Kategorie-Archiv: Wiedergelesen

Wiedergelesen – wiederentdeckte Literatur

Heinrich von Kleist zum 200. Todestag: Michael Kohlhaas

Während unseres diesjährigen Urlaubs im Brandenburgischen machten wir auch einen Abstecher nach Frankfurt/Oder. Und es war nicht zu übersehen: 2011 ist Kleist-Jahr anlässlich seines 200. Todestages am 21. November. Kleist wurde 1777 in Frankfurt/Oder geboren.

Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist (* 18. Oktober, nach Kleists eigenen Angaben 10. Oktober 1777 in Frankfurt (Oder); † 21. November 1811 am Stolper Loch, heute Kleiner Wannsee (Berlin)) war ein deutscher Dramatiker, Erzähler, Lyriker und Publizist. Kleist stand als „Außenseiter im literarischen Leben seiner Zeit […] jenseits der etablierten Lager“ und der Literaturepochen der Weimarer Klassik und der Romantik. Bekannt ist er vor allem für das „historische Ritterschauspiel“ „Das Käthchen von Heilbronn“, seine Lustspiele „Der zerbrochne Krug“ und „Amphitryon“, das Trauerspiel „Penthesilea“ sowie für seine Novellen „Michael Kohlhaas“ und „Die Marquise von O…“

Heinrich von Kleist war ein leidenschaftlicher Dichter mit einem überschäumenden Temperament, ein Querdenker und Revolutionär mit einem „Hang“ zu sinnloser Gewalt – und ein Stotterer. Er war unstet, ruhelos, ohne festen Wohnsitz. Und er war angetan vom Gedanken der Freiheit. Am 21. November 1811 nahm er sich mit seiner Freundin Henriette Vogel das Leben, denn „die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war.“ So Kleist in seinem Abschiedsbrief.

Video auf zdf.de: Vor 200 Jahren erschoss sich Kleist

    Heinrich von Kleist, Reproduktion einer Illustration von Peter Friedel

Ich hatte das „Glück“, in der Schule von Kleist verschont geblieben zu sein. Gibt es etwas Schlimmeres als Kleists ‚Michael Kohlhaas’, diese Bandwurmsätze, bei denen man am Ende nicht mehr weiß, was man am Anfang gelesen hat? Eine Sprache, die antiquierter nicht sein kann?

Ich bin über die Lektüre von Franz Kafka zu Heinrich von Kleist gekommen. Kafka war ein großer Verehrer der Erzählungen von Kleist. Und so habe ich mich zum ersten Mal vor über 40 Jahren an den Michael Kohlhaas, die Marquise von O. und all die anderen Erzählungen gewagt. Nur drei Jahre später las ich dann den ‚Michael Kohlhaas’ erneut. Meine heutige Frau, die damals die Abendschule besuchte, musste eine Interpretation über diese Erzählung schreiben. Und dann auch noch einen dieser für Kleist typischen Schachtelsätze mit einer Länge von mehr als einer Seite grammatikalisch auseinanderpflücken. Dazu morgen etwas mehr. Hier zum Inhalt der Erzählung:

„Der im Brandenburgischen lebende, angesehene Rosshändler Michael Kohlhaas reitet mit einer Koppel Pferde nach Sachsen. Unterwegs wird er jedoch an der Burg des Junkers Wenzel von Tronka mit der willkürlichen Forderung nach einem Passierschein aufgehalten. Nachdem Kohlhaas in Dresden feststellt, dass es einen solchen Passierschein nicht gibt, erfährt er bei seiner Rückkehr, dass seine beiden als Pfand zurückgelassenen Pferde durch den Einsatz in harter Feldarbeit abgemagert und damit wertlos geworden sind.“ (Quelle: de.wikipedia.de)

Kohlhaas versucht zunächst sein Recht durch Klage zu erlangen. Doch dank der Vetternwirtschaft der Tronkas („Hinz und Kunz“) wird diese abgewiesen. Als auch noch seine Frau beim Versuch, ihrem Mann Gehör zu verschaffen, den Tod findet, greift Michael Kohlhaas zur Selbstjustiz und beginnt einen Rachefeldzug gegen den Junker. Dieser kann aber immer wieder entkommen. So legt Kohlhaas mit seinem wachsenden Heerhaufen Wittenberg in Schutt und Asche, weil die Stadt den Junker nicht ausliefern will.

Die verwickelte Geschichte endet damit, dass in einem erneuten Prozess der Junker von Tronka zwar auf Schadensersatz, Kohlhaas aber zugleich wegen Landfriedensbruch zum Tode verurteilt wird.

Wer war nun dieser Michael Kohlhaas, was stellt er dar? War er nur ein unverbesserlicher Querulant, der sogar über Leichen zu gehen bereit ist, um zu seinem Recht zu kommen? Ernst Bloch nennt ihn in seinem Aufsatz „Über den Begriff Weisheit“ (1953) den „Don Quijote rigoroser bürgerlicher Moralität“. In ihm glühe „der Paragraph eines vorhandenen Gesetzes so, als wäre göttliches Recht darin“. Kohlhaas sei nur deshalb anderes als ein neurotischer Querulant, weil er „auf die Befolgung eines Paragraphen so rebellisch“ dränge, „als wäre hier Naturrecht, ja ein Glanzstück von Naturrecht“. So will der Pferdehändler sich für die erlittene Kränkung seines Rechts nicht Genugtuung um ihrer selbst willen verschaffen, sondern fühlt sich „der Welt in der Pflicht verfallen“, will „Sicherheit für zukünftige“ – vor zukünftigen Rechtsbeugungen – „seinen Mitbürgern verschaffen“. Noch im Zustand der „Verrückung“ ist es Kohlhaas um die „Errichtung einer besseren Ordnung der Dinge“ zu tun. Und am Ende geht seine Sehnsucht nach „anderen Menschen, als die er kannte.“ (aus dem Nachwort von Rolf Tiedemann: Ein Traum von Ordnung –
Ausgabe: Insel-Verlag Frankfurt am Main – insel taschenbuch 247 – 1. Auflage 1977)

