Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Max Frisch und the American Way of Life!

Max Frisch und Martin Walser – ich will hier nicht Parallelen ziehen. Aber beide sind bzw. waren Weltbürger, die sich schon früh längere Zeit in den USA aufgehalten und dies literarisch verarbeitet haben, u.a. Max Frisch in seiner Erzählung Montauk, Martin Walser in Brandung. Übrigens handeln beide Werke zudem von Alter und der Liebe zu jüngeren Frauen.

Martin Walser, so hoffe ich, wird uns noch lang erhalten bleiben. Im Juli wird sein neuestes Werk, Muttersohn, erscheinen. Max Frisch starb am 4. April vor 20 Jahren. Und am 15. Mai jährte sich sein Geburtstag zum einhundertsten Mal. Anlass für Feiern und Würdigungen seines Werkes, das bis heute nachwirkt. Besonders die Schweiz ist im Max-Frisch-Fieber, obwohl er alles andere als ein stiller Eidgenosse war. Zusammen mit Friedrich Dürrenmatt hatten die Schweizer gleich zwei Literaten von Weltruf in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhundert, die mit Kritik an ihrem Land nicht zurückhaltend waren.

In diesen Tagen lese ich nun Homo faber von Max Frisch, ein Roman, der sich nach seiner Veröffentlichung im Oktober 1957 zum Bestseller entwickelte und wohl als eines der bekanntesten Prosawerke Max Frischs gilt. Der Roman wurde vielfach übersetzt und sowohl in literaturwissenschaftlichen Untersuchungen als auch im Schulunterricht häufig behandelt. Vielleicht ist er daher manchem ehemaligen Schüler doch eher verhasst. Die Verfilmung des Romans von Volker Schlöndorff kam übrigens 1991 nur wenige Tage nach dem Tod Max Frischs in die Kinos und wird am kommenden Sonntag, den 22.05., um 20 Uhr 15 auf Arte im Fernsehen gezeigt.


Homo Faber (1991) Movie Teaser

Walter Faber, der Protagonist des Romans, ist wie Max Frisch ein Weltbürger. Als Ingenieur kommt er viel herum und lässt sich sogar für einige Zeit in New York nieder. Sein Verhältnis zu den US-Amerikanern ist aber gespalten. Es geht ihm wie es vielen Europäern geht. In diesem Blog ist der American Way of Life schon mehrmals diskutiert worden. In dem Beitrag Profaner Jesus und profaner Teufel schrieb ich (weiter unten) u.a.:

Und so ist nach meiner Sicht vieles in Amerika religiös verbrämt (bemäntelt, ‚verziert’, ausgeschmückt). Ist Gott mit dir, dann wird sich das auch in deiner steilen beruflichen bzw. geschäftlichen Karriere zeigen. Daraus lässt sich eine Selbstherrlichkeit vieler Amerikaner ableiten, die sicherlich nicht nur mich abstößt.

Und die USA als Weltpolizei haben wir erst jetzt wieder mit der Liquidierung von Osama bin Laden erlebt. In vielen Bereichen sprechen wir von Amerikanisierung, wenn wir erleben, wie vieles gewissermaßen ‚einem niedrigen Niveau’ angepasst wird, sei es bei Film und Fernsehen oder beim Essen. Vieles lässt sich mit dem Wort ‚Fast’ (schnell) verbinden, nicht nur ‚Fast Food’.

Natürlich enthält das Bild des US-Amerikaners, das wir uns machen, viele Klischees. Sowenig wie wir Deutschen in Lederhosen herumlaufen, sowenig laufen die Amerikaner typisch im Cowboy-Outfit herum. Die Frage stellt sich, woher die Klischees (die sicherlich immer auch etwas Wahrheit enthalten) kommen? Max Frisch lässt in dem Roman „Homo faber“ seinen Titelhelden sich dazu entließen, „anders zu leben -“. Es meint es als Abkehr vom US-amerikanischen Lebensstil, dem zitierten American Way of Life. Was Frisch dann dazu schreibt, man bedenke es, ist vor über 50 Jahren geschrieben und ist natürlich ironisch überzogen, trotzdem – wie ich finde – sehr interessant. Sicherlich ist mein Bild vom Amerikaner auch von Max Frisch (und von Martin Walser) geprägt. Frisch schreibt zum American Way of Life:

„Schon was sie essen und trinken, diese Bleichlinge, die nicht wissen, was Wein ist, diese Vitamin-Fresser, die kalten Tee trinken und Watte kauen und nicht wissen, was Brot ist, dieses Coca-Cola-Volk, das ich nicht mehr ausstehen kann.“ (S. 175 – Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge – 1957-1963 – Band IV.1 – Suhrkamp Verlag – 1. Auflage 1976)

„Schon ihre Häßlichkeit, verglichen mit Menschen wie hier: ihre rosige Bratwurst-Haut, gräßlich, sie leben, weil es Penicillin gibt, das ist alles, ihr Getue dabei, als wären sie glücklich, weil Amerikaner, weil ohne Hemmungen , dabei sind sie nur schlaksig und laut – … – wie sie herumstehen, ihre linke Hand in der Hosentasche, ihre Schulter an die Wand gelehnt, ihr Glas in der andern Hand, ungezwungen, die Schutzherren der Menschheit, ihr Schulterklopfen, ihr Optimismus, bis sie besoffen sind, dann Heulkrampf, Ausverkauf der weißen Rasse, ihr Vakuum zwischen den Lenden. …“

„Was Amerika zu bieten hat: Komfort, die beste Installation der Welt, ready for use, die Welt als amerikanisiertes Vakuum, wo sie hinkommen, alles wird Highway, die Welt als Plakat-Wand zu beiden Seiten, ihre Städte, die keine sind, Illumination, am andern Morgen sieht man die leeren Gerüste, Klimbim, infantil, Reklame für Optimismus als Neon-Tapete vor der Nacht und vor dem Tod – …“

„Noch im Badkleid sieht man ihnen an, daß sie Dollar haben; ihre Stimmen …, nicht auszuhalten, ihre Gummi-Stimmen überall, Wohlstand-Plebs. …“

„… ihre falsche Gesundheit, ihre falsche Jugendlichkeit, ihre Weiber, die nicht zugeben können, daß sie älter werden, ihre Kosmetik noch an der Leiche, überhaupt ihr pornografisches Verhältnis zum Tod, ihr Präsident, der auf jeder Titelseite lachen muß wie ein rosiges Baby, sonst wählen sie ihn nicht wieder, ihre obszöne Jugendlichkeit -“ (S. 176/177)

