Archiv für den Monat: September 2009

Willkommen bei den Sch’tis

Über 20 Millionen Franzosen haben den Film gesehen: Willkommen bei den Sch’tis (Originaltitel: Bienvenue chez les Ch’tis) ist eine französische Filmkomödie von Dany Boon mit Kad Merad und Dany Boon in den Hauptrollen. Am Samstagabend habe ich den Film nun mit meinem jüngeren Sohn angeschaut. Der Titel des Films spielt auf die nordfranzösische picardische Sprache an, die auch Ch’ti genannt wird. Ihre Sprecher heißen „les Ch’tis“.

Zum Inhalt: Philippe Abrams (Kad Merad) ist Filialleiter einer kleinen Poststelle in der Provence. Aufgrund der Launen seiner Ehefrau Julie (Zoé Félix) bemüht er sich seit einiger Zeit, an die sonnige Cote d´Azur versetzt zu werden, um ihr wankelmütiges Gemüt etwas aufzuheitern. Dank der Bemühungen seines Freundes Jean (Stephane Freiss) gelingt es ihm beinahe, die begehrte Stelle zu ergattern, doch ein Konkurrent erweist sich als behindert und wird daher bevorzugt. Bei der nächsten Bewerbung möchte Philippe nicht erneut leer ausgehen und gibt sich trotz großen Bedenken seitens Jeans als Rollstuhlfahrer aus. Prompt wird er bei einer routinemäßigen Kontrolle der Behörden als skrupelloser Betrüger entlarvt – und in den ungeliebten Norden Frankreichs, in die Region Nord-Pas-de-Calais, strafversetzt. Über die Region und besonders deren angeblich besonders einfältigen Einwohner werden sich im Süden oft wahre Horrorgeschichten erzählt. Insbesondere die primitive Sprache der Nordfranzosen steht häufig im Zentrum der Kritik.

Daher ist eine der Hauptattraktionen des Films der lokale „Ch’ti“-Dialekt, der – beeinflusst vom Flämischen – selbst so manchen muttersprachlichen Franzosen vor erhebliche Verständnisprobleme stellt. Dieses Kauderwelsch angemessen ins Deutsche zu übertragen, war keine leichte Aufgabe, denn die Übersetzung in eine deutsche Mundart (etwa das Schwäbische) hätte schlicht deplatziert gewirkt. Folglich entschloss sich der deutsche Verleih, eine neuartige Kunstsprache zu entwickeln, was sicherlich grandios hätte scheitern können, doch wider Erwarten gelang.

Auch wenn den meisten deutschen Zuschauern die Problematik, auf die sich „Willkommen bei den Sch’tis“ stützt, unbekannt sein dürfte, handelt es sich doch um ein so universelles Thema, dass es sich wohl in jedem Land der Erde nachvollziehen lassen dürfte.


Willkommen bei den Sch’tis (siehe auch den Trailer hierzu)

„Willkommen bei den Sch´tis“ ist eine der besten Komödien der letzten Zeit, die weniger auf Brachialhumor und dafür mehr auf quirlige Charaktere und das clevere Spiel mit hartnäckigen Vorurteilen setzt. Der Film entwickelt eine Verve, ein positives, beschwingtes Lebensgefühl., wie es uns wohl doch nur die Franzosen vermitteln können (siehe auch Die fabelhafte Welt der Amélie). Ein Film zum Wohlfühlen. Ich kann ihn nur wärmstens weiterempfehlen.

Frischer Wind dank echtem „Zehner“

Endlich hat es Joachim Löw, der Fußball-Bundestrainer, gewagt, den jungen Bremer Mesut Özil von Anfang an ins Spiel zu bringen, da belohnt dieser die Zuschauer mit einem ideenreichen Spiel aus dem offensiven Mittelfeld beim gestrigen 2:0-Sieg gegen Südafrika.und knüpft damit an die sehr guten Leistungen der letzten Wochen an. Als echter „Zehner“ (trotz der 22 auf dem Rücken) bestimmte Özil über lange Strecken das Spiel und steckte auch seine Mitspieler an, die zu gekonntem Kombinationsspiel zurückgefunden haben. Beleg hierfür war der mustergültige Pass von Miroslav Klose genau in die Schnittstelle zwischen den beiden gegnerischen Abwehrspielern auf Özil, der im gekonnten Abschluss sein erster Länderspiel machte.

Mesut 'Messi' Özil

Bundestrainer Löw: Mesut (Özil) hat heute gezeigt, dass er viel Kreativität ins Spiel bringt, er hat ein Auge für gut postierte Mitspieler und hat viele gefährliche Situationen eingeleitet. Er ist ein Mann für die Zukunft, muss aber auch noch lernen, etwa in der Rückwärtsbewegung.

