Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Etwas verschwommen: Gruppenbild mit Willi

Huihuuu, ich bin keine Dame, ich bin Willi. Und so heißt das Bild natürlich auch ‚Gruppenbild mit Willi‘ und nicht ‚… mit Dame‘. Und wer mich halbwegs kennt, der weiß, dass es mir natürlich nicht um die Darstellung einer bestimmten Gruppe geht (hier der Klan, die Mischpoke meines Ehegesponst), sondern vielleicht, wahrscheinlich, bestimmt um das Bild (hier ein Foto) selbst.

Willi mit dem K…-Klan in Todtglüsingen Mai 2014

Ich habe nämlich meinen Spieltrieb nachgegeben und mich dank Bildbearbeitungsprogramm zur Erstellung des obigen Bildes hinreißen lassen. Wer denkt, ich hätte mich selbst an exponierter Stelle ‚eingefügt‘, dem sei versichert: ich stand dort tatsächlich – natürlich rein zufälligerweise, unbeabsichtigt (vielleicht nur von meinen Unterbewusstsein gesteuert und dorthin platziert …).

Neben der Arbeit mit Videos spiele ich also ganz gern mit Bildern. Ich bin nun einmal ein visueller Typ (mit einem unübersehbaren Touch ins Auditiv-Digitale). Wenn mir mein Brotberuf mehr Zeit ließe (und die Familie), dann würde ich mich einmal so richtig austoben (visuell wie auditiv – und ganz digital). Freunde, die Zeit wird kommen … Haaah 🙂

Abstürzende Balkone

Wer träumt nicht manchmal ‚krauses Zeugs’, jene Alpträume, in denen man verfolgt wird und wegzulaufen versucht, aber nicht von der Stelle kommt, als hätte man Blei in den Füßen. Man muss nicht gerade angstschweißgebadet erwachen aus solch aberwitzigen Träumen, aber ein mulmiges Gefühl bleibt meist doch hängen beim Erwachen.

Bei einigen sind es vielleicht wirklich die Alben, die Elfen, die meist in menschenähnlicher Gestalt auf der Brust des Schlafenden hocken und damit ein unangenehmes Druckgefühl auslösen (‚Alpdruck’). Ja, die Elfen, deren Freund ich namentlich zu sein habe [Albin leitet sich entweder aus dem lateinischen Beinamen Albinus (lat. der Weiße) oder – und das meine ich: – vom althochdeutschen Albuin (aus: alb = Elf und wini = Freund) ab, also: Freund der Elfen].

Oft träumt man auch, man stürzte ab. Es scheint ein endloser Fall zu sein. Und der Aufprall entspricht meist dem Erwachen (dann vielleicht doch schweißbebadet). Meine Alpträume, wenn ich solche habe, sind eher moderat: kein Kein-Vom-Fleck-Wegkommen, kein Fall ins Unendliche. Es sind Balkone, die hoch oben in Häusern zu finden sind, und auf die ich treten muss, ob ich will oder nicht. Setze ich erst einmal den ersten Fuß auf einen solchen Balkon, dann erweist sich dieser schnell ab brüchig, das Geländer als lose und darunter gähnt auch hier ein tiefer Abgrund. Zum einen zieht mich die Tiefe wie ein Sog, zum anderen verwahre ich mich, weiter auf diesen bröckelnden Balkon zu treten.

Abstürzende Balkone
Original: mainwasser

Bei ‚abstürzenden Balkonen’ assoziiere ich gleich die Einstürzenden Neubauten, eine Berliner Band um den Musiker, Performance-Künstler und Schauspieler Blixa Bargeld, die 1980 gegründet wurde und die erst Ende des letzten Jahres ihr neuestes Album Lament auf den Markt gebracht hat.


Einstürzende Neubauten – Lament live Prague

Aber ich komme vom Thema ab: Als Ursachen für solche Alpträume werden unverarbeitete Tagesgeschehen, traumatische oder traumatisierende Erlebnisse, Stress oder psychische Probleme, aber auch physische Komponenten angenommen. Ich gestehe, nicht schwindelfrei zu sein. Als Trauma empfinde ich das vielleicht nicht gerade, sodass es mir verwunderlich erscheint, davon bis in meine Traumwelt verfolgt zu werden. Vielleicht sind diese ‚abstürzenden Balkone’ auch eine Metapher für eine Angst, von der ich mich nicht lösen kann. Immerhin erkenne ich im Traum diese Angst und versuche, dem ‚Sog der Tiefe’ zu trotzen. Da ich meistens nicht unmittelbar erwache, so verdeutlicht das sicherlich, dass dem Alptraumhaften durchaus auch ein Reiz innewohnt, ein Kitzel, dem ich mich nicht völlig entziehen kann. Ich denke da an diesen x-förmig angebrachten Skywalk für Schwindelfreie, die über dem Höllental bei Garmisch-Partenkirchen erbaute Aussichtsplattform namens Alpspix. Auch als nicht Schwindelfreier getraut man sich auf diese 13 Meter ins Nichts ragende Stahlkonstruktion.

Peter Høeg: Fräulein Smillas Gespür für Schnee (1992)

„Im Kopenhagener Hafenviertel stürzt ein Junge vom Dach eines Lagerhauses. Todesursache laut Polizeibericht: ein Unfall. Smilla Jaspersen, die im selben Haus wohnt wie der Junge, sieht das anders und stellt ihre eigenen Nachforschungen an.

Der internationale Erfolg dieses literarischen Thrillers hat neben der faszinierenden Geschichte vor allem mit seiner Heldin zu tun: der wunderbar ruppigen, unangepaßten und zugleich zarten und verletzlichen Smilla.“
(aus dem Umschlagtext)

    Peter Høeg: Fräulein Smillas Gespür für Schnee

„Es friert, außerordentliche 18 Grad Celsius, und es schneit. In der Sprache, die nicht mehr meine ist, heißt der Schnee qanik, er schichtet sich zu Stapeln, fällt in großen, fast schwerelosen Kristallen und bedeckt die Erde mit einer Schicht aus pulverisiertem, weißem Frost.

Das Dezemberdunkel kommt aus dem Grab, das grenzenlos wirkt wie der Himmel über uns. In dieser Dunkelheit sind unsere Gesichter nur noch blaß leuchtende Scheiben, aber trotzdem spüre ich die Mißbilligung des Pastors und des Kirchendiensers, die sich gegen meine schwarzen Netzstrümpfe richtet und gegen Julianes Jammern, das noch dadurch verschlimmert wird, daß sie heute morgen ein paar Antabus genommen hat und der Trauer jetzt fast nüchtern begegnet. Sie denken, sie und ich hätten weder das Wetter noch die tragischen Umstände respektiert. Dabei sind die Strümpfe und die Tabletten auf ihre Weise ganz einfach eine Huldigung an die Kälte und an Jesaja.“

Hiermit beginnt der Roman Fräulein Smillas Gespür für Schnee des Dänen Peter Høeg, den ich als Taschenbuch vorliegen habe (Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg – 13599 – 931. – 970. Tausend Oktober 1997, Copyright 1994 Carl Hanser Verlag, München Wien – Originalausgabe ‚Frøken Smillas fornemmelse for sne’, 1992 – aus dem Dänischen von Monika Wesemann) und Ende des letzten Jahres (‚zwischen den Jahren’) erneut gelesen habe. Bereits vor über neun Jahren hatte ich mich hier mit Fräulein Smillas Gespür für Schnee beschäftigt (dabei besonders für die Wörter für Schnee in der Sprache der Inuit, dem Inuktitut). – Die von der Ich-Erzählerin (Smilla Jaspersen) erwähnte Juliane ist die Mutter von Jesaja, dem Inuk-Jungen, der hier nach seinem tödlichen Sturz vom Dach des Lagerhauses zu Grabe getragen wird.

Mit dieser Smilla Jaspersen hat Peter Høeg eine ungewöhnliche Frauengestalt geschaffen – die Mutter (wie der getötete Jesaja) Inuk und Robbenfängerin, der Vater ein dänischer Arzt -, die ihre grönländische Herkunft nicht vergessen kann, die gleichzeitig aber mit der westlichen Zivilisation nicht zurecht kommt und so zwischen den Welten lebt. „Die Welt kann mich holen, wenn sie mich braucht.“ (S. 297) denkt sie sich in der Mitte des Buchs, ansonsten geht sie ihren eigenen Weg. Und wenn sie sich in eine ebenso unangepasste Person wie den Mechaniker zu verlieben scheint, so rationalisiert sie dies mit Worten wie: „Die Liebe kommt aus dem Überfluß, sie verschwindet, wenn man sich dem Instinktiven nähert, dem Hunger, dem Schlaf, dem Bedürfnis nach Sicherheit.“ (S. 462) – Nur zwei Beispiele fürs Denken und Verhalten dieser Smilla.

Ohne Zweifel ist diese Smilla eine bemerkenswerte Frau. Eine solch starke weibliche Persönlichkeit findet man nur selten in der Literatur, ebenso selten in der Wirklichkeit. Und das trotz ihrer Selbstzweifel und ihrem scheinbaren Scheitern in der Gesellschaft (ohne Abschluss eines Studiums, arbeitslos, kinderlos, ohne Beziehung und Freunde). Smillas Biografie ist geprägt vom Wechsel von der präindustriellen grönländischen Jägerkultur hin zur postindustriellen Gesellschaft Dänemarks. Und obwohl sie verletzlich im Inneren ist, so gibt sie sich unnachgiebig und hart nach außen. Der Roman ist aus der Sicht dieser Frau geschrieben und eröffnet so einen Blick in das Denken und die Gefühle von Smilla Jaspersen (siehe hierzu auch die Magisterarbeit von Michael Auth: Lauter lose Enden? Die Erzählstruktur in Peter Høegs Erzählung – als PDF-Datei).

Erstaunlich (oder vielleicht auch wieder nicht), dass ein Mann dieser Frau die Sprache gegeben hat: Der Autor „Peter Høeg, geboren am 7. Mai 1957 in Kopenhagen, studierte Literaturwissenschaft und trat als Tänzer und Schauspieler an dänischen und schwedischen Bühnen auf. Er schrieb Theaterstücke, einen Band Erzählungen und u.a. die Romane ‚Vorstellung vom zwanzigsten Jahrhundert’ und ‚Der Plan von der Abschaffung des Dunkels’. ‚Fräulein Smillas Gespür für Schnee’ wird [wurde 1997] von Bille August verfilmt, mit Julia Osmond in der Hauptrolle. […]“
(aus dem Klappentext)

Hier eine ausführlichere Inhaltsangabe:

Kopenhagen, Anfang der 90er Jahre, kurz vor Weihnachten: Der kleine Jesaja fällt vom Dach des Hauses, in dem er mit seiner Mutter lebt. Für Passanten und Polizei war es ein tragischer Unfall. Doch Smilla Jasperson, ebenfalls Bewohnerin des Hauses, glaubt an Mord. Sie war mit dem kleinen Jesaja befreundet, der wie ihre Mutter und sie selbst, aus Grönland stammte. Sie hatte schon immer ein besonderes Gespür für Schnee, deshalb lassen sie die Fußspuren im frischen Schnee auf dem Dach des Hauses misstrauisch werden. Überdies weiß sie, dass Jesaja unter Höhenangst litt und deshalb niemals freiwillig auf das Dach gestiegen wäre. Weil sie die einzige Freundin war, die der kleine Jesaja in seinem Leben hatte, setzt sie alles daran, ihren Verdacht zu beweisen.

