Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Des Fadens ew’ge Länge Aufzeichnungen 1 Faustus Müllemann

Am Wegesrand ein Blümlein wächst, dessen Duft mir in die Nase steigt. Ein sanftes Kribbeln. Paß auf, daß Du das zarte Pflänzlein nicht unter Deinen tapsigen Stiefeln begräbst. Mir könnte etwas fehlen («Tritt nicht aufs Fettkraut!»). Befreie Dich von den klobigen Tretern und wage es wie ich, barfüßig durch das Gras zu gehn. Spürest auch Du einen Hauch vom Morgentau? Von Frische, die die Zehen benetzt? Mach Deinen Kopf frei! Und fühle! Atme ein und atme aus.

Besinne Dich, Du Ochs! Gedankenlos kippst Du allen Dreck in die Natur aus. Überall stolpere ich über Müll, den Du wie die Schleimspur einer Schnecke gleich hinter Dir herziehst, und falle mit der Nase in schimmligen Quark («In jeden Quark begräbt er seine Nase.»). Ich mag wohl gern meinen Riecher in andrer Leute Sachen stecken, aber nicht in solch fauligem Schlamm.

«Hopfen und Malz, Du stinkst aus dem Hals!» Fettbäuchig begräbst du das Blümlein unter deinem auseinanderquellenden Arsch. Um dich herum stapeln sich Bierdosen und Schnapsflaschen. Aus deinem Maul quillt nicht nur der abgestandenen Pesthauch und Sabber, sondern mit den aufgequollenen Lippen formst du unförmige Wörter, die wie Kotzbrocken aus der Fresse fallen.

Greift nur hinein ins volle Menschenleben! Ich kann mich hüten davor, es zu tun. Staub soll er fressen, und mit Lust, wohl bekomm ’s! Es würde dir besser bekommen als der Fraß aus Tüten, die entleert die Straßen säumen.

Der Worte sind genug gewechselt, laßt mich auch endlich Taten sehn! Also packt deinen Kram, und dann pack‘ dich! Aber bald, denn was heute nicht geschieht, ist morgen nicht getan, und es wird dann nimmer mehr geschehn. Halbseidener Schlaumeier, erhebe dich … Oder bleib‘ ganz einfach sitzen, denn dann wirst du samt deines Unrats als menschlicher Sperrmüll zusammengekehrt und abtransportiert. Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur! der Meister sprach ’s, aber ach, ein Müllwerker klaubt dich aus dem Dreck, hilft dir sogar auf die Beine und fegt überstehenden Abfall von deinen Kleidern. Oh, Gott, der Schrott steht auf beiden Füßen. Ja, kehre nur der holden Erdensonne entschlossen deinen Rücken zu! Schuld- und schuttbeladen wankt er davon. Die Träne quillt, die Erde hat ihn wieder! Aber irgendeiner Schuld ist er sich nicht bewußt. Vergeblich ist mein Reden. Da steht er nun, der arme Tor! Und ist so klug als wie zuvor; und wankt davon und wankt. Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang, des Toren taube Ohren zu predigen. Und er wankt. Das also war des Pudels Kern! Müllemanns fetter Hintern! Er wankt und wankt.

Auch für mich ist es Zeit, mich aus dem Staube zu machen, mich aus seinem Dunstkreis zu entfernen.Des Denkens Faden ist zerrissen, mir ekelt lange vor allem Wissen.Was Müllemann, der wankt, nicht weiß, wenn er auch denkt, zu wissen. Er nennt ’s Vernunft und braucht ’s allein, nur tierischer als jedes Tier zu sein. Aber bekanntlich: Es irrt der Mensch, solang er strebt.

Aber ja, aus den Augen, aus dem Sinn! So hoff‘ ich, meinen Seelenfrieden wieder zu finden. Und suche nach Entschuldigung und find‘ sorgenvolle Kindheit. Und suche nach Erklärung und finde schädigendes Milieu. Schon der Großvater hat …, und der Vater war … Und Müllemann wankt. Mir reißt der Faden. Ach! unsre Taten selbst, so gut als unsre Leiden, sie hemmen unsres Lebens Gang. Und Müllemann, ach Müllemann, du wankst.

Die Spiegelflut erglänzt zu meinen Füßen, zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag. So suche ich das Weite in der Ferne. Und ich gehe dahin, ein letzter Blick über die linke Schulter erspäht Müllemann, wie er wankt. Und ich laufe. Und ich hoffe, daß ein Blümlein am Wegesrand sich erholt und aufersteht und blüht und zu meiner Freude duftet und …

Freud muß Leid, Leid muß Freude haben. Und ich laufe, um einem Platz zu finden, an dem ich sagen kann: Hier bin ich Mensch, hier darf ich ’s sein! Während Müllemann wankt, nach Hause wankt, wankt, wankt …

[Frei nach Goethes ‚Faust‘] [Mehr]

