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Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Tanita Tikaram: Can’t go Back

Ihre Mutter stammte ursprünglich aus Borneo/Malaysia und ihr Vater von den Fidschi-Inseln. Die Eltern hatten sich in England kennen gelernt, bevor sie nach Deutschland übersiedelten. So wuchs sie im westfälischen Münster auf, wo ihr Vater in Diensten der britischen Armee stationiert war.

Malaysia – Fidschi-Inseln: Eine interessante Mischung. Und so ist diejenige, von der ich hier schreibe, nämlich die inzwischen 43-jährige Tanita Tikaram, eine überaus attraktive Frau mit einem unverkennbaren Hauch Exotik. Und mit einer Stimme …

Tanita Tikaram

Die Stimme: Ich denke, ich habe ein Faible für ‚kaputte’ Stimmen bzw. weniger glasklare Stimmen wie z.B. die von Kate Bush. So mag ich tiefe Frauenstimmen wie eben die von Joan Armatrading und weniger ‚reine’ Männerstimmen wie die von Ry Cooder und besonders Tom Waits. In diese ‚Tradition’ fällt nun auch die Stimme von Tanita Tikaram. Sie ist rau, lässt kaum Modulationen zu und klingt wie die Schwester von Tom Waits. Aber gerade daraus entsteht ein besonderes Reiz, dem ich mich auf jeden Fall kaum entziehen kann.

Ich bin in diesen Tagen durch eine Kompilation von Liedern wieder auf Tanita Tikaram aufmerksam geworden. Diese Auswahl enthielt neben Liedern von ihr auch die schönsten Lieder von Joan Armatrading: Rosie (Tanita and Joan). So wird Tanita Tikaram auch meist mit Musikerinnen und Sängerinnen wie eben Joan Armatrading, aber auch Tracy Chapman und Suzanne Vega verglichen. Unter dem Einfluss der Lieder von Joni Mitchell entschloss sie sich Ende der 80-er Jahre zu einer Karriere als Musikerin. Im Herbst 1988 erschien ihr Debütalbum „Ancient Heart“ mit dem Singlehit Twist in My Sobriety, das mit über vier Millionen verkauften Platten sehr erfolgreich war und im Alter von 19 Jahren ihren internationalen Durchbruch bedeutete:


Tanita Tikaram: Twist in My Sobriety

Twist in My Sobriety

All God’s children need travelling shoes
Drive your problems from here
All good people read good books
Now your conscience is clear
I hear you talk girl
Now your conscience is clear

In the morning I wipe my brow
Wipe the miles away
I like to think I can be so willed
And never do what you say
I’ll never hear you
And never do what you say

Look my eyes are just holograms
Look your love has drawn red from my hands
From my hands you know you’ll never be
More than twist in my sobriety

[…]

Zu Deutsch in etwa:

Alle Kinder Gottes brauchen Wanderschuhe.
Du musst das Problem von hier aus anpacken.
Alle guten Menschen lesen gute Bücher.
Jetzt ist dein Gewissen rein.

Morgens wische ich mir den Schlaf aus den Augen,
morgens will ich alles wegwischen,
morgens wäre ich gerne stark genug,
euch nicht zuzuhören.

Meine Augen sind Hologramme.
Eure Liebe hat mir das Blut
aus den Händen gesaugt.
Ihr könnt mir nichts tun,
ihr verwirrt mir nur den Verstand.

Zum Debütalbum hier ein Livekonzertmitschnitt von der Insel Bømlo, Norwegen 1990 mit Liedern von dem Album:


Tanita Tikaram: Ancient Heart live

Ein sehr schönes Lied ist auch Wonderful Shadow aus dem Jahr 1995:


Tanita Tikaram – Wonderful Shadow (2. Single vom Album „Lovers in the City“ (1995))

Nun nach längerer Pause erschien von Tanita Tikaram in diesem Jahr das neue Album „Can’t Go Back“ (empfehlen möchte ich die Special Edition mit zwei CDs – besonders die zweite mit den akustischen Stücken ….) mit der Single-Auskopplung „Dust On My Shoes“:


Tanita Tikaram: Dust On My Shoes (2012)

Weitere Videos auf dem YouTube-Konto von Tanita Tikaram.

Tikarams traurige Lieder über Verlust haben auf „Can’t Go Back“ etwas Tröstliches. „Es geht darum, die eigene Identität gefunden zu haben“, sagt die 42-Jährige, „man muss sich von den Meinungen der anderen frei machen.“ Insbesondere von denen, die immer nur an „Twist In My Sobriety“ denken. (Quelle: rollingstone.de) – siehe hierzu auch: Tanita Tikaram „Can’t Go Back“ Album Track by Track Interview 2012

Ry Cooder: Election Special

Es ist gerade ein gutes Jahr her, da hat Ry Cooder dem Protestsong neue Impulse verliehen: Pull Up Some Dust And Sit Down. Jetzt steht im Spätherbst die erneute Wahl des US-amerikanischen Präsidenten an. Und Ry Cooder veröffentlichte bereits im August d.J. eine Art musikalischer ‚Wahlsondersendung’: Election Special

Ry Cooder: Election Special (2012)

„Dass dieser Meistergitarrist, der sich politisch bis dahin zurückgehalten hatte, neuerdings so explizit wird, zeigt, wie weit es mit Amerika schon gekommen ist und was auf dem Spiel steht, falls im Herbst der Kandidat derjenigen Partei gewinnt, die, wie inzwischen nicht nur die gerne als ‚linksliberal’ verhöhnte Kulturschickeria denkt, das Land in den beiden Amtszeiten des jüngeren Bush moralisch heruntergewirtschaftet hat. Dafür legt Ry Cooder seine ganze musikalische und – als jemand, der sich nie korrumpieren ließ und lieber noch ein bescheiden verkäufliches Album mehr aufnahm, als sich beim Massengeschmack anzubiedern […] – eben auch moralische Autorität in die Waagschale.“ (Quelle: faz.net)