Sie beschließt, auf eigene Faust zu ermitteln. Ihre Aktivitäten stoßen allerdings sowohl bei Jesajas Mutter als auch bei den Behörden auf wenig Gegenliebe, und sie geben ihr zu verstehen, dass sie sich lieber aus der Angelegenheit heraushalten soll. Der einzige, der auch der Überzeugung ist, dass Jesaja Opfer eines Verbrechens wurde, ist ihr Nachbar, der Mechaniker. Dieser hilft Smilla und beschützt sie.

Es stellt sich heraus, dass Smilla einer weltweiten ökopolitischen Intrige auf die Spur gekommen ist. Sie entdeckt, dass Jesajas Vater 1966 bei einem mysteriösen Unfall auf dem Gletscher „Gela Alta“ ums Leben kam und seine Witwe seitdem eine Pension von einer undurchschaubaren Organisation erhält. Durch einen Arzt, der den kleinen Jungen zuerst obduzierte, bevor er an weiteren Untersuchungen gehindert wurde, erhält Smilla die Bestätigung, dass Jesaja ermordet wurde. Sie kann nicht mehr zurück und wird in die Intrige verwickelt, welche sie in die Verlassenheit der grönländischen Eiswüste führt und selbst in Lebensgefahr bringt.

Wer den Roman Fräulein Smillas Gespür für Schnee gern lesen und sich die Spannung erhalten möchte, der sollte die nächsten fünf Absätze ‚überspringen’.

Prof. Licht, der ihr beim Abhören eines Tonbandes, dass Smilla von Jesajas Mutter bekommen hat und auf dem die Stimme von Jesajas Vater ist, helfen soll, wird kurz nachdem sie ihn verlassen hat, getötet, wobei seine Mörder auch Smillas Leben beenden wollen. Smilla gelingt es allerdings, vom brennenden Hausboot, in dem der Professor seine Nachforschungen anstellte, zu entkommen.

Smilla erhält, nachdem sie mit der ehemaligen Buchhalterin der „Greenland Minings“ gesprochen hatte, den Schlüssel zum Archiv der Firma, in dem alle Aufzeichnung über die „Gela Alta“-Expeditionen aufliegen. Dort findet sie auch einen Hinweis darauf, was das Ziel der Expeditionen nach „Gela Alta“ ist und dass eine weitere geplant ist.

Nachdem sie mit dem Mechaniker dessen Freund Lander aufsucht, bekommt sie die Möglichkeit, auf dem Expeditionsschiff der „Greenland Minings“ zu arbeiten. Die Expedition führt nach Grönland zum Gletscher „Gela Alta“, wo schon zwei Expeditionen durchgeführt wurden und bei denen jeweils mehrere Expeditionsteilnehmer ums Leben kamen.

Smilla erfährt, dass Dr. Loyen und Dr. Tørk, die Organisatoren der Expedition, auf der Suche nach einem energieerzeugenden Meteoriten sind, der in einem Gletscher versteckt ist. In dessen Schmelzwasser lebt allerdings ein mesozoischer Parasit, der prähistorische Polarwurm, der sich in den menschlichen Körper frisst und dort seine Eier ablegt. Durch die ausschlüpfenden Larven wird der Körper aufgefressen und getötet. Dr. Tørk ignoriert diese Gefahr jedoch und schicken immer wieder Taucher in das Schmelzwasser, um den Meteoriten zu bergen und damit Geld zu verdienen.

Smilla entkommt allen Anschlägen auf ihr Leben und schafft es, in die Höhle mit dem Meteoriten vorzudringen. Dort tötet sie Dr. Loyen und verletzt Dr. Tørk, den Chef von „Greenland Minings“. Dieser kann zwar flüchten, wird aber von Smilla verfolgt, die ihn aufs Packeis treibt, wo er schließlich stirbt. Der Mechaniker, der ebenfalls auf dem Schiff war, zündete in der Höhle eine Bombe, um weitere Forschungen am Meteoriten zu verhindern und die Gefahr durch den gefährlichen Polarwurm zu unterbinden.

Quelle: fundus.org

Der Roman spielt in den 90-er Jahren. An einer Stelle ist vom Dezember 1993 die Rede, obwohl Peter Høeg den Roman bereits 1992 veröffentlichte. Neben Kopenhagen (u.a. wird die Strandgade -> Christianshavn und der Strandvej erwähnt, ebenso Brønshøj in der Nähe von Kopenhagen mit der Kabbelejevej am Rande von Utterslev Mose – auch kommt das Hotel d’Angelterre vor, das in dem Film Der zerrissene Vorhang (1966) von Hitchcock zusehen ist) so ist die hohe See Schauplatz des Geschehens wie zum Schluss Grönland selbst (Smilla kommt aus Qaanaaq, das wir auch als Thule kennen).

Personen des Romans:

Smilla (eigentlich: Smillaaraq) Qaavigaaq Jaspersen (zum Namen s. S. 332 – Bio s. S. 112 ff.)
Ane Qaavigaaq, Mutter und Robbenfängerin
Jørgen Moritz Jaspersen, Vater und Arzt
Benja, Moritz’ Lebensgefährtin

Peter Føjl, Mechaniker und ‚Gehilfe’ (Taucher)
Jesaja Christiansen, Inuk-Junge
Juliane Christiansen, seine Mutter

Elsa Lübing, ehemalige Buchhalterin/Archivarin der Kryolithgesellschaft
Benedicte Clahn, dänische Mitarbeitern der R.A.F. 1946 in Deutschland

Ravn, Staatsanwalt
Nathalie Ravn, seine Tochter – Konsulatssekretärin (Tod durch Sprung vom Dach – S. 277)

Dr. Lagermann, Arzt
Frau Lagermann

Birgo Lander, Geschäftsmann und Freund des Mechanikers

Prof. Johannes Loyen, früherer Expeditionsleiter, Direktor des Instituts für arktische Medizin
Telling
Prof. Andreas Fine Licht, Leiter des “Arctic Museum“ (blind)

Schiffsbesatzung des Expeditionsschiff der „Greenland Minings“:
Kapitän Sigmund Lukas
(Nils) Bernard Jakkelsen, sein jüngerer Bruder
Urs, der Koch
Verlaine, Bootsmann
Hansen
Maurice
Sonne, Steuermann
Maria und Fernanda, Schiffsgehilfinnen
Kützow, Maschinenmeister

Dr. Andreas Tørk, Arzt und Expeditionsleiter 1994
Katja Claussen
Seidenfaden

Am Ende kommt bei diesem Roman eine Art Öko-Krimi heraus. Vielleicht etwas konstruiert, aber das sind ja fast alle Kriminalromane. Im Mittelpunkt steht Smilla Jaspersen. Allein wegen ihr macht das Lesen Spaß. Zudem ist das Buch Belletristik vom Feinsten – mit dieser Meinung stehe ich nicht allein da:

“Episch wie großes Kino.” (Frankfurter Rundschau)

„Irgendwann will man nur noch Smillas Stimme hören, so könnte sprechen, wovon sie wollte.“ (Stern)

„Mit dem Dänen Peter Høeg hat Europa einen neuen, bedeutenden Schriftsteller.“ (FAZ)

„Ein Buch, dessen Heldin unvergeßlich bleiben wird […]. Smilla ist nicht nur eine starke Frau, sie ist auch eine große Frauengestalt – eine der größten in der kleinkarierten Literatur dieser Jahre.“ (Sonntagsblatt)

„Eine aberwitzige Verbindung von Thriller und hoher Literatur.“ (Der Spiegel)

„Peter Høegs Erzähltalent ist sensationell.“ (Sächsische Zeitung)

„Smilla: Glaziologin, Misanthropin, Racheengel, Emma Peel und Jeanne D`Arc, Rambo und Greenpeace-Vorkämpferin in einer Person, sarkastisch, gelegentlich sentimental, mit Klugheit geschlagen. Schnee und Eis sind ihr lieber als die Liebe.“ (Die Zeit)

„Jede einzelne Szene, jeder Dialog ist ein Meisterwerk.“ (Prinz)

Begriffe aus der/den Sprache(n) der Inuit – die Bezeichnung Eskimo ist übrigens nicht völlig falsch, sondern wird als Oberbegriff verwendet – sind auch in unsere Sprache eingegangen. So dürfte jeder wissen, was ein Anorak ist. Im Grönländischen schreibt man diesen annoraaq. Wenn man vom Grönländischen bzw. den Sprachen der Inuit spricht, dann kommt man nicht umhin, die angeblich unzähligen Wörter für Schnee bzw. Eis in diesen Sprachen zu erwähnen. Im Roman kommen einige dieser Wörter vor und werden auch (meist) sofort erklärt. Ich glaube, ich habe alle Wörter gesammelt. Mit dieser kleinen Sammlung will ich enden. Fräulein Smilla hat mich doch zu mehr verleitet, als zunächst geplant (aber das kommt bei mir wohl öfter vor):

Qanik feinköringer Pulverschnee
Pirhuk der Wind trägt einen leichten Schnee heran
Kangirluarhuq große Blöcke aus Süßwassereis
Pujuq Nebel S. 458 ff.
Hiku Festeis (Kontinent aus gefrorenem Meer)
Hikuaq und Puktaaq Eisschollen
Ivuniq Oberfläche der Eisschollen als verwüstete Landschaft
Maniilaq Eisbuckel
Apuhinuq Schnee, vom Wind zu harten Barrikaden komprimiert
Agiuppiniq Schneefahnen, vom Wind über das Eis gezogen
Killaq Wake (nicht oder nur oberflächlich zugefrorene Stelle in der Eisdecke)
Sikussaq schwarze Stücke im Mosaikeis
Avangnaq Nordwind
Pirhirhuq Schneesturmwetter
Kanangnaq Nordostwind
Hikuliaq Neueis

siehe hierzu auch: Kate Bushs Gespür für Schnee

Heute Ruhetag (52): William Makepeace Thackeray – Jahrmarkt der Eitelkeit

William Makepeace Thackeray (* 18. Juli 1811 in Kalkutta; † 24. Dezember 1863 in London) war ein englischer Schriftsteller und gilt neben Charles Dickens (siehe Heute Ruhetag (27): Charles Dickens – Oliver Twist) und George Eliot als bedeutendster englischsprachiger Romancier des Viktorianischen Zeitalters.

Sein wohl bekanntestes Werk ist Jahrmarkt der Eitelkeit (Originaltitel: Vanity Fair, or, a Novel without a Hero, 1847/1848 in Fortsetzungen im Londoner Satiremagazin „Punch“ erschienen; deutsch 1849). Der Gesellschaftsroman bietet ein facettenreiches, alle sozialen Klassen einschließendes Bild der Londoner Gesellschaft zu Anfang des 19. Jahrhunderts und zeichnet sich durch seinen ironischen Stil und seine präzise Darstellung der handelnden Figuren und ihrer Charaktere aus.

Dieser Jahrmarkt dürfte auch uns bekannt vorkommen: Dieser ist ein Abbild der Welt – und Thackerays Welt ähnelt durchaus in Vielen der unseren Welt.

    Heute Ruhetag = Lesetag!

