Alle Artikel von WilliZ

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

(Fast) unterschlagene Beiträge – Teil 16

Merkel und der Vatikan

Da hat sich der Papst ein faules Ei ins Nest legen lassen (Aufhebung der Exkommunikation gegen einen Holocaustleugner), da darf er sich nicht wundern, wenn alle Welt schreit: Es stinkt! Nur sollte sich die Pastorentochter Merkel zunächst um ihre eigenen faulen Eier kümmern (Mehdorn und die Datenaffäre bei der Bahn, deutlichere Kritik an den Bankmanagern), bevor sie sich in kirchliche Angelegenheiten einmischt.

Und der Papst? Der hat nun ein echtes Problem. Sicherlich war es ihm eine Herzensangelegenheit, den Zusammenhalt der katholischen Kirche zu betreiben. Wenn aber seine erzkonservative Haltung dazu führt, eine umstrittene Bruderschaft mit noch umstritteneren Ansichten „heim ins Reich“ zu holen, dann muss er sich darauf einstellen, dass liberal denkende Katholiken der Kirche den Rücken kehren.

Mehdorns Stuhl wackelt

Wenn selbst CDU-Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach laut über einen Rücktritt Mehdorns nachdenkt, dann wackelt dessen Stuhl wirklich bedenklich. Die zögerlichen Aufklärungs- und Erklärungsversuche („Übereifer!“ und „falsch verstandene Gründlichkeit“.) von Bahnchef Mehdorn angesichts einer Massen-Überprüfung eines Großteils der Bahnmitarbeiter belegen, dass er nicht so ganz verstanden hat, worum es bei dieser Affäre eigentlich geht. Wie schallt es aus den Lautsprechern bei Abfahrt eines Zuges: Zurücktreten, bitte!

Duell der Möchtegern-Meister

Nach dem Sieg in Dortmund im Achtelfinale des DFB-Pokals schien für Werder wieder alles in Butter zu sein. Um so bitterer die Erkenntnis, dass man nichts dazu gelernt hat und die Achterbahnfahrt der Hinrunde wohl weitergeht: Wer gegen einen Abstiegskandidaten wie Arminia Bielefeld zu Hause verliert, hat an der Tabellenspitze der Fußball-Bundesliga wahrlich nichts verloren.

Und jetzt geht es am Samstag auf Schalke weiter, einem weiteren Möchtegern-Meister, der tief in der Krise sitzt. Da mag man gar nicht hinschauen.

Man spricht Deutsch

Deutsch ist eine der wichtigsten Sprachen in Europa, innerhalb der Europäischen Union ist es die am häufigsten, immerhin von 110 Millionen Menschen gesprochene Muttersprache. Jetzt widmet sich eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin „Der Sprache Deutsch“ und gibt u.a. einen Überblick über die Geschichte der deutschen Sprache. Zeitgleich geht das Haus der Geschichte in Bonn Phänomenen der Gegenwartssprache auf den Grund – etwa der Jugend- bzw. Szenesprache. Die Ausstellung in Berlin ist täglich, auch sonntags, von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet fünf Euro.

Untergegangene Wörter

Zu den Besonderheiten der deutschen Sprache habe ich mich bereits in verschiedenen Beiträgen hier geäußert; u.a. habe ich dabei auf den Verlust alter deutscher Wörter hingewiesen, aber auch aufgezeigt, wie sie die Sprache immer weiterentwickelt: Laut Duden kommen jedes Jahr etwa 1.000 Worte dazu (Von Archaismen und Neologismen). Weitere Beiträge: You need ZugzwangWenn der Amtsschimmel wiehertTypisch deutsch: GemütlichkeitWörterbuch der Szenesprache

Google Ocean

Google Maps habe ich in diesem Blog schon öfter eingebunden (Martin Walsers „Ein springender Brunnen“ spielt z.B. in Wasserburg am Bodensee). So kann man Tatorte und Schauplätze sehr schnell ansteuern und sich ein Bild von der Umgebung machen.

