenarbeit (1979)

Jedesmal meint man, das Schlimmste sei vorbei. Das ist die Illusion, die das Leben verlängert! Das Schlimmste ist immer.

(Martin Walser: Seelenarbeit – Roman – erste Auflage 1979 – S. 265)

Es gab über der Kommode einen Spiegel, in dem sah sich Xaver, als er schon fast ausgezogen war. Er trat sofort zur Seite. Sobald er sich sah, kam es ihm unwahrscheinlich vor, daß Agnes ihn noch ertrug. Manchmal glaubte er zwar, es könne keine Frau geben, die ihn so gut ertrüge wie Agnes. Aber vielleicht erträgt sie ihn gar nicht so gut. Nein, alles falsch. Sie erträgt ihn sehr gut. Ausgezeichnet erträgt sie ihn. Aber sie mag ihn nicht. Das heißt, er wirkt nicht auf sie. Das erlebt er jedes Mal, wenn er spürt, wie sie auf ihn wirkt. Wie er sich sehnt nach ihr. Wie er herumzerren möchte an ihr. Sie zerreißen möchte vor lauter Nicht-von-ihr-genug-kriegen-Können. Wenn es ihr genau so ginge, dann müßten sie einander tatsächlich einmal zerreißen vor Nicht-von-einander-genug-kriegen-Können. Aber ihr geht es nicht so. Das weiß er. Sie erträgt ihn. Sie erträgt ihn sehr gern. Er ist ihr überhaupt nicht widerlich. Hofft er. Heute kommt er ihm besonders unwahrscheinlich vor, daß sie ihn gern erträgt. Er glaubt es einfach nicht. Er, ein zwischen Schultern und Schenkeln schwankende Faß. Im Gesicht das verlegene, ewig die Backen wölbendes Grinsen. Er wird sich immer widerlicher.

(S. 291 f.)

Woher aber diese Empfindung, daß er sich durch Agnes gerechtfertigter vorkommt als ohne sie? Durch Agnes war er möglicher als ohne sie.

(S. 294)

Er hörte ihrem Atem zu. Sie war noch einmal eingeschlafen. Damit war bewiesen, daß sie es gar nicht so dunkel brauchte. Da er auf nichts hören konnte als auf ihren leise anstoßenden Atem, schlief er auch wieder ein.

(S. 295)

Jean-Paul Sartre: Der Ekel

Jean-Paul Sartre, den Begründer des Existentialismus, habe ich bereits kurz vorgestellt. Seinen Roman „Der Ekel“ (französisch: La nausée), der 1938 erschienen war und als Hauptroman des Existentialismus gilt, hatte ich bereits 1979 zum ersten Mal gelesen. Da ich dieses Jahr meinen Urlaub hauptsächlich zu Hause verbringe, und die zz. herrschende Wärme nicht dazu angetan ist, größere Ausflüge zu machen, so habe ich mir einige Bücher herausgesucht, die ich einmal erneut lesen möchte. So auch Sartres „Der Ekel“.

Der Roman ist als Tagebuch verfasst, der Autor ein gewisser Antoine Roquentin, der sich nach längeren Reisen in einer Stadt am Meer namens Bouville niedergelassen hat, um an einem historischen Buch über den Diplomaten Rollebon zu schreiben.

Roquentin lebt allein und hat nur wenige Kontakte zu anderen Menschen in der Stadt. Ihn überkommt ein Ekel, den er eher in den Dingen selbst spürt, und dessen Ursache die Sinnlosigkeit und Zufälligkeit seiner Existenz ist:

Solange man lebt, passiert nichts. Die Szenerie wechselt, Leute kommen und gehen, das ist alles. Nie gibt es einen Beginn, Tag schließt sich an Tag, ohne Sinn und Verstand, eine unaufhörliche und langweilige Addition. Von Zeit zu Zeit zieht man Bilanz: man sagt sich, jetzt bin ich seit drei Jahren auf Reisen, jetzt lebe ich seit drei Jahren in Bouville. Aber ein Ende gibt es ebenso wenig: nie verläßt man endgültig eine Frau, einen Freund, eine Stadt. Und alles ist sich so ähnlich – Shanghai, Moskau, Algier. Nach zwei Wochen ist alles gleich. Bisweilen, aber selten, merkt man auf, wird man sich bewußt, daß man mit einer Frau geschlafen, sich in eine dunkle Sache eingelassen hat. Blitzartig. Und dann beginnt wieder das alte Lied, die Addition von Stunden und Tagen nimmt ihren Fortgang – …