Bezogen auf das Qualifikationsspiel zur Fußballweltmeisterschaft gegen Russland in Moskau am 10. Oktober ist diese ‚leichte’ Kritik sicherlich berechtigt. Das Spiel gegen die Russen ist das wichtigste Spiel dieses Jahres. Da muss jeder Spieler alles geben. Mit Özil als Ideengeber und, wenn er in die Spitze geht, auch als Vollstrecker kommt frischer Wind in das zuletzt eher muffige Spiel des deutschen Teams. Michael Ballack über Özil: „Hoffentlich behält er diese Unbekümmertheit, das tut der Mannschaft unheimlich gut.“ Dem SV Werder hat es in den letzten Wochen auf jeden Fall nicht geschadet.

siehe auch zdf.de über Özil und Özil & das Video: Özil und Adler die Gewinner

Eine Nachbetrachtung zum WM-Qualifikationsspiel Georgien – Italien: Zwei Eigentore eines Italien-Legionärs hielten Weltmeister Italien auf WM-Kurs. Ausgerechnet Georgiens Abwehr-Routinier Kachaber Kaladse, seit 2001 in Diensten des AC Mailand, versenkte beim 0:2 gegen die Squadra Azzurra zweimal den Ball im eigenen Tor (57./67.). Dass ich kein großer Fan des italienischen Fußballs bin, werden viele schon gemerkt haben. Ich hasse diese Spielweisen, die nur streng ergebnisorientiert ausgerichtet sind wie das bekannte Catenaccio der Italiener (Spielsystem 5-4-1 bis hin zum 10-0-0). Die zweifachen Eigentore eines Spielers des AC Mailand stinken in meiner Nase auf jeden Fall gewaltig … (siehe Video bei zdf.de)!!!

5 d Berlin – 24 h Berlin

Am Montag fährt der jüngere meiner zwei Söhne für fünf Tage auf Klassenfahrt nach Berlin. Heute sendet Arte das Dokuspezial „24 h Berlin – Ein Tag im Leben“ nach einer Idee von Volker Heise: die längste TV-Produktion in der Geschichte des Fernsehens. 80 Drehteams (u.a. mit Rosa von Praunheim, Romuald Karmakar und Volker Koepp) haben vor genau einen Jahr 24 Stunden in der Hauptstadt gefilmt und zeigen den Alltag der Berliner. Durch ihre innovative Struktur kann die 24-Stunden-Sendung (läuft bereits seit 6 Uhr) jederzeit eingeschaltet werden. Dazu gibt es Live-Blogging, Chats und Infos auf der Arte-Website.

24 h Berlin

Wie man seinen zwitschernden Vogel füttert

Seit einigen Tagen zwitschere ich ja nun auch bei twitter.com. Twitter ist ein soziales Netzwerk und ein meist öffentlich einsehbares Tagebuch im Internet, Mikro-Blog genannt. Angemeldete Benutzer können eigene Textnachrichten mit maximal 140 Zeichen eingeben und anderen Benutzern senden. Diese Textnachrichten kann man direkt am Rechner eingeben oder per Mobiltelefon ‚zusenden’ lassen.

twitter.com/willizblog

Man muss aber nicht alle Textbeiträge selbst schreiben, man kann schreiben lassen. Hierfür lassen sich die RSS-Angebote (so genannte Feeds) von vielen Blogs und größeren Websites nutzen (z.B. RSS bei zdf.de – oder von diesem Blog). RSS ist ein Service auf Webseiten, der, ähnlich einem Nachrichtenticker, die Überschriften mit einem kurzen Textanriss und einen Link zur Originalseite enthält. Technisch gesehen ist RSS eine Familie von XML-basierten Dateiformaten.

Nun muss man nur noch RSS und Twitter zusammenbringen. Hierfür gibt es die verschiedensten Dienste; ich nutze z.B. RSS2Twitter. Man kann sich dort kostenlos anmelden, nennt seinen Twitter-Account und kann nun mit der Fütterung von Twitter (Add Feed) beginnen. Zunächst gibt man die Internet-Adresse des RSS (RSS Feed URL) an, z.B. „http://www.heute.de/ZDFheute/infoservices/rss-feed“ für das RSS-Angebot von zdf.de. Dann nennt man u.a. den eigenen Twitter-Account (man kann mehrere haben) und bestimmt, in welchem Zeitrhythmus der RSS-Dienst aufgerufen (update) werden soll. Und schon wird der eigene Twitter-Vogel mit Nachrichten, Blog-Beiträgen usw. gefüttert.