Google Earth dürften den meisten inzwischen bekannt sein. Jetzt gibt es eine neue Version (Google Earth 5.0 (Beta)), mit der man auch auf Tauchstation gehen kann. Google hat seine Software runderneuert und mit Material über die Meere angereichert. Ab sofort kann man virtuelle Tauchfahrten unternehmen und mit Bildern und Videos die Weltmeere erkunden.

siehe auch zdf.de: Mit Google auf Tauchstation

Léo Malet: Paris des Verbrechens (Nestor Burma-Krimis)

Bevor er Krimis schrieb, arbeitete Léo Malet als Büroangestellter, Filmstatist, Herausgeber einer Modezeitschrift und Ghostwriter eines analphabetischen Erpressers. In Frankreich gehören seine Krimis längst zum kulturellen Erbe. Dies sind die zehn klassischen Fälle von Nestor Burma, dem Inhaber der Detektiv-Agentur „Fiat Lux“. Jeder spielt in einem anderen Pariser Arrondissemont.

„Wenn Malet einen Krimi schreibt, schreibt er mehr als einen Krimi: Er ist der einzige Autor, der das poetische Universum des Surrealismus in Kriminalromane übersetzt. Seine Geschichten sind Action und Parodie des Genres zugleich.“
Neue Zürcher Zeitung

Nestor Burma steht in der Tradition amerikanischer Detektive wie Sam Spade und Philip Marlowe, hat aber deutlich mehr Humor und sein Erscheinungsbild, Maßanzüge und exzentrische Pfeife, weist eine eigene Note aus. Somit ist Léo Malet mit Autoren wie Dashiell Hammett (Sam Spade) und Raymond Chandler (Philip Marlowe) vergleichbar. Neben diesen beiden gilt auch noch Ross Macdonald als einer der wichtigsten Vertreter der harten Schule des Detektivromans.

Bis auf eben jenem Nestor Burma von Léo Malet habe ich bereits einige Kriminalromane der genannten Autoren gelesen. Hinzu kommen die weiteren Klassiker von Agatha Christie mit ihren der beiden bekanntesten Figuren, dem belgischen Detektiv Hercule Poirot und der altjüngferliche Miss Marple, die viele von uns allein schon aus dem Fernsehen kennen. Erwähnenswert sind außerdem Krimi-Helden neueren Datums wie z.B. Tom Ripley von Patricia Highsmith und Inspektor Jury von Martha Grimes. Nicht gegessen möchte ich natürlich auch Edgar Allan Poe, der gewissermaßen den Kriminalroman erfunden hat, und Arthur Conan Doyle und seinen Sherlock Holmes. Und Edgar Wallace kennen viele aus den kultigen deutschen Verfilmungen.

Neben dem Privatdetektiv Nestor Burma gibt es natürlich eine weitere bekannte Figur, die wie dieser in Paris tätig wurde: Kommissar Maigret von Georges Simenon.

Nun, Nestor Burma kenne ich aus der insgesamt 39-teiligen Serie des französischen Fernsehens, die auch bei uns gezeigt wurde – 1991 bis 2003 verfilmt und mit Guy Marchand in der Hauptrolle.

Guy Marchand als Nestor Burma

10 der klassischen Fälle von Nestor Burma sind jetzt für gerade einmal 9,95 € bei Zweitausendeins – in einem Band zusammengefügt – erhältlich. Knapp 1200 Seiten, die das Paris des Verbrechens beschreiben. Während meiner Grippe-Erkrankung hatte ich Zeit, vier dieser Kriminalromane zu lesen.

Die Detektiv-Agentur in der Rue des Petits-Champs heißt sinnigerweise «Fiat Lux» (‚Es werde Licht‘). Ihr Inhaber liebt solch hintergründige Scherze, obwohl er es gemeinhin nicht mit Bibelsprüchen hält. Eher schon mit dem anarchistischen Motto ‚Weder Herr noch Gott‘: Als der jugendliche Nestor Burma 1927 von Montpellier nach Paris kam, wurde er praktizierendes Mitglied einer Anarchistengruppe. So etwas prägt fürs Leben, auch wenn Monsieur Burma inzwischen Maßanzüge trägt, als Arbeitgeber einen dreiköpfigen Angestelltenstab befehligt und als Privat-«Flic» am Erhalt der bürgerlichen Ordnung mitwirkt. Doch sein ‚anarchistischer Individualismus‘ schlägt halt immer wieder durch, vor allem, wenn Nestor auf eine heiße Spur gestoßen ist und den parallel ermittelnden Kommissar Faroux selbstsüchtig auf falsche Fährten lockt.