Zum Roman „Homo faber“ in den nächsten Tagen in diesem Blog noch etwas mehr. Ansonsten siehe hier: Literatur von Max Frisch

Vergessene Stücke (8): Franz Xaver Kroetz – Nicht Fisch Nicht Fleisch

Franz Xaver Kroetz (* 25. Februar 1946 in München) ist ein deutscher Regisseur, Schriftsteller, Theaterautor und Schauspieler. Den meisten dürfte er dabei nur als Schauspieler durch seine Rolle als Klatschreporter Baby Schimmerlos in der Fernsehserie Kir Royal bekannt geworden sein. Das Theaterpublikum dürfte sich an das Stück „Nicht Fisch nicht Fleisch“, Stück in 3 Akten unter der Regie von Volker Hesse – Uraufführung im Düsseldorfer Schauspielhaus am 31. Mai 1981, erinnern.

Mir liegt dieses Stück als Münchner Fassung (Mitarbeit A. Weinert-Purucker) in einem Band mit verschiedenen Theaterstücken (suhrkamp taschenbuch 1190 – 1. Auflage 1985) Theater heute vor.

„Protagonisten sind zwei Ehepaare, >kleine Leute<, deren bedrückende Lage in einer von Ausbeutung und Brutalität geprägten Arbeitswelt vor Augen geführt wird. Ausbruchsversuche scheitern. In den Dialogen enthüllt sich der Widerspruch zwischen eingebildeter und tatsächlicher Situation. Die Wahrnehmung dieses Widerspruchs löst Existenzangst aus.“ (Quelle. www.wissen.de)

Personen:

Helga, fesche, rundliche Dreißigerin
Emmi, Gleiches Alter, weniger rund, etwas größer, dunkler
Hermann Zwiebel, Helgas Mann, schlank und unruhig
Edgar Schuster, kleiner, mit Bäuchlein, recht gepflegt, Emmis Mann
Die beiden Kinder von Helga und Hermann, die aber nicht auftreten müssen

Zeit und Ort: Das Stück spielt 1980 in München.

Bühnenbild: Zwei räumlich gleiche Wohnungen übereinander, natürlich unterschiedlich eingerichtet.

„Das Stück ‚Nicht Fisch, nicht Fleisch’ von Franz Xaver Kroetz hat bis heute nichts an seiner Aktualität verloren: Erfolg und Karriere im Job werden immer wichtiger. Das Privatleben verschmilzt entweder mit der Arbeit oder bleibt zurück.

‚Deine scheiß Firma regiert mir ins Bett hinein’: Mit deftigen Ausdrücken wirft Franz Xaver Kroetz zwei Ehepaare zwischen die Fronten von Privatleben und Arbeitswelt und lässt sie zu Grunde gehen. Das Grundthema des Stückes wird gleich in der ersten Szene zum Ausdruck gebracht: ‚Erst die Arbeit macht den Menschen, ob Mann oder Frau’. In teils heftigen Dialogen zwischen den befreundeten Ehepaaren Zwiebel und Schuster sieht der Zuschauer, wie die Arbeit sie verändert. Der Hausfrieden und die Integrität der Charaktere wird Stück für Stück abmontiert. Schließlich greift die Karriere sogar ins Sexualleben ein. Was übrig bleibt, ist der Wunsch nach Freiheit in den entfremdeten Köpfen. In der Realität existiert diese Freiheit aber nicht. Das Ende ist frustrierend und ohne Erfüllung.“ (Quelle: www.rosenheimer-nachrichten.de)

Da das Stück in München spielt, benutzt Kroetz auch die Mundart der Münchener Menschen. Aber keine Angst, auch wir Nordlichter verstehen den Text ohne Probleme. Kroetz schreibt dazu: „Dialekte sind Ausdruck von Arbeit, Landschaft und Gesellschaft. Dialekte sind Verhaltensweisen in der Sprache. Das muß erdacht und ausgearbeitet werden, unreflektierte Dialektaneignung führt schnurstracks in den Naturalismus, den Dialekt ästhetisieren in den Dilettantismus.“

Thema des Stücks ist das Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen und welche Auswirkungen das auf das Leben der Betroffenen hat. Es endet symbolträchtig mit zwei jammernden, jämmerlichen Männern, die reumütig in die warme Wohnküche zu ihren Frauen kriechen. Stöhnend und furzend der eine: Kollegen haben ihm, seiner Agitation überdrüssig, das Gedärm mit einer Fahrradpumpe aufgeblasen. Klappernd und frierend der andere: wie ein begossener Pudel ist er zurück nach Hause gekommen, nachdem er sich, auf verzweifelter Flucht in einer Wahn-Welt, in die Abwässer der Isar gestürzt hatte. Erniedrigung, Flucht und Leiden werden von den Ehefrauen der beiden mit heißem Tee und heißer Suppe behandelt und gelindert.

Kroetz beweist mit dieser Geschichte aus der Ehe- und Arbeitswelt, dass er die sozialen Bedingungen sehr genau kennt und das Ohr für die Sprache seiner Figuren hat, die er weder hochnäsig denunziert noch mit falschem Mitleid überhäuft.

„Nicht Fisch nicht Fleisch“ ist ein Vierpersonenstück und zeigt uns den Alltag zweier Maschinensetzer. Der eine, Edgar, ist mit einer berufstätigen, ehrgeizigen Frau, Emmi, verheiratet, die (noch) keine Kinder will, weil sie sich in ihrem Supermarkt zur Filialleiterin hochzuarbeiten hofft. Der andere, Hermann, politisch aktiver und daher schon einmal wegen „Störung des Arbeitsfriedens“ entlassen, wird von seiner Frau Helga mit Kindern gesegnet.

Dann kommt es in ihrem Druckereibetrieb zu einer Fusion, die Modernisierungsmaßnahmen zur Folge hat. Der alte Bleisatz soll durch Photosatz ersetzt werden. Edgar kommt damit überhaupt nicht klar. Er möchte sich nicht zu einer Art besserer Stenotypist degradieren lassen. Kroetz hat hier das Thema eines Druckerstreiks, den Kampf der Setzer und Drucker gegen die Wegrationalisierung ihrer Arbeitsplätze aufgegriffen. Er artikuliert die Ängste der Arbeitnehmer, die als schwelende Seuche durch die moderne Arbeitswelt ziehen, das Sterben alter Handwerksberufe, das bestenfalls noch dadurch kaschiert wird, dass man den „Heizer auf der Elektrolok“ durch gewerkschaftlichen Druck eine Übergangsfrist gewährt.