Franz Kafka, Jurist im Brotberuf und als solcher in der „Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen“ tätig, schrieb in einem seiner Briefe (wohl in „Briefe an Felice“):

„Gestern abend habe ich Dir nicht geschrieben, weil es über Michael Kohlhaas zu spät geworden ist, den ich in einem Zug gelesen habe. Wohl schon zum zehnten Male. Das ist eine Geschichte, die ich mit wirklicher Gottesfurcht lese, ein Staunen faßt mich über das andere, wäre nicht der schwächere Schluß, es wäre etwas Vollkommenes, jenes Vollkommene, von dem ich gern behaupte, daß es nicht existiert.“

Der schwächere Schluss wird sich wohl auf das Eingreifen der geheimnisvollen Zigeunerin, in der Kohlhass’ tote Frau wiederkehrt, beziehen. Diese sorgt auf geheimnisvolle Weise für die Wiederherstellung der Gerechtigkeit und für das Abgleiten der Erzählung ins Märchenhafte.

Sicherlich ist Selbstjustiz nie zeitgemäß gewesen. Kohlhaas schöpft bis zuletzt alle Möglichkeiten aus, um zu seinem Recht zu kommen. Erst als der Staat seiner Pflicht, Gerechtigkeit zu schaffen, nicht nachkommt, nimmt Kohlhaas selbst das Gesetz in die Hand. Da es dabei längst nicht mehr allein um Schadensersatz, sondern um Gerechtigkeit, ja um die „Errichtung einer besseren Ordnung der Dinge“ geht, ist das Tun Kohlhaas’ auch als revolutionärer Akt zu verstehen. Lässt sich Kohlhaas so vielleicht mit der RAF vergleichen?

Bühnenstücke, Erzählungen und weitere Werke im Projekt Gutenberg und als Bücher/Audio-CD Heinrich von Kleist

Meine Zeit, meine Vergeudung …

Oft mokiere ich mich über die Verspätungen im Zugverkehr, von denen ich betroffen bin. Und manches Meeting, manche Gesprächsrunde (von mir als Laberrunde betitelt) ist für die Katz. Das Leben ist kurz genug, um es sich vergeuden zu lassen.

Ja, ich komme noch einmal auf Wole Soyinka zurück und auf einen Absatz aus seinem Roman „Die Ausleger“. Die Person, die hier spricht, ist nur eine Nebenfigur des Romans. Trotzdem finde ich interessant, was er hier über seine Zeit und die Vergeudung dieser zu sagen hat. In gewisser Hinsicht kann ich mich dem durchaus anschließen:

„ […] Manche nennen es meine Allüren.“
„Und das macht dir nicht aus?“
„Ich kümmre mich nicht um Idioten, warum sollte ich auch? Ich bin kein geselliger Mensch. Ich gehe nicht auf ihre Partys, und ich nehme nicht an ihren Versammlungen teil. Ich schätze den Wert meiner eigenen Zeit hoch ein, und ich verüble es einem Mann fast bis zum Punkt fanatischer Rache, wenn ich ihm auch nur eine Sekunde meiner Zeit opfern muß. Wenn ich einen ganzen Tag verschwende und nur in meiner Bude hocke und nichts tue, dann ist das meine Sache, aber ich möchte meine eigene Zeit selbst verschwenden.“

aus: Wole Soyinka: Die Ausleger (S. 271 – Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau, 1983 – Dialog Afrika – Übersetzung von Inge Uffelmann – Original: The interpreters, 1965)

Wole Soyinka: Die Ausleger

„Fünf Freunde, alle etwas Mitte Dreißig, haben nach dem Studium in einem Beruf Fuß gefaßt und versuchen nun, in ihrer jeweiligen Profession voranzukommen und zugleich ihren Platz in der Gesellschaft zu festigen: Sagoe ist Journalist, Bandele Universitätslehrer, Egbo Angestellter im Auswärtigen Amt, Kola Maler und Dozent und Sekoni Ingenieur und Bildhauer aus Liebhaberei. In einem Land wie Nigeria aber, das, gerade in die nationale Unabhängigkeit entlassen, allerorten Kriecher und Streber hervorbringt und wo überall die Korruption blüht, gleicht das einem Abenteuer, zumal diese fünf Freunde selber alles andere als Heilige sind; auch sie unterliegen der korrupten Gesellschaft.
Je näher Soyinka seine ‚Helden’ mit den Vertretern der fragwürdigen neuen nigerianischen Führungsschicht in Berührung kommen läßt, um so entlarvender treten die Reaktionen auf Phänomene wie Rassismus, Generationskonflikt, religiöse Intoleranz, Homosexualität oder Polygamie zutage. Der Kampf des einzelnen gegen einen übermächtigen Staatsmechanismus scheint aussichtslos; der Roman endet pessimistisch und desillusionierend: Der Biafra-Krieg wirft seine Schatten voraus.“
aus dem Klappentext zu: Wole Soyinka: Die Ausleger (Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau, 1983 – Dialog Afrika – Übersetzung von Inge Uffelmann – Original: The interpreters, 1965)

Wole Soyinka: Die Ausleger

„Ich muß zugeben, mir gefällt die Idee mit den Eseln“, sagte Kola. „Aber es könnte sein, daß sie gegen den Geruch allergisch sind.“
„Gasmasken. Die Polizei kann sicher genügend zur Verfügung stellen.“
„Gasmasken an Esel auszugeben, könnte aber ein erhebliches Sicherheitsrisiko bedeuten. Stellt euch mal vor, die veranstalten eine Demonstration, dann wäre der Einsatz von Tränengas ja völlig nutzlos.“
Umschlaggestaltung Hermann Schelbert

