Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Heute Ruhetag (9): Honoré de Balzac – Die tolldreisten Geschichten

Ihr habt es inzwischen wohl schon gemerkt: Meine Ruhetage sind Lesetage. Und das, was ich lese, sei Euch natürlich auch ans Herz gelegt, zumal es nichts kostet. Denn all die Fabeln und Fabulierungen sind dank dem Projekt Gutenberg frei zugänglich und von irgendwelchen Urheberrechten längst entbunden, da die Autoren und Autorinnen längst, d.h. vor vielen, vielen Jahren, ins Gras gebissen haben und kein Erbe sich die Tantiemen unter den Nagel zu reißen gedenkt. Gerade die Alten bieten meist schmackhafte, wenn auch deftige Kost. So seid aufs Neue verköstigt.

Heute Ruhetag!

Das ist ein stark gepfeffertes Buch, ein Buch für die Kenner kräftiger und saftiger Bissen, die vom Guten und Besten der Welt den Geschmack auf der Zunge haben, und eines für solche Zecher am Spundloch des Lebens, die schon dem unsterblichen François Rabelais, unsrem Tourainer Landsmann ewigen Angedenkens, die liebste Kumpanei und Jüngerschaft waren.

Nicht daß der Autor sich einbildet, etwas andres zu sein als ein guter Tourainer und etwas andres zu können, als den guten Gesellen dieses fetten und famosen Landes ein paar Schöpflöffel einer nicht alltäglichen Brühe zu kredenzen; – dieses Landes, das fruchtbarer ist an gehörnten und hörnerpflanzenden Spaßvögeln als irgendein Land der Welt, darunter nicht wenige sind, vor denen unser ganzes Volk salutiert und noch einige Völker der Erde mit ihm, wie der Meister Courier selig, der nun niemand mehr kitzelt, oder Meister Verville mit seinem Buch ›Wie die Welt will beschissen werden‹ und andere, die jedermann kennt, den edlen Meister Cartesius ausgenommen. Denn der war ein fast düsterer Geist und hat seine Wolkenträume und Hirngespinste höher gestellt als die guten fetten Bissen und die klaren Tropfen, also daß die Waffelbäcker und Garköche der guten Stadt Tours nichts von ihm wissen noch hören wollen und, wenn man seinen Namen nennt, ein Gesicht machen, als ob sie sagen wollten: ›Ist mir nicht vorgestellt.‹

[…]

›Also seid mir lustig und aufgeräumt, meine Lieben, und lest dies mit fröhlichem Sinn, daß sich eure Lenden und Eingeweide dabei wohl fühlen; wenn ihr mich aber verleugnet, nachdem ihr mich gelesen, so mög euch der Beelzebub reiten.‹

Diese Worte sind von Meister Rabelais, vor dem wir alle ehrfurchtsvoll den Hut abziehen als vor dem König der Wissenschaft und aller göttlichen und menschlichen Komödie.

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten (Prolog)

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten

Romananfänge (1): Vorbetrachtung

Die Erzählung Das Urteil von Franz Kafka (ja, schon wieder Kafka) endet wie folgt:

„Georg fühlte sich aus dem Zimmer gejagt, den Schlag, mit dem der Vater hinter ihm aufs Bett stürzte, trug er noch in den Ohren davon. Auf der Treppe, über deren Stufen er wie über eine schiefe Fläche eilte, überrumpelte er seine Bedienerin, die im Begriffe war heraufzugehen, um die Wohnung nach der Nacht aufzuräumen.

»Jesus!« rief sie und verdeckte mit der Schürze das Gesicht, aber er war schon davon. Aus dem Tor sprang er, über die Fahrbahn zum Wasser trieb es ihn. Schon hielt er das Geländer fest, wie ein Hungriger die Nahrung. Er schwang sich über, als der ausgezeichnete Turner, der er in seinen Jugendjahren zum Stolz seiner Eltern gewesen war. Noch hielt er sich mit schwächer werdenden Händen fest, erspähte zwischen den Geländerstangen einen Autoomnibus, der mit Leichtigkeit seinen Fall übertönen würde, rief leise: »Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt«, und ließ sich hinfallen.

In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr.“

    Willi und die Romananfänge

Besonders der Schlusssatz hat es mir angetan, dieses „geradezu unendlich“, das in nur einem Augenblick geschieht. Ich habe diesen Satz einmal am Schluss eines Kapitels (Von Pfannen, Seelen und Quark) persifliert: „In diesem Augenblick verging sich an der Schwester der Doktor trotz geradezu unendlicher Wehr.“ Kafka mag mir vergeben. – Überhaupt überzeugt Kafka mit ‚starken’ Schlusssätzen – wie bereits im Roman Der Prozess erfahren:

„»Wie ein Hund!« sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“

Wenn man einen neuen Roman in Händen hält, vielleicht den Autor noch gar nicht kennt oder nur vom Hörensagen, dann ist es natürlich der Anfang des Romans, der überzeugen sollte, um das Buch so schnell nicht wieder aus der Hand zu legen. Ich weiß nicht mehr so recht, es war auf jeden Fall John Irving, der sich mit „Romananfängen“ beschäftigte. Ich glaube es war in seinem Roman Witwe für ein Jahr (oder war es doch schon früher in Garp und wie er die Welt sah). Es ging um den Anfangssatz, der möglichst einprägend zu sein hatte (ähnlich den Kafka’schen Schlusssätzen). Irving machte daraus fast so etwas wie eine Wissenschaft oder besser: einen Wettbewerb für gekonnt formulierte Romananfänge!

Ich fand die Idee damals auf jeden Fall ganz ‚interessant’, irgendwo zwischen witzig und aufschlussreich. Nun könnte man wirklich eine Art Wettbewerb einläuten, um am Ende den aussagekräftigsten Anfangssatz zu prämieren (den Roman kann man getrost außen vor lassen). Wirklich interessant wäre es dann, von den jeweiligen Anfangssätzen auf den Inhalt der Romane zu schließen. In loser Folge werde ich mich hier mit eben solchen Romananfänge ‚beschäftigen’. Dabei müssen es natürlich nicht nur dicken Romanwälzer sein. Erzählungen tun es auch.