‚Election Special’ beginnt mit einem aus drei Akkorden bestehenden akustischen Delta Blues: „Mutt Romney Blues“. „Die Story von Mitt Romneys Hund ist so bekannt, dass sie bereits einen eigenen Wikipedia-Artikel erhalten hat: Im Sommer 1983 fuhr die Familie Romney in die Ferien – und transportierte ihren Irish Setter dabei auf dem Dach des Chevrolet-Kombis. Es waren Romneys republikanische Konkurrenten, von Newt Gingrich bis Rick Santorum, die als Erste daran erinnerten und indirekt auf ein Statement Abraham Lincolns verwiesen: «Ich gebe nicht viel auf die Frömmigkeit eines Mannes, der seinen Hund und seine Katze schlecht behandelt.»“ (Quelle: nzz.ch)


Ry Cooder: Mutt Romney Blues

Das nächste Lied, ein größtenteils auf der Mandoline gespielter Folksong, gefällt mit musikalisch am besten: leicht, ohne viel Aufwand – und doch so typisch Ry Cooder. Es geht um die Brüder Koch, die in den Staaten ein Industrie-Imperium aufgebaut haben und mit viel Geld Mitt Romney, den konservativen Präsidentschaftskandidaten, vor allem aber die libertär-konservative Tea-Party-Bewegung finanziell und organisatorisch unterstützen. Das Lied wird aus der Sicht des einen der beiden Brüder, Charles G. Koch, erzählt. Dieser schließt zusammen mit seinem Bruder David H. einen „Pakt mit dem Teufel“:


Ry Cooder: Brother is Gone

Election Special ist das wohl „ätzendste Statement, das einem amerikanischen Unterhaltungskünstler zur (nun bald wieder drohenden) Politik seines Landes bisher eingefallen ist.“ (Quelle: faz.net). Ry Cooder scheint der Kragen zu platzen.

Natürlich ist jedes Stück eine Abrechnung: „Gibt es schon eine Wall Street in deiner Stadt? Wenn nicht, gründe einfach eine. Und wenn die Polizei kommt, erkläre ihr einfach, dass du ihre Gehälter bezahlst“, singt Cooder in „The Wall Street Part Of Town“. „Guantanamo“ dagegen sei ein traditionelles kubanisches Lied, das von Frieden und Freiheit handele. „Das wird noch dauern. Gefängnisse sind ein wachsender Industriezweig“, meint Cooder sarkastisch dazu.

Wenig hält er von laschen Waffengesetzen, Lynchjustiz und Sarah Palin („Going To Tampa“, „Kool-Aid“). Kriegsführung widert ihn an. „Hier in Los Angeles kommen Armee-Rekrutierer an die Schulen. Wenn man versucht, sich zu wehren, kriegt man richtig Ärger. Mir fällt kein Begriff für solch eine ungeheuere Verschwörung ein“, erklärt er den Hintergrund von „The 90 And The 9“.

Wen Cooder im Wahlkampf mit dieser Scheibe unterstützt, ist klar, auch wenn er Obama nicht namentlich erwähnt. Vielleicht etwas lasch zeigt Cooder für den US-Präsidenten Mitgefühl: „Der Präsident läuft einsam durchs dunkle Oval Office. Bevor du ihn kritisierst und an die Wand stellst, versuche doch mal, dich in seine Haut zu versetzen“.

Ry Cooder hat die Scheibe fast im Alleingang aufgenommen. Neben Gitarre und Mandoline spielt er auch den Bass und singt natürlich die Stücke (hin und wieder unterstützt von Arnold McCuller). Schlagzeug spielt sein Sohn Joachim Cooder, der auch am letzten Stück mitgeschrieben hat: Take Your Hands Off it.

Get your dirty hands off my constitution now …
Get your greasy hands of my bill of rights …
Get your greasy stinking hands off my voting rights …
Get your greedy hands off the union now …
What’s your sanctimonious hands doin’ in my reproductive rights …
Get your bloody hands off the peoples of the world …
Take your hands off us you know we don’t belong to you.

So heißt es hier im Lied: Nehmt eure dreckigen Hände weg!


Ry Cooder: Take Your Hands Off It

Heute Ruhetag (24): Giacomo Casanova – Erinnerungen

Giacomo Girolamo Casanova (1725 – 1798) war ein venezianischer Schriftsteller und Abenteurer des 18. Jahrhunderts, bekannt durch die Schilderungen zahlreicher Liebschaften. So wurde die reale Person Casanova bereits im 19. Jahrhundert zur Figur Casanova in verschiedenen künstlerischen Werken. Heute steht Casanova ganz allgemein als Synonym für einen Frauenverführer.

Seine Memoiren mit dem Titel „Geschichte meines Lebens“ zählen dabei längst zur Weltliteratur, da sie allein schon kulturhistorisch interessant sind. Denn in dem Werk breitet sich das gesamteuropäische 18. Jahrhundert vor unseren Augen aus: Durch seine Reisen, bei denen er europäische Höfe und Metropolen besuchte, hatte er Kontakt zu bedeutenden Personen seiner Zeit. Er kannte die Päpste Benedikt XIV. und Clemens XIII., sprach mit Friedrich dem Großen und der Zarin Katharina II.. Neben den Herrschern war ihm auch die geistige Elite Europas vertraut: Da Ponte, Voltaire, Crébillon, von Haller, Winckelmann und Mengs zählten zu seinen Bekannten. Doch auch die soziale Unterschicht kommt in seinen Erinnerungen vor.

Hermann Kesten beschrieb dieses Pandämonium so: „Das ganze 18. Jahrhundert tummelt sich in seinen Memoiren und lacht, und räsoniert, und hurt, in keinem anderen Buch ist es so lebendig, so deutlich, so zum Riechen, Fühlen, Schmecken nah.“

Heute Ruhetag = Lesetag!