Einen der Helden aus dem Roman von Wole Soyinka, Träger des Nobelpreises für Literatur 1986, haben wir bereits indirekt kennengelernt: Sagoe, der Journalist philosophiert über den Leerizismus [Teil 1] [Teil 2] [Teil 3], eine Wortschöpfung von Soyinka (im Original: voidancy zu voidance = Entleerung). Es ist eine persönliche Philosophie, mit der er die gängigen -ismen für sich verneint; er muss als der am meisten „verwestlichte“ in diesem Kreis gelten. Kalo arbeitet an einem großen Gemälde, in dem er alle seine Freunde und Bekannten als Yoruba-Gottheiten porträtiert. Sekoni ist nach einem abgelehnten Kraftwerksprojekt zum Bildhauer mutiert. Bandele ist vielleicht am wenigsten greifbar geblieben, er hat kein konkretes „Projekt“, mit dem er sich identifiziert. Egbo steht vor allem zwischen zwei Frauen, verkörpert aber das Gegenstück zu Sagoe, nämlich den „Traditionalisten“.

Soyinka macht es besonders den europäischen Leser nicht leicht. Er experimentiert und lässt so „provokant klassisch-westliche Formelemente auf die traditionellen Formprinzipien des Yoruba-Dramas stoßen. […] Wer sich an Soyinkas Buch mit festgefügten Vorstellungen zur Romanstruktur macht, wer feste, an europäischen Konventionen und Traditionen epischen Erzählens gebildete Erwartungen an die literarische Form Roman heranträgt, wird von Soyinka schon auf den ersten Seiten […] enttäuscht und verwirrt.“ (aus dem Nachwort von Eckhard Breitinger). Aber genau das macht den Reiz dieses Roman aus. Er entführt uns in eine andere (auch sprachliche) Welt, in der weniger der Einzelne im Mittelpunkt steht als die Gemeinschaft. Sicherlich erfordert dieser Roman einige Aufmerksamkeit, um den Überblick über die gerade geltende Zeit, die gerade aktiven Personen (Zuordnung der Personen) und die inneren Bezüge zu behalten. Aber als Leser gewöhnt man sich schnell an dieses ‚Fließen’ der Handlung.

Eng im nigerianischen Kontext bleibt Soyinkas erster Roman aus dem Jahr 1965, „The Interpreters“ – Die Ausleger“. Der Titel bezieht sich auf fünf Akademiker verschiedener Fachrichtungen, die das Leben im gerade unabhängig gewordenen Nigeria interpretieren, jeder auf seine Art, alle aber in dem sehr afrikanischen Bewußtsein, Teil des Ganzen und verantwortlich für die Gemeinschaft zu sein. Die verschiedenen Interpretationsansätze, die Soyinka mit Humor, Ironie, auch Sarkasmus auf seine fünf Hauptpersonen verteilt, gelten so auch für das Nigeria der achtziger Jahre und manchen anderen Staat der „Dritten Welt.“
Almut Seiler-Dietrich – Die Zeit Nr. 24 vom 05.06.1987 – S. 55

siehe auch Zeit online Literatur: Schwarzer Orpheus, springender Tiger

Stücke, Romane und Gedichte von Wole Soyinka

Leerizismus (3): Göttliche Abbilder

Im ersten Teil ließ Wole Soyinka, Träger des Nobelpreises für Literatur 1986, seinen Romanhelden Sagoe „allen anderen –ismen, vom homöopathischen Marxismus bis zum Existentialismus“ grabsingen und pries den Leerizismus, einem von Soyinka kreierten, ins Deutsche übersetzten Neologismus (voidancy zu voidance = Entleerung). Und im zweiten Teil pries Sagoe das Schweigen dabei. Zuletzt will dieser Sagoe getröstet sein und lässt sich von seiner Freundin aus seinem Pamphlet zitieren: dem Buch der Erleuchtung, über die Philosophie des Leerizismus:

Leerizismus – leere Hände

Und er war erst zu beruhigen, als sie sich bereit erklärte, sein Buch der Erleuchtung auszugraben und ihm von einer beliebigen Seite vorzulesen.

„… Aus dieser Periode meiner Kindheit, und die Tür zu unserer riesig ausgedehnten Wohnanlage gewährte immer Unterschlupf, entsinne ich mich der Farbporträts zweier übermenschlicher Wesen, ätherisch, unweltlich, mit Kronen und Juwelen, breiten Pelzkragen, Gold, Samt und Hermelin, mit Reichsäpfeln und Zeptern und hinter ihnen goldene Throne. In meinen Kinderaugen waren diese Abbilder – und damit der Plazierung dieser Porträts keine besondere ideologische Bedeutung zugemessen werden konnte, hingen die Porträts auch im Wohnzimmer und in den Schlafzimmern, denn meine Leute waren überzeugte, treue Royalisten -, in meinen Kinderaugen waren diese Figuren nichts geringeres als Engel oder Gott und seine Frau. Es war eine kritische Phase meiner Introspektionsentwicklung, und hätte ich in diesem Lande hier gelebt, in dem alle Möglichkeiten offen stehen, ich hätte zweifellos die Laufbahn eines hauptberuflichen Schizophrenen eingeschlagen. Die Beschränkungen dieses grazilen, unwirklichen Paares wurden zur Zwangsvorstellung. Machten sie, oder machten sie nicht? Wie in einer Séance offenbarte sich die Lösung mit blendender Klarheit. Während einer Sitzung rein leerizierender Natur, erkannte ich die Verhaltensgrenze innerhalb dieser menschlichen Verrichtung. Sie waren Leeriker; doch Jesuschristus, niemals das andere! Scheißen ist menschlich; sich entleeren göttlich.
Dies war die Geburtsstunde der konkreten Formulierung des Leerizismus …“
(Seite 227 f.)