Die Memoiren von Gabriel García Márquez

Halbzeit! Die Hälfte der rund 600 Seiten umfassenden Beschreibung des eigenen Lebens von Gabriel García Márquez ‚Leben, um davon zu erzählen‚ habe ich gelesen und dabei gemischte Gefühle entwickelt. García Márquez schreibt sehr offen über seine Kinder- und Jugendzeit, und es mutet mich fast schon exotisch an, von diesen Lebensumständen zu erfahren. Er war das erste von elf Kindern (die unehelichen des Vaters erst gar nicht mitgezählt) und zeigte schon früh sein Interesse an Literatur. Zum einem erfährt man von großer Armut, aber dann kann es dem kleinen Gabito doch nicht so schlecht gehen. Dann pocht er fast ständig auf seine Schüchternheit, um von der großen Sause zu schreiben, die er schon als Heranwachsender (‚die Sau rauslassen‘) gestartet hat. Die südamerikanischen Wurzeln sind nicht zu leugnen, sein Machismo, auch wenn seine Mutter auf diesen ersten 300 Seiten mehr noch als der Vater immer wieder im Brennpunkt des Geschehens steht.

Manchmal entsetzt mich die Naivität, mit der Gabriel García Márquez sich selbst beschreibt. Dazu gibt es auch einige Längen, die eher ermüden. Aber wie schon in seinen großen Romanen gelingt es ihm dann doch, wieder Spannung aufzubauen, die fesselt und zum Weiterlesen verleitet.

Ohne Zweifel interessant sind die vielen Bezüge dieses Lebens zu seinen Romanen. So sind die ‚Hundert Jahre Einsamkeit‘ (weltweit rund 400-millionenfach verkauft) gar nicht mehr allein Fiktion, sondern spiegeln vieles aus dem realen Leben des Autors wider. Selbst der Name der Ortes Macondo stellt sich als verlassene Bahnhofsstation heraus.

Gabriel Garcia Marquez

Aber ich habe ja noch 300 weitere Seiten zu lesen. Ich bin gespannt, wie aus dem kleinen Gabito der große Gabo geworden ist.

Alterssex in der Literatur

So langsam komme ja auch ich in die Jahre. Da interessiert man sich für Literatur, die sich um das Thema Alterssex rankt. Zunächst habe ich von Mario Vargas Llosa ‚Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto‚ (wieder-)gelesen. Don Rigoberto ist ja fast noch in meinem Alter. Und er treibt es eigentlich nur mit seiner Frau, wenn ihn die Fantasie (aber eben nur diese) auch ‚mal in andere Gefilde entführen lässt. Da tut es denn höchstens der Sohn es mit der Stiefmutter. Aber Don Rigoberto erweist sich trotz seiner gutbürgerlichen Existenz, dass er eigentlich ein Nonkonformist ist. Menschenansammlung (z.B. in Vereinen) ekeln ihn. Dafür versinkt er in seiner erotischen Kunstsammlung und träumt und treibt es – eben nur mit seiner Ehefrau, dafür aber mit vollem Genuss.

Die ‚Erinnerung an meine traurigen Huren‚ von Gabriel García Márquez ist dagegen eher enttäuschend. Nur dank der Großbuchstaben schafft es das Buch, als Roman ausgegeben, auf gerade einmal 150 Seiten. Und die Geschichte eines 90-jährigen, der sich in ein 15-jähriges Mädchen verliebt, ist nicht sehr überzeugend. Einen solch rüstigen Großvater (bzw. Vater) wünscht man sich. Wäre der Held (ähnlich wie García Márquez) an die 80 Jahre alt, schon würde man dem Ganzen mehr Glauben schenken. Aber so wird man versucht sein, die Liebesgeschichte als reines Wunschdenken eines, wenn auch in Ehren, ergrauten Literaten zu sehen. Aber das Buch hat auch seine kleinen Höhepunkte (sic!), in denen es dem Autor gelingt, die Liebe über alle Körperlichkeit hinaus hochleben zu lassen.

Dem gleichen Jahrgang wie García Márquez gehört auch Martin Walser an (1927). Sein Buch ‚Der Augenblick der Liebe‚ handelt von einem Mittsechziger, der sich unversehens in eine mittzwanziger Studenten verliebt. Beide finden sich über die Auseinandersetzung mit einem französischen Philosophen und lassen in dem Romanhelden ein vergessenes Lebensgefühl wieder auferstehen. Allein der Sprachwitz Walsers (und die genaue Recherche zum philosophischen Ausgangsthema) entschädigen für die dann doch manchmal gestelzten Figuren (aber das ist wohl Absicht, so ironisiert Walser seine beschriebenen Gestalten eben).

Alter Mann trifft auf junge Frau (oder gar Mädchen), da lässt Lolita grüßen! Am Ende irgendwie nichts Neues. Viel Wunschdenken vielleicht, aber wenig wirkliche Auseinandersetzung mit der Liebe und dem Sex im Alter. Und alles dann eben auch nur aus Sicht der Herrenwelt. Ein Buch, das das Thema aus der Sicht einer gealterten Frau darstellt, gibt es (noch) nicht. Wer könnte das auch schreiben? Doris Lessing fällt mir da (aus welchen Gründen auch immer) ein, aber lebt die eigentlich noch? Oder ein Buch, in dem die Liebe und der Sex zwischen zwei gleichaltrigen Alten beschrieben wird. Aber wer interessiert sich schon dafür …