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Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit

1988 klopften zwei Damen an Martin Walsers Tür. Sie waren mit dem Zug angereist und hatten vier Kartons mit Schriftstücken bei sich. Es handelt sich um den Nachlass einer unlängst verstorbenen Person. Wohin damit? Eine der Damen war übrigens von der Telefonseelsorge. Lauter Briefe und Karten und Fotos und Aufzeichnungen. Vielleicht interessiert sich der Schriftsteller Herr Walser dafür?

Ein Jahr lang wühlte sich Walser in die Zeugnisse dieses vergangenen, fremden Lebens hinein. „Ein Jahr nur rezeptiv, das ist schlimmer als Militär!“ so Martin Walser später. Mit der Zeit eignete sich Walser restlos seine Figur an und verfasste dann ein starkes und gewitztes, heiteres und weises Buch gegen das Vergessen: Die Verteidigung der Kindheit. Das Buch habe ich als Taschenbuch (Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main – st 2252– erste Auflage 1993) vorliegen und in diesen Tagen erneut gelesen.

    Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit

„Die Verteidigung der Kindheit – ‚ein fesselndes Deutschlandbuch’, ‚ein Meisterwerk’, ‚ein Epochenroman’, wie die Kritik feststellte – ist zugleich der Roman einer großen Liebe. Da die Welt auf große Liebe nicht gefasst ist, nicht eingerichtet ist, bringt eine solche Liebe den Liebenden nicht das, was man Glück nennt. Weltgerechtes Verhalten und große Liebe – das geht nicht zusammen. Schon gar nicht, wenn diese Liebe die eines Sohnes zu seiner Mutter ist. Und diese Liebes-Geschichte hört auch nach dem Tod der Mutter nicht auf. Denn jetzt muß Alfred Dorn dafür sorgen, daß die Vergangenheit nicht vergeht. Er muß nun die Kindheit verteidigen gegen Gegenwart und Zukunft. Die Verteidigung der Kindheit ist in diesem Sinne als Geschichtsschreibung des Alltags zu verstehen. Das, was nachher Epoche heißt, ist ja zuerst Alltag. Und weil dieser Roman einer großen Liebe von 1929 bis 1987 in Deutschland spielt und von Dresden über Leipzig nach Berlin und Wiesbaden führt, ist er ein deutsches Epos dieser Zeit.“
(aus dem Klappentext)

Nun, Martin Walser zeigte damals Interesse an dem Nachlass und strickte daraus diesen Roman – so wie er Jahre später die ihm angebotenen Akten eines hessischen Landesbeamten, der jahrelang mit seiner vorgesetzten Behörde, der hessischen Staatskanzlei zu Wiesbaden, stritt, zu dem Roman Finks Krieg verarbeitete. Wie hier so sehen wir uns im letzten Drittel des Romans ‚Verteidigung der Kindheit’ in Wiesbaden wieder, wo Alfred Dorn, der Held des Romans, ebenfalls als Beamter arbeitet.

Wie der Roman ‚Finks Krieg’ so verlangt auch die ‚Verteidigung der Kindheit’ viel Geduld vom Leser, denn mit Alfred Dorn haben wir es wieder mit einer der vielen überempfindlichen Walser-Gestalten zu tun, „denen das Leben ganz und gar nicht leichtfällt, denen so vieles mißlingt und die deswegen komisch sind.“ „Sein Held Alfred Dorn ist eine armselige, rührende Erscheinung, eine unausstehliche Mimose, ein Muttersöhnchen, ein Hysteriker. Und doch nimmt man an seinem Schicksal fast ohne Unterlaß mitleidend teil. So fremd einem dieser Neurotiker sein mag, seine überempfindlichen Beobachtungen bieten doch immer wieder Züge an, in denen sich viele wiedererkennen können.“ (Quelle: Ein deutsches MuttersöhnchenJoseph von Westphalen über Martin Walsers neuen Roman „Die Verteidigung der Kindheit“)

Das vorrangige Interesse Walsers an dem Nachlass dürfte aber auch durch das besondere Verhältnis des Beamten Dorn zu seiner Mutter ausgelöst worden sein. Martin Walser selbst hatte, wie wir in seinem Tagebuch aus dem Jahre 1967 erfahren, ein inniges Verhältnis zu seiner Mutter und war am Boden zerstört, als diese verstarb. Da war Walser 40 Jahre alt. – Und viele Jahre später beschäftigte sich Walser noch einmal mit einem außergewöhnlichen Sohn-Mutter-Verhältnis in Muttersohn.

Für mich ist es eines der schönsten Romane Martin Walsers, dermaßen detailliert, wie aus dem wahren Leben gegriffen, der uns in eine Zeit führt, die die Älteren unter uns längst vergessen und die die Jungen nicht kennen gelernt haben. So ist es ein Roman gegen das Vergessen, auch wenn es hier ganz speziell auf den Romanhelden gemünzt ist, der in seiner ungewöhnlichen Liebe zu seiner Mutter beginnt, alles zu sammeln, was in seinem Leben von Belang zu sein scheint: „… jetzt kommt es auf jedes Foto an, auf jedes Backrezept, jeden Bettvorleger.“ (S. 263)

Und natürlich sind es Sprüche, Worte, die die Eltern sprachen und die nicht dem Vergessen anheimfallen dürfen: „Laßt den Jungen erst mal groß werden. Vaters Satz. Alfred spürte geradezu, wie Vaters Hand bei diesem Satz auf seinem Kopf hin und her rieb. Da kannste warten, biste schwarz bist. Hatte die Mutter gesagt. Der Vater: Dich laß ich an der ausgestreckten Hand verhungern. Die Mutter: Halt die Luft an. Der Vater: Du kriegst gleich eine gewienert. Die Mutter? Der Vater: Wenn Dummheit weh täte, müsstest du ununterbrochen schreien. Die Mutter? Der Vater: Dumm geboren und nichts dazugelernt. Die Mutter: Halt doch mal deine blöde Pappe. Der Vater: Und wenn ich dir eine vor den Latz knalle. Die Mutter: Das ist gehuppt wie gesprungen. [usw.]“ (S. 437)

Alfred Dorn wünscht sich „soviel Menschen, so viele Museen. Das fände er angemessen. Milliarden Museen. Das wäre seine Welt. Die Frage, wer diese Museen besuche, ist nicht angebracht. Das Bewahren ist ein Bedürfnis. Jeder Mensch will bewahrt werden. Er sagte es ja auch keinem, daß er sich bewahren will. Wahrscheinlich sagt das keiner, deshalb sieht es so aus, als sei jeder mit seiner Vernichtung einverstanden. Jeder Mensch verdient ein Museum.“ (S. 320)