Der Leerizismus begegnet den Lesern noch einige Male – als Andeutung. Zuletzt, in einem Gespräch mit seinen Freunden, Kola, den Maler, und Egbo, den Angestellten des Auswärtigen Amtes, beteuert er: „ […] eines trunkenen Tages habe ich diesem Weib da blödsinnigerweise versprochen, daß ich mein Buch der Erleuchtung verbrenne, wenn wir heiraten.“ (S. 351) Dieses Weib ist Dehinwa, mit der Sagoe schon lange zusammenlebt. Und wenn wir auch nur Ausschnitte aus dem Buch der Erleuchtung erfahren, so sollte das genügen, um den Leeriszismus zu verinnerlichen, ähem, eher im Gegenteil, DAS zu veräußerlichen, oder?!

aus: Wole Soyinka: Die Ausleger (Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau, 1983 – Dialog Afrika – Übersetzung von Inge Uffelmann – Original: The interpreters, 1965)

Leerizismus (2): Stichwort Schweigen

Im ersten Teil ließ Wole Soyinka, Träger des Nobelpreises für Literatur 1986, seinen Romanhelden Sagoe „allen anderen –ismen, vom homöopathischen Marxismus bis zum Existentialismus“ grabsingen und pries den Leerizismus, einem von Soyinka kreierten, ins Deutsche übersetzten Neologismus (voidancy zu voidance = Entleerung). Wie schön, dass Soyinka seinen Helden weiterhin leerifiziert philosophieren respektive aus seinem Manuskript zitieren lässt. Köstlich, einfach köstlich – wie ich finde (zum eigentlichen Roman später etwas mehr):

Leerizismus – leere Hände

„Schlag es auf – irgendwo, wo’s dir gefällt.“

Eilfertig, wie jemand, der sich letztlich an eine aufgezwungene Vergnügung gewöhnt hat, gehorchte Mathias.

„Mhm, gut. Jetzt trink, und dann können wir anfangen …
… Und das Schweigen ist für den Leeriker wie der Opiumrausch für den Mystiker des Orients. Die Ruhe in der Toilette eines englischen Vorstadthaushalts, wenn der Gastgeber und die Nachbarn zur täglichen Arbeit gefahren sind, und der Gast alleine leerifizieren kann, dies ist ein Schweigen zum Anfassen. In Frankreich verflacht dieser Mythos der geistigen Vertiefung natürlich zu einer seichten und unangenehmen Pose – wie laichende Kröten. Dort suchte ich den Opiumrausch des Schweigens vergeblich, bis ich mich schließlich, um dem seelenentwürdigenden Zustand der Studentenheimtoilette zu entfliehen, mit Buch und Schaufel in die nahen Wälder zurückzog, wo ich wenigstens diese eine Erfüllung fand, denn die Wälder dehnten sich kilometerweit. Hier errichtete ich mir eine kleine Laube, in der ich regelmäßig meditierte, las oder einfach dem Gezwitscher gallischer Vögel lauschte. Ich gestehe, es war ein verkrampfter Leerizismus, er ließ die tiefe Befriedigung vermissen, die völlige Muskelentspannung. Schlimmer noch: streifte mich plötzlich inmitten meiner Andacht ein nasser Grashalm, so sprang ich in Panik auf, fürchtete ich doch, eine Schlange züngle mir um die Eier. Doch das feuchte, schwere, vogelgezwitscherdurchsetzte Schweigen stellte eine mystische Erfahrung dar, der gegenüber sich das Risiko der Entmannung als unbedeutende Farce ausnahm. Nun freilich, meine Freunde, muß ich von einer schmachvollen Episode berichten. Zwei Wanderstudenten folgten mit eines Tages, neugierig herauszufinden, wohin die tägliche Kombination von Buch und Schaufel führe. Noch immer empört mich alles in mir bei dem Gedanken, daß ich wahrhaftig bei dieser allerintimsten der menschlichen Verrichtungen beobachtet wurde. Doch sie erwiesen sich als interessierte Schüler. Sie reinigten sich von dem Tabubruch, indem sie die Geldration von drei Tagen an einem einzigen Nachmittag im Bistro ausgaben. Ich erteilte ihnen die Absolution, und da der Wein mich großzügig machte, initiierte ich sie in die Mysterien des Leeriszismus. Doch gelang es ihnen, in die Tiefen der Lehre vorzudringen? frage ich mich heute. Sie waren, soweit ich mich erinnere, zu etwas konvertiert, das mir als bloße Entspannungsfähigkeit erschien. In feuchter Erde und in nassem Unterholz, so behaupteten sie, in klammheimlicher Handhabung von Rankengewächs und niederem Buschwerk läge die wahre Leerifizierung. Das ist , schrie ich, die wahre Leerifizierung bedarf der Kunst und Wissenschaft. Indirektes Licht muß gedämpft dem Auge schmeicheln; für den Luftreiniger – denn das ist der Weihrauch – muß mit Hingabe die richtige Duftnote gewählt werden, es bedarf der rechten Bücher und Gemälde, so daß der Wunsch, die Gedanken schweifen zu lassen, nicht in Frustration endet. Lautsprecheranlagen für eine sorgfältig ausgesuchte musikalische Untermalung – nicht die Launen der natürlichen Jahreszeit. Drei Tage lang schwelgten wir in der Dialektik des Leeriszismus. Du bist ein Bourgeoisleeriker, kreischten sie – Sie wissen, wie sehr die Franzosen die Polemik lieben -, und ich antwortete, ihr seid leerifizierte Pseudonegritudinisten! Ihr abtrünnigen Schwachköpfe, begreift ihr denn nicht, daß eine Kirchenatmosphäre geschaffen werden muß! Meine Buch-und-Schaufel-Unternehmung war doch lediglich eine zweckdienliche Notlösung. Aber sie schleuderten mir Andrew Marvell entgegen, bombardierten mich mit green thoughts to [in] a green shade! Gegenüber ihrer Vision von der jungfräulichen Natur und der Laubenleerifizierung erwiesen sich meine Warnungen vor der Schlangenbedrohung als ineffektiv. Es war ein befriedigendes Gefühl, den Samen des Leerizismus auf dem Kontinent gesät zu haben, doch zugleich war es auch eine kleine Niederlage, denn ich war machtlos gegenüber dieser verdammten Regression …“

Feierlich schloß Sagoe das Buch, und beide verharrten in nachdenklichem Schweigen.

