Wie mir jetzt wieder das Herz
Nachhängt, obwohl es mir voraus
Ist, kommt es nicht mit. Nie
Ist es, wo ich bin.
aus Martin Walser: Leben und Schreiben: Tagebücher 1963-1973
Tagebuch 1971, Seite 492 – Rowohlt Taschenbuch Verlag, Februar 2009
Wie mir jetzt wieder das Herz
Nachhängt, obwohl es mir voraus
Ist, kommt es nicht mit. Nie
Ist es, wo ich bin.
aus Martin Walser: Leben und Schreiben: Tagebücher 1963-1973
Tagebuch 1971, Seite 492 – Rowohlt Taschenbuch Verlag, Februar 2009
In der Vorosterzeit des Jahres 1982 machte ich mich auf, um nach einem Abstecher von Nürnberg über Pilsen in Prag auf den Spuren von Frank Kafka zu wandeln (siehe meinen Beitrag 125 Jahre Franz Kafka).
Prag ist eine einzigartige Stadt. Besonders die Innenstadt zeigt heute ein geschlossenes, von Gotik und Barock geprägtes Stadtbild. Prag ist die „Goldene Stadt“ (Zlatá Praha = Goldenes Prag) und war besonders in der Zeit Kafkas (zur Jahrhundertwende um 1900) eine nach außen weltoffene Stadt und ein Treibhaus für Künstler und nachwachsende Literaten. Und Prag ist ein Eldorado für Bierfreunde.
siehe hierzu auch eine kleine Fotogalerie der Stadt
Dank Street View, einem Zusatzdienst zu Googles Kartendienst Google Maps und dem Geoprogramm Google Earth (Google Street View zeigt Ansichten in 360°-Panoramabildern aus der Straßenperspektive) konnte ich nun noch einmal an meinem Rechner durch die Straßen von Prag wandern. Beginnen möchte ich vor dem Geburtshaus von Franz Kafka:
Geburtshaus von Franz Kafka in Prag mit Gedenktafel (heute: Námestí Franze Kafky)
siehe auch Google Street View (1): Torre des Mar
Zusammen mit Günter Grass’ „Die Blechtrommel“ (1959) und Uwe Johnsons „Mutmassungen über Jakob“ (1959) gehört Martin Walsers Roman „Halbzeit“ (1960 erschienen) zu jenen drei großen Romanen, die in der Literaturgeschichte gern als eine Art „Meilensteine“ der deutschen Nachkriegsliteratur gewertet werden.
Das Erscheinen dieses Romans jährt sich in diesem Jahr zum 50. Mal. Ich habe den Roman Halbzeit zum ersten Mal zum Jahreswechsel 1981/1982 gelesen – mein erstes Buch von Martin Walser. Seitdem bin ich von diesem Autor wirklich angetan und habe im Laufe der vielen Jahre so ziemlich alles von Martin Walser gelesen, was dieser reichlich veröffentlicht hat.
Ein immer wiederkehrendes Motiv Walsers ist das Scheitern am Leben. Walsers Helden sind den Anforderungen, die ihre Mitmenschen an sie oder sie selbst an sich stellen, nicht (immer) gewachsen. Der innere Konflikt, den sie deswegen mit sich austragen, findet sich in allen großen Walser-Romanen wieder. Dass die Kämpfe nur in der Seele seiner Helden brodeln, während die äußere Handlung meist Nebensache bleibt, macht Martin Walser zu einem typischen Vertreter der deutschen Nachkriegsliteratur.
In dem Roman „Halbzeit“ geht es um die Korrumpierung des jungen Intellektuellen durch die verlockenden Angebote der Wohlstandsgesellschaft und spielt in den Jahren 1957/1958 in Stuttgart, also zu Zeiten des Wirtschaftswunders nach dem zweiten Weltkrieg. Erzählt wird die Geschichte des Vertreters und späteren Werbefachmanns Anselm Kristlein, der vor dem Hintergrund des deutschen Wirtschaftswunders den gesellschaftlichen Aufstieg schaffen will. Kristlein ist zwar zu Konzessionen bereit, doch muss er einsehen, dass er während seines Kampfs um den Aufstieg mehr fremde Erwartungen befriedigen muss als eigene Wünsche verwirklichen kann. »Halbzeit« ist der erste Teil einer Trilogie um Anselm Kristlein, die mit »Das Einhorn« (1966) und »Der Sturz« (1973) fortgesetzt wird.
