Kategorie-Archiv: Wiedergelesen

Wiedergelesen – wiederentdeckte Literatur

30 Jahre „Deutscher Herbst“

Am 5. September 1977 entführte die RAF Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Es war der Auftakt zu 45 Tagen Terror in Deutschland, dem „Deutschen Herbst“.

Im Februar war Brigitte Mohnhaupt, die 1972 verhaftet wurde, frei gekommen und bildete seitdem die Spitze der 2. Generation der Roten Armee Fraktion. Deren Ziel war es, die Führung der 1. Generation, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe freizupressen. Ulrike Meinhof hatte bereits 1976 Selbstmord begangen.

Die RAF

Vor der Entführung Schleyers war Generalbundesanwalt Buback und der Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Ponto, ermordet worden.

Am 13. Oktober wurde die Lufthansa-Maschine „Landshut“ entführt. In Mogadischu wurden alle Passagiere durch den Einsatz der Antiterroreinheit GSG9 befreit. Der Chefpilot war bereits zuvor ermordet worden.

Als die Radionachrichten die „Landshut“-Befreiung melden, beginnt die Todesnacht von Stammheim. Andreas Baader schießt sich in den Nacken. Gudrun Ensslin erhängt sich an ihrem Zellenfenster. Jan-Carl Raspe setzt sich eine Pistole an die Schläfe und drückt ab. Den Häftlingen ist es gelungen, sich Waffen ins Gefängnis schmuggeln zu lassen.

Nach dem Tod der Gefangenen erschießt die RAF Arbeitgeberpräsident Schleyer.

Das erste deutsche Fernsehen (ARD) strahlte am 9. und 10. September [2007] eine zweiteilige Dokumentation von Stefan Aust und Helmar Büchel (Buch und Regie) über die rote Armee Fraktion (RAF) aus, die in detaillierter Form die (Vor-)Geschichte der RAF bis zum Herbst 1977 beschreibt. Dabei wird auch Material aus bisher verschlossenen Archiven gezeigt.

Es ist schon bemerkenswert, wie eine kleine Anzahl von jungen Frauen und Männern ein ganzes Land über Jahre in Aufruhr halten kann. Der Terror der RAF ist dabei aber nicht mit dem heutigen Terrorismus zu vergleichen. Die Anschläge der RAF richteten sich in erster Linie gegen die Repräsentanten eines Systems, das sie zu bekämpfen trachteten. Der heutige Terror macht dagegen selbst vor einfachen Bürgern keinen Halt.

siehe auch meine Beiträge: Georg Heinzen – Uwe Koch: Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden und Ex-RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt bald auf freiem Fuß

Literaturtipps:

Der Autor Friedrich Christian Delius hatte sich in seiner Romantrilogie „Deutscher Herbst“ (Ein Held der inneren Sicherheit – Mogadischu Fensterplatz – Himmelfahrt eines Staatsfeindes) mit dem Geschehen des deutschen Herbstes beschäftigt. Das Ergebnis liest sich trotz alles Fiktion sehr real:

Deutscher Herbst 1977: Ein Karrierist ist vollkommen verunsichert, als sein Chef gekidnappt wird; eine Frau erlebt die spektakuläre Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“; das Begräbnis dreier Staatsfeinde wird wie ein Volksfest gefeiert.

Im Bemühen, als antiimperialistische Kampfgruppe zu handeln, konnte er einige Fachleute anwerben, die größere Sprengkörper bauten. Und als die Truppen der USA, nachdem sie in wenigen Wochen über dem kleinen Land mehr Bomben abgeworfen hatten als im Zweiten Weltkrieg über Deutschland und Japan zusammen, die Bombardements auf Wohngebiete noch einmal verschärften, Häfen verminten und kein lebendiges Ziel schonten, entschloß sich seine Truppe zum Widerstand.

Es gelang ihr, Sprengkörper in zwei Casinos der US-Army zur Explosion zu bringen. Vier Soldaten wurden getötet, achtzehn verletzt. Ein Gebäude mit der Computeranlage, die auch Einsätze und Nachschuboperationen für den fernen Krieg regulierte, wurde beschädigt.

In kurzen Abständen folgten weitere Anschläge, bei denen eher durch Glück nur Verletzte zu beklagen waren. Doch nun wurden alle, aber auch alle Polizisten des Landes aufgeboten, an allen Ecken Sperren errichtet, die Bevölkerung zu allerhöchster Aufmerksamkeit angespornt. Der Idealismus der Armee, die von den Menschen Verständnis für die Attentate gegen die fernen Verbrechen und damit auch Werbung für sich selbst erwartete, wurde aufs gründlichste widerlegt. Sie hatte endlich das ganze Land in Aufruhr gebracht – jedoch gegen sich. Nur wenige Tage dauerte es, bis fast alle wichtigen Leute der Armee aufgespürt und verhaftet waren, darunter … und …, der, durch einen gezielten Schuß in den Oberschenkel kampfunfähig gemacht, seinen so erstaunten wie glücklichen Häschern übergeben werden konnte.

Aus: Delius, Friedrich Christian: Deutscher Herbst: Himmelfahrt eines Staatsfeindes

Max Frisch: Stiller

Im Jahr meiner Geburt erschien von Max Frisch der Roman „Stiller“ (1954). Wer nun denkt, dieses literarische Werk wäre von der Zeit angestaubt (auch ich mag inzwischen angestaubt sein, aber nur äußerlich), der darf sich getäuscht sehen. Okay, da rennen keine Männlein mit Handys herum und trifft sich niemand in einem Internet-Cafe. Ob solche Dinge unserer Zeit als brauchbare Errungenschaften zu werten sind, mag ich dahin gestellt lassen.

Max Frisch wurde 1911 in Zürich/Schweiz geboren und verstarb dort kurz vor seinem 80. Geburtstag. Er arbeitete zunächst als Korrespondent für eine Zeitung, berichtete so u.a. von einer Eishockey-WM. Daneben veröffentlichte er auch sein erstes Buch. Bis 1940 studierte er Architektur und arbeitete bis 1955 als freier Architekt. Ein Stipendium ermöglichte ihn 1951 einen einjährigen Aufenthalt in den USA, wobei er auch Mexiko besuchte.

Die Erlebnisse dieses Aufenthaltes fließen in den Roman „Stiller“ ein. Seit 1955, nach dem Erfolg dieses Romans, arbeitete Frisch als freier Schriftsteller.

Max Frisch

Im Wesentlichen finden sich in diesem ersten größeren Roman die Themen wieder, die auch weiterhin das Werk von Max Frisch bestimmten.

Aber zunächst zum Inhalt. Worum geht es? Ein Mann, den seine Frau, der Bruder, die Geliebte und Freunde als den vor sechs Jahren spurlos verschwundenen Schweizer Bildhauer Stiller erkennen, bleibt beharrlich bei seiner Behauptung: „Ich bin nicht Stiller!“ Daraus entwickelt sich ein Roman voller origineller Ideen, in dem Mr. White, der nicht Stiller sein will, aus den letzten Jahren erzählt.

Es sind Aufzeichnungen in sieben Heften – und das ist das Mittel mit dem Frisch auch weiterhin arbeiten wird: nur wenige Tagebuchaufzeichnungen haben den literarischen Rang erreicht wie die von diesem Autor.

Es geht um den Konflikt eines Menschen, der etwas anderes ist oder sein will, als er für andere zu sein scheint, um das ‚Bildnis‘, das andere von uns machen. Es geht um die Erzählbarkeit des Lebens und um unsere Gier nach Geschichten. Und weiterhin handelt das Buch von den Wiederholungen, die unvermeidbar unser Leben ausmachen und aus denen wir auszubrechen versuchen, wie Stiller, der als Mr. White ein anderes Leben zu leben trachtet. Es geht also um die Kommunikation zwischen den Menschen. Ein Thema, das gerade heute wieder sehr aktuell ist.

Man kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben; – diese Unmöglichkeit ist es, was uns verurteilt zu bleiben, wie unsere Gefährten uns sehen und spiegeln, sie, die vorgeben, mich zu kennen, sie, die sich als meine Freunde bezeichnen und nimmer gestatten, daß ich mich wandle, und jedes Wunder (was ich nicht erzählen kann, das Unaussprechliche, was ich nicht beweisen kann) zuschanden machen – nur um sagen zu können: „Ich kenne dich.“

Max Frisch – Stiller (S. 64 der Taschenbuchausgabe Suhrkamp 9. Aufl. 1977)

Albert Camus: Der Fremde

Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß es nicht. Aus dem Altersheim bekam ich ein Telegramm: „Mutter verschieden. Beisetzung morgen. Vorzügliche Hochachtung.“ Das besagt nichts. Vielleicht war es gestern.

Mit diesen lakonischen Worten beginnt Albert Camus‚ erster Roman „Der Fremde“, eigentlich nur eine Erzählung von knapp 120 Seiten, 1940 entstanden und 1942 – wie eines seiner philosophischen Hauptwerke „Der Mythos des Sisyphos – Ein Versuch über das Absurde“ – veröffentlicht.

Das frühe Meisterwerk schildert in einer Sprache von kristallener Härte und Klarheit die Geschichte eines jungen Franzosen, der unter der unerbittlichen Sonne Algiers bar aller Bindung ohne Liebe und Teilnahme gleichgültig dahinlebt, bis ihn ein lächerlicher Zufall zum Mörder macht. Im Scheitern seiner scheinbar absolut freien Existenz erfährt er, daß Leben Miterleben heißt.

Albert Camus

Albert Camus war französischer Philosoph und Schriftsteller, 1913 in Algerien geboren, 1957 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet und am 4. Januar 1960 bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Man zählt ihn zu den Vertretern des Existenzialismus wie Jean-Paul Sartre, mit dem er zunächst befreundet war, sich später aber wegen grundsätzlicher Meinungsverschiedenheiten entzweite (für den Marxisten Sartre endet die Revolte im Endziel Kommunismus, bei Camus ist die Revolte ‚endlos‘).

Ausgangspunkt der Philosophie Camus‘ ist das Absurde des Lebens, die Sinnlosigkeit. Dem kann der Mensch nur durch die Revolte, durch ein tägliches sich Aufbäumen, entgehen. Morgens, wenn ich aufstehe, so lebe ich trotzdem (trotz der Sinnlosigkeit) und mühe mich um menschliche Solidarität. Wesentlich ist dabei die Gleichgültigkeit, die Indifferenz, gegenüber dem Leben. So tue ich Gutes, nicht weil es einen Sinn macht, sondern aus völliger ‚Gleichgültigkeit‘.

„Der Fremde“ ist ein Beispiel für diese ‚Gleichgültigkeit‘ dem Leben gegenüber. Er lebt scheinbar in den Tag hinein. Aber dieses Leben hat seine Ordnung und muss jeden Tag neu gelebt werden. Ein dummer Zufall lässt ihn einen Araber töten. Absicht? Notwehr? Es war die Sonne!

Den Prozess gegen ihn erlebt er ebenso indifferent. Erst in der Verkündigung des Todesurteils gegen ihn dämmert es ihm, wie die ganze Absurdität des Lebens über ihn hereinbricht. Plötzlich beginnt er dagegen zu rebellieren. Er anerkennt seine Situation als unausweichlich und akzeptiert sich nun auch als ein Teil seiner Welt. Damit und in der Erwartung seiner Hinrichtung lässt er das Absurde des Lebens hinter sich.

siehe auch meine Beitrag. Mythos Kafka – Mythos Camus

Bestie Mensch

„das Unmoralische ist, daß solche Machtworte möglich sind. ‚Baue einen Tempel!‘ … Oder nehmen wir Hitler. Der hat Himmler einmal seinen grundsätzlichen Befehl erteilt. ‚Ermorde alle Juden!‘ – drei Wörter, natürlich nur mündlich. Aber er selbst hat nie einen Juden ermordet, sowenig wie Himmler oder Heydrich oder Eichmann, das wurde dann vom niederen Fußvolk besorgt. Und in Auschwitz war es noch idiotischer. Dort mußten die jüdischen Gefangenen selbst das Zyklon-B in die Gaskammern werfen. Da hatte man dann die Situation, daß der eigentliche Mord nicht von den Mördern, sondern von den Opfern begangen wurde. Wer es getan hat, hat es nicht getan, und wer es nicht getan hat, hat es getan.“

aus: Harry Mulisch: Die Entdeckung des Himmels (Kapitel 40 – S. 494)

Es ist sicherlich leichtsinnig, in nur wenigen Sätzen die Gedanken zusammenzufassen, die mir zu dem oben Geschriebenen eingefallen sind. Es solches Thema lässt sich nicht auf wenige Begriffe verkürzen. Wenn ich es trotzdem wage, so nur, um einen Denkanstoß zu vermitteln zu einem Problem, das nicht Geschichte geworden ist, sondern uns alle tagtäglich, wenn auch meist im Kleinen, berührt.

1. Manager des Todes

Von den Osterfeiertagen haben wir noch die frohen Botschaften im Ohr, die uns helfen sollen, an das Gute im Menschen zu glauben. Aber angesichts der Kriege und des Elends in dieser Welt, alles von Menschenhand verursacht, zerrinnt dieser Glaube zwischen den Händen und es bleibt wieder nur das Bild des Menschen als Bestie, z.B. als kultivierte Bestie …

Erstaunlich ist, wie Menschen, die Macht ausüben, zu Mördern werden, ohne selbst einem Menschen je ein Haar zu krümmen. Wie ein Top-Manager der Industrie geben sie die Direktiven heraus, kurzgefasst und unmissverständlich, um die Richtung ‚des Unternehmens‘ zu bestimmen. Und schon setzt sich ein Team zusammen, um die Ausführungsrichtlinien zu verfassen. In diesen Etagen ist alles noch sehr abstrakt, ohne Berührungspunkte zur eigentlichen Tat. Die lässt man auf der untersten Ebene dieser perfiden Hierarchie ausführen. Handlungsgehilfen findet man überall.

Adolf Hitler und Eva Braun

Nach außen unterscheiden sich die Manager des Todes wahrlich kaum von Wirtschaftsführern. Man gibt sich gesellig und aufgeschlossen. Eher ist man in diesen Kreisen erschrocken über die Bestie Mensch, über die Brutalität, zu der Menschen untereinander fähig sind.

2. Das existenzialistisches Drama

Wie gesagt: Handlungsgehilfen finden die Manager des Todes überall. Das Leben ist ein existenzialistisches Drama, in dem die moderne Zivilisation leider zu oft als dünner Überzug entlarvt wird. Werden allgemein gültige Regeln aufgehoben, so reißt diese Hülle und die Bestie Mensch zeigt ihr wahres Gesicht. Gerade unter extremen Bedingungen wie im Krieg verlieren zivilisatorische Errungenschaften jede Bedeutung.

3. Anatomie der menschlichen Destruktivität

Erich Fromm hatte sich in den 70-er Jahren aus psychoanalytische Sicht mit den Managern des Todes eingehend beschäftigt. Sein Werk hierzu: Anatomie der menschlichen Destruktivität. Sicherlich muss man fragen, ob sich ein Mensch wie Hitler auf einen Fall von Nekrophilie ‚reduzieren‘ lässt (gemeint ist hier im Wesentlichen die zunehmende Tendenz zur Zerstörung) oder Heinrich Himmler als klinischen Fall des anal-hortenden Sadismus (bürokratisch-ordnungsfanatischer Charakter). Fromms Anatomie der Aggressionen, sowohl der lebensnotwendigen defensiven als der bösartigen Aggression, der Destruktivität, ist ein wichtiger Denkansatz und im Ergebnis eine Verteidigung der menschlichen Würde, ein Appell an die Menschheit, ihr Leben und dessen gesellschaftlichen Bedingungen zu verändern.

Theodor Storm: Ostern

OsternEs war daheim auf unserm Meeresdeich;
ich ließ den Blick am Horizonte gleiten,
zu mir herüber scholl verheißungsreich
mit vollem Klang das Osterglockenläuten.

Wie brennend Silber funkelte das Meer;
die Inseln schwammen auf dem hohen Spiegel;
die Möwen schossen blendend hin und her,
eintauchend in die Flut die weißen Flügel.

Im tiefen Kooge bis zum Deichesrand
war sammetgrün die Wiese aufgegangen;
der Frühling zog prophetisch über Land,
die Lerchen jauchzten, und die Knospen sprangen. –

Entfesselt ist die urgewalt’ge Kraft,
die Erde quillt, die jungen Säfte tropfen;
und alles treibt, und alles webt und schafft,
des Lebens vollste Pulse hör‘ ich klopfen.

Der Flut entsteigt der frische Meeresduft;
vom Himmel strömt die goldne Sonnenfülle;
der Frühlingswind geht klingend durch die Luft
und sprengt im Flug des Schlummers letzte Hülle.

O wehe fort, bis jede Knospe bricht,
daß endlich uns ein ganzer Sommer werde;
entfalte dich, du gottgebornes Licht,
und wanke nicht, du feste Heimaterde! –

Hier stand ich oft, wenn in Novembernacht
aufgor das Meer zu gischtbestäubten Hügeln,
wenn in den Lüften war der Sturm erwacht,
die Deiche peitschend mit den Geierflügeln.

Und jauchzend ließ ich an der festen Wehr
den Wellenschlag die grimmen Zähne reiben,
denn machtlos, zischend schoß zurück das Meer –
das Land ist unser, unser soll es bleiben!

Theodor Storm

Die neun Pforten – „Der Club Dumas“ von Arturo Pérez-Reverte

Dieser Tage lief im deutschen Fernsehen der Film „Die neun Pforten“ (Frankreich/Spanien 1999 – Originaltitel: The Ninth Gate – Regie: Roman Polanski – Darsteller: Johnny Depp, Frank Langella, Lena Olin, Emmanuelle Seigner) nach dem Roman „Der Club Dumas“ von Arturo Pérez-Reverte. Eigentlich bin ich kein unbedingter Freund von Romanen wie „Der DaVince Code“ und ähnlichem. Mich interessiert ‚handfeste‘ Psychologie. Und da ist mir ein Franz Kafka oder Martin Walser lieber. Das vorliegende Buch habe ich irgendwie, irgendwo in einer Grabbelkiste gefunden – und dann auch tatsächlich gelesen. Da ich mich nebenbei auch für Gott und die Welt interessiere, so schließt das den Teufel nicht aus. Von daher fand ich das Buch durchaus interessant.

Zunächst zum Buch:

Die Hauptfigur Lucas Corso ist ein sogenannter Bücherjäger, der im Auftrag reicher Büchersammler seltene und kostbare Exemplare aufspürt und dabei so manches Mal die Grenzen der Legalität überschreitet. Corso bezeichnet sich selbst als Söldner, der seine Dienste dem Meistzahlenden anbietet. Ein Freund von ihm bittet ihn die Echtheit eines handgeschriebenen Kapitels aus dem Roman „Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas zu überprüfen. Zur gleichen Zeit erhält er von einem zwielichtigen Antiquar den Auftrag, ein kostbares okkultes Buch mit den übrigen Exemplaren zu vergleichen. Auf der Reise zu Fachleuten und Privatbibliotheken wird er mit seltsamen Ereignissen konfrontiert und fühlt sich immer mehr in die Rolle einer hilflosen Romanfigur gedrängt. Bösewichte aus den Dumas-Romanen verfolgen ihn, Menschen werden umgebracht und ständig taucht ein mysteriöses grünäugiges Mädchen auf. Corso erkennt, dass er sich in einem Rätselspiel befindet und versucht es mit Hilfe seiner Kombinationsgabe zu lösen. Er erfährt, dass Boris Balkan, ein Spezialist für Dumas, der Drahtzieher dieses Spiel ist und Schauspieler auf Corso ansetzte, um an das Kapitel zu kommen. Die vielen Zusammenhänge, die Corso zwischen dem Dumas-Kapitel und dem Buch „Die neun Pforten“ zu entdecken glaubte, stellen sich als Hirngespinste heraus. In Wirklichkeit hat der Antiquar Varo Borja Corso dazu benützt, an eine Formel zur Teufelsbeschwörung zu kommen. Obwohl Corso Realität und Fiktion nicht mehr voneinander unterscheiden kann, siegt seine Vernunft und er löst das Rätsel um das teuflische Buch: Zwei leidenschaftliche Fälscher haben sich den Scherz erlaubt, das Buch zu verändern und so den Teufelsanhänger auf die falsche Fährte zu schicken.

Kurz zum Film:

In dem Film „Die neun Pforten“ geht es nur noch um das okkulte Buch. Aus Lucas wird Dean Corso und auch sonst ändert sich einiges. Hier eine ausführliche Filmbeschreibung zu „Die neun Pforten“.

Komme ich zum Buch zurück: Der Titel verrät es bereits („Der Club Dumas“ – Dumas ist der Verfasser der „Drei Musketiere“). Im ganzen Roman werden Parallelen zu den „Drei Musketieren“ gezogen und es werden ganze Szenen in der Jetztzeit dargestellt. Interessant ist auch der Name des mysteriöses grünäugiges Mädchen, das Lucas Corso immer wieder über den Weg läuft. Irene Adler ist eigentlich die Frau, die Sherlock Holmes besiegte. Überhaupt gibt es allerorts Verweise zur leichten Literatur des 19. Jahrhunderts, zu Dumas, zu Arthur Conan Doyle u.a.

Zum Buch „De Umbrarum regni novem Portis“, den neun Pforten ins Reich der Schatten: Es wurde von einem gewissen Aristide Torchia 1666 geschrieben und verlegt. Dieser wurde ein Jahr darauf von der Inquisition mit seinen Büchern verbrannt. Lediglich ein Buch blieb erhalten. Das Buch beschreibt einen Weg, den Teufel aufzurufen und in sein Reich einzuziehen, vorausgesetzt man ist in der Lage, die versteckte Botschaft des Buches richtig zu deuten. Es enthält neun Holzschnitte, welche als eine Art Bilderrätsel die Lösung beinhalten sollen. Die Inspiration zu diesem Buch holte sich der Autor aus dem Delomelanicon („Beschwörung der Dunkelheit“), einer Schrift, die von Luzifer persönlich verfasst sein soll.

De Umbrarum regni novem Portis

Zum Schluss – der Schluss des Filmes bzw. des Buches:

Die Teufelsbeschwörung musste misslingen, weil das Buch von den beiden Buchfälschern manipuliert war. Der neunte Holzschnitt war eine Fälschung. Damit endet das Buch. Corso zieht mit dem Mädchen weiter. Open End!

Auch der Film scheint ein offenes Ende zu haben, geht aber weiter: Corso reist nach Toledo und wie durch Zufall flattert ihm eine Doppelseite, die wohl jemand aus „Die neun Pforten ins Reich der Schatten“ herausgerissen hat, vor die Füße. Auf dem Holzschnitt ist eine nackte Frau abgebildet, die vor einer lichtüberfluteten Burg auf einem Fabelwesen sitzt. Zuletzt schreitet Corso auf eine Burg zu und wandert selbst ins Reich der Schatten. Wo Licht ist, da beginnt der Schatten.

Das mysteriöse Mädchen stellt sich als die Hure Babylons heraus, die auf dem letzten der neun Holzschnitte, den neun Pforten, abgebildet ist.

Porta nona: Die Hure Babylons

Warum der Mensch sich meist zivil benimmt …

Es ist bereits geraume Zeit her, da ich unter der Rubrik ‚Knisterndes‘ aus Eckhard Henscheids ‚Mätresse des Bischofs‘ zitiert habe. Das war natürlich geschmacklich Entglittenes, zumal besagter Bischof inzwischen zum Papst aufgestiegen ist. Hier nun doch etwas weniger Anrüchiges, ja eher geradezu Philosophisches aus gleichem Buch, das ich mich wähne, endlich zu Ende zu lesen:

Ju-bi-la-te (F. W. Bernstein) zu Henscheids Bischof

Was aber Alwin bzw. die Kurmusik bzw. das Weizenbier betrifft: Nach wie vor ist ja gänzlich ungeklärt, auch nach Schopenhauers Preisschrift, warum der Mensch sich meist zivil benimmt und nicht vielmehr tagein-tagaus alles Sicht- und Greifbare zusammenschlägt, die Wohnung zernichtet, die Sekretärin oder die Nichte überwältigt, unsere Kur-Combo, den eigenen Super-Autopark. Ungeklärt ist, warum es noch immer Dinge gibt wie Vertrauen, Kreditwürdigkeit, Rücksicht, formvolle Beerdigungen mit ehrenden Zeilen. Die Juristen schieben es – dumm! – auf das angeborene Rechtsempfinden, die Ärzte meines Wissens auf das Trägheitssyndrom – wir Chemiker … oder besser ich persönlich neige doch immer mehr und allen früher geäußerten Reserven zum Trotz zur – Theorie der Sicherung durch Weizenbier! Die allgemeinen unordentlichen Zustände verlangen halt, zumal bei haltlosen Naturen, nach seinem kontinuierlichen Einsaugen, dadurch erhöht sich zwar in nächster Instanz vorübergehend die Unordnung, und es würde alles ganz verheerend, also muß schnell ein neues Weizenbier eingeführt werden – und die Zivilisation bleibt konstant und mit ihr die Vision ewiger Seligkeit. Daß Alwin trotzdem den 2 Meter-03-Wirt Demuth im Weizentaumel zusammenschlug, bleibt Ausnahme, die die Regel bestätigt.

aus: Eckhard Henscheid – Die Mätresse des Bischofs
(mit Zeichnungen von F. W. Bernstein)  
 

 

Fräulein Smillas Gespür für Schnee

Ein Unfall – so beurteilt die Kopenhagener Polizei den Tod des kleinen Isaiah. Der Eskimojunge ist vom Dach eines Mietshauses in den Tod gestürzt. Für seine mütterliche Freundin Smilla aber liegt der Fall anders. Die Tochter einer Robbenjägerin und eines Arztes stammt aus Grönland. Ihr Volk kennt 100 Wörter für Schnee. Smilla arbeitet als Gletschermorphologin und kann Eiskritalle bestimmen. Nun liest sie Isaiahs Fußspuren auf dem verschneiten Dach und erkennt, dass der Junge ermordet worden ist. Unterstützt von ihrem rätselhaften Nachbarn Peter forscht sie nach und kommt einer Firma auf die Spur, die vor Jahren im ewigen Eis Experimente durchführte.

aus TV Movie Nr. 25/2005

    Smilla im Schnee

Der Film (Smilla’s Sense of Snow – D/DK/S 1997 – Regie: Bille August – mit Julia Ormond) entstand nach dem Roman des dänischen Schriftstellers Peter Høeg. Dieser ist 1992 im Original unter dem Titel „Frøken Smillas fornemmelse for sne“ erschienen und machte den Autor über Nacht weltweit gerühmt.

Heute um 20 Uhr 15 wird der Film bei kabel Eins wiederholt.

Ein Volk, das im ewigen Winter lebt, sieht und bezeichnet viele Details des Schnees. Tatsächlich benennen die Inuit (wie sich die Eskimos nennen) die weiße Pracht nach ihren Eigenschaften:

Es gibt u.a. Wörter für leichten Schnee („katiksunik“), rieselnden („gana“) und schmelzenden Schnee („auksalak“). Zudem unterscheiden die Inuit Schnee nach ihrer Beschaffenheit – genauer, als unsere Bezeichnungen „Schneematsch“ („massak“) und „Pulverschnee“ („nutagak“). Eine Besonderheit der Inuit-Sprache ist es, einen Sachverhalt mit einem Wort zusammenzufassen, wie: Schnee, der hoch liegt (z.B. auf Bäumen) und herunterfallen kann – kurz: „mavsa“.

„Kannik“ bedeutet „Schneeflocke“, „kiksrukak“ „glatter Schnee“, kaiyuglak „Schnee mit gerippter Oberfläche“, „akillukkak“ „weicher Schnee“. Einfach „Schnee“ heisst aber „apun“, der „erste Schneefall“ „apingaut“.

Lexikon des Schnees (englisch)
Schnee der Eskimo (Inuit)
Zur Schrift der Inuit

Kurz, kürzer – Kürzestgeschichten

Deutsche Literatur vor 50 Jahren. Die noch heute bedeutendste deutsche Literaturzeitschrift Akzente ging gerade in ihr zweites Jahr. Für mich Anlass, einen weiteren Blick auf das damals Geschriebene zu werfen. Hier zwei als Kürzestgeschichten deklarierte Werke:

Heimito von Doderer: Das Frühstück

Heute morgens frühstückte ich im Bade, etwas zerstreut. Ich goß den Tee in das zum Zähneputzen bestimmte Gefäß, und warf zwei Stücke Zucker in die Badewanne, welche aber nicht genügten, ein so großes Quantum Wassers merklich zu versüßen.

Gisela Elsner: Herausragen

Triboll ragte aus der Straße heraus, er ragte schon länger heraus, plötzlich jedoch hatte das Ragen ein Ende. Ein Baum kam, und als Triboll daneben stand, mußte er zugeben, daß der Baum ragte und er nicht mehr. Weil er sich so sehr wünschte, wieder ragen zu können, nahm er eine Axt und machte aus dem Baum eine Leiche. Triboll war zwar jetzt ein Mörder, aber er konnte wieder ragen.

Da kam ein Haus, das ganz nahe an der Straße stand. Es war ein neues Haus, ein Haus mit weißen Wänden, einem spärlichen Eingang und einem sehr spärlichen Fenster. Im Fenster hing die Phantasielosigkeit und schrie, und eine hohe Mauer, betont konservativ, umgab das Bauwerk. Aber das Haus ragte, und es war schwerer, ein Haus als einen Baum zu ermorden. Triboll ließ es einfach unter sich. Er stieg über die konservative Gartenmauer und setzte sich, es hatte ihm viel Anstrengung gekostet, auf den Giebel des Hauses. Nun ragte er wieder, hatte eine weitaus bessere Sicht als jemals zuvor, und er sah, daß andere ebenso ragten wie er, doch er ragte mit Freuden in dieser Gesellschaft und lächelte herablassend, als er einen Jugendragenden auf der Straße stolz einherstelzen sah. Triboll war ein erwachsener Ragender geworden.

Gegen den Ungeist der Zeit

Wie schon angeführt, lese ich in den Heften der Literaturzeitschrift ‚Akzente‘ des Jahrgangs 1955, also denen vor 50 Jahren. Hier nun fand ich u.a. einen Artikel über Karl Kraus, dem Herausgeber und maßgeblichen Autor der Zeitschrift „Die Fackel“, die im Österreich und darüber hinaus bis in die 30-er Jahre des letzten Jahrhunderts Politik, Kultur und Journalismus aufmischte.

Karl Kraus "Die Fackel"
Karl Kraus "Die Fackel" 1899 – 1936

So schreibt der Autor, Helmut Uhlig, u.a.:

In Karl Kraus war nicht mehr und nicht weniger als der Geist der Sprache am Werk, um den Geist der Zeit, den Kraus als Ungeist entlarvte, zu bekämpfen.

Wenn die Vernunft als natürlicher Widersacher der zeitbeherrschenden Mächte dieser Epoche aufgefaßt werden kann, dann hatte sie in den ersten drei Jahrzehnten unseres Jahrhunderts ihre klarste und enschiedenste Repräsentanz in Karl Kraus.

Kraus‘ Zeitgegnerschaft … richtete sich gegen das Intrigenspiel in der Politik, gegen die Verlogenheit der Presse, gegen das Schablonenhafte der sogenannten öffentlichen Meinung.

Wer sehr wird ein solcher Vernunftsgeist in der heutigen Zeit vermisst. Denn am Zeitgeist hat sich nichts Wesentliches geändert. Dieser ist in seiner Ausdrucksweise nur subtiler, nicht mehr so grobschlächtig wie in der Zeit während und zwischen der beiden Weltkriege. Und er hat sich flächenddeckend auch über Gebiete wie Wissenschaft und Wirtschaft ausgebreitet. Damals wie heute handeln die Mächtigen im Namen aller und meinen nur ihren eigenen Vorteil.

Wenn man heute in den Heften der „Fackel“ blättert, so fällt einem nicht selten das Unverhältnismäßige von Thema und Umfang seiner Polemik auf. Und selbst der aktuelle Anlaß von damals scheint noch zu gering, um solchen Aufwand im Verstand des heutigen Betrachters zu rechtfertigen.

Gewiss ist das wahr. Aber zeigt sich der Ungeist nicht gerade in den kleinen Dingen? Muss nicht hier der Hebel angesetzt werden, um die Decke zu lüften, unter der es modert und nach Korruptheit stinkt? Selbst der kleinste Skandal, der aufgedeckt wird, beweist doch nur, wie es auch ums Ganze bestellt sein muss.

zu: Karl Kraus und die Sprache
Helmut Uhlig – Vom Pathos der Syntax (aus Akzente – Jg. 1955 Heft 6)

Alfred Lichtenstein: Die Dämmerung

Der November ist ein Monat der Hochnebel; Landschaften und Städte liegen grau in grau, meist windstill, unter einer dichten Dunstglocke. Ein Monat des leisen Horrors und des Todes, nicht allein wegen solcher Feiertage wie Allerheiligen, Totensonntag und Volkstrauertag. Für viele ist es eine Zeit der Depressionen.

Vor einigen Jahren gab es bei Zweitausendeins, einem Bestellbuchladen (und für vieles mehr), eine siebenbändige Dünndruckausgabe der ersten zwanzig Jahrgänge (mit 1954 beginnend, meinem Geburtsjahr) von Akzente – Zeitschrift für Literatur (damals noch Zeitschrift für Dichtung) – über 11.000 Seiten umfassend für einen Spottpreis. Die Zeitschrift Akzente ist wohl die bedeutendste Literaturzusammenfassung in deutscher Sprache. Alles was Rang und Namen in der deutschen Literatur hat und hatte (oder auch nicht), hat hier irgendwann einmal einen Beitrag veröffentlicht.

Erst in letzter Zeit bin dazu gekommen, die Bände von Anfang an zu lesen. Bisher hatte ich nur von Zeit zu Zeit darin geblättert. Für dieses Jahr habe ich mir den Jahrgang 1955 vorgenommen. Es ist schon interessant zu lesen, was und wer vor genau 50 Jahren literarisch im Rampenlicht stand. Hier finden sich z.B. schon Beiträge von Günter Grass und Martin Walser aber auch noch von Thomas Mann und Hermann Hesse, die damals noch lebten. Thomas Mann schrieb über Friedrich Schiller, denn auch 1955 war Schiller-Jahr.

Ziemlich am Schluss des Jahresbandes fand ich dann einen Essay über Alfred Lichtenstein und darin das unten aufgeführte Gedicht. Es beschreibt Bewegungen, die in knappen Stößen sich unvermittelt aneinanderstellen. Die peinliche Genauigkeit des Bildes, ironische Pedanterie in einem Vergleich verstärkt den Eindruck monotoner Schilderei, wie Herbert Heckmann, der Autor des Essays, schreibt.

    Alfred Lichtenstein

Die Dämmerung

Ein dicker Junge spielt mit einem Teich.
Der Wind hat sich in einem Baum gefangen.
Der Himmel sieht verbummelt aus und bleich,
Als wäre ihm die Schminke ausgegangen.

Auf langen Krücken schief herabgebückt
Und schwatzend kriechen auf dem Feld zwei Lahme.
Ein blonder Dichter wird vieleicht verrückt.
Ein Pferdchen stolpert über eine Dame.

An einem Fenster klebt ein fetter Mann.
Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen.
Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an.
Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen.

Herbert Heckmann in Akzente 1955, Heft 5 schreibt u.a. erläuternd weiter:

Die Wirklichkeit zeigt sich in den Scherben eines Augenblickes. Das Eindeutige verwirrt sich im Netz seiner Beziehungen. … Lichtenstein hat nicht die Absicht, eine real denkbare Landschaft zu geben: naturalistische Schilderei liegt ihm genau so fern wie eine symbolische Vertiefung.

November – Monat tagelanger Dämmerung, der Monotonie. Irgendwie finde ich das Gedicht sehr passend zu diesem Monat.

weitere Gedichte von Alfred Lichtenstein