„Ich wußte es, Mathias, du bist ein Naturtalent. Du bist sogar so was wie ein Hellseher. Nicht viele Menschen haben ein Fingerspitzengefühl, das genau auf ihre Psyche abgestimmt ist.“

„Wenn Sie sagen, Oga …“

„Ich weiß es, Mathias. Schweigen, das war es. Schweigen. Du hast das Manuskript beim Stichwort Schweigen aufgeschlagen. Ein genialer Akt. […]“

aus: Wole Soyinka: Die Ausleger (S. 139 ff. – Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau, 1983 – Dialog Afrika – Übersetzung von Inge Uffelmann – Original: The interpreters, 1965)

Leerizismus (1)

Nein, ihr braucht es erst gar nicht zu googeln: Leerizismus ist die Übersetzung eines Neologismus (voidancy, eine Wortschöpfung des Autors zu voidance = Entleerung), den Wole Soyinka, Träger des Nobelpreises für Literatur 1986, in einem seiner Romane prägte: Leerizismus zu leer wie inhaltslos (geistige Gegenstände), hohl, alle (Gefäße), nüchtern (Magen) – wohl zum englischen empty gebildet. Soyinka lässt einen nigerianischen Intellektuellen, den Journalisten Sagoe, in seinem 1965 erschienen Buch sprechen und verunsichert damit den Botenjungen Mathias, indem er gewissermaßen ‚ins Leere’ hinein philosophiert. Das Ganze geht dann sogar in späteren Kapiteln noch weiter …

    Leerizismus - leere Hände

Mathias grinste breit, und Sagoe räusperte sich.

„ … Mit diesem Tag grabsinge ich allen anderen –ismen, vom homöopathischen Marxismus bis zum Existentialismus. Wenn ich hier meine eigene Person einbringe, dann deshalb, weil die Übermittlung meiner Geschichte nicht mehr und nicht weniger ist als die Enthüllung des Wunders meiner philosophischen Entwicklung, handelt es sich hier doch um einen Ritualismus, für den ich keinem anderen Vorläufer zu dank verpflichtet bin als der gesamten Menschheit selbst, handelt es sich hier doch um eine Erkenntnis, für die ich keinen anderen Urgrund anerkennen kann als die unveränderlichen Gesetze der Natur. Wenn ich hier meine eigene Person einringe, dann deshalb, weil es sich hier um die innerlichste aller nach innen gekehrten Philosophien menschlicher Existenz handelt. Funktionell, spirituell, kreativ oder rituell, der Leerizismus bleibt die einzig wahre Philosophie des wahren Egoisten. Als Definition, meine Damen und Herren, genüge uns dies: Leeriszismus ist keine Protestbewegung, aber er protestiert; es ist unrevolutionär, aber er revoltiert. Leeriszismus, so möchten wir sagen, ist die unbekannte Größe. Leerizismus ist die letzte auf keiner Karte verzeichnete Fundgrube schöpferischer Kräfte, in seinem Paradoxon liegt der Kern der kreativen Liturgie – in der Freigabe liegt das Erzeugnis. Ich bin kein Messias und doch kann ich nicht umhin zu glauben, ich wurde geboren, diese Rolle zu übernehmen, denn die Natur meiner kongenialen Leiden barg in sich bereits die ersten Anzeichen meines späteren Martyriums und der unvermeidlichen Apotheose. Ich wurde mit einem emotionellen Magen geboren: war ich ärgerlich, revoltierte er; war ich hungrig, schlug er Krawall; wurde ich getadelt, reagierte er prompt; wurde ich enttäuscht, geriet er aus dem Häuschen; er drehte sich um bei Furcht, verkrampfte sich in Momenten der Spannung, er war misstrauisch in Examenssituationen und gänzlich unberechenbar während des Liebesaktes. Meine lieben Freunde, einem Propheten gebührt die Ehre … Oft verdächtigte man mich der Drückebergerei und war mit der Strafe rasch bei der Hand; doch gerade die Begleiterscheinungen des Stark ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühls ist ein Zeichen für die Feinfühligkeit des emotionellen Magens. Weiteren Einfluß auf die Entwicklung meiner Leerungsintroversion nahm die Tante einer Freundin aus Kindertagen, die manchmal zu uns zu Besuch kam. Sie furzte wie Beelzebub. Doch eine noch viel größere Erleuchtung war meine eigene Mutter, die, obschon Opfer des gleichen Leidens, doch zugleich eine tief religiöse Furzerin war. Sie prahlte damit – selbst als sie schon mit einem Fuß im Grabe stand -, daß Gottes Stimme ein Wind sei und daß Gott es keinen Tag verabsäume, nach dem Abendgebet zu ihr zu sprechen. Alle Haushaltsmitglieder trommelte sie als Zeugen zusammen, und alle sagten – Amen. Meine Vorstellung vom rechten Ort für das Gebet formte sich daher wohl in jenen Tagen, als ich erkannte, daß der Grund, die Toilette aufzusuchen, weniger in der physiologischen Notwendigkeit als vielmehr in einem psychologischen und religiösen Druck lag. Bereits in dieser Lebensperiode begann ich mich dem Problem zu widmen, dem ich später in systematischen, objektiven Forschungen weiter nachging, dem Problem des digestiven Behaviorismus beim sensiblen Kind. Ich sprach zwar auf die wohlbekannte Pose des Schnell-fertig-und-weg gut an, doch mitunter erfuhr ich eine Selbstbesinnung, eine Entschlossenheit, einen Glauben, einen inneren Frieden; ich entwickelte eine geistige Fühlungnahme mit einer Welt der Spannungen und Widersprüche …“