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Rue des Petits-Champs (Richtung Avenue de l’Opéra) – Detektei Fiat Lux

Erstaunlich darum, daß Nestor Burma bei dem schnauzbärtigen Kripo-Chef einen so großen Stein im Brett hat, zumal der leidgeprüfte Florimond Faroux stets die schlimmsten Verwicklungen zu fürchten hat, wenn der Privatkollege mit der exzentrischen Stierkopf-Pfeife scheinbar zufällig am Schauplatz eines vermeintlichen Routine-Verbrechens aufkreuzt. Doch der Kommissar profitiert eben nicht nur gern von den ‚bistrokratischen‘ Kenntnissen Burmas, sondern auch von dessen detektivischem Gespür. Darum schanzt er ihm sogar schon einmal einen verdeckten Polizeiauftrag zu, wenn der Fall für eine offizielle Recherche zu heikel ist.


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Quai des Orfèvres (Sitz der Kriminalpolizei von Paris)

Die Staatsknete nimmt Nestor Burma auch ganz gerne mit, denn bei flauer Kriminalkonjunktur kommt es öfter vor, daß er seinen beiden Außendienst-Agenten, dem quirligen Roger Zavatter und Réboul-dem-Einarmigen, gleich mehrere Monatsgehälter schuldet. Seine weltkluge Sekretärin Hélène Chatelain pflegt er in solchen Ebbezeiten sogar anzupumpen. Aber Goldschatz Hélène hat für Vieles Verständnis. Nur wenn ihr Chef das dienstliche Beschatten attraktiver Damen allzusehr ausdehnt, reagiert Hélène spürbar unfroh. Doch ihre wache Eifersucht hat ihm bereits mehrfach das Leben gerettet.

Trotzdem: Die gefährlichsten Wege geht Nestor allein. Unterstützung braucht er allenfalls zur Vorbereitung seiner Schachzüge. Dann muß beispielsweise Marc Covet, der versoffene Klatschvetter und Reporter des «Crépuscule», mal wieder einen gezielten Basisartikel schreiben, um die verborgenen Drahtzieher eines Verbrechens aus dem Käfig zu locken. Die abschließenden Protokolle seiner Fälle verfaßt Nestor Burma allerdings selber: Betont lässig, schnoddrig, in cooler Kurzsatz-Methode, garniert mit effektstarken Klopfern – ‚ihr Büstenhalter hatte alle Hände voll zu tun‘.

Der Autor hinter diesem ‚Autor‘ ist Léo Malet. Genau wie sein Held im Jahre 1909 in Montpellier geboren und als Halbwüchsiger nach Paris entwichen, begann er in den vierziger Jahren mit dem Krimi-Schreiben. Den größten Ruhm erlangte er dann ein Jahrzehnt später mit dem Zyklus ‚Die neuen Geheimnisse von Paris‘: Jeder Fall spielt in einem anderen Arrondissement der Metropole. Im Schatten des Louvre klärt Nestor Burma einen mörderischen Kunstraub auf, im kleinbürgerlichen Marais den Mord an einem Pfandleiher (dessen Dienste er selber gerade in Anspruch nehmen wollte bzw. mußte …).


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Tour de Barbette (Überrest des Stadthauses von Isabeau von Bayern) – Ecke Rue des Francs Bourgeois / Rue Vieille du Temple (Schauplatz eines perfiden Mordes im Fall „Marais Fieber“ – 3. Arrondissement von Paris)

Und einmal wird der liebe ‚Genosse Burma‘ auch brieflich ins 13. Arrondissement bestellt, wo er seiner eigenen anarchistischen Vergangenheit begegnet. Jenseits des Pont Tolbiac, in der Gegend der Salpérière und des Gare d’Austerlitz trifft er aber nicht nur seine ehemaligen Gefährten wieder, er lernt auch seine große Liebe kennen, die junge Zigeunerin Bélita. Den Fall, dessentwegen er gerufen wurde, klärt er auf. Doch Bélitas Ermordung kann er nicht verhindern. So wandert Nestor Burma weiterhin allein durch das meist verregnete Paris. Manchmal fühlt er sich ganz deprimiert, wenn er ans Altwerden denkt.

aus: revonnah.de

Wie bereits in den vielen anderen klassischen Kriminalromane wird auch bei Léo Malet notfalls ein neuer Handlungsstrang kurz vor Ende eingefügt, um mit dieser ‚Wende’ nicht nur den Fall in eine andere Richtung, sondern auch der Lösung entgegen zu bringen, auch wenn das die Logik auf den Kopf zu stellen droht. Was Nestor Burma aber zu etwas Besonderem macht – und alle Schwächen vergessen lässt -, sind sein Humor und seine trockene Art der Weltsicht, leider oft auch trotz des völligen Verzichts auf psychologische Stringenz.