Er [Anselm Kristlein] war es, der mit Pawel [Chef der deutschen Sektion der Patterson-Werbung] zusammen dem Gedanken der psychologischen Verschrottung der Produkte eine organisatorische, praktikable Fassung gab. Wie sehr beide sich als Avantgarde empfinden durften, wurde bestätigt, als der Brief aus New York kam, der Pawel empfahl, einen geeigneten Mann zu schicken, daß der am ersten Kursus für künstliche Produktalterung teilnähme. Nun war Anselm gar nicht der Prophet, für den man ihn jetzt halten könnte. Hellseherisch wach war er, Instinkt hatte er, deshalb war ihm aufgefallen, daß der rücksichtslose Kampf der Slogans die ganze Branche früher oder später ruinieren müsse. Noch schlugen die konkurrierenden Produktbilder einander befriedigend schnell tot, neue Produktbilder waren nötig, die Branche florierte. Aber die Konzentration, der kein Antikartellgesetz mehr gewachsen sein würde, mußte die Branche überflüssig machen, wenn sich die Branche nicht umstellte. Und was braucht ein Monopolist um zu produzieren? Seine Produkte müssen rasch altern. Nicht das Material. Das Material muß gut sein. Aber das Produktbild muß Runzeln und Falten schlagen, schal muß es werden, aschgrau, widerlich verbraucht, Sehnsucht weckend nach dem neuen Produkt. Und dieser Wechsel muß in jedem Tempo manipulierbar sein. Wer dafür vertrauenswürdige Methoden anzubieten hat, der wird unentbehrlich sein. Und Pawel spürte wahrscheinlich, daß Anselm die Gabe hatte, die Hinfälligkeit der schönsten Dinge kraß zu empfinden und zu propagieren, deshalb sollte Anselm der erste psychologische Verschrottungsspezialist der deutschen Filiale werden, deshalb sollte Anselm ins Stammhaus, ins Stammland reisen und bei denen lernen, die darin schon Meister waren.
aus: Martin Walser – Die Anselm Kristlein Trilogie – Erster Band: Halbzeit
suhrkamp taschenbuch 684 – erste Auflage 1981 – S. 745 f. (Suhrkamp Verlag 1960)
Der Roman ist aus heutiger Sicht eine Reise in die 50er Jahre. Es ist die Zeit des Wirtschaftswunders eines Ludwig Erhard, aber auch die Zeit eines Heinz Erhardt, der die Deutschen wieder das Lachen lehrte. Mit dem letzteren hat der Roman wenig zu tun, eher mit Menschen, die sich nach dem Nationalsozialismus in einer neuen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung wiederfinden mussten. Beeindruckend finde ich, wie Walser nicht nur seinen Helden Anselm Kristlein psychologisch seziert, ein Können, das Walser auch in seinen weiteren Romanen immer wieder bis zur Schmerzgrenze gelingt. Von daher ist „Halbzeit“ auch heute noch modern.
Zum Inhalt:
Der Roman beginnt mit den Überlegungen des noch halb schlafenden Ich- Erzählers Anselm Kristlein zu seinem bevorstehenden Aufwachen in dem mit „Mimikry“ überschriebenen ersten Kapitel. Erst am Vorabend nach einem längeren Krankenhausaufenthalt wieder nach Hause gekommen, scheint der Genesende nicht ganz sicher zu sein, daß er das Tageslicht und alles, was damit zusammenhängt, wieder erblicken will. Durch seine kleinen Kinder aus diesem halbschlafenden, halbwachenden Zustand herausgerissen, ergibt er sich aber endlich als, „ein Gefangener der Sonne für einen weiteren Tag“ ( S.11 ). Daß dieser auch wortwörtlich ein „weiterer“ Tag wird , bezeugt die Tatsache, daß die ersten 375 Seiten, der Erste Teil vom Roman mit seinen drei Kapiteln also, diesen einen Tag, den 18. Juni 1957, behandeln. Kristlein, der verheiratet ist, drei Kinder hat und früher sein Studium der Philologie aufgegeben hat, wurde dann Handlungsreisender. Inzwischen ist aber zum Vertreter aufgestiegen. Diese Entwicklung in seinem Leben ist wichtig aus verschiedenen Gründen: Kristlein wird durch den ganzen Roman von seinem zweiten “ich“ begleitet, dem in seiner Phantasie und vielen Selbstgesprächen auftauchenden Wissenschaftler Galileo Cleverlein; als Handlungsreisender und Vertreter arbeitet Anselm am Deutschen Wirtschaftswunder und der sich schnell wiederaufbauenden kapitalistischen Gesellschaft mit; und als Philologe und Verkäufer, Vertreter, Werbetexter und schließlich Erzähler ist Kristlein einer, der über eine enorme Sprachfähigkeit verfügt.
Nachdem er an diesem Tag aufgestanden ist, flieht Amselm so schnell wie möglich vor seiner Frau Alissa, seiner Familie und allen Erwartungen und Verpflichtungen, die von ihm als Ehemann und Vater entgegengebracht werden. Er kommt zwar am Abend sehr kurz nach Hause, aber nur um gleich darauf wieder auszugehen; worüber seine Frau sehr enttäuscht ist. Er verbringt dann den ganzen Tag und Abend außerhalb: im Büro , bei Liebhaberinnen, auf der Straße, in Cafés und Bars, bei Freunden, beim Friseur, bei der Mutter. Kristleins Erzählung von diesem Tag besteht größtenteils aus sehr detaillierten Beobachtungen und Beschreibungen des Treibens der Menschen in seinem Freundes- und Bekanntenkreis, dazu kommen Überlegungen zu seiner Wirklichkeit und seinen Träumen und Phantasien, sowie Rückblenden in die Vergangenheit.
Die weiteren zwei Teile des Romans, mit je zwei Kapiteln, erstrecken sich über weitere fünfhundert Seiten, durch die man das Leben Anselms und sämtlicher Romanpersonen fast ein Jahr verfolgen kann. Dabei wird dem Leser das Treiben einer aufsteigenden oder bereits aufgestiegenen bürgerlichen Gesellschaftsschicht in einer mittelgroßen Stadt der 50er Jahre nahegebracht.
Kristlein erlernt den Beruf des Werbetexters, leitet eine erfolgreiche Werbekampagne und wird, wegen seines Erfolgs, von der Firma zu einem mehrwöchigen Seminar in die USA gesandt.