Unsere Berufswelt ist zwar längst von Maschinen, von Rechnern vereinnahmt. Aber das Stück bleibt trotzdem zeitgemäß. Auch heute noch spielen Rationalisierungsmaßnahme eine große Rolle. Spätestens mit dem Niedergang der sozialistischen Staaten rückte Gewinnmaximierung gänzlich unverhohlen bei den Unternehmen in den Vordergrund. Der Mensch ist nur noch eine ‚humane Ressource’, Humankapital in den Augen der Ökonomen. Ängste der Arbeitnehmer finden da keine Berücksichtigung und zeigen sich in einer Zunahme psychischer Erkrankungen. Oder wie oben bereits geschrieben: Erfolg und Karriere im Job werden immer wichtiger. Das Privatleben verschmilzt entweder mit der Arbeit oder bleibt zurück.

Stücke von Franz Xaver Kroetz

Vergessene Stücke (7): Thomas Brasch – Mercedes

Thomas Brasch (* 19. Februar 1945 in Westow/Yorkshire; † 3. November 2001 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller, Dramatiker, Drehbuchautor, Regisseur und Lyriker. Sein Theaterstück Mercedes – Für Caspar L – wurde am 07.11.1983 in der Regie von Matthias Langhoff am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt.

„‚Mercedes’ – symbolträchtiges Auto und Name der heiligen Maria von der Gnade der Gefangenenbefreiung. Das Stück des vielseitigen und experimentierfreudigen Autors Thomas Brasch (1945 – 2001) oszilliert zwischen Irrsinn und Groteske, Traum und Trauma, Poesie und Klamauk, Drogenwahn und Alltag, Diesseits und Jenseits, Oi und Sakko, Mercedes und Mercedes. Von ‚A’ wie ‚Arbeit’ bis ‚Z’ wie ‚Zuni-Indianer’: ‚Mercedes’ ist ein Verwirr- und Assoziationsspiel über den alltäglichen Wahnsinn.“ (Quelle: www.theaterportal.de)

Personen:
Oi (sie) und Sakko (er), eine Zufallsbekanntschaft, sie Gelegenheitsnutte, er arbeitslos, sind die »Versuchspersonen«.
Mann im Auto

Das Stück spielt an keinem bestimmten Ort und entwickelt keine Handlung.
Ein Stück über freie Zeit, unsere Zeit und Arbeitslosigkeit.


MERCEDES VON THOMAS BRASCH

Ratlos die Worte, die sie einander wechseln, leer die Gedanken, die sie einander verschweigen … und erkennen einander nicht mehr … nennen Datura das Kraut oder Stechapfel, das ihnen schafft eine andre Zeit

(in: 6 Zeitverschiebung – S. 233 – Ausgabe: Theater heute – suhrkamp taschenbuch 1190 – 1. Auflage 1985)

Das Stück ist experimentell und zeitgebunden. Wir begegnen einem jungen, arbeitslosen Paar in der achtziger Jahren, der Zeit des Punk und von No Future. Brasch bereitet diese Zeit sehr symbollästig auf, wobei der ‚Mercedes’ als Statussymbol für Reichtum steht, anstößig und zur Gewalt herausfordernd. Das Experiment erfolgt in verschiedenen Versuchsreihen, in denen das Paar, Sakko und Oi, die Versuchspersonen sind:

„Ein Mann und eine Frau begegnen sich auf der Straße. Sie sind arbeitslos, sie haben viel Zeit – zum Beispiel, um sich füreinander zu interessieren. Aber das Gespräch kommt nur schwer über den Austausch von angeödeten No-Future-Parolen hinaus. Über sich wirklich reden können sie nur, wenn sie sich andere Rollen vorspielen, ein anderes Leben zusammenphantasieren. Der Mann, der sich Sakko nennt, träumt sich zurück in sein Funktionieren in der Arbeit, in der er gebraucht wurde und seinen Platz hatte. Die Frau, die sich Oi nennt, setzt ihre Sehnsucht um in anarchische, vielleicht kriminelle Energie. Fast sieht es so aus, als gelänge es ihr, Sakko anzustecken; fast sieht es so aus, als würde auf dem Umweg über das immer enthemmtere Spiel für die zwei gestrandeten Einzelnen etwas möglich, was in der stupiden Realität nicht zustande kommt: Nähe.“ (Quelle: theatertexte.de)

Gedichte, Stücke und mehr von Thomas Brasch

Vergessene Stücke (6): Edward Bond – Sommer

Edward Bond (* 18. Juli 1934 in London) ist ein englischer Dramatiker. Sein 1982 veröffentlichte Stück „Summer“, zu Deutsch: „Sommer“, wurde 1983 an den Münchner Kammerspielen in der Regie von Luc Bondy in deutscher Erstaufführung auf die Bühne gebracht. Die deutsche Übersetzung ist von Christian Enzensberger. Mir liegt „Sommer“ in einem Band mit verschiedenen Theaterstücken (suhrkamp taschenbuch 1190 – 1. Auflage 1985) Theater heute vor.

Stücke von Edward Bond

Edward Bond nennt sein Stück „Sommer“ im Untertitel ein europäisches Stück und sagt, er schreibe nicht über einen Deutschen (der in dem Stück von den Gräueln der Vergangenheit berichtet, als beschreibe er einen Sonntagsausflug), sondern er schreibe über das Böse als etwas ganz Banales. Hat er recht, wenn er hinzufügt, dieser Typ des Alltagstäters sei die zentrale Figur unseres Jahrhunderts? Der Typ des Handlangers, den man gebrauchen kann, einer, der nur seine Pflicht tut, wie es auch Eichmann von sich behauptet hat? (Vergleiche hier auch meinen Beitrag Bestie Mensch, auf den ich in den letzten Beiträgen schon öfter zu sprechen gekommen bin).

Personen:

Marthe (Mutter von D.)
Xenia (Mutter von A.)
Ann
David (Arzt)
Deutscher
Stimmen von draußen

Zeit: Gegenwart (1980)

Ort: Osteuropa (dürfte sich um Jugoslawien handeln)
Terrasse eines in den Fels gebauten Hauses mit Blick auf das Meer. Vorn rechts eine Tür zur Straße hinaus. Hinten rechts eine Tür zum höher gelegenen Teil des Hauses. In der Rückwand links eine Tür zu einem Zimmer. Links ein Geländer vor dem Meer.