Vor dem Vorhang

Während der Direktor des Puppentheaters vor dem Vorhang auf den Brettern sitzt und über den Jahrmarkt schaut, befällt ihn beim Anblick des bunten Treibens eine tiefe Melancholie. Da wird gegessen und getrunken, geliebt und kokettiert, gelacht und geweint, geraucht, betrogen, gestritten, getanzt und gegeigt, da drängen sich Großmäuler im Getümmel, Stutzer machen Frauen schöne Augen, Spitzbuben leeren Taschen, und Polizisten sind auf der Wacht; da schreien Quacksalber (andere Quacksalber, die Pest soll sie holen!) vor ihren Buden, und Bauerntölpel starren zu den flitterglänzenden Tänzerinnen und den armen, alten, geschminkten Clowns hinauf, während die Langfinger sich hinten an ihren Taschen zu schaffen machen. Ja, das ist der Jahrmarkt der Eitelkeit; gewiß kein moralischer Ort und auch kein lustiger, wenn es auch lärmend genug zugeht. Seht euch die Gesichter der Schauspieler und Possenreißer an, wenn sie von der Arbeit zurückkommen, wie der Hanswurst sich die Schminke aus dem Gesicht wäscht, ehe er sich mit seiner Frau und seinen kleinen Hanswürstchen hinter der Jahrmarktsbude zum Essen setzt. Bald geht der Vorhang auf, und er wird Purzelbäume schlagen und schreien: »Seid ihr alle da?«

Wenn ein nachdenklicher Mensch über solch einen Vergnügungsort wandelt, wird er vermutlich weder von seiner noch anderer Leute Fröhlichkeit überwältigt werden. Hier und da rührt und belustigt ihn wohl eine humorvolle oder ergreifende Episode – ein niedliches Kind, das eine Pfefferkuchenbude betrachtet; ein hübsches Mädchen, das errötend den Worten ihres Liebhabers lauscht, während er ihr ein Geschenk aussucht; der arme Hanswurst dort hinter dem Wagen, der inmitten seiner braven Familie, die von seinen Kunststücken lebt, an seinem Knochen nagt. Der allgemeine Eindruck aber ist eher melancholisch als heiter. Wenn du nach Hause kommst, so setzt du dich in ernster, nachdenklicher, milder Stimmung hin und wendest dich deinen Büchern oder deinen Geschäften zu.

[…]

William Makepeace Thackeray: Jahrmarkt der Eitelkeit

Vanity Fair (englisches Original)

Martin Walser: Der Augenblick der Liebe (2004)

    Er habe sie noch nie so geliebt wie in diesem Augenblick, In diesem Augenblick, sagte sie, wieso denn das. Es ist der Augenblick der Liebe.
    Martin Walser: Der Augenblick die Liebe (S. 43)

Für Einsteiger in die Literatur von Martin Walser, so denke ich, ist der Roman Der Augenblick der Liebe aus dem Jahr 2004 doch noch etwas zu schwere Kost. Es ist der dritte und wohl letzte Roman um die Person des Dr. Gottfried Zürn, ehemaliger Immobilienmakler am Bodensee, der sich hier als Privatgelehrter ausgibt. Im Mittelpunkt steht die außergewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Zürn und einer um 40 Jahre jüngeren Doktorandin. Und es geht um den französischen Philosophen Julien Offray de La Mettrie, dessen Todestag sich 2001, dem Jahr, in dem der Roman spielt, zum 250. Male jährte. Als Hinweis für den Leser: Französisch-Kenntnisse sind angebracht, Englisch-Kenntnisse fast unumgänglich (Walser hat sich auch, oft mit seiner Tochter Alissa, als Übersetzer aus dem Englischen hervorgetan, z.B. für Theaterstücke von Edward Albee).

Dies ist der erste Roman, den Martin Walser nach seiner Trennung von Suhrkamp in seinem neuen Verlag Rowohlt veröffentlicht hat (Ich habe diesen in 2. Auflage August 2004 – Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, vorliegen).

     Martin Walser: Der Augenblick der Liebe (2004)

Gottfried Zürn, bekannt aus Martin Walsers Romanen „Das Schwanenhaus“ und „Die Jagd“, Exmakler, Privatgelehrter mit Domizil am Bodensee, erhält Besuch von einer jungen Doktorandin. Sie interessiert sich für seine Aufsätze über den französischen Philosophen La Mettrie und überreicht ihm, er ist erstaunt und merkwürdig geschmeichelt, eine Sonnenblume. Er vernimmt sofort das Klirren erotischer Möglichkeiten. Sie, sphinxenhaft: „Es gibt nichts, wofür man nicht gestraft werden kann.“

Trotzdem, und weil er mit seiner Frau Anna längst im selben Wortschatz untergeht, folgt er der Doktorandin kurz darauf nach Kalifornien zu einem Kongreß über La Mettrie. Dort erfüllt sich ihre Prophezeiung – auf eine Weise, die gleich in mehrfacher Hinsicht zum Eklat führt. Sobald er drüben ist, wird in ihm Anna übermächtig, also zurück zu ihr. Sobald er zurück ist, muß er wieder hinüber. Aber das gestattet ihm das Buch nicht.

Eros, Ehe und Erlebnishunger sind die äußeren Markierungspunkte dieses Romans, das Verhältnis von Leben, Literatur und Todeslust ist sein geheimes Motiv.
(aus dem Klappentext)

    Herr Zürn oder Herr Krall, wie hätten Sie’s gern? So fing sie an, so eröffnete sie.
    Gottlieb sagte: In welche Sauce wir den Daumen, den wir lutschen müssen, vorher tunken, ist egal. Oder nicht? Und sie: Es gibt nichts, wofür man nicht gestraft werden kann. Und er. Aber die Möglichkeiten klirren. Und sie: Wenn Sie so wollen. Und er: Ich will.

Nein, so beginnt nicht nur dieser Roman vom Martin Walser, so endet dieser auch – in einer Walser-typischen Ringkomposition. Nur sind die Personen andere. Er, das ist in beiden Fällen Gottfried Zürn, aber sie ist am Anfang jene Beate Gutbrod, Doktorandin aus Amerika, am Schluss dann seine Ehefrau Anna. Gottfried Zürn, Mitte sechzig, schöpft in beiden Fällen ‚die Möglichkeiten’ aus.

Zürn hat als Wendelin Krall vor Jahren zwei Aufsätze über den französischen Philosophen Julien Offray de La Mettrie (1709–1751) geschrieben, die Beate Gutbrod während der Recherche für ihre Dissertation gelesen hat. Da sie den Autor persönlich kennenlernen möchte, besucht sie Zürn. „Aus dieser Bekanntschaft entwickelt sich eine Liebesaffäre, die Gottlieb nach Amerika an die Berkeley-Universität führt, wo er als Gastdozent einen Vortrag über La Mettrie halten soll. Da ihn jedoch seine Stimme im Stich lässt, schafft es Gottlieb ähnlich wie Helmut Halm in Brandung nicht, seinen Text alleine vorzulesen, und muss sich von Beate vertreten lassen. Zudem wird der Inhalt seines Aufsatzes von den Mitgliedern der Universität, allen voran Rick Hardy, sehr zwiespältig aufgenommen. Wenig später verlässt Gottlieb Beate und fliegt zurück nach Europa, wo er das Eheleben mit seiner Frau Anna fortsetzt.“ (Quelle: de.wikipedia.org)

Wieder eine Liebesaffäre zwischen einer jungen Frau und einem älteren Herrn. Beate Gutbrod und Zürn – das klingt wie Ulrike von Levetzow und Goethe und wird auch gleich zitiert: da war der Altersunterschied nicht 40, sondern gar 55 Jahre (siehe hierzu natürlich Martin Walser: Ein liebender Mann). Während Beate bereits wieder in Kalifornien weilt und auf die Ankunft Zürns wartet, ereignet sich ein Schriftwechsel zwischen den beiden, der in teuren, sehr langen Telefonaten mündet:

Jetzt erlebte sie, daß es nicht darauf ankommt, mit welchem Innen- und Außenmaterial jemand seine Liebe erklärt; es kommt nur auf den erlebbaren Heftigkeitsgrad an. Und den erlebte sie jetzt. Die Verklausuliertheit, in der er sich verstrickte, war doch eine einzige Kapitulation: Er ergab sich ihr. Diese Fragerei nach dem WARUM war nichts als ein Wortkostüm, mit dem er auftrat, um sie herauszufordern. Sie sollte ihn übertreffen. Sie sollte noch lauter als er sagen, daß sie hin sei und wie hin sie sei. Das einzig Lernbare in diesem Verklausulierungsdickicht: Er war bedürftig. Er war unterernährt. Was ihm fehlte, war weniger wichtig, als daß ihm etwas fehlte. Aber er hielt es für möglich, daß sie ihm fehle. Und das war’s dann doch. (S. 85)

Um gewissermaßen dem Vorwurf, Altherrenphantasien zu verbreiten, ‚vorzubeugen’ (manche nennen es auch Methusalem-Komplex), flicht Walser ab Seite 228 gleich eine Debatte über Altersgeilheit, die Zürns Frau mit einer Kundin führt, mit ein. Zürns, d.h. Walsers Kommentar dazu: „Er hätte die Damen wirklich fragen müssen, warum ein Älterer, wenn er denn das war, was sie geil nannten, nicht einfach geil, sondern altersgeil war. Die haben da eine Ahnung parat. Du sollst nicht mehr, darfst nicht mehr. Die haben eine Moral, die sie ästherisch-sittlich drapieren.“ (S. 231)

Auch zum Alter äußert sich Walser: „Man kann nur jung oder alt sein. Er habe seit längerem geglaubt, er sei schon alt. Das war, wie er jetzt wisse, ein naseweises Anempfinden. Das einzigste, was ein wenig in die richtige Richtung ging, war eine Art Mitleid mit Alten. Jetzt weiß er, der Junge kann nichts empfinden von dem, was der Alte empfindet. Es gibt kein Verständnis für einander. Der Alte versteht den Jungen so wenig wie der ihn. Es gibt keine Stelle, wo Jugend an Alter rührt oder in Alter übergeht. Es gibt nur den Sturz. Aus. Nachher bist du drunten und kannst tun, was du willst, du reichst nicht zurück. Mit nichts. Durch nichts. Ob du lachst oder schreist, ist gleichgültig. So zu tun, als könne man sich auf diesen Sturz vorbereiten, ist unsinnig. Dieser Sturz gestattet kein Verhältnis.“ (S. 200) Und später ergänzt er: „Das Gerede vom Sturz ist Wortstroh. Das Hinab so bremsen, daß es kein Sturz wird, sondern ein Untergang.“ (S. 202)

Den eigentlichen Mittelpunkt bildet die „Auseinandersetzung mit La Mettrie, die den Roman um philosophische Überlegungen bereichert. Es geht dabei vor allem um die Themen der Erziehung als Ausbildung zum Gefangenen und um das Erziehungs-Nebenprodukt Schuldgefühle.“

    Das von Montaigne geerbte Anspruch: sich selbst zum Thema zu machen! […] Dein durch La Mettrie geschärftes Thema: die Erziehung als eine Ausbildung zum Gefangenen. Von Anfang an war kein Mensch und keine Institution daran interessiert, dich zu dir selbst kommen zu lassen. Die Erziehung als Zumutung. Aber dann hast du angefangen, deine Erzieher zu betrügen. Du hast mehr als eine Persönlichkeit entwickelt. Das tut jeder. Keiner ist nur das, was die Erziehung aus ihm machen wollte. […] (S. 127 f.)
    Von allen Persönlichkeiten, die du hast entwickeln müssen, hat sich keine so übermäßig entwickelt, wie die des Gefangenen. […] Jeder Versuch, dich frei zu fühlen oder gar zu benehmen, mündete bis jetzt im Schuldgefühl. Das angeborene oder anerzogene Gewissen. Ob angeboren oder anerzogen, es ist die mächtigste, wachsamste, unerbittlichste, unbetrügbarste Regung, deren du fähig bis. (S. 129)