Vier Jahre WilliZBlog.de

Heute ist nicht nur Murmeltiertag, nein, dieses Blog besteht bereits seit vier Jahren und hat seitdem mit über 1400 Beiträgen seinen (meinen) Senf zum Weltgeschehen dazugegeben.

WillizBlog - winterlich
WillizBlog – winterlich

WillizBlog - frühlingshaft
WillizBlog – frühlingshaft

WillizBlog - sommerlich
WillizBlog – sommerlich

WillizBlog - herbstlich
WillizBlog – herbstlich

„Jeeha! Wieder ’n Jahr näher an der Rente!“ heißt es außerdem für mich. Wenn nicht alle Stricke frühzeitig reißen, dann werde ich in spätestens acht Jahren meine Zelte bei meinem jetzigen Arbeitgeber abbauen, um mich dem wohl verdienten Ruhestand in passiver Altersteilzeit zu widmen.

Nachtrag zu meinem Geburtstag:
Jan zu meinem 55.sten
… von meinem ‚respektlosen‘ älteren Sohn Jan

Frank Zappa spielt Maurice Ravels Boléro

Auch wenn ich mit klassischer Musik nicht ganz so viel am Hut habe, so gefällt mir Maurice Ravels Boléro, ein Orchesterstück in Form eines spanischen Balletts, ausgesprochen gut. Das Musikstück erhält seine Spannung durch die mit jeder neuen Variation wechselnde Instrumentierung und ein ständiges Crescendo, also Lauterwerden.

Kein Geringerer als Frank Zappa hat sich bei einer Aufführung am 17. Mai 1988 in Barcelona mit seinem Orchester an dieses Stück gewagt. Es hält sich zwar nicht sehr streng ans Original, und Zappa lässt eigene Ideen hineinfließen, aber es zeigt, welch großer Musiker Zappa war:


Zappa spielt Maurice Ravels Boléro (Barcelona 1988)

WebTV

Die schnellen DSL-Leitungen machen es für viele möglich: WebTV, d.h. aus dem Internet heraus Fernsehen gucken. Neben einer TV-Karte im Rechner (damit kann man z.B. über Kabelanschluss das laufende TV-Programm auf dem PC anschauen und auch in verschiedenen Videoformaten abspeichern) bietet das Internetfernsehen ein riesiges Angebot.

Videos beim Internet-TV werden in der Regel als Streams (Datenstrom) über das weltweit zugängliche Internet übertragen. Da die eingehenden Daten nicht alle zwischengespeichert werden können, ist immer nur ein Ausschnitt der Daten bekannt. Streams sind so als Download nicht verfügbar. Allerdings lassen sich viele Streams mit Hilfe des Real Players herunterladen (manchmal als Flash-Video, meist aber im Real-eigenem IVR-Format, das sich allerdings nicht für die Weiterbearbeitung, z.B. Konvertierung in andere Videoformate „eignet“).

Nun, die meisten deutschen TV-Sender bieten so genannte Mediatheken an, vorn weg die beiden großen Sender öffentlich-rechtlicher Art. Besonders das ZDF bietet neben vielen Kurzvideos auch die Möglichkeit, verpasste TV-Sendungen, die vom ZDF produziert wurden (bis hin zu Spielfilmen), am PC nachträglich anzuschauen: ZDFmediathek. Bei der ARD ist das Angebot noch nicht so groß: ardmediathek.

Auch die TV-Zeitschriften ‚ebnen’ den Weg Richtung WebTV. So findet man bei der TV-Movie viele Links zu WebTV-Angeboten – teilweise sogar mit der Möglichkeit des direkten Downloads. Bei movies.msn.de kann man sich ganze Filme angucken.