Marthe ist an Lymphdrüsenkrebs erkrankt. Auch ihr Sohn, der Arzt ist, kann ihr nicht mehr helfen. Beide werden von Xenia und deren Tochter aus London besucht, um in dem Haus Urlaub zu machen. Früher gehörte das Haus am Meer Xenias Vater, dem reichen Fabrik- und Landbesitzer. Dieser wurde nach dem Krieg enteignet und inhaftiert. Xenia verheiratete sich nach London. Seit Jahrzehnten lebt Marthe wie selbstverständlich in dem Haus. Sie war früher Dienstmädchen bei Xenias Eltern. Während des Krieges gingen deutsche Offizier in dem Haus aus und ein. Eine dem Festland vorgelagerte Insel war von den Deutschen für ihre Erschießungen gepachtet.

Nach dem Tod eines deutschen Offiziers und dessen Fahrer durch Partisanen, werden viele Einwohner des Ortes verhaftet und auf der Insel hingerichtet. Auch Marthe wird verhaftet, kommt aber durch die Intervention von Xenia wieder frei. Trotzdem verrät Marthe nach dem Krieg Xenias Vater, der in Haft nach zwei Jahren Zwangsarbeit stirbt.

Vierzig Jahre später also besucht Xenia wiederholt das alte Elternhaus mit ihrer Tochter Ann. Diese hatte schon bei einer früheren Reise ein Verhältnis mit Marthes Sohn David. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung zwischen der todkranken Marthe und Xenia. Für Marthe ist Xenia die Vertreterin der Ausbeuter geblieben, die zwar freundlich, aber ungerecht sind:

MARTHE: … Noch soviel Freundlichkeit reicht nicht aus, um die Welt menschlich zu machen. … (S. 198) … In eurer Welt hat das Gute Böses angerichtet.Die Soldaten auf der Insel konnten sich kaum damit entschuldigen, daß sie das Blut, das sie vergossen, nicht gesehen hätten. Mit euch stand es schlimmer. Ihr hattet für alles die beste Entschuldigung: eure Hände waren sauber! … (S.199) – und:

MARTHE [zu Xenia]: … Wer deine Familie geachtet und geliebt hat, den hat sie dazu gebracht, Freundlichkeit mit Gerechtigkeit zu verwechseln. Dasa verdirbt. Man kann ohne Freundlichkeit leben, aber nicht ohne Gerechtigkeit – oder den Kampf um sie. Wer das versucht, ist verrückt. … (S. 173)

Dem weiß Xenia nur zu entgegnen:

XENIA (über ihren Vater): … er hat sich seine Wiege nicht ausgesucht. Er hat sich benommen wie jeder andere in seiner Stellung. Jemand muß dafür sorgen, daß die Welt funktioniert. [zu Marthe] Wenn ihr es besser könnt, gut. … (S. 180)

Es ist ein alter Konflikt, der hier zum letzten Mal ausbricht. Marthe, die mit dem Leben abgeschlossen hat, die daher eigentlich keinen Streit sucht und ihren Sohn durchaus gern mit Ann zusammen sieht – in ihr ist dennoch tief innen das Gefühl ihrer sozialen Demütigung vorhanden. Und daher – von Xenia herausgefordert – spuckt sie ihre Verachtung dieser ins Gesicht.

Bei einem Besuch der angesprochenen Insel begegnet Xenia einem deutschen Urlauber, gewissermaßen einen Kronzeugen des Kriegsgeschehens, den es noch einmal an den Ort seiner „Heldentaten“ zurückgezogen hat. Dieser berichtet auf sehr naive Weise von den Gräueln der Vergangenheit, als beschreibe er einen Sonntagsausflug.

Zuletzt spielt natürlich der Tod eine Rolle. DAVID [zu Marthe]: … Du mußt mit dem Tod einverstanden sein. Sonst kannst du nicht in Frieden sterben. (: 169)

Diese resümiert in einem letzten Gespräch mit Ann:

MARTHE: Was ist nutzloser als der Tod? Ein Leben ohne Tod – wenn es das gäbe. Wie könntest du etwas schön finden, was du ewig anschaust? Er würde dir über. Wozu einander lieben, wenn es ewig dauerte? Wenn ich euch tausendmal verziehen hätte, bekämt ihr das Verzeihen satt. Ihr wärt es müde, die Leute auszuwechseln, die ihr liebt. (S. 205)

Marthe scheint ihren Frieden gefunden zu haben und mit ihre letzten Worte eignen sich für so manches Poesiealbum (oder auch als Lebensmotto):

MARTHE (zu Ann): Laß dich nicht vom Blitz erschlagen und den Wahnsinnigen nicht dein Haus anzünden. Ergib dich nicht deinen Feinden und übergehe keinen in der Not. Kämpfe. … (S. 206)

Ich gestehe, dass ich den Konflikt der beiden Frauen, besonders nach so vielen Jahren, nicht ganz nachvollziehen kann. Aber die menschliche Seele ist tief und von so manchem Ressentiment vergiftet. Das brodelt über lange Zeit. Auch vermag ich nicht so recht zu beurteilen, ob die Aussagen des deutschen Urlaubers realistisch sind. Wer gibt sich vor Fremden so bloß. Aber auch hier sorgt sicherlich das Unterbewusstsein vor – und verharmlost selbst die schlimmsten Gräueltaten. Natürlich ist das Stück thematisch veraltet. Weitere dreißig Jahre sind ins Land gestrichen – und nicht nur Marthe im Stück, sondern auch fast alle anderen der früheren Kontrahenten dürften gestorben sein. Aber das Böse und der Typ des Handlangers des Bösen, den man für die Schmutzarbeiten gebrauchen kann, sind gegenwärtig wie selten zuvor.

Vergessene Stücke (5): Thomas Bernhard – Vor dem Ruhestand

Niclaas Thomas Bernhard (* 9. Februar 1931 in Heerlen, Niederlande; † 12. Februar 1989 in Gmunden, Österreich) war ein österreichischer Schriftsteller. Er zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Stücke von Thomas Bernhard). Vor dem Ruhestand ist ein Theaterstück, das am 29. Juni 1979 im Württembergischen Staatstheater Stuttgart uraufgeführt wurde.