Im zweiten Teil des Romans begleitet man Kristlein auch in seinem privaten und gesellschaftlichen Leben weiter; zum Beispiel bei verschiedenen Parties, die helfen sollen die Sichtweise Kristleins der Wirklichkeit dem Leser zu vermitteln; oder bei seinem Versuch, die ehemalige Verlobte seines Freundes Josef-Heinrich als Liebhaberin für sich zu gewinnen.
Egal wo, im Berufsleben, bei Gesellschaften oder im privaten Bereich, wird das Leben als Konkurrenzkampf dargestellt. Eine Zeitlang scheint Anselm den Kampf zu bestehen, als er durch seine Begabung als Erzähler und durch seine Schlagfertigkeit einige glänzende Auftritte hat. Wie abzusehen, war dauert sein Erfolg aber nicht lange. Seine in den U.S.A. gewonnenen Erkenntnisse, daß Werbung wichtiger ist als Produkt, Aufmachung bedeutender als Inhalt ist, bezieht er aufs gesamte Leben. Diese Erkenntnis läßt ihn alles überdenken.
Der Kreis der Handlung schließt sich für Kristlein: Als er sich am Morgen des 21. März 1958 wieder zu Hause im Bett befindet, wo er nach einer zweiten schweren Operation, umringt von seinen Kindern und seiner Frau Alissa, erholt. Nur langsam und etwas wiederwillig aufwachend, ergibt er sich „dem Leben“ ein zweites Mal.
Regen könnte mir einfallen oder Regen,
vielleicht, wenn ich Glück hätte,
Regen, aber in meiner Lage wär ich
schon dankbar, wenn mir
bloß Regen einfiele,
es muß ja nicht immer gleich Regen sein,
zur Not genügte auch Regen.
Martin Walser: Leben und Schreiben – Tagebücher 1963-1973, S. 81
Wohl die älteste Detektivgeschichte der Weltliteratur ist die 1841 erschienene Kurzgeschichte „Der Doppelmord in der Rue Morgue (The Murders in the Rue Morgue)“ von Edgar Allan Poe. Held der Geschichte ist C. Auguste Dupin. Sicherlich ist die Auflösung des Doppelmordes etwas kurios, denn der Mörder der Pariser Frauen ist ein Orang-Utan, der seinem Halter, einem Seemann, entkommen war. Aber der Aufbau der Kurzgeschichte (Demonstration von Dupins detektivischen Fähigkeiten, Verbrechen und erfolglose Ermittlungen der Polizei, Besichtigung des Tatorts, Ermittlung und Auflösung) bietet bereits die erfolgreiche Konzeption für nahezu jede folgende Detektivgeschichte, wie zum Beispiel für Arthur Conan Doyle, der 45 Jahre später mit seiner Figur des (Dupin sehr ähnlichen) Sherlock Holmes diese Komposition noch weiter ausreizte. 1842 tritt Dupin nochmals als Hauptfigur in „Das Geheimnis der Marie Rogêt“ (The Mystery of Marie Rogêt) und 1844 in „Der entwendete Brief“ (The Purloined Letter) auf.
Damit wären wir bei Sherlock Holmes, einer vom britischen Autor Sir Arthur Conan Doyle geschaffene Romanfigur, die zur Zeit des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts als Detektiv tätig ist.
Holmes besticht durch seine neuartige forensische Arbeitsmethode, die ausschließlich auf detailgenauer Beobachtung und nüchterner Schlussfolgerung beruht. Er gilt bis heute weithin als Symbol erfolgreichen analytisch-rationalen Denkens und als Stereotyp des Privatdetektivs. Das Werkverzeichnis um den Detektiv umfasst 56 Kurzgeschichten und vier Romane.
Viele der Romane und Kurzgeschichten wurden verfilmt, hierbei stechen vor allem die zahlreichen Verfilmungen des Romans Der Hund der Baskervilles heraus. In einem Kinofilm zum Roman aus dem Jahr 1939 spielte Basil Rathbone der Figur des Sherlock Holmes. 1959 übernahm Peter Cushing die Rolle des Holmes in einer farbigen Neuverfilmung des Hound of the Baskervilles. Ab 1968 spielte er den Detektiv in einer werkgetreuen Holmes-Fernsehserie der BBC.
Was wäre Holmes ohne seinen Dr. Watson? Dr. Watson ist nicht nur der Freund und ständige Begleiter von Sherlock Holmes, sondern fungiert vor allem als erzählerisches Ich. Sherlock Holmes empfindet Watsons Pragmatismus als Bereicherung und Ergänzung seines eigenen, etwas exzentrischen Charakters und schätzt ihn als Rezipienten seiner deduktiven Schlüsse. In Doyles Erzählungen erscheint Dr. Watson als gebildeter Mann von gesundem Menschenverstand, vor dem sich Holmes‘ überragende Leistungen um so stärker abheben.
Noch etwas zum Outfit von Sherlock Holmes, das besonders auch bei uns zur Charakteristik des Detektiven beigetragen hat: Zum einen ist es der Deerstalker, ein Hut bzw. eine klassische Mütze im Karomuster. Dieser Hut findet wohl nur in einer einzigen Geschichte (The Adventure of Silver Blaze (dt.: Silberstern) als „an ear flapped traveling cap“) Erwähnung und wurde bereits in den genannten Verfilmungen mit Basil Rathbone und Peter Cushing zum typischen Markenzeichen Holmes’. Dazu gehören dann noch der Inverness-Mantel und die klobige Pfeife. Dieses populäre stereotype Erscheinungsbild des Detektivs geht auf die Illustrationen Sidney Pagets in der Zeitschrift „The Strand Magazine“ zurück.
