Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Vergessene Stücke (3): Samuel Beckett – Katastrophe

Samuel Barclay Beckett (* 13. April 1906 in Dublin; † 22. Dezember 1989 in Paris) war ein irischer Schriftsteller. Er gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts und wurde 1969 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Sein bekanntestes Werk ist Warten auf Godot (En attendant Godot), das am 5. Januar 1953 in Paris uraufgeführt wurde.

„Warten auf Godot“ gilt als Paradebeispiel des absurden Theaters. Es spiegele die Weltanschauung des Existenzialismus, die besagt, dass es infolge der rein zufälligen Entstehung der Welt keinen eigentlichen „Sinn des Lebens“ und demzufolge auch keine grundlegenden moralischen Vorschriften (Religion) für den Menschen gebe. Das Stück spiegelt die ewig enttäuschte Illusion des Wartens wider und verdeutlicht, wie die Menschen die Gewissheit ihres Verfalls in tragikomischer Hilflosigkeit überspielen.

Aber es geht hier um ein anderes Stück, das zusammen mit anderen in einem Band (suhrkamp taschenbuch 1190 – 1. Auflage 1985) Theater heute (Beckett: Katastrophe, Bernhard: Vor dem Ruhestand, Bond: Sommer, Brasch: Mercedes, Kroetz: Nicht Fisch Nicht Fleisch, Norén: Dämonen, Heiner Müller: Quartett, Strauß: Kalldewey Farce) veröffentlicht wurde.

Samuel Becketts Stück „Katastrophe“ ist eine Miniatur von nicht einmal zehn Seiten Literatur und Václav Havel gewidmet.

Personen:

Regisseur (R)
Seine Assistentin (A)
Protagonist (P)
Luc, Beleuchter, außerhalb der Bühne

„Wird hier ein (politischer) Gefangener oder Schauspieler (auf der Probe) manipuliert? Ist dieses Stück also eine Parabel für eine politische oder eine künstlerische Situation – oder sind allgemein alle Arten inhumaner Machtanwendung gemeint? Beckett gelingt es, gleich zweierlei zu zeigen: die Katastrophe des Gefangenen und die Katastrophe dessen, der dieses Elend darzustellen versucht.“ (aus: suhrkamp.de/theater_medien)

Auf der Bühne steht der Protagonist auf einem 40 cm hohem schwarzen Kubus. Schwarzer Hut mit breiter Krempe. Schwarzer, bis auf die Knöchel herabfallender Schlafrock. Barfüßig. Gesenkter Kopf. Hände in den Taschen.

Nach und nach wird ihm auf Anordnung des Regisseurs von der Assistentin Hut und Rock ausgezogen, die Hosenbeine hochgekrempelt usw. „Es fehlt an Blöße.“ Und die Blöße ist zu weißen. Dann stimmt die Beleuchtung nicht: Der Körper des Protagonisten ist allmählich in Dunkel zu hüllen, es bleibt nur noch der beleuchtete Kopf. Der Regisseur ist die bestimmende Person, die Assistentin und der Beleuchter ausführende Organe – der Protagonist das ‚Opfer’.

Karfreitag – von Hermann Hesse

Karfreitag

Verhangener Tag, im Wald noch Schnee,
Im kahlen Holz die Amsel singt:
Des Frühlings Atem ängstlich schwingt,
Von Lust geschwellt, beschwert von Weh.

So schweigsam steht und klein im Gras
Das Krokusvolk, das Veilchennest,
Es duftet scheu und weiß nicht was,
Es duftet Tod und duftet Fest.

Baumknospen stehn von Tränen blind,
Der Himmel hängt so bang und nah,
Und alle Gärten, Hügel sind
Gethsemane und Golgatha.

aus: Hesse – Die Gedichte

Halldór Laxness: Am Gletscher

„Im äußersten Westen Islands liegt der Snæfellsgletscher, an seinem Fuße versieht Pfarrer Jon Primus sein Amt. Doch die Seelsorge, die er den Menschen (und Tieren) angedeihen läßt, ist von ganz eigener Art. Was dem Bischof davon zu Ohren kommt, gibt Anlaß zur Besorgnis: Der Mann repariere die Kirche nicht, taufe die Kinder nicht, beerdige die Toten nicht. Und was hat es mit der Leiche auf sich, die auf den Gletscher geschafft worden sein soll?

All dies zu erkunden ist keine leichte Aufgabe für den jungen Theologen, der sich als Vertreter des Bischofs – kurz „Vebi“ – mit Tonbandgerät und Stenoblock in die Abgeschiedenheit des Gletschers begibt. Er macht skurrile Bekanntschaften, hört sagenhafte Erzählungen und wird in krude Dispute verwickelt. Und er trifft auf eine „Wahrheit“, die sich nicht protokollieren läßt.“
(aus dem Umschlagtext)

Halldór Laxness (1902-1998) erhielt 1955 als bisher einziger isländischer Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur. In der Zeit von März 1967 bis Juli 1968 schreib er den Roman Am Gletscher (eigentlich: Seelsorge am Gletscher, isländisch: Kristnihald undir Jökli).

Der Roman „Am Gletscher“ spielt in der isländischen Provinz, im Nordwesten der Insel am Snæfellsjökull (dt. „Schneeberggletscher“). Bekannt geworden ist der Snæfellsjökull durch den französischen Autor Jules Verne, der in seinem Roman Reise zum Mittelpunkt der Erde den Einstieg in die Unterwelt genau am Snæfellsjökull anlegt. Außerdem werden dem Vulkan von Esoterikerseite her Qualitäten als Träger besonderer Kraftfelder zugesprochen. In Laxness’ Roman gibt es diverse Verweise hierzu. Zudem offenbart sich die isländische Provinz durch zahlreiche ironisch-lustige Referenzen an philosophische Strömungen sowie eine Vielzahl von fremdsprachigen Stellen als Pars pro toto, als Teil, das für das Ganze (unsere Erde) steht. Darüber hinaus wird die teils bauernschlaue, teils philosophisch fundierte Haltung des Sira Jon und seiner Umgebung mit der des dogmatischen, aber auch zum Staunen fähigen Vebi kontrastiert.