Das heißt leben. Erzählt man aber das Leben, dann ist alles anders, nur bemerkt es keiner. Beweis: man erzählt wahre Geschichten. Als ob es wahre Geschichten geben könnte! Die Ereignisse geschehen in einer bestimmten Reihenfolge, und wir erzählen sie gerade erst. Wir geben uns den Anschein, mit dem Beginn anzufangen: „Es war ein schöner Abend im Herbst 1922. Ich war Bürovorsteher bei dem Notar in Marommes.“ In Wahrheit hat man beim Ende angefangen. Es ist das Ende, unsichtbar und doch gegenwärtig, das diesen wenigen Worten Auftrieb und Wert eines Anfangs beigibt.

(S. 46 f.)

Plötzlich erkennt Roquentin, dass das Schreiben an dem Buch über Rollebon die bisher einzige Rechtfertigung für seine Existenz darstellt:

Herr de Rollebon war mein Partner. Er brauchte mich, um zu sein, und ich brauchte ihn, um mein Sein nicht zu fühlen. Ich lieferte den Rohstoff, von dem ich übergenug hatte und mit dem ich nichts anfangen konnte: die Existenz, meine Existenz. Seine Aufgabe war es, zu repräsentieren. Er stellte sich vor mich hin, ergriff mein Leben, um mir dafür das seinige zu präsentieren. Ich fühlte meine eigene Existenz nicht mehr, in mir selbst existierte ich nicht mehr – nur noch in ihm; für ihn atmete, für ihn aß ich, jede meiner Bewegungen hatte nur noch einen nach außen gerichteten Sinn, war nur noch auf mein Gegenüber, auf ihn abgestimmt. Ich sah meine Hand nicht mehr, die Buchstaben aufs Papier schrieb, nicht einmal mehr den Satz, den ich geschrieben hatte – aber dahinter, hinter dem Stoß Papier, sah ich den Marquis, der diese Geste gefordert und dessen Geste die Existenz verlängert und gefestigt hatte. Ich war nur ein Mittel, ihn am Leben zu erhalten, er war meine Daseinsberechtigung, er hatte mich von mir selbst befreit: Was soll ich jetzt tun?

Vor allem: keine Bewegung, keine Bewegung … Ach! Dieses Zucken mit den Schultern, ich habe es nicht hindern können … Das wartende Ding ist munter geworden, ist auf mich zugekommen, dringt ein in mich, erfüllt mich. Es ist nichts: diese Ding bin ich. Die befreite, entfesselte Existenz fließt in mich zurück. Ich existiere.

(S. 106)

In Abwandlung von Descartes’ „Cogito ergo sum“ („Ich denke also bin ich“) heißt es bei Sartre:

Ich existiere, denn ich denke …

(S. 108)

Jan Palachs Prag

Und hier stampfen die Stiere Picassos.
Und hier marschieren die Elefanten Dalís auf Spinnenbeinen.

Und hier schlagen die Trommeln Schönbergs.

Und hier reitet der Herr de la Mancha.
Und hier trägt man den Hamlet zu Karamasow.
Und hier ist der Kern des Atoms.

Und hier sind die Kosmodrome der Luna.
Und hier steht die Statue ohne Fackel.
Und hier läuft die Fackel ohne Statue.

In memorial: Jan Palach & Jan Zajic

Und es ist einfach. Wo der Mensch
Endet, beginnt die Flamme.
Und dann ist in der Stille das Radebrechen
Des Aschenwurms zu hören. Denn
Die Milliarden Menschen
Halten im wesentlichen das Maul.

Jan Palachs Prag von Miroslav Holub