Vor allen Dingen erkläre ich meinem Leser, daß ich überzeugt bin, bei allem, was ich im Laufe meines Lebens Gutes oder Böses getan habe, für den guten oder bösen Ausgang selber verantwortlich zu sein. Es folgt daraus, daß ich an die Freiheit des Willens glaube.

[…]

Der Mensch ist frei; aber er ist nicht mehr frei, wenn er nicht an seine Freiheit glaubt. Je mehr Macht er dem Schicksal beimißt, desto mehr beraubt er sich selber jener Macht, die Gott ihm verlieh, indem er ihn mit Vernunft begabte. Die Vernunft ist ein Bruchteilchen der Göttlichkeit des Schöpfers. Wenn wir uns ihrer bedienen, um demütig und gerecht zu sein, so werden wir unfehlbar Ihm, der sie uns geschenkt hat, wohlgefällig sein. Gott hört nur für die auf, Gott zu sein, die sich sein Nichtvorhandensein als möglich denken können. Diese Vorstellung muß für sie die größte Strafe sein, die sie erleiden könnten.

Aber wenn nun auch der Mensch frei ist, so dürfen wir doch nicht glauben, daß er das Recht habe, zu tun, was er will. Denn er wird Sklave, so oft er sich von einer Leidenschaft zum Handeln fortreißen läßt. Nisi paret, imperat. – Wenn sie nicht gehorcht, befiehlt sie. Wer stark genug ist, seine Handlungen so lange aufzuschieben, bis er wieder ruhig geworden ist, der ist wahrhaft weise. Aber solche Menschen sind selten.

aus: Erinnerungen – Band 1 – Vorrede

Giacomo Casanova Manuskript - Kapitel 1 - Seite 1

Don Jacob Casanova, geboren zu Saragossa, der Hauptstadt von Aragonien, natürlicher Sohn Don Franciscos, entführte im Jahre 1428 Donna Anna Palafor aus dem Kloster; dies geschah einen Tag, nachdem sie ihr Gelübde abgelegt hatte. Er war Geheimschreiber des Königs Alfonso. Er floh mit ihr nach Rom, wo Anna ein Jahr im Gefängnis zubringen mußte; nach Verlauf dieser Zeit entband Papst Martin der Dritte sie von ihrem Gelübde und gab ihrer Ehe seinen Segen auf Empfehlung des Don Juan Casanova, Haushofmeisters des Allerheiligsten Palastes und Oheims des Don Jacob. Die aus dieser Ehe hervorgegangenen Kinder starben sämtlich in zartem Alter mit Ausnahme Don Juans, der im Jahre 1475 Donna Eleonora Albini heiratete und von ihr einen Sohn, Namens Marco Antonio, hatte.

aus: Erstes Kapitel – Nachrichten aus meiner Familie – Meine Kindheit

Giacomo Casanova: Erinnerungen – Band 1Band 2Band 3Band 4Band 5Band 6

Das Museum der bedrohten Töne

Technik ist immer kurzlebiger, „zahlreiche Technologien sind längst Vergangenheit. Und mit ihnen verschwinden auch ihre spezifischen Töne. Jetzt gibt es ein Museum, das sich um die Bewahrung dieser akustischen Zeitzeugen kümmert.
Das Pfeifen eines Modems, das Rattern eines Faxgerätes oder das Klackern einer Wählscheibe: Viele Töne verschwinden still und leise aus unserer Welt. Hört man sie zufällig einmal wieder, werden Kindheitserinnerungen wach. Das Museum of Endangered Sounds bringt die Erinnerung in Form eines Online-Archives zurück. Seit April 2012 gibt es die Website, 30 Technikgeräusche aus der Vergangenheit sind dort mittlerweile versammelt.

Museum der bedrohten Töne (Museum of Endangered Sounds)

Museumsgründer ist ein gewisser Brendan Chilcutt, seines Zeichens Webdesigner, Besitzer von acht Wüstenrennmäusen, Thai Yoga-Anhänger -und ein fiktiver Charakter. Sein Foto auf der Seite zeigt einen Nerd mit großer Brille und Überbiss, der an einem Computer sitzt und über seine Schulter erschrocken in die Kamera guckt.

Hinter dem Gesicht stecken Phil Haddad, Marybeth Ledesma und Greg Elwood. Die drei Amerikaner starteten das Projekt als Studenten der Werbeschule der Virginia Commonwealth University. Mittlerweile sind sie zwischen 24 und 28 Jahre alt und haben ihr Studium abgeschlossen.“ (Quelle: blog.zdf.de/hyperland)

Ich habe in meinem Leben z.B. schon einige Drucker überlebt – vom Matrixdrucker über einen Tintenstrahl- bis hin zu einem Laserdrucker. Wer kennt heute noch dieses sirrende Geräusch eines Matrixdruckers oder das Klappern einer mechanischen Schreibmaschine? Im Museum der bedrohten Töne können wir diese Geräusche noch einmal vernehmen.

Die Technik ist heute eindeutig leiser geworden. Trotzdem bleiben wir von einer Geräuschkulisse nicht verschont. Während man einst am frühen Morgen während der Zugfahrt vom ratternden Geräusch der Räder auf den Schienen in den Schlaf geschaukelt wurde, nerven heute am Morgen die unterschiedlichsten Klingeltöne von Handys oder Smartphones, die unsere lieben Nachbarn nicht rechtzeitig aus ihren Jackentaschen bekommen.