„Die Interpretation Rick Hardys im Anschluss an den Vortrag – das Manuskript Gottfried Zürns ist vollständig wiedergegeben – ist dabei die zentrale Stelle des Romans: Hardy beschuldigt Gottlieb, er wolle unter dem Vorwand, über La Mettrie und dessen These von der Lebensfeindlichkeit von Schuldgefühlen zu sprechen, den Deutschen einen ‚Freispruch erschwindeln’, wobei Hardy einen überraschenden Zusammenhang zur Erinnerung an den Holocaust herstellt. Die anschließende Reflexion Gottliebs wirkt wie eine späte Selbstverteidigung Walsers, der sich während der Diskussionen rund um seine Romane Ein springender Brunnen und insbesondere Tod eines Kritikers selbst Vorwürfen des latenten Antisemitismus ausgesetzt sah:

    ‚La Mettrie behauptet, es gebe nichts Unmenschlicheres, nichts Lebensfeindlicheres als remords. Das würde natürlich auch für den Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit gelten. Aber das hat er [Zürn] nicht gesagt. Er müßte dann nachweisen, daß es eine Schuld gibt ohne Schuldgefühle. Kein bisschen weglügen, nichts verkleinern, und trotzdem kein Schuldgefühl, keine remords. […] La Mettrie hatte keine Erfahrung mit dem Gedächtnis. Inzwischen wacht das Gedächtnis über das Gewissen. Ob das lebensfeindlich ist, ist dem Gedächtnis egal.’

Zusammenfassen kann man die vorgetragene Position Martin Walsers zum Holocaust demnach wie folgt: Er akzeptiert die Schuld der Deutschen für die NS-Verbrechen ohne Wenn und Aber, jedoch fühlt er sich von den Schuldgefühlen in seinem Lebensdrang eingeschränkt. Diese Aussage ist natürlich sehr subjektiv, was jedoch typisch für die literarische Innerlichkeit ist, die sich wie ein roter Faden durch Martin Walsers Werk zieht. Letztendlich gesteht Walser auch ein, keine Möglichkeit gefunden zu haben, sein Geschichtsbewusstsein mit seinem Wunsch ganz in der Gegenwart zu leben zu versöhnen – dieser Luxus muss dem Intellektuellen verwehrt bleiben.“ (Quelle: de.wikipedia.org)

Der Roman gliedert sich in vier Kapitel:

Inhalt:
I. Kommen aber gehen
II. Zusammenfinden
III. Auseinanderkommen
IV. Kehre

Personenliste zum Roman:

Dr. Gottlieb Zürn, ehemaliger Makler, inzwischen Mitte 60 Jahre
Anna, seine Frau, führt das Immobilienmaklergeschäft weiter

Rosa, die älteste Tochter
Magda(lena), Tochter
Julia, Tochter
Regina, die jüngste Tochter

Beate J. Gutbrod ‚graduated Student’, Doktorandin
Madelon Pierpoint, Freundin
Glen O. Rosenne, Professor

Dr. Rick W. Hardy
Elaine, seine (Ex-)Frau

Dr. Rufus Douglas, Psychiater

und viele andere

Paul Schatz, Immobilienhändler und Konkurrent – stirbt in diesem Band
Jarl F. Kaltammer, Immobilienhändler und Konkurrent

„Hochkomisch, sprachmächtig: Martin Walsers neuer Roman über Liebe im Alter ist ein Vergnügen. Wenn Walser je komisch war, wenn er je die Funken des Witzes aus Konstellationen des Unangemessenen, Unpassenden geschlagen hat, hier tut er ’s stärker.“ (Tilman Krause, Literarische Welt)

„Dieser meisterhaft beschriebene Augenblick des Sichverliebens, dieses blitzartige Ineinanderfallen … Wie der Sprachkünstler Walser die beiden Erzählgeschosse miteinander verbindet, die Liebesaffäre eines alten Mannes mit einer jungen Frau im Licht des Atheisten La Mettrie deutet … das macht ihm keiner nach.“ (Ulrich Greiner, DIE ZEIT)

„Seite für Seite eröffnet Martin Walser uns ein Stilvergnügen, wie es nur wenige deutsche Autoren bieten können. Walser schreibt eben nicht nur die schönsten Sätze, er setzt sie auch in anregende Horizonte.“ (Andreas Isenschmid, NZZ am Sonntag)

„Und Walser erweist sich hier als eine aphoristisch eleganter, hinreißender Erzähler.“ (Klaus Walther, Freie Presse)

„Martin Walser hat einige beste Bücher geschrieben. Sein jüngstes Werk gehört dazu. ‚Der Augenblick der Liebe‘ ist ein schönes Buch – komisch, traurig, rabiat.“ (Andreas Köhler, NZZ)

„’Der Augenblick der Liebe‘ ist ein großer Roman. Walsers bedeutendeste literarische ‚Seelenarbeit’“ (Peter Mohr, Generalanzeiger)

„’Der Augenblick der Liebe‘, Walsers schönster Roman.“ (Martin Lüdke in ‚Literatur im Foyer‘, SWR)

Dem ist von meiner Seite nichts mehr hinzuzufügen.

Salman Rushdie: Die satanischen Verse

    „… daß er [Gibril] sich verändert hatte, und zwar in erschreckendem Ausmaß, denn er hatte seinen Glauben verloren.“
    Salman Rushdie: Die satanischen Verse (S. 47)

Die satanischen Verse (englischer Originaltitel The Satanic Verses) ist ein Roman des Schriftstellers Salman Rushdie, der von indischen Immigranten in Großbritannien handelt und teilweise vom Leben des Propheten Mohammed inspiriert ist. Das Erscheinen des Buches am 26. September 1988 löste eine Reihe von Protesten und Gewalttaten von Muslimen aus.

Salman Rushdie wurde 1947 in Bombay geboren und studierte in Cambridge Geschichte. 1983 erregte er mit dem Roman ‚Mitternachtskinder’ weltweit Aufsehen. Nur wenige Monate nach der Veröffentlichung des Romans ‚Die satanischen Verse’ im Jahr 1988 sprach der iranische Revolutionsführer Khomeini wegen Blasphemie eine Fatwa über Rushdie aus. Seither lebt der Autor, dessen Bücher vielfach ausgezeichnet wurden und in über zwei Dutzend Sprachen übersetzt vorliegen, an einem unbekannten Ort in England.
(aus dem Klappentext)

    Salman Rushdie: Die satanischen Verse

Am 14. Februar 1989 rief Chomeini in einer Fatwa (verbunden mit einem Kopfgeld) alle Muslime zur Tötung des Schriftstellers Salman Rushdie auf, auf Grund der von ihm als blasphemisch erachteten Äußerungen gegen den Propheten Mohammed in Rushdies Roman „Die satanischen Verse“:

„Ich ersuche alle tapferen Muslime, ihn, gleich wo sie ihn finden, schnell zu töten, damit nie wieder jemand wagt, die Heiligen des Islam zu beleidigen. Jeder, der bei dem Versuch, Rushdie umzubringen, selbst ums Leben kommt, ist, so Gott will, ein Märtyrer.“ (Quelle: de.wikipedia.org)

Die Fatwa war auch Todesurteil für alle, die an der Veröffentlichung beteiligt waren und den Inhalt des Buchs kannten, das gegen den Islam, den Propheten und den Koran sei. So wurden auf mehrere Übersetzer des Buchs Anschläge verübt. Der italienische Übersetzer Ettore Capriolo wurde am 3. Juli 1991 in seiner Wohnung in Mailand durch Stiche verletzt und der japanische Übersetzer Hitoshi Igarashi am 11. Juli 1991 im Gebäude seines Büros an der Universität Tsukuba erstochen. Der norwegische Verleger, William Nygaard, wurde durch Schüsse schwer verletzt.

Ich habe den Roman Die satanischen Verse in folgender Auflage vorliegen: Knaur 60648 – vollständige Taschenbuchausgabe März 1997, Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München – ein Übersetzer ist aus verständlichen Gründen nicht genannt.

    Satan, zu einem vagabundierenden, rastlosen, unsteten Dasein verurteilt, kennt keine fest Bleibe; denn obgleich er, infolge seiner engelhaften Natur, über ein Reich zerfließender Wüstenei und Luft herrscht, so ist es doch gewißlich Teil seiner Strafe, daß er … ohne jeden angestammten Ort oder Raum ist, der es ihm gestatten würde, seinen Fuß darauf ruhen zu lassen.
    Motto zum Roman von Daniel Defoe: The History of the Devil

„Satanische Verse“ ist die Bezeichnung für eine Episode in der Biographie von Mohammed, die mit der 53. Sure „Der Stern“ (al-Nadschm) zusammenhängt. Dort geht es um die in der Kaaba in Mekka verehrten alten Gottheiten. Nach einer Überlieferung erlaubte Mohammed, die Göttinnen Al-Lat, Al-Uzza und Manat um Fürsprache anzurufen, widerrief die entsprechenden Verse jedoch bald, da sie nicht vom Erzengel Gabriel, sondern vom Satan eingegeben sein sollen.

Inhaltsangabe:

I Der Engel Gibril
II Mahound
III Ellohenn Deeohenn
IV Aischa
V Eine Stadt: Sichtbar, aber ungeschaut
VI Rückkehr nach Jahilia
VII Der Engel Asrael
VIII Die Teilung des Arabischen Meers
IX Eine wunderbare Lampe

Der Roman beginnt damit, dass zwei indische, aus Bombay stammende Muslime, Saladin (Salahudin) Chamcha und Gibril Farishta, nach der Explosion eines von Extremisten entführten Jumbo Jets an der Ostküste von England ohne Fallschirm vom Himmel fallen, überleben und glauben, verwandelt, wiedergeboren zu sein. Gibril, ein beliebter Bollywood-Schauspieler und Darsteller von Gottheiten, erhält nach dem Absturz einen Heiligenschein. Saladin, ein nicht minder erfolgreicher, seine Herkunft verleugnender Stimmenimitator, verwandelt sich äußerlich langsam in ein „Ungeheuer“ mit Fell, Hörnern und Schwanz, nimmt also ein teufelsähnliches Aussehen an. Aufgrund dieses Aussehens von der Polizei verfolgt, wird Saladin vom Liebhaber seiner englischen Ehefrau in London in einem bengalischen Café versteckt, wo er trotz seines zunehmend veränderten Aussehens gute Freunde findet und zum Symbol des Widerstands gegen fremdenfeindliche Gruppierungen wird. Gibril andererseits gelingt es, sein ehemaliges Leben weiterzuführen, wird aber zunehmend von der Vorstellung geplagt, die Inkarnation des gleichnamigen Erzengels zu sein, entfremdet sich von seiner Umwelt und wird geisteskrank. Saladin erhält nach einigen Leiden sein ursprüngliches Aussehen zurück, trifft auf seine Nemesis und wird von ihr während gewalttätiger Unruhen aus dem brennenden Café gerettet. Bevor er zu sich selbst findet, rächt sich Saladin mit „satanischen Versen“ (Verzweiflungstaten auslösender Telefonterror) an Gibril, der ihn nach ihrer wundersamen Rettung aus dem explodierten Flugzeug im Stich gelassen hatte.