Wenn wir schon (wieder einmal) bei Kafka sind. Hier die Anfangssätze zu den zwei genannten Prosawerken:

Der Prozess beginnt mit: „Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Aha, das sagt doch schon (fast) alles!

So spektakulär die Erzählung Das Urteil endet, so landläufig beginnt sie: „Es war an einem Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr.“ Aber meist kommt das Grauen auf leisen Pfoten.

Wie auch immer: Vielleicht habt Ihr ja auch Spaß an dieser Sache. So denke ich daran, zum Einen Euren Lieblingsroman kennen zu lernen – und dann schreibt Ihr den Anfangssatz auf. Und umgekehrt: Zum Anderen nennt Ihr mir Euren Lieblingsanfangssatz – und den Romantitel. Wie sieht’s aus? Wer hat Lust mitzumachen?

Halldór Laxness: Weltlicht

Nach den Romanen Islandglocke, Am Gletscher und Sein eigener Herr habe ich einen weiteren Roman des isländischen Schriftsteller und Nobelpreisträgers Halldór Laxness gelesen: Weltlicht (Original: Heimsljós) – Steidl Verlag, Göttingen 2009 – Steidl taschenbuch 230 – aus dem Isländischen von Hubert Seelow. Eigentlich handelt es sich um vier kleinere Romane, jeder mit einem eigenen Titel; aber da Olafur Karason, die Hauptperson, in allen Romanen auftritt, kann man diese auch als einen großen Roman ansehen.

„Du bis das Licht der Welt!“ (S. 62)

    Halldór Laxness: Weltlicht

„Olafur Karason ist ein Fremdling im Island der dreißiger Jahre. Seine Leidenschaft und sein Talent gelten einzig der Literatur. In den Augen der Bauern und Städter ist er deshalb ein Faulpelz. Von den Eltern verstoßen wächst Olafur als Gemeindepflegling heran, muss schwere körperliche Arbeit verrichten, leidet unter Hunger, Schlägen und menschlicher Kälte. Später lebt er in ärmlichen Verhältnissen an der Seite einer ungeliebten Frau, seine Kinder sterben, wegen Vergewaltigung kommt er ins Gefängnis. Dort hat er eine Vision, und nach seiner Entlassung erfüllt sich doch noch sein Traum von Schönheit und Vollkommenheit. Nach den Tagebüchern des isländischen Volksdichters Magnus Hjaltason Magnusson (1873-1916) zeichnete Laxness seine Figur Olafur Karason und darüber ein breites Panorama von Island. Dieser Roman des isländischen Nobelpreisträgers war bisher nur in einer sprachlich veralteten deutschen Übersetzung vorhanden. Das Buch wurde von Hubert Seelow neu übersetzt.“
(aus dem Klappentext)

Laxness erzählt die Geschichte des Gemeindepfleglings Olafur Karason, der schon früh Dichter werden möchte. Als Kind trägt er heimlich Bücher am Herzen, bevor er überhaupt lesen kann. Bücher sind für ihn der Trost in einer Zeit von Armut und Rückständigkeit. Als von der Mutter ausgesetztes Gemeindekind wird er für jede Arbeit ausgebeutet, dabei verhöhnt und sein kleiner Körper gequält. Aber er findet Trost im Göttlichen, in der Schönheit, die er in der Natur findet. Für die Menschen bleibt er ein Sonderling, der sich vor der Arbeit drückt. Nur Frauen fühlen sich von dem Außenseiter angezogen, aber er scheitert, weil er nicht bereit ist, für die Liebe zu kämpfen. „Wie wunderbar du atmest. Ich komme, um dich atmen zu hören.“ sagt eine seiner Geliebten. Olafur nimmt seinen Leidensweg in Demut hin – opfert die Liebe dem Mitleid zu einer fünfzehn Jahre älteren, fallsüchtigen Frau und ihren gemeinsamen Kindern. Ärmliche Verhältnisse prägen die Ehe an der Seite dieser ungeliebten Frau, die Kinder sterben, und wegen der Vergewaltigung einer Minderjährigen kommt Olafur schließlich ins Gefängnis. Hier entwickelt er Visionen, und nach seiner Entlassung erfüllt sich endlich sein Traum von Schönheit und Vollkommenheit – „es liegt nicht in meiner Natur, von dem Glauben abzuweichen, daß es nur eine wahre Liebe zwischen Mann und Frau gibt“.

Für mich ist Olafur Karason eine zwiespältige Person. Ich sehe, wie er Ablehnung und Erniedrigung erfährt, verstehe aber nicht, wie er das immer wieder mit Demut und stoischer Gelassenheit erträgt und sich auf den Wogen des Lebens treiben lässt.

In der Zeit, in der Laxness seinen Roman schrieb – 1936 bis 1940 – setzte er seine Hoffnungen auf das neue Russland, als Gegengewicht zum aufkommenden Faschismus in Europa. Später hat Laxness diesen Irrweg bereut. Er war sogar 1937, wie andere Prominente aus aller Welt, zu den berüchtigten Schauprozessen Stalins nach Moskau eingeladen worden, wo er auch den zweiten Teil des Romans verfasste. In seinem Roman bleibt Laxness aber wahrhaftig und verweigert jegliche Schablonen sowjetisch-realsozialistischen Kunstverständnisses. Im Gegenteil: Laxness bietet neben geradezu griechischer Tragödie ein mitreißendes Schauspiel isländischer Natur, in dem auch die Elfen, also die Mythen ihr Daseinsrecht behaupten. Es ist ein Buch voller Poesie („Die Sonne war untergegangen, weiße Nebel stiegen aus den Tälern des Landes auf und schmiegten sich an die grünen Abhänge der Berge. Es war, als löse sich das Land in einen taumelnden, feenhaften Wachtraum ohne Wirklichkeit auf, fest und flüssig wurde eins, der Himmel stieg herab, die Erde hinauf, über allem der unwirkliche Schimmer einer unendlich weit entfernten Zukunft oder Vergangenheit, eine andere Zeit über der Welt.“ – S. 141) – und köstlich sind die Beschreibungen der auch hier in großer Zahl angetretenen kauzigen Figuren („Den Leuten war es gelungen, Schnaps aufzutreiben, und es gab Flüche, Obszönitäten, Geschrei, Gekotze, Schlägereien, Knochenbrüche und andere Belustigungen.“ – S. 476). Laxness knüpft stilistisch zuweilen an die literarische Tradition der heimatlichen Skaldendichtung an und zeichnet ein menschliches Schicksal, das zutiefst berührt und zugleich Licht auf die gesellschaftlichen Verhältnisse quer durch alle Schichten Islands wirft: „… der Geist des armen Volksdichters […] lebt schon seit tausend Jahren unter dem isländischen Volk, in der verräucherten Hütte in einem abgelegenen Tal, in der kargen Behausung der Fischer am Fuß des Gletschers, auf dem Haifischboot vor dem Nordland […] dieser Geist war der Lebensquell des Volkes durch seine ganze Geschichte, und er ist es, der dieses arme Eiland hier im Westen im Meer zu einer großen Nation und Weltmacht und einem unbesiegbaren Vorposten der Welt gemacht hat.“ (S. 609)

