Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Die Wichtigkeit jedes einzelnen (für Gott)

Lieber Peder!

Ein frohes neues Jahr! Herumgehen und gratulieren tu ich nie; und nur selten, ausnahmsweis, schreib ich einen Glückwunsch – aber Du gehörst ja auch zu den Ausnahmen. Ich habe in den verflossenen Jahren öfter an Dich gedacht, und gedenke es ebenso zu halten im gegenwärtigen: ich habe, was Dich angeht, u.a. öfter daran gedacht, oder bedacht (und gedenke es fernerhin ebenso zu halten): Daß Du, mit Deinem Lebensschicksal versöhnt, in Geduld und stiller Ergebung, eine ebensogroße Aufgabe lösest wie wir andern, die auf einer größeren oder kleineren Bühne mitspielen, große Geschäfte treiben, Häuser bauen, große Bücher schreiben und Gott weiß was sonst tun. Deine Bühne ist unleugbar die kleinste: die der Einsamkeit und Innerlichkeit – aber die „Hauptsumme“, wie es im Prediger heißt, ist: wenn alles gehört ist, so kommt es doch hauptsächlich auf die Innerlichkeit an – und wenn alles vergessen ist, so kommt es ebenfalls auf die Innerlichkeit an. –

Dies ist vor einigen Tagen geschrieben, ich wurde unterbrochen und konnte den Brief nicht beenden. Heute ist Dein Vater bei mir gewesen, und dieser Umstand brachte es mir wieder in Erinnerung, den angefangenen Brief zu vollenden oder doch wenigstens zu beenden. Da war nämlich noch etwas, was ich hinzufügen wollte. Sollte ich Dir einen Rat fürs Leben geben oder, Deine besondere Lage bedenkend, Dir eine Lebensregel empfehlen, so würde ich sagen: Vergiß vor allem nicht die Pflicht, Dich selbst zu lieben, laß Dir dadurch, daß Du gewissermaßen aus dem Leben herausgenommen bist, daran verhindert, tätig in es einzugreifen, laß Dir dadurch, daß Du in den törichten Augen einer geschäftigen Welt etwas Überflüssiges bist, laß Dir dadurch vor allem nicht die Selbstachtung rauben, als ob in den liebevollen Augen einer allweisen Vorsehung Dein Leben, wenn es in Innerlichkeit vollbracht wird, nicht die gleiche Bedeutung und Giltigkeit hätte wie jedes andern Menschen Leben, und erheblich größere als der Emsigkeit emsiges, emsigeres, alleremsigstes Hasten mit – der Vergeudung des Lebens und dem Verlust seiner selbst. –

So leb denn wohl im neuen Jahr; macht es Dir zwischendurch einmal Freude, mich zu besuchen, so komm Du nur, Du bist willkommen.

Dein Vetter S.K.

Brief an den lahmen Vetter Hans Peder Kierkegaard, Jahreswende 1848/49 (?) Diederichs 35, 196f. (S.K.) – hier: S. 63f. aus: Søren Kierkegaard – Auswahl aus dem Gesamtwerk – VMA-Verlag, Wiesbaden – Lizenzausgabe 1979

Siehe auch meinen Beitrag: Publikumsbeschimpfung

Ian Anderson liest aus Sir Walter Scott: Marmion

Vor drei Jahren gab es hier einen Beitrag u.a. mit dem Titel „Weihnachtliches mit Onkel Ian“, in dem Ian Anderson von der Gruppe „Jethro Tull“ etwas der jetzigen Weihnachtszeit Gemäßes vortrug. Hier noch einmal aus gegebenen Anlass und weil ich es natürlich schön finde:

Apropos Weihnachten! Da habe ich doch auch etwas Nettes und komme so auch wieder auf unser eigentliches Thema zurück: Vielleicht kennt Ihr es ja bereits. Der Herr Anderson, wenn seine Singstimme auch nicht mehr das Wahre ist …, wenn er spricht, so finde ich die Stimme noch voll in Ordnung (wenn sie hier auch etwas kratzig klingt):

Es handelt sich hierbei um einen Radio-Beitrag zu einer Sendung namens „A Toss the Feathers Christmas Special 2004“ und wurde eben vor sechs Jahren über den amerikanischen Sender Public Radio International ausgestrahlt. Neben „Another Christmas Song“ und „Ring Out Solstice Bells” (am Ende) liest Ian Anderson aus Sir Walter Scott’s „Marmion“– Dichtung in sechs Gesängen (A Tale of Flodden Field in six Cantos) etwas Weihnachtliches vor:

INTRODUCTION TO CANTO SIXTH

Heap on more wood!-the wind is chill;
But let it whistle as it will,
We’ll keep our Christmas merry still.
Each age has deem’d the new-born year
The fittest time for festal cheer: 5
Even, heathen yet, the savage Dane
At Iol more deep the mead did drain;
High on the beach his galleys drew,
And feasted all his pirate crew;
Then in his low and pine-built hall, 10
Where shields and axes deck’d the wall,
They gorged upon the half-dress’d steer;
Caroused in seas of sable beer;
While round, in brutal jest, were thrown
The half-gnaw’d rib, and marrow-bone, 15
Or listen’d all, in grim delight,
While scalds yell’d out the joys of fight.
Then forth, in frenzy, would they hie,
While wildly-loose their red locks fly,
And dancing round the blazing pile, 20
They make such barbarous mirth the while,
As best might to the mind recall
The boisterous joys of Odin’s hall.

And well our Christian sires of old
Loved when the year its course had roll’d, 25
And brought blithe Christmas back again,
With all his hospitable train.
Domestic and religious rite
Gave honour to the holy night;
On Christmas eve the bells were rung; 30
On Christmas eve the mass was sung:
That only night in all the year,
Saw the stoled priest the chalice rear.
The damsel donn’d her kirtle sheen;
The hall was dress’d with holly green; 35
Forth to the wood did merry-men go,
To gather in the mistletoe.
Then open’d wide the Baron’s hall
To vassal, tenant, serf, and all;
Power laid his rod of rule aside, 40
And Ceremony doff’d his pride.
The heir, with roses in his shoes,
That night might village partner choose;
The Lord, underogating, share
The vulgar game of ‘post and pair.’ 45
All hail’d, with uncontroll’d delight,
And general voice, the happy night,
That to the cottage, as the crown,
Brought tidings of salvation down.

The fire, with well-dried logs supplied, 50
Went roaring up the chimney wide:
The huge hall-table’s oaken face,
Scrubb’d till it shone, the day to grace,
Bore then upon its massive board
No mark to part the squire and lord. 55
Then was brought in the lusty brawn,
By old blue-coated serving-man;
Then the grim boar’s head frown’d on high,
Crested with bays and rosemary.
Well can the green-garb’d ranger tell, 60
How, when, and where, the monster fell;
What dogs before his death he tore,
And all the baiting of the boar.
The wassel round, in good brown bowls,
Garnish’d with ribbons, blithely trowls. 65
There the huge sirloin reek’d; hard by
Plum-porridge stood, and Christmas pie:
Nor fail’d old Scotland to produce,
At such high tide, her savoury goose.
Then came the merry maskers in, 70
And carols roar’d with blithesome din;
If unmelodious was the song,
It was a hearty note, and strong.
Who lists may in their mumming see
Traces of ancient mystery; 75
White shirts supplied the masquerade,
And smutted cheeks the visors made;
But, O! what maskers, richly dight,
Can boast of bosoms half so light!
England was merry England, when 80
Old Christmas brought his sports again.
‘Twas Christmas broach’d the mightiest ale;
‘Twas Christmas told the merriest tale;
A Christmas gambol oft could cheer
The poor man’s heart through half the year. 85

Eine deutsche Übersetzung habe ich leider bisher nicht gefunden (wahrscheinlich gibt es auch keine), so dürft Ihr Euch selbst mit dem Schottischen herumschlagen (leider spricht Ian Anderson alles mehr oder weniger englisch aus. Schade eigentlich … Oder er kann nicht richtig schottisch).

Hermann Hesse: Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein.
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war,
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Hermann Hesse, November 1905

Auch wenn heute sogar die Sonne sich für Minuten zeigt: Der November ist ein Nebelmonat. Hier im Norden meist als Hochnebel. Nur am Morgen liegen dicke Nebelschwaden auf den Feldern und Äckern. Der November ist nicht nur durch diese düsteren Feiertage ein Melancholie erzeugender Monat. Das oft triste Wetter trägt maßgeblich dazu bei, in Depressionen zu verfallen. Aber es bleibt ein Sehnen nach besseren Tagen …

(Fast) unterschlagene Beiträge – Teil 26

Erste Street View Bilder aus Deutschland sind live

Es ist soweit: Die ersten Bilder von Google Street View sind für Deutschland verfügbar. Neben einigen Sehenswürdigkeiten (u.a. Köhlbrandbrücke, Hamburg) ist Oberstaufen/Oberallgäu in Bayern als erster Ort in Deutschland komplett via Street View zu betrachten.


Oberstaufen/Oberallgäu/Bayern

Schriftsteller Harry Mulisch gestorben

Er galt als einer der „Großen Drei“ der niederländischen Literatur. Vor allem sein Roman „Die Entdeckung des Himmels“ machte Harry Mulisch weltbekannt. Jetzt ist der 83-Jährige in Amsterdam an Krebs gestorben.

siehe auch meinen Beitrag: Harry Mulisch: Die Entdeckung des Himmels

Bahn will Y-Trasse auf den Weg bringenNiedersachsen gibt zehn Millionen für Y-Trasse

‚Niedersachsen ist einer der führenden Logistikstandorte in Europa. Es ist daher zwingend, die zentralen Verkehrsprojekte zügig voranzutreiben‘, erklärte Ministerpräsident David McAllister (CDU) vor allem mit Blick auf die Hafenhinterland-Anbindungen. ‚Wir brauchen das Y‘, bekundete Bahnchef Rüdiger Grube klipp und klar. Bis 2014 sollen die Planungen abgeschlossen werden.

Die Planungen der seit Jahrzehnten diskutierten Y-Trasse sollen nach den Worten von Bahn-Chef Rüdiger Grube jetzt beginnen. Die Neubaustrecke zwischen Hannover und Hamburg, von der ein Ast nach Bremen führen soll, könne bis 2020 fertig sein, sagte Grube am Montag nach dem Bremer Bahngipfel.

Siehe hierzu ältere Web-Kommentare auf www.albinz.net:

Ein leidiges Thema ist besonders die Planung der DBAG rund um die sogenannte Y-Trasse! Die Deutsche Bahn AG plant(e) nämlich eine zusätzliche Hochgeschwindigkeitsstrecke, die von der Strecke Hamburg – Bremen in Variante 1 von Rotenburg und in Variante 2 gleich hinter Tostedt aus Richtung Hannover führen soll(te). Angepriesen wurde das mit den ‚Vorteilen‘, die die Umsetzung dieses Vorhabens für die Anwohner unserer Region haben solle! Im Resultat würde der Neubau dieser sogenannten Y-Trasse zu den bereits rund 260 Zügen, die an Tostedt vorbeidonnern (und selten halten), weitere 200 und mehr Züge täglich ‚bescheren‘. Hinzu käme in der Tostedter Variante ein mehrere Meter hoher Bahndamm, der durch das Naturschutzgebiet „Obere Wümmeniederung“ führen sollte. Lärmschutzmaßnahmen waren/sind dagegen nicht eingeplant, da die Bahn für ihr damals mit 2,2 Milliarden DM und mehr veranschlagtes Vorhaben keine Erheblichkeit durch zusätzliche Lärmbeeinträchtigungen sah. Und das Ganze, um den ICEs zwischen den Richtungen Hamburg und München einige Minuten Fahrzeit zu ersparen.

Durch gravierende Fehler im Entwurf und sicherlich auch durch den massiven Widerstand der betroffenen Anwohner ist das Vorhaben erst einmal auf Eis gelegt. Und durch die sich abzeichnenden Verluste der Deutschen Bahn AG kann man nur hoffen, dass die Planungspapiere in irgendeiner Schublade verstauben werden. Aber wie ist das mit den Pferden vor der Apotheke?

Januar 2001

Ich habe es vorerst nur aus zweiter Hand: Angeblich soll das Raumordnungsverfahren (Hochgeschwingigkeitstrasse der Deutschen Bahn AG, allgemein Y-Trasse genannt) abgeschlossen sein. Danach hat man sich für die ‚billigste‘ aller drei Varianten, Variante 1 über Rotenburg/Wümme, entschieden. Wir in Tostedt sind dann durch die zusätzlich auf der Strecke Hannover – Rotenburg – Hamburg eingesetzten Züge betroffen, wenn es denn einmal dazu kommen sollte.

5. Juni 2002

Gruseltour in Edinburgh: Wenn Geister wieder lebendig werden

Auf einem Felsen thront eine Drakulaburg, die Innenstadt erinnert an die Kulisse eines Gruselfilms. Gespenstertouren sind in Edinburgh Trend. Wer richtig mutig ist, lässt sich unter das Gewirr aus Gassen und Hinterhöfen führen – und lernt das Fürchten: Edinburgh, die Hauptstadt Schottlands.

Dit un dat im Internet (4)

Beim Surfen durchs Internet stößt man ja immer wieder auf Seiten, auf die andere nicht unbedingt selbst kommen würden, aber vielleicht auch ganz interessant finden. Hier also wieder einige Websites, die auch Eure Aufmerksamkeit ‚erheischen’ könnten:

Da gibt es z.B. Music Map – die Landkarte der Musik. Gibt man den Namen eines Interpreten oder einer Band ein, so erscheint eine grafische Übersicht mit weiteren Namen. Je näher sich zwei Interpreten sind, desto wahrscheinlicher ist eine Überschneidung bei der Beliebtheit.

Beispiel: Jethro Tull – gibt man diesen Bandnamen ein, dann zeigt uns die ‚Landkarte’ Wahlverwandtschaften an, die von Yes und Gentle Giant über Pentangle bis hin zu Zappa führen. Das ist das Ergebnis der Frage: Was hören Menschen die Jethro Tull mögen sonst noch? Jeder Name kann wiederum angeklickt werden.

“Kaum hat Google seine Instant-Suche herausgebracht, hat ein findiger Informatik-Student YouTube-Instant programmiert. Das Ganze hat so viel Aufregung verursacht, dass ihm prompt vom YouTube-Chef höchstpersönlich ein Job angeboten wurde. Eine weitere Internet-Erfolgsstory.” Ob man das wirklich braucht?

Ein Slang-Wörterbuch auf Englisch – da können wir noch einiges lernen:
„urban dictionary“ ist ein Slang-Wörterbuch mit Definitionen von Usern für User. Die Definitionen können von jedem bewertet werden und wandern entsprechend auf eine Position in der Liste.

grammis: das grammatische Informationssystem des Instituts für deutsche Sprache (ids) bietet online eine systematische Grammatik des Deutschen, eine grammatische Bibliografie sowie Wörterbücher zur grammatischen Terminologie, zu den Funktionswörtern und zur Rechtschreibung.” “grammis® ist ein Angebot des IDS in Mannheim, das zum Ziel hat, die oft schwer verständliche deutsche Grammatik leichter zugänglich und, soweit möglich, unterhaltsam und interessant zu machen.”

Join me ist das recht geniale Konzept seinen Computerbildschirm einfach mit Kollegen/Freunden etc zu teilen, indem man sie zu sich einlädt. Mit einem kleinen Programm kann man nebenher telefonieren oder chatten, um sich über die Arbeit des anderen auszutauschen, Tipps zu geben oder zu diskutieren. So schreibt join.me dann auch „Our sincere condolences to mahogany conference tables everywhere“, die können jetzt nämlich abgeschafft werden.

booklooker.de – gebrauchte und antiquarische Bücher online kaufen und verkaufen im Online-Antiquariat. Ein Preisvergleich zu amazon.de lohnt sich … manchmal.

100 Fragen beim Vorstellungsgespräch: Wie gut, dass ich das wohl nie mehr brauche. Aber für den erfolgsträchtigen Nachwuchs sicherlich hilfreich: Bewerbungsgespräche sind ein bisschen wie erste Dates: Man ist nervös. Man möchte, dass es klappt. Man schwitzt diesen unangenehm kalten Schweiß aus. Man stottert vielliecht sogar. Wenn man sich ein bisschen vorbereitet, kann man sich schon mal viel von dem ganzen Stress nehmen. Hier finden sich die 100 häufigsten Fragen bei Bewerbungsgesprächen. Viel Spaß beim Pauken.

Friedrich Dürrenmatt: Der Verdacht

Mit Max Frisch ist Friedrich Dürrenmatt einer der größten Schriftsteller der Schweiz in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Während ich von Frisch fast alles gelesen habe, habe ich zu Dürrenmatts Bücher eher sporadisch gegriffen, vielleicht weil es mir in der Absurdität seiner Werke immer etwas zu übertrieben und fernab der feinen Psychologie der Romane und Stücke eines Max Frisch war.

Aus dem ausgesonderten Bücherbestand von Freunden und Bekannten, die für den Verkauf beim letzten Flohmarkt in Tostedt zusammen getragen wurden, habe ich den kleinen Roman „Der Verdacht“ von Friedrich Dürrenmatt ‚gerettet’ und gelesen.

Es handelt sich bei dem gerade einmal 120 Seiten langen Werk um einen Kriminalroman. Wenn große Schriftsteller Kriminalromane schreiben, bin ich meist skeptisch. Aber dieser kleine Roman hat es in sich, denn Kriminalkommissär Bärlach begibt sich als Patient in die Macht eines verbrecherischen Arztes, um unter Lebensgefahr dessen dunkle Vergangenheit aufzudecken. Dürrenmatt enthüllt die pathologische Physiognomie und Psyche einer Zeit, die den Menschen an den Unmenschen ausgeliefert hat. Dr. Emmenberger war Lagerarzt des KZ Stutthof bei Danzig. Das einzige Opfer, das Emmenbergers grausame Experimente überlebt hat, der geheimnisumwitterte Jude Gulliver, hilft Bärlauch bei der Überführung des Verbrechers. Nicht allein die erregende Entlarvung Emmenbergers, auch die Enthüllung der Hintergründe und Abgründe menschlichen Tuns in einer unmenschlichen Zeit machen dieses Buch zu einer eigenwillig aktuellen Dichtung.

Als sich Bärlach und Emmenberger gegenüberstehen, rechtfertigt der Arzt sein Tun mit einem Credo besonderer Art – seinem Glauben an die Materie:

Es ist unsinnig in einer Welt, die ihrer Struktur nach eine Lotterie ist, nach dem Wohl der Menschen zu trachten … Es ist Unsinn, an die Materie zu glauben und zugleich an einen Humanismus, man kann nur an die Materie glauben und an das Ich. Es gibt keine Gerechtigkeit – wie könnte die Materie gerecht sein -, es gibt nur die Freiheit, die nicht verdient werden kann – da müßte es eine Gerechtigkeit gebe -, die nicht gegeben werden kann – wer könnte sie geben -, sondern die man sich nehmen muß. Die Freiheit ist der Mut zum Verbrechen, weil sie selbst ein Verbrechen ist.

Ich wagte es, ich selbst zu sein und nichts außerdem, ich gab mich dem hin, was mich frei machte, dem Mord und der Folter; denn wenn ich einen anderen Menschen töte … werde ich frei, werde ich nichts als ein Augenblick, aber was für ein Augenblick! An Intensität gleich ungeheuer wie die Materie, gleich mächtig wie sie, gleich unberechtigt wie sie, und in den Schreien und in der Qual … spiegelt sich mein Triumph und meine Freiheit und nichts außerdem.

(S. 109 f. – rororo Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, Band 448 – März 1973)

siehe auch meinen Beitrag: Bestie Mensch

Mario Vargas Llosa: Das grüne Haus

El Sargento echa una ojeada a la Madre Patrocinio y el moscardón sigue alli. La lancha cabecea sobre las aguas turbias, entre dos murallas de ároles que exhalan un vaho quemante, pegajoso. Ovillados bajo el pamacari, desundos de la cintura para arriba, los guardias duermen abrigados por el verdoso, amaerillento sol del mediodia : la cabeza del Chiquito yace sobre el vientre del Pesado, el Rubio transpira a chorros, el Oscuro gruñe con la boca abierta. Una sombrilla de jejenes escolta la lancha, entre los cuerpos evolucionan mariposas, avispas, moscas gordas. El motor ronca parejo, se atora, ronca y el práctivo Nieves llerva el timon con la izquierda, con la derecha fuma y su rostro, .. muy bruñido, permonece inalterable bajo el sombrero de paja ..

Der Sargento wirft einen Blick auf Madre Patrocinio und die fette Schmeißfliege sitzt immer noch da. Das Motorboot hopst auf den trüben Wellen dahin, zwischen zwei Mauern aus Bäumen, die einen stickigen, heißen Dunst ausatmen. Unter dem Sonnendach zusammengerollt, vom Gürtel aufwärts nackt, schlafen die Guardias, gewärmt von der grünlich-gelblichen Mittagssonne: Der Kopf des Knirpses liegt auf dem Bauch des Fetten, der Blonde ist in Schweiß gebadet, der Dunkle schnarcht mit offnem Mund. Ein Schirm aus Insekten begleitet das Boot, zwischen den Körpern kreisen Schmetterlinge, Wespen und dicke Fliegen. Der Motor rattert gleichmäßig vor sich hin, stottert, rattert wieder und der Lotse Nieves führt das Steuer mit der linken hand, mit der rechten raucht er und sein tief gebräuntes Gesicht unter dem Strohhut bleibt unverändert.

aus: Mario Vargas Llosa: Das grüne Haus (La casa verde, Barcelona 1965) – suhrkamp taschenbuch st 342 – 3. Auflage 1980 – Deutsch von Wolfgang A. Luchting

Mario Vargas Llosa
Foto: Daniele Devoti – Padova, Italien (13. Juni 2010)

So beginnt der 1965 erschienene Roman „Das grüne Haus“ (La casa verde) von Mario Vargas Llosa, der in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur erhält. Das Buch wird von einigen Kritikern als Vargas Llosas wichtigstes Werk und einer der bedeutendsten lateinamerikanischen Romane überhaupt angesehen. „Das grüne Haus“ kann als „Vargas Llosas komplexestes Werk gesehen werden, in dem die spezifisch lateinamerikanische Lebenserfahrung des Autors am reichsten Gestalten und Geschichten hervorgetrieben hat“. Der Roman führt in eine uns unbekannte Welt: Der Schauplatz ist eine vom Urwald geprägte, steinzeitlich wirkende und dünn besiedelte Amazonasregion mit Missionsstation und einer Garnison – kontrastiert mit einer europäisch beeinflussten Kleinstadt an der Küste mit Oberschicht, Kleinbürgertum, Elendsvierteln und dem außerhalb liegenden Bordell namens „casa verde“. In diesem Roman werden fünf kunstvoll parallel geführte Handlungsstränge, in denen Personen und Motive zum Teil aufeinander bezogen sind, zu einem Ganzen zusammengeführt. Fragmente der fünf Handlungsstränge werden in den einzelnen Kapiteln zunächst systematisch und später sporadisch aneinandergefügt, so dass sich der Eindruck einer Simultanbühne mit fünf Stücken ergibt. Die Handlungsstränge umfassen einen Zeitraum vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre:

· Die Missionsstation und das Schicksal eines geraubten, missionierten und später verstoßenen Indiomädchens namens „Bonifacia“, welches später im Bordell „casa verde“ arbeitet.
· Die Geschichte des japanischen Abenteurers „Fushia“, der sich ein Urwaldimperium errichtet hat.
· Das Schicksal des reichen Begründers des Bordells „casa verde“, „Don Anselmo“, und seiner Tochter „Chunga“.
· Die Machenschaften der Kautschukhändler, die Indios und Soldaten gleichermaßen zum Spielball ihrer Interessen machen.
· Die Beschreibung von vier Stammgästen des Bordells, den „Unbezwingbaren“, und der Beziehung ihres Anführers „Lituma“ zu der Prostituierten „Bonifacia“ (in diesem Handlungsstrang meist „Selvatica“ genannt).

Nordperu - Schauplatz: Das grüne Haus

Ich habe diesen Roman zum ersten Mal 1982 gelesen. Vargas Llosa setzte dabei Techniken beim Schreiben ein, die es dem Leser nicht immer einfach machen, sich zurecht zufinden. Vargas Llosa zielte darauf ab, beim Leser dieselbe Desorientierung hervorzurufen, die auch die Sinnsuche der Romanfiguren charakterisiere. Dafür benutzte er Techniken wie die Fragmentierung der Handlung, die bewusste Verwendung von Handlungslücken, die plötzliche und unvorbereitete Einführung neuer Situationen, das Einfügen von Fragmenten anderer Erzählungen, die Ineinanderschachtelung bzw. Verschränkung von Rahmenerzählungen, mythische Elemente, sowie die Verschiebung, Überblendung und Vermischung von Erzählperspektiven (Weiteres zu dieser so genannten Desorientierungstechnik).

Alle Werke in deutscher Sprache von Mario Vargas Llosa

Protagonisten: Das grüne Haus
meine handschriftliche Übersicht – Protagonisten aus: Das grüne Haus

Carajo, Caramba: Im Spanischen gibt es eine Reihe von Interjektionen (Ausrufe), die heute keinerlei definierten Bedeutungsgehalt mehr haben und lediglich verschiedene Grade von emotioneller Intensität – Überraschung, Staunen, Zorn, Ärger – ausdrücken. Die Intensitätshierarchie ist folgende:

am schwächsten – caramba;
stärker, aber durchaus noch salonfähig (wenn auch selten von Frauen benutzt) – caray;
schon sehr kräftig – caracho (sprich. ka’ratscho);
am gröbsten, beinahe unflätig klingt – carajo (sprich: ka’racho).

Diminutive (Verkleinerungswort, im Deutschen mit Endsilben –chen oder –lein): Ihre Funktion im Spanischen, ganz besonders im Hispanoamerikanischen, ist vielfältig. Sie bedeuten weniger eine Verniedlichung als eine affektive Betrachtung der jeweiligen Umstände, Personen oder Gegenstände. So mag man etwa hören, jemand sei schon en la mañanita aufgestanden. Also etwa „ganz, ganz früh am Morgen“ statt „früh morgens“ etc. In einigen Regionen Perus werden Diminutive ungewöhnlich häufig benutzt – etwa im Norden (Piura) oder in Lima, vor allem aber auch unter den Bewohnern der Sierra, also den Indios. Diminutive sind dabei keineswegs Substantiven vorbehalten: hasta lueguito (statt hast luego) etwa, was approximativ so etwas Ähnliches wie „bis nachherchen“ oder „bis späterchen“ wäre, drückt Freundschaftlichkeit, Zuneigung des Sprechers dem gegenüber aus, zu dem er es sagt.

aus: Mario Vargas Llosa: Das grüne Haus – suhrkamp taschenbuch st 342 – 3. Auflage 1980 – Anmerkungen von Wolfgang A. Luchting

… und so endet der Roman:

„Ich komm vorbei und hol Sie ab”, sagt Doktor Zevallos. „Dann gehen wir zusammen zur Totenwache. Versuchen Sie gute acht Stunden zu schlafen, mindestens.“
„Ich weiß, ich weiß“, knurrt Padre García. „Geben Sie mir doch nicht dauernd Ratschläge.“

– Yo pasaré a buscarlo – dice el doctor Zevallos -. Vendremos juntos al velorio. Trate de dormir unas ocho horas, lo menos.
– Ya sé, ya sé – gruñe el Padre García -. No me esté dando consejos todo el tempo.

Martin Walser: Leben und Schreiben: Tagebücher 1963-1973

Warum dieser Schmerz, mein Herz
warum dieses Weh, meine
Seele, warum diese Schwere
aller meiner Gedanken.

aus Martin Walser: Leben und Schreiben: Tagebücher 1963-1973
Tagebuch 1971, Seite 437 – Rowohlt Taschenbuch Verlag, Februar 2009

Tagebücher, selbst die von erlesenen Schriftstellern, sind nicht jedermanns Sache. Die sind manchmal Literatur pur (wie bei Max Frisch, dessen Tagebücher geradezu eine neue literarische Form begründeten) oder bei der Betrachtung und Beurteilung eines Schriftstellers unentbehrlich (wie bei Franz Kafka, dessen Tagebücher dazu beitragen, sein eigentlich literarische Werk zu verstehen).

In den letzten Jahren hat nun auch Martin Walser Tagebücher veröffentlicht:

Leben und Schreiben. Tagebücher 1951-1962, Rowohlt, Reinbek 2005
Leben und Schreiben. Tagebücher 1963-1973, Rowohlt, Reinbek 2008
Leben und Schreiben. Tagebücher 1974-1978, Rowohlt, Reinbek 2010

Lange habe ich mir überlegt, ob ich mir diese Tagebücher kaufen soll. Während meiner kleinen Rhein-Tour diesen Jahres, beim Aufenthalt in Düsseldorf, schaute ich mit meinen Söhnen auch in mehrere Buchläden hinein – und fand den 2. Band dieser Bücher (Tagebücher 1963-1973) als so genanntes Mängelexemplar für weniger als den halben Preis.

Tagebücher lassen sich nicht wie ein Roman in einem Rutsch lesen. Wenigstens ich kann das nicht. Mein Verdacht wurde in diesem Fall bestätigt: Martin Walsers Tagebücher können nicht mit seinen großen Romanen und Erzählungen ‚mithalten’. Das Urteil, sie wären langweilig, kann ich aber nicht bestätigen.

Erst einmal werden Tagebücher für den ‚privaten Gebrauch’ geschrieben. Das gilt in der Regel auch für Schriftsteller, es sei denn ihnen wird bewusst, dass die geschriebenen Tagebucheintragungen später einmal literarisch aufgearbeitet oder schon zu Lebzeiten veröffentlicht werden könnten. Die Tagebücher 1963-1973 von Martin Walser, so denke ich, waren sehr privater Natur. Er nutzte sie sicherlich für Skizzen zu späteren Werken; er entblätterte sich und sein Befinden in einer Weise, die selbst in späteren Werken so nicht vorkommt. „Was ich ins Tagebuch schreibe, ist prinzipiell unverbesserlich.“ Schreibt Walser in einem späteren Nachwort.

Im zweiten Band der Tagebücher hält Martin Walser seine Eindrücke während der Frankfurter Auschwitz-Prozesses fest, seine Reisen nach Moskau, Eriwan und Tbilissi, dann kreuz und quer durch Europa und Nordamerika.

Er kommentiert die Studentenproteste, spricht über durchzechte Nächte mit seinem Verleger und immer wieder über das Schreiben selbst: Erzählen ist ihm „der Versuch, mit geschlossenem Mund zu singen“. Seine Tagebücher gewähren überraschende Einblicke, sie zeigen „einen verletzlichen Martin Walser, den man bisher noch nicht kannte.“ (Die Zeit)

Martin Walser ist als politischer Schriftsteller bekannt. So mag es enttäuschen, dass er sich in diesen Tagebücher politisch kaum äußert. Wir wissen allerdings, das er sich noch 1961 im Wahlkampf für die SPD und Willy Brandt eingesetzt hat. Brandts ausweichende Haltung zum Vietnamkrieg war dann einer der Gründe für Walsers zunehmende Distanz zur SPD und seine Linksorientierung ab Mitte der 60er Jahre.

Wenn sich Walser politisch äußert, dann fast immer im Zusammenhang mit seinem seelischen Befinden, seiner Verletzlichkeit, seinem Unmut, unverstanden zu sein. Es gibt aber immer wieder eine Kritik an scheinbar demokratisch legitimierten Entscheidungen der Politik: „Über Erkenntnisse und Wahrheiten kann übrigens nicht mit Mehrheit beschlossen werden.“ (S: 563 der Taschenbuchausgabe 2009)

Eintragung Tagebuch: Orli Loks aus dem Roman „Das Einhorn“, Anselm Kristleins große Liebe
Eintragung Tagebuch: Orli Loks aus dem Roman „Das Einhorn“, Anselm Kristleins große Liebe

Zu anderen Schriftstellern äußert er sich kaum. Auf die Schnelle habe ich z.B. nur einen Verweis auf die“ … manieristische oder Verklausulierungsmethode des Thomas Mann …“ gefunden (S. 362). Martin Walser zeigt sich aber empfindlich in der Kritik anderer an seinen Werken, er fühlt sich verletzt bis ins Mark.

Ebenso am Boden zerstört ist Walser, als seine Mutter 1967 stirbt. Da ist er 40 Jahre alt. An literarische Arbeit ist nicht zu denken – außer in einer Aufarbeitung in seinem Tagebuch. Hier ist das Tagebuch wirklich ganz privat, ganz intim.

1973 reist Martin Walser für sechs Monate als Gastdozent in die USA (Middlebury College, Vermont und University of Texas, Austin). Zusammen mit den Ereignissen eines viermonatiger USA-Aufenthalt 1983 als Gastdozent an der University of California, Berkeley verarbeitet er diese später; es entsteht 1985 daraus der Roman „Die Brandung“ (siehe auch meinen Beitrag zum Roman Die Brandung). Wie im Roman (dort die als „schöne Dumme“ bezeichnete Fran, ein All-American-Girl) so verliebt sich Walser in eine junge Studentin, Biddie. Diese Liaison hat natürlich keine Zukunft.

Man mag den literarischen Wert solcher Tagebücher – vor allem für den normalen Leser – bestreiten. In diesem Fall sollte man schon ein eingefleischter Fan von Martin Walser sein, um die Lektüre ‚ungeschadet’ zu überstehen. Trotzdem stellt sich solch ein Band von Tagebüchern als Fundgrube brillanter Etüden, Miniaturen, Aphorismen und kryptischer Andeutungen dar. Hier zum Schluss eine kleine Zusammenstellung von Aphorismen, die mir besonders gefallen haben:

– Den Gegner zum Gott machen und dann Atheist werden. Das ist die Lösung.
– Sie ging in die Garderobe, schminkte sich ab und war fertig zum Auftritt.
– Was mich mit meinen Freunden oder Bekannten verbindet, ist eine Serie von Stillhalte-Konventionen.
– Was soll ich Ihnen noch küssen, Gnädigste?
– Ich huste Mückenschwärme ins Abendlicht und laß mir von Schwalben in die Zeitung scheißen.
– Jeder, dem die Gesellschaft gestattet, etwas anderes zu sein, als er ist, ist ein Funktionär.
– Wer Angst hat, will Schrecken verbreiten.
– Vor sich selber hat keiner Angst.
– Es wäre viel ehrlicher, wenn ich mich mal gehenließe und richtig lügen würde.
– Ich wünschte, ich wünsche, ich zähle die Wünsche, probiere sie an und lasse sie ändern …
– Leben ist mir zur Gewohnheit geworden.
– Ich tauge nur noch zum Feind …

aus Martin Walser: Leben und Schreiben: Tagebücher 1963-1973 – Rowohlt Taschenbuch Verlag, Februar 2009

siehe auch: Martin Walser: [Das Herz]Daher der Name Bratkartoffel (3)

Literaturnobelpreis 2010 an den Peruaner Mario Vargas Llosa

Todavía llevaban pantalón corto ese año, aún no fumábamos, entre todos los deportes preferían el fútbol y estábamos aprendiendo a correr olas, a zambullirnos desde el segundo trampolín del “Terrazas”, y eran traviesos, lampiños, curiosos, muy ágiles, voraces. Ese año, cuando Cuéllar entró al Colegio Champagnat.

.. und auf Deutsch …

In dem Jahr damals trugen sie noch kurze Hosen, wir rauchten noch nicht, unter allen Sportarten zogen sie Fußball vor und wir lernten gerade Wellenreiten, vom zweiten Sprungbrett des >Terrazas< ins Wasser hechten, und sie waren ungezogen, bartlos, wißbegierig, sehr behände, gefräßig. In dem Jahr damals, als Cuéllar ins Colegio Champagnat eintrat.

So beginnt eine Erzählung von Mario Vargas Llosa aus dem Jahre 1967: Die kleinen Hunde (Los Cachorros) – Deutsch von Wolfgang Alexander Luchting (hier: Band 439 der Bibliothek Suhrkamp – 1. Auflage 1975), das erste Buch von Vargas Llosa, das ich 1981 gelesen habe, also vor fast 30 Jahren.

Bei dieser Erzählung handelt es sich um eine Parabel der sozialen Integration – ein Thema, das uns heute auch in Deutschland, wenn auch in anderer Weise, sehr beschäftigt. Die wenigen Zeilen zeigen bereits, dass der Autor die Sprache nutzt, um durch einen ständigen Wandel des Bildwinkels (er schreibt zunächst in 3. Person Mehrzahl (sie), wechselt dann ständig in die 1. Person (wir)) den Leser ‚hin- und herzureißen’ und so die Aufmerksamkeit auf das weitere Geschehen zu lenken.

Erzählt wird die Geschichte einer Jugendclique aus einem Villenvorort der peruanischen Hauptstadt Lima. Die Mitglieder dieser Clique berichten, wie sie das Colegio Champagnat durchliefen, gemeinsam Sport trieben, Mädchen kennen lernten und schließlich gesetzter und dicker zu werden begannen. Im Mittelpunkt der Berichte steht einer von ihnen, den ein Hundebiss kastrierte: Pichula Cuéllar, ein reicher, begabter Fabrikantensohn, der im Alter von elf Jahren zu ihnen stieß und später bei einer Fahrt durchs Land ums Leben kommt.

Mario Vargas Llosa
Foto: Daniele Devoti – Padova, Italien (13. Juni 2010)

Was soll ich sagen? Nicht nur der Suhrkamp-Verlag freut sich als deutscher Verleger des neuen Preisträgers des Nobelpreises für Literatur, auch ich konnte meine Freude nicht verheimlichen: Mario Vargas Llosa ist eben schon seit 1981 einer meiner Lieblingsautoren, wenn ich ihn auch bisher in diesem Block (und auch zuletzt beim Lesen) eher stiefmütterlich behandelt habe. Der Roman „Das Grüne Haus“ (dazu später mehr) zählt trotz seiner Komplexität zu meinen absoluten Favoriten der Literatur.

Nun eigentlich fast alle Werke von Mario Vargas Llosa sind in deutscher Sprache verfügbar. Viele von Vargas Llosas Werken spielen in Peru und thematisieren dessen Gesellschaft. Er kritisiert häufig undemokratische und korrupte links- oder rechtsgerichtete Systeme, die niedrige Schwelle zur Gewaltbereitschaft, und die teilweise rassistische Klassenordnung in Peru und Lateinamerika.

Den Nobel-Preis erhielt Vargas Llosa für seine „Kartographie von Machtstrukturen und seine scharf gezeichneten Bilder individuellen Widerstands“ gegen diese Strukturen. 1994 erhielt Vargas Llosa bereits den Cervantes-Preis, die höchste literarische Auszeichnung in der spanischsprachigen Welt. 1996 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

siehe auch zdf.de: Video Literatur-Nobelpreis: Mario Vargas Llosa

Daher der Name Bratkartoffel (3)

In der Stilistikstunde hat sie gelernt: Einen hinter die Binde gießen. HK hat erklärt, daß diese Redensart aus den 20er Jahren stammt. Genau so wie Ausgerechnet Bananen. Genau so wie Du kriegst die Tür nicht zu. Genau so wie Einen über den Durst trinken. ER flicht ein: Eins. HK besteht ganz hart darauf, daß es heiße: Einen über den Durst trinken. Und fährt fort mit Beispielen wie Au Backe, Weg vom Fenster.

aus Martin Walser: Leben und Schreiben: Tagebücher 1963-1973
Tagebuch 1973, Seite 613 – Rowohlt Taschenbuch Verlag, Februar 2009

ER ist Walser selbst, HK einer der Professoren des Middlebury College in Vermont, wo Martin Walser 1973 als Gastdozent tätig war. Wer sich mit Sprache und wer sich mit Literatur beschäftigt, kommt an Redensarten nicht vorbei. Will man eine Fremdsprache möglichst gut beherrschen, so muss man besonders ihre Redensarten kennen.

Martin Walser beschreibt hier eine Szene während eines Deutsch-Seminars. Selbst hat er immer