In den Erzählstrang um Gibril und Saladin verwoben ist die Geschichte des Propheten Mohammed, der im Roman Mahound heißt, und dessen Kampf gegen die Göttin Al-Lat und das vorislamische Mekka. Gibril ist gleichzeitig Zuschauer, Werkzeug und Akteur zweier weiterer Handlungsstränge des Romans: Der von Wundern und Unglücken begleiteten Haddsch eines kleinen südindischen Dorfes gegen den Widerstand seines säkularen Zamindars (Großgrundbesitzer) sowie eines im Exil lebenden Imams, zu dessen unfreiwilligem Werkzeug Gibril wird („Reise nach Jerusalem“ und Vernichtung von Aischa). Diese Erzählstränge sind als „Träume“ Gibrils beziehungsweise des Erzengels Gabriel gestaltet.

Personen des Romans mit Zeit und Ort

I. Bombay – London (im Roman auch Ellohenn Deeohenn genannt) usw. um das Jahr 1961„ein Jahr, das man auf den Kopf stellen konnte …“ (S. 62)

Dara Singh – Buta Singh – Man Singh und Tevleen (Frau), Terroristen im Flugzeug AI-420 („Bostan“))

Gibril Farishta, indische Schauspieler (Götterrollen), (Erzengel Gabriel, auch als Asrael, der Würgeengel) – geboren als Ismail Najmuddin (Stern des Glaubens) in Poona – stirbt zuletzt durch Freitod

Najmuddin Sen., Vater, stirbt als sein Sohn 20 Jahre alt ist (Essensläufer)
Naima Najmuddin, Mutter

Babasaheb Mharte (nimmt Gibril in jungen Jahr auf)

Rekha Merchant, Gibrils frühere Geliebte, Nachbarin in Everest-Vilas/verheiratete Geschäftsfrau – nimmt sich mit ihren Kindern das Leben durch Sprung vom Dach eines Hochhauses

John Maslama, Vertreter des ‚universellen Glaubens’, wie ihn Kaiser Akbar entwickelt hat; später Besitzer des Hot-Wax-Nachtclubs usw.

Alleluja Cone, Gibrils blonde Frau, Bergsteigerin, Besiegerin des Mount Everest (stirbt am Ende durch Sprung von Dach eines Wolkenkratzers – wie Rekha Merchant)
Alicja Cone, ihre Mutter
Otto Cone (früher: Cohen aus Warschau), ihr Vater
Elena Cone, ihre Schwester
(Professor Boniek, späterer Lebenspartner von Alicja)

Pimple Billimoria, extrascharfe Sexbombe und Starlet, Gibrils ‚letzte Verflossene‘

Saladin Chamcha, eigentlich: Salahuddin Chambachawala, indische Rundfunksprecher (Stimmenimitator), will perfekter Engländer sein (mutiert zeitweise zum Teufel)

Changez Chambachawala, sein Vater, reich durch Kunstdünger etc.
Nasreen Chambachawala, seine Mutter
Nasreen II, 2. Frau von Changez
Ayah Kasturba, Kindermädchen

Mimi Mamoulian, weibl. Gegenstück zu Saladin (als Rundfunksprecherin), Jüdin
Billy Battuta, pakistanischer Playboy, Supertanker-Besitzer etc., Hochstapler
(Aileen Struwwelpeter)

Pamela Chamba, geb. Lovelace, Saladins Frau – lebt mit Saladin in einer fünfstöckigen Villa in Notting Hill
Zeeny Vakil, Saladins Geliebte in Bombay
Jamshed „Jumpy“ Joshi, Pamelas Geliebter

Café Shaandaar in der Brickhall High Street, London:
Muhammed Sufyan, Eigentümer
Hind Sufyan, seine Frau
Mishal, Tochter
Anahita, Tochter
Hanif Johnson, Rechtanwalt

Dr. Uhuru Simba (eigentlich Sylvester Roberts aus New Cross)
(Pinkwalla, der Didschäy (eigentlich Sewunker))
Inspektor Stephan Kinch, für die Nachbarschaftspflege zuständiger Beamter

Hal Valance, Schöpfer der Aliens Show / Filmbranche
S. S. „Whisky“ Sisodia, indischer Filmproduzent (stottert leicht) – wird später ‚erschossen‘ aufgefunden (stirbt gleichzeitig mit Alleluja Cone)
(Jeremy Bentham, Musicalgenie)

George Miranda, marxistischer Filmemacher, Freund Zeenys
Swatilekha, Bengalin, später Georges Freundin
Bhupen Ghandi, Dichter und Journalist, Freund Zeenys

Eugene Dumsday, Bekanntschaft aus dem Flugzeug, Fußsoldat im christlichen Heer des Herrn
(Jalandri, mausähnliche, ziegenbärtige Geisel im Flugzeug)

Rosa Diamond, 88-jährige Frau, wohnt am Strand, wo Gibril und Saladin angeschwemmt werden
Henry Diamond, ihr verstorbener Mann (Don Enrique), beide lebten in Argentinien

Hyacinth Phillips, Krankengymnastin (Saladin als Patient)
Orphia Phillips, ihre Schwester (U-Bahn-Aufzugführerin)
Uriah Moseley, Freund Orphias (U-Bahn-Aufzugführer)
Rochelle Watkins, Bahnhofsschönheit (Nachfolgerin von Orphia, u.a. als U-Bahn-Aufzugführerin)

II. Vorzeit in Jahilia, Stadt gänzlich aus Sand erbaut – Quelle von Zamzam, neben dem Haus des Schwarzen Steins – die Oase Yathrib

Die drei Göttinnen (S. 136):
Uzza – Göttin der Schönheit und Liebe
Manat – die Schicksalsgöttin
Ilat (Al-Lat, die Göttin) – Muttergöttin (Lato bei den Griechen) — Allahs Gegenstück

Mahound (Mohammed)
Khalid, der Wasserträger
Salman, ‚Tippelbruder’ aus Persien
Bilal, von Mahound freigekaufter Sklave

Die 12 Frauen Mohammeds:
Aischa
Sawdah
Hafsah
Umm Salamah, die Makhzumitin
Ramlah
Zainab bint Jahsh
Juwairiyah
Rehanah, die Jüdin
Safia
Maimunah
Maria, die Koptin (aus Ägypten)
Zainab bint Khuzaimah

Karim Abu Simbel, Grande von Jahilia
Hind, seine Frau

Baal, der Satiriker

III. Im Exil

Imam, ein Verbannter/Mann im Exil (Khomeini)
Khalid, sein Sohn
Bilal X, amerikanischer Sänger und Konvertit
Salman Farsi, diensthabender Wächter

IV. ein kleines indisches Dorf namens Titlipur

Bibiji, heilige Frau, die 240 Jahre alt wurde
Aischa, fallsüchtiges Waisenkind

Mirza Said Akhtar, Zamindar (Großgrundbesitzer)
Mishal, seine Frau

Osman, ein Unberührbarer mit ‚Bum-Bum’-Ochse
Srinivas, der Spielzeugfrabrikant

Ich habe den Roman in diesen Tagen erneut gelesen, während die dschihadistisch-salafistische Terrororganisation IS weiter Teile des Irak und Syriens besetzt und dort ein mörderisches Regime eingerichtet hat. Ihr Anführer, Abu Bakr al-Baghdadi, regiert als selbst ernannter Kalif, womit der Anspruch auf die Nachfolge des Propheten Mohammed als politisches und religiöses Oberhaupt aller Muslime verbunden ist.

Ich gestehe, zu wenig vom Islam zu wissen, um mir ein genaues Urteil zu erlauben. Aber wie schon immer in der Geschichte, so sehe ich in der Ausdehnung des IS in erster Linie einen Machtanspruch, der sich besonders auch an wirtschaftlichen Interessen orientiert (sic!), dem die Religion nur als Vorwand dient. Und es ist die Bestie Mensch, die zu solchen Gräueltaten, wie sie der IS verübt, fähig ist.

Salman Rushdie entstammt einer muslimischen Familie. Sein Roman ist u.a. die Geschichte eines Glaubensverlustes, den er allerdings nicht vernunftmäßig zu begründen sucht, sondern in einer Sprache, die mit der orientalischen Lust am Fabulieren „ein fulminantes Gewirr fantasievoller, grotesker und wahnwitziger Geschichten auf[türmt]. Weit ausschweifend denkt er sich fortwährend neue Nebenfiguren und –handlungen aus. Mühelos springt er zwischen Indien, Arabien und England, surrealer Wirklichkeit, Wahnvorstellungen und Trauminhalten hin und her.“ (Quelle: dieterwunderlich.de)

Es geht als um Glaube wie um Zweifel. „Es geht aber auch um die Gegensätze Gut und Böse, Liebe und Hass, Rache und Vergebung, Wahn und Rationalität, Kompromisslosigkeit und Pragmatismus, Orient und Okzident. Salman Rushdie warnt davor, dass die junge, urbane Elite Indiens ihre Identität verliert, wenn sie die traditionellen religiösen, kulturellen und sozialen Bindungen zugunsten zweifelhafter Werte der globalen, westlich geprägten Massenkultur aufgibt. Zugleich wendet er sich gegen jede Art politischer oder religiöser Bevormundung.“

Manchmal erinnert mich der Roman an feinfühlig-satirisch burleske Werke wie die von Cervantes (Don Quijote) und Rabelais (Gargantua und Pantagruel). Aber natürlich blitzt auch immer wieder die Fantasiewelt aus Tausendundeiner Nacht auf. Und ich muss an Nagib Machfus denken, dessen Kairo-Trilogie das Leben in Ägypten zwischen den beiden Weltkriegen beleuchtet und gegen den ebenfalls in einer Fatwa ein Todesurteil wegen Gotteslästerung verhängt worden war.

Der Roman ist ein Werk gegen jene Humorlosigkeit iranischer Ajatollahs, die in ihrem Glaubenseifer alles niedermachen, und gegen das Brandschatzen selbst ernannter Kalifen. In seiner überquellenden Fabulierlust ist es vor allem ein Werk, das zu Menschlichkeit, zu Verständnis und Toleranz aufruft.