40 Jahre TAAB

Im neuen Jahr beehrt uns Jethro Tull’s Ian Anderson noch einmal hier in Deutschland zum zweiten Teil seiner TAAB 1 & 2-Tour (Thick as a Brick, für diejenigen, die immer noch nichts mit diesem Kürzel anfangen können); u.a. kommt er mit seinen Mannen auch nach Bremen in den großen Saal des ehrwürdigen Konzerthauses Die Glocke am Mittwoch, den 1. Mai 2013 – Konzertbeginn: 20 Uhr.

Ein Grund ist natürlich der 40. Jahrestag der Veröffnung des Albums Thick as a Brick (TAAB1) im Jahre 1972, einem rund 45-minütigen Opus, das zu den Glanzstücken des Progressive Rock zählt.

Ian Anderson - TAAB-Projektion

Dieses Glanzstück hat auch nach 40 Jahren – musikalisch gesehen – nichts vom seiner Leuchtkraft verloren. Allerdings – aufnahmetechnisch gesehen – wurde es jetzt, so hoffe ich doch im Positiven, noch einmal reichlich poliert und gewienert, um als Remix und außerdem auf Musik-DVD u.a. mit 5.1 Mix DTS & Dolby Digital auf den Markt zu kommen. Das Box-Set Thick as a Brick 40th Anniversary Special Limited Edition kommt heute in drei Wochen, also am 2. November, auf den Ladentisch. Und wer sich als wirklicher Tull-Fan und –Kenner zu outen trachtet, der kommt an dieser Investition nicht vorbei.

    Jethro Tull: Thick as a Brick – Special Edition 2012

Thick as a Brick in 5.1-Ton (DTS) ist mir nicht ganz neu. Ich berichtete vor fast genau vier Jahren (am 2. November(sic!), um genau zu sein) von der Two of Us Productions (TOUP), die neben den Scheiben der Beatles eben auch Alben von Jethro Tull in ein entsprechendes Audio-Format umgewandelt hatten. Im Web gibt’s die genannte Website leider nicht mehr, wahrscheinlich sitzen die Jungs im Knast und brummen wegen Urheberrechtsverletzungen ihre Strafe ab. Dabei haben sie es doch nur gut gemeint. Egal. Natürlich wird sich das TOUP-Produkt nicht mit dem von Steven Wilson neu abgemischten Erzeugnis vergleichen lassen.

Nun, die Spannung steigt. Ähnlich wie beim Remix des Aqualung-Albums, das jetzt klarer, frischer klingt, darf man sich beim Remix von TAAB einiges an klanglicher Belebung erhoffen. Und das zusätzlich dann auch noch im surrounden Raumklang (ich habe mir jetzt erst eine kleine, aber wohl feine Heimkino-Anlage geordert). Da freut man sich doch drauf …

Es dürfte dann allerdings auch das letzte Geld sein, dass ich in Produkte des Hauses Ian Anderson stecke.

Rubbeldiekatz

Rubbeldiekatz ist eine deutsche Travestie-Komödie von Detlev Buck aus dem Jahr 2011. Die Produktion beruht auf einem gemeinsamen Drehbuch Bucks und der Autorin Anika Decker und handelt von dem Nachwuchsschauspieler Alexander Honk, gespielt von Matthias Schweighöfer, der sich auf der Suche nach dem großen Durchbruch als Frau verkleidet, um in einem NS-Film mitwirken zu können, und sich dabei ausgerechnet in seine Kollegin verliebt. In weiteren Rollen sind unter anderem Alexandra Maria Lara, Detlev Buck, Maximilian Brückner, Denis Moschitto, Max von Thun und Max Giermann zu sehen.

Matthias Schweighöfer ist zz. wohl einer der angesagtesten deutschen Schauspieler und wir kennen ihn z.B. aus den Filmen Zweiohrküken (2009) und Friendship! (2010), in denen er immer einen zwar leicht chaotischen, aber immer liebenswerten Typen gespielt hat. Richtig aufgefallen ist er mir aber in dem TV-Film Schiller (2005), in dem er als Friedrich Schiller überzeugen konnte. Alexandra Maria Lara habe ich sogar einmal – viele Jahren ist es nun schon her – zu meiner ‚Filmfrau des Jahres’ erkoren.

Rubbeldiekatz (2011)

Und allen voran Detlev Buck als Mitschauspieler und Regisseur. Da sollte es mit Rubbeldiekatz doch bestens laufen.


Rubbeldiekatz (2011)

Noch einmal zum Inhalt:
Bühnenschauspieler Alexander Honk (Matthias Schweighöfer) bekommt von seinem Bruder und Manager Jürgen (Detlev Buck) ein Vorsprechen bei einer großen Hollywood-Produktion vermittelt, die in Berlin gedreht wird. Doch dummerweise sehen die Casting-Agenten des Nazi-Dramas nur die aktuellsten Bühnenfotos von Alexander, auf denen er Frauenkleider trägt. Sie bieten ihm daher an, für eine weibliche Nebenrolle vorzuspielen. Den Gehaltsscheck im Hinterkopf überredet Jürgen sein Bruderherz, das Casting in voller Maskerade als Alexandra zu absolvieren. Und tatsächlich erhält Alexander überraschend die kleine Rolle als lesbische Geliebte von Superstar Sarah Voss (Alexandra Maria Lara). Damit hat er aber ein Problem, denn mit der schönen Sarah hatte er gerade nichtsahnend einen One-Night-Stand. Noch komplizierter wird die Lage, als Alexanders Versuch, seinen Rauswurf zu provozieren, nach hinten losgeht und sein Part plötzlich vom Regisseur (Joachim Meyerhoff) zu einer Hauptrolle ausgebaut wird. Nun heißt es für den Verkleidungskünstler, mehrere Wochen die Frau zu spielen, was immer komplizierter wird, hat er sich doch längst in Sarah verliebt, die ihrerseits aber nur Augen für Co-Star Thomas (Max von Thun) hat, während sich Alexander der Avancen von Hitler-Darsteller Jörg (Max Giermann) erwehren muss…