2008/2009 wurde nun Sherlock Holmes als Abenteuer-Thriller des Regisseurs Guy Ritchie neu verfilmt. Die Rolle des Holmes wird von Robert Downey jr. übernommen, seinen Assistenten Dr. Watson spielt Jude Law. Seit einigen Wochen ist der Film auf DVD Sherlock Holmes erhältlich.
Sherlock Holmes / Trailer [deutsch]
Zum Inhalt: Ende des 19. Jahrhunderts wird London von einer Reihe von Ritualmorden erschüttert. In buchstäblich letzter Sekunde gelingt es Sherlock Holmes (Robert Downey Jr.) und seinem Partner Dr. Watson (Jude Law), eine weitere Tat zu verhindern und den Mörder zu stellen. Unter der schwarzen Kutte verbirgt sich niemand Geringeres als Lord Blackwood (Mark Strong), der nun einem Ende am Galgen entgegensieht. Doch dem Eingekerkerten scheint seine Situation nicht allzu viel auszumachen. Stattdessen verkündet er Holmes, dass er mit bösen Mächten im Bunde stünde und nach seinem Tod noch drei weitere Menschen sterben würden. Während der Privatdetektiv die Drohung zunächst noch als bloßen Humbug abtut, kommen tatsächlich erste hochrangige Mitglieder der Londoner Gesellschaft auf merkwürdige Weise ums Leben. Bei der Exhumierung von Blackwoods Leiche stellt sich außerdem heraus, dass es sich inzwischen ein anderer Toter im Sarg des Mörders bequem gemacht hat. Es ist nun an Holmes, das mysteriöse Treiben als Scharlatanerie zu entlarven oder sich einzugestehen, dass hier tatsächlich überirdische Mächte ihre Späßchen treiben …
Der Film besticht zunächst durch seine an gotische Malerei mahnende Atmosphäre. Diese Anklänge an die Gotik finden sich auch im sonstigen Design des Films wieder. Das Neuerschaffen des Londons zu Zeiten der industriellen Revolution ist den Setdesignern und CGI-Animatoren ganz hervorragend gelungen. Innerhalb dieser Kulisse entstand ein Abenteuer-Thriller, der wenig mit älteren Verfilmungen zu tun hat. So wurde auch auf die für Holmes anscheinend so typische Mode (Deerstalker-Hut und Inverness-Mantel) verzichtet. Wer trägt auch schon einen Jagdhut mitten in der Stadt? Dass sich Holmes in der Neuauflage neben seinem überragenden Intellekt auch mit seinen Fäusten zu wehren versteht, ist allerdings keinesfalls allein aktuellen Sehgewohnheiten geschuldet, sondern bereits in den literarischen Vorlagen verankert. Schließlich fühlt sich Holmes nicht nur in seinem Labor, sondern auch im Boxring (er beherrscht die Kunst des Bartitsu) zu Hause.
Natürlich ist dieses ein ziemlich moderner Holmes-Film. Wie in Iron Man mimt Downey Jr. den Helden auch hier mit der ihm eigenen Mischung aus verschmitztem Understatement und trockenem Humor und avanciert ähnlich wie Johnny Depp in den Fluch der Karibik-Filmen zu einer Attraktion, die notfalls auch ohne den Film um sich herum bestehen könnte. Jude Law wiederum kommt die schwierige Aufgabe zu, Dr. Watson auf der einen Seite als väterlichen Freund zu spielen, der den depressiven Holmes wieder aufzurichten versucht. Andererseits ist dieser Dr. Watson keinesfalls so sehr über jeden Zweifel erhaben, wie man es aus anderen Verfilmungen gewöhnt ist. Stattdessen muss Holmes selbst kleine Beträge für ihn verwahren, weil sie sonst Watsons Spielsucht zum Opfer fallen würden.
Etwas weit hergeholt ist dann der Mystery-Krimi-Plot. Dieser ist zwar stimmig und findet seine Auflösung in natürlichen Hilfsmittelchen. Hier darf Holmes dann auch seine ganzen analytischen Fähigkeiten zeigen. Und das Ende verrät uns, dass es mit Sicherheit auch einen zweiten Teil geben wird, in dem Professor Moriarty, der „Napoleon des Verbrechens“ und in der Literatur Holmes’ Gegenpart, auftreten wird.
Nun als Fan von alten Detektivgeschichten á la Edgar Allan Poe und Arthur Conan Doyle war ich natürlich gespannt auf diesen Film. Auch wenn er nicht das hielt, was die literarischen Vorlagen versprechen, war ich doch ganz angetan von ihm. Eben Popcornkino. Sherlock Holmes ist ein Blockbuster, der für einen Abend ganz gut unterhält.