„Dieser Roman ist das überaus vielstimmige, Geschichte und Gegenwart durcheinanderwirbelnde, von Einfällen überbrodende und trotz eines ‚Happy-End’ letztlich tieftraurige Manifest eines endgültigen Glaubensverlustes. Seinen literarischen Rang gewinnt das Buch durch eine scheinbar paradoxe Entscheidung seines Autors. Denn Rushdie erzählt diesen Glaubensverlust nicht im Sinne rationaler Welterfahrung: er benutzt vielmehr alle ihm zu Gebote stehenden Mittel des Phantastischen und des Wunderbaren, um sein Pandämonium der entgöttlichen Welt zu veranschaulichen.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Theo Löbsack: Die manipulierte Seele

    Wenn es wahr ist, daß Freude und Leid, Liebe und Haß, Aggression, Güte und ähnliche Regungen für unser Menschsein bezeichnend sind, und wenn dieses Menschsein bisher für eine gezielte Veränderung unzugänglich war, so wissen wir heute: Diese Gewißheit gibt es nicht mehr.
    Denn Gefühle wie Zuneigung und Wut, Angst und Wonne lassen sich seit jüngster Zeit auch unabhängig von äußeren Umständen mit der Präzision eines chirurgischen Eingriffs im Gehirn künstlich hervorrufen. Damit scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis wir sogar Vertrauen und Hoffnung, ja den Glauben an etwas in Form einer chemischen Substanz ins Gehirn träufeln oder als Medikament zu uns nehmen können.
    (aus der Einleitung zum Buch)

Die Möglichkeiten, das menschliche Verhalten durch chemische Substanzen oder chirurgische eingriffe und gezielte Stromstöße im Gehirn zu manipulieren, sind in den letzten Jahrzehnten auf beängstigende Weise gewachsen. Beruhigungsmittel, leistungssteigernde, bewußtseinserweiternde, geistig und sexuell anregende Drogen haben einen ebenso erfolgreichen wie bedenklichen Siegeszug angetreten. Ist diese Entwicklung aufzuhalten? Wann darf die Persönlichkeit eines Menschen beeinflußt oder gar verändert werden? Gibt es überhaupt Umstände, die dies rechtfertigen? – Theo Löbsack informiert sehr gründlich über alle medizinischen, psychologischen und moralischen Aspekte dieses überaus komplexen Problems. Neben aktuellen Zahlen und statistischen Ergebnissen bezieht er auch die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse in seine Darstellung ein.
(aus dem Klappentext)

    Theo Löbsack: Die manipulierte Seele

Natürlich ist dieses populärwissenschaftliche Sachbuch nicht mehr auf dem letzten Stand. Geht man von aktuellen Schätzungen aus, wonach sich das Wissen der Welt etwa alle fünf bis zwölf Jahre verdoppelt, wobei sich diese Rate noch beschleunigt, dann präsentiert ein 35 Jahre altes Buch nur noch einen Bruchteil des heutigen Wissens. Auch erscheint mir der Autor der ‚alten Schule’ anzugehören, nicht nur stilistisch, obwohl er für die damalige Zeit sicherlich aufgeschlossen und tolerant erscheint. In seiner Einleitung zum Buch schreibt er weiter:

Wir, die wir eingespannt sind in den entnervenden Betrieb einer auf Leistung bedachten Welt, die wir an Verklemmungen und Verdrängungen leiden, die wir vielfach schon zur bloßen Funktion herabgewürdigt sind, wir haben vieles von unserem ursprünglichen Menschsein hergeben müssen. Um so mehr aber sehnen wir uns nach ihm zurück. Gilt uns die persönliche Freiheit noch etwas? Dann dürfte es beispielsweise nicht sein, daß wir einen Mitmenschen als gefährlich, asozial oder kriminell bezeichnen, weil er etwa bestimmte Drogen einnimmt, weil er sich mit Hilfe chemischer oder anderer Mittel künstlich in ein Reich begibt, in dem er – ganz für sich und ohne seine Mitwelt zu belästigen – dieses Menschsein wieder zu spüren vermeint. Wir sollten vielmehr versuchen, solch Verhalten zu verstehen und die Möglichkeiten, die uns die moderne Pharmakologie, die Gehirn- und Seelenforschung erschlossen haben, unserem westlichen Kulturerbe nutzbar zu machen, bevor die technische Zivilisation dieses Erbe vollends überwuchert.

Dieses Buch will vor allem informieren. Es will zum Verständnis einer Entwicklung beitragen, deren Gefahren und Verlockungen uns heute gleichermaßen bewegen. Darüber hinaus will es schlicht zum Nachdenken anregen.
(aus der Einleitung zum Buch)

Ich habe Theo Löbsack: Die manipulierte Seele als dtv Sachbuch 1712 – Deutscher Taschenbuch Verlag, München, Oktober 1981 (1979 revidierte Neuausgabe) vorliegen und während meines Sommerurlaubs nach langen Jahren erneut gelesen.

Hier ein Blick ins Inhaltsverzeichnis, der uns aufzeigt, worum es in diesem Buch geht. Besonders die heutigen Erkenntnisse in der Hirnforschung mit all ihren Disziplinen dürften das hier Beschriebene überholt haben. Und wenn es um Drogen geht, so sind synthetische Drogen wie Crystal Meth auf dem Vormarsch. Trotzdem ist dieses Buch, betrachtet man es als Einstieg in diese Materie, auch heute noch interessant und lesenswert:

Inhaltsverzeichnis

Einbruch ins innerste Ich (anstelle eines Vorworts)

I. Der Mensch im Massenzeitalter
Neurose und Verbrechen
Die innere Leere
Invasion der Wünsche
Immer mehr Erdbewohner: Die Seelenbelastung wächst

II. Verborgene Kräfte in uns
Sekundär-Gedächtnisse
Sinnesleistungen, die verblüffen

III. Physik der Seele
Stationen der Hirnforschung: von Mumienschädeln und „protoplasmatischen Küssen“
Das Gehirn als Zielsuch-Maschine
Was das Gehirn sich nicht gefallen läßt
Sauerstoffmangel und künstliche Unterkühlung
Der Eingriff mit dem Zielgerät

IV. Gehirnwäsche
Was ist die „Persönlichkeit?“
Pawlows Versuche
Die „ultraparadoxe Phase“
Die „Kampf-Erschöpfung“ und das Mittel der Isolierung

V. Die manipulierte Seele
Liebesgefühle auf Kommando
Wut- und Wonnezentren im Gehirn

VI. Chemie der Seele
Hunger und Durst auf chemischen Befehl
Die gefährlichen Paradiese
Tabak, Kaffee und Tee
Opium oder das Geheimnis des Glücks
Der Haschisch-Rausch: ein Ozean aus Tönen
Coca vertreibt die Müdigkeit
Die Sucht oder die Flucht aus der Wirklichkeit
Schmerz und Wehleid

VII. Über sich hinauswachsen
„Psycho-Energizer“
Die Gedächtnis-Pille
Chemische Siebenmeilen-Stiefel
Die Leistung steigt im elektrischen Feld
Über sich hinauswachsen – auch sexuell?
Liebe im LSD-Rausch

VIII. Seelenarznei und Legalität
Mittel, die die Zunge lösen
Gefährliche Kombination: Arznei und Alkohol
Psychopharmakon und Strafrecht

IX. Hilfe für die Ruhelosen
Der Verfolgungswahn verliert seine Schrecken
Lassen sich Verbrechen voraussagen?
Gegen Lampenfieber und Examensangst
Schattenseiten
Darf die Persönlichkeit verändert werden?

X. Das geweitete Bewußtsein
Meskalin und die mexikanischen Zauberpilze
LSD – die „Wasserstoffbombe“ für die Seele
Reisen in die Vergangenheit
Vom blauen Windstoß und ungelösten Welträtseln
„Transzendentales Leben“ auf dem Hängeboden
LSD in der Psychiatrie
Was geschähe, wenn …?

XI. Die Seele darf nicht verkümmern

Anhang

Wenn ich mir eines wünschen dürfte, dann wäre es ein Buch wie dieses – allerdings auf einen möglichst neuesten Stand. Löbsack besaß die Fähigkeit, komplizierte naturwissenschaftliche Zusammenhänge in einer auch für den Laien verständlichen Form darzustellen, wofür er einige Auszeichnungen erhielt. Es ist ein interessantes Feld – das Wissen um unser Gehirn. Und nicht umsonst haben sich viele Wissenschaftler aufgemacht, um immer mehr von dem Organ zu erforschen, von seinem Aufbau und seiner Funktionsweise, aber auch von seinen Erkrankungen.

„Löbsacks Buch liest sich wie ein spannender Abenteuerroman – und in der Tat kann es ja kein aufregenderes Abenteuer geben als die Entdeckung der menschlichen Seele.“ (Die Weltwoche)

Margaret Atwood: Der Report der Magd

    Da Rahel sah, daß sie dem Jakob kein Kind gebar,
    beneidete sie ihre Schwester und sprach zu Jakob:
    Schaffe mir Kinder; wo nicht, so sterbe ich.
    Jakob aber ward sehr zornig auf Rahel und sprach:
    Bin ich doch nicht Gott, der dir deines Leibes Frucht nicht geben will.
    Sie aber sprach: Siehe, da ist meine Magd Bilha:
    Gehe zu ihr, daß sie auf meinem Schoß gebäre, und ich doch
    Durch sie aufgebaut werde.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts haben fanatische religiöse Sektierer im Norden der USA die sogenannte Republik Gilead installiert, deren oberstes Ziel die Sicherung des Fortpflanzung ist, nachdem die ‚europiden Rassen’ seit Jahren einen drastischen Geburtenrückgang zu verzeichnen hatten. Perfid Machtstrukturen sollen die größtmögliche Ausbeutung der weiblichen Gebärfähigkeit gewährleisten; dazu gehören die totale Entmündigung der Frauen und ihre Klassifizierung in Hausfrauen, Gebärmaschinen und Dienerinnen. Wer nicht funktioniert oder sich widersetzt, wird zur ‚Unfrau’ erklärt und in die Kolonien zur Giftmüllbeseitigung abgeschoben. Eine dieser jungen, zu Reproduktionszwecken rekrutierten Frauen, der sogenannten Mägde, die den männlichen Führungskräften von Gilead als Zweitfrau zugewiesen werden, ist Desfred, die Hauptfigur und Erzählerin des Romans. Sie wird am Ende aus Gilead entkommen können.
(aus dem Klappentext)

‚Desfred’ ist wie ‚Desglen’ und ‚Deswarren’ ein Patronymikum (… ‚die von Fred’), das aus dem Possessivartikel im 2. Fall (Genitiv) und dem Namen des betreffenden Herrn gebildet wird (im englischen Original als ‚Offred’, ‚Ofglen’ bzw. ‚Ofwarren’). Solche Namen wurden von den Frauen bei ihrem Eintritt in eine Verbindung mit dem Haushalt eines spezifischen Kommandanten angenommen und, wenn sie ihn verließen, wieder aufgegeben.

Margaret Atwood hat mit ihrem spannenden und beklemmenden Roman Der Report der Magd ein Beispiel einer negativen Utopie gegeben, dem die Kritik den visionären Rang von Orwells ‚1984’ und Huxleys ‚Brave New World’ attestiert hat. Margaret Atwood, 1939 in Ottawa geboren, zählt zu den prominentesten Autorinnen der kanadischen Gegenwartsliteratur. Sie schreibt Gedichte, Romane, Prosastücke, Kritiken und Essays. ‚Der Report der Magd’ ist ihr wohl größter Romanerfolg und wurde von Volker Schlöndorff 1990 unter dem Titel Die Geschichte der Dienerin verfilmt. Margaret Atwood wird in diesem Jahr 75 Jahre alt.

    Margaret Atwood: Der Report der Magd

Während meines Sommerurlaubs habe ich den Report der Magd (Original: The Handmaid’s Tale, 1985) nach langen Jahren erneut gelesen. Ich habe den Roman als Taschenbuch 5987 – aus dem Amerikanischen von Helga Pfetsch – Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, April 1989, vorliegen.