aus: filmstarts.de

Nun ich habe mir den Film Rubbeldiekatz letztes Wochenende angeschaut und bin etwas hin- und hergerissen. Zunächst: Matthias Schweighöfer ist als Frau wirklich überraschend glaubwürdig und überzeugt auch so in seiner Rolle. Alexandra Maria Lara ist zwar nett zu schauen, wirkt aber eher etwas hölzernd. Sieht man, wer das Drehbuch verfasst hat (nämlich Anika Decker, die auch für die Machwerke mit Til Schweiger, Keinohrhasen und Zweiohrküken, mitverantwortlich ist), dann wundert es nicht, dass selbst ein Detlev Buck als Regisseur (und eben Matthias Schweighöfer) den Film nicht vollständig retten kann. Besonders die Film-im-Film-Sequenzen wirken reichlich platt. Aber Buck rettet den Film dann insgesamt doch mit Szenen, die eigentlich nicht zur Handlung des Films gehören und Alexanders schräge Vierer-WG mit seinen Brüdern (Buck, Maximilian Brückner) und seinem besten Kumpel (Denis Moschitto) betreffen. Am Ende kommt so eine dann doch noch akzeptable Komödie heraus, die vielleicht mehr zum Schmunzeln als zum Lachen einlädt, die aber eben doch für einiges Vergnügen sorgt.

Martin Walser und die literarische Verlustanzeige

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen, heißt es. Oder wie der Angelsachse sagt: The laugh is always on the loser. Womit wir bereits beim Kern der Sache wären: Da lässt ein Schriftsteller sein Tagebuch mit Skizzen und Notizen im Zug liegen. Und schon stürzt sich eine Meute auf den armen Mann, um ihn, den Verlierer (Versager), noch mit Hohn zu verlachen (The laugh is always on the loser).

Wie geschrieben hat Martin Walser sein in rotes Leinen gebundenes Tagebuch im Zug von Innsbruck nach Friedrichshafen vergessen: „Drin kein Name, keine Adresse. Ich hatte ja nicht vor, es liegen zu lassen“. Und schon witzelt frau in welt.de: „Martin Walser sorgt wieder einmal für einen Skandal: Er hat sein Leben liegen lassen.“ – und zieht über Walsers bisher veröffentlichte Tagebücher her. Und weiter: „Dann bot Walser der Nachrichtenagentur dpa ein Interview an. Darin stehen nun so Sätze wie ‚Wenn etwas verloren ist, entsteht ein Gefühl. Nichts entwickelt sich in uns zu solcher Deutlichkeit wie Verlorenes. Aber nur das Verlustgefühl nimmt zu, das Verlorene selbst bleibt verloren.’ Walser hat damit eine neue Kunstgattung erfunden. Neben dem literarischen Tagebuch gibt es jetzt auch die literarische Vermisstenanzeige. Immerhin hat er ‚ein aufgeschriebenes Leben im Zug liegen’ lassen. Nie wieder wollen wir an Laternenpfählen ‚Schlüsselbund verloren’ lesen. Sondern vielleicht ‚Der Zugang zum Heim, zur eigentlichen Heimat ist uns verwehrt. Heimlicher Schmerz, Heimatschmerz’. Oder so ähnlich.“

Erst einmal sollte es Verlustmeldung oder Verlustanzeige heißen, nicht Vermisstenanzeige, denn Herr Walser hat nur sein Tagebuch im Zug vergessen und vermisst keinen lieben Menschen (das vielleicht in seinem Alter auch, aber davon ist hier ja keine Rede). Martin Walser neigt nun einmal zu ‚Wortgewalt’ und äußert sich vielleicht auch in so profanen Dingen wie den Verlust eine Sache als Dichter. Aber es ist ja nicht nur eine Sache, die er verloren hat, es sind handschriftliche Aufzeichnungen von rund 200 Seiten, deren idealen Wert man durchaus erahnen kann. Inzwischen hat Walser selbst den Finderlohn von 3000 €, die sein Verlag aussetzte, um eigene 2000 € erhöht.

    Martin Walser: Leben und Schreiben - Tagebücher

Aber irgendwie kommt es noch dicker. In gewissen unernsten Betrachtungen äußert man sich bei nw-news.de wie folgt: „Unbestätigten Branchengerüchten zufolge, hat Walsers Verlag die Beseitigung des Tagebuchs in Auftrag gegeben. Zum einen, weil der Autor mit Hinweis auf Thomas Manns Notate (‚Verdauungssorgen und Plagen’) auf einer Veröffentlichung bestanden haben soll. Zum andern, weil ihn der Eintrag ‚Eines Tages bringe ich Reich-Ranicki um’ in unnötige Schwierigkeiten bringen könnte. Walser hofft noch, dass das Tagebuch wieder auftaucht. ‚Für den Schriftsteller’, sagt er, ‚wäre es eine Erlösung.’ Wir armen Leser müssen ihn ja nicht kümmern.“

Ob sich sein Tagebuch nun endlich angefunden hat, ist zz. nicht zu erfahren. Wollen wir es für Martin Walser hoffen. Immerhin steht er nicht allein da. T.E. Lawrence, bekannt geworden als „Lawrence von Arabien“, vergaß 1919 in einem Bahnhofscafé das einzige Manuskript von „Die sieben Säulen der Weisheit“. Er fand es nie wieder und musste alles neu schreiben. Auch Heimito von Doderer oder Alfred Polgar verloren Manuskripte. Die meisten unwiderruflich verlorenen Manuskripte sind aber Erstlinge, die bei den Verlegern verlegt werden (und zwar wörtlich) oder sich schon vorher auf dem Postweg in Luft auflösen. Arthur Conan Doyle traf es ebenso wie Henry Miller (Quelle: diepresse.com).