Die Zeitunterschiede zwischen den vier Romanen sind nicht allzu groß, höchstens wenige Jahre. Aber da die Orte wechseln, so gibt es eine am Ende vielleicht doch eher unübersehbare Anzahl von Personen, die in den Romanen auftreten. Ich habe hier eine kleine Übersicht (fast) aller Personen erstellt, um es den Leser (auch mir) etwas leichter zu machen, sich zu orientieren. Die wichtigsten Personen sind in fett gefasst. Bei den Namen habe ich mich an die Schreibweise im Buch gehalten (der Dichter Sigurdur Breidfjörd schreibt sich eigentlich Sigurður Breiðfjörð; Thordur wäre auf Isländisch Þórður). Viele der Orte sind wie so oft bei Laxness fiktiver Art. Zunächst die Namen der Literaten, die im Buch genannt werden (der erste ist wiederum fiktiv – und als solches ein schöner Stabreim):

G. (Gudmundur) Grimsson Grunnvikingur, genannt Gvendur
Hallgrimur Petursson
Sigurdur Breidfjörd (1799-1846)

Übersicht der Personen und Orte

Olafur Karason Ljosavikingur (Ljosavik = Lichtbucht), auch Lofi genannt – Hauptperson, Gemeindepflegling & Dichter

1. Buch: Der Klang der Offenbarung des Göttlichen
Originaltitel: Ljós heimsins (später: Kraftbirtíngarhljómur guðdómsins)
geschrieben auf der Reise nach Südamerika, Herbst 1936

Ort: Fotur unter Fotarfotur

Kamarillas, Pflegemutter Olafurs
Just, jüngerer Bruder Olafurs (Pflege)
Jonas, genannt Nasi, älterer Bruder Olafurs (Pflege)
Magnina, Tochter des Hauses (Magna)

Witwe Karitas, Mutter von Kr.
Kristjana, Magd

Gudrun von Graenholl
Lauga, Freundin

Josep, alter Mann in Haushalt
Jarthrudur (Jonsdottir) aus Gil – Brief

Reimar, Fuhrmann und Dichter

Thorunn in Kambar
Fridrik, der Elfenheiler
Tota, Schwester von Th.

2. Buch: Das Schloß des Sommerlandes
Originaltitel: Höll sumarlandsins
geschrieben in Moskau, Winter 1937-38

Ort: Svindinsvik

Jon Einarsson, der Heide
Gisli, der Alte

Petur Dreiroß Palsson, Geschäftsführer der Wiederaufbaugesellschaft
Gemeindevorsteher Gunsi
Pfarrer Brandur Jonsson
Toti Butter, ehemaliger Etatsrat

Juel J. Juel -> AG Grimur Lodinkinni Fangstation

Vegmey Hansdottir (Meya von Brekka), Olafurs Geliebte
Hlaupahalla

Holmfridur, Dichterin
Lydur, ihr Ehemann

Thorarinn Eyjolfsson (Örn Ulfar, Bursche von Skjol) – Freund von Olafur

Disa in Skalholt (Holsbudar-Disa)
Ewigkeits-Dadi Jonsson

Die Gebeine von Satan & Mosa (vor 200 J. hingerichtet) -> Sigurdur Natan(sson) + Moeidur

3. Buch: Das Haus des Dichters
Originaltitel: Hús skáldsins
geschrieben in Laugarvatn, Thingvellir, Spätsommer 1939

Ort: Svindinsvik am Othveginsenni

Jara -> Jarthrudur Jonsdottir aus Gil, Ol. 15 Jahre ältere Braut (s. 1. Buch)
Magga -> Margret, Tochter – stirbt
Kari, Sohn, bereits gestorben

Jens Färinger, Fischer
Hjörtur von Veghus
Joa -> Jorunn Hjartardottir, Tochter

Stina, Schülerin

Disa -> Vedis Petursdottir, Tochter des Geschäftsführers, Petur Dreiroß Palsson

Werke von Olafur:
Johann, der Nackte und seine Geliebte
Jan, der Allmächtige

4. Buch: Die Schönheit des Himmels
Originaltitel: Fegurð himinsins
geschrieben in Reykjavik und Umgebung, Winter 1939-40

Ort: Gemeinde Bervik
Ödhof Litlabervik (Olafur)
Hof Storabervik
Fluß Bera (Berja oder Berga)

Jon Olafsson, Sohn von Olafur

der alte Mann und die alte Frau in Gljufur
Helga, die Tochter (siehe Ende des Romans) und 2. behinderte Tochter

Pfarrer Janus
Thordur von Horn

Sveinn von Bervik, 13jähriger Junge, später in Reykjavik Abiturient

Jason Gottfredsson, Leuchtturmwächter von Tangar
Jasina Gottfredlina Jasonardottir, seine Tochter
Witwe von Sudureyri, Tante von Jasina
Dora, ihre Tochter