„Gegenwart -, das war für ihn der Zwang, die Vergangenheit zurückzulassen, sich dem Leben zuzuwenden. Leben -, das war eine Zusammenstellung von Aufgaben, die ihm nicht lagen. Zukunft war für ihn nur eine ins Unerträgliche gesteigerte Fortsetzung der Gegenwart: fortgeschrittener Zerfall, den er an Haaren und Zähnen, Haut und Knochen immer schon erlebte und mit immer größerer Aufmerksamkeit und Angst beobachtete. In jedem Augenblick konnte diese Angst vor dem Verfall ausbrechen, der Schrecken, den das Vergehen weckt.“ (S. 198) Nein, Alfred Dorn will und kann nicht erwachsen werden. Die Welt der Erwachsenen bleibt ihm immer fremd. „Besessen trägt Alfred alle Spuren seiner Kindheit, deren er habhaft werden kann, zusammen. Berge von Fotos, Briefe, bis hin zu Kämmen der Mutter“ und eine Fischsturzform. „Auch dies ein rührendes und noch in seinem Wahn ehrenwertes Bemühen in einer Zeit, in der längst die Wegwerfgesellschaft triumphiert.“

Dorns Problem ist die Zeit, in der er lebt. Da gab es noch zwei Deutschland. Und weil er aus dem östlichen ins westliche geflüchtet war, ist es nicht leicht, die Objekte seiner Sammelleidenschaft, die sich noch im Dresden befinden, in den Westen zu bekommen. Und es ist die Zeit selbst, die vergeht und die ihn in Anspruch nimmt für Dinge und „Aufgaben, die ihm nicht lagen.“

„… vor der Pensionierung konnte er nicht beginnen. Aber vorbereitet wollte er sein, wie noch nie jemand vorbereitet gewesen war. Vielleicht war es ein Zeichen der Erschöpfung, daß er jetzt öfter die Hoffnung mobilisierte, die soviel Kraft beanspruchende Vorbereitung sei schon das, was sie vorbereiten sollte: die Verteidigung der Kindheit gegen das Leben.“ (S. 511)

Ja, diesen Walser mag ich, der das Alltägliche unseres Lebens auf eine Weise festzuhalten versteht wie kein anderer und daraus meisterliche Literatur zu gießen versteht. Seine Helden sind meist eigentümliche Versager, die sich kaum gegen die Großsprecher zu wehren verstehen. Aber in aller Tragik besticht Walser durch trockenen Witz, der die dargestellte Pein erträglich macht.

„Es hat lange keinen Roman in deutscher Sprache gegeben, der in diesem Ausmaß Durchblicke auf die historischen und politischen Ereignisse gestattet hat und von Realität durchdrungen ist.“ (Die Zeit)

„Martin Walsers 500seitiges Meisterwerk, das an einem individuellen Lebensschicksal nicht nur Erinnerungsarbeit an das deutsch-deutsche Verhängnis in seinen ‚Kleinkatastrophen’ leistet, sondern sich zu einer ergreifenden Klage über die Unmöglichkeit der Liebe und die Schrecken der Vergänglichkeit überhaupt steigert.“ (Neue Zürcher Zeitung)

Ein Scheibchen vom großen Kuchen

Wenn sie könnten, dann würden sich die Verantwortlichen beim SV Werder Bremen gern ein Scheibchen vom großen Kuchen abschneiden, den die Bayern diese Saison backen. Schon fünf Spieltage vor Ende der Fußball-Bundesliga-Saison eilt der FC Bayern München von einer Rekordmarke zur anderen. Längst schon sind die Münchner deutscher Meister – und haben mit DFB-Pokal (heute Abend im Halbfinale gegen den VfL Wolfsburg) und Champions League noch zwei weitere heißen Eisen im Feuer, wenn es im Halbfinale in der Champions League mit den FC Barcelona auch nichts mit dem gewünschten Gegner, nämlich Borussia Dortmund, wurde. Aber wer am 25. Mai 2013 im Londoner Wembley-Stadion am Ende die Nase vorn haben will, der muss alle anderen Mannschaften schlagen können. Können, das sollten die Bayern.

Mehr können als bisher geleistet, dass gilt für Werder Bremen. Statt Kuchen trocken Brot. Es ist schon komisch, wenn man wie letzten Sonntag die Meldung zum Spiel des FC Augsburg im Radio oder am PC verfolgt, nur um zu horchen, ob die Bayerisch-Schwaben vielleicht den Bremern wieder näher auf den Pelz rücken. Und sie rücken. Der Fastabsteiger rappelt sich noch einmal auf und kommt dem rettenden 15. Tabellenplatz immer näher. Werder steht weiterhin auf Platz 14, also dicht vor dem Abgrund. Nach acht Spielen ohne Sieg (und lediglich vier Pünktchen von 24) geht es am kommenden Wochenende gegen Wolfsburg weiterhin nur noch gegen den Abstieg.

Werder Bremen: ein sinkendes Schiff?

Ich will hier keine Prognosen wagen (im Falle von Werder Bremen wäre das äußerst gewagt), aber noch kann ich mir nicht vorstellen, dass die Bremer in die 2. Liga absteigen (wenigstens nicht diese Jahr). Aber das konnten sich die Hoffenheimer am Anfang der Saison auch nicht. So darf man jetzt schon einen Blick auf die nächste Saison werfen. Und wie schon vor vier Wochen aufgeführt (Alles auf Null?) sieht die Zukunft nicht gerade rosig für die Bremer aus. Diese kann nur darin bestehen, den eigenen Nachwuchs an die 1. Mannschaft heranzuführen. Dass dann wiederum ein weiteres Jahr im unteren Drittel der Tabelle herausspringt, ist jetzt schon klar.

Ich habe noch einmal hier und da geguckt, um die eine oder andere Ursache für das Absacken von Werder herauszufinden. Ich kann mir nicht helfen: Aber es ist zu einem großen Teil die fehlgeschlagene Personalpolitik (ich weiß, ich wiederhole mich). Ein (neues) Beispiel ist Max Kruse, der bei Werder nichts wurde und jetzt beim FC Freiburg zu einem wichtigen Leistungsträger (10 Tore, 7 Vorlagen) geworden ist. Und Freiburg ist nicht irgendwer, sondern mischt weiterhin ganz oben in der Tabelle mit. Heute würde man sich in Bremen die Finger nach ihm lecken …

Nichts gegen Mehmet Ekici. Aber bedenkt man, dass Dortmund 2011 nicht viel mehr Geld an den 1. FC Nürnberg für Ilkay Gündogan überwiesen hat als Werder für Ekici – und man heute sieht, was der eine leistet und der andere nicht, dann kann man schon ins Grübeln kommen. Und da ist noch ein Eljero Elia (ja, schon wieder der), der bis 2016 einen Vertrag mit Werder hat und dessen Leistungen weiterhin eher bescheiden sind.