Hier findet sich ein Hinweis auf den Roman „Lila, lila“ von Martin Suter, der auch verfilmt wurde, in dem ein Manuskript in der Schublade eines Nachtschränkchens verschollen geht und von einem jungen Mann auf dem Flohmarkt gefunden wird. Er veröffentlicht es unter seinem Namen und wird berühmt, irgendwann aber bittet der wahre Autor bei einer Lesung um ein Autogramm. Nun Martin Walser hat ja wenigstens kein vollständiges Manuskript verloren.

Flohmarkt in Tostedt und ‚Wetten, dass ..?’

Der Flohmarkt in Tostedt, der größte in Norddeutschland, findet jedes Jahr am ersten Samstag im Oktober statt. Und am diesen Samstagabenden gibt es fast immer auch ‚Wetten, dass ..?’ im Fernsehen.

Nun, dieses Jahr fiel der Flohmarkt im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser. Meine Frau, die gewissermaßen zum Inventar des Flohmarktes gehört, stand zwar noch in den Startlöchern, hoffte auf ein Nachlassen des Dauerregens, der vom frühen Morgen an auf Tostedt niederprasselte. Aber gegen 10 Uhr gab sie es auf und war nach 1993, als sechs Tage später der jüngere unserer beiden Söhne geboren wurde, wieder einmal nicht mit ihrem Stand auf dem ‚Töster Markt’, wie man den Flohmarkt hier nennt, vertreten. Erst nach 13 Uhr hörte der Regen dann auf.

Und am Abend gab es dann tatsächlich wieder „Wetten, dass ..?“. Nach Gottschalks letzter Sommerparty im Mitte Juni 2011 stieg nach langer Nachfolgersuche Markus Lanz in den freigewordenen Ring. 13,62 Millionen Zuschauer schalteten die 200. „Wetten dass ..?“-Ausgabe ein, der Marktanteil lag bei sehr starken 43,7 Prozent. Viele Zuschauer waren einfach gespannt, wie sich der Gottschalk-Nachfolger schlagen wird. Diese Quote dürfte die Sendung wohl so schnell nicht wieder erreichen. Der RTL-Konkurrent „Das Supertalent“, bei dem sich Gottschalk nach einem erfolglosen Intermezzo im ARD-Vorabendprogramm und seine frühere „Wetten, dass ..?“-Assistenten Michelle Hunziker inzwischen wiedergefunden haben, hatte dagegen nicht mal beim Anteil der jungen Zuschauer etwas zu melden.

    Wetten, das ..?

Markus Lanz selbst war es, der Gottschalk einmal kurz erwähnte („Ich habe das hier nicht gewollt. Von mir aus hätte das Thomas Gottschalk bis ins Rentenalter machen können.“), ansonsten wurde er erfolgreich verdrängt. Auch dass es die 200. Sendung war, wurde nicht weiter angesprochen. Im Vorfeld der Sendung war von gewissen Neuerungen gesprochen worden, die dann aber doch nur marginal ausfielen: Ein neues, jetzt sogar fahrbares Sofa. Die Gäste kamen gleich zuhauf händchenhaltend mit ihren Wettkämpfern zu Beginn der Sendung auf die Bühne und durften zugunsten der Kandidaten bei jeder Wette mittippen. Dafür gab es keine Gummibärchen, aber eine rund 40 minütige Überziehung der Sendung.

Markus Lanz, der mir bisher völlig unbekannt war, wirkte von Anfang an ziemlich angespannt. Um die Sendung entsprechend aufzupeppen, gab man ihm gleich drei so genannte Comedian zur Seite: Michael Kessler als Günther-Jauch-Parodie wirkte dabei ziemlich blass. Die Unterschichtsikone Cindy aus Marzahn fungierte als Komoderatorin, was nicht gerade dazu beitrug, das Niveau der Sendung zu heben. Und Bülent Ceylan, der mit den viele Haaren, gab sich bescheiden als Wettpate aus. Viel zu lachen gab es aber nicht. Ansonsten war alles eigentlich wie gehabt: Belanglose Interviews mit den Promis, obwohl sich Lanz sichtlich bemühte, seinen Gästen auf den Zahn zu fühlen. Und Wetten, die entgegen der Ansicht von Herrn Lanz (ein wiederholter Ausruf: „… sensationelle Wette!“) dann doch nicht allzu aufsehenerregend waren. Besonders bei der Hundehaarwette dauerte es, bis die Kandidatin nach gefühlten 12 Stunden mit ihrer ersten Antwort, natürlich einer falschen, herausrückte. Am Schluss verabschiedete sich ein sichtlich erschöpfter Moderator von seinen Zuschauern.

Nichts gegen Markus Lanz. Er ist mir um Längen sympathischer als dieser Egomane Gottschalk. Aber für mich bleibt es dabei: Die Sendung hat längst ihren Zenit überschritten, das Konzept der Sendung ist schlicht und einfach verbraucht. Ähnlich wie Herr Gottschalk selbst gehört die Sendung in die Requisitenkammer der deutschen Fernsehgeschichte. Aber solange die Zuschauerquoten halbwegs stimmen werden, wird es die Sendung geben. Dann eben doch auch lieber mit Markus Lanz als mit einem alternden Thomas Gottschalk.

siehe auch meine Beiträge:
Wetten, was ..?!
Dauerwerbesendung

Heute Ruhetag (23): Goethe – Faust I + II

Heute Ruhetag = Lesetag!

Direktor zum Theatherdichter und der lustigen Person:

Ihr beiden, die ihr mir so oft,
In Not und Trübsal, beigestanden,
Sagt, was ihr wohl in deutschen Landen
Von unsrer Unternehmung hofft?
Ich wünschte sehr der Menge zu behagen,
Besonders weil sie lebt und leben läßt.
Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen,
Und jedermann erwartet sich ein Fest.
Sie sitzen schon mit hohen Augenbraunen
Gelassen da und möchten gern erstaunen.
Ich weiß, wie man den Geist des Volks versöhnt;
Doch so verlegen bin ich nie gewesen:
Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt,
Allein sie haben schrecklich viel gelesen.
Wie machen wir’s, daß alles frisch und neu
Und mit Bedeutung auch gefällig sei?