Reimar Vagnsson, jetzt Postbote und Dichter – siehe Buch 1 (und 2)

Mutter von Olafur – Besuch in Adalfjördur

Gericht in Kaldsvik unter Kaldur

Gefängnis in Reykjavik
– Besuch bei Sveinn von Bervik
– Besuch bei Thorunn in Kambar, heißt jetzt Felgor (Frau von Felgor)

Traum und Wirklichkeit: Bera (wirklicher Name unbekannt)

Kafka „kehrt zur Natur zurück!“

Ab Mitte 1979 erschien für 20 Jahre im Wagenbach-Verlag Freibeuter, eine Vierteljahreszeitschrift für Kultur und Politik – herausgegeben u.a. von Klaus Wagenbach. Die Nr. 16 aus 1983 hatte als Schwerpunktthema Franz Kafka nachgestellt:

Kafka geht ins Kino – Die Ostseereise – Kafka und Casanova – Erfolgreiche und weniger erfolgreiche Verwandte – Drei Sanatorien Kafkas.

Kafka war „schon viel in Sanatorien herumgekommen“, so schreibt er in einem Brief vom 1. November 1912 an seine spätere Braut Felice Bauer. Eine „allgemeine Schwäche“ oder „Neurasthenie“ nennt er als Grund. „Die Naturheilkunde – Wasser, Licht, Luft, gesundes Essen, körperliche Bewegung, ‚Reformkleidung’ – war damals nicht nur Mode, sondern eine verständliche Antwort auf die dumpfe Luft spätwilhelminischer Wohnzimmer, die riesigen, fetten Fleischmengen auf den bürgerlichen Mittagstischen, auf Wasserscheu und Sonnenangst, Fischbeinkorsett und Schnurrbartbinde, Vatermörder und Schnürstiefel. Und die ‚Neurasthenie’ war nicht nur eine Modekrankheit empfindsamer Kaufmannssöhne und -gattinnen, sondern die ‚Zeitkrankheit’ im besten Wortsinn.“ (so Klaus Wagenbach in Freibeuter 16, S. 77).

So kam es, dass Franz Kafka sich im Juli 1912 drei Wochen im Harz aufhielt und dort in Just’s Jungborn, zwischen Ilsenburg und Harzburg gelegen, Postanschrift: Just, Stapelburg (Bahnstation Eckerthal), „zur Natur zurückkehrte“.

Jungborn um 1900

Jungborn im Eckertal zwischen Bad Harzburg und Stapelburg

Jungborn im Eckertal zwischen Bad Harzburg und Stapelburg

Die Kuranstalt war am 21. Juni 1896 eröffnet worden, wurde zwischen 1943 und 1945 Kinderlandverschickungslager, 1944 auch Lazarett und wurde dann im Mai 1945 beschlagnahmt. 1964 erfolgte der Abriss im Zuge der innerdeutschen Grenzsicherung, da sich die Häuser der Kuranstalt auf dem Gebiet der DDR befanden – unmittelbar an der Grenze zur Bundesrepublik Deutschland; heute ist dies die Ländergrenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.

Bevor Kafka nach Jungborn im Harz kam, hatte er gemeinsam mit seinem Freund Max Brod die ‚klassischen Stätten’ in Weimar besichtigt und dabei die beiden jungen Verleger Ernst Rowohlt und Kurt Wolff kennengelernt. Rowohlt zeigte ein ernsthafte Interesse, ein Buch von Kafka zu verlegen. Während seines Aufenthaltes in Jungborn überlegte er, was er dem Verleger anbieten könne. Zunächst dachte er an seinen ‚amerikanische Roman’, entschloss sich dann aber doch dazu, ältere Erzählungen zu einem Band zusammenzustellen. Daraus wurde dann „Betrachtung“, dass noch im gleichen Jahr erschien, das erste Buch Kafkas. Dafür dachte Kafka daran, den ‚Verschollenen’ (‚Amerika’) neu zu entwerfen. So schreibt Kafka in seinem ersten Brief an Max Brod: „Es gefällt mir hier ganz gut, gut, die Selbständigkeit ist so hübsch und eine Ahnung von Amerika wird diesen armen Leibern eingeblasen.“ Das Manuskript der ersten Fassung vernichtete Kafka und begann im September 1912 eine zweite, die uns überliefert ist.

„Für die Neukonzeption des Romans waren mit Sicherheit die Erlebnisse im Jungborn mitbestimmend, insbesondere die dort diskutierten panchristlichen Ideen und das dort täglich mit Nacktkultur, Lehmpackungen, Lichtlufthäuschen und vegetarischer Küche aufgeführte Naturtheater. Nicht von ungefähr heißt es in den ersten Zeilen des Romankapitels ‚Das Naturtheater von Oklahoma’: ‚Auf nach Clayton!’ Auf also nach Lehmstadt, wobei clay zugleich auch Erde heißt, Staub und irdische Hülle im religiösen Sinn – genauso wie es der Sanatoriumsinhaber Adolf Just sah (in seinem 1896 erschienenen und in zahlreichen Auflagen verbreiteten Buch ‚Kehrt zur Natur zurück!’): ‚Der Mensch ist aus Erde gemacht, alles, was er zu seinem Lebensunterhalt nötig hat, entsteht aus der Erde’, mit ausdrücklichem Verweis auf Moses 2,7 und 3,19. Deswegen empfahl Just auch Wickel mit ‚reinem, tiefgegrabenem Lehm’, Fußbäder, Gurgeln und ebenso die ‚innere Anwendung der Heilerde bei allen Krankheiten’.“ (Freibeuter 16: Jungborn, Heimstätte und Musteranstalt für reines Naturleben – Klaus Wagenbach, S. 82)

Diese biographische Konstellation widerspricht ziemlich den Worten in dem Artikel Wie Franz Kafka am Nordrand des Harzes seine Schreibkrise überwand, erschienen am 6. Dezember 2003 in der Volksstimme; u.a. heißt es dort: „Der schreibmüde Kafka fand in Justs Jungborn am Harzrand zu alter Schaffenskraft zurück.“ Sicherlich wurde Kafka während seines Aufenthalts inspiriert; Auftrieb gab vor allem die Gewissheit, bald ein eigenes Buch veröffentlicht zu sehen.