“Vor dem Ruhestand” habe ich in einem Band mit verschiedenen Theaterstücken (suhrkamp taschenbuch 1190 – 1. Auflage 1985) Theater heute vorliegen. Anlass für das Stücks war die damalige Filbinger-Affäre in der BRD und die Auseinandersetzung zwischen dem Regisseur Claus Peymann und dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger, der aufgrund seiner nationalsozialistischen Vergangenheit als Marinestabsrichter zum Rücktritt gezwungen wurde.

Personen:

Rudolf Höller, Gerichtspräsident und ehemaliger SS-Offizier (Obersturmbannführer)
Clara (im Rollstuhl), seine Schwester
Vera, seine Schwester

Ort: Im Haus des Gerichtspräsidenten Höller

Der Untertitel zu dem Stück lautet „Eine Komödie von deutscher Seele“ und verbindet Tragödie und Komödie auf sehr sarkastische Weise. Dem Zuschauer bzw. Leser bleibt dabei das Lachen im Halse stecken. Inhaltlich geht es um eine Familie (Bruder mit zwei Schwestern), in der die nationalsozialistischen Ideen noch höchst lebendig sind. Am Abend des 7. Oktober jedes Jahr feiert man Heinrich Himmlers Geburtstag,

Der Bruder, ehemaliger SS-Offizier und jetzt Gerichtspräsident, steht kurz vor seiner Pensionierung. Das Theaterpublikum darf sowohl den Vorbereitungen für das Fest als auch diesem selbst zuschauen. Am Ende des Stücks stirbt der von nationalsozialistischem Wahn ergriffene Rudolf an einem Herzkollaps.

VERA … Wir können nicht anders
wir belügen uns
aber wie schön ist letztenendes das
was wir tun
indem wir es spielen
und das was wir spielen
indem wir es tun

(S. 58)

Wir haben unser Theaterstück eingeübt
seit drei Jahrzehnten sind die Rollen verteilt
jeder hat seinen Part
abstoßend und gefährlich
jeder hat sein Kostüm
wehe wenn der eine in das Kostüm des andern schlüpft.
Wann der Vorhang zugemacht wird
bestimmen wir drei zusammen
Keiner von uns hat das Recht
Den Vorhang zuzuziehen wann es ihm paßt

(S. 59f.)

CLARA ist infolge eines amerikanischen Bombenangriffs querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Sie hasst ihre Geschwister, ist aber auf sie angewiesen und kann deshalb nicht davonlaufen:

CLARA … unter eueren Händen ist die Musik
immer etwas Entsetzliches geworden
Wenn der Vater Gedichte vorgelesen hat
war es das Entsetzlichste das man sich vorstellen kann
ihr habt euch so oft an Musik vergriffen
an Dichtung an Poesie
ihr habt sie immer mißbraucht die Kunst …

(S. 64)

Erstaunlich ist es zu erfahren, wie gesellig, wie kultiviert sich die Bestie Mensch immer wieder präsentiert. Diese empfindet sich selbst als Opfer der ‚niedrigeren Kreatur’, der man nur durch ‚Ausrottung’ Herr werden kann.

RUDOLF [schildert einen Prozess] …Du hättest diese Kreatur sehen sollen
beim Lokalaugenschein
kalt bis ins Mark
zynisch
vollkommen gleichgültig gegenüber seinem Opfer
einen Menschen umbringen wegen Viertausend
aber die sind alle gleich
das hat es zu unserer Zeit nicht gegeben
solche Elemente hat es ganz einfach nicht gegeben
sie sind gar nicht erst aufgekommen
jede Verhandlung eröffnet den Blick in eine menschliche Kloake …

(S. 106)

Halldór Laxness: Sein eigener Herr

„Bjartur hat achtzehn Jahre lang als Knecht geschuftet, um eines Tages seinen eigenen Hof zu besitzen. Sumarhus nennt er sein kümmerliches Anwesen, das abseits im unwirtlichen Heideland liegt. Bjartur ist entschlossen, ein freier und unabhängiger Mensch zu sein, sein eigener Herr – diesem Ziel opfert er Glück und Gesundheit seiner Familie. Starrköpfig verschuldet er den Tod seiner Frau, und auch seine zweite Frau unterliegt in dem bitterem Überlebenskampf.

Nach vielen mageren und wenigen guten Jahren ist Bjartur schließlich gezwungen, Sumarhus zur Versteigerung freizugeben. Doch er resigniert nicht. Mit seiner geliebten Stieftochter Asta Sollilja bricht er zu noch ferneren Regionen auf, um von neuem einen eigenen Hof aufzubauen. …“
(aus dem Umschlagtext)

Halldór Laxness (1902-1998), eigentlich Halldór Guðjónsson, ist wohl Islands bekanntester Schriftsteller. Den Nachnamen Laxness nahm er nach dem Hof Laxnes (dt. „Lachshalbinsel“) bei Mosfellsbær an, wo er aufgewachsen war. Mit Sein eigener Herr (Originaltitel: „Sjálfstætt fólk“ – zu Deutsch: „selbständige Leute“) schrieb er in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts einen Bauernroman der besonderen Art.

„Bei seinem ersten Erscheinen Mitte der dreißiger Jahre rief das Buch eine Welle der Empörung unter den Isländern hervor. Man war Bücher über das Leben auf dem Lande gewöhnt, doch in diesen Romanen, Erzählungen und Gedichten wurde der Bauernstand verherrlicht, der harte Überlebenskampf des einzelnen Bauern entweder zur Idylle oder zum Heldenleben stilisiert; daß viele Kleinbauern unter erbärmlichsten Bedingungen dahinvegetierten, wollte man nicht wahrhaben. …

In der Erstausgabe von 1934-35 trug der Roman den Untertitel ‚Hetjusaga’ das heißt ‚Geschichte eines Helden’. Nicht nur der Titel „Sjálfstætt fólk“, sondern auch der ursprüngliche Untertitel des Romans drücken also die Ironie aus, die das Buch selbst kennzeichnet.“
(aus dem Nachwort von Hubert Seelow zur Ausgabe im Steidl Verlag – Göttingen – 2009)