Übrigens: Es gibt noch einen weiteren Sherlock Holmes-Film, der noch ungesehen bei uns im DVD-Ständer steht. Pünktlich zum „Sherlock Holmes“ des Guy Ritchie meldeten sich die Kreativköpfe der Low-Budget-Schmiede The Asylum zur Stelle mit ihrer dreisten Version eines Abenteuers des berühmten Detektivs. Trotz aller budgetbedingten Mängel und ohne jede Rücksicht auf irgendeine Literaturvorlage des (trotzdem unverdrossen im Titel bemühten) Arthur Conan Doyle wimmelt es darin vor Monstern, Sauriern und Explosionen, und sogar für einen Flugdrachen mit Feuergefecht über dem Buckingham Palace ist gesorgt. Zuweilen stimmungsvoll, nicht schlecht gespielt, ist der Film etwas für Fantasy-Vielseher. Zum Inhalt dieser Version: Vor der britischen Küste ist ein Schiff mit wertvoller Fracht gesunken, der einzige Überlebende berichtet von einem Angriff durch ein Seemonster. Und auch im viktorianischen London häufen sich Vorfälle, in die angebliche prähistorische Dinosaurier verwickelt sind. Der geniale Detektiv Sherlock Holmes und sein treuer Gehilfe Dr. Watson nehmen sich des Falles an und stoßen nach einigen Umwegen auf einen wahnsinnigen Wissenschaftlers, der, nach einem Unfall verkrüppelt, auf seine Weise Rache am Vaterland und der Queen zu nehmen beabsichtigt.
Siehe auch: Auf den Spuren von Sherlock Holmes in London
Karfreitag
Verhangener Tag, im Wald noch Schnee,
Im kahlen Holz die Amsel singt:
Des Frühlings Atem ängstlich schwingt,
Von Lust geschwellt, beschwert von Weh.
So schweigsam steht und klein im Gras
Das Krokusvolk, das Veilchennest,
Es duftet scheu und weiß nicht was,
Es duftet Tod und duftet Fest.
Baumknospen stehn von Tränen blind,
Der Himmel hängt so bang und nah,
Und alle Gärten, Hügel sind
Gethsemane und Golgatha.
aus: Hesse – Die Gedichte
Meine Frau und ich haben ein besonderes Verhältnis zu Italien, besonders meine Frau. Vor vielen Jahren hat sie in Tostedt eine Familie aus Sizilien kennen gelernt. Der Mann arbeitete als Gastarbeiter in dem kleinen Ort. Nach gut 15 Jahren Aufenthalt in Deutschland kehrten sie in ihre Heimat zurück. Seitdem haben wir sie bereits öfter besucht und die Hochzeiten der Kinder als Gäste mitfeiern dürfen.
So kam meine Frau an dem Buch Maria, ihm schmeckt’s nicht! von Jan Weiler natürlich nicht vorbei. Das Buch vermischt auf humorvolle Weise fiktive Elemente mit den Erzählungen Weilers Schwiegervaters „Antonio“ und seinen Erfahrungen mit seiner italienischen Familie. Meine Frau fand das Buch köstlich.
Zum Inhalt: Es geht um einen jungen deutschen Mann, der sich morgens beim Bäcker in eine schöne Halb-Italienerin verliebt. Und als er einige Zeit später mit ihr vor den Traualtar tritt, heiratet er nicht nur sie, sondern auch ihre beträchtliche italienische Sippe aus Campobasso. Und die will ihn natürlich sofort kennen lernen! Vor allem sein Schwiegervater Antonio Marcipane, von dem er beim ersten Treffen befürchtet, er könne ihm einzelne Finger abschneiden und zwecks Lösegelderpressung an seine Eltern schicken, stellt sich als sehr redselig heraus. Die beiden fahren zusammen nach Campobasso, wo Antonio seine Lebensgeschichte erzählt – die eines italienischen Gastarbeiters, der in den 60er Jahren mit großen Träumen nach Deutschland kommt und bleibt.
Inzwischen wurde das Buch verfilmt und ist seit kurzem als DVD erhältlich: Maria, ihm schmeckt’s nicht!: Regie: Neele Leana Vollmar – Darsteller: Lino Banfi, Christian Ulmen, Mina Tander, Maren Kroymann, Gundi Ellert, Peter Prager, Paolo de Vita, Ludovica Modugno, Lucia Guzzardi, Nino Bellomo, Leonardo Nigro, Pierluigi Ferrandini
Jan (Christian Ulmen) möchte die Deutsch-Italienerin Sara (Mina Tander) heiraten. Ganz unspektakulär. Nur standesamtlich. Doch Jan hat die Rechnung ohne seinen zukünftigen Schwiegervater gemacht. Antonio Marcipane (Lino Banfi), der 1965 als Gastarbeiter nach Osnabrück kam und mit der Deutschen Ursula (Maren Kroymann) verheiratet ist, verlangt eine Hochzeit in Süditalien. Basta!
Jan und die Marcipanes reisen nach Campobello, um die große Familienfeier mit der ganzen Sippschaft vorzubereiten. Konfrontiert mit südlichem Temperament, apulischer Küche, weichen Betten und harter Bürokratie, muss Jan sich schon bald fragen, ob Sara und ihre Familie wirklich die Richtigen für ihn sind …
Maria, ihm schmeckt’s nicht! – Trailer
Buchverfilmungen sind fast immer problematisch. Der Film muss sich meist auf das Wesentlichste reduzieren. Und so fand meine Frau das Buch auch um vieles besser als den Film. Ich selbst habe bisher das Buch nicht gelesen – und kann die Geschichte nur nach dem Film beurteilen. Sicherlich werden hier manche Klischees reichlich strapaziert, aber Überzeichnungen prägen nun einmal Komödien. Die einzelnen Charaktere bleiben immer liebenswert menschlich – mit Schwächen und Stärken, sodass der Film durch herzerfrischenden Charme punktet. Bei mir hat der Film auf jeden Fall Appetit gemacht, jetzt auch (endlich) das Buch zu lesen. Mir hat der Film geschmeckt ….