Auch nichts gegen Klaus Allofs. Aber als ehemaliger Hauptverantwortlicher in Sachen Personalpolitik hatte er in seiner letzten Zeit bei Werder nicht mehr das glückliche Händchen wie früher (z.B. Diego, Özil). Der neue Sportdirektor, Thomas Eichin, wird angesichts leerer Kassen kaum etwas bewegen können. Er wird höchstens verkaufen können: Neben Elia gilt auch Marko Arnautovic (nach anfänglich guten Leistungen glänzt er zz. wieder nur durch Mäßigkeit) als Verkaufskandidat. Im Übrigen will Eichin bei Transfers künftig nicht nur auf das Talent achten: „Bei der Verpflichtung von Spielern lege ich großen Wert auf Charaktereigenschaften wie Teamgeist und bedingungslosen Siegeswillen.“ Dann erspart man sich vielleicht solche Luschen wie die zuvor Genannten.

Nun die Saison geht in die letzten Runden. Werder-Fans werden froh sein, wenn sie endlich den großen Haken hinter dieser Saison setzen können. Bei den Bayern sieht das ganz anders aus (da könnte man wirklich neidisch werden): Die Höhepunkte stehen denen noch bevor, so ein erster nächste Woche am Dienstag im Halbfinalspiel gegen den FC Barcelona.

P.S. Nein, nichts zu den frühen Gegentoren, die Werder immer noch kassiert (Sind die blöd?!) …

Martin Barre & Band auf Deutschland-Tour

Nach den Remixen von Aqualung und Thick as Brick (TAAB) plant Ian Anderson, auch die Scheiben „Benefit“ und „A Passion Play“ von Steven Wilson u.a. 5.1-mäßig aufpolieren zu lassen („Benefit“ ist wohl schon ‚im Kasten’). Außerdem soll im nächsten Jahr nun auch noch ein 3. Teil von TAAB eingespielt werden: die öfter schon angekündigte Heavy Metal-Platte. Und damit alte Jethro Tull-Fan nicht darben müssen, darf man wohl auch noch mit einer DVD/BluRay zur aktuellen Tour (TAAB/TAAB2) rechnen (Quelle u.a. Jethro Tull Board @ www.laufi.de). Damit Ian Andersons Klingelbeutel wohltönend läutet (oder so ähnlich, Ihr wisst schon …). Zudem ist der Flötenschrat ab 30. April auch wieder auf deutschen Bühnen zu hören und sehen.

Warum lässt mich das alles als alten Tull-Fan eigentlich so völlig kalt?

Interessanter ist für mich erst einmal die Tatsache, dass Martin Barre (immerhin 43 Jahre Stage left Gitarrist an der Seite von Ian Anderson) mit Band ebenfalls auf Deutschland-Tour sein wird. Das Ganze beginnt am 20. Oktober in Münster. Da der Name Jethro Tull wohl den Geschichtsbüchern angehört (das Porzellan ist wohl nicht mehr zu kleben – Anderson und Barre gehen getrennte Wege), aber Barre natürlich die lange Zusammenarbeit mit Anderson nicht leugnen kann, so wird man von Barre & Co. natürlich auch viele (alte) Stücke von Jethro Tull zu hören bekommen.

    Martin Barre & Band – Live in Europe Tour 2013

Natürlich ist Martin Barre nicht Jethro Tull (Ian Anderson ohne Barre ist es aber auch nicht mehr), und über seine Mitstreiter ließe sich lange (oder auch nicht – evtl. ist Dave Pegg, gleichfalls Ex-Jethro Tuller, am Bass dabei) diskutieren. Hier vielleicht zum Hineinhören einige Videos bei YouTube mit Martin Barre & Band – und Audio-Ausschnitte von Martin Barres Website.

Da aber Barre & Co. im Oktober (und zwar am Freitag, den 25.10.) gewissermaßen vor meiner Haustüre auftritt und die Eintrittspreise mit 25 € moderat sind, da komme ich dann doch ins Grübeln, ob ich mir (möglichst mit meinen Söhnen) den alten Gitarrenfuzzi reinziehen werde. Ist ja noch etwas Zeit bis dahin.

Nun am 25. Oktober tritt Barre mit Band in der Empore in Buchholz in der Nordheide auf. Da die Empore selbst keine Werbung für das Konzert macht, Karten aber schon (eben für 25 € das Stück) erhältlich sind, gehe ich davon aus, dass die Halle für das Konzert lediglich angemietet wurde. Dann dürfte das Konzert unbestuhlt stattfinden. Rund 800 Leute ließen sich so unterbringen.

    Martin Barre

P.S. Meine Söhnen wollen auf jeden Fall mit ins Konzert: Dann also auf! Immerhin ist Martin Barre einer der weltbesten Rockgitarristen. Es wäre traurig, wenn der ‚Laden’ nicht voll werden sollte.

Siehe auch meine Beiträge: Meine 10 größten Gitarristen der Rockmusik: Martin Barre100 größten Gitarrensolos der Rockmusik – Plätze 21 – 30

Heute Ruhetag (35): Johann Fischart – Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung

Das 20. Jahrhundert war stolz auf seine „innovative“, „avancierte“, „experimentelle“ Moderne. Von Schwitters bis Burroughs und von Joyce bis Arno Schmidt galt die Parole: je extremer, rätselhafter, rücksichtsloser, desto besser. Aber das noch nie Dagewesene hat einen ehrwürdigen Stammbaum. Eigenbrötler, Selbstdenker, bizarre Neuerer hat es in der deutschen Literatur immer gegeben. Einer dieser Alten Wilden war Johann Fischart. Seine Geschichtklitterung ist keine Rabelais-Übersetzung, sondern ein entfesselter Karneval der Wörter. Der Text des Gargantua ertrinkt in einer chaotischen Flut von Sprachspielen und Assoziationen. Fischart selbst nannte sein Werk „ein Muster der heute verwirrten ungestalten Welt“, und Jean Paul sah darin einen „goldhaltigen Strom“. Wir Heutigen können mit glatter Stirn behaupten, daß wir hier ein Finnegans Wake aus dem 16. Jahrhundert vor uns haben. (Quelle: die-andere-bibliothek.de)

Johann Fischarts Geschichtsklitterung findet ihren Niederschlag besonders im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (online aufrufbar). Nirgends wird Fischart mit seinem ‚Karneval der Wörter’ so häufig zitiert wie hier. Man schaue z.B. bei den Stichworten Geschichtsklitterung bzw. Klitterung nach – Schlucker oder gar Kruckenstupfer („der an der krücke geht, eig. mit der krücke wiederholt aufstöszt (stupfen stoszen)“).

siehe auch : Phantasie ohne Grenzen

Heute Ruhetag = Lesetag!

Ein und VorRitt, oder das Parat unnd Bereytschlag, inn die Chronick vom Grandgoschier, Gurgellantual und Pantadurstlingern.