„‚Kehrt zurück zur Natur’ war das Motto des Sanatoriums, in dessen Therapie Bewegung an frischer Luft und Naturheilverfahren im Vordergrund standen. Die Kurgäste wohnten in Lufthäuschen, besuchten die Gesellschafts- und Badehäuser und nahmen ihr aus Rohkost, Obst und Nüssen bestehendes Essen in großen, lichtdurchfluteten Speisesälen ein. Gemäß der Erkenntnis ‚Gesundheit ist nicht alles – ohne Gesundheit ist alles nichts!’ absolvierte der Jungborn-Gast allmorgendlich in Luftparks, nach Geschlechtern getrennt, Freiübungen, die von Gesang und Spiel begleitet waren. Als weitere Anwendungen standen Luft- und Sonnenbäder, Heilerde-Kuren, Massagen, Gymnastik und Atemübungen auf dem Programm. Jeder Jungborn-Gast bekam seiner Veranlagung und seinem Zustand entsprechend eine besondere Kur verordnet, ausgerichtet auf die vier Urelemente Licht, Luft, Lehm und Wasser. Der Gast sollte damit zur Besinnung auf das Wesentliche geführt werden, zur Hinkehr auf die natürliche Einfachheit im Denken und Leben.“ (aus: Stapelburger Grenzgeschichten und das Eckertal)

„… Nackte liegen still vor meiner Tür. Alle bis auf mich ohne Schwimmhose“, schreibt Kafka in sein Tagebuch vom 8. Juli 1912. Der Anblick von so vielen Nackten wirkte auf ihn zunächst irritierend: „Hie und da bekomme ich leichte oberflächliche Übelkeiten, wenn ich, meistens allerdings in einiger Entfernung, diese gänzlich Nackten langsam zwischen den Bäumen sich vorbeibewegen sehe. Ihr Laufen macht es nicht besser. – Jetzt ist an meiner Tür ein ganz fremder Nackter stehen geblieben und hat mich langsam und freundlich gefragt, ob ich hier in meinem Hause wohne, woran doch kein Zweifel ist. – sie kommen auch unhörbar heran. Plötzlich steht einer da, man weiß nicht, woher er gekommen ist. – Auch alte Herren, die nackt über Heuhaufen springen, gefallen mir nicht. Abends Spaziergang nach Stapelburg. Mit zweien, die ich einander vorgestellt und empfohlen habe. Ruine. Rückkehr 10 Uhr. Zwischen den Heuhaufen auf der Wiese vor meiner Hütte einige schleichende Nackte, die in der Ferne vergehen. In der Nacht, als ich durch die Wiesen nach dem Kloset wandere, schlafen drei im Gras.“ (11. Juli 1912). Dann fand er zum gesundheitsfanatischen Treiben auf dem Gelände schnell den passenden ironischen Ton: „Wie ein wildes Tier jagt plötzlich ein Greis über die Wiese und nimmt ein Regenbad.“ (19. Juli 1912). Am 15. Juli 1912 notiert Kafka: „…Ohne Schwimmhosen. Exhibitionistisches Erlebnis… Die große Beteiligung des nackten Körpers am Gesamteindruck des Einzelnen…..“

Kafka wohnte in einer nach drei Seiten offenen Hütte: „Mein Haus heißt ‚Ruth’. Praktisch eingerichtet. 4 Luken, 4 Fenster, 1 Tür.“ (8. Juli 1912). Er half bei der Kirschenernte und auch beim Mähen des Grases (12. Juli: „Heu aufgeladen“– 13. Juli: „Kirschen gepflückt“ und 14. Juli: „Kirschen gepflückt auf Leiter mit Körbchen. Hoch im Baum oben gewesen.“). Über sein Begegnung mit dem Anstaltsleiter schreibt er am 12. Juli. „Der alte blauäugige Adolf Just, der alles mit Lehm heilt und mich vor dem Arzt warnt, der mir Obst verboten hat.“

Kafka betrachtet seine Mitpatienten, hält dieses in seinem Reisetagebuch ausführlich fest und führt auch interessante Gespräche (9. Juli 1912: „Das immerwährende grundlose Bedürfnis, sich anzuvertrauen.“). Viel anderes bleibt auch kaum zu tun, denn außer Natur ist wenig für Unterhaltung gesorgt im Jungborn. Kafka, der eigentlich ungesellige Mensch, taut hier geradezu auf. So schrieb er am 22. Juli 1912 an seinen Freund Max Brod: „Sag nichts gegen die Geselligkeit! Ich bin auch der Menschen wegen hergekommen und bin zufrieden, dass ich mich wenigstens darin nicht getäuscht habe. Wie lebe ich denn in Prag! Dieses Verlangen nach Menschen, das ich habe und das sich in Angst verwandelt, wenn es erfüllt wird, findet sich erst in den Ferien zurecht; ich bin gewiß ein wenig verwandelt.“

Am Abend des 16. Juli 1912 besucht Kafka das Schützenfest in Stapelburg. Die Erlebnisse hier fließen wie bereits erwähnt später in das Kapitel „Das Naturtheater von Oklahoma“ seines Amerika-Romans mit ein.

Übrigens gibt es das ‚neue“ vegetarische Kochbuch von Adolf Just, dem Gründer von Jungborn, im Internet: „Der Jungborn-Tisch“

Siehe auch meinen Beitrag: Rotraut Hackermüller: Das Leben, das mich stört

Heute Ruhetag (8): Äsop – Der Fuchs und der Holzhacker

Heute Ruhetag!