Bjartur, der Held des Romans, ist ein eigensinniger, geradezu starrköpfiger Talbauer, der nur eines sein will: frei und unabhängig. Erst zuletzt erkennt er: „Die Geschichte von Bjartur in Sumarhus ist die Geschichte eines Mannes, der sein Leben lang, Tag und Nacht, den Acker seines Feindes säte.“ (Steidl taschenbuch 225 – Steidl Verlag, Göttingen – 2009 – 9. Auflage – S. 555). Aber selbst da resigniert er nicht und wag den Neubeginn, denn: „Zwangsversteigerung. … Er sagte nichts. Es war nie seine Gewohnheit, dem nachzutrauern, was er verloren hatte; er schleppte seinen Kummer nicht mit sich herum, das war am besten. Lieber sollte man mit dem zufrieden sein, was man noch besaß, nachdem man verloren hatte, was man besessen hatte, …“ (S. 530)

Im Mittelpunkt des Roman stehen folgende Personen:

Bjartur in Sumarhus (‚Sommerhaus’), eigentlich Gudbjartur Jonsson

(isländische Namensgebung: Vorname als wichtigster Teil des Namen und Vatersnamen, einen Nachnamen kennt man nicht – früher, wie hier und wie es Laxness für sich selbst wählte, benutze man Vornamen mit Herkunftsbeschreibung, hier: in – oder auch: auf Sumarhus)

– 1. Frau Rosa (Vater Thordur bzw. Þordur in Nidurkot) , eigentlich Rosa Þordursdottir
– dessen Tochter Asta Sollilja, genannt Sola (Stieftochter Bjarturs – eigentlicher Vater ist Ingolfur Arnarson Jonsson)

– 2. Frau Finna (Vater: Thorarinn bzw. Þorarinn auf Urdarsel/Sandgilsheide bzw. Urðarsel, wo sich Bjartur zuletzt niederlässt), eigentlich Finna Þorarinnsdottir
– ihre Mutter Hallbera, genannt Bera

gemeinsame Söhne mit Bjartur:
Helgi
Gvendur (eigentlich Gudmundur bzw. Guðmundur)
Nonni (eigentlich Jon) (einige Kapitel sind aus seiner Sicht geschrieben)

Die Leute von Utiraudsmyri, auch Raudsmyri oder nur Myri genannt
Ingolfur Arnarson Jonsson, „Ziehbruder“ von Bjartur

Benachbarte Bauern (und Freunde), mit denen Bjartur bei Kaffee und Kuchen lange wirklich köstlich philosophische Gespräche führt (Kaffee ist gewissermaßen das Nationalgetränk Islands, nichts geht ohne Kaffee – und so ist es heute noch in Restaurant, Cafes usw. Brauch, eine zweite Tasse Kaffee umsonst zu bekommen):

Thorir (Þorir) auf Gilteigur
Olafur in Ystidalur (Ystiðalur)
Einar in (oder auf) Undirhlid (Unðirhlid)
Hrollaugur auf Keldur (Kelður)

Einiges zum Inhalt: Obwohl Asta Sollilja, genannt Sola, nicht die Tochter von Bjartur ist, liebt er sich innig. Aber in seiner Starrköpfigkeit verstößt er sie, als sie in jungen Jahren schwanger wird. Die von ihr geborene Tochter bekommt den Namen Björt, was die weibliche Form von Bjartur ist. Sola zeigt sich ebenso starrköpfig wie ihr Stiefvater. Beide gehen sich jahrelang aus dem Weg. Der Roman endet aber versöhnlich. Als Bjarturs Hof versteigert wird, mach er sich wieder auf den Weg – und macht einen Umweg, um Sola, die inzwischen schwer lungenkrank ist, bei sich aufzunehmen. Das weitere Ende bleibt offen …

Der Roman spielt auf einem Gehöft namens Sumarhus (‚Sommerhaus’), das früher einmal Albogastadir auf der Heide und zuletzt Veturhus (‚Winterhaus’) hieß, um die Zeit des Ersten Weltkrieges. Auf dem Hof lastet ein alter Fluch, denn vor vielen Jahren trieb die Hexe Gunnvör bzw. Gudvör (oder auch Guðvör) hier im Namen von Kolumkilli, dem Iren und großen Geisterbeschwörer, der in der ersten Zeit des Papsttums von den Britischen Inseln nach Island gesegelt kam, ihr Unwesen. Das Gehöft liegt bei der Ortschaft Utiraudsmyri, umgeben von den Blauen Bergen (isländisch: Bláfjöll), die liegen etwa 20 km südwestlich von Reykjavík.

Im Roman finden sich wieder viele Bezüge zu alten isländischen Sagas (zuletzt heißt es auf Seite 549: Grettir Asmundarson war neunzehn Jahre lang ein friedloser Geächteter in den Gebirgen Islands, bis er auf der Insel Grangey erschlagen wurde; dennoch wurde für ihn in Konstantinopel, der größten Stadt der Welt, Rache genommen. Vielleicht werde auch ich [Bjartur] im Lauf der Zeiten gerächt. …“), es hat viele leise, sehr lyrische Passagen. Aber er ist auch eine unverhohlene Kritik an den sozialen Missständen früherer Jahre. Selbst als der Staat die Bauernschaft unterstützt, so kommt dies nur den Großbauern zugute, nicht Bauern wie Bjartur, die zudem die Zeche zu bezahlen haben. Im Mittelpunkt dieser Politik steht Ingolfur Arnarson Jonsson, eigentlicher Vater von Asta Sollilja, Sohn des Gemeindevorstehers und Ziehbruder Bjarturs (der Knecht auf dem Hof des Gemeindevorstehers war), der zunächst in den Althing, dem isländischen Parlament, gewählt wird und später – fiktiv – zum Ministerpräsidenten Islands (seine beiden Vornamen beziehen sich auf Ingólfur Arnarson, mit dem offiziell die sogenannte Landnahme Islands (zwischen 870 und 930) begann und der als Gründer der isländischen Hauptstadt Reykjavík gilt).

„Sein eigener Herr“ ist ein herrlich altmodischer Roman. Bemerkenswert sind die bissigen Dialoge, die Bjartur mit dem Gemeindevorsteher und all den anderen führt. Allein diese sind des Lesens wert. Und bei all den Nackenschlägen, die die Protagonisten einstecken müssen, bleibt immer ein letztes Fünklein Hoffnung. Wie heißt es u.a. im Roman:

Das merkwürdigste an den Träumen des Menschen ist, daß sie alle in Erfüllung gehen; das ist von jeher so gewesen, auch wenn die Menschen es nicht wahrhaben wollen. Und es ist typisch für das Verhalten des Menschen, daß er durchaus nicht erstaunt ist, wenn seine Träume in Erfüllung gehen; es ist, als ob er von jeher damit gerechnet hat. Bestimmung und Endpunkt sind Geschwister, die beide im selben Herzen schlummern. (S. 414)

Wie verabschiedet man sich auf Island? Sæl og blessuð! Glück und Segen!