Es mischen sich immer wieder Realität und Fiktion. Oft weiß man als Leser nicht, wo man sich gerade befindet. Grundlage solcher möglichen Traumpassagen sind so auch Islands Sagas. Wie sehr verwickelt das Geschehen ist, zeigt u.a. die Website literaturschock.de, auf der sich einige junge Damen mit diesem „ironisch-weisen Roman“ herumgeschlagen haben.

Liebenswert gezeichnet ist Pfarrer Jon Primus (Sira Jon), einen wohl typischen „Fall eines isolierten Inselbewohners.“ (S. 70). Hier nur einige seiner Aussagen:

Sira Jon: „ … lieber Helgi; wir wollen uns darüber einig sein, daß wir uns darüber nicht einig werden, und trotzdem gute Freunde bleiben.“
(Steidl taschenbuch 222 – Steidl Verlag, Göttingen – 2009 – 9. Auflage -S. 44)

Sire Jon: „ … Wenn man den Gletscher lange genug ansieht, hören Wörter auf, auch nur das geringste zu bedeuten.“
(S. 59)

Eine weitere bizarre Person ist Professor Dr. Godman Syngmann alias Gudmundur Sigmundsson, der einst einen etwa einen Meter langen Holzkasten auf den Gletscher bringen ließ. Er hat drei Assistenten, „Hirten“ genannt, die offensichtlich aus entfernten Ländern stammen und obskure Studien betreiben. Hier tauchen wir als Leser in eine recht obskure Esoterik ein:

„… in Island herrscht Protomorie und Heteromorie und Dysexelixis. Niemand versteht etwas von Bioradiophonie oder von Astrotelekinesis. Und die Diexelixis ist bei der Regierung nicht gut angeschrieben. …“ (S. 87)

Ich habe versucht, die teilweise von Laxness erfundenen Begriffe zu übersetzen, auch wenn ich des Altgriechischen nicht mächtig bin: Protomorie steht dann wohl in etwa für „vorbildliche Torheit“, Heteromorie für „Anders-Torheit“, Dysexelixis für „Falsch-Entwicklung“, Bioradiophonie für Leben-Strahl-Klang und Astrotelekinesis für Stern-Fern-Bewegung – Diexelixis könnte Hindurch- bzw. Auseinander-Entwicklung bedeuten. Im Grunde spielen die Begriffe aber keine größere Rolle.

Dr. Syngmann befasst sich mit Epagogik und Astrobiologie. (S. 94). „Von den Stätten aus, die das Allwissen sich zur Wohnstatt genommen hat, kann der Menschengeist die Große Verbindung aufnehmen, … Island ist eins der Gebiete dieser besonderen Nähe …“ (S. 88) – Dr. Syngmann: „ … In diesem Gletscher ist eine der bedeutendsten natürlichen Energiequellen unseres Sonnensystems enthalten, eine der Einstrahlungsquellen der Allweisheit. …“ (S 96)

Sira Jon [bezogen auf Dr. Syngmann]: „ … Er war ein solcher Zauberer, daß er unsere Liebste in einen Fisch verwandelte.“ (S. 114)

„Da lachte Sira Jon Primus … Unmöglich, diesen Mann mit Argumenten zu überzeugen. Doch Witzeleien hört er sich stets an, auch wenn es Spitzfindigkeiten sind. Vielleicht ist er ein echter Isländer. …“ (S. 123) Ja, die Isländer sind ein merkwürdiges Völklein. Es ist wieder Sira Jon, der es wohl auf den Punkt bringt: „Wer nicht in der Poesie lebt, überlebt hier auf der Erde nicht.“ (S. 163). So kann es kommen, dass ein Zwölftonnen-Lastwagenfahrer im Nebenberuf Dichter ist.

Der Roman wurde übrigens 1989 von Laxness’ Tochter, Guðný Halldórsdóttir, verfilmt. Es soll auch eine deutsche Synchronfassung mit dem Titel „Am Gletscher“ geben. Bis auf einen kleinen Filmschnipsel (im isländischen Original mit russischen Untertiteln (sic!)) habe ich aber bisher den Film nirgends ausfindig gemacht. Dieser Ausschnitt zeigt den „Vebi“ mit Jodinus Alfberg, dem dichtenden LKW-Fahrer, samt den drei Assistenten des Professors Dr. Godman Syngmann, den „Hirten“:


Kristnihald undir Jökli | Christianity Under the Glacier (1989)

siehe auch meinen Beitrag: Halldór Laxness: Islandglocke

Alltag (1): Werktags

Jeder hat so seinen eigenen Alltag. Ich will hier keinen Leser mit meinem ureigenen Alltag langweilen, aber da dieser mein Blog für mich auch für gewisse chronologische Zwecke dienlich sein soll, so beschreibe ich dennoch in lockerer Folge einige „Auszüge“ aus meinem Alltag.

Da gibt es den Arbeitsalltag von montags bis Freitag. Und dann den Alltag eines gewöhnlichen Wochenendes. Der Arbeitsalltag beginnt mit frühem Aufstehen. Seit dem Winterfahrplan der Bahn Mitte Dezember letzten Jahres stehe ich noch früher auf als in der Zeit davor, weil sich die Fahrzeiten dermaßen geändert haben, sodass ich ins ‚Gehege’ mit meinen Lieben (meiner Frau und meinem jüngeren Sohn) käme, würde ich wie zuvor aufstehen. Allein das zeigt schon, wie sehr der allwöchentliche Alltag von außen beeinflusst oder gar gesteuert wird.