[…]

Aus dem Vorspiel auf dem Theater

Johann Wolfgang von Goethe: Faust – eine Tragödie und als der Tragödie zweiter Teil

    Signatur: Johann Wolfgang von Goethe

Gefällig mag vieles sein dem deutschen Volk, aber auch von Bedeutung? Faust und sein Pakt mit Mephistopheles, dem Teufel, ist ein Stoff der europäischen Literatur. Aber speziell wir Deutschen zeigen die Neigung, Fiktives schnell als bare Münze anzusehen und sind zu manchem Teufelspakt bereit. Was wären wir ohne Goethe, der uns den Fauststoff als eine Tragödie und als der Tragödie zweiter Teil besonders aufbereitet hat, aus dem sich unsere Zungen auch heute noch reichlich bedienen, nicht nur den als des Pudels Kern.

Auch ich habe mich vorzeiten (1992 und Anfang 1993) aus dem Fundus Goethe’scher Verse bedient und es gemäß dem Vorspiel zum Faust „Des Fadens ew’ge Länge – Aufzeichnungen“ genannt. Hier noch einmal:

    Wenn die Natur des Fadens ew’ge Länge,
    Gleichgültig drehend, auf die Spindel zwingt,

    Wer sichert den Olymp? vereinet Götter?
    Des Menschen Kraft, im Dichter offenbart.

So spricht der Dichter im Vorspiel auf dem Theater in Goethes „Faust – Der Tragödie erster Teil“. Ich mag gleichgültig sein; so drehe und fädle ich und zwinge ich das Garn, welch Hirngespinst, von der Rolle, wie auch ich so von der Rolle bin. Was ewig ist, das hat weder Anfang noch Ende. Also ist der von Goethe beschriebene Faden ohne Anfang und ohne Ende. Gewissermaßen bin ich ein Glied, ein Fädelchen, davon. Und dieses Stück Garn wehrt sich, von der Natur auf die Spindel gezwungen zu werden. Also: Ab von der Rolle mit dem Fädchen, mein Mädchen!

Wenn ’s nur die Natur allein wäre, ich würde mich gern zwingen lassen (Trieb und Leidenschaft); was wirklich zwingt, sind die Umstände, ist die Umwelt, alles was uns um Konventionen willen bedrängt und in die Schranken weist. Gegen den Faden der Gesetze heißt es zu kämpfen, den roten Faden, mit dem das Leben durchwebt ist. Und zum Kampfe reiche mir die Feder angefüllet mit tiefschwarzer Tinte. Götter zu einen, ist nicht mein Trachten, und der Olymp soll verfaulen – von mir aus. Die Gegner sind auf Erden zu finden; finden wir sie aus und besudeln sie mit der Tinte gemischt aus unserm Blut und der Natur Erde. Quarksieder, Schönredner, Ignorantenpack und Egoistengeschmeiß, Speichellecker, Ausbeuter, Dummgesocks und Schweinetreiber – alle an der Wand! Und bloßgestellt! Schreibtischtäter und ihre Handlanger, Tattergreise von Ministern, Saumägen und Rebsgeläuse, Mistkäfer und Verbrecher mit weißen Krägen und Bankkonten in der Schweiz – an den Strick! Zeigt her eure vollgefressenen Schmerbäuche und eure Finger, an denen das Blut klebt von unschuldigen, naiven Menschen, die auf eure Bauernfängereien hereingefallen sind!

Mit der Feder in der Hand nehme ich den Kampf nun auf, um gegen Paragraphen und ihre Schöpfer, diese unersättlichen Papiertiger, anzugehen. Aber auch Du, dummdreister Ochs, bekommst Dein Fett weg! Und selbst am eignen Kleide leugne ich den Schmutzen nicht.

Aber auch von manch andrem Zeug sei hier berichtet.

Kapitel 1 – Natürliches

1 Faustus Müllemann

Am Wegesrand ein Blümlein wächst, dessen Duft mir in die Nase steigt. Ein sanftes Kribbeln. Pass auf, dass Du das zarte Pflänzlein nicht unter Deinen tapsigen Stiefeln begräbst. Mir könnte etwas fehlen («Tritt nicht aufs Fettkraut!»). Befreie Dich von den klobigen Tretern und wage es wie ich, barfüßig durch das Gras zu gehn. Spürest auch Du einen Hauch vom Morgentau? Von Frische, die die Zehen benetzt? Mach Deinen Kopf frei! Und fühle! Atme ein und atme aus.

Besinne Dich, Du Ochs! Gedankenlos kippst Du allen Dreck in die Natur aus. Überall stolpere ich über Müll, den Du wie die Schleimspur einer Schnecke gleich hinter Dir herziehst, und falle mit der Nase in schimmligen Quark («In jeden Quark begräbt er seine Nase.»). Ich mag wohl gern meinen Riecher in andrer Leute Sachen stecken, aber nicht in solch fauligem Schlamm.

«Hopfen und Malz, Du stinkst aus dem Hals!» Fettbäuchig begräbst du das Blümlein unter deinem auseinanderquellenden Arsch. Um dich herum stapeln sich Bierdosen und Schnapsflaschen. Aus deinem Maul quillt nicht nur der abgestandenen Pesthauch und Sabber, sondern mit den aufgequollenen Lippen formst du unförmige Wörter, die wie Kotzbrocken aus der Fresse fallen.

Greift nur hinein ins volle Menschenleben! Ich kann mich hüten davor, es zu tun. Staub soll er fressen, und mit Lust, wohl bekomm ’s! Es würde dir besser bekommen als der Fraß aus Tüten, die entleert die Straßen säumen.

Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehn! Also packt deinen Kram, und dann pack‘ dich! Aber bald, denn was heute nicht geschieht, ist morgen nicht getan, und es wird dann nimmer mehr gescheh’n. Halbseidener Schlaumeier, erhebe dich … Oder bleib‘ ganz einfach sitzen, denn dann wirst du samt deines Unrats als menschlicher Sperrmüll zusammengekehrt und abtransportiert. Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur! der Meister sprach ’s, aber ach, ein Müllwerker klaubt dich aus dem Dreck, hilft dir sogar auf die Beine und fegt überstehenden Abfall von deinen Kleidern. Oh, Gott, der Schrott steht auf beiden Füßen. Ja, kehre nur der holden Erdensonne entschlossen deinen Rücken zu! Schuld- und schuttbeladen wankt er davon. Die Träne quillt, die Erde hat ihn wieder! Aber irgendeiner Schuld ist er sich nicht bewusst. Vergeblich ist mein Reden. Da steht er nun, der arme Tor! Und ist so klug als wie zuvor; und wankt davon und wankt. Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang, des Toren taube Ohren zu predigen. Und er wankt. Das also war des Pudels Kern! Müllemanns fetter Hintern! Er wankt und wankt.

Auch für mich ist es Zeit, mich aus dem Staube zu machen, mich aus seinem Dunstkreis zu entfernen. Des Denkens Faden ist zerrissen, mir ekelt lange vor allem Wissen. Was Müllemann, der wankt, nicht weiß, wenn er auch denkt, zu wissen. Er nennt ’s Vernunft und braucht ’s allein, nur tierischer als jedes Tier zu sein. Aber bekanntlich: Es irrt der Mensch, solang er strebt.

Aber ja, aus den Augen, aus dem Sinn! So hoff‘ ich, meinen Seelenfrieden wieder zu finden. Und suche nach Entschuldigung und find‘ sorgenvolle Kindheit. Und suche nach Erklärung und finde schädigendes Milieu. Schon der Großvater hat …, und der Vater war … Und Müllemann wankt. Mir reißt der Faden. Ach! unsre Taten selbst, so gut als unsre Leiden, sie hemmen unsres Lebens Gang. Und Müllemann, ach Müllemann, du wankst.

Die Spiegelflut erglänzt zu meinen Füßen, zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag. So suche ich das Weite in der Ferne. Und ich gehe dahin, ein letzter Blick über die linke Schulter erspäht Müllemann, wie er wankt. Und ich laufe. Und ich hoffe, dass ein Blümlein am Wegesrand sich erholt und aufersteht und blüht und zu meiner Freude duftet und …

Freud muß Leid, Leid muß Freude haben. Und ich laufe, um einem Platz zu finden, an dem ich sagen kann: Hier bin ich Mensch, hier darf ich ’s sein! Während Müllemann wankt, nach Hause wankt, wankt, wankt …

Goethe mag mir verzeih’n!

Romananfänge (6): Garp

Heute möchte ich noch einmal auf den Roman Garp und wie er die Welt sah von John Irving zurückkommen, den ich gestern hoffentlich nicht zu sehr verrissen habe. Vielen Irving-Liebhabern muss es seltsam anmuten, den ‚Garp’ einerseits in einer Liste meiner liebsten Bücher zu finden, andererseits solch kritische Worte über das Buch zu vernehmen. Vielleicht sollte der werte ‚Liebhaber’ dann vielleicht doch etwas genauer lesen …

In einer Vorbetrachtung zum Thema Romananfänge läutete ich gewissermaßen einen Wettbewerb für gekonnt formulierte erste Romansätze ein. Dazu bin ich, wie geschrieben, durch John Irving angeregt worden. Was liegt da näher, als hier auch einmal einen Anfang eines Romans von John Irving in den Wettbewerb zu schicken – eben aus seinem besagten Roman: Garp und wie er die Welt.

Garps Mutter, Jenny Fields, wurde 1942 in Boston festgenommen, weil sie einen Mann in einem Kino verletzt hatte. Es war kurz nachdem die Japaner Pearl Harbor bombardiert hatten, und die Leute waren tolerant gegen Soldaten, weil plötzlich jeder Soldat war, aber Jenny Fields blieb fest in ihrer Intoleranz gegen das Benehmen von Männern im allgemeinen und Soldaten im besonderen.
(1. Kapitel – Das Bostoner Mercy Hospital)

Nun, der Soldat wurde gegenüber Jenny Fields sexuell aufdringlich, was Garps Mutter, die Krankenschwester, die immer ein Skalpell bei sich trug, entsprechend beantwortete.

Willi und die Romananfänge

Das Witzige ist, dass Irving zunächst einen anderen Romananfang im Sinne hatte. In einem Nachwort: Vor zwanzig Jahren (1998) – der Roman war 1978 erschienen – schreibt John Irving:

„Damals fiel mir ein, daß ich neben meinen übrigen Versuchen, einen Romananfang zu finden, vor langer Zeit auch einmal mit dem jetzigen Schlußsatz begonnen hatte („… in der Welt, so wie Garp sie sah, sind wir alle unheilbare Fälle.“), und ich erinnerte mich daran, wie dieser Satz durch das Buch gewandert war, wie ich ihn dauernd vor mir herschob. Anfangs war es der erste Satz des zweiten Kapitels, später war er der letzte Satz des zehnten Kapitels und so weiter, bis er zum Ende des Romans wurde – dem einzig möglichen Ende.“

Manchmal liegt Anfang und Ende so nah beieinander. Ein guter Anfang soll den Leser zum Weiterlesen animieren, ein gutes Ende wie das Feuerwerk zu Silvester, dem Jahresende, dem Ganzen des Romans die Krone aufsetzen.