Ihr meine Schlampampische gute Schlucker, kurtzweilige Stall und Tafelbrüder: ihr Schlaftrunckene wolbesoffene Kautzen und Schnautzhän, ihr Landkündige und Landschlindige Wein Verderber unnd Banckbuben: Ihr Schnargarkische Angsterträher, Kutterufstorcken, Birpausen, und meine Zeckvollzepfige Domini Winholdi von Holwin: Ertzvilfraß lappscheisige Scheißhaußfüller unnd Abteckerische Zäpfleinlüller: Freßschnaufige Maulprocker, Collatzbäuch, Gargurgulianer: Grosprockschlindige Zipfler und Schmärrotzer: O ihr Latzdeckige Bäuch, die mit eim Kind essen, das ein Rotzige Nasen hat: ja den Löffel wider holt, den man euch hinder die thür würfft: Ja auch ihr Fußgrammige Kruckenstupfer, Stäbelherrn, Pfatengramische Kapaunen, händgratler, Badenwalfarter: Huderer, Gutschirer, Jarmeßbesucher, ihr Gargantztunige Geiermundler und Gurgelmänner, Butterbrater, safransucher, Meß und Marcktbesucher, Hochzeitschiffer, Auffhaspler, Gutverlämmerer, Vaterverderber, Schleitzer, Schultrabeiser: Und du mein Gartengeselschafft vom Rollwagen, vom Marckschiff, von der Spigeleulen, mit eueren sauberen Erndfreien Herbstsprüchen. Ihr Sontagsjüngherlin mit dem feyertäglichen angesicht, ihr Bursch und Marckstanten, Pflastertretter, Neuzeytungspäher, Zeitungverwetter, Naupentückische Nasen und Affenträher, Rauchverkeuffer, Geuchstecher, Blindmeuß und Hütlinspiler, Lichtscheue Augennebeler: Und ihr feine Verzuckerte Gallen und Pillulen, unnd Honiggebeitzte Spinnen. Sihe da, ihr feine Schnudelbutzen. Ihr Lungkitzlige Backenhalter unnd Wackenader, ihr Entenschnaderige, Langzüngige Krummschnäbel, Schwappelschwäble, die eym eyn Nuß vom Baum schwetzen: ihr Zuckerpapagoi, Hetzenamseler, Hetzenschwetzer, Starnstörer, Scherenschleiffer, Rorfincken, Kunckelstubische Gänsprediger, Schärstubner, Judasjagige Retscher, Waffelarten, Babeler und Babelarten, Fabelarten und Fabeler, von der Babilonischen Bauleut eynigkeyt. Ihr Hildenbrandsstreichige wilde Hummeln, Bäumaußreisser, Trotzteuffelsluckstellige Stichdenteuffel unnd Poppenschiser, die dem Teuffel ein horn außrauffen, unnd pulferhörnlein drauß schrauffen. Unnd endlich du mein Gassentrettendes Bulerbürstlein, das hin und wider umbschilet, und nach dem Holtz stincket, auch sonst nichts bessers thut, dann rote Nasen trincket, und an der Geysen elenbogen hincket. Ja kurtzumb du Gäuchhornigs unnd weichzornigs Haußvergessen Mann unnd Weibsvolck, sampt allem anderen dürstigen Gesindlein, denen der roh gefressen Narr noch auffstoset.

    Johann Fischart - Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung

Ihr all, sag ich noch einmal, verstaht mich wol, solt sampt und sonders hie sein meine liebe Schulerkindlein, euch wil ich zuschreiben diß mein fündlein, pfündlein und Pfründlein, euer sey diß Büchlin gar mit haut und haar, weil ich doch euer bin so par, Euch ist der Schilt außgehenckt, kehrt hie ein, hie würd gut Wein geschenckt: was lasset ihr lang den Hipenbuben vergebens schreien? Ich kan euch das Hirn erstäubern, Geraten ihr mir zu Zuhörern, so wird gewiß dort die Weißheit auff der Wegscheid umbsonst rufen.

[…]

Johann Fischart: Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung (Text der Ausgabe letzter Hand von 1590)

Hierzu Des Autors Prolog aus François Rabelais: Gargantua und Pantagruel (1532) in einer Übersetzung von Gottlob Regis (1832), der dem obigen Fischart-Text „Ein und VorRitt …“ ‚sehr entfernt’ entspricht.

Sehr treffliche Zecher und ihr, meine kostbaren Venusbrüder (denn euch und sonst niemandem sind meine Bücher zugeschrieben): Alcibiades, in dem Gespräch des Platon, Gastmahl betitelt, sagt unter anderen Reden zum Lob seines Meisters Sokrates, welcher unstreitig der Weltweisen Kaiser und König war, daß er sei gleich den Silenen gewesen. Silenen waren einstens kleine Büchslein, wie wir sie heut in den Läden der Apotheker sehen, von außen bemalt mit allerlei lustigen, schnakischen Bildern, als sind Harpyien, Satyrn, gezäumte Gänslein, gehörnte Hasen, gesattelte Enten, fliegende Böcke, Hirsche, die an der Deichsel ziehen, und andre vergnügliche Bilder mehr, zur Kurzweil konterfeiet, um einen Menschen lachen zu machen: wie denn des guten Bacchus Lehrmeister Silenus auch beschaffen war. Hingegen im Innersten derselben verwahrte man die feinen Spezereien, als Balsam, Bisam, grauen Ambra, Zibeth, Amomum, Edelstein und andre auserlesene Dinge. So, sagt er, war auch Sokrates; weil ihr denselben von außen betrachtend und äußerm Ansehn nach schätzend nicht einen Zwiebelschnitz für ihn gegeben hättet: so häßlich war er von Leibesgestalt, so linkisch in seinem Betragen, mit einer Spitznas, mit Augen wie eines Stieres Augen, mit einem Narrenantlitz, einfältigen Sitten, bäurisch in Kleidung, arm an Vermögen, bei Weibern übel angesehen, untauglich zu allen Ämtern im Staat, immer lachend, immer jedem zutrinkend, immer Leute foppend, immer und immer Verstecken spielend mit seiner göttlichen Wissenschaft. Aber, so ihr die Büchse nun eröffnet, würdet ihr inwendig gefunden haben himmlisch unschätzbare Spezereien: einen mehr denn menschlichen Verstand, wunderwürdige Tugend, unüberwindlichen Starkmut, Nüchternheit sondergleichen, feste Genügung, vollkommenen Trost, unglaubliche Verachtung alles dessen, darum die sterblichen Menschen so viel rennen, wachen, schnaufen, schiffen und raufen.

007 James Bond: Skyfall

Ein dritter Versuch – und ein drittes Mal kann ich nur sagen: nein, das ist nicht ‚mein’ Bond. Ich kann und werde mich wohl nie mit Daniel Craig als James Bond anfreunden. „Allein sein Äußeres sagt mir nicht zu, den gedrungenen Körper und dieses dazu unpassende Gesicht“ – wie ich schon einmal schrieb. Meine beiden Söhne, die den Film übrigens schon im Kino gesehen haben, pflichten mir bei.

„Burnout, Kindheitstrauma, Mutterkomplex – und womöglich sogar schwul?“ (Quelle: spiegel.de) Man beugt sich dem Zeitgeist. Aber auch das hilft wenig. Skyfall heißt also der neueste Bond.