Klar ich dusche erst einmal, und nach dem Anziehen begebe ich mich in die Küche, um ein schnelles Frühstück einzunehmen: Haferflocken, Müsli oder etwas Entsprechendes – dazu nur Saft. Spätestens eine Stunde nach dem Aufstehen bin ich zu Fuß auf dem Weg zum Bahnhof. Und nach gut einer weiteren Stunde (wenn nichts dazwischenkommt) sitze ich bereits auf der Arbeit. Hier koche ich mir erst einmal eine Kanne schwarzen Tee.

Wer früher zur Arbeit fährt, darf auch abends früher nach Hause. Meist bin ich so gegen 17 Uhr zu Hause, ziehe mich um (Hausklamotten), gucke nach der Post und mache mich frisch für den Abend. Nach dem Abendessen (meist gegen 18 Uhr) werfe ich den Rechner an und gucke nach Mails und im Internet nach den neuesten Nachrichten. Gibt es zu Hause Neuigkeiten oder Probleme, so werden diese schon einmal beim Abendessen besprochen. All zulange bleibe ich (wenigstens in den letzten Wochen) nicht mehr am Rechner. Ich nutze die Zeit wieder vermehrt zum Lesen. Fernsehen kommt für mich wochentags nur selten in Frage. Dafür guckt meine Frau nach den Nachrichten mit meinem jüngeren Sohn ab 20 Uhr 15 öfter einen Film (der ältere meiner beiden Söhne lebt wochentags in Göttingen und kommt am Wochenende nach Hause).

Und wer früh aufsteht, geht auch meist zeitig zu Bett. Was lese ich da im Augenblick? Meist habe ich gleich mehrere Bücher ‚beim Wickel’. Mit großem Interesse lese ich zz. Halldór Laxness’ „Am Gletscher“. Sein Roman „Sein eigener Herr“ kommt dann als Nächstes dran. Daneben stöbere ich schon länger in einer Auswahl aus dem Gesamtwerk von Søren Kierkegaard, keine leichte Kost, dafür muss ich mir schon Zeit lassen. Und da ich hier ein neues Unterthema begonnen habe (Vergessene Stücke) wartet ein Band mit Theaterstücken deutscher Autoren auf mich. Spätestens wenn mir die Augen zuzufallen drohen, lösche ich das Licht und begebe mich ins Bett.

Vergessene Stücke (2): Jean-Paul Sartre – Tote ohne Begräbnis

‚Tote ohne Begräbnis‘ (Original. Morts Sans sépulture) ist ein Résistance-Stück von Sartre, das zur Zeit der französischen Kollaboration Frankreichs (Vichy-Regime) mit Nazi-Deutschland spielt. Uraufführung war am 8. November 1046 im Théâtre Antoine in Paris. Es spielt kurz vor Kriegsende im Frankreich des Jahres 1944. Fünf Anhänger der Resistance sitzen gefesselt auf dem Dachboden eines Hauses, welches von französischen Kollaborateuren des deutschen Regimes beherrscht wird und warten auf Folter und Tod.

Ihren Anführer wähnen Sie in Sicherheit irgendwo in Grenoble. Doch die Lage ändert sich, als die Tür zu ihrem Dachboden aufgeht und Jean hineingestoßen wird, den die Kollaborateure noch nicht als Anführer der Résistancegruppe erkannt haben. Waren die Gefangenen zuvor bezüglich des genauen Aufenthaltsortes von Jean noch unbedarft, so müssen sie nun ein Geheimnis vor den Kollaborateuren hüten.

Personen:

Résistance-Kämpfer:
François
Sorbier
Canoris
Lucie
Henri

Jean, Anführer der Résistancegruppe

1. Milizsoldat
2. Milizsoldat

französische Kollaborateure:
Clochet
Landrieu
Pellerin


Tote ohne Begräbnis – Theatergruppe des Gymnasiums Feuchtwangen

Interessant an diesem Stück ist die Darstellung der Menschen, wie diese in Extremsituationen handeln. In diesem Fall spielen natürlich auch gruppendynamische Prozesse eine große Rolle. Sartre gelingt eine folgerichtige, also logisch nachvollziehbare Darstellung der Handlungsweisen der Personen, auch wenn sie stark von den philosophischen, also existenzialistischen Ansichten Sartres geprägt sind, die sich in all seinen Dramen widerspiegeln.

Die Angst vor der Folter, besonders die Angst ‚zu reden’, macht sich breit und ist stärker als die Angst vor dem Tod, der unausweichlich erscheint. Aber gerade aus dieser Hoffnungslosigkeit erwächst dem Einzelnen eine ungeahnte Widerstandskraft. ‚Tote ohne Begräbnis’ „ist ein Zeugnis politisch engagierten Denkens. Résistance-Kämpfer behaupten Tapferkeit und Würde gegen Folter und Tod.“ (aus dem Umschlagtext)

Siehe auch: Vergessene Stücke (1): Jean-Paul Sartre – Bei geschlossenen Türen

Martin Walser vs. Einar Kárason

In den letzten Wochen und Monaten habe ich es mit Romantrilogien, zumindest mit zweien. Da gibt es zum einen die Anselm Kristlein-Trilogie von Martin Walser – und dann die so genannte Baracken-Trilogie des Isländers Einar Kárason. Zunächst haben diese beiden Trilogien nicht viel gemeinsam. Oder vielleicht doch?

Ja, beide Trilogien sind so angelegt, das deren erste Teile in den fünfziger Jahren, deren zweite in den sechziger und der jeweils letzte in den siebziger Jahren spielen. Beide Dreiteiler ranken um einen Familienverband. Bei Walser ist es Anselm Kristlein und seine am Ende sechsköpfige Familie (neben ihm und Frau Alissa sind es vier Kinder); bei Kárason sind es Lina (Karolina), die Wahrsagerin, und ihr Mann Tommi (Tomas) samt einer großen Nachkommenschaft. Auch Anselm Kristleins Frau Alissa hat einen religiösen-esoterischen Einschlag. Und des weiteren sind beide Trilogien so etwas wie sozialkritisch und beleuchten die Zustände ihrer Länder zur jeweiligen Zeit. Hier zur Ergänzung meiner Beiträge zu diesen sechs Büchern eine kurze Übersicht mit entsprechender Verlinkung:

Martin Walser – geboren am 24. März 1927 in Wasserburg am Bodensee Einar Kárason – geboren am 24. November 1955 in Reykjavík
Anselm Kristlein-Trilogie: Baracken-Trilogie:
Halbzeit Die Teufelsinsel
Das Einhorn Die Goldinsel
Der Sturz Das gelobte Land
Literatur von Martin Walser Literatur von Einar Kárason

Martin Walser: Der Sturz

Mit dem Roman Der Sturz endet die so genannte Anselm Kristlein-Trilogie von Martin Walser, die mit Halbzeit begann und mit Das Einhorn fortgesetzt wurde.

Aus dem Umschlagtext:

Im Zentrum des 1973 erschienenen Romans steht jener Anselm Kristlein, der in „Halbzeit“ als Vertreter und Werbefachmann aggressiv und übermütig im Wirtschaftsleben Erfolge suchte; und der sich in „Das Einhorn“ als Schriftsteller vergeblich mühte, etwas aus dem gelebten Leben, z.B. Liebe, in die Erinnerung zu retten. Dieser Anselm Kristlein erreicht in „Der Sturz“ sein letztes Stadium; seine Erlebniswelten, seine Reibungsflächen, seine Sturzbahnen sind die gleichen: Ökonomie und Liebe.

Konsequent und unerbittlich zieht das Roman „Der Sturz“ die Summe von Kristleins Leben in unserer Zeit. In ihm endet die Biografie eines Mannes, der an der vorgegebenen Ordnung der Gesellschaft scheitert.

„Der Sturz“ beschreibt die bundesrepublikanischen Verhältnisse Anfang der siebziger Jahre mit einem leidenschaftlichen Interesse, also realistisch, das in der zeitgenössischen Prosa seinesgleichen sucht.

„Wenn man den ersten Satz des Buches gelesen hat, ist man gezwungen, weiterzulesen bis zum letzten Satz. Das ist Sprachkunst, die zum Lesen zwingt.“ Aurel Schmidt

Wer etwas intensiver in diesem, meinem Blog liest, wird es wissen, dass Martin Walser einer meiner Lieblingsautoren ist. Diesen dritten Band der Anselm Kristlein-Trilogie (suhrkamp taschenbuch 684 – erste Auflage 1981) habe ich in diesen Tagen nun bereits zum vierten Mal gelesen (nach 1987, 1995 und 2003 jetzt 2011 … also alle acht Jahre, wenn das etwas zu bedeuten hat?!) und ich kann mich immer noch für dieses Buch begeistern.

„Ich glaube, es war im November 1972, als sich Anselm Kristlein das letzte Mal bei mir meldete …“ – so beginnt im Nachwort der Nachruf auf einen Verstummten, nämlich auf Anselm Kristlein. „… Geboren 1920. …“ wurde dieser Anselm Kristlein, also sieben Jahre vor Martin Walser. „Er war allein. Alles war Feindesland. … Er muß anziehend gewirkt haben auf in Schwierigkeiten geratene Abenteurer. Also auf seinesgleichen.“ – und „Mein Gott, wie wohlgesonnen zog er immer aus, und wie zugerichtet kam er jedes Mal zurück!“ (aus: Nachwort – Nachruf auf einen Verstummten – und ebenso hier:) „… Von 1958 bis 1960, 1964 und 1965 und dann noch von 1970 bis 1972 war er rund um die Uhr bei mir. …“, also bei Martin Walser, der in dieser Zeit an den drei Teilen der Trilogie schrieb.

Ohne Zweifel hat dieser Anselm Kristlein viel mit Martin Walser gemeinsam. Er ist in Vielem das Alter Ego Walsers. Nicht umsonst hat Walser diesem Anselm Kristlein drei Romanbände gewidmet, die allerdings von Band zu Band in der Seitenzahl merklich schrumpften. Der Erzähler Kristlein (aka Walser) zeigt sich deutlich diszipliniert, denn ihm sind die verbalen Exzesse durch Lebensüberdruss nach und nach abhanden gekommen. Das hindert Kristlein-Walser aber nicht daran, die Phantasie weiterhin ausschweifen zu lassen. Hat mich Walsers „Das Einhorn“ schon beeindruckt, so zähle ich „Der Sturz“ zu meinen absoluten Lieblingen, wenn mir auch das Ende (siehe unten) nicht so ganz gefällt. Das hat Martin Walser wohl selbst gemerkt und hat dem Roman ein Nachwort verfasst (siehe oben).

Lesenswert ist ohne Zweifel hierzu eine Rezension von Peter Wapnewski bei spiegel.de

Und wie „Das Einhorn“ so wurde auch dieser Roman verfilmt, wenn Walser diesmal auch nicht am Drehbuch mitgewirkt hatte. Regie des 1979 entstandenen Films führte Alf Brustellin, die Hauptrollen spielten Franz Buchrieser als Anselm Kristlein, Hannelore Elsner als seine Frau Alissa und Wolfgang Kieling als Edmund Gabriel, Anselms ‚besten’ Freund. Das Drehbuch schrieben Alf Brustellin und Bernhard Sinkel. Musik: Klaus Doldinger. Leider habe ich bisher nicht ermitteln können, ob der Film, in welcher Form auch immer, erhältlich ist. Vielleicht kann einer von Euch mir hier weiterhelfen. Mich würde der Film wirklich brennend interessieren.

Nachtrag zur Verfilmung: Inzwischen sind bei YouTube vier Filmausschnitte eingestellt worden (weitere Informationen zu diesem Film auf der Website des Regisseurs Bernhard Sinkel, der wie erwähnt auch am Drehbuch beteiligt war – ich recherchiere weiter nach einer Filmkopie):


Der Sturz – nach dem Roman von Martin Walser – Regie: Alf Brustellin

Hier noch einige Sätze aus den letzten Seiten des Romans. Das Verstummen des Anselm Kristlein kommt nicht von ungefähr. Auf dem Weg in den Süden mit seinem alten Mercedes samt Anhänger und darauf ein Segelschiff, überquert er mit seiner Frau Alissa die Alpen. Von Splügen in der Schweiz aus wählt er eine alte Passstraße, die ihn bei Schneetreiben ins Verderben und zum Verstummen führt:

„Wir standen schon bergauf, Richtung Splügen. … Es ist die alte Paßstrasse. Sie führt durch kein Tunell. Sie führt oben drüber. ….Ich weiß, daß wir bei diesem Wetter mit Sommerreifen und einem 7 Meter langen Segelschiff nicht ohne weiteres über den 2117 Meter hohen und nicht gut gebauten Paß kommen werden. … Drunten an der Abzweigung wird der Paß längst als geschlossen angezeigt. … Selbst wenn es uns so gelingen sollte, ins ennetbirgische Misox zu kommen, kann ich es nicht ändern. Dann sind wir eben entkommen und rutschen irgendwie ermattet ins Italienische, in die Kastanienwälder Chiavennas hinunter. … Der Trailer steht schon fast senkrecht zu uns. Jetzt knackt schon Blech. Etwas splittert. Wir kippen. Wir sind nicht mehr auf der Straße. Es geht hangabwärts mit uns.“

(S. 348 –352)


Größere Kartenansicht
Splügen – Chiavenna über Splügenpass
(Fahrtroute von Anselm Kristlein)

Der Roman besteht aus drei Kapiteln mit jeweils 19 Unterkapitel. Die Kapitel sind benannt. Die Unterkapitel selbst tragen keine Überschriften, so habe ich diese ihrem Inhalt gemäß wie folgt beschriftet:

I. Geldverdienen

1 Bewegungslos im Bett
2 Schwimmen, Pferd und Schmetterlinge
3 Irmgard, die Cousine … zuvor: Hotel und 72.000 DM „Verlust“
4 Geldverdienen – Absage beim BuSoM (Bund sozialdemokratischer Millionäre) … und wieder auf der Wiese ohnmächtig …
5 Waffenklang der Währungen oder Der Dollarstrom
6 Armenische Arbeit …
7 Leiter Blomichs Betriebserholungsheim am Bodensee (in Reutenen)
8 der Gegentyp
9 Genovev im Grasbett
10 Fortsetzung „der Reise“
11 Fabrikarbeit – Angis Brust – Genovev-Alma „wiedergefunden“
12 Traum: Blomichs Ansprache an Anselms Erschöpfung
13 „Leben“ mit der sechsfingrigen Finchen …
14 Blomichs Bote – der unangreifbare Heinrich Müller …
15 Birnmostkommune (Agi & Co.) und der “neue” Anzug
16 Loch ausgraben – Dr. Zerrls Rassenforschungen und Frau Finchen (2) – Hajar-Kommune und Festnahme
17 Anklage wegen Doppelmord …
18 Tracht Prügel dem Allgemeinen zuliebe auf dem Weg zu Alissa
19 Bewegungslos im Bett (Schluß des Kreislaufs, s. I. 1)

II. Geldverdienen. Phantasie der Angestellten

1 Alissa pachtet das Gästehaus – statt Angestelltentum u.a.
2 Königs (Sozialabt.) Ansichten zum Kaiser (Liegenschaften) – vor ihrem gemeinsamen Tode …
3 Loch schaufeln
4 Gespräche über Blomich – 2 Schreibmaschinengeräusche vom Band (Edmunds Buch …)
5 Anselm und Hanni im Schäferkarren, zuvor die Apothekenhelferin – Alissa mit Schock im Krankenhaus …
6 Vorweihnacht: Alissa im Krankenhaus; abendliche Gespräche, u.a. mit Fritz Hitz, dem dichterischen Anarchisten …
7 Silvester(vorbereitungen)
8 Im neuen Jahr schlechte Nachrichten und Michel Enzingers Briefe (bis zu seinem Tod in Anselms Grube)
9 1. Schub Weibliche – 2. Schub Männliche – Verkauf der Blomich-Gruppe an die Amis und damit „Schluss“
10 Der Gegentyp (2)
11 Familienausflug mit Semmelautomaten und Unfall
12 Zukunftspläne
13 Anselms Vorstellungen …
14 Edmunds „Selbstmord“
15 Edmunds Notizen (Spinnensexualität)
16 Tod (Blomich u.a.) im Atombunker …
17 Probleme mit Lissa und ein weiterer Freitod …
18 Vor dem Auszug
19 Alissas Innenleben

III. Geldverdienen. Phantasie der Angestellten. Mit dem Segelschiff über die Alpen

1 Unterbringung der Kinder: Lissa und die Saucen
2 Unterbringung der Kinder: Guido und die Beerengewinnung des Onkel Josef
3 Unterbringung der Kinder: Drea und die Friedhofgärtnerei
4 Unterbringung der Kinder: Philipp und die Reinlichkeit
5 Kinder aussetzen oder ab mit ihnen ins Akademische …
6 Fortschreibung des Gegentyps
7 Die Cousine im Fetzenkleidchen
8 Aufbruch (mit dem Segelschiff …)
9 Erinnern an die Kinder – Jobs im Hotel …
10 Empfangschef und Anselm, der Kofferträger
11 Unerkannt …
12 Hoteldiener als Hochstapler – vom unaufhaltsamen Fall und der Unbestimmtheit des Tuns …
13 Über Stoppeln springen und ein weiterer Sturz
14 Dieses Hin und Herr … und Alissas Sieg
15 Im Schlafsack einkehren unter dem milchigen Gletscher …
16 Das wird Anselm nie vergessen …
17 Vor ’m Nadelöhr
18 Über die Alpen …
19 Papierschneeweiß liegend zwischen Autoteilen, Weg- und Satzzeichen

Nachwort – Nachruf auf einen Verstummten

„Walser hat im „Sturz“ das Höllenhafte unserer Existenz zum Furchtbaren hin zu gespitzt … Seine Gegen-Utopie trägt die realen Züge des Spätkapitalismus.“
Peter Laemmle

„… das konsequenteste Denkspiel der deutschen Nachkriegsliteratur.“
ARD-Fernsehen

Und nach etwas: Martin Walser wurde vor wenigen Tagen (am 24. März) 84 Jahre alt. Das hindert ihn aber nicht daran, weiterhin produktiv zu sein. Am 15. Juli erscheint im Rowohlt Verlag mit Muttersohn ein weiteres umfassendes Werk aus seiner Feder. Ich bin sehr gespannt. „Thema sei das Verhältnis von Glauben und Wissen. Im Mittelpunkt stehe ein dreißigjähriger Mann, dem seine Mutter beigebracht habe, dass zu seiner Zeugung kein Mann nötig war. Der Roman spiele in der Landschaft zwischen Donau und Bodensee mit ihren vielen Klosterbauten, wo Glaubensleistungen erbracht worden sind wie sonst kaum wo in Europa.“ (Quelle: St. Galler Tagblatt)

noch ein Nachtrag: Die nach wie vor sehenswerten Kinofilme von Bernhard Sinkel (Co-Autor am Drehbuch zum Film „Der Sturz“) sind jetzt in einem 6-DVD-Schuber erhältlich: Lina Braake, Berlinger, Der Mädchenkrieg, Taugenichts, Kaltgestellt, Der Kinoerzähler

Vergessene Stücke (1): Jean-Paul Sartre – Bei geschlossenen Türen

Unter dem Titel „Vergessene Stücke“ möchte ich mich hin und wieder Theaterstücken widmen, die schon lange nicht mehr oder heute nur sehr selten auf deutschen Bühnen aufgeführt werden. Es sind Theaterstücke, die vor einiger Zeit für ein gewisses Aufsehen gesorgt haben, Stücke, die sicherlich auch heute noch von einige Bedeutung sind, die aber mehr oder weniger vergessen wurden. Wenn überhaupt, dann sich diese Stücke heute zwischen Buchdeckeln erhältlich.

Beginnen möchte ich mit dem Stück „Bei geschlossenen Türen“ (Original: „Huis clos“), heute eher unter dem Titel „Geschlossene Gesellschaft“ bekannt, von Jean-Paul Sartre. Sartre war in erster Linie Philosoph und Begründer des Existentialismus. Aber er wurde auch durch eine größere Anzahl von Dramen bekannt, die natürlich seine philosophischen Ansichten widerspiegeln.

„Bei geschlossenen Türen“ schildert die Hölle, die „die anderen“ sind. In dem Second-Empire-Salon eines heruntergekommenen Hotels foltern sich drei Menschen in gegenseitiger Selbstentblößung.

Personen:

Inès Serrano
Estelle Regault
Joseph Garcin
Kellner


Jean-Paul Sartre: Geschlossene Gesellschaft (Huis clos)
(weitere Ausschnitte bei YouTube)

Als Garcin, begleitet vom Kellner, in den Salon tritt, fragt er: „Wo sind die Pfähle? … Die Marterpfähle, die Bratroste, die Blasebälge?“ So langsam wird dem Zuschauer bewusst, dass sich die Personen des Stücks in der Hölle befinden. Sartre, der als Atheist religiöse Fragen eigentlich vollständig ausklammerte, übersetzt hier ein religiöses Motiv in die existentialistische Analyse der menschlichen Situation und erschließt so die grundsätzliche Ausweglosigkeit des menschlichen Daseins unter dem Blickpunkt der Ewigkeit.

Inès stellt sehr schnell fest: „Der Henker – das ist jeder von uns für die beiden andern.“ Sie will sich ihre „Hölle selbst erwählen …“ können. Aber (wie Garcin sagt) „… die Hölle, das sind die andern.“ (Original: „L‘ Enfer c’est les autres.“)

Jede Liebe, Sexualität und Anerkennung ersticken in Hoffnungslosigkeit und sind somit zum Scheitern verurteilt. „Wenn Garcin am Ende die letzten Worte ‚also – machen wir weiter’ sagt, hat sich ihre Lage nicht verändert. Sie werden ihre Notgemeinschaft ewig aufrechterhalten müssen, ohne wirklich voranzukommen.“

Einar Kárason: Das gelobte Land

Im letzten Teil „Das gelobte Land“ (Original: Fyrirheitna landið) der Barackentrilogie von Einar Kárason, die in den siebziger Jahren spielt, besuchen wir mit Mundi (Ásmundur Grettisson), den Ich-Erzähler und Sohn von Dolli, und Manni (Hermann Þórgnýsson), den Sohn von Toti und Fia, die Vereinigten Staaten, das ‚gelobte Land’. In New York treffen sie auf Bobo, Mundis Halbbruder, der sie zur deren Großmutter Gogo, die zusammen mit ihrem Sohn (dem Onkel der beiden) Baddi irgendwo in der amerikanischen Provinz in einem Wohnmobil (Mobile Home) wohnt, begleitet. Manni und Mundi betrachten es als eine Art Studienreise: „Forschung! …kulturanthropologische Untersuchung!“ Wie Manni es nennt.

Immer wieder erfolgen Rückblenden auf die Zeit in Island, die teilweise auch noch in den sechziger Jahren spielen und hier den Tonfall des Erzählers aus den ersten beiden Romanen (Die Teufelsinsel und Die Goldinsel) wiedergibt. Am Ende dieser Rückblenden erfolgt der Entschluss von Mundi und Manni, in die Staaten zu reisen.

Mundi, Manni, Bobo & Baddi

Literatur von Einar Kárason

Auszug aus dem isländischen Original:

Úr Fyrirheitna landinu:

Og einu sinni kom Fía að leita eftir sérfræðiráðgjöf; hvað er hægt að gera við drykkfelda syni? Ég veit að enginn hefur meiri reynslu af því en þú Lína mín, eins og vandræðin hafa nú verið með hann Badda! Æ æ æ, það sem er á okkur lagt.
Það kom styggð að langömmu. Átti nú að fara að skíta hann Badda út?
Hvað ert þú að hafa áhyggjur af honum, spurði hún hvöss.
En Fía sagði, ekkert nema ljúfmennskan, að það væri nú ekki þannig meint, hún væri bara svo slegin og sjokkeruð útaf honum Hermanni syni sínum, sem lægi í brennivíni allar helgar. Allir hans peningar færu í brennivín. Hann slægi jafnvel slöku við vinnu útaf andskotans brennivínsfýsninni!
Og langamma sá að kellingin kom með friði og var ekki að fiska eitthvað upp um Badda sem hún gæti smjattað á meðan hún væri að telja allar sínar milljónir. Svo að gamla konan trúði henni fyrir leyndardómum drykkjusýkinnar: Tilfellið væri einfaldlega það að þessum mönnum væri ekki sjálfrátt. Þarna væru illir andar að verki.
Ji minn almáttugur hjálpi mér!
Jaá, það er ekkert að efast um. Það eru drykkjupúkar og illir andar sem drekka í gegnum þessa menn. Ég man eftir því uþþuþvuzz þegar við vorum hérna útí Minnakoti sjö sé og hann Tómas heitinn var alltaf að drekka! Ég ákvað, no! Nú rek ég úr honum illa andann. Ja, svo er ekkert með það, ég hef nú mínar aðferðir, er kannski ekkert að gaspra svona um það, en svo er hann sofnaður brennivínsdauða uzzuzz þarna inní herberginu og ég fer að særa, og svo sé ég hreinlega hvernig andinn fór úr honum svona púff uppí loftið og ég verð voða glöð. Jæja! En bara heldurekki að púkinn stingi sér þá ofaní vögguna hjá litla barninu uþþuþþuþvuzzz; og nú gerði Lína krossmörk og bænaði sig í bak og fyrir.
Hjá litla barninu? spurði Fía skjálfrödduð. Var það hún Úlla, sem dó?
Neei, sagði langamma, örlítið ergileg yfir skilningsleysinu: Það var hann Baddi!

(s. 175-176)

Hierzu der deutsche Text:

Einar Karason: Das gelobte Land
Minnakoti = ‚Meine Hütte’
(S. 188-189 – 1. Auflage Taschenbuchausgabe Februar 1999 – btb Taschenbuch 72228)

Es ist eine Reise in die amerikanische Provinz der Südstaaten. „Die Selbstverständlichkeit, mit der dieser Autor auch von Bagatellen zu erzählen weiß, die dann unter seiner Feder zu bedeutsamen Ereignissen werden, ist hierzulande ohne Bespiel.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Es sind eben tatsächlich meist die scheinbar unbedeutenden Dinge, die das Leben bestimmen. Wir begegnen in diesem dritten Teil auch wieder Baddi, dem Trunkenbold, dem „verdammte Säuferschwein“, dem nicht nur der Leser zwischen Sympathie bis hin zur körperlichen Unerträglichkeit begegnet, sondern auch die jungen US-Reisenden. Alle sind sie wieder einmal die geborenen Verlierer, aber wie sie ihr Schicksal tragen, macht sie zu Helden!

Einar Kárason: Die Goldinsel

Während Einar Kárasons Die Teufelsinsel in einer Barackensiedlung in Reykjavík, der Hauptstadt Íslands, in den 50-er Jahren spielt, handelt „Die Goldinsel“ (Gulleyjan) von den sechziger Jahren des Wirtschaftsaufschwungs. Ja auch Island hatte sein Wirtschaftswunder. Dank des Herings, der von den Fischern der Insel in Massen gefangen wurde. „Die Sonne, die Island in eine Goldinsel zu verwandeln schien, ging dabei im Westen auf. Alles kam aus Amerika: Das Fernsehen, die Rockmusik, die großen Schlitten und das große Geld. Unerhörte Zeiten brachen an – auch im Camp Thule, dem Barackenviertel von Reykjavik, wo die Anarchie üppige Blüten treibt und sich Tommi, der Krämer, und seine Frau Lina, die Wahrsagerin, durchs Leben schlagen, samt ihrem Clan von trotzigen Verlierern, die nie aufgeben, und Goldgräbern, die den amerikanischen Traum in die Bude brachten. Doch die Überlebenskünstler aus dem Slum boten sogar dem plötzlichen Dollarsegen kühn die Stirn. Nicht einmal das neu erbaute Krankenhaus konnte ihre Wunden heilen. Die Familiensaga aus dem Wilden Norden kennt kein Happy-end. Das Alte Haus wird plattgewalzt. Doch mit der halsstarrigen Lebensfreude seiner Bewohner wird kein Bulldozer fertig …“
(aus dem Klappentext zum Buch)

Ahnentafel

Literatur von Einar Kárason

Auszug aus dem isländischen Original:

Úr Gulleyjunni:

Meðan Gamla húsið stóð hélt Baddi áfram að halda þar næturveislur flestar helgar, þessar veislur sem oftast enduðu með rotunum, eyðileggingu og umsátri lögreglunnar. Þessar veislur voru að verða einsog óumflýjanlegur hluti tilveru fólksins í Gamla húsinu, það var hætt að láta sér bregða, stundum kom það fyrir að einhver svaf af sér allan djöfulganginn og þurfti að spyrjast fyrir alveg steinhissa næsta morgun hvort enginn hefði komið um nóttina. Og um tíma, meðan Daisy og Herman voru sem óvinsælust, hafði fjölskyldan jafnvel lúmskt gaman af næturheimsóknum þessara fullu brjálæðinga; Baddi ætlaði ekki að láta sér nægja minna en alla neðri hæðina undir gleðskapinn og það fyrsta sem hann gerði vanalega var að opna innri stofuna, kveikja ljósið, og henda the hermit út. Oft var Daisy svo króuð af og mæld út með jakalegum krumlum og slapp ekki fyrren eftir mikil óp, slapp hrasandi út til Herman sem beið glamrandi af kulda og skelfingu á hlaðinu. Oft reyndu þau að komast inn aftur og flýja uppá efri hæðina þarsem allt var læst nema kannski skáphurðin hjá tröllinu (sem þau voru bæði hálfhrædd við)… Eina nóttina héldu þau til í vaskahúsinu þarsem ýmist heyrðist breim eða tíst, vissu að þau myndu ekki geta lifað af aðra slíka helgi en svo varð það þeim til lífs að Fía og Tóti komu í heimsókn ásamt Gosa syni sínum einn daginn þegar Lína var að spá og enginn til að sinna gestum nema kanarnir. Og þeim kom svona afbragðsvel saman; kanarnir gerðu Snæfríði og Þórgný að trúnaðarvinum, sögðu þeim frá hinni illu meðferð og ofsóknum á hendur sér í Gamla húsinu og Fía hrærðist svo af þessari raunasögu að hún bauð þeim að flýja út í Rafmagnsveitublokk til sín næst þegar þeim yrði fleygt um nótt útá gaddinn. Kanarnir komu náttúrlega strax um næstu helgi og Fía hitaði handa þeim kaffi og gróf búðingstertuleifar uppúr frystikistunni og vakti Gosa svo hann gæti túlkað fyrir sig raunasögu hins vestræna flóttafólks. JesúsGuð! Og eigum flóttafólksins var engin virðing sýnd í þessum árásum, öllu hvolft og gramsað; oftar en einu sinni máttu þau tína saman Bítlaplöturnar hennar Daisy útum allt hverfi því að Baddi þoldi það ekki þegar samkvæmisgestir vildu fara að spila þetta kjánalega væl á fóninn sinn; skutlaði Bítlaplötunum út um gluggann og spilaði bara hinn sígilda Elvis Presley…
Oft enduðu samkvæmin þannig að allir kvöddu nema einhver ein stúlka sem fór uppí herbergi með Badda og var hjá honum fram á næsta dag og þá var Lína forvitin og kvíðin og tautandi, vildi vita hvaða hórkona og tittlinganáma væri nú að draga barnið á tálar, en fékk aldrei neitt um það að vita. Baddi var ekkert að kynna þessar vinkonur sínar fyrir heimilisfólkinu, fylgdi þeim bara hratt til dyra, ýtti þeim út um gættina og lokaði, og ef Lína var að reyna að hefta för þeirra með kaffi eða tilboði um að láta hann Gretti keyra þær heim, þá afþakkaði Baddi snarlega fyrir þeirra hönd, rámur og hranalegur. Las svo ömmu sinni pistilinn þegar þær voru farnar; hvort hún ætlaði aldrei að geta skilið að hann vildi fá frið þegar hann væri þreyttur og slappur.

(s. 98-99)

Hierzu der deutsche Text:
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„… Leviten; ob sie es nicht in ihren Kopf kriegte, daß er in Ruhe gelassen werden wollte, wenn er müde und abgeschlafft war.“

(S. 118-120 – 2. Auflage Taschenbuchausgabe Mai 1997 – btb Taschenbuch 72143)

Ja es geht wieder um Tommi, dem Besitzer des kleinen Ladens, der sein Geschäft um einen Kiosk erweitert, der auch in den späten Abendstunden geöffnet hat. Und um Lina, die Wahrsagerin. Und im weiteren Umkreis sind es Linas Enkel, Dolli mit ihrem Mann Grettir – und den beiden so gegensätzlichen Brüdern Baddi und Danni. Baddi ist der Liebling Linas, während Tommi dem jungen Danni zugetan ist und ihn finanziell beim Erwerb eines Flugscheins unterstützt. Die Fliegerei wird Danni dann auch zum Verhängnis. Am Ende ist der Spuk des Wirtschaftswunders verzogen. Tommi gelingt es immerhin noch, sein dem Abriß geweihtes Haus gegen eine andere Unterkunft (die ‚Neue Hütte’) einzutauschen. Aber so wie die Heringsschwärme, die für Islands Wohlstand sorgten, ausbleiben, so geraten auch unsere Helden wieder in Not. Das Barackenviertel ist abgerissen, die Bewohner in alle Winde verstreut.

Einar Kárason findet auch in diesem Roman den gleichen Tonfall wie in der „Teufelsinsel“. Man spürt seine ganze Zuneigung zu diesen sonderbaren Überlebenskünstlern, auch wenn sie manchmal nicht sehr freundlich erscheinen.

Neue Vahr Süd – im Theater

Kaum habe ich aus der Herr Lehmann Trilogie von Sven Regener „Der kleine Bruder“ gelesen, da sehe ich, dass in Hamburg am Altonaer Theater der zweite Teil, der Roman „Neue Vahr Süd“ als Theaterstück aufgeführt wird.

„Herrn Lehmann“ selbst wurde hier am September 2008 erfolgreich aufgeführt, sodass man sich entschlossen hat, jetzt auch diesen Roman auf die Bühne zu bringen. „Neue Vahr Süd“ wurde ja auch bereits verfilmt.

Die Premiere war am 20. März. Das Stück läuft erst einmal bis zum 30. April 2011. Verfasst wurde das Stück von Georg Münzel und Anja Del Caro. Und in einem Sonderprogramm kann man sich dann auch noch (einmal) die Theaterfassung von „Herrn Lehmann“ angucken.