Filmkritik auf filmstarts.de mit diversen Filmausschnitten
Publikumsbeschimpfung ist eigentlich ein Sprechstück in einem Akt von Peter Handke. Aber lange vor Handke gab es einen Autoren, der uns heute als Philosoph bekannt sein sollte, der bereits „das Publikum“ beschimpfte: Søren Kierkegaard (* 5. Mai 1813 in Kopenhagen; † 11. November 1855 ebenda). Bekannt wurde Kierkegaard durch sein Werk Entweder – Oder.

Kierkegaard ist uns heute als radikaler Verfechter des Individualismus und als Vorreiter des Existenzialismus bekannt. Dabei wird allerdings oft verkannt, dass er den Individualismus in Bezug auf das Christentum verstand. Er sah im Individuum, im einzelnen Menschen ein Selbst, dem nur von Gott als dem Unendlichen Existenz zukommt. Nur der Einzelne kann zu Gott finden. Das Ziel des religiösen Menschen ist es, in ein existenzielles Verhältnis zu Gott zu treten. Dies kann allein im Glauben geschehen. Gott als der Absolute ist nicht der Kausalität der Welt unterworfen und entzieht sich daher als der Unbekannte dem menschlichen Verstand, er ist rational nicht erkennbar.
Aber ich bin thematisch schon übers Ziel hinausgeschossen. Vor vielen Jahren habe ich mir einmal ein Buch mit einer Auswahl aus dem Gesamtwerk von Søren Kierkegaard zugelegt. Da ich immer wieder über seinen Namen gestolpert war, wollte ich auch etwas von ihm lesen. Aber erst jetzt habe ich mich ausgerafft, um dieses gut 400 Seiten umfassende Buch zu lesen. Dabei bin ich zunächst über den Begriff des Publikums gestolpert. Kierkegaard schreibt:
(Es) … muß erst einmal ein Phantom zuwege gebracht werden, … eine ungeheuerliche Abstraktion, ein allumfassendes Etwas, welches Nichts ist, eine Luftspiegelung – dies Phantom heißt Publikum.
Kierkegaard verbindet dieses Phantom mit der Presse. Heute könnte man allgemein von den Medien sprechen (also Presse samt Fernsehen, Internet usw.). Das Publikum gibt es eigentlich für ihn nicht. Es ist keine Versammlung, kein Verein, keine Gruppe. Es ist eine Abstraktion, in deren Namen Meinung gemacht wird:
Fünfundzwanzig Unterschriften unter das törichtste Zeug sind eine Meinung; des vorzüglichsten Kopfes gründlichst durchdachte Meinung ist ein Paradox.
Man spürt, woher der Wind weht. Und ich frage mich, was heute anders ist als vor über 150 Jahren. Auch heute wird gewusst Meinungsmache betrieben, und man stellt dabei ein Publikum in den Mittelpunkt, das es so in aller Verallgemeinerung gar nicht gibt. Auch heute werden Redensarten zu Weisheiten, indem man sie nur oft genug dem Publikum wiederholt. Eine imaginäre Masse wird so zum Repräsentanten einer angeblich allgemeingültigen Meinung erhoben. Dabei gibt es weder dieses „Publikum“, noch kann von einer allgemeinen Gültigkeit einer solchen Phrase gesprochen werden.
Ich kann mich dieser Kierkegaard’schen Publikumsbeschimpfung nur anschließen, obwohl es eigentlich keine Beschimpfung eines Publikums ist, sondern die von Politikern und Medienmachern, die uns ihre Meinungen als die unseren verkaufen wollen.