    James Bond 007 - Skyfall

„James Bonds (Daniel Craig) Loyalität zu seiner Vorgesetzten M (Judi Dench) wird auf die Probe gestellt, als die resolute Chefin des MI6 von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt wird. M hat Daten verloren, die alle Agenten enttarnen können, die in terroristische Zellen eingeschleust wurden. Dadurch gerät der britische Geheimdienst ins Fadenkreuz eines Verbrechers, durch dessen Skrupellosigkeit viele Menschen ihr Leben lassen müssen. Nun liegt es an 007 die unheimliche Bedrohung aufzuspüren und aufzuhalten, die den gesamten Geheimdienst an den Rand des Zerfalls treibt. Und wie Bond schnell merkt, ist sein Gegenspieler kein Unbekannter, der darüber hinaus bestens mit der Vorgehensweise des MI6 vertraut ist – aus eigener Erfahrung. Der Agent im Dienste Ihrer Majestät setzt nun alles daran, dem Verbrecher das Handwerk zu legen. Es ist egal, zu welchem Preis – so lautet die Anweisung.“

aus: filmstarts.de


James Bond 007: Skyfall

Und noch einmal wiederhole ich mich, denn was ich zum 2. Teil (Ein Quantum Trost) schrieb, gilt für mich auch für diesen 3. Bond-Film mit Daniel Craig: „Allein dieses ‚very british’ vermissen meine Söhne und ich an dem neuen Bond. Ihm fehlt jegliche Selbstironie, die Briten auszeichnet. Sein Charme ist der eine Hyäne. Das Wenige an Witz, das er hervorbringt, ist lahm. Und seine Sprüche reißen keinem vom Hocker. Ausgeglichen wird das durch eine Orgie an Action und Gewalt. Aber was zu viel ist, das ist einfach zu viel. Selten habe ich mich vor dem Bildschirm so sehr danach gesehnt, dass diese endlosen Verfolgungsjagden und Schießereien endlich ein Ende finden.“

Übrigens: Nachdem die ersten beide Teil mit Daniel Craig in der Hauptrolle ohne Miss Moneypenny auskamen, lernen wir sie in diesem Teil am Schluss des Films kennen – und zudem ihren Vornamen: Eve.

siehe auch: Gerührt oder geschüttet? Der neue Bond ist da

Tatort Saarbrücken: Eine Handvoll Paradies

Nachtrag zu meinem Beitrag: Münsteraner Mörderland – Vorgestern Abend habe ich mir die zweite Tatort-Folge aus Saarbrücken: Eine Handvoll Paradies (Erstsendung: 07.04.2013) angeschaut.

Tatort Saabrücken: Eine Handvoll Paradies (Erstsendung: 07.04.2013)

Okay, der Hauptkommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) bedient sich schon ziemlich unorthodoxen Methoden, sein rosafarbener Roller, überhaupt sein Outfit spottet jeder Beschreibung – und seine Kollegin Lisa Marx (Elisabeth Brück) ist eine eher schlechte Lara Croft-Kopie. Die Rocker sind eine Karikatur ihrer selbst. Trotzdem finde ich diese neuen Saarbrücken-Tatorte einfach köstlich, also auch diese Folge. Stellbrink ist einfach schräg.

Irgendwie werde ich dabei an die Coen-Brüder erinnert (z.B. an Filme wie Fargo oder The Big Lebowski, hier u.a. auch die Traumsequenz). Und die Rocker kann man in etwas anderer ‚Aufmachung’ in Martin Walsers Roman Muttersohn (der ja auch sehr schräg ist) wiederfinden.

Natürlich hapert es manchmal an der Logik (z.B. wenn am Ende die Polizei genau dort aufkreuzt, wo sie gebraucht wird, weil der Tank des Rollers von Hauptkommissar Stellbrink ein Leck hatte und sie der Benzinspur folgte), aber was soll’s. Wie in der erste Folge ging es auch hier um Drogen. Da könnte man natürlich fragen, welche davon der Drehbuchautor genommen hat.

Insgesamt hoffe ich nicht, dass das Gequake zu groß ist und der Tatort deshalb abgesetzt wird. Die Reihe wird auch einen Hauptkommissar Stellbrink verkraften – wie sie sicherlich auch einen Nick Tschiller alias Til Schweiger verdauen kann.

… bald kommt Haarmann auch zu dir …

    Warte, warte nur ein Weilchen,
    bald kommt Haarmann auch zu dir,
    mit dem kleinen Hackebeilchen,
    macht er Hackefleisch aus dir.

Manche mögen es morbid finden, wie ich mich immer wieder mit der Bestie Mensch und seiner Destruktivität beschäftige und besonders vor Massenmördern nicht Halt mache. Fritz Haarmann (1879-1925), von dem der Liedertext nach der Melodie des Operettenliedes „Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt auch das Glück zu dir“ handelt, ermordete zwischen 1918 und 1924 mindestens 24 männliche Jugendliche in Hannover und wurde am 15.4.1925 durch das Fallbeil hingerichtet. Zu Forschungszwecken wurde der Schädel aufgehoben. Noch heute befindet sich der in einer konservierenden Flüssigkeit eingelegte Kopf in Göttingen.

    Fritz Haarmanns Kopf

Haarmann war ein homosexueller Kleinkrimineller und aufgrund seiner Kenntnisse des kriminellen Milieus von der Polizei als Spitzel engagiert. In der Nachkriegszeit mit ihrem knappen Warenangebot lebte Haarmann vom Handel mit Altkleidern und Fleischkonserven. Manche der Altkleider stammten von seinen Opfern. Haarmann hat, so das Ergebnis des international beachteten Prozesses im Dezember 1924, die jungen Männer, meist Stricher oder Ausreißer, am Bahnhof aufgelesen und sie in seiner Wohnung in der Roten Reihe getötet, indem er sie im Liebesakt in den Hals biss. Seine Opfer wurden zerstückelt, die Gebeine in die Leine geworfen. Ob er auch Menschenfleisch verkaufte, wurde nie geklärt. Neben Peter Kürten, dem Vampir von Düsseldorf, war Haarmann einer der schlimmsten Serienmörder zu Zeiten der Weimarer Republik.

Fritz Haarmann – Serienmörder in Hannover zwischen 1918 und 1924

Der Fall Haarmann fand nicht nur in dem makabren Lied seinen Niederschlag, sondern wurde mehrmals filmisch bearbeitet, so bereits 1931 in einem Film von Fritz Lang: M – Eine Stadt sucht einen Mörder (im Wesentlichen liegt dem Film aber der Fall des Peter Kürten zu Grunde), dann in den Filmen Die Zärtlichkeit der Wölfe (Regie: Uli Lommel, D 1973, Produktion: Rainer Werner Fassbinder) und Der Totmacher (Regie:Romuald Karmarkar, D 1995) mit Götz George als Haarmann.