Was wäre, wenn uns christliche Fundamentalisten regieren würden? In ihrem Anspruch, die wahren Werte zu vertreten, würden diese nicht Halt machen, ihre Vorstellung von einer christlichen Religion notfalls auch mit radikalen und intoleranten Mitteln durchzusetzen. Der Roman von Margaret Atwood gibt uns einen Vorgeschmack darauf. Natürlich wird ähnlich wie beim islamischen Fundamentalismus, der sich im Terror wie zz. dem des Islamischen Staates offenbart, auch hier Religion als Vorwand benutzt, um nichts anderes als Macht und Einfluss zu gewinnen. In den Chefetagen nimmt man es dann nicht mehr so genau mit christlichen (oder islamischen) Werten. Religion diente schon immer den Oberen zur Ausbeutung.

Margaret Atwood hat sicherlich nicht ohne Grund die USA als Schauplatz ihres Romans gewählt. Hier versucht eine religiöse Rechte, heute u.a. die Tea Party-Bewegung, Einfluss auf die Politik des Landes zu gewinnen. Ich denke, dass es vielleicht nicht gerade ein Gilead wie im Roman sein wird, was ihre Anhänger wollen, wenn sie könnten … Aber es dürfte genügend Menschen geben, die unter deren Politik zu leiden hätten.

„Wer diesen Roman zu lesen anfängt, wird ihn nicht aus der Hand legen können. Mit Sicherheit ist es das kühnste Buch, das Margaret Atwood bisher geschrieben hat: ein großer utopischer Roman, der wie Orwells ‚1984’ und Huxleys ‚Schöne Neue Welt’ als Prophezeiung und Warnung Bestand haben wird.“ (The Sunday Star, Toronto)

Isaac B. Singer: Feinde, die Geschichte einer Liebe

Vor geraumer Zeit schrieb ich (Heute Ruhetag (39): Scholem Alejchem – Anatewka):

Wer Kafka verstehen will, muss sich auch mit seinem Judentum auseinandersetzen. So wurde Kafka – aber nicht nur er allein – für mich zum Ausgangspunkt, mich mit jüdischer, speziell mit jiddischer Literatur zu beschäftigen. Als Einstieg boten sich da die Erzählungen und Romane von Isaac B. Singer an, der 1978 als erster und bisher einziger jiddischer Schriftsteller für sein Gesamtwerk den Literaturnobelpreis erhielt. Auch in Deutschland wurde besonders sein Roman „Feinde – die Geschichte einer Liebe“ aus dem Jahr 1966 (1974 in Deutschland erschienen) bekannt, der 1989 durch Paul Mazursky verfilmt wurde. 1983 wurde Singers Kurzgeschichte „Yentl, the Yeshiva Boy“ mit Barbra Streisand in der Hauptrolle als Yentl verfilmt; dem Film stand Singer allerdings sehr kritisch gegenüber. Isaac Bashevis Singer beschreibt u.a. das jüdisch-polnische Leben im Schtetl, später das Leben der Juden in den USA. Es ist eine wundersame Welt mit einem ganz eigenen Humor, die sich da dem Leser auftut. Singers Werk steht im Spannungsfeld zwischen Religion und Moderne, Mystizismus und rationaler Einsicht.

Isaac Bashevis Singer wurde 1904 in Radzymin (andere Quellen: in Leoncin) in Polen geboren und wuchs in Warschau auf. Er erhielt die tradionelle jüdische Erziehung und besuchte das Rabbinerseminar. Mit 22 Jahren begann er für eine jiddische Zeitung in Warschaz Geschichten zu schreiben, zuerst auf hebräisch, dann auf jiddisch. 1935 emigrierte er in die USA und gehörte dort bald zum Redaktionsstab des ‚Jewish Daily Forward’. Für den Roman ‚Feinde, die Geschichte einer Liebe’ erhielt er 1974 den National Book Award. 1978 wurde ihm für sein Gesamtwerk der Nobelpreis für Literatur verliehen. Singer starb 1991 in Florida.

    Isaac B. Singer: Feinde, die Geschichte einer Liebe

Herman Broder, der als Jude in Polen nur knapp der Verfolgung durch die Nationalsozialisten entging, lebt zurückgezogen und noch immer von Ängsten gepeinigt mit seiner Frau Jadwiga in Coney Island bei New York. Jadwiga, das polnische Bauernmädchen, hatte ihn vor den Deutschen versteckt und so sein Leben gerettet; vor allem aus Dankbarkeit für diese Tat wurde sie von Broder geheiratet. Daneben liebt er die schöne, eigenwillig-exaltierte Mascha, weiß diese Verbindung aber vor Jadwiga zunächst geheimzuhalten. Da taucht Tamara auf, seine erste Frau, von der Zeugen berichtet hatten, sie sei im KZ umgekommen. Hilflos und unentschlossen steht Herman zwischen diesen drei Frauen, bis er schließlich alle drei auf mysteriöse Weise ‚verläßt’. Die verzweifelte Fatalität einer solchen Konstellation erscheint in Singers intensiver Darstellung als äußerste dramatische Zuspitzung der allgemeinen Ausweglosigkeit seines von tiefer Resignation und abgründigem Pessimismus gezeichneten ‚Helden’. Broders Geschichte ist, wie der Autor betont, nicht die des typischen Flüchtlings – doch auch der vermeintlich kuriose ‚Einzelfall’ weist zurück auf den Schock und das Trauma der Vernichtung, das alle diese Überlebenden zeichnet, auch wenn sie ihm äußerlich entkamen.
(aus dem Klappentext)

In diesen Tagen habe ich den kleinen Roman Feinde, die Geschichte einer Liebe, Deutsch von Wulf Teichmann (amerikanische Originalausgabe: Enemies, A Love Story) – Deutscher Taschenbuch Verlag, München – dtv 1216 – ungekürzte Ausgabe – 2. Auflage November 1978: 13. – 17. Tsd. – erneut gelesen.

Als Vorbemerkung schrieb Singer:

Wenn ich auch nicht das Privileg hatte, durch die Hölle von Hitlers Massenvernichtungen gegangen zu sein, so habe ich doch jahrelang in New York mit Flüchtlingen zusammengelebt, die diese Feuerprobe durchgemacht haben. Darum möchte ich gleich sagen, daß dieser Roman keineswegs die Geschichte des typischen Flüchtlings, seines Lebens und seiner Kämpfe ist. Wie in den meisten meiner erzählenden Werke wird in diesem Buch ein Ausnahmefall dargestellt – mit einzigartigen Helden und einer einzigartigen Verflechtung der Ereignisse. Die Figuren sind nicht nur Nazi-Opfer, sondern auch Opfer ihrer eigenen Persönlichkeiten und Schicksale. Wenn sie in das allgemeine Bild passen, so deswegen, weil die Ausnahme die Regel bestätigt. In der Literatur ist die Ausnahme tatsächlich die Regel.

Der Roman wurde erstmals 1966 in ‚The Jewish Daily Forward’ unter dem Titel ‚Sonim, die Geschichte fun a Liebe’ veröffentlicht. Aliza Shevrin und Elizabeth Shub haben ihn ins Amerikanische übersetzt, und Rachel Mac Kenzie und Robert Giroux haben die Übersetzung redigiert. Mein Dank gilt ihnen allen. I.B.S.

Der Roman beginnt wie folgt (Erstes Kapitel – 1):

Herman Broder drehte sich um und machte ein Auge auf. Halb noch im Traum fragte er sich, ob er in Amerika sei, in Tzivkev oder in einem deutschen Lager. In der Phantasie versetzte er sich sogar in das Versteck auf dem Heuboden in Lipsk. Alle diese Orte verschmolzen gelegentlich in seinem Geist. Er wusste zwar, daß er in Brooklyn war, aber er hörte Nazis schreien. Sie stocherten mit ihren Bajonetten herum und versuchten, ihn aufzustöbern, während er sich immer tiefer ins Heu preßte. Eine Bajonettklinge streifte seinen Kopf.

Ganz wach zu werden, erforderte einen Willensakt. „Genug!“ sagte er sich und setzte sich auf. Es war mitten am Morgen. Jadwiga war schon eine ganze Weile angezogen. Im Spiegel an der Wand gegenüber dem Bett erblickte er sich – langgezogenes Gesicht, seine wenigen ihm noch verbliebenen Haare, einst rot, jetzt gelblich und mit grauen Strähnen. Unter buschigen Brauen blaue Augen, bohrend und dennoch sanft, schmale Nase, eingefallene Wangen, die Lippen dünn.

Herman wachte immer mitgenommen und zerzaust auf, als hätte er die ganze Nacht gerungen. An diesem Morgen hatte er sogar eine blaue Beule an der Stirn. Er berührte sie. „Was ist das?“ fragte er sich. Kam das vielleicht von dem Bajonett in seinem Traum? Bei dem Gedanken mußte er lächeln. Wahrscheinlich war er in der Nacht auf dem Weg zum Klo gegen die Kante der Schranktür gebumst.

Vor jetzt auch schon wieder vierzig Jahren schrieb Horst Bienek in der Zeit (In der Fremde daheim) zu dem Roman:

Das Buch ist „ein aufrichtiger, verzweifelttragischer, schonungsloser Roman der amerikanischen Gegenwart. Hier hat ein Autor den Mut und die gestalterische Kraft, zwanzig Jahre nach dem Ende der Vernichtungshöllen (das Buch ist 1965 entstanden), nicht mehr von der Banalität des Bösen zu sprechen, sondern über die Banalität der Opfer zu schreiben; von Menschen, die Helden oder Märtyrer waren im Getto, im Gefangenenlager, im KZ oder einfach in einem Versteck, in jedem Fall von wenigen Noch-einmal-Davongekommenen, die nach der ‚Außerordentlichkeit des Lebens’, wie Buber sagt, dessen sie sich oft gar nicht bewußt waren, wieder zurückkehren in den Alltag mit seinen banalen, aufgebauschten und nichtsdestoweniger existentieller. Problemen – vor denen sie genauso hilflos dastehen wie vorher.“ – „… all seine Figuren [sind] im Ostjudentum verwurzelt; sie leben zwar in New York, aber diese Stadt ist für sie nichts anderes als Kulisse – sie denken, fühlen, ja, sie leben noch so wie damals in Tzivkev, in Lemberg oder Lipsk, …“.


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Coney Island zwischen Neptune und Mermaid Avenue (‚Herman Broders’ Welt)

Ich weiß nicht, wie es heute ist, ob nach dem Schtetl, dem jüdisch-polnische Leben, das die Nazis vernichtet haben, auch diese ‚Singer’sche’ Welt in Coney Island zwischen Neptune Avenue und Mermaid Avenue und anderswo in Amerika untergegangen ist: Isaac B. Singer hat in wunderbaren Erzählwerken diese beiden Welten für uns eingefangen, die das Lesen lohnen.

„In diesem großen und ruhigen Roman wird viel über das Leben, das Schicksal, Gott nachgedacht und spekuliert, doch in einer ganz unaufdringlichen, selbstverständlichen art und Weise. Die Erinnerung ist gleichzeitig eine individuelle und eine kollektive, und mit dieser Erinnerung muß man lebe: ‚Ja, die bösen Geister spielen eben mit uns,’ Singer bleibt stets konkret, anschaulich, figurenreich und detailgenau; da ist das Raunen einer langen Leidensgeschichte in der Gestaltung nacherlebbarer und unpathetischer Schicksale aufgegangen.“ (Die Weltwoche)

Sommer …

So langsam wird es wieder heiß, sommerlich-heiß. Da es Wochenende ist, so soll uns das erfreuen. Schließlich ist es Sommer, wenn mein Urlaub auch noch in einiger Ferne liegt (aber er kommt langsam mit größer werdenden Schritten auf mich zu …). Mag der Urlaub also noch auf sich warten lassen, so hält es mich nicht davon ab, mich an frühere Urlaube oder Ferien im Sommer zu erinnern (so z.B. an einen Sommer im Jahre 1965).