Sagoe hielt inne und blickte Mathias an, der mit offenem Mund dasaß. Erklappte das Manuskript zu und sagte: „Das war’s für heute, Mathias. Die erste Lektion ist vorbei.“

Mathias würgte ein „Yessah. Dankschön, Sah“ hervor und ließ Sagoe mit seiner Dissertation allein. Beim Hinausgehen schwenkte er die Bierflasche übertrieben lässig, um zu kaschieren, wie froh er war, endlich wegzukommen.

aus: Wole Soyinka: Die Ausleger (S. 100 ff. – Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau, 1983 – Dialog Afrika – Übersetzung von Inge Uffelmann – Original: The interpreters, 1965)

Klabund: Borgia

Heute Abend läuft der letzte Teil der insgesamt 6-teiligen Historienreihe Borgia (Gemeinschaftsproduktion Tschechien/Deutschland/USA 2011) im ZDF. In der ZDFmediathek sind alle (anderen) Teile zz. auch online zu sehen. Ich selbst habe mir die am Ende 600 Minuten dauernde TV-Reihe allein schon aus Zeitgründen nicht angeschaut. Dafür habe ich aber den gleichnamigen Roman von Klabund gelesen: Borgia

„‚Roman einer Familie’ nannte Klabund dieses fesselnde und brillant geschriebene Buch. Die ‚Familie’ ist das berühmt-berüchtigte Adelsgeschlecht der Borgia, das zeitweise ganz Italien und in der Person zweier Päpste das ganze Abendland unter seine Herrschaft zwang. Grausamkeit und Verschlagenheit, die absolute Unbedenklichkeit in der Wahl der Mittel halfen ihnen, ihre Macht zu festigen und auszuweiten.

Mord an den nächsten Verwandten, Liebe als Machtspiel, Blutschande zwischen Vater-Papst Alexander VI. und seinen Kindern bezeichnen die Maßlosigkeit im Leben der Borgia.

Giftkelch und Meucheldolch regieren unangefochten. Doch auf diesem Gipfel der Macht fallen die Borgia ihnen selber zum Opfer.“

„Klabund, eigentlich Alfred Henschke, wurde 1890 in Crossen a. d. Oder geboren. Nach dem Studium der Literatur und Philosophie in München und Lausanne lebte er als freier Schriftsteller in München, Berlin und in der Schweiz.

Er war ein ungestümer, aufsässiger Mensch, der sich in viele Skandale verwickelte, erotische Themen bevorzugte, wenig Freunde hatte – bis auf Gottfried Benn.
Der Roman Borgia erschien zum ersten Mal nach Klabunds Tod im Jahre 1928.“

Aus dem Klappentext zu Klabund – Borgia – Roman einer Familie – Fischer Taschenbuch Verlag – 16. – 20. Tausend: August 1980

Natürlich dürfte sich die TV-Serie kaum mit diesem kleinen Büchlein von gut 100 Seiten vergleichen lassen. Die Bezeichnung Roman ist sicherlich nicht ganz richtig, nicht ausreichend. Es ist eine Erzählung in Episoden verfasst, die gleichsam Dialoge wie in einem Theaterstück und Szenen wie in einem Film enthält. Schon allein daraus ergibt sich eine besondere Spannung. Im Mittelpunkt stehen natürlich die Borgias, vor allem Rodrigo Borgia, der als Papst Alexander VI. in die Geschichtsbücher einging, Cesare Borgia, der Niccolò Machiavelli als Vorbild für seinen Il Principe („Der Fürst“), den rücksichtslosen Machtpolitiker, diente, und Lucrezia Borgia, die oft als Instrument der Politik ihres Vaters herhalten musste. Daneben spielt Fra Girolamo Savonarola aus Ferrara in dem Roman eine größere Rolle, Savonarola, der von Florenz aus mit seiner Kritik am Lebenswandel des herrschenden Adels und Klerus, hier besonders an dem Papst, den er bezichtigte, der Antichrist zu sein, für Aufsehen sorgte – und nachdem er von Papst Alexander VI. als ‚Häretiker, Schismatiker und Verächter des Hl. Stuhles’ exkommuniziert wurde, vor einer riesigen Menschenmenge auf dem Scheitelhaufen landete. Aber auch der Florentiner Bildhauer und Maler Michel Angelo erscheint in einem Treffen mit Lucrezia Borgia und malt sie als „Leda vom Schwan geliebkost. [Als] Venus von Amor geliebkost.“ (S.74). Und der Christus in der römischen Pietà, „trägt er nicht die Züge jenes in Florenz verbrannten Fra Girolamo – jenes unseligen Ketzers –“? (S. 74). Natürlich treffen wir in dem Buch auch Cesare Borgia im Gespräch mit Niccolò Machiavelli.

Klabund („KLAbautermann und VagaBUND“) gelingt mit Borgia „ein grausiger Alptraum von Macht und Schicksal, Mord und Blutschande.“ „Marcel Reich-Ranicki nannte ihn – vielleicht mit Bedauern – vierzig Jahre nach Klabunds Tod »nur noch eine literarhistorische Erscheinung«. Inzwischen kann Klabund allerdings neu entdeckt werden, denn er wird in der ganzen Breite seines Schreibens wieder zugänglich gemacht: Im kleinen Heidelberger Eifenbein-Verlag liegt eine achtbändige Lese- und Studienedition der Werke Klabunds nach dem Text der Erstdrucke vor.“ (aus: KLABAUTERMANN UND VAGABUND: Eine Einführung von Christian von Zimmermann).

Hermann Hesse: Stufen

Hermann Hesse widmete sich in seinem Tun und literarischem Schaffen dem Individuum. Seine Romane, Erzählungen und Gedichte haben immer wieder die Selbstverwirklichung, die Selbstwerdung, die Autoreflexion des einzelnen zum Thema. Im Glasperlenspiel nun findet das individuelle Leben in eine überpersönlichen Gemeinschaft seine Einordnung. Obwohl es hier um eine streng hierarchisch geordnete Gesellschaft geht, so ist diese zutiefst human und lässt dem Einzelnen die Wahlmöglichkeit.

Aus diesem Roman stammt das wohl von Hesse bekannteste Gedicht: Stufen.

Wie jede Blüte welkt
und jede Jugend dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in and’re, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Hermann Hesse: Stufen

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten!
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt,
so droht Erschlaffen!
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden:
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

(Hermann Hesse)

Vergessene Stücke (12): Botho Strauß – Kalldewey, Farce

Botho Strauß (* 2. Dezember 1944 in Naumburg) ist ein deutscher Schriftsteller und Dramatiker. Er gehört zu den erfolgreichsten und meistgespielten zeitgenössischen Dramatikern auf deutschen Bühnen. Sein Stück Kalldewey, eine Farce, wurde am 31.01.1982 in der Regie von Niels-Peter Rudolph am Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt.

Das Stück von Botho Strauß selbst kenne ich aus einem Band mit verschiedenen Theaterstücken (suhrkamp taschenbuch 1190 – 1. Auflage 1985) Theater heute, dessen andere Stücke ich hier bereits alle vorgestellt habe.

Personen:
Der Mann (Hans)
Die Frau (Lynn)
K (Kattrin)
M (Meret)
Zweiter Mann (Kalldewey)
Kellner/Chef

M: … nur Lieb und Graus …

„Lynn und Hans wollen Abschied nehmen und kommen doch nicht voneinander los. Dann explodiert die Elegie, anfangs verbal und kurz darauf in einer Orgie der Gewalt, die Küsse auf Bisse reimt: Lynn hat zwei Lesben angeheuert, mit deren Hilfe sie ihren Mann zerfetzt und in die Waschmaschine stopft. Erneut abrupter Szenenwechsel: Alle sind wieder wohlbehalten auf der Bühne, bilden inzwischen eine Art Therapiegemeinschaft und feiern Lynns Geburtstag. Neben Hans erscheint ein zweiter Mann, den keiner kennt und keiner eingeladen hat. Er heiße Kalldewey, sagt er, gibt ein paar Obszönitäten von sich und bleibt ansonsten stumm. Zuerst ist er den anderen lästig, doch als er so plötzlich, wie er kam, verschwindet, fehlt er ihnen sehr. Ein zweites Mal sind Lynn und Hans mit sich allein, bis der letzte Akt sie auf den Korridor eines Bürogebäudes katapultiert. Der Chef, von dem man nur die Stimme hört, ist hier zugleich der Therapeut und lässt alle ohne allzu großes Zutun in turbulenten Rollenspielen ihre Konflikte mit sich, Gott und der Welt durchexerzieren …“ (Quelle: rowohlt-theaterverlag.de)

Der Mann: Da gab es einmal einen Rattenfänger, dem sind wir hinterher. Mit seiner Flöte zog er uns das Ungeziefer von der Seele und ertränkte es im Vergessensfluß.

Strauß‘ Persiflage auf das Heilsbegehren westlicher Wohlstandsmenschen wurde 1982 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet: „Kalldewey, Farce beschreibt die Zerstörtheit ehelicher und nicht-ehelicher Zweierbeziehungen, die Scharlatanerie der zur Routine gewordenen Seelen- und Gruppentherapie, das Versatzstückhafte einer sich anti-bürgerlich gebenden Sprache. Kalldewey, Farce ist gleichzeitig ein Beitrag zu einer zeitgenössischen Dramaturgie. Das Stück bekennt sich in jedem Augenblick dazu … nichts als Theater zu sein.“ (Aus der Begründung der Jury – Quelle: rowohlt-theaterverlag.de)

Der Mann: Es war dies nur ein Spiel mit tieferen Spielen
Nicht wirkliche Magie: nach Katalog bestellte Therapie
Ein Wühlen in der Krabbelkiste namens Seele
Restposten, alte Wünsche grün und blau
Spottbillig der Krempel, man wühlt sich
Durch Gelegenheiten, halb gierig, halb interesselos
Und bringt bestimmt was Überflüssiges nach Haus.
Dennoch hab ich viel dazugewonnen.
Die Kur war schlimm, die Regeln wirr
Doch hätt ich niemals bessere Partner finden können
Als ihr es wart, ihr drei, ihr wart fantastisch
Ich dank euch vielmals, große Könner!

K: Nun lassen wir noch etwas liegen hier,
nur zur Erinnerung – für Kalldewey.

Stücke, Prosa und mehr von Botho Strauß

Hermann Hesse: Welkes Blatt

Heute ist Herbstbeginn. Da passt ein einwenig melancholisches Gedicht von Hermann Hesse ganz gut. Ich liebe die Farben des Herbstes, dieses Gemisch aus Gelb, Braun und Rot mit verbliebenem Grün. Und wenn, wie hoffentlich an diesem Wochenende, die Sonne hinzukommt, dann wirkt alles golden.

Jede Blüte will zur Frucht,
jeder Morgen Abend werden,
Ewiges ist nicht auf Erden
als der Wandel, als die Flucht.

Auch der schönste Sommer will
einmal Herbst und Welke spüren.
Halte, Blatt, geduldig still,
wenn der Wind dich will entführen.

Spiel dein Spiel und wehr dich nicht,
lass es still geschehen.
Lass vom Winde, der dich bricht,
dich nach Hause wehen.

Hermann Hesse: Welkes Blatt

Hintergrundbild „Herbstwald in Deutschland“ von Martin.Heiss

Ernst Deutsch Theater: Friedrich Dürrenmatt – Die Physiker

Es ist schon eine finstere Komödie des finstersten Komödienschreibers (Dürrenmatt über sich selbst): Die Physiker. Eine Komödie in zwei Akten, die noch bis zum 24.09. am Ernst Deutsch Theater läuft.

Ensemble des Ernst Deutsch Theaters (aus dem Programmheft)
Ensemble des Ernst Deutsch Theaters (aus dem Programmheft)

Möbius: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“
(s. 85 – Diogenes – Neufassung 1980 – Copyright 1998)

Das ist wohl die Kernaussage aus Friedrich Dürrenmatts Komödie Die Physiker, die ich am letzten Freitag mit dem älteren meiner Söhne und seinem Freund in Hamburg angeschaut habe (siehe auch meinen Beitrag: Wiederaufgeführte Stücke: Friedrich Dürrenmatt – Die Physiker). Das, was wir wissen, lässt sich nicht mehr aus dieser Welt räumen. Das Wissen um die Atomkraft, das Know-how um den Bau einer Atombombe ist dokumentiert und unwiderrufbar. Gerade durch die Nuklearkatastrophe von Fukushima ist Dürrenmatts Stück wieder aktueller als je zuvor. Neuester ‚Zwischenfall’: Die Explosion eines Ofens für radioaktive Abfälle in der französischen Atomanlage in Marcoule.

Eintrittskarte Ernst Deutsch Theater
Eintrittskarte Ernst Deutsch Theater

Personen (mit den Darstellern vom Ernst Deutsch Theater):

Fräulein Dr. Mathilde von Zahnd – Irrenärztin (Cornelia Kempers)
Marta Boll – Oberschwester (Karen Friesicke)
Monika Stettler – Krankenschwester (Johanna Freyja Iacono-Sembritzki)
Uwe Sievers – Oberpfleger (Ralph Sporleder)
McArthur – Pfleger (—)
Murillo – Pfleger (Oliver Warsitz)
Herbert Georg Beutler, genannt Newton – Patient (Günter Schaupp)
Ernst Heinrich Ernesti, genannt Einstein – Patient (Konstantin Graudus)
Johann Wilhelm Möbius – Patient (Christoph Tomanek)
Missionar Oskar Rose (Oliver Warsitz)
Frau Missionar Lina Rose (Jessica Kosmalla)
Adolf-Friedrich – Kind von Lina Rose bzw. J. W. Möbius (Ben Münchow)
Wilfried- Kaspar – Kind von Lina Rose bzw. J. W. Möbius (Mischa Warken/Niclas Löwendorf)
Jörg-Lukas – Kind von Lina Rose bzw. J. W. Möbius (Jesko Kosmalla/Simon Friesicke)
Richard Voß – Kriminalinspektor (Hartmut Schories)
Guhl – Polizist (—)
Blocher – Polizist (Pascal Pawlowski)
Gerichtsmediziner (—)

Regie: Wolf-Dietrich Sprenger
Ausstattung: Achim Römer
Musik: Christoph Iacono

Ort: Salon einer bequemen, wenn auch etwas verlotterten Villa des privaten Sanatoriums ‚Les Cerisiers’. – Nähere Umgebung: Zuerst natürliches, dann verbautes Seeufer, später eine mittlere, beinahe kleine Stadt.

aus dem Klappentext zum Buch:
„Dürrenmatt hat versucht, die paradoxe Situation darzustellen, in die das fortgeschrittenste Wissen, das der Kernphysik, geraten ist. Es gilt uns als Gipfel menschlicher Erkenntnis. Seine Formulierung hat auch die Hinrichtung der Welt möglich gemacht. Was machen die Entdecker, wenn sie Verantwortung für die Welt spüren? Gibt es Bewahrung der Welt vor dem Wissen? Bewahrung des Wissens vor dem Zugriff der Macht? Die Lösung der Frage führt – auf das Theater. Zum Versteckspiel, zur Maskerade.

Dürrenmatts Kernphysiker Möbius, der Entdecker der furchtbaren Formel, flüchtet, seine Familie preisgebend, ins Irrenhaus. Er spielt Irrsinn, er fingiert die Heimsuchung durch den Geist Salomos, um das, was er entdeckte, als Produkt des Irrsinns zu diffamieren. Maskerade wird da zu einem moralischen Akt.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Dürrenmatt führt seine Geschichte mit unerbittlicher Konsequenz zu einem Ende, welches die Türen dieses Irrenhauses aufsprengt, tödlich gefährdenden Explosionsstoff aus den eben noch schützenden Mauern entläßt in eine schutzlos preisgegebene Welt, und kein Zuschauer entzieht sich tiefster Betroffenheit. Was Dürrenmatt hier aus den Maskierungen gewinnt, wie er etwa das Geigenspiel Einsteins einsetzt, wie er die Positionen fortlaufend vertauscht: das ist nicht nur virtuos, es ist einzigartig. Dürrenmatts Komödie ‚Die Physiker’ wird im Theaterleben der Gegenwart Epoche machen.“ Irma Voser / Neue Züricher Zeitung

Die Aufführung der Komödie hat uns übrigens allen drei sehr gut gefallen. In der theatralischen Überspitzung überzeugt das Stück – live auf die Bühne gestellt – mehr als der reine Lesestoff zu Hause.

Was schrieb Dürrenmatt in seinen 21 Punkten zu diesem Stück?
(16) Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen alle Menschen.
(17) Was alle angeht, können nur alle lösen.