Aber bereits zu Lebzeiten Haarmanns wurde 1924 unter dem Titel „Der Kriminalfall in Hannover“ ein etwa 20minütigen Stummfilm gedreht, von dem allerdings nur fünf Minuten erhalten sind. Sie zeigen Aufnahmen aus der Innenstadt und Altstadt Hannovers, Orte an denen Haarmann wohnte bzw. sich aufhielt. Die Fragmente des Films zeigen wahrscheinlich die ältesten erhaltenen Bewegtbilder aus Hannover: Der Kriminalfall in Hannover

Bewertenswert ist, welche makabre ‚Faszination’ der Fall Haarmann bis heute noch ausübt. Haarmann selbst war sich bereits seiner Vermarktbarkeit bewusst: „Wenn ich so gestorben wäre, dann wäre ich beerdigt worden und keiner hätte mich gekannt, so aber – Amerika, China, Japan und die Türkei, alles kennt mich.” (aus: Auf „gute Nachbarschaft“ – von Thomas Christes)

So gibt es eine Menge an Materialien, z.B. Bücher, ja sogar einen Comic zu Haarmann und zum Film Der Totmacher im Handel. Serienkiller, Massenmörder, die die Phantasie anregen? Es ist schon erstaunlich, wie viel Material allein das Internet hergibt.

Siehe auch: „Der Ordnung verpflichtet …“. Auf den Spuren der hannoverschen Polizei – zum Fall Haarmann


Die Grausamsten Serienkiller – (Dokumentation Geschichte, History)

Wie war doch gleich der Name? | Dialoge (1) | Der Zitatensammler

„Wie war doch gleich der Name?“
„Ich habe keinen Namen genannt, weder den meinen, noch irgendeinen anderen.“
„Ich dachte …“
„Denken, so sagt man, ist Glückssache! Außerdem sollte man, so sagt man auch, das Denken den Pferden überlassen. Die haben größere Köpfe!“
„Sie meinen Elefanten!“
„Ich sagte Pferde. Elefanten gibt es bei uns nur im Zoo. Vielleicht gilt das für Indien oder die Serengeti. Aber eigentlich passt Elefant und Denken nicht. Elefanten haben etwas mit Erinnern zu tun. Sie wissen doch: Elefanten vergessen nicht!“
„… und haben Angst vor Mäusen!“
„Wollen Sie meinen Job übernehmen, oder was?“
„Ich verstehe nicht …“
„Ich bin wie ein dritter Bruder der Grimms. Sie kennen doch die Brüder Grimm, Jacob und Wilhelm? Eigentlich wäre die Vier passender, denn da gab es noch den Ludwig, bekannt als Maler und Radierer. Bleiben wir aber bei drei.“

Wie war doch gleich der Name? | Dialoge

„Ich verstehe immer noch nicht!“
„Ganz einfach, wie die Grimms Märchen und Wörter gesammelt haben, so sammle ich Zitate: Denken ist Glückssache! Das Denken soll man den Pferden überlassen, die haben den größeren Kopf. – Verstehen Sie jetzt?“
„Ihr Name ist also Grimm?!“

Münsteraner Mörderland

Gleich zu Beginn meines Osterurlaubs gab es den inzwischen 23. Fall eines Tatorts aus Münster mit Thiel und Boerne: Summ, Summ, Summ. Längst habe ich es gestanden, ein Thiel und Boerne-Fan zu sein, wie ich überhaupt ein großer Fan der Tatort-Reihe bin. Aber die letzten Folgen haben doch ziemlich nachgelassen, auch wenn der Wortwitz der beiden sich ewig in den Haaren liegenden Protagonisten hier wieder Höhepunkte erreicht.

    Tatort – TV-Reihe der ARD (seit 1970)

Ja, mit Kriminalfilmen ist das so etwas. Ich denke, es gibt drei Arten von Krimis. Einmal die Actionkracher (der erste Schweiger-Tatort aus Hamburg: Willkommen in Hamburg ließe sich hier einordnen). Dann die tiefschürfenden, psychoanalytisch angehauchten Krimis, von denen es in der Tatort-Reihe viele gibt und die die Reihe im Wesentlichen ausmachen. Zuletzt dann die Krimis a la Thiel und Boerne, in denen es nicht ganz so ernst zugeht und die zwar noch nicht eine Parodie des Genres sind, aber manchmal dem sehr nahe kommen. Spannend sollten sie trotzdem sein (was Thiel und Boerne dann auch sind).

Ich persönlich mag die vor allem die 2. und 3. Art dieser Gattung. Actionfilme sind für mich nur dann okay, wenn sie auch eine gewisse Tiefe besitzen (z.B. die Millennium Trilogie (VerblendungVerdammnisVergebung).

Aber zurück zu Thiel und Boerne: Das Summ-Summ-Gesumms mit Roland Kaiser als Roman König, mittendrin dezent ermordeter Frauenheld und Schlageraffe (fast wie im realen Leben des Herrn Kaiser), hatte mir Appetit auf weitere Münster-Tatort-Folgen gemacht. Und da ich von den bisher 23 Folgen erst 16 gesehen habe, konnte ich mich auf sieben noch ausstehende freuen. Geschafft habe ich während des Urlaubs, mir in ruhigen Abendstunden vier Folgen anzuschauen (ich wollte ja nicht übertreiben – und ich freue mich natürlich, noch weitere Folgen in petto zu haben):

Der Frauenflüsterer (2005) – Der doppelte Lott (2005) – Das ewig Böse (2006) – Das zweite Gesicht (2006)

Und meine Erwartungen wurden erfüllt. Feine Krimikost, vielleicht manchmal etwas konstruiert, aber immer gemischt mit herrlich geistreich-witzigen Dialogen zwischen dem Hauptkommissar Thiel und dem Gerichtsmediziner Prof. Boerne.

Und ich habe mir dann auch noch zwei weitere etwas neuere, aufgezeichnete Tatort-Folgen aus Bremen: Puppenspieler (24.02.2013) und Saarbrücken: Melinda (27.01.2013) angeschaut. Auch diese Folgen zeichneten sich durch einen gewissen Witz aus. Die Hauptkommissarin Inga Lürsen hat einen neuen Kollegen, Leo Ulfanoff (sieht aus wie ein zerzauster Pandabär, meditiert bisweilen, verführt die Kommissarin zu grünem Tee und anderem), bekommen, da es den Hauptkommissar Stedefreund als Ausbilder nach Afghanistan zieht. Dieser Ulfanoff ist ein recht kurioser Typ. Saarbrücken hat gleich ein neues Ermittlerteam – allen voran Hauptkommissar Jens Stellbrink, der sich durch ziemlich unorthodoxen Methoden auszeichnet. Ich hatte hier das Gefühl, dass Münster aus Saarbrücken echte Konkurrenz bekommen könnte. Inzwischen gab es auch schon eine zweite Folge aus Saarbrücken: Eine Handvoll Paradies (07.04.2013), die allerdings von der Kritik und den Zuschauern als angeblich bisher schlechteste Tatort-Folge geradezu verrissen wurde (siehe u.a.: Gestohlene Lebenszeit). Allerdings eine durchaus positive Kritik habe ich dann auch gefunden: Mit dem Roller durch die Rocker („am Ende lehnt man sich lächelnd zurück und freut sich über einen Riesenspaß. Zeitdiebstahl jedenfalls sieht anders aus.“) Da ich die Folge noch nicht gesehen habe (sie schlummert auf meinem Rechner – inzwischen habe ich sie gesehen) bin ich jetzt richtig gespannt … Die erste Saarbrücken-Folge fand ich nämlich ganz gut, wenn dieses Ermittlerteam vielleicht auch nicht so ganz ins Tatort-Konzept passt (und noch eine Tatort-Folge befindet sich auf meinem Rechner: München: Macht und Ohnmacht (01.04.2013)).

