„O’zapft is“!

Eigentlich müssten es die Bayern wissen: Zur Wies’n-Zeit gibt es für den FC Bayern München zu Hause öfter einmal paar Watsch’n:


FC Bayern München: Die Wies’n Pleiten 1966 – 2000

Gestern nun erlebten die Bayern gegen den SV Werder Bremen ihr Werderloo, wie ich irgendwo durchaus treffend las. Oder O’zapft is: Werder schenkt den Bayern ordentlich ein.

Dabei konnte man nach dem ersten Spieltag in der Champions League unter der Woche nach Werders magerem 0:0 gegen Anorthosis Famagusta zu Hause mit dieser Leistungssteigerung kaum rechnen.

Ein Sieg gegen die Bayern ist immer etwas Besonderes. Ob nun zur Oktoberfestzeit oder auch sonst. Da kann man für Werder nur hoffen, dass es auch gegen Mannschaften wie am Dienstag im DFB-Pokal gegen den FC Erzgebirge Aue und dann am kommenden Wochenende gegen die TSG Hoffenheim erfolgreich weitergeht.

Bilderserie bei zdf.de – FC Bayern: Die rot-weiße Ratlosigkeit

„Listen to the song here in my heart…“

Kretakatze schrieb am 14.09.2008:

Meine lieben Freunde,

ich muss Euch ein Geständnis machen: Manchmal lese ich tagelang Eure Mails nicht, einfach, weil ich gerade mit einem bestimmten Thema beschäftigt bin und dabei nicht abgelenkt oder von außen beeinflußt werden möchte. So war es auch mit Wilfried’s Mails von letzter Woche – ich habe sie beide erst jetzt gerade angeschaut. Deshalb ist vielleicht nicht mehr alles so aktuell und passend, was ich weiter unten schreibe – sei’s drum.

Zuerst einmal war ich völlig überrascht von Wilfied’s Reaktion auf meine letzten beiden Mails. Mit Zustimmung oder Lob hatte ich bestimmt als letztes gerechnet. Auf jeden Fall: Vielen Dank für Deine lobenden und aufmunternden Worte und Deinen ausführlichen Kommentar betreffend meine musikalischen Darbietungen. Dieses „If I can play ist, everybody can“ meine ich übrigens durchaus ernst. Natürlich muss man üben, das musste ich auch. Aber nichts, was ich auf der Gitarre spiele, ist so schwierig, dass es nicht Jeder mit fünf Fingern nach ein bißchen Übung auch hinbekommen könnte. Wirklich nicht!

Dann hat mich natürlich auch besonders gefreut, dass die Musik des Herrn Pascalidis gefallen konnte. Nach meinen letztjährigen Erfahrungen mit dem Versuch Euch griechische Musik näher zu bringen, hatte ich damit eher nicht gerechnet. Viele seiner Lieder klingen zwar nicht direkt nach griechischer Musik, aber da bleibt immernoch die Sprache. Und mit der hatte ja zumindest Lockwood so seine Probleme. Es ist ja auch irgendwo ein Handikap, wenn man den Text nicht versteht und nicht mitsingen kann.

Dabei hat Herr Pascalidis wahrscheinlich so ziemlich das umfangreichste musikalische Spektrum, das ich bei einem Musiker kenne. Es reicht vom traditionellen kretischen Volkslied (z.B. Kantada – Übersetzung nicht nötig) bis zum amerikanischen Rock-Song – etwa Hotel California oder Losing My Religion. Und er schafft es noch Lieder dieser verschiedenen Stilrichtungen medley-artig nahtlos ineinander übergehen zu lassen. Den Vergleich mit Hannes Wader konnte ich da nicht ganz nachvollziehen, unter anderem auch, weil ich Herrn Pascalidis für einen der besten Sänger überhaupt halte. Da spielt Herr Wader wohl doch in einer anderen Klasse. Aber mehr dazu eher ein andermal.

Deine Probleme mit dem 7/8 Takt kann ich gut nachvollziehen, lieber Wilfried, auch ich habe damit eine Weile gekämpft. Aber wenn man den Dreh mal raus hat, ist es ganz einfach, und „Paramithi…“ (hier eine live-Version, leider mit miserablem Sound) ist inzwischen eines meiner liebsten Lieder für „easy playing“ auf der Gitarre. Vielleicht schaffe ich es ja heute noch, meine Version davon auf YouTube hochzuladen (eigentlich wollte ich garnichts mehr auf YouTube stellen…). Ich hoffe damit kann ich dann alle Deine 7/8-Probleme zerstreuen.

So, genug dazu für den Moment, sonst werde ich heute überhaupt nicht mehr fertig… Und nun zu dem, was ich eigentlich schreiben wollte:

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Unser Gedankenaustausch zum Thema Musik scheint mir inzwischen zum Erliegen gekommen zu sein. Das ist auch irgendwie verständlich, es gibt wichtigere Dinge und der eine oder andere von uns hat zurzeit wohl auch einfach andere Probleme. Tatsache ist, dass mich dieses Thema immernoch umtreibt, und also habe ich einmal wieder ein paar Gedanken dazu aufgeschrieben. Und da ich nicht wüßte, wen ich sonst damit belästigen sollte, da schicke ich meine Aufschriebe eben an Euch. Macht damit was Ihr wollt…

Zuletzt ging es in unserer Diskussion um Qualität und Geschmack, besonders den „Geschmack der breiten Massen“ und den „Geschmack, den man haben sollte“. Soweit ich mich erinnere wurden diese beiden „Geschmäcker“ als Gegensätze gehandelt. Tatsächlich bin ich in letzter Zeit zu der Erkenntnis gelangt, dass der „Geschmack der breiten Massen“ sich in weiten Bereichen mit dem meinigen deckt – das ist sicher kein gutes Zeichen. Jedenfalls hat es mich dazu veranlasst, mich mit dem „Geschmack der breiten Massen“ etwas näher zu beschäftigen.

Um zu erkennen, ob eine bestimmte Musik oder ein bestimmter Musiker (vorzugsweise Sänger) den Geschmack der breiten Massen trifft, muss sie oder er den breiten Massen erst einmal bekannt werden. Diesbezügliche Vorhersagen von „Experten“ haben sich in der Vergangenheit immer wieder als Trugschluss erwiesen. Dazu einmal wieder eine Geschichte, und es ist – für mich nicht ganz untypisch – die Geschichte eines jungen Mannes. Ich höre Euch schon aufschreien „Nein, nicht schon wieder!“ – aber darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen.

Er war Sänger und Gitarrist einer Band mit Namen Axium. Diese veröffentlichte immerhin 2 Alben unter ihrem eigenen Label, irgendwo im amerikanischen Mittelwesten. Der Musikstil war traditioneller Rock bis Hard Rock, solide gemacht aber ohne irgendwelchen Hit- oder Ohrwurm-Charakter. Die Band blieb weitgehend unbekannt. Nach der College-Zeit brach sie auseinander – man musste Geld verdienen. Der junge Mann verdingte sich als Barkeeper und musizierte weiter, eine Solo-Scheibe wurde produziert. Der Durchbruch ließ auf sich warten…

Das Erste, was ich von ihm zu sehen und zu hören bekam war dieses Video. „Wow“, dachte ich, „das klingt aber gut! Das ist genau der Sound, den ich hören möchte, und genau so muss das gesungen werden! Da sitzt jeder Ton.“ Natürlich habt Ihr sofort erkannt: Das ist der alte Free-Klassiker „All Right Now“, und es handelt sich schon wieder um American Idol. Aber es ist einfach so, dass dieser Show-Wettbewerb dieser Tage die wohl wichtigste Plattform ist, auf der getestet wird, was bei den breiten Massen ankommt. Und da kann man immer noch so diese oder jene Überraschung erleben.

David Cook, so sein Name, hatte eigentlich garnicht vorgehabt sich bei American Idol zu bewerben. Er war der Meinung, er schafft das auch allein. Aber sein jüngerer Bruder wollte vorsingen, also hatte er ihn zur Audition begleitet. Und da er nun schon mal dort war, war es nahelegend, dann doch auch einmal vorzusingen. Seinen Bruder wollten sie nicht haben, aber er wurde zu Simon und Co. durchgewinkt. Sein Auftritt vor dieser Jury drängt nicht unbedingt die Vermutung auf, hier einen künftigen Star vor sich zu haben. Sein Pullover sieht aus als hätte er ihn von Clay Aiken geliehen – der war zu seiner ersten (erfolglosen) Audition im selben Design erschienen – und seine Punkrock Stehhaar-Frisur wirkt nicht direkt Millionen-tauglich. Aber auch Mr. Cook sollte sich noch als anpassungs- und lernfähig erweisen.

Meiner Meinung nach gibt es eine ganze Reihe sehens- und hörenswerter Auftritte des Mr. Cook bei American Idol, aber auf die möchte ich eher in einem anderen Zusammenhang zurückkommen. Das soll ja hier alles nur die Einleitung sein. Jetzt nur noch einmal sein Auftritt in der Runde der letzten 20 in voller Länge mit Vorfilm und Kommentaren der Jury: All Right Now. Ich denke den Song kann man gut auch zweimal hören. Bereits in dieser frühen Phase des Wettbewerbs wagt es Mr. Cook sich mit Mr. Cowell anzulegen: Er lässt ihn nicht ausreden und gibt Ihm zu verstehen, dass er dessen Meinung bezüglich seines „Word-Nerd“-Filmchens und seines mangelnden Charisma für nachrangig hält. Er hat den Applaus und die Lacher auf seiner Seite. Simon Cowell reagiert mimosenhaft empfindlich, und seine seltsam übertriebene und unpassende Gestik offenbart, dass er tatsächlich gekränkt und irritiert ist.

Außerdem muß Mr. Cowell hier wohl einmal wieder Tomaten auf den Augen und Kartoffeln in den Ohren gehabt haben. Es war im Übrigen das letzte Mal, dass er David Cook so abfällig kritisiert hat. Jedenfalls – trotz langweiliger Kreuzworträtsel und charismatischer Mängel kam Mr. Cook weiter und bewies im Verlauf des Wettbewerbs, dass er nicht nur rocken kann, er kann (wenn es sein muss) auch sülzen ohne kitschig zu wirken: First Time Ever I Saw Your Face. Dieses Lied hat mir noch nie besonders gefallen, und es gibt grauenvolle Versionen – selbst Elvis Presley und Johnny Cash haben sich daran versucht. Zuletzt haben Celine Dion und (praktisch als Kopie) Leona Lewis Covers produziert, die so langsam und quälend sind, dass ich bei jedem Ton auf die Uhr geschaut und mich gefragt habe, wie lange es wohl noch dauert bis der nächste kommt – mehr als drei Töne habe ich nicht ertragen. Die Version von David Cook ist die einzige, die mir gefällt.

Wie auch immer, schließlich kam es soweit, dass sich David Cook im Finale wiederfand, zusammen mit seinem hoch favorisierten Konkurrenten David Archuleta. Das Duell der beiden Davids, der „ungewaschen wirkende“, „arrogante“ (O-Ton einiger seiner Kritiker) Rocker gegen den herzigen 17-jährigen Jungen mit der schönen Stimme, der lauter nette Lieder gesungen hatte. Noch während die Telefonleitungen unter dem Ansturm der Anrufer heißliefen, prophezeite Mr. Cowell in einer Talkshow den Sieg von David Archuleta, denn „alle Teenies und alle Omis werden für ihn stimmen“. Das war eine Beleidigung der Teenies und erst recht der Omis (zu denen ich mich altersmäßig auch schon fast zähle), und das wollten die wohl nicht auf sich sitzen lassen. Zusammen mit den Opis und allen Altersgruppen dazwischen griffen sie zum Telefon und wählten sich die Finger wund – es gab einen neuen Rekord von über 97 Mio. Anrufen innerhalb von 4 Stunden. Der Gewinner mit 12 Mio. Stimmen Vorsprung wurde David Cook. Das bedeutet im Klartext: Für den Rocker wurden fast 56 Mio. Stimmen abgegeben. Soweit mein erstes Kapitel zum Thema „Geschmack der breiten Massen“.

Wie wir ja auch bereits wissen, ist American Idol nicht die einzige Talent-Show, es gibt zahlreiche „Konkurrenzprodukte“ anderer Fernsehsender, Talent-Shows sind zurzeit ein Renner auf dem Markt. Da ist z.B. noch „America’s got talent“, und in dieser Show erschien im Jahr 2006 ein 11-jähriges pausbäckiges Mädchen auf der Bühne und verkündete, sie singt jetzt And I am Telling You (I’m Not Going). Ich vermute ich habe mir schon bei den ersten paar Tönen ungläubig die Ohren gerieben – man kann sich einfach nicht vorstellen, dass diese Stimme aus diesem Kind kommt. Sie wirkt wie ein Medium für jemanden, der mindestens doppelt bis dreimal so alt ist.

Bianca Ryan hat diesen Wettbewerb gewonnen und war anschließend im Jahr 2006 in allen Fernsehshows und in aller Munde. Ihre erste Platte, Ende 2006 veröffentlicht, kam aber in den Charts nur bis auf Platz 57, und ich habe den Eindruck es ist ziemlich still um sie geworden. So ein Überraschungseffekt funktioniert halt nur einmal. Und auf der Platte hört man nur die Stimme, man sieht nicht das Kind dazu, und damit ist der größte Teil vom Witz weg. Meiner Meinung nach (soweit ich das anhand von Videos beurteilen kann) konnte Bianca auch bei Live-Auftritten nicht immer überzeugen, so gut wie bei ihrem ersten Auftritt war sie nie wieder, wenn sie auch bestimmt singen kann. Dazu kommt: Auch sie wird immer älter und damit weniger sensationell, andere Nachwuchstalente rücken nach und haben sie schon überholt, wie wir gleich sehen werden. Hier wurde eine Eintagsfliege produziert, die zumindest vorläufig keine eigenen musikalischen Akzente setzen kann und deshalb wieder in der Masse untergeht.

Neben den Talentshows wird aber auch zunehmend ein anders Medium zur Plattform für die Verbreitung von Musik: Das Internet und hier speziell YouTube. Die (soweit ich das beurteilen kann) erste Sängerin, die über das Internet weltweite Bekanntheit erlangte, stammt aus dem fernen Osten, genauer gesagt von den Philippinen. Auch sie begann ihre Karriere als Kind in Talentshows. Aber wie hätte vor World Wide Web und YouTube die Welt davon erfahren, wenn auf den Philippinen ein Kind singt? Übrigens, wenn auf den Philippinen ein Kind singt, dann klingt das so: To Love You More (nur ein kurzer Ausschnitt).

Ich muss zugeben, dass derartige Bilder ein ungutes Gefühl in mir hinterlassen. Ich halte nichts davon 9-Jährige aufzuputzen wie eine Prinzessin und sie singen zu lassen „I want to love you more…“. Was fängt ein Kind mit diesem Text an? Aber vielleicht ist das auch nicht so wichtig. Charice scheint es zum Glück nichts geschadet zu haben. Diese Talentshow hat sie jedenfalls gewonnen, aber damit war sie noch lange kein Star. Auf den Philippinen ist die Konkurrenz hart und der Markt für Kinderstars scheint begrenzt. Weitere Talentshows folgten, die letzte im Jahr 2006, bei der sie „nur“ Zweite wurde.

Oftmals gilt der Prophet eben nichts im eigenen Land. Aber ein Unbekannter wurde auf sie aufmerksam und stellte Videos von ihren Auftritten ins Internet. Darüber stolperte man wohl in Korea, im Frühjahr 2007 wurde sie als Gast in eine koreanische Talentshow eingeladen. Ein Video ihres atemberaubenden Auftritts dort wurde auf YouTube gestellt und sollte Karriere machen. Die inzwischen 14-Jährige singt das Lied für kleine Mädchen in kurzen Röckchen, das wir schon kennen: Charice – And I am Telling You (I’m Not Going).

Dieses Video fiel auch in Amerika auf. Im Dezember 2007 erhielt Charice eine Einladung in eine der populärsten amerikanischen Fernsehshows, danach ging alles ganz schnell. Sie wurde in den USA von Show zu Show herumgereicht, und auch auf den Philippinen war sie plötzlich ein vielgefragter „Internationaler Star“. Der bekannte und einflussreiche amerikanische Produzent David Foster kümmerte sich persönlich um ihr erstes Album, es wurde im Frühjahr veröffentlicht. Und einer der zahlreichen Höhepunkte ihrer kometenhaften Karriere der letzten Monate war ihr herzergreifender Auftritt bei Oprah Winfrey im Mai: Charice – I Have Nothing.

Jetzt ist man in den USA dabei eine neue Diva aus ihr zu machen, die nächste Whitney Houston, Mariah Carey und Celine Dion in einem. Zur Anschauung noch eine Version von I Have Nothing. Wie kann man nur dieses Kind, das beim Singen üblicherweise um sich schlägt und tritt, statisch hinter einen Mikrophonständer stellen? Wer braucht denn eine neue Diva, es gibt doch schon so viele? Und es ist eben gerade der Charme von Charice, dass sie keine Diva ist. Aber das werden die Show-Produzenten hoffentlich auch noch kapieren. Und Gott sei Dank lässt sich Charice auch durch Mikrophonständer, künstlich drapierte Frisuren und unpassende Kleidchen nicht vom Singen abhalten.

Jetzt liegt es natürlich nahe Charice mit Bianca Ryan zu vergleichen, und das ist auch bereits ausgiebig getan worden. Wird die Erfolgskurve von Charice genauso verlaufen wie die von Bianca, deren erstes und bislang einziges Album übrigens auch von David Foster produziert wurde? Ich sage nein, denn Charice hat ganz andere Voraussetzungen. Da ist zunächst die Tatsache, dass sie einfach konstant deutlich besser singt und Stimmakrobatik beherrscht, bei der Bianca nicht mithalten kann. Dazu kommt ihr spektakulärer Vortragsstil – sie explodiert förmlich auf der Bühne, da sitzt man nur noch mit offenem Mund da und staunt (ich jedenfalls). Und die Faszination, die davon ausgeht, hat nicht in erster Linie mit ihrem Alter zu tun.

Ein weiterer wichtiger Vorteil ist der exotische Charme ihres asiatischen Aussehens. Es gibt bislang keinen asiatischen oder asiatisch aussehenden Weltstar – gab es überhaupt schon einmal einen? Hier klafft eine riesige Marktlücke, und Charice kommt gerade recht sie auszufüllen, sie könnte die Stimme und das Gesicht Asiens werden. Eigentlich sieht sie nicht direkt philippinisch aus (eher überhaupt nicht), man könnte sie genauso gut für eine Chinesin, Japanerin, Koreanerin, Vietnamesin oder Thailänderin halten, selbst unter den amerikanischen Indianern und Indios gibt es Gesichter wie ihrs – bis hin zu den Eskimos. Eigentlich könnte sich bald die halbe Weltbevölkerung mit ihr identifizieren, vor allem die Hälfte der Welt, die bisher immer hinter den Amerikanern und Europäern zurückstehen musste. Ob diese das wirklich tun würden, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber zumindest könnte Charice für die Amerikaner (und vielleicht auch die Europäer) diese Hälfte der Weltbevölkerung (musikalisch) repräsentieren. (Wir können doch all diese Chinesen und Japaner sowieso nicht auseinander halten – oder?)

Nach all diesen geistigen Höhenflügen betreffend die rosigen Aussichten auf ihre glänzende Karriere, zurück auf den Boden der gegenwärtigen Tatsachen und zu meinem Lieblings-Video von Charice: Alone. Es zeigt ein Kind, das im Familienkreise vor dem Weihnachtsbaum mal gerade eben noch bei laufender Camera ein Lied ins Mikrophon singt, während ringsherum der Tisch gedeckt wird. Man hat den Eindruck, singen ist für sie bereits so selbstverständlich wie reden oder atmen, es ist ein inneres Bedürfnis und eine Freude, etwas, von dem sie sich durch nichts abbringen lassen würde. Dieses Video hat mich dazu veranlasst darüber nachzudenken, was eigentlich „Singen“ ist.

Musik ganz allgemein ist Ausdruck von Emotionen, das ist nichts Neues. Singen ist wohl die persönlichste Art und Weise, Musik zu machen, denn der Ton kommt direkt aus dem eigenen Innersten, hier werden Gefühle praktisch unmittelbar in Klänge umgesetzt. Dazu hat ein Lied üblicherweise einen Text, das heißt man kann den Klängen gleichzeitig durch Worte eine Bedeutung verleihen, oder auch umgekehrt, die Worte werden in ihrer Bedeutung durch den Ton unterstrichen.

Meist ist Singen ein Mittel, Gefühle oder Bedürfnisse auszudrücken, die man im „normalen“ Leben nicht oder nicht in ausreichendem Maße ausdrücken oder ausleben kann. Welche Freude für ein Kind, das mit dem Fuß aufstampfen und schreien (oder singen) kann „No, no, no, no, I’m not going…“, und das dafür nicht eins hinter die Ohren, sondern Beifall bekommt. Wenn Charice singt „Don’t you dare to walk away from me“ und dabei drohend die Faust schüttelt, könnte man fast Angst vor ihr bekommen. Kaum ist der letzte Ton des Lieds verklungen, ist sie einfach wieder ein liebes und sanftmütiges Mädchen, nie würde sie sich im „richtigen“ Leben so benehmen. Aber all diese Aggressivität steckt in ihr, und Singen ist ihre Weise, diese Seite ihrer Persönlichkeit auszuleben. Wir kennen das ja bereits von Meister Anderson.

Unter diesem Gesichtspunkt habe ich eine kleine Auswahl Videos zusammengestellt zum Thema „Der singende Mensch“. Von welchen Emotionen sind die Sänger angetrieben? Zuerst noch einmal Charice – Listen. „Listen to the song here in my heart…“, die erste Zeile dieses Liedes könnte gut die Überschrift zu diesem Kapitel sein. Letztendlich möchte doch fast jeder, der singt, auch gehört werden, er möchte sich und seine Gefühle mitteilen. Und wenn man singt ist die Wahscheinlichkeit ziemlich hoch, dass tatsächlich jemand zuhört – höher jedenfalls, als wenn man nur sprechen würde.

Das nächste Video hatten wir schon einmal, aber es darf in dieser Sammlung nicht fehlen: k.d. lang – Helpless. Und noch eine Lady: Sarah McLachlan – Angel. Mrs. McLachlan ist im Gegensatz zu den anderen Damen durch das Instrument in der Gestik stark eingeschränkt. Sie gleicht das durch intensive Mimik und deutliche Akzentuierung im Gesang aus. Trotzdem bekommt sie jetzt von mir noch eine zweite Chance ohne Klavier Sarah McLachlan – Possession.

Jetzt zu den Herren: Ian Anderson – Whole Lotta Brick (ja, ich weiß, den kennt Ihr schon…). Ganz anders: Cat Stevens – Into White und Miltos Pascalidis – Sou tilefono (Übersetzung hier wohl überflüssig). Und wirklich nicht nur um Euch zu ärgern: Clay Aiken – Measure Of A Man.

Was mir an diesen Aufnahmen aufgefallen ist: Abgesehen von Herrn Anderson, der natürlich wie immer aus dem Rahmen fällt, haben die Herren beim Singen mindestens die halbe Zeit die Augen geschlossen, sie wirken mehr oder minder in sich selbst versunken, während die Damen gestenreich mit dem Publikum zu sprechen scheinen. Habe ich vielleicht nur einfach mal wieder die falschen Männer ausgesucht? (Das passiert mir ständig…). Aber wenn man bedenkt, dass beim Singen hauptsächlich die Emotionen artikuliert werden, die im alltäglichen Leben zu kurz kommen, dann kommt es ja vielleicht doch nicht von ungefähr, wenn – überspitzt ausgedrückt – die Frauen sich hier alle austoben während die Männer eher „in sich gehen“.

Zum krönenden Abschluss jetzt noch zwei Beispiele die zeigen, wie ein Lied auf den Sänger zurückwirken kann. Zuerst Melanie – Tuning My Guitar… nicht gerade ihr bekanntestes Stück und auch nicht das eingängigste, aber ein bemerkenswerter Text und eine bemerkenswerte Performance. Am Anfang lächelt sie noch in der Erinnerung bei den Worten „I still haven’t forgotten I did it just for fun“, aber am Ende des Liedes kommt die ganze Wut in ihr hoch auf die Leute, von denen sie da singt – „Who do you think you are?!“ – und als das Lied vorbei ist, da scheint sie immernoch wütend.

Ich beende meinen heutigen Vortrag so, wie ich ihn begonnen habe: Mit David Cook – The World I Know. Das Lied hatte er eigentlich von Anfang an singen wollen, es ist das Lied für seinen krebskranken Bruder, aber immer hat man ihm davon abgeraten – es ist zu schwach, das bringt keine Stimmen. Jetzt steht er im Finale und es ist das letzte Lied, das er zu singen hat, das Lied, das der Knaller sein muss, der alle davon überzeugt, dass er das nächste American Idol ist. Und jetzt singt er es, allen guten Ratschlägen zum Trotz. Zum Einen vielleicht, weil er sowieso keine Chance hat, alle Experten haben vorhergesagt, dass David Archuleta gewinnen wird, also ist es sowieso gleich, was er singt. Vor allem aber, weil er dieses Lied einfach noch singen MUSS. Bei seinem (vermeintlich) letzten Auftritt auf der Bühne von American Idol singt er dieses Lied nur für sich und seinen Bruder, und danach ist er von dem, was es für ihn bedeutet, so überwältigt, dass die vorletzte Textzeile des Lieds Wirklichkeit wird – „…the tears roll down…“.

Mr. Cowell lag natürlich einmal wieder völlig daneben, es war das exakt richtige Lied im exakt richtigen Moment. Tatsächlich ist die Reaktion von Paula Abdul meist der beste Indikator dafür, wie die „breiten Massen“ reagieren werden. Ich denke es war nicht zuletzt dieser Auftritt, der die letzten Unentschlossenen noch dazu bewegt hat zum Telefon zu greifen und für ihn zu stimmen.

Damit wäre ich für heute am Ende angelangt, ich hoffe ich habe Euch nicht zu sehr ermüdet. Vielleicht habt Ihr ja jetzt auch Lust bekommen ein bißchen zu singen…???

Viel Spaß und haltet die Ohren steif
Kretakatze

PS.: Nur noch ein kurzer Epilog zu David Cook und unseren „modernen (Musik-)Zeiten“: 2 Wochen nach seinem Gewinn von American Idol war er mit 11 Titeln gleichzeitig in den Billboard Hot 100 Charts vertreten – ein Rekord, der bislang nur von den Beatles überboten wurde (vermutlich irgendwann so vor ca. 40 Jahren). Es dürfte das erste Mal gewesen sein, dass ein Musiker, von dem es noch nicht eine einzige Platte zu kaufen gibt, die Charts beherrscht. Aber heutzutage läuft das eben alles ein bißchen anders. Sofort nach seinem Titelgewinn muss man Mr. Cook ins Studio gezerrt haben, innerhalb weniger Tage wurden praktisch alle Songs, die er bei AI gespielt hatte, in voller Länge als Studio-Version aufgenommen und auf iTunes gestellt – wir leben in rasanten Zeiten.

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Wilfried schrieb am 18.09.2008:

Hallo, meine Freunde,

Kretakatze hat uns einmal wieder sehr ausführlich zum Thema Musik, zur Diskussion Qualität und Geschmack, berichtet und dabei den „Geschmack der breiten Massen“ unter die Lupe genommen. Fast zwangsläufig ist sie dabei wieder bei American Idol gelandet und bei einem Herrn David Cook, dem Gewinner dieses Contestes. Nebenbei, nebenbei ist gut, offeriert sie uns zwei junge Mädels, die für ihr Alter zweifellos über ungewöhnliche Stimmen verfügen.

Es ist nicht so, dass ich mich dem Geschmack der breiten Masse völlig verweigere. Aber weder die beiden jungen Mädchen noch Herr Cook können mich begeistern. Ich bezweifle nicht deren Gesangskunst, die ist wirklich beeindruckend. Aber das ist alles nicht mein DING.

Ob nun David Cooks Interpretation des Free-Titels „All Right Now“ besser ist als das Original, möchte ich bereits bezweifeln. David Cook mag besser singen, aber das Original ist für mich das, was ich an anderer Stelle bereits als authentisch bezeichnet habe, es ist also authentischer als das von Herrn Cook.

David Cook ist wie jene Biancas und Charices ein Interpret, ein Nachsänger, ein Sänger, der sich an Fremdtiteln wagt. Wenn er das tut und sich dabei möglichst am Original hält, dann erzeugt er lediglich eine Kopie, die nichts wirklich Neues bewirkt. Wagt er dagegen eine Eigeninterpretation, d.h. versucht er, einen allgemein bekannten Titel auf eigene Weise nachzusingen, dann schafft er auch etwas Neues. Genau hier frage ich mich dann, ist dieses Neue wirklich so neu, so viel anders und vielleicht außer- oder ungewöhnlicher als das Original. Bei Herrn Cook muss ich sagen: nein. Ich stelle hier nicht sein Können in Frage. Ich erwarte nur etwas wirklich Neues. Und genau das bietet er mir nicht. Wenn es dann auch noch Lieder sind (die er außerhalb des Wettbewerbs gar nicht singen würde), die mir nicht sonderlich gefallen, dann ist der Mann für mich abgehakt.

Das mit dem letzten Lied für seinen krebskranken Bruder, die vergossenen Tränen (ich will hier dem David Cook nichts unterstellen), das hat natürlich schon etwas ‚Werbewirksames’ und wird nach meiner Meinung das Zuschauervotum nicht unbeeinflusst gelassen haben. Aber hat das EIGENTLICH etwas mit der Musik zu tun?

Überhaupt die Frage nach der ‚Werbewirksamkeit’. Die beiden genannten jungen Mädchen sind sicherlich das, was man Wunderkinder zu nennen pflegt. Man hält so etwas nicht für möglich: solche Stimmen aus solchen kindlichen Körpern. Und damit rückt dieser optische Aspekt in den Vordergrund. Es geht nicht mehr allein um eine ungewöhnliche Stimme, sondern um diese wunderliche Mischung aus Stimme und Kindsein.

Von dem einen Mädchen schreibt Kretakatze: „ …all diese Aggressivität steckt in ihr, und Singen ist ihre Weise, diese Seite ihrer Persönlichkeit auszuleben.“ Zunächst muss ich sagen, dass mich dieses Fäusteschütteln und Fußgestapfe eher abschreckt. Und ich kann mich von dem Eindruck nicht frei machen, dass hier eine Zirkusnummer läuft. Das Mädel ist schon im Alter von vier Jahren öffentlich aufgetreten. Das wird förmlich gedrillt worden sein, wie ein dressierter Affe diese Show aufzuführen. Sicherlich fließt einiges aus dem Inneren des Mädchens an Emotionen nach außen. Aber auf mich wirkt das leider nicht authentisch, um noch einmal dieses Wort zu benutzen. Weitaus authentischer, also echter, wirkt der Auftritt von k.d. lang. Auch hier werden Emotionen nach außen getragen, Emotionen, die auch auf mich wirken. Und bei Herrn Anderson, na ja, da ist viel Augenzwickern dabei.

Weshalb mir die ganze Chose nicht gefällt: Da ist nichts wirklich Neues dabei. Die Lieder des philippinischen Mädchens klingen für mich fast alle gleich. Da höre ich mir lieber die Lieder von Tom Waits an (gestern habe ich mir eine Scheibe von ihm angetan, deshalb ihn als Beispiel). Das klingt so schön kaputt und übt auf mich wirklich einen ungewöhnlichen Reiz aus. Hier werden Lieder, die eigentlich ganz gewöhnlich sind, in einer Weise interpretiert, die nicht unbedingt innovativ ist, die aber für mich der Inbegriff des Persönlichen ist, glaubhaft und echt.

„Meist ist Singen ein Mittel, Gefühle oder Bedürfnisse auszudrücken, die man im ‚normalen’ Leben nicht oder nicht in ausreichendem Maße ausdrücken oder ausleben kann.“, schreibt Kretakatze. Dem stimme ich natürlich voll und ganz zu. Und es ist auch gut so. Wir alle sollten wieder mit dem Singen beginnen, wenn wir es nicht schon wie Kretakatze tun.

Ohne Gefühle ist Musik steril. Man erwartet förmlich vom Musiker, vom Sänger, dass er einen Teil seiner Seele freilegt. Aber im heutigen Showbiz verkommt das leider immer mehr zu einer Zirkusnummer, wie gesagt. Auch unser Meister Anderson weiß natürlich um solche publikumswirksame Effekte, sonst hätte er kaum den Bekanntheitsgrad erreicht, den er heute noch inne hat. Genug!

Vielleicht noch etwas zur grundsätzlichen Frage, was eigentlich die breite Masse ist. Ich denke, dass das nicht eindeutig definiert werden kann. Bestimmt man diese z.B. über Verkaufszahlen, so können Gruppen wie Jethro Tull (aufgrund der 40 Jahre Existenz) sicherlich auch als ‚Versorger’ der breiten Masse gezählt werden. Zig Millionen Alben sind von Anderson & Co. im Laufe dieser vielen Jahre über den Ladentisch gegangen. Da müssen selbst Sänger wie David Cook oder Clay Aiken zunächst einmal passen.

Ich denke, dass es eine ‚soziologische’ Frage ist. Die ‚breite Masse’ ist eine Bevölkerungsschicht, die sich dadurch auszeichnet, dass sie sich nicht auf Anhieb durch bestimmte Merkmale von anderen Gruppen unterscheidet. Ich habe erst kürzlich einen Bericht über die Gothics-Szene gelesen und gesehen. So gibt es viele Nischen in der Jugendkultur, die sich dadurch hervortut, dass ihre Mitglieder anders als die anderen sind und nicht dem Mainstream angehören. Besonders bei den Jugendlichen ist es geradezu verpönt, der breiten Masse anzugehören, sodass es hier eigentlich keine breite Masse mehr gibt. Und ich denke, dass es auch keine EINE breite Masse gibt, sondern die unterschiedlichsten Strömungen. Da gibt es die Volksmusikliga, dort die Schlagerheinis und anderswo eine ‚breite Masse’, die auf Pop u.ä. steht. Würde es nur EINE ‚breite Masse’ geben, dann hätten wir hier Verhältnisse wie in China vor 20, 30 Jahren (alle in Blauzeug). Addiert man alle Rockfans (von Jethro Tull über ich weiß nicht wen bis Zappa), was hätte man dann? Eine breite Masse, die breitet fast nicht sein konnte.

Also ist der ‚soziologische’ Ansatz auch Asche? Ja und nein. Vielleicht versuche ich es mit dem Individuellen. Wie schon gesagt, könnte man die breite Masse als Gruppe ohne besondere Merkmale, ohne bestimmte individuelle Ausrichtung, betrachten. Das sind dann die Vielen, die im Trüben dümpeln und nur darauf warten, dass sie herausgefischt werden. American Idols (stellvertretend für alle diese und ähnliche Formate) hilft hierbei. Man präsentiert die unterschiedlichsten Sänger/Sängerinnen, versorgt diese mit Musik, die möglichst vielen bekannt ist, und lässt dann den Zuschauer entscheiden, was gerade in sein soll. Als eingefleischter Angehöriger einer bestimmten Szene interessiere ich mich natürlich nicht für solche Sendungen. Wenn ich mich aber noch nicht wirklich festgelegt habe, dann horche ich auf – und siehe da, ganz demokratisch, wie das Ganze abläuft, finde ich meinen Liebling, stimme für ihn – und mir-nichts dir-nichts bin auch ich auf der richtigen Schiene. Mein Geschmack ist total IN, ich gehöre DAZU. Um das zu erreichen, müssen die auftretenden Sänger/Sängerinnen schon ihr Handwerk beherrschen. Man/frau stimmt doch nicht für einen musikalischen Versager. Und da es reichlich bisher unentdeckte Tatente gibt, ist dieser Markt vom Angebot her so schnell nicht zu sättigen.

Übrigens: die Begriffe „breite Masse“, Mainstream, wie auch immer … die werden wir in dieser, im Grunde eigenen Szene so schnell nicht hören. Und es ist eine eigene Szene, die DSDS-American Idol-Superstar-Szene. Abschließende Frage: gibt es eigentlich überhaupt eine ‚breite Masse’, wenn sich keiner wirklich dazugehörig fühlt?!

Ich wünsche Euch ein geruhsames Wochenende.
Bis bald
Wilfried

Wilfredo A.: Gegen Windmühlen kämpfen

Nachdem Kretakatze den Mut gefasst hat, uns einige Lieder vorzusingen, habe ich alte Musikkassetten hervorgeholt, entstaubt und teilweise digitalisiert (soweit das überhaupt noch ging), die u.a. Aufnahmen von mir aus grauer Vorzeit enthalten – nicht nur selber gesungen und gespielt, sondern auch noch mit Herzblut selbst verfasst.

Im Jahre 1980 hatte ich zum ersten Mal Miguel de Cervantes Saavedras „Don Quixote“ gelesen. Das Buch habe ich in drei Taschenbuchbänden, die insgesamt immerhin über 1300 Seiten ausmachen und liebevoll von Grandville illustriert wurden. Dieses Epos wurde (neben anderen Romanen von Bedeutung) zum Ausgangspunkt für mich zu einer kleinen Sammlung von Liedern.

Das hört sich hochtrabend an, ist es aber nicht. Es sind damals, eben im Jahre 1980, lediglich einige Lieder entstanden, die nur für meinen Privatgebrauch gedacht waren. Schon bald habe ich mich dann auch daran gemacht, sie mit einem 2-Spur-Tonbandgerät aufzunehmen. Der einfacheren Handhabung wegen habe ich die Aufnahmen dann auf Musikkassette überspielt. Die Tonbänder sind zwar noch vorhanden, das Tonbandgerät allerdings ist längst verschrottet worden.

Die erste Aufnahme von damals habe ich nun als Video bei youtube eingestellt. Um dem möglichen Betrachter und Zuhörer die Sorge, hierzu eine Bewertung oder gar einen Kommentar abgeben zu müssen, zu ersparen, habe ich Bewertungs- und Kommentarmöglichkeiten von vorn herein abgeklemmt. Man mag die Qualität entschuldigen (u.a. ist die Aufnahme etwas übersteuert). Aber genug der Vorrede:

Gegen Windmühlen kämpfen

Es ist schwer allein
Gegen Windmühlen zu kämpfen.
Es ist schwer allein
Seinen Weg zu finden.
Es ist schwer, unverstanden
in die Welt zu ziehen, einem Traume nach.
Es ist schwer, in fremden Landen
Träume zu bewahren, nur den Himmel als Dach.

Don Q., der einsame Ritter
Zog im schwersten Gewitter
allein mit Pferd und Knappen
Um den Kopf den feuchten Lappen
Der gegen die Hitze ihn kühle
Zog er los gegen die Mühle
Zog er alleine los, um gegen Windmühlen zu kämpfen.

Belächelt und für irre gehalten
Kämpfte er gegen unsichtbar‘ Gestalten.
Die Sonne brannte heiß
Auf den blanken Sand, wer weiß
Wo sein Ziel in der Ferne lag
Es lag in der Ferne, wer mag
schon gegen Windmühlen kämpfen, die sich im Winde drehen.

Aufgenommen am 03.04.1980 in Bremen


Willi singt: Gegen Windmühlen kämpfen

Altes „Neues“ von Jethro Tull (2)

Baader hörte Jethro Tull

RAF-Chef und Staatsfeind Nr. 1: Andreas Baaders Musikgeschmack war der von Millionen. In Stammheim hörte er Santana, Jethro Tull und Iron Butterfly; u.a. fand sich Jethro Tulls „Living in the Past“ in seiner Zelle.

Tull rappt

Schon einmal etwas vom Rapper RJD2 gehört? RJD2 meets Jethro Tull – und das als Video bei youtube. Das Ganze nennt sich dann Poorboy Lover Megamix. Damit das Original nicht ganz aus den Augen und Ohren verloren geht, bietet das Video auch noch dieses gleich als Nachschlag.

Foto von Erwin Reiseder

Es ist schon wieder einige Wochen her, da erreichte mich eine Mail mit einem Foto von Ian Anderson, das ein guter, alter Tull-Fan „beim ‚Ausmisten’ seiner Schubläden gefunden“ hat. Erwin, vielen Dank dafür:

Ian Anderson

Weitere Fotos aus Erwins Kamera sind übrigens auf meiner Jethro Tull-Bildchen-Seite zu betrachten.

Czesc, Polska!

Hallo, Polen! Vom 3. bis zum 13. September waren rd. 20 Schüler und Schülerinnen des Gymnasium Tostedt (u.a. mein Sohn Jan) zum Schüleraustausch in Polen und für eine Woche bei Gastfamilien von Schülern des Liceum ogólnoksztalcace im. Tadeusza Kosciuszki im Partnerschaftsort Lubaczów als Gäste untergebracht.

Hier einige erste Bilder von dieser Reise:

Schüleraustausch 2008 Tostedt (D) - Lubaczow (PL)

Schüleraustausch 2008 Tostedt (D) - Lubaczow (PL)

Schüleraustausch 2008 Tostedt (D) – Lubaczow (PL)

Schüleraustausch 2008 Tostedt (D) - Lubaczow (PL)

Schüleraustausch 2008 Tostedt (D) - Lubaczow (PL)

Schüleraustausch 2008 Tostedt (D) - Lubaczow (PL)

Schüleraustausch 2008 Tostedt (D) - Lubaczow (PL)

Diese Bilder stammen von der Website des Lizeums in Lubaczów. Hier finden sich noch weitere Fotos und kurze Beschreibungen des Tagesgeschehens (allerdings auf Polnisch):

1. Tag (04.09.2008)

2. Tag (05.09.2008)

3. Tag (06.09.2008)

4. Tag (07.09.2008)

5. Tag (08.09.2008)

6. Tag (09.09.2008)

7. Tag (10.09.2008)

8. Tag (11.09.2008)

9. Tag (12.09.2008) u.a. Besuch in Auschwitz-Birkenau

Do widzenia! Auf Wiedersehen im Juni/Juli 2009 in Tostedt – und ein ganz besonderer Gruß und vielen Dank für die Gastfreundschaft von Jan an Piotr.

Siehe auch meinen Beitrag: Ab nach Polen

Martin Walser: Jagd

Nicht schon wieder Walser?! Doch, doch … Es gibt noch einige Bücher von Martin Walser, die ich bisher nicht gelesen habe, und das hole ich jetzt nach. So habe ich mir in diesen Tagen den kleinen Roman Jagd aus dem Jahre 1988 vorgeknöpft. In „Jagd“ beschreibt Walser einige Tage im Leben des Immobilienmaklers Gottlieb Zürn, der bereits im 1980 erschienenen Roman „Schwanensee“ im Mittelpunkt stand und in „Der Augenblick der Liebe“ 2004 nochmals der Held eines Romans (Walsers Zürn-Romane) wurde. Damit nicht genug: Gottlieb Zürn ist der Vetter von Xaver Zürn, dem Protagonisten aus „Seelenarbeit“ (1979), und er war der Vermieter einer Ferienwohnung an Helmut Halm und Frau in „Ein fliehendes Pferd“ (1978).

Allein diese Bezüge zu anderen Büchern von Walser machen diesen Roman interessant. Irgendwie will man wissen wie es ‚weitergeht’ oder, kommt man vom Roman „Der Augenblick der Liebe“ her wie ich, wie es ‚früher war’.

Der Buchtitel Jagd steht in diesem Werk sinnbildlich für die Darstellung der menschlichen Existenz als lebenslangem Kampf. Und so wechselt der Protagonist Gottlieb Zürn im Verlauf des öfteren die Rolle zwischen Jäger und Gejagtem. Übrigens: Das Wort Jagd und seine Variationen (Jäger, jagen) kommt achtmal vor (wenn ich richtig gezählt habe), obwohl der Roman selbst ja keinerlei Bezug zur ‚echten’ Jagd hat.

Nun worum geht es in diesem Buch? Es ist wieder ein Ehe- und Familienroman. Gottlieb Zürn hat seinen Immobilienmaklerjob weitestgehend seiner Frau übergeben. Er ist nur noch für Akquisitionen zuständig – für Werbung und das Heranschaffen von Immobilien. Nebenbei schreibt er Gedichte, die er unter dem Titel „Achillesverse“ zusammenfasst. Man erkennt sehr bald: Zürn fühlt sich schwach, der Konkurrenz unterlegen und der Umwelt ausgeliefert. Er erkennt bei der Konkurrenz „die vielbödige Hinterhältigkeit des höher gebildeten Normalmenschen …“ (S. 128 – suhrkamp taschenbuch 1785 – 3. Auflage 2002). „Gute Manieren sind ein Ausdruck schlechten Gewissens.“ (S. 135). Nicht nur im Geschäftlichen bahnt sich Ärger an, auch zu Hause – als seine ältere Tochter wegläuft. Die Jagd beginnt. Die Jagd hinter seiner Tochter, die Jagd nach Frauen, wobei Zürn selbst eher der Gejagte ist. Am Ende kommt alles wieder ins Lot – wie so oft bei Walser; man glaubt es kaum.

Porträt von Ian Anderson

Am 25. August erreichte mich über mein youtube-Konto eine Nachricht mit der Hilfe um Unterstützung:

Hi, me and a few friends are TRYING to get Ian Anderson voted for the above celeb portrait competition…however, we have a few serious competitors trying to knock Ian off the throne.

A text comment is worth one vote and a video response is worth 50 votes. I wondered…could you possibly add some of your Tull videos as a response please? I have made so many, I am shattered lol.

Thanks

Es ging also um einen Wettbewerb, bei dem der- oder diejenige, die am meisten Stimmen erhält, in einem Porträt dargestellt werden soll, das dann als Video bei youtube eingestellt wird. Die bisherige Mehrheit hatte sich für Che Guevara entschieden, Ian Anderson lag auf Platz zwei.

Da Videoantworten (also vorhandene Videos, die wie ein Kommentar gepostet werden) glatt 50 Mal pro Video gezählt werden, war die Bitte natürlich verständlich. Immerhin habe ich rund 100 Videos mit Ian Anderson und seinen Jungs bei youtube im Angebot. Also nichts wie ran an den Speck. Videoantworten und Kommentare mussten beim zuletzt eingestellten Video gepostet werden: Michael Hutchence of INXS ~ Portrait

Am 26. August meldete mir dann der Porträtist himself:

Ian Anderson takes the win for the next celeb portrait with 12772 votes!!!

So durfte ich also meinen Beitrag dazu leisten, dass zwei Tage später tatsächlich das Porträt von Ian Anderson bei youtube veröffentlicht wurde:


Ian Anderson of Jethro Tull ~ Portrait

Am Rande bemerkt: Ich finde es schon erstaunlich, wie sich im Internet Leute präsentieren, mit welchen Ideen (ich muss fast sagen: Geschäftsideen) diese aufwarten, da muss ich mir vielleicht auch einmal etwas Kurioses einfallen lassen (mir fällt bloß nichts ein, das Geld bringen könnte – also muss ich weiter zur Arbeit fahren, um für mich und meine Lieben die Brötchen zu verdienen – sei es drum).

Griechischer Barde und rockende Katze

Kretakatze schrieb am 18.08.2008:

Meine lieben Freunde,

nach längerer Zeit möchte ich wenigstens einmal ein kurzes Lebenszeichen von mir geben. Ich habe Euch nicht etwa vergessen, tatsächlich denke ich täglich an Euch, und täglich wird mein schlechtes Gewissen größer (was Euch allerdings kaum etwas nützen wird). Ich habe Euch unvorbereitet mit dem Sinn des Leben konfrontiert und dann mit Euren Fragen, Zweifeln und Unklarheiten allein gelassen. Das war äußerst rücksichtslos von mir. Meine einzige Entschuldigung ist, dass ich von einem neuerlichen Anfall manisch-musikalischer Kreativität heimgesucht wurde (er ist noch immer nicht vorbei…). Täglich traktiere ich stundenlang Gitarre und Stimmbänder und übe neue Lieder bis die Finger so schmerzen, dass ich keine Saite mehr herunterdrücken kann. Dann schaue ich mir auf Youtube Musikvideos an. Für den Sinn des Lebens finde ich da einfach keine Zeit mehr… Wie Ihr seht, mein Leben ist zurzeit ziemlich sinnfrei aber trotzdem restlos ausgefüllt.

Aber ich bin mir sicher, liebe Freunde, dass ich früher oder später zur Philosophie zurückkehren werde und den Diskussionsfaden wieder aufnehme. Tatsächlich habe ich auch in letzter Zeit hin und wieder ein bißchen was geschrieben, es ist nur nichts fertig und vieles ruht noch in meinen Kopfe. Auch das Thema Musik und Qualität beschäftigt mich noch, aber ich weiß nicht, ob ich es noch einmal aufgreifen sollte, da liegen unsere Ansichten wohl doch zu weit auseinander.

Wie Ihr wisst, lasse ich Euch immer gerne an meinem chaotischen Lebenswandel teilhaben, und daher folgt nun noch ein (nicht einmal sehr kurzer) Einblick in die musikalischen Pfade, auf denen ich gerade wandle. Ich fürchte zwar, dass es wieder nicht Eurem Geschmack entsprechen wird, aber ich habe gerade erst durch Eure Listen der Lieblings-Songs gelernt, dass es garnichts schadet, wenn man einmal ein paar Videos anschaut, die man sonst nie angeklickt hätte – es erweitert den Horizont.

Neben Klassikern wie REM’s Losing My Religion oder Melanie’s Ring The Living Bell (beide mit einem schönen, einfachen Rhythmus und leicht zu spielen) habe ich mich vor allem auf einen neuen Musiker gestürzt, der so neu eigentlich auch nicht mehr ist. Ich bin schon vor über einem Jahr erstmals auf ihn gestoßen und hatte hier auch bereits einmal ein Video von ihm verlinkt. Seine Musik fand ich damals ganz gut, aber die Zeit war wohl noch nicht reif für die intensivere Beschäftigung – ich weilte musikalisch noch in anderen Gefilden. Woran es liegt, dass man zu manchen Zeiten eine bestimmte Musik aufsaugt wie ein Schwamm, die zu anderen Zeiten längst nicht die gleiche Wirkung auf einen hat – ich weiß es nicht.

Wenn ich diesen Musiker jetzt hier vorstelle, werde ich mich vermutlich bei Euch damit nicht beliebter machen, denn er ist Grieche und er singt auch noch auf griechisch – wenn nicht gar in noch exotischeren Sprachen. Sein Name ist Miltiadis (kurz auch Miltos) Pascalidis, und da taucht schon das erste Problem auf. Es ist nicht möglich seinen Namen in lateinischen Buchstaben so zu schreiben, dass ein Deutscher ihn richtig aussprechen würde. Eigentlich müsste ich „Paschalidis“ schreiben, aber das würde wohl jeder als „sch“ interpretieren. Die richtige Aussprache ist aber „s-ch“, wobei das „ch“ hart klingt wie in „ach“. Im Internet findet man ihn üblicherweise unter der Schreibweise „Pasxalidis“ (manchmal auch Pashalidis oder auch Pasxalidhs etc. es gibt da zahlreiche Variationsmöglichkeiten), da die Griechen auch nicht wissen, wie sie ihr „ch“ in lateinische Buchstaben umsetzen sollen – im Englischen gibt es den Laut nicht. Also behalten sie einfach ihr griechisches „x“ = chi bei. Soweit mein kurzer Lehrgang zur griechischen Phonetik.

Herr Pascalidis ist von Hause aus Diplom-Mathematiker und hat wohl auch ein paar Semester Philosophie studiert. Er wirkt nicht direkt so, wie man sich üblicherweise einen Musiker vorstellt, schon garnicht einen griechischen. Eigentlich sieht er aus wie das, was er ist: Ein Diplom-Mathematiker mit Hang zur Philosophie, Typ „ewiger Student“ – allerdings vielleicht eher ein schwedischer. Er hat mich an einen Ausspruch Lockwoods erinnert, der vor kurzem meinte, Philosophen wären wohl meist ernste Menschen. Ich weiß nicht ob Herr Pascalidis direkt ein Philosoph ist, aber ich kann mich nicht erinnern je ein Photo oder Video von ihm gesehen zu haben, auf dem er gelächelt oder gar gelacht hätte – oft schaut er geradezu grimmig. Musik scheint für ihn eine todernste Sache zu sein und ein Auftritt vor Publikum kein Vergnügen (wenn doch, dann lässt er es sich jedenfalls nicht anmerken). Ich finde es immer wieder faszinierend, welch unterschiedliche Charaktere sich musikalisch betätigen. Noch erstaunlicher ist, dass die Musik nicht so unterschiedlich zu sein scheint wie die Menschen, die sie produzieren.

Aber halten wir uns nicht länger mit dem unromantischen Erscheinungsbild des Herrn Pascalidis auf, hören wir uns lieber ein romantisches Lied von ihm an. Und ab hier ist jetzt Schluss mit den einfachen Rhythmen, denn Paramithi Me Lipimeno Telos (Märchen mit traurigem Ende) kommt im typisch griechischen 7/8 Takt. In dem Lied geht es darum, immer etwas sein zu wollen, was man nicht ist: Ich kannte einmal einen See, der ein Meer sein wollte…und immer, wenn der Tag anbricht, verzehrt ihn die Sehnsucht…ich liebte einmal ein Mädchen, das jeden Jungen fragte, wann sie eine Frau sein würde… zehn Jahre sind vergangen, aus dem Mädchen ist eine Frau geworden, aber ich bin immer noch ein Junge…und immer, wenn der Tag anbricht…

Von der Romantik zur Melancholie – O,Ti Ki‘ An Sisis (Was Du auch (er)lebst): Was Du auch erlebst, es ist nicht genug, es reicht nicht, dass Du lernst. Sooft Du denkst, Du bist ihm entgangen, wird es Dir wieder passieren… – und schließlich zur Depression – In Im‘ Ena Pevko Stin Akrojalia (Ich bin eine Kiefer am Strand) verarbeitet Herr Pascalidis einen Alptraum, der ihn lange Zeit verfolgt hat. Er muss zusehen, wie ein Kind ertrinkt und kann nicht helfen, denn er ist eine Kiefer am Strand.

Wer nun denkt Herr Pascalidis hätte nur langsame, schwermütige Lieder auf Lager, der wird jetzt gleich eines besseren belehrt. Herr Pascalidis kann auch schnelle, schwermütige Lieder: Pinelopi (Penelope). Eine Anspielung auf die Odysee: Du sagst, Du hast es satt zu warten und zwanzig Jahre am selben Kleid zu weben…ich werde immer zu Dir zurückkehren, und wenn Dir das nicht reicht, dann werde Du ein Schiff und ich werde ein Hafen…Alle auf hoher See werden vom Kummer verzehrt, wer auf Reisen war, sehnt sich nach Ithaka.

Was zu einem Intellektuellen immer gut passt, ist der kämpferische Prostestsong. Da ist auch Herr Pascalidis in seinem Element. Bei Ajiristo Kefali (Unbeugsamer Kopf) hört man schon am Rhythmus, worum es hier gehen muss. Wenn die Beschreibung des Videos stimmt, dann war das ein Auftritt im letzten Sommer auf dem Syntagma-Platz, dem Platz der Verfassung vor dem Parlamentsgebäude (viel sehen tut man ja gerade nicht) aus Anlass eines „Protestkonzerts für den Umweltschutz“, vermutlich eine Art griechischer „Earth Day“. Der Text des Liedes mutet geradezu apokalyptisch an (stammt allerdings ausnahmsweise nicht von ihm selbst): Es weht ein Wind, der alte und gehütete Wünsche hinwegfegt, die Helden machen sich aus dem Staub…blinde Vögel picken an meine Fensterscheibe…durch die Straßen galoppieren Reiter und jagen die herrenlosen Hunde, und die verängstigten Hausbesitzer treiben mit Weihwasser den Teufel aus, aber hier ist nicht der Balkan, sage ich Dir, hier darfst Du spielen, lachen und den Mund halten (das ist die Textstelle, bei der der Szenenapplaus aufkommt)…in Eure Hände lege ich das Steuer, damit nach der längsten Nacht der Tag anbricht.

Jetzt zur Aufheiterung ein kleines Tänzchen – ich würde einen Sonaradikos darauf tanzen (ich hatte hier schon einmal einen aus Glasgow verlinkt). Aber so ganz die unbeschwerte Lebensfreude ist das Lied dann doch auch wieder nicht. O Trelos (Der Verrückte) scheint eher ein Tanz für Verrückte zu sein: Die Welt tanzt außer Rand und Band, jeder nach seinem eigenen Rhythmus – damit ein Verrückter einen Tanzpartner findet, verkauft er sich selbst – Wenn Du nichts glaubst, dann frag nicht, und wenn Du mir nicht zuhörst, dann schau mich nicht an – wenn Du kein Feuer willst, dann spiele nicht mit Kohlen… usw. – jede Menge Verhaltensregeln – für Verrückte? Wie auch immer, ich mag dieses Lied ganz besonders, wahrscheinlich bin ich ja auch verrückt.

Zum Schluss noch ein Liebeslied (und außerdem mein Lieblingslied): Fotia mou (Mein Feuer): Mein Feuer und meine Luft, an der Grenze dieses Tages, gib mir Deine Flamme und werde mein Licht, mein Goldenes Vlies…usw.. Bei Herrn Pascalidis klingt das alles sehr leidend.

So, nun hoffe ich, Ihr habt nicht etwa auch sehr leiden müssen, und verabschiede mich für heute.

Liebe Grüße und bis demnächst
Kretakatze

PS.: Zur guten Nacht gibt’s jetzt noch ein Nanourisma (Wiegenlied) – natürlich von Herrn Pascalidis. Ich fand auch das Photo so passend, es erinnert mich irgendwie an meine Gitarre und daran, dass ich das vielleicht auch noch auf ihr spielen sollte…

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Kretakatze schrieb am 07.09.2008:

Hallo meine Lieben,

ich wollte mich nur kurz bei Euch melden um Euch auf ein aufsehenerregendes Video aufmerksam zu machen, über das ich soeben gestolpert bin, und das keinen anderen betrifft als unseren Meister Anderson. Vielleicht habt Ihr es ja noch nicht entdeckt, es wurde auch erst vor reichlich einer Woche auf YouTube gestellt. In der kurzen Zeit wurde es über 900 Mal kommentiert und mit mehr als 280 „video responses“ beantwortet, damit konnte es in den Statistik-Kategorieren „Most commented“ und „Most responded“ vordere Plätze belegen. Mr. Anderson kommt zwar nicht direkt selbst darin vor, er wird nur portraitiert – das allerdings auf vieltausendfachen Wunsch und recht gelungen: Ian Anderson of Jethro Tull – Portrait.

Um auch noch kurz von mir zu berichten: Seit etwa einer Woche bin ich stolze Besitzerin einer Videocamera, das hat die Philosophie auf meiner Prioritätenrangliste wieder etwas nach hinten rutschen lassen. Wozu braucht das Leben einen Sinn, wenn man sich die Zeit mit Filmen vertreiben kann?

Hauptsächlich habe ich die Camera gekauft um abzufilmen, was ich auf der Gitarre spiele. Ich habe das Problem, dass ich nichts „vom Blatt“ spielen kann, und mit Tabulator-Notationen komme ich auch nicht zurecht. Tatsächlich habe ich eigene handschriftliche Tabulator-Aufzeichnungen aus den 70ern gefunden, bei denen ich nicht einmal mehr rekonstruieren konnte um welches Lied es sich handelt – leider hatte ich damals wohl nicht für nötig befunden das dazu zu schreiben. Derartige Aufzeichnungen machen für mich also wenig Sinn.

Eigentlich kann ich nur nachsingen oder nachspielen, was ich irgendwo gesehen oder gehört habe. Da mein Repertoire inzwischen einen Umfang angenommen hat, der es unmöglich macht täglich alles zu üben, und mein Gedächtnis auch immer schlechter wird, habe ich also nach einer Möglichkeit gesucht meine „Cover-Versionen“ so aufzuzeichnen, dass ich hoffentlich auch in späteren Jahrzehnten noch schlau daraus werde. Und aus diesem Grund wird jetzt alles gefilmt.

Wilfried hat hier erst vor kurzem in der Rubrik Jethro Tull einen Gitarrenlehrer vorgestellt, der auf YouTube per Video unterrichtet. Seine „Lektion“ zu Jethro Tull’s Wond’ring Aloud ist wirklich sehr interessant und aufschlussreich, aber an so komplizierten Dingen versuche ich mich garnicht erst, das bekomme ich doch nicht hin. Bei Kretakatze gibt’s nur „easy guitar“. Zum Glück gibt es hin und wieder Lieder, die man auch mit kurzen, krummen, ungeschickten Fingern spielen kann und die trotzdem noch ganz gut klingen. Solche versuche ich zu finden und in mein Repertoire aufzunehmen. Und natürlich bleibt Euch jetzt eine Kostprobe nicht erspart. Ich habe zwei Titel ausgewählt, die Euch bekannt vorkommen müssten, da ich sie in früheren Beiträgen bereits erwähnt habe: Kretakatze reitet über den River und Kretakatze rockt on the Road. Ich bitte um Nachsicht, wenn meine Finger nicht immer die richtigen Saiten treffen. Ach ja, und haltet Euch fest, damit Ihr nicht vom Stuhl fallt, wenn meine liebreizende Stimme erklingt.

Irgendwo ist es mir ja fast peinlich solche Videos in die Öffentlichkeit zu stellen, wo es auf YouTube soviele Covers gibt von Leuten, die wirklich Gitarre und singen spielen können. Andererseits gibt es auf YouTube auch eine Menge Videos von Leuten, die nicht besonders gut Gitarre spielen oder singen können. Und es ist für mich immer wieder beruhigend zu sehen, dass ich in dieser Beziehung nicht die Einzige bin. Außerdem habe ich mir auch aus solchen Videos schon die eine oder andere Anregung geholt. Vielleicht geht es Anderen ja genauso. Also was soll’s…

So, das war‘ für heute. Seid herzlich gegrüßt bis zum nächsten Mal
Kretakatze

PS.: So ganz ohne „gescheites“ Musikvideo möchte ich mich dann doch nicht von Euch verabschieden. Hier jetzt zur Abwechslung eine Lady, die wirklich singen und Gitarre spielen kann (und die ich Euch eigentlich schon seit längerem einmal vorstellen wollte): Sarah McLachlan – Building A Mystery.

PPS.: Eine Frage an Dich, lieber Wilfried, Du müsstest auf diesem Gebiet Experte sein: Eigentlich wollte ich Euch diese Mail schon gestern schicken, ich wollte nur noch kurz vorher die beiden Videos auf YouTube hochladen… Kurz? Es hat ca. 10 Stunden gedauert und zwischendurch zu drei Abbrüchen wegen Timeout geführt. Ist das eigentlich normal???

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Wilfried schrieb am 11.09.2008:

Hallo Ihr alle,

Kretakatze hat den Sinn des Lebens ‚verloren’ („Für den Sinn des Lebens finde ich … einfach keine Zeit mehr“), lebt sinnfrei und trotzdem restlos ausgefüllt, also ein ausgefülltes, wenn auch sinnloses Leben. Wer kann das schon von sich behaupten.

Im Ernst: Das Ergebnis von Kretakatzes täglichem Traktieren der Gitarre und Stimmbänder trägt erste Früchte, wie bei youtube zu sehen ist. Da entschuldigen wir es doch gern, mit unseren Fragen und Zweifeln alleingelassen zu sein. Es gibt eben mehr als nur die Frage nach dem Sinn des Lebens. Aber dazu (zu Kretakatzes Traktieren) am Ende mehr.

Die Videos vom griechischen Diplom-Mathematiker (Pascalidis oder doch eher Paschalidis) hatte ich mir bereits vor meinem PC-Crash angeschaut und Kretakatzes Befürchtungen, die könnten nicht unserem bzw. meinem Geschmack entsprechen, konnte ich bereits da nicht verstehen. Jetzt, nach wiederholtem Hören, bleibe ich gern bei meinem Urteil: die Lieder gefallen mir. Okay, das erste gezeigte Lied „Paramithi Me Lipimeno Telos“ (Märchen mit traurigem Ende) ist eben doch typisch griechisch (ich habe es zz. mit dem Typischen). Ich versuchte, mich in diesen doch ungewöhnlichen 7/8-Takt ‚hineinzuwurschteln’ (auf der Tischkante fingerklopfenderweise), aber so ganz geht mir das nicht ins Blut über. Musiktheoretisch ist ein solcher Takt ja eigentlich aus 4/8 und 3/8 zusammengesetzt. Aber Theorie und Praxis sind eben zwei beschiedene Paar Schuh.

Nun die weiteren Lieder nähernd sich dann schon mehr unseren mitteleuropäischen Hörgewohnheiten. „O,Ti Ki‘ An Sisis“ (Was Du auch (er)lebst) ist wahrlich melancholisch, aber eben auch sehr schön. „Im‘ Ena Pevko Stin Akrojalia“ (Ich bin eine Kiefer am Strand) ist mir etwas zu dramatisch und auch etwas zu schleppend – aber dank Kretakatzes Anmerkungen weiß ich, dass es eben auch ein Lied mit dramatischem Inhalt ist. „Pinelopi“ (Penelope) kommt recht rockig daher. Ähnlich griechisch-rockig wie manches Anderson-Stück schottisch-rockig ist. An „Nanourisma“ (Wiegenlied) gefällt mir z.B. auch das Saxophon-Solo am Ende. Vieles erinnert mich an Angelo Branduardi, den wir an anderer Stelle in diesem Blog öfter erwähnt haben (u.a. in seiner Interpretation des Liedes vom Apfelwein). Stimmlich denke ich da an Hannes Wader.

Also, was soll ich sagen? Vielen Dank an Kretakatze, dass Du uns diesen griechischen Diplom-Mathematiker mit Hang zur Philosophie und seine langsamen, schwermütigen bzw. schnellen, schwermütigen Lieder vorgestellt hast. Respekt an dieser Stelle für Deine Kenntnisse der griechischen Sprache (und nicht nur der).

Kretakatze ist nun also bei youtube zu bewundern. Ich meine das wirklich nicht ironisch (von wegen bewundern). Zunächst möchte ich dem „if I can do, everybody can” widersprechen. Schön wäre es, wenn dem so wäre. Vielleicht mit viel Fleiß und Übung annähernd machbar. Und doch: Nein, ohne ein Mindestmaß an Musikalität kann everybody das eben nicht.

Klar, zunächst stellt jeder erst einmal sein Licht unter den Scheffel (aber so bescheiden sind Deine Fähigkeiten eben nicht, Kretakatze) – bis der Scheffel brennt. Nein, ich finde es einfach mutig, sich nicht nur eine Videokamera zu kaufen und dann die Aufnahmen zu machen, sondern die Aufnahmen dann auch noch ins Netz zu stellen. Ja, ich weiß, notfalls kann man die Lieder schnell auch wieder löschen (oder die ätzendsten Kommentare löschen – oder gleich die Möglichkeit, Kommentare abzugeben, ausschalten). Aber als ‚Künstler’ lebt man bekanntlich von der Resonanz des Publikums (die sollte möglichst positiv sein, ist klar).

Also hier meine Resonanz: Zunächst hatte ich das Dire Straits-Cover gehört. Als nach dem längerem Vorspiel der Gesang einsetzte, war ich erst einmal ziemlich verblüfft. Bisher kannte ich Deine Stimme ja nicht, Kretakatze. Ich rechnete während des Fortdauerns des Vorspiels wohl nicht mehr damit, dass du jetzt auch noch singst. Dann also Dein Gesang. Diese Alt-Stimme.

In einem Buch, das ich dieser Tage erneut gelesen hatte (Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein) – ja ich weiß, ich mache es spannend -, in dem es im Wesentlichen um Missverständnisse in der menschlichen Kommunikation geht, erzählt der Autor von einem Ehepaar. Die Frau kocht ihrem Mann etwas völlig Neues und fragt ihn dann, wie es ihm schmeckt. Obwohl es ihm überhaupt nicht mundete, er aber seine Frau auch nicht kränken wollte, sagte er nur: Es schmeckt interessant! Das Wort interessant wird, weil es so vielsagend ist (von anregend über beachtenswert bis hin zu markant und aufschlussreich), meist nichtssagend benutzt.

Nein, interessant ist Dein Gesang, Deine Stimme ‚nicht’. Wenigstens nicht, wie es der Ehemann von den Kochkünsten seiner Frau meinte. Eher im Sinne von außergewöhnlich (fast hätte ich gewöhnungsbedürftig geschrieben). Dann diese leichten Schwankungen, Tremolos zwischendurch, mögen diese von Unsicherheiten (innerer Anspannung) oder Ungeübtheit herstammen, sie geben deiner Stimme einen ‚interessanten’ Reiz, d.h. besonderen Reiz.

Wärest Du einige Jahre jünger, dann könnte ich mir gut vorstellen, falls Du Deine Stimme ausbilden ließest, dass Du mit ihr Erfolg haben könntest. Sie ist keine Tralala-Stimme wie viele, die uns heute immer wieder zu beglücken suchen. Ja, ich finde deine Stimme wirklich außergewöhnlich (nach dem genannten Tralala, den man täglich hört, wie gesagt: fast gewöhnungsbedürftig). Das soll ein Kompliment sein!

Was soll ich sonst noch dazu sagen? Ich bin gespannt auf weitere Interpretationen von Dir bei youtube. Und ich will ganz ehrlich sein: Ich würde das so nicht können. Aber wer weiß. Vielleicht packt mich ja doch noch der Ehrgeiz, es dir nach zu tun. Das ist aber kein Versprechen (höchstens ein Versprecher).

Aber genug gelobt. Überhaupt genug für heute.
Bleibt alle gesund und munter, lasst Euch nicht zu sehr von den Schicksalsschlägen niedermachen (schlagt zurück).

Horrido
Euer Wilfried

P.S. Zu dem erwähnten Ian Anderson-Portrait bei youtube später etwas mehr (wahrscheinlich in einem eigenen Beitrag):


Ian Anderson Portrait

P.P.S. Ja mit dem Hochladen der Videos zu youtube ist das schon so eine Sache. Bei mir klappte das eigentlich fast immer ohne Abbrüche, die kamen aber durchaus schon vor. Bei mir dauert es meisten sogar noch etwas länger, kommt aber auf die Größe der Dateien an – und auf den Zeitpunkt, also wann ich das mache (wochentags gegen Mittag geht das schneller als abends oder gar nachts, wenn halb Amerika seine Videos bei youtube einstellt).

English Translation for Ian Anderson

Obama versus McCain

Mit Barack Obama für die Demokraten und John McCain für die Republikaner stehen nun die Kandidaten für die US-Präsidentschaftswahlen 2008 fest. Auf den jeweiligen Parteitagen wurden sie nominiert. Aus diesem Anlass hielten beide eine Parteitagsrede, in der sie Eckpunkte ihrer zukünftigen Politik erläuterten. Diese Reden sind im Original und mit deutscher Übersetzung im Internet aufrufbar. Beide Reden habe ich mir in längeren Ausschnitten angehört.

Barack Obama

John McCain

Barack Obama

John McCain

Zunächst rechnen beide mehr oder weniger direkt mit der Politik von George W. Bush ab. Auch McCain kritisiert die Politik seines Parteifreundes Bush und bekennt sich wie Obama offen zu einem Politikwandel im Land. Der Ausgangspunkt ist bei beiden aber völlig gegensätzlich. Während McCain zunächst alles in den Dienst für das Land stellt (Country first), fragt Obama , was die Politik für den Bürger tun kann. Die Vision Martin Luther Kings wird dabei sichtbar.

Man kann McCain sicherlich als durchaus liberal gelten lassen, für manchen Republikaner zu liberal. Seine Rede wirkt ähnlich überzeugend wie die von Obama. Und doch: Ich kann einfach nicht glauben, dass dieser Mann einen politischen Wandel in den USA bewirken wird. Wie George W. Bush wird er sich auf einen Parteiapparat und Beraterstab stützen müssen, der entgegen seinen Absichten die Politik prägen wird. In seinem Alter von 72 Jahren wird ihn der jugendliche Elan eines Barack Obama fehlen, um sich gegen seine parteiinternen Gegner durchzusetzen.

Ich muss gestehen, dass mich Obamas Rede (die Ausschnitte davon, die ich gesehen habe) durchaus überzeugt haben. In klaren Worten legt er seinen Standpunkt vor und wirkt dabei glaubwürdig. Natürlich decken sich in einigen wichtigen Punkten seine An- und Absichten nicht mit meinen. Sicherlich steckte in seiner Rede (wie in der von McCain) bereits viel Wahlkampf. Obama setzte einige Eckwerte und versprach konkrete Veränderungen, die er in der Summe kaum wird einhalten können. Auch er wird sich mit und gegen einen Beraterstab behaupten müssen. Wenn es aber einen Wandel in den USA geben soll, dann nur durch ihn.

Noch ein Eindruck von mir zu den beiden Parteitagen als solches: Bei den Demokraten wirkten die Delegierten jünger, attraktiver und enthusiastischer. Den Parteitag der Republikaner empfand ich teilweise wie ein Seniorentreffen. Und noch ein Hinweis: Die Gestik von John McCain wirkt sehr zombiehaft. Das rührt von schweren Verletzungen aus seiner Vietnamteilnahme als Marineflieger her.

Video Obamas Parteitags-Rede mit deutscher Übersetzungund im Original
Video McCains Parteitags-Rede mit deutscher Übersetzungund im Original

Herr Lehmann im Theater

Das passt ja gut. Mit dem Roman Der kleine Bruder hat Sven Regener gerade seine Herr Lehmann-Trilogie vollendet. Es ist eigentlich der mittlere Teil, die Zeit Anfang der 80-er Jahre, als Frank Lehmann, der Protagonist, nach Berlin zu seinem Bruder kommt. Zuvor (in Neue Vahr Süd) leistete Lehmann seinen Bundeswehrdienst ab – danach (in „Herr Lehmann“, der als erstes erschienen war) erlebt er die Zeit vor dem Zusammenbruch der DDR, der Wende, ebenfalls in Berlin.

Und genau dieser letzte Lehmann, ’tschuldigung: Herr Lehmann, wird nun vom Altonaer Theater in Hamburg auf die Bühne gebracht. Regie führt Mona Kraushaar (Bühne: Katrin Kersten; Kostüme: Nini von Selzam), Mitwirkende sind u.a. Daniel Adan, Björn Ahrens, Holger Dexne, Klaus Falkhausen, Victoria Fleer, Stefan Haschke (als Herr Lehmann), Dirk Hoener, Gisela Kraft und Ole Schloßhauer

Premiere 14. September 2008, 19 Uhr, Große Bühne
Vorstellungen bis 17. Oktober 2008
Karten zu 15,- bis 29,- €

Szene aus: Herr Lehmann, Altonaer Theater 2008

„Das ist doch der letzte Scheiß, Lebensinhalt. Man lebt und freut sich dran, das reicht völlig.“

Mit Herr Lehmann, dem Kultroman von Sven Regener – der bereits erfolgreich von Leander Haußmann verfilmt wurde – startet das Altonaer Theater in die neue Spielzeit.
Frank Lehmann, den angesichts seines dreißigsten Geburtstags nun alle unerbittlich Herr Lehmann nennen, hat sich bequem eingerichtet in seinem Kreuzberger Biotop. Seine Tage verbringt er lesend im Bett, abends geht er seinem Kneipen-Job nach und trinkt sich anschließend mit seinen Kumpels philosophierend durch die Nächte.

Doch unaufhaltsam schleichen sich Störungen in seinen heiß geliebten Alltagstrott ein: Nicht nur, dass ihm im Morgengrauen ein Hund den Heimweg versperrt und dann ein Sonntags-Anruf seiner Mutter den Elternbesuch in der Hauptstadt angekündigt, zu allem Überfluss stürzt ihn auch noch die schöne Köchin seiner Lieblingskneipe in totale emotionale Verwirrung. Und während sich im Ostteil der Stadt die Auflösung der DDR ankündigt, hat Herr Lehmann alle Hände voll zu tun, die an ihn herangetretenen Herausforderungen mit lakonischem Galgenhumor zu bewältigen.

Sven Regener, Sänger und Texter der Band „Element of Crime“, beschreibt selbstironisch und mit zärtlich-rotziger Nonchalance das Lebensgefühl der späten 80er Jahre und liefert ein komisches Portrait eines Lebenskünstlers im Vorwende-Berlin.

Typisch britisch: Rote Telefonzellen & Pubs

Was typisch deutsch ist, darüber muss man sich heute geradezu streiten, denn vieles scheint zumindest mir inzwischen abhanden gekommen, was man Menschen deutscher Herkunft nachzusagen pflegt: Pünktlichkeit, Fleiß, Ordnungsliebe und ich weiß nicht noch was für ‚positive’ Eigenschaften. Lediglich was Gemütlichkeit anbelangt, war, ist und bleibt der Deutsche in seinem Element.

Was ist nun typisch britisch? Ich will hier nicht auf bestimmte menschliche Eigenschaften eingehen. Auch darüber ließe sich das typisch Britische finden. Nein, ich denke da an bestimmte Dinge, die rein optisch vorführen, dass es hier um die britische Insel geht. Das fängt sicherlich mit Tee an. Lediglich die Ostfriesen ließen sich noch über das Trinken von Tee definieren. Dann natürlich die schwarzen Taxis, die roten Doppeldeckerbusse und die ebenso roten Telefonzellen. Gerade den Letzten geht es nun in Zeiten mobiler Telefonie an den Kragen. Der Unterhalt dieser eben typisch britischen Einrichtung ist einfach zu hoch, die Telefonkabinen sind nicht mehr rentabel. Um sie trotzdem nicht endgültig aus dem Blickfeld verschwinden zu lassen, kann man solche roten Telefonzellen jetzt adoptieren – mit oder ohne Telefonanschluss (siehe auch Video bei zdf.de: Briten „adoptieren“ Telefonzellen)

Britische Telefonzelle: Das Aus?

Britische Telefonzelle: Das Aus?

Britische Telefonzelle: Das Aus?
british red telephone booth

Dass die britische Insel keinen nennenswerten Wein hervorbringt ist sicherlich auch klimatisch bedingt. Neben Tee ist das Bier in seinen verschiedenen Sorten daher als Nationalgetränk einzustufen. Neben Ale und Lager ist ein cremig frisch gezapftes Stout (die irische Variante Guinness dürfte auch Nicht-Anglophilen gekannt sein) die gängigste Sorte. Und wo schmeckt es besser (da eben frisch gezapft) als in einem Pub. Die Public Houses sind weit mehr als die deutschen Kneipen. Meist bekommt man dort typisch britische Küche, die man als Besucher der Insel unbedingt hier ‚genießen’ sollte, auch wenn es vielen als ungenießbar erscheint. Mit einem guten Bier bekommt man alles hinunter. Und in vielen Pubs gehört auch eine umfangreiche Weinkarte zum Angebot (natürlich auch der Wein dazu). Enden sollte ein solches Mahl mit einem schottischen Whisky (oder englischen Gin), der hier ebenfalls in großer Anzahl angeboten wird. Pubs sind aber vor allem eine soziale Einrichtung, denn wo, wenn nicht hier treffen sich die Briten (Engländer, Schotten und Waliser), um sich über Neuigkeiten auszutauschen. Und wer keine Eintrittskarten fürs laufende Fußballspiel bekommen hat, der schaut in einem Pub dem Spiel am TV gespannt zu.

Nun droht gerade den Pubs durch Billigbier aus dem Supermarkt, Rauchverbot und die allgemeine Wirtschaftskrise das Sterben. Immermehr von ihnen müssen schließen, weil die Kundschaft ausbleibt. Eine nationale Katastrophe bannt sich an. „Last order, please!“ gilt dann nicht mehr für die letzte Bestellung, es könnte für das Public House als solches gelten. Die Queen bewahre die Briten davor!

siehe auch das Video auf zdf.de: Großbritannien: Pubs sterben aus