Und noch mehr aus Wolfgangs Schatzkämmerlein

Aus Wolfgangs musikalischer Schatzkammer (Wolfgang ’s Vault) habe ich erst vor kurzem interessante Konzertaufnahmen vorgestellt; inzwischen gibt es weitere Aufnahmen von frühen Konzerten mir besonders lieber Musiker, die ich auf keinen Fall unterschlagen möchte:

Wolfgang ’s Vault

Dire Straits – Hammersmith Odeon (London, England) – 5/8/1983

Jethro Tull – Stadhalle (Freiberg, Germany) – 4/30/1982

Tracy Chapman – Estadio River Plate (Buenos Aires, Argentina) – 10/15/1988

Ry Cooder – Record Plant (Sausalito, CA) – 07.07.1974
(wird auch für $9.98 zum Download angeboten – (256k mp3))

Martin Walser: Dorle und Wolf – Novelle

In meinem Blog habe ich aus gutem Grund öfter, besonders im letzten Jahr, über Bücher von Martin Walser geschrieben (AngstblüteEin fliehendes PferdSeelenarbeitBrandungJagdEin springender Brunnen). Er zählt zu meinen Lieblingsautoren deutscher Sprache.

1988 hielt Walser im Rahmen der Reihe Reden über das eigene Land eine Rede, in der er deutlich machte, dass er die deutsche Teilung als schmerzende Lücke empfindet, mit der er sich nicht abfinden will. Diesen Stoff machte er auch zum Thema seiner Erzählung Dorle und Wolf (1987 erschienen).

Aus dem Klappentext zur Novelle Dorle und Wolf (Zweite Auflage 1987 – Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main):

Wolf Zieger alias York, aus der DDR stammend, litt an der deutschen Teilung. Ihn bekümmerte, dass seine kämpfende und leidende Republik auf dem Gebiet der High-Technology hoffnungslos unterlegen ist. Er ist bereit, diesem Defizit abzuhelfen, und stellt sich als Kundschafter in den besonderen Dienst seiner Republik.

Wenn die Novelle einsetzt, ist Wolf 15 Jahre im Westen. Er arbeitet nach Vorlage einer widerspruchsfreien Biografie in der Bonner Politikverwaltung, verheiratet mit Dorle, einer Sekretärin im Verteidigungsministerium; hinter ihm liegen neun Jahre fehlerloser Praxis als Spion. Er hat sich voll und ganz auf diese Arbeit eingestellt. „Man muß, wenn man etwas zu verbergen hat, mehr tun, als man selber für nötig hält.“ Im Laufe seiner Tätigkeit wird er dabei so etwas wie ein Überkonsequentexperte: Er spielt Schumanns Novelletten immer nur mit einer Hand, um nie hören zu lassen, dass er ursprünglich in der DDR Klavier studiert hatte. So ist es immer der halbierte Schumann, den er spielt, und halbiert sind für ihn auch die Menschen der Bundesrepublik. „Sie wissen nicht, was ihnen fehlt. Und keiner würde sagen, ihm fehle seine Leipziger Hälfte, sein Dresdner Teil, seine mecklenburgische Erstreckung.“


Wohnung von Dorle und Wolf in Bonn-Poppelsdorf: Ecke Trierer Straße 47 – Querstraße

Überkonsequent ist er auch in seiner Spionagetätigkeit: immer mehr tun, als man für nötig hält. Er macht sich an Sylvia Wellershof heran, ebenfalls Sekretärin im Verteidigungsministerium. Dorle, seine Frau, die erst nach der Heirat von seiner Agententätigkeit erfahren hatte, die ihn deckte und unterstützte, weil sie ihn liebte, wusste, dass er die Protokolle sozusagen in Sylvias Bett abholte. Dorle duldete zwar ein Zwischen-Tür-und-Angel-Verhältnis, eine Kurzbeziehung nach Dienstschluss, und Wolf musste dann Dorle auch seine unbefriedigte Beteiligung, sein zweckdienliches Verhältnis erläutern, seine „ebenso komischen wie quälenden Geschlechtsdienste, deren Hauptcharakteristikum ihre Kurzgefaßtheit war.“ Aber wie viel Unvereinbarkeit erträgt man? Das wurde Wolfs Problem: „Wie sehr darf man, was man denkt, dem, was man tut, widersprechen?“

Dorle wollte ein Kind, auch Wolf wollte es. Nur noch ein Auftrag war abzuwickeln, dann wollte er in einem Treff mit DDR-Nachrichtendienstleuten in Südfrankreich die Arbeit aufkündigen. Doch die wollten ihn nicht entlassen und wollten ihm auch seinen privaten Wunsch nach Leben in einer Familie nicht abnehmen. Wolf spürte den Konflikt immer brennender. Er begann sich selbst abzulehnen, sich und sein dauerndes Weder-Noch. In seiner Seelenerschütterung wusste er nicht mehr: war er illegal oder schon illegitim. Er entschied sich, seinen Dienst aufzugeben, er wollte sich stellen, Dorle gab ihm den Rat, „das Land, in dem er lieber vor Gericht geht, muß man vorziehen“.