Literatur in Steidl Verlag (der u.a. auch Günter Grass verlegt) von Halldór Laxness

siehe auch:
Halldór Laxness: Islandglocke
Halldór Laxness: Am Gletscher

Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein

Neben Homo faber und Stiller ist „Mein Name sei Gantenbein“ wohl der bekannteste Roman des Schweizers Max Frisch, der lange Zeit auch als Architekt gearbeitet hatte und besonders durch seine Theaterstücke wie Andorra bekannt wurde. Max Frisch starb am 4. April 1991, also vor 20 Jahren in Zürich, wo er auch geboren wurde.

„Frisch greift in Mein Name sei Gantenbein mit der Frage nach der Identität eines Menschen und seiner sozialen Rolle ein Hauptthema seines Werkes auf. Der Erzähler erfindet sich nach einer gescheiterten Beziehung wechselnde Identitäten, um der eigenen Erfahrung aus unterschiedlichen Blickwinkeln nachzuspüren. Der spielerische Umgang mit Biografien und Fiktionen folgt dem Motto ‚Ich probiere Geschichten an wie Kleider’ (S. 22 – Gesammelte Werke in zeitlicher Folge – 1964-1967 – Band V.1 – Suhrkamp Verlag – 1. Auflage 1976) und findet in einer literarischen Montage kurzer Erzählabschnitte seine formale Umsetzung.“

Der Inhalt des Romans lässt sich (wie von Max Frisch geschrieben) in wenige Sätze fassen:

„Ein Mann liebt eine Frau“; sagt er, „diese Frau liebt einen andern Mann“, sagt er, „der erste Mann liebt eine andere Frau, die wiederum von einem andern Mann geliebt wird“, sagt er und kommt zum Schluß, „eine durchaus alltägliche Geschichte, die nach allen Seiten auseinander geht -“
Ich nicke.
„Warum sagen Sie nicht klipp und klar“, fragt er mit einem letzten Rest von Geduld, „welcher von den beiden Herren Sie selbst sind?“
(S. 313)

Da gibt es zunächst den Herrn Felix Enderlin. Und dann einen Herrn namens Theo Gantenbein. Beide sind Erfindungen eines Erzählers. Gantenbein droht nach einem Autounfall zu erblinden. Als ihm der Verband abgenommen wird, kann er sehen, doch er spielt nun die Rolle des Blinden. Felix Enderlin, der überraschend einen Ruf nach Harvard erhält, glaubt, todkrank zu sein. Er ist unfähig, eine Rolle zu spielen, und fürchtet nichts mehr als Wiederholung und Monotonie.

„… jeder Ich, das sich ausspricht, ist eine Rolle-“. (S. 48) – „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält“. (S. 49) – … Sein Ich hatte sich verbraucht, das kann’s geben, und ein anderes fiel ihm nicht ein. … (S. 51)

Im Mittelpunkt des Romans steht der Mensch auf der Suche nach seiner wahren Identität. Ähnlich wie in „Stiller“ geht es um den Konflikt eines Menschen, der etwas anderes ist oder sein will, als er für andere zu sein scheint, um das ‘Bildnis’, das andere von uns machen. Es geht um die Erzählbarkeit des Lebens und um unsere Gier nach Geschichten.

Ein Man hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu – … und manchmal stellte ich mir vor, ein andrer habe genau die Geschichte meiner Erfahrung … (S. 11)

Das Erwachen (als wäre alles nicht geschehen!) erweist sich als Trug; es ist immer etwas geschehen, aber anders. (S. 313)

Oder etwas anders ausgedrückt: Langsam habe ich es satt, dieses Spiel, das ich nun kenne: handeln oder unterlassen, und in jedem Fall, ich weiß, ist es nur ein Teil meines Lebens, und den andern Teil muß ich mir vorstellen; Handlung und Unterlassung sind vertauschbar; manchmal handle ich bloß, weil die Unterlassung, genauso möglich, auch nichts ändert, daß die Zeit vergeht, daß ich älter werde … (S. 129)

Eine wichtige Einsicht, die wir aus dem Roman ziehen, spiegelt sich im folgenden Satz: Was überzeugt, sind nicht Leistungen, sondern die Rolle, die einer spielt. (S. 118) Besonders wenn wir Personen des öffentlichen Lebens betrachten, sehen wir nur Rollenspiele, Vorspiegelungen falscher Tatsachen (Geschichten). Leistungen (wenn es solche überhaupt gibt) überzeugen wenig.

Ziemlich am Schluss heißt es dann: Alles ist wie nicht geschehen … (S. 319) Das könnte heißen: Manches, was wir für unser wirkliches Leben gehalten haben, ist eigentlich nichts anderes als eine dieser Geschichten, ist diese Rolle, die wir anderen vorgespielt haben … Und dies alles ist in Wirklichkeit wie nicht geschehen, ist nicht unser wirkliches Sein.

Literatur von Max Frisch

Vergessene Stücke (4): Jean-Paul Sartre – Die ehrbare Dirne

In „Die ehrbare Dirne“ (auch: Die respektvolle Dirne – im Original: La Putain respectueuse), einem der aufsehenerregendsten Stücke der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, plädiert Sartre für soziale Gerechtigkeit. Durch Erpressung einer Dirne soll in einer Stadt des amerikanischen Südens die Mordtat eines Senatoren-Neffen einem Farbigen unterstellt werden. (Umschlagtext)

Personen:

Lizzie
Fred
Senator
Neger
John
James
Zwei Männer

Sartre ist neben seinen philosophischen Schriften besonders auch durch seine Dramen bekannt geworden. „Die ehrbare Dirne“ wurde bereits 1946 in Paris uraufgeführt und führt uns in den Süden Nordamerikas, wo die Oberen anhand von Geschlecht und Rasse bestimmen, wer zu ihnen gehört und wer Bürger zweiter oder ohne Klasse ist. Es herrscht Kukluxklan-Stimmung und wir begegnen Herrenmenschen, die Mist bauen und andere zum Auskehren bitten.

Heute ist das Thema in dieser so offensichtlich direkten Form sicherlich überholt, das Rassenproblem in den USA brodelt eher latent weiter, also unter der Oberfläche. Aber für damalige Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg, und zudem von einem Franzosen vorgeführt, war der Stoff des Stücks für uns Europäer neu: Die Diskriminierung der Schwarzen im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ (siehe hierzu auch Rezension auf textem.de).