Nun, die Tatort-Fans sind in den letzten Wochen ganz schön ins Schwitzen geraten: Hamburg mit Til Schweiger und jetzt Saarbrücken mit Devid Striesow. Aber auch die Vielfalt macht eine gute Reihe aus (und da komme ich sogar über Til Schweigers Genuschel schnell hinweg). Und die nächsten neuen Ermittlerteams befinden sich schon in den Startlöchern.

siehe auch meine Beiträge: Horst Schimanski, DuisburgIst Jogi Löw der Mörder?Eine Extrawurst für ein Riesenwürstchen?

Der Baader-Meinhof-Komplex

Der Spielfilm Der Baader Meinhof Komplex aus dem Jahr 2008 schildert Vorgeschichte und Aktionen der Terrorgruppe Rote Armee Fraktion (RAF) von 1967 bis zum „Deutschen Herbst“ 1977. Das von Produzent Bernd Eichinger verfasste Drehbuch folgt weitgehend dem gleichnamigen Sachbuch von Stefan Aust (erstmals erschienen Ende 1985). Unter der Regie von Uli Edel spielten in dem Film – auch in Nebenrollen – einige der bekanntesten deutschen Darsteller mit.

    Der Baader-Meinhof-Komplex – der Film

Während meines Osterurlaubs habe ich mir den Film in der Kinofassung angeschaut. Sowohl Buch (u.a. von Stefan Aust) Baader Meinhof Komplex als auch der Film als DVD bzw. BluRay sind weiterhin im Handel erhältlich.

„Beim Staatsbesuch des Schah Mohammad Reza Pahlavi in West-Berlin kommt es zur gewaltsamen Auflösung einer Demonstration, bei der Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 vor der Deutschen Oper erschießt. Ohnesorgs Todestag gilt als Einschnitt in die deutsche Nachkriegsgeschichte mit weitreichenden gesellschaftspolitischen Folgen. – Studentenführer Rudi Dutschke, Redner am Vietnam-Kongress im Audimax der TU Berlin, wird am 11. April 1968 auf offener Straße von einem jungen Hilfsarbeiter angeschossen und schwer verletzt. Als Reaktion folgt ein Protest gegen den Axel-Springer-Verlag, an dem auch Ulrike Meinhof teilnimmt. Nach der Brandstiftung in zwei Frankfurter Kaufhäusern als Protest gegen den Vietnamkrieg werden die Täter am nächsten Tag festgenommen. Meinhof schreibt als Journalistin über den Prozess und lernt dabei die angeklagten Studenten Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Andreas Baader kennen.


Der Baader Meinhof Komplex (2008) Trailer

Die Angeklagten werden zu drei Jahren Haft verurteilt, aber schon im Juni 1969 wieder entlassen, bis das Gericht über die Revision ihrer Urteile entscheidet. Als im November 1969 ihre Revision abgelehnt wird, tauchen Andreas Baader und Gudrun Ensslin in den Untergrund ab, unter anderem in Rom. Nach Berlin zurückgekehrt, wohnen sie zeitweise bei Meinhof. Während einer Fahrzeugkontrolle wird Baader festgenommen und inhaftiert, aber einen Monat später gelingt Meinhof und Ensslin die so genannte „Baader-Befreiung“ in Berlin. Damit wechselt Meinhof in die Illegalität und lässt ihre zwei Töchter zurück. Die Baader-Befreiung gilt als Geburtsstunde der Rote Armee Fraktion.“

    Rote Armee Fraktion (RAF)

„Deutschland in den 70ern. Die radikalisierten Kinder der Nazi-Generation, angeführt von Andreas Baader (Moritz Bleibtreu), der ehemaligen Starkolumnistin Ulrike Meinhof (Martina Gedeck) und Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek), kämpfen gegen das, was sie als das neue Gesicht des Faschismus begreifen: die US-amerikanische Politik in Vietnam, im Nahen Osten und in der Dritten Welt, die von führenden Köpfen der deutschen Politik, Justiz und Industrie unterstützt wird. Die von Baader, Meinhof und Ensslin gegründete Rote Armee Fraktion hat der Bundesrepublik Deutschland den Krieg erklärt. Es gibt Tote und Verletzte, die Situation eskaliert, und die noch junge Demokratie wird in ihren Grundfesten erschüttert. Der Mann, der die Taten der Terroristen zwar nicht billigt, aber dennoch zu verstehen versucht, ist auch ihr Jäger: der Leiter des Bundeskriminalamts Horst Herold (Bruno Ganz). Obwohl er große Fahndungserfolge verbucht, ist er sich bewusst, dass die Polizei allein die Spirale der Gewalt nicht aufhalten kann.“

Das Buch von Stefan Aust gilt inzwischen als Standardwerk über die RAF und behandelt die frühe Geschichte der Rote Armee Fraktion (RAF) unter der Führung von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof. Einer Verfilmung waren von Anfang an Grenzen gesetzt. So verzichtete das Drehbuch auf identifikatorische Figuren und einen durchgehenden Handlungsbogen. Zudem musste man einen solchen Stoff radikal verdichten. Am Ende kam ein Film heraus, der ganz offensichtlich vor allem für jene gemacht wurde, die die RAF nur vom Hörensagen kennen, die ganz gern mal wissen wollten, was es mit diesen Radikalen aus den Siebzigern auf sich hat, die beinahe im Alleingang den Rechtsstaat an seine Grenzen gebracht hatten.

Wer hier nach neuen Erkenntnissen sucht oder sogar einen Diskurs einfordert, der ist fehl am Platze. Der Film erzählt im Wesentlichen aus der Perspektive der Terroristen. So gab es natürlich Klagen, da man die Opfer nicht ausreichend gewürdigt oder den Gegenspieler der RAF, also die Bundesregierung, nur unzureichend ins Bild gerückt habe. Aber darum geht es im Film nun einmal nicht. Es ist in erster Linie ein Art Geschichtsfilm, dramaturgisch aufbereitet, der gleichzeitig unterhalten und aufklären will. Moritz Bleibtreu spielt Andreas Baader als testosterongesteuertes Alpha-Männchen. Johanna Wokalek oder Nadja Uhl als Gudrun Ensslin und Brigitte Mohnhaupt werden als Todesengel im Minirock inszeniert. Trotzdem bietet der Film einen ungewöhnlichen Einblick in die Zeit der siebziger Jahre und der damaligen Ereignisse. Das gilt sowohl für mich, der vieles als Zeitzeuge miterlebt hat und sich dieses durch den Film ins Gedächtnis zurückholen kann, besonders aber für die nachgewachsene Generation unserer Kinder.