Weitere Dienste (auch für die Übermittlung von Nachrichten per Mobiltelefon) sind z.B. twitterfeed, tweetdeck, tweetie und seesmic (für iPhones), twitterfox (eine Firefox-Extension) etc. pp. Es gibt also viele Futterstellen.

In der VSphere schweben

Wie bereits berichtet, kommt das neue Windows 7 mit einem “Windows XP-Mode” (XPM) daher, der auch ältere Anwendungen unter Windows 7 zum Laufen bekommen soll. Dahinter verbirgt sich eine Virtuelle Maschine (VM), also eine spezielle Software, die den Programmen ein XP-System vorgaukelt.

Virtualisierung ist in der IT zz. das große Schlagwort. Unter Virtualität versteht man die Eigenschaft einer Sache, nicht in der Form zu existieren, in der sie zu existieren scheint, aber in ihrem Wesen oder ihrer Wirkung einer in dieser Form existierenden Sache zu gleichen. Virtuelle Welten durften inzwischen vielen bekannt geworden sein.

Ein Aspekt der Virtualisierung gründet darauf, Ressourcen wie Festplattenspeicher, Arbeitsspeicher (RAM) und Prozessoren sinnvoll zu nutzen, um u.a. Hardware- und Stromkosten zu senken. Ein weiterer Aspekt ist die Hochverfügbarkeit von Daten.

Virtualisierung

So kann man z.B. Server, die nach außen hin als physischer Server sichtbar sind (also das Blech), derart nutzen, indem in Wirklichkeit auf einem physischen Server gemeinsam mehrere virtuelle Server ausgeführt werden. Um einen physikalischen Server entsprechend zu nutzen, benötigt man allerdings die nötige Software, die u.a. die virtuellen Server verwaltet. Mit Windows Server 2008 Release 2 gibt es z.B. Hyper-V, um eine Virtualisierungsumgebung herzustellen. Oder man nutzt die Software von VMware.

Ein entfernter Gesichtspunkt der Virtualisierung ist das Cloud Computing. Hierbei geht es u.a. darum, Speicher und Software nicht mehr den Anwender selbst bereitstellen zu lassen, sondern über einen oder mehrere Anbieter zu beziehen. Die Anwendungen und Daten befinden sich nicht mehr auf dem lokalen Rechner oder im Firmenrechenzentrum, sondern – metaphorisch gesprochen – in einer Wolke (Cloud) – eine Verfügbarkeit besteht gewissermaßen virtuell. VMware vSphere ist das erste Cloud-Betriebssystem, das IT-Ressourcen in einer sogenannten privaten Cloud bündelt. Man schwebt gewissermaßen in der VSphere auf Wolke sieben.

siehe hierzu Stichwort Green IT

Der Witzableiter (11): Das komische Ende von der Wende

Fortsetzung von: (10): Warum denn auf die Spitze gehen?

Mancher Witz erhält seine Wirkung durch eine Wendung zum Schlimmen am Schluss. In seiner Kolumne „Der Witzableiter“, die 1984 im ZEITmagazin erschien, beschreibt Eike Christian Hirsch die Mechanismen solcher Witze – und erklärt, warum wir so schnell darauf reagieren.

Manche Geschichten sind offenbar erst zuende, wenn sie die schlimmste Wende genommen haben. Friseur zum Lehrling: „Warum hast du so dreckige Hände?“ „Es war heute noch keiner zum Haarewaschen da.“ Die Technik ist beneidenswert schlicht. Man nehme eine peinliche Situation und überbiete sie noch ein wenig. An Wirkung wird es nicht fehlen. Familie Haas hat an eine Studentin vermietet. „Mutti“, ruft Tobias, „bei der Studentin liegt ein fremder Mann im Bett!“ Die Mutter legt die Zeitung weg, als Tobias auch schon Entwarnung gibt: „Gar nicht wahr, ist ja nur Vati!“

Nehmen wir an, der Bub war unschuldig. Man kann das Ganze natürlich auch sauber inszenieren, etwa so: „Ein Hochzeitsgast macht sich an den Bräutigam heran. „Entschuldigen Sie, haben Sie Aktaufnahmen von Ihrer Frau?“ Der Bräutigam stammelt: „Nein, natürlich nicht!“ Darauf der Gast hilfsbreit: „Wollen Sie welche?“