Wolf entschied sich, er stellte sich einem Gericht der Bundesrepublik. Er erlebte einen eitlen Anwalt, eine ihn verfolgende Staatsanwältin und einen Gerichtsvorsitzenden, von dem er sich zunächst verstanden fühlte. Im Urteil aber demonstrierte dieser dem Angeklagten, wie politisch unvernünftig sein Handlungsentwurf ist, die Vorstellung halbierter Menschen sei der reine Wahn.

Die Novelle Dorle und Wolf, die in einem einzigen Kreis nur einen einzigen Konflikt zeigt, zerbröselt die Vorstellung, ein einzelner könne, wie York in Tauroggen, in den Gang der Geschichte eingreifen. Die Novelle aber zeigt auch, was Rettung bedeutet, der Wunsch einer unendlichen Annäherung an den anderen Menschen – als schönsten Liebes- und Lebenssinn.

Für Wolf alias York sind die Menschen der Bundesrepublik halbiert. „Sie wissen nicht, was ihnen fehlt. Und keiner würde sagen, ihm fehle seine Leipziger Hälfte, sein Dresdner Teil, seine mecklenburgische Erstreckung.“ Martin Walser fehlte anscheinend seine ostdeutsche Hälfte. Und als hätte er es beim Schreiben geahnt, sollten sich zwei Jahre nach Erscheinen dieser Novelle beide deutschen Hälften einen.

Es fehlte ein Tor zum Glück

Nach dem Wintermärchen vor zwei Jahren in Deutschland, das für die deutsche Mannschaft gut ausging (sie wurde Weltmeister im Herrenhandball), waren die Erwartungen nach dem Umbruch in der Mannschaft nicht sehr hoch gesteckt. Um so überraschender dann doch das Abschneiden in der Vorrunde, als man sich von Spiel zu Spiel steigern konnte, Gruppenerster wurde und in die Hauptrunde die optimalen vier Punkten mitnehmen konnte (jeweils ein Sieg gegen den Zweit- und Drittplatzierten, die sich ebenfalls für die gleiche Gruppe in der Hauptrunde qualifizierten).

Handball-WM 2009 in Kroatien: Deutsche Mannschaft am Boden

Aber in der Hauptrunde wollte es nicht mehr so richtig klappen. Nach dem Unentschieden gegen Serbien (35:35 nach 35:33-Führung) gab es nur noch knappe Niederlagen gegen Norwegen (24:25) und Dänemark (25:27) und damit das Aus bei der Handball-WM in Kroatien 2009. Dabei hätte nur ein Tor genügt, um ins Halbfinale zu gelangen: Ein Tor mehr gegen Serbien oder eines gegen Norwegen. Aber das Glück war eben den Deutschen diesmal nicht Hold.

Im Halbfinale spielen jetzt der Gastgeber und Favorit Kroatien gegen Polen und Frankreich gegen Dänemark.

siehe auch zdf.de: Bauchlandung: Der Weltmeister ist raus

Weiteres aus Wolfgangs Schatzkämmerlein

Von Wolfgangs musikalischer Schatzkammer (Wolfgang ’s Vault) habe ich bereits öfter berichtet. Dort findet man jede Menge an Konzertaufnahmen, denen man online lauschen kann (die man mit bisschen Geschick sogar über die Soundkarte auch aufnehmen kann).

Wolfgang's Vault

Jetzt habe ich dort einmal wieder vorbeigeschaut und folgende durchaus empfehlenswerte Konzerte gefunden – viel Spaß beim Hören (kostenlose Anmeldung ist erforderlich):

Mahavishnu OrchestraMorris A. Mechanic Theater- 5/9/1973

CreamOakland Coliseum Arena – 10/4/1968

Richie Havens (siehe hierzu Meine Lieblingslieder – Teil 2)Bottom Line – 9/12/1976

Herbie MannBottom Line – 1/21/1978

Emerson, Lake & Palmer – Anaheim Convention Center – 2/2/1974