Siehe auch: Text von Kierkegaards „Entweder/Oder“
Ich komme noch einmal auf ein Buch von Erich Fromm zurück: Haben oder Sein. Im letzten Kapitel entwickelte er eine Utopie, die er Stadt des Seins nannte. Hier beschrieb er die Wesensmerkmale der neuen Gesellschaft:
– Der erste entscheidende Schritt auf dieses Ziel hin ist die Ausrichtung der Produktion auf einen „gesunden und vernünftigen Konsum“
– Gesunder und vernünftiger Konsum ist nur möglich, wenn wir das Recht der Aktionäre und Konzernleitungen, über ihre Produktion ausschließlich vom Standpunkt des Profits und Wachstums zu entscheiden, drastisch einschränken
– Um eine am Sein orientierte Gesellschaft aufzubauen, müssen alle ihre Mitglieder sowohl ihre ökonomischen als auch ihre politischen Funktionen aktiv wahrnehmen. Das heißt, daß wir uns von der Existenzweise des Habens nur befreien können, wenn es gelingt, die industrielle und politische Mitbestimmungsdemokratie (participatory democracy) voll zu verwirklichen
– Die aktive Mitbestimmung im politischen Leben erfordert maximale Dezentralisierung von Wirtschaft und Politik
– Aktive und verantwortungsvolle Mitbestimmung ist nur möglich, wenn das bürokratische durch ein humanistisches Management ersetzt wird
– In der kommerziellen und politischen Werbung sind alle Methoden der Gehirnwäsche zu verbieten
– Die Kluft zwischen den reichen und den armen Nationen muß geschlossen werden
– Viele Übel der heutigen kapitalistischen und kommunistischen Gesellschaften wären durch die Garantie eines jährlichen Mindesteinkommens zu beseitigen
– Die Frauen sind von der patriarchalischen Herrschaft zu befreien
– Ein Oberster Kulturrat ist ins Leben zu rufen, der die Aufgabe hat, die Regierung, die Politiker und die Bürger in allen Angelegenheiten, die Wissen und Kenntnis erfordern, zu beraten
– Ein wirksames System zur Verbreitung von objektiven Informationen ist zu etablieren
– Die wissenschaftliche Grundlagenforschung ist von der Frage der industriellen und militärischen Anwendung zu trennen
– Eine unabdingbare Voraussetzung einer neuen Gesellschaft ist die atomare Abrüstung

Das Buch Haben oder Sein ist im Original unter dem Titel „To Have or to Be?“ 1976 erschienen, also vor über 30 Jahren. Es hatte im Deutschen den Untertitel „Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft“ und fordert vor allem ein Umdenken jedes einzelnen Menschen. Was er weiter als Wesensmerkmale der neuen Gesellschaft benennt, ist lediglich ein „erster Entwurf“, beinhaltet aber bereits klare konkrete Forderungen (wie den Obersten Kulturrat). Jeder der einzelnen Punkte wird ausführlich kommentiert und dabei auch relativiert.
Sicherlich könnte man Fromms Entwurf als naiv abtun. Es schreibt allerdings dazu, dass „die Chancen gering (bleiben), daß es zu den notwendigen menschlichen und gesellschaftlichen Veränderungen kommt. Unsere einzige Hoffnung ist die energiespendende Kraft, die von einer neuen Vision ausgeht. Diese und jene Reform vorzuschlagen, ohne das System von Grund auf zu erneuern, ist auf lange Sicht sinnlos, denn solchen Vorschlägen fehlt die mitreißende Kraft einer starken Motivation. Das ‚utopische’ Ziel ist realistischer als der ‚Realismus’ unserer heutigen Politiker. Die neue Gesellschaft und der neue Mensch werden nur Wirklichkeit werden, wenn die alten Motivationen – Profit und Macht – durch neue ersetzt werden: Sein, Teilen, Verstehen; wenn der Marktcharakter durch den produktiven, liebesfähigen Charakter abgelöst wird …“
Gerade heute ist das Buch aktueller als je zuvor. Sicherlich wird Fromms Entwurf auf lange Sicht Utopie bleiben. Aber trotzdem kann jeder Einzelne daraus für sein eigenes Leben lernen, um zu begreifen, wir sehr das Haben unser Leben im Griff hält. Vielleicht gelingt es uns schrittweise, Abschied vom Haben zu nehmen und mit dem Sein ein erfüllteres Leben zu gewinnen. Bekanntlich ist der Weg das Ziel, warum machen wir uns also nicht auf den Weg?
Im Gemeindeblatt unserer Evangelisch-lutherischen Johannesgemeinde in Tostedt schrieb Pastor Gerald Meier zum Thema: „Geld und Glaube“ einen Beitrag: Haben oder Sein – Der Mensch zwischen zwei Existenzweisen. Grundlage seiner literarische Erkundung war das Buch Haben oder Sein: Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft – Stuttgart – Deutsche Verlags-Anstalt 1979 (1976) von Erich Fromm.
Gerald Meier schreibt: Zunächst war ich überrascht, wie aktuell dieses Buch auch nach über 30 Jahren noch ist, denn schon damals waren die globalen Probleme erkannt, die sich nunmehr dramatisch zugespitzt haben: die zunehmende Aufspaltung der Völker in arm und Reich, der Klimawandel und der drohende Kampf um sich verringernde Rohstoffe. All diese Probleme sieht Erich Fromm letztlich begründet in der Ausrichtung des modernen Menschen auf die Existenzweise des Habens. Dieser gegenüber stellt er die Existenzweise des Seins, die er weitestgehend auch in der christlichen Tradition verkündet sieht.
Die Existenzweise des Habens ist nach Fromm die vorherrschende Form menschlichen Erlebens geworden. Sie beruht auf der Unsicherheit und Unverfügbarkeit allen Lebens und strebt durch die Aneignung materieller Dinge Sicherheit, Überlegenheit und Macht an, um der Unsicherheit zu entgehen. …
Ein Leben nach den Prinzipien des Seins verspricht eine ganz andere innere Ausrichtung. Sich richtet sich nicht lebenszerstörend am Status des Habens und Besitzens aus, sondern vorrangig an lebendigen Beziehungen. „Sein bezieht sich auf Erlebnisse“ und will die „Schranken des Getrenntseins“ überwinden. … Der Mensch … kann zum Wohl anderer handeln, wenn er erkannt hat, dass auch sein individuelles Wohlergehen vom Ergehen der Gemeinschaft abhängt.

Mit Erich Fromm habe ich mich selbst ausführlicher beschäftigt. Sein Buch „Haben oder Sein“ las ich vor dreißig Jahren zum ersten Mal. Erich Fromm bekanntestes Buch ist ohne Zweifel Die Kunst des Liebens. Allein die Veröffentlichung dieses kleinen Büchleins 1956 sorgte nicht nur in der Fachwelt für Aufsehen, sondern erreichte bis heute weltweit eine Auflage von über 25 Mio. und war z.B. in Deutschland (in den 80-er Jahren) Monate lang auf der Bestsellerliste.