Hochzeiten sind gewiß ein heißes Pflaster für solche Begebenheiten. Gleich noch ein Beispiel: In der Hochzeitsnacht sagt sie leise: „Ich muß dir etwas beichten, ich war schon mal mit einem Mann zusammen …“ Da gesteht er: „Ich auch.“ Die Technik ist so einfach, daß wir zum ersten Mal das Gefühl haben können, ein Rezept in der Hand zu haben, um selbst Witze zu erfinden. Wenn die Sache so anfängt: Der Schauspieler steht betrunken auf der Bühne und weiß seinen Text nicht mehr. Verzweifelt versucht ihm die Souffleuse das nötige Stichwort zu geben … Wie könnte das weitergehen? Mit einer kleinen Verschlimmerung etwa so: Da lallt der Mime: „K-keine Ein-zzelheiten! Wie heißt das Stück?“

Die Technik ist allerdings noch etwas komplizierter. Die schlimme Wendung zum Schluß wird gewöhnlich eingeleitet von einer scheinbaren Besserung. So sagt der Schauspieler zuerst recht sicher: „Keine Einzelheiten!“ als sei er noch Herr der Lage. Der Sohn der Vermieter beruhigt seine Mutter mit „Gar nicht wahr …“ und der Lehrling brachte die Verschlimmerung wie eine Entschuldigung vor. Erst durch dieses Hakenschlagen wird die Erzählung komisch. In der Konditorei beißt der Gast in den Christstollen. Vergebens. „Der ist ja hart wie Marmor!“ ruft er. „Ich tausche Ihnen den Stollen gern in Apfelkuchen um“, sagt der Ober. „Aber ich habe den Stollen doch schon angebissen.“ „Das macht nichts, wir haben auch angebissenen Apfelkuchen da.“

Witzableiter (11)

Vor einer Woche haben wir uns den Verstehensprozeß des Witzes angesehen und festgestellt, da findet eine Rückkopplung statt. Dem scheint die Beobachtung zu widersprechen, daß wir einen Witz immer sehr schnell verstehen. So plötzlich wie die folgende Entgegnung kommt auch unser Verstehen: „Hast du etwas zum Chef gesagt, daß ich ein Idiot bin?“ „Nein, er wusste es bereits.“ Diese Antwort, die doch keineswegs trivial gedacht ist, verstehen wir auf Anhieb. Wie kommt das?

Ich glaube, wir reagieren reflexhaft, wie in wirklicher Gefahr. Und es ist auch eine Gefahr, wenn man sich, vom Witz verwirrt, nicht mehr orientieren kann. Der Kommunikationsforscher Paul Watzlawick sagt, eine solche Konfusion erschrecke uns. „Im Bruchteil einer Sekunde und ohne zu überlegen, können wir komplizierte. lebensrettende Entscheidungen treffen.“ Auch wenn es im Witz nicht um lebensbedrohende Dinge geht – eine unerwartete Konfusion schreckt uns auch hier und läßt uns augenblicklich reagieren. Danach erst setzt die Rückkopplung ein wie eine Rückversicherung.

Hein fährt seit Monaten zur See. Immer allein unter Männern, nur die Arbeit und das Wasser. Kurz vor der Heimfahrt telefoniert er mit seiner Braut: „Wenn wir anlegen, dann stehst du am besten mit einer Matratze auf dem Rücken am Kai“, sagt Hein. „Okay“, flüstert sie, „aber mach ja, daß du als erster von Bord kommst.“

Daß wir einen Witz blitzartig schnell verstehen, ist wohl eine absolute Notwendigkeit. Der Mensch ist darauf angewiesen, „eine Ordnung im Lauf der Dinge zu sehen“ (Watzlawick). Und umgekehrt muß ein Witz wohl so schnell wirken, daß wir gar nicht erst Gelegenheit haben, uns gegen ihn zu wehren. Der Witz ist die Textsorte mit der schnellsten Kommunikation überhaupt. Das zeichnet ihn aus. Sie sagt zu ihrem Mann: „Es muß für eine Frau schrecklich sein, wenn sie merkt, daß sie alt wird.“ Antwortet er: „Viel schrecklicher ist es, wenn sie es nicht merkt.“ Wenigstens im Witz merkt man immer alles gleich.

Zum Schluß trägt die Überbietung uns ganz aus dieser Wirklichkeit heraus – als Vorgeschmack auf die Witze, die ich ihnen das nächste Mal ausführlich vorstellen will. Zwei Mäuse haben einen Elefanten gefangen und wollen ihn verspeisen. Sagt die eine: „Eigentlich ist ein Elefant für uns zu wenig, paß auf ihn auf, ich fange noch einen zweiten.“ Die Maus zieht also los und kommt bald mit neuer Beute zurück, findet die andere Maus aber allein und hört sie schluchzen: „Ich kann nichts dafür, der Elefant ist mir ausgerissen.“ „Lüg doch nicht“, faucht die erste Maus, „du kaust ja noch!“

Eike Christian Hirsch – Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)
aus: ZEITmagazin – Nr. 38/1984

[Fortsetzung folgt]