Ein vor Jägern fliehender Fuchs fand, nachdem er lange in der Wildnis herumgelaufen war, endlich einen Holzhacker und bat denselben inständig, ihn doch bei sich zu verbergen. Dieser zeigte ihm seine Hütte, worauf der Fuchs hineinging und sich in einem Winkel versteckte. Als die Jäger kamen und sich bei dem Manne erkundigten, so versicherte dieser zwar durch Worte, er wisse nichts, deutete aber mit der Hand nach dem Orte hin, wo der Fuchs versteckt war. Allein die Jäger hatten nicht darauf geachtet und entfernten sich sogleich wieder. Wie nun der Fuchs sie fortgehen sah, ging er wieder heraus, ohne etwas zu sagen; und als der Holzhacker ihm Vorwürfe machte, daß er ihm, durch den er doch gerettet worden sei, keinen Dank bezeuge, drehte sich der Fuchs nochmals um und sprach: »Ich wüßte dir gerne Dank, wenn die Werke deiner Hand und deine Gesinnung mit deinen Reden im Einklange ständen.«

Die Fabel geht diejenigen an, die zwar die Rechtschaffenheit im Munde führen, durch ihre Handlungen aber das Gegenteil an den Tag legen.

Äsop: Fabeln (Der Fuchs und der Holzhacker)

Heute Ruhetag (7): Giovanni Boccaccio – Decamerone

Heute Ruhetag!

Nach einem Kirchgang beschließen sieben kluge junge Damen aus gutem Hause, sich für einige Tage aufs Land zurückzuziehen, und sie laden drei junge Männer ein, mitzukommen. Sie bleiben zwei Wochen lang und erzählen sich außer freitags und samstags jeden Tag zehn Geschichten.

Einmal begab es sich, daß eine von den anderen Nonnen aus dem Fenster ihrer Zelle den Handel gewahr ward und noch zwei anderen zeigte, was vorging. Sie dachten zuerst daran, der Äbtissin alles zu verraten. Doch besannen sie sich eines Bessern und beackerten mit ihren beiden Gespielinnen gemeinsam Masettos Acker. Durch Zufall wurden auch die drei übrigen Nonnen Teilnehmerinnen an dem Geheimnis, so daß nur noch die Äbtissin die einzige war, die nichts davon wußte. Indem nun diese einmal, wie es schwül war, allein im Garten wandelte, fand sie Masetto, den die Reitübungen der Nacht mehr als die Arbeiten des Tages ermüdet hatten, unter einem Mandelbaume liegen. Der Wind hatte ihm die leichten Kleider vorne ganz zurückgeweht, so daß er bloß dalag und die Äbtissin, die sich allein befand, einiges sehen ließ, das in ihr die gleichen Begierden weckte, die ihre Nonnen überfallen hatten. Sie weckte den Schläfer, nahm ihn mit in ihre Zelle und ließ ihn in einigen Tagen nicht von sich; zum nicht geringen Verdruß der Nonnen, die sich sehr beklagten, daß der Gärtner nicht kam und ihren Garten begoß. […]

Giovanni Boccaccio: Decamerone (aus: 5. Novelle – Masetto von Lamporecchio stellt sich stumm, wird Gärtner in einem Nonnenkloster, wo die Nönnchen eine nach der andern bei ihm liegen)

Leben

Lyrik ist nicht so mein Ding, was nicht heißen soll, dass ich keine Gedichte lese. Gedichte haben nämlich oft etwas, das manchmal im dicksten Roman nicht herüberkommen will: Prägnanz. Hier werden Gedanken in aller nötigen Kürze auf den Punkt gebracht.

Natürlich habe ich mich auch schon ‚in Gedichten’ versucht. Eigentlich ist das lange her. Da ich gerade meine alten Aufzeichnungen aus dem Jahre 1982 am Wickel hatte, um die Prag-Tour mit einem Freund aufzuarbeiten, kam ich nicht umhin, auch noch etwas weiter darin zu blättern. So fand ich das folgende, wahrlich prägnante Gedicht aus meiner Feder, das ich vor nun fast 30 Jahren schrieb:

Leben

Ich bin ein Kaugummi –
kau mich
und ich gebe Dir Geschmack.

Ich bin ein Strohhalm –
lutsch mich
und ich gebe Dir Halt.

Ich bin ein Grab –
begrab Dich
und ich gebe Dir Frieden.
© Wilfried Albin 30.11.1982 (21:55)

    Wilfried Albin: Leben (1982)

Okay, einen literarischen Wert messe ich dem Gedicht nicht zu. Aber aufschlussreich finde ich es allemal. Es hat einem sarkastischen Unterton von einer Art, den ich heute so nicht mehr hinbekommen werde. Der Duktus ist nach 30 Jahren ein anderer. Heute neige ich zu einem gewissen Ausschweifen. Vielleicht schreibe ich ja aus diesem Grund keine Gedichte mehr.

Heute Ruhetag (6): Aristophanes – Die Frösche

Heute Ruhetag!

Xanthias: Herr, fang‘ ich wohl mit Spaßen, von der Sorte
Der ordinären, stetsbelachten, an?

Dionysos: Meinthalb, soviel du willst, nur kein: »Das drückt!«
Das laß mir weg; ich hab’s zum Ekel satt.

Xanthias: Doch sonst was Schnurriges?

Dionysos:                  Nur nicht: »Mein Rücken!«

Xanthias: ’nen Kapitalspaß also?

Dionysos:                  Ja, zum Henker,
Nur herzhaft los! – Doch hör, kein Wort –

Xanthias:                  Wovon?

Dionysos: Dich kackre und du woll’st dir’s leichter machen!

Xanthias: Doch das: »Wenn ich mich länger mit dem Pack
Noch schleppen muß – so knarrt die Hintertür?«

Dionysos: Ums Himmels willen, nein, mir würde übel!

[…]

Aristophanes: Die Frösche (aus 1. Szene) – Komödie (405 v. Chr., erster Preis bei den Lenäen)

Aristophanes

Kafkas Wortschatz und Kiezdeutsch

Der Wortschatz ist die Gesamtheit aller Wörter einer Sprache zu einem bestimmten Zeitpunkt oder die ein einzelner Sprecher kennt oder verwendet. Man unterscheidet beim Letzteren zwischen passivem (Wörter, die zwar verstanden, aber nicht benutzt werden) und aktivem Wortschatz.