Sehr aufschlussreich ist auch seine Anatomie der menschlichen Destruktivität. In den 70-er Jahren hatte sich Fromm aus psychoanalytische Sicht mit den Managern des Todes (Hitler und Heinrich Himmler) eingehend beschäftigt (siehe meinen Beitrag: Bestie Mensch).
Haben und Sein ist eine empirische psychologische und soziologische Analyse der Existenzweisen (sowohl individuell als auch gesellschaftlich) des Habens und des Seins und führt Ansätze von Fromms früheren Arbeiten fort. Es ist im humanistischen Geist geschrieben und stellenweise – verfasst ein Jahrzehnt vor Glasnost und Perestroika – vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und insbesondere der Gefahr eines Atomkrieges (Kubakrise etc.) zu verstehen. Ersetzt man die von Fromm verwendeten und für die damalige Zeit aktuellen maschinenfixierten Beispiele durch computerfixierte, so ist das Werk zum größten Teil noch immer hochaktuell.
Die These dieses wichtigen Buches ist, dass zwei Arten der Existenz um die Seele des Menschen streiten: Der Modus des Habens, der sich auf materiellen Besitz konzentriert, auf Gewinnsucht, Macht, Aggression und der Gier, Neid und Gewalt verursacht; und der Modus des Seins, der sich auf Liebe gründet, auf die Lust zu teilen und sich in wesentlicher, nicht verschwenderischer, sondern schöpferischer Tätigkeit ausdrückt. Fromm stellt fest, dass der Habenmodus mit seiner aggressiven, espansionistischen Wachstumsmoral seit dem Mittelalter das Übergewicht hat und jetzt die Welt an den Abgrund des psychologischen und ökonomischen Ruins bringt. In diesem Buch entwirft er das Programm eines gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels, den Gegenkurs zu der Fahrt in die Katastrophe. Seine Hoffnung setzt er darauf, dass viele Züge des Seinsmodus fortleben und die Menschen zunehmend der Leere ihres aufs Haben gerichteten Lebens gewahr werden und eine Welt ersehnen, die sie für kaum erreichbar halten, eine Welt der Liebe und Teilnahme.
Eigentlich sollte man dieses Buch jedem angehenden Banker und Industriemanager zur Pflichtlektüre machen. Auch wenn die meisten von diesen nur ein müdes Lächeln zeigen werden, so wäre es schon als Erfolg zu werten, wenn wenigstens der eine oder andere von ihnen etwas nachdenklicher würde.
Mein Faible für (fast) alles Britische hat drei Quellen. Zum einen ist es die TV-Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“ (im Original: „The Avengers“, also „Die Rächer“) mit Patrick Macnee als John Steed und vor allem Diana Rigg als Emma Peel, die Mitte der 60er Jahre im deutschen Fernsehen zum ersten Mal ausgestrahlt wurde (ich berichtete in den letzten Wochen und Monaten öfter davon). Dann ist es die Rockgruppe Jethro Tull, die ich Ende der 60er Jahre kennen lernte und die seitdem zu meinen Lieblingsbands gehört. Ian Anderson verkörpert mit seinen Jungs vieles von dem, was als very british gilt. Und dann ist es natürlich die britische Komikergruppe Monty Python, die vor 40 Jahren am 5. Oktober 1969 ihren Einstand im britischen Fernsehen gab mit Monty Python’s Flying Circus. Die deutschsprachige Erstausstrahlung erfolgte am 8. September 1971.

Über den Monty Python’s Flying Circus habe ich natürlich in diesem Blog auch schon einmal berichtet. Monty Python bestand aus Graham Chapman (* 1941; † 1989), John Cleese (* 1939), Terry Gilliam (* 1940), Eric Idle (* 1943), Terry Jones (* 1942) und Michael Palin (* 1943). Cleese, Chapman und Idle studierten an der Universität Cambridge, Palin und Jones an der Universität Oxford, wo sie im Schreiben und Darstellen komischer Sketche erste Erfahrungen sammelten. Zwischen 1969 und 1974 wurden für die BBC 45 Folgen der Serie gedreht, in der Sketche und Trickfilmszenen gemischt wurden. Die Serie bestach durch ihren schrägen Humor. In Anlehnung an den Ausdruck „kafkaesk“ wurde diese Stilrichtung auch als „pythonesk“ bezeichnet. Sie zeichnete sich durch hintersinnigen und vor allem schwarzen Humor aus – all das, was wir heute als britischen Humor kennen.
Dank Internet kann man heute viele der Folgen am Bildschirm verfolgen – im Original oder auch deutschsprachig. Viel Spaß dabei.

Übrigens: Für nur noch 5,90 € gibt es Monty Python’s Flying Circus „Sämtliche Worte Band 1 + 2“ in einem Buch mit über 800 Seiten in deutscher Übersetzung bei zweitausendeins.de. Die Serie selbst gibt es als Monty Python’s Flying Circus – Box (7 DVDs) zu kaufen.
Zuletzt aus dem Film Das Leben des Brian, der 1979 entstand, das Abschlusslied „Always Look on the Bright Side of Life“, das wohl allen bekannt sein dürfte:
Always Look On The Bright Side of Life