Das Stück wurde bereits 1952 (englischer Titel: Respectful Prostitute) verfilmt. Hier ein kleiner Ausschnitt, der so in dem Stück nicht vorhanden ist (dort spielt es in zwei Bildern lediglich in einem Zimmer, in dem Lizzie Unterkunft gefunden hat). Bemerkenswert: In dem Film spielt der uns später auch in Deutschland als cholerischer Komiker bekannt gewordene Louis de Funès eine kleinere Rolle :


La putain respectueuse (1952)

Siehe auch:
Vergessene Stücke (1): Jean-Paul Sartre – Bei geschlossenen Türen
Vergessene Stücke (2): Jean-Paul Sartre – Tote ohne Begräbnis

Theodor Storm: Ostern

Die Sonne scheint, was wollen wir mehr. Ich wünsche allen geruhsame Osterfeiertage und ein fröhliches Ostereiersuchen …!

OsternEs war daheim auf unserm Meeresdeich;
ich ließ den Blick am Horizonte gleiten,
zu mir herüber scholl verheißungsreich
mit vollem Klang das Osterglockenläuten.

Wie brennend Silber funkelte das Meer;
die Inseln schwammen auf dem hohen Spiegel;
die Möwen schossen blendend hin und her,
eintauchend in die Flut die weißen Flügel.

Im tiefen Kooge bis zum Deichesrand
war sammetgrün die Wiese aufgegangen;
der Frühling zog prophetisch über Land,
die Lerchen jauchzten, und die Knospen sprangen. –

Entfesselt ist die urgewalt’ge Kraft,
die Erde quillt, die jungen Säfte tropfen;
und alles treibt, und alles webt und schafft,
des Lebens vollste Pulse hör‘ ich klopfen.

Der Flut entsteigt der frische Meeresduft;
vom Himmel strömt die goldne Sonnenfülle;
der Frühlingswind geht klingend durch die Luft
und sprengt im Flug des Schlummers letzte Hülle.

O wehe fort, bis jede Knospe bricht,
daß endlich uns ein ganzer Sommer werde;
entfalte dich, du gottgebornes Licht,
und wanke nicht, du feste Heimaterde! –

Hier stand ich oft, wenn in Novembernacht
aufgor das Meer zu gischtbestäubten Hügeln,
wenn in den Lüften war der Sturm erwacht,
die Deiche peitschend mit den Geierflügeln.

Und jauchzend ließ ich an der festen Wehr
den Wellenschlag die grimmen Zähne reiben,
denn machtlos, zischend schoß zurück das Meer –
das Land ist unser, unser soll es bleiben!

Theodor Storm

Vergessene Stücke (3): Samuel Beckett – Katastrophe

Samuel Barclay Beckett (* 13. April 1906 in Dublin; † 22. Dezember 1989 in Paris) war ein irischer Schriftsteller. Er gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts und wurde 1969 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Sein bekanntestes Werk ist Warten auf Godot (En attendant Godot), das am 5. Januar 1953 in Paris uraufgeführt wurde.

„Warten auf Godot“ gilt als Paradebeispiel des absurden Theaters. Es spiegele die Weltanschauung des Existenzialismus, die besagt, dass es infolge der rein zufälligen Entstehung der Welt keinen eigentlichen „Sinn des Lebens“ und demzufolge auch keine grundlegenden moralischen Vorschriften (Religion) für den Menschen gebe. Das Stück spiegelt die ewig enttäuschte Illusion des Wartens wider und verdeutlicht, wie die Menschen die Gewissheit ihres Verfalls in tragikomischer Hilflosigkeit überspielen.

Aber es geht hier um ein anderes Stück, das zusammen mit anderen in einem Band (suhrkamp taschenbuch 1190 – 1. Auflage 1985) Theater heute (Beckett: Katastrophe, Bernhard: Vor dem Ruhestand, Bond: Sommer, Brasch: Mercedes, Kroetz: Nicht Fisch Nicht Fleisch, Norén: Dämonen, Heiner Müller: Quartett, Strauß: Kalldewey Farce) veröffentlicht wurde.

Samuel Becketts Stück „Katastrophe“ ist eine Miniatur von nicht einmal zehn Seiten Literatur und Václav Havel gewidmet.

Personen:

Regisseur (R)
Seine Assistentin (A)
Protagonist (P)
Luc, Beleuchter, außerhalb der Bühne

„Wird hier ein (politischer) Gefangener oder Schauspieler (auf der Probe) manipuliert? Ist dieses Stück also eine Parabel für eine politische oder eine künstlerische Situation – oder sind allgemein alle Arten inhumaner Machtanwendung gemeint? Beckett gelingt es, gleich zweierlei zu zeigen: die Katastrophe des Gefangenen und die Katastrophe dessen, der dieses Elend darzustellen versucht.“ (aus: suhrkamp.de/theater_medien)

Auf der Bühne steht der Protagonist auf einem 40 cm hohem schwarzen Kubus. Schwarzer Hut mit breiter Krempe. Schwarzer, bis auf die Knöchel herabfallender Schlafrock. Barfüßig. Gesenkter Kopf. Hände in den Taschen.

Nach und nach wird ihm auf Anordnung des Regisseurs von der Assistentin Hut und Rock ausgezogen, die Hosenbeine hochgekrempelt usw. „Es fehlt an Blöße.“ Und die Blöße ist zu weißen. Dann stimmt die Beleuchtung nicht: Der Körper des Protagonisten ist allmählich in Dunkel zu hüllen, es bleibt nur noch der beleuchtete Kopf. Der Regisseur ist die bestimmende Person, die Assistentin und der Beleuchter ausführende Organe – der Protagonist das ‚Opfer’.

Karfreitag – von Hermann Hesse

Karfreitag

Verhangener Tag, im Wald noch Schnee,
Im kahlen Holz die Amsel singt:
Des Frühlings Atem ängstlich schwingt,
Von Lust geschwellt, beschwert von Weh.

So schweigsam steht und klein im Gras
Das Krokusvolk, das Veilchennest,
Es duftet scheu und weiß nicht was,
Es duftet Tod und duftet Fest.

Baumknospen stehn von Tränen blind,
Der Himmel hängt so bang und nah,
Und alle Gärten, Hügel sind
Gethsemane und Golgatha.

aus: Hesse – Die Gedichte