Klaus Wagenbach bezeichnet Kafkas Prosa als kühl, wortarm und doch „kleistisch“. (Wagenbach: Kafkas Prag: Ein Reiselesebuch – Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1993 – S. 7) Ja, auch als wortarm. Ohne Zweifel ist, dass der Wortschatz in den Romanen und Erzählungen von Franz Kafka erstaunlich ‚beschränkt’ ist. Diese Beschränkung sagt natürlich nichts über die literarische Qualität aus. Ein Koch weiß, dass man auch aus wenigen Zutaten einen kulinarischen Leckerbissen zaubern kann. Wie kann es aber sein, dass ein Schriftsteller der Güte Kafkas eben so wortarm schreibt. Immerhin war Kafka Jurist, also ein Akademiker, und in der Belletristik viel belesen.

Ich habe in einem sehr aufschlussreichen Aufsatz zu „Franz Kafkas Deutsch“ von Marek Nekula folgende Einleitung gefunden (Verweise/Fußnoten habe ich entfernt):

„Die Eigenart von Kafkas Stil wird einerseits mit der ‚Spracharmut’, der ‚Sprachverarmung’ und dem ‚Sprachverfall’ der ‚sterilisierten Ghettosprache’ bzw. der Sprache ohne ein deutsches dialektales Umfeld und ‚soziale Unterschiede’ erklärt, andererseits dem ‚Einfluss der juristischen Fachsprache’ zugeschrieben. […] Manchen, die im Zusammenhang mit Kafka über Phänomene wie eine ‚deutsche Sprachinsel’ oder seinen angeblichen ‚jüdischen Tonfall’ sprechen, genügen dennoch ein oder zwei dürre Absätze, um Kafkas Sprache abzuhandeln.“ (Quelle: linguistik-online.de)

Franz Kafka war deutschsprechender Jude in Prag, damals Hauptstadt des Königreichs Böhmen und mit 230000 Einwohnern drittgrößte Stadt der österreichisch-ungarischen Monarchie unter Kaiser Franz Joseph und durch „starke tschechische Zuwanderung aus einer ehemals überwiegend deutschen inzwischen [zu] eine[r] nahezu rein tschechische[n] Stadt geworden, mit einer Minderheit von 32000 Deutschsprechenden, davon über die Hälfte Juden“ (Wagenbach, 1993, S. 11). Prag war also das, was man eine „deutsche Sprachinsel“ nennen kann. Das Deutsch in Prag war nicht durch Dialekt, höchstens durch Begriffe der tschechischen Sprache gefärbt, und im Falle Kafkas zusätzlich durch den Sprachgebrauch der Juden, was sich in Kafkas Werk widerspiegelt und so in Nuancen den Wortschatz Kafkas sogar bereicherte. Bei Marek Nekula steht hierzu:

„In Tonfall und Idiomatismus, ja selbst in der Wortwahl und im grammatischen Duktus macht sich jenes Prager Deutsch geltend, das von der slavischen, czechischen Nachbarschaft und auch vom Prager Judendeutsch reichlich getönt ist. Eben diese eigentümliche Färbung trägt entscheidend dazu bei, jenseits von allem Lokalkolorit die Ironie von Kafkas Erzählungen zu erhöhen (Politzer 1950: 280).“

Der Wortschatz eines Menschen ist geprägt von der Zeit, dem Raum sowie seiner Herkunft und seinem sozialen Umfeld. Auf Kafka bezogen heißt dies, dass eine Stadt wie Prag mit einem hervorstechenden Umfeld auch Niederschlag in seinem Werk erfahren musste. Eine Stadt wie Prag findet sich heute übrigens auch allerenden bei uns. Wie in Prag begegnen sich überall unterschiedlichste Nationalitäten und Religionen. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn hier eine eigene Sprache entsteht, die übergreifend wirkt: Kiezdeutsch.

    Kiezdeutsch

„Kiezdeutsch ist eine Jugendsprache, ein neuer Dialekt. Das ist kein Unvermögen, Deutsch zu sprechen“, so die Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese, Professorin für Deutsche Sprache der Gegenwart an der Uni Potsdam (Kiezdeutsch: Ein neuer Dialekt entsteht). Kiezdeutsch ist eine Jugendsprache in einem engen Umfeld. Ähnlich wie in Kafkas Sprache kommt es zu ‚Vereinfachungen’ und auch zu eigenen grammatischen Regeln. Da man heute Kafkas ‚Spracharmut’ kaum als Verelendung unserer Sprache ansieht, sollte man auch gegenüber dem Kiezdeutschen nicht gleich in Hysterie ausbrechen. Heike Wiese hierzu: „In der Soziolinguistik ist es so, dass andere Sprechweisen abgewertet werden, wenn man sich höher einordnet. Vielleicht haben wir es da mit sehr starken Status-Verlustängsten zu tun, weil Kiezdeutsch nicht nur von sozial Schwachen gesprochen wird. Auf jeden Fall ist das Thema emotional besetzt.“

Ich weiß, es ist ein weiter Bogen, den ich hier spanne. Kafka muss für so vieles herhalten. Er wird es aushalten. Es ist die ‚eigentümliche Färbung’, die eine Sprache lebendig macht. Und das gilt sowohl für Kafka (auch heute noch) als auch für eine Jugendsprache wie das Kiezdeutsche.

Klaus Wagenbach: Franz Kafka – Bilder aus seinem Leben

Er selbst nennt sich „dienstälteste Kafka-Witwe“ und beschäftigt sich seit 1950 mit Franz Kafka: Klaus Wagenbach, Gründer des Verlags seines Namens, ein kleiner, aber feiner Verlag, dessen literarischer Schwerpunkt Italien ist. Neben seiner Forschung weist Wagenbach die wohl weltweit größte Sammlung an Dokumenten zu Kafka auf. Und so ist es nicht verwunderlich, dass er einen Großteil der Fotosammlung zu Kafka in einem Buch veröffentlicht hat.

Klaus Wagenbach: Franz Kafka - Bilder aus seinem Leben

Klaus Wagenbach: Franz Kafka - Bilder aus seinem Leben

Klaus Wagenbach: Franz Kafka – Bilder aus seinem Leben

Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1983

Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2008
veränderte und erweiterte Ausgabe

Ich habe eine broschierte Ausgabe aus dem Jahre 1983 (ISBN 3 8031 3509 5) vorliegen, damals für 29,80 DM erstanden. Inzwischen gibt es eine gebundene, veränderte und sicherlich um viele Fotos erweiterte Ausgabe für 39 € (letzter Stand: 22. April 2008). Neben diesem Bilderbuch hat Klaus Wagenbach Kafka-Lesebücher und auch eine Biografie als Monografie über den Prager Dichter veröffentlicht: Wagenbach: Kafka

„Über fünfhundert, zum größten Teil bislang unbekannte Bilder aus dem Leben des Schriftstellers, der den stärksten Einfluß auf die heutige Literatur ausübte. Ein Lesebuch mit Bildern. Ein Bilderbuch zum Lesen.“ (aus dem Klappentext zur Ausgabe 1983)

Dieser Bildband ist ein absolutes Muss für jeden, der sich halbwegs ernsthaft für Franz Kafka interessiert und ist in seiner Art unerreicht, so sehr mir die beiden anderen Bildbände Jiří Gruša: Franz Kafka aus Prag und Rotraut Hackermüller: Das Leben, das mich stört auch gefallen. Es erstaunt mich immer wieder, was Klaus Wagenbach hier mit viel Liebe zum Detail zusammengetragen hat. Wie schön, dass es noch so viele Fotos mit Franz Kafka im Mittelpunkt gibt. Dazu gibt uns Wagenbach alle notwendigen Informationen. Ansonsten darf und kann man die Bilder als solches auf sich wirken lassen. Und immer wieder in dem Bildband stöbern.

Ich mag alte Fotografien, die uns ein Tor zu einer längst vergangenen Zeit aufstoßen, so wie z.B. das Foto meiner Mutter als Kind (Die Kinder von der Schnurgass‘), dass nun auch schon fast 90 Jahre alt sein dürfte. Und mit den Fotos aus Wagenbachs Kafka-Bilderband kommen wir durch das Eintauchen in eine andere, alte Zeit auch dem Menschen Kafka um einiges näher.

Um gewissermaßen auch meinen kleinen Beitrag zum Thema Kafka & Prag zu leisten, habe ich aus den drei genannten Bilderbänden Kafkas Prager Anschriften zusammengestellt. Hierzu gibt es in den Band von Klaus Wagenbach eine sehr schöne grafische Übersicht, anhand der ich die heutigen (tschechischen) Straßennamen ausfindig gemacht habe. Hier nun einen Auszug aus dem Prager Stadtplan (Teile der Altstadt – dank mapy.cz), der die dort bestandenen Wohnanschriften Kafkas aufführt (die Nummern entsprechen den Nummern in der Wagenbach-Übersicht):

Prag (heute) mit Kafkas Adressen in der Altstadt


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(3) Geburtshaus von Franz Kafka (Geburt am 3. Juli 1883) – Haus „Zum Turm“ (27/I) – Ecke Enge Gasse (später Maiselgasse)/Karpfengasse (heute: Maiselova/Kaprova) – das Haus wurde 1897/98 abgerissen, das Portal blieb erhalten – die Straße hieß zwischenzeitlich Rathausgasse (U Radnice), heute: Náměstí Franze Kafky (Franz Kafka Platz), Praha, Česká republika

1885-1888 ist Kafka dann mit den Eltern noch dreimal umgezogen: Wenzelsplatz 56, Geistgasse V/187 und Niklasstraße 6, alle Häuser sind abgerissen (lt. Wagenbach).

08/1888-05/1889 „Sixt“-Haus in der Zeltnergasse 2 (heute: Celetná)

06/1889-09/1896 (4) Haus „Minuta“ – Kleiner Altstädter Ring 2 (heute: Malé Náměstí)

09/1897-06/1907 (7) Haus „Zu den drei Königen“ – auch Geschäft des Vaters bis 1906 in der Zeltnergasse 3 (heute: Celetná)

— 1906-1912 (8) Geschäft des Vaters in der Zeltnergasse 12 (Celetná)

— ab 1912 (6) Geschäft des Vaters im Kinsky-Palais (Staroměstské Náměstí)

06/1907-11/1913 Haus „Zum Schiff“ in der Niklasstraße 36 (heute: Pařížská) – Haus ist nicht erhalten

11/1913-07/1914 (14) Oppelthaus am Altstädter Ring 6 (heute: Staroměstské Náměstí 5)

ab 03.08.1914 für vier Wochen (12) Bilekgasse 10 (heute: Bílkova) bei Schwester Valli

09/1914-09.02.1915 Nerudagasse 48 (Polská) bei der Schwester Elli im Stadtteil Vinohrady

10.02.-15.03.1915 nochmals (12) Bilekgasse 10 (heute: Bílkova) in eigener Wohnung

ab 15.03.1915-28.02.1917 (lt. Wagenbach) (13) Haus „Zum goldenen Hecht“ in der Langenstraße 18 (heute Dlouhá 16), hier hatte Kafka ein eigenes Zimmer


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Winter 1916/1917 Alchemistengasse (auch: (Goldmachergässchen)) Nr. 22 (heute: Zlatá ulička u Daliborky)

03-08/1917 Schönborn-Palais in der Marktgasse 15 (heute: Tržiště), heute Sitz der US-Botschaft


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zuletzt 05/1918-1924 (14) wieder Oppelthaus am Altstädter Ring 6 (heute: Staroměstské Náměstí 5), Franz Kafkas letzter Wohnsitz in Prag

Wer sich also einmal nach Prag aufmachen sollte, dem empfehle ich, auf den Spuren auch von Franz Kafka zu wandeln. In der Altstadt rund um den Altstädter Ring gibt es natürlich noch vieles mehr zu sehen. Und in der Maiselova 62/8 (unweit des Geburtshauses von Kafka) gibt es das Restaurant U Golema, um sich dort zu stärken.