Sommer – da gibt es natürlich viele „Worte mit Flügeln“, wie das von der Schwalbe, die (im Umkehrschluss) in Mengen dann doch einen Sommer macht. Sommer ist ja die Zeit, in der wir die Arbeit Arbeit sein lassen und uns zu entspannen suchen – vielleicht bei einem guten ‚Stück’ Literatur im Liegestuhl.


Blumenpracht und Früchte in AlbinZ Garten

Bei Sommer denke ich irgendwie auch immer an Shakespeare und seinem Sommernachtstraum (und auch in diesem Zusammenhang an Emma Peel aka Diana Rigg). Und welche Dichter haben sich nicht irgendwann einmal der vier Jahreszeiten angenommen – und dabei besonders des Sommers. Eigentlich ist Sommer die pure Lebensfreude (zumindest, wenn die Sonne scheint). Manchmal neigen aber gerade Dichter zu Schwermut – auch (oder gerade) im Sommer. Hier einige Gedichte von Rilke bis Goethe, die den Sommer im Schilde, sprich: Titel führen.

Friedrich Hölderlin: Der Sommer

Wenn dann vorbei des Frühlings Blüte schwindet,
So ist der Sommer da, der um das Jahr sich windet.
Und wie der Bach das Tal hinuntergleitet,
So ist der Berge Pracht darum verbreitet.
Daß sich das Feld mit Pracht am meisten zeiget,
Ist, wie der Tag, der sich zum Abend neiget;
Wie so das Jahr verweilt, so sind des Sommers Stunden
Und Bilder der Natur dem Menschen oft verschwunden.

Gustav Falke: König Sommer

Nun fallen leise die Blüten ab,
Und die jungen Früchte schwellen.
Lächelnd steigt der Frühling ins Grab
Und tritt dem Sommer die Herrschaft ab,
Dem starken, braunen Gesellen.

König Sommer bereist sein Land
Bis an die fernsten Grenzen,
Die Ähren küssen ihm das Gewand,
Er segnet sie alle mit reicher Hand,
Wie stolz sie nun stehen und glänzen.

Es ist eine Pracht unterm neuen Herrn,
Ein sattes Genügen, Genießen,
Und jedes fühlt sich im innersten Kern
So reich und tüchtig. Der Tod ist so fern,
Und des Lebens Quellen fließen.

König Sommer auf rotem Roß
Hält auf der Mittagsheide,
Müdigkeit ihn überfloß,
Er träumt von einem weißen Schloß
Und einem König in weißem Kleide.

Rainer Maria Rilke: Vor dem Sommerregen

Auf einmal ist aus allem Grün im Park
man weiß nicht was, ein Etwas fortgenommen;
man fühlt ihn näher an die Fenster kommen
und schweigsam sein. Inständig nur und stark

ertönt aus dem Gehölz der Regenpfeifer,
man denkt an einen Hieronymus:
so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer
aus dieser einen Stimme, die der Guß

erhören wird. Des Saales Wände sind
mit ihren Bildern von uns fortgetreten,
als dürften sie nicht hören was wir sagen.

Es spiegeln die verblichenen Tapeten
das ungewisse Licht von Nachmittagen,
in denen man sich fürchtete als Kind.

Theodor Storm: Sommermittag

Nun ist es still um Hof und Scheuer,
Und in der Mühle ruht der Stein;
Der Birnenbaum mit blanken Blättern
Steht regungslos im Sonnenschein.

Die Bienen summen so verschlafen;
Und in der offnen Bodenluk‘,
Benebelt von dem Duft des Heues,
Im grauen Röcklein nickt der Puk.

Der Müller schnarcht und das Gesinde,
Und nur die Tochter wacht im Haus;
Die lachet still und zieht sich heimlich
Fürsichtig die Pantoffeln aus.

Sie geht und weckt den Müllerburschen,
Der kaum den schweren Augen traut:
»Nun küsse mich, verliebter Junge;
Doch sauber, sauber! nicht zu laut.«

Johann Wolfgang von Goethe: Im Sommer

Wie Feld und Au
So blinkend im Thau!
Wie perlenschwer
Die Pflanzen umher!
Wie durch’s Gebüsch
Die Winde so frisch!
Wie laut im hellen Sonnenstrahl
Die süßen Vöglein allzumal!

Ach, aber da,
Wo Liebchen ich sah,
Im Kämmerlein,
So nieder und klein,
So rings bedeckt,
Der Sonne versteckt,
Wo blieb die Erde weit und breit
Mit aller ihrer Herrlichkeit!

Blumenpracht und Früchte in AlbinZ Garten

Gotthold Ephraim Lessing: Der Sommer

Brüder! lobt die Sommerszeit!
Ja, dich, Sommer, will ich loben!
Wer nur deine Munterkeit,
Deine bunte Pracht erhoben,
Dem ist wahrlich, dem ist nur,
Nur dein halbes Lob gelungen,
Hätt er auch, wie Brocks, gesungen,
Brocks, der Liebling der Natur.

Hör ein größer Lob von mir,
Sommer! ohne stolz zu werden.
Brennst du mich, so dank ichs dir,
Daß ich bei des Strahls Beschwerden,
Bei der durstgen Mattigkeit,
Lechzend nach dem Weine frage,
Und gekühlt den Brüdern sage:

Brüder! lobt die durstge Zeit!

Im Sinne von Lessing also Brüder! lobt die Sommerszeit! Brüder! lobt die durstge Zeit! Dann Prost!!!

Fußball in der Literatur: Das Runde muss ins Eckige

    „Inmitten gewalt’gen Gestöhnes
    verschoss den Elfmeter der Hoeneß.
    Das Spiel ist verloren …
    Mit hängenden Ohren
    betrachtet der Trainer, Herr Schön, es!“

    Annemarie Schimmel zum katastrophale Fehlschuss des Uli Hoeneß (zz. in Haft) im Europameisterschaftsendspiel 1976

So langsam kommt die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien in die entscheidende Phase. Daher wie angekündigt heute etwas zum Thema Fußball in der Literatur.

Fußball wird allgemein als „schönste Nebensache der Welt“ betrachtet (sieht man einmal vom Sex ab). Aber längst weiß der Kundige, dass Fußball viel mehr ist, dass es Lebensphilosophie ist und als solches „Sinnbild für das Ungewisse, für das Glück und die Zukunft“ (Peter Handke).

In einem anderen Beitrag habe ich uns schon etwas ausführlicher mit den Lebensweisheiten fußballspielender Mitmenschen bekannt gemacht. Ein Beispiel mustergültiger Klarheit des Denkens gibt uns die Lösung des Problems der Quadratur des Kreises. Zwar behaupten Mathematiker, dass eine Lösung unmöglich sei, aber der frühere Reichs- und Bundestrainer Sepp Herberger wusste die Antwort: Das Runde muss ins Eckige! Welcher Scharfsinn, welche Stringenz! Da ist Einsteins Äquivalenz von Masse und Energie (kurz: E=mc2) ein Dreck dagegen.

    Quadratur des Kreises (‚Das Runde muss ins Eckige’)

Schriftsteller, davon geht man fälschlicherweise aus, haben keinen Sinn für Fußball. Hier und heute werde ich das Gegenteil beweisen. Von Albert Camus, von dem ich hier schon öfter berichtet habe, wissen wir, dass er in jungen Jahren Torwart beim Fußballverein Racing Universitaire d’Alger, immerhin mehrmals Meister in den französischen Gebieten Nordafrikas, war. Ein Philosoph also sogar als Aktiver. Aber eigentlich sind Philosophen weniger Fußballspieler – eher umgekehrt.

Dann gibt es natürlich auch Schriftsteller, die zumindest in jungen Jahren große Begeisterung fürs Fußballspiel zeigten: der kleine Max Frisch wollte als Erwachsener unbedingt Fußballtorwart werden (Quelle: xlibris.de – schon wieder Torwart, dabei gab es damals noch keinen Manuel Neuer, der Vorbild hätte sein können).

Aber auch genügend eher unsportliche Schriftsteller haben sich der Faszination des Rasenballsports nicht immer entziehen können. Ich will hier nicht zu sehr in die Tiefe (des Raums) gehen. Das Goethe-Institut hat sich bereits vor einiger Zeit der deutschsprachige Fußballliteratur angenommen und diverse Buchempfehlungen herausgebracht.

    Einsam stand der Dichter im Tor: Fußball und Literatur – von Joachim Ringelnatz bis Nick Hornby

Aus der gleichen Zeit stammt ein Manuskript zu einem Feature von Rainer Moritz mit dem Titel Einsam stand der Dichter im Tor: Fußball und Literatur – von Joachim Ringelnatz bis Nick Hornby:

Passt der runde Ball ins Eckige, ins Buch? Oder sind Sport und Literatur generell, wie Marcel Reich-Ranicki mutmaßte, „feindliche Brüder“?

Als der Fußball in den 1920er Jahren rasant an Popularität gewann, begann sich auch die Literatur mit diesem Massenphänomen auseinander zu setzen – mal mit kritischem Witz wie in Joachim Ringelnatz Fußball (nebst Abart und Ausartung), mal mit spätexpressionistischer Angriffslust wie in Melchior Vischers Theaterstück Fußballspieler und Indianer.

Das Feature verfolgt das Sprechen (und mitunter das Singen) über Fußball, lässt Lyriker wie Friedrich Torberg, Ror Wolf oder Matthias Politycki zu Wort kommen, zitiert aus Prosaglanzstücken von Eduardo Galeano, Vladimir Nabokov, Erich Loest oder Nick Hornby, zeigt die Poesie großer Rundfunkreportagen und scheut sich nicht, analytische Betrachtungen von philosophischer, psychologischer und theologischer Seite ins (Spiel-)Feld zu führen.

Und das Gute daran ist, das Ganze lässt sich als PDF Einsam stand der Dichter im Tor herunterladen und nachlesen.

Der als Motto vorangestellte Limerick entstammt diesem 32-seitigen Text, der sich gern und gut zwischen zwei Halbzeiten und vor der nächsten Verlängerung lesen lässt. Übrigens: Selbst ein Nobelpreisträger wie Günter Grass war in jungen Jahren nicht davor gefeit, das Fußballgeschehen mit bedeutungsschwangeren Versen zu überhöhen, etwa in seinem 1955 erschienenen Gedicht „Nächtliches Stadion“:

Langsam ging der Fußball am Himmel auf.
Nun sah man, dass die Tribüne besetzt war.
Einsam stand der Dichter im Tor,
doch der Schiedsrichter pfiff: Abseits.

Nun ja, Herr Grass … Herr Handke ist bereits erwähnt worden. Der Titel seiner Erzählung Die Angst des Torwarts beim Elfmeter (ist von Wim Wenders auch verfilmt worden) wurde im Fußballsport zum geflügelten Wort, jedoch immer mit dem Zusatz versehen, dass es in Wahrheit eher der Schütze ist, der beim Schießen eines Elfmeters Angst verspürt. Also auf zum nächsten Elfmeterschießen.

Natürlich kann man das Thema auch googeln (Fußball Literatur) und bei Amazon zu dem Thema Fußball in der Literatur stöbern.