Sicherlich wäre es interessant gewesen, wenn dem Film Bezüge zum Hier und Jetzt gelungen wäre. Wie schreibt Günter Grass in seinem Buch Grimms Wörter: Mich treibt Zorn an, der sich an westlichen Colonialherren reibt, die als Sieger des Kalten Krieges meinen, hemmungslos zugreifen, fortan auf Pump leben zu dürfen und nun, nach dem Triumph des Kapitalismus über den Kommunismus, beginnen, ihresgleichen zu zerstören, weil ihnen der Feind fehlt. – Die RAF hat nach meiner Meinung ebenso wie die ‚kommunistische Gefahr’ dazu beigetragen, den Verantwortlichen in unserer Republik (Politik, Justiz, Wirtschaft), ihre ‚persönlichen’ Grenzen aufzuzeigen. Der habgierige Wirtschaftsmagnat wurde in seinen Tun dadurch beschränkt, weil er fürchten musste, sonst in die Schusslinie der RAF-Terroristen zu gelangen. Natürlich will ich kein Klima der Angst schüren. Aber es wäre besser, wenn ‚die Oberen’ immer so etwas wie einen ‚natürlichen’ Feind hätten, zumindest einen außenstehenden Kontrolleur, der ihnen auf die Finger schaut.

Nachbetrachtung: Verbindung der RAF zur DDR

Am 2. Juni 1967 schoss der damalige Kriminalobermeister Kurras bei einem Polizeieinsatz gegen Demonstranten in West-Berlin den FU-Studenten Benno Ohnesorg mit seiner Dienstwaffe in den Hinterkopf, woran dieser starb. Der Tod Ohnesorgs führte zur Radikalisierung von Studenten und damit auch zur Gründung der RAF. Erwähnenswert ist dabei, dass Kurras von 1955 bis mindestens 1967 auch Inoffizieller Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR war. Kurras‘ im Mai 2009 bekannt gewordene IM-Tätigkeit löste neue staatsanwaltliche Ermittlungen zu seinem Todesschuss und eine neue Debatte über dessen Ursachen und Folgen aus. Es fanden sich allerdings keine Anhaltspunkte für einen Mordauftrag des MfS.

Mitglieder der zweiten Generation der RAF erfuhren organisatorische und finanzielle Hilfe aus der DDR. Die „Stasi“ bot eine Art Waffenbrüderschaft an. Man bildete RAF-Mitglieder in Camps aus, wo man ihnen das Schießen mit Gewehr und Raketenwerfer beibrachte. Diese Ausbildung war guerillamäßig und sehr gut organisiert. Die dort erlernten Fähigkeiten konnten sie dann für Anschläge usw. verwenden (Quelle: rafinfo.org). Zehn sogenannte RAF-Aussteiger tauchten mit Hilfe der Staatssicherheit in der DDR unter. Noch vor der Wiedervereinigung wurden sie im Juni 1990 enttarnt, festgenommen und an die Bundesrepublik ausgeliefert. – siehe hierzu auch: spiegel.de

Erwähnenswert ist auch Horst Mahler, der im Film nur kurz abgehandelt wird. Er vertrat als Rechtsanwalt u.a. Andreas Baader und Gudrun Ensslin und gilt selbst als Gründungsmitglied der RAF. 1975 sagte sich Mahler vom Terrorismus los und erreichte 1988 seine Wiederzulassung als Anwalt. Dann erfolgte eine außergewöhnliche Kehrtwendung: Ab etwa 1997 wandte er sich dem Rechtsextremismus zu und vertrat 2002 die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) im NPD-Verbotsverfahren. Wegen verschiedener Delikte, darunter verfassungswidrige Betätigung, Holocaustleugnung, Mord- und Gewaltandrohungen, antisemitische und neonazistische Äußerungen wurde er zu mehreren Geld- und Freiheitsstrafen verurteilt. Ein vorläufiges Berufsverbot von 2004 wurde 2009 mit dem Entzug seiner anwaltlichen Zulassung bestätigt.

AlbinZ Familienalbum (2): Frühlingserwachen

Als nach dem Tode meiner Eltern (mein Vater starb am 14.04.2010, meine Mutter am 20.01.2011 – beide in einem gesegneten Alter von über 90 Jahren) deren Haushalt aufgelöst wurde, teilte ich mir mit meinen Geschwistern die Fotoalben und was sonst noch an interessanten Dokumenten aufzufinden war. Darunter befand sich ein schon spröde gewordenes Blatt Papier mit einem hektografisch erstellten Text – ein Gedicht meines Vaters an meine Mutter vom 11. Mai 1941 – mit handschriftlicher Widmung. Zwar wusste ich, dass mein Vater wohl auch einmal Gedichte an meine Mutter geschrieben hatte, aber jetzt eines in Händen zu halten, war dann doch ein geradezu sensationeller Fund.

Sicherlich ist das Gedicht etwas sperrig und ungelenk. Dazu muss man wissen, dass mein Vater in Treuburg/Ostpreußen (heute: Olecko) geboren ist und dort lebte. Meine Mutter stammte aus Köln. Durch den Krieg, mein Vater war damals Sanitätsunteroffizier, kam mein Vater nach Köln und lernte dort meine Mutter kennen. Aber für einen eher prosaisch veranlagten Menschen wie meinen Vater ist so ein Gedicht eine anerkennungswerte Leistung.

    Maria und Hermann – Verlobte in Köln, Hindenburgpark (heute: Friedenspark), im November 1941

Maria und Hermann – Verlobte in Köln, Hindenburgpark (heute: Friedenspark), im November 1941

Fruehlingserwachen

Heut ist das schoenste Wetter,
hier, in Ostpreußenland.
Es waere ja viel netter,
koennt reichen Dir die Hand.

Der Fruehling ist gekommen
Ehe wir uns versehn.
Koennte ich zu Dir kommen,
dann waers um uns geschehn.

Denn mit des Fruehlings Waerme
Erwacht die Liebe auch.
Dann kommt das grosse Sehnen
Zu mir, ungewollt, auch.

Mein Herz es schreit nach Liebe,
es sehnt sich so nach Dir.
Oft moechte ich weit laufen,
es zieht mich hin zu D I R.

D U bis mein suesses Maedel,
mein Licht und meine Sonn!
D I C H ewig zu besitzen
Ist meine groesste Wonn!

Rudau, 11. Mai 1941

In große Sehnsucht, Dir, mein süß’ Frauli,
in ewiger Treue gewidmet!
Dein, dich heiß liebender Hermann

Gedicht: Frühlingserwachen – 11. Mai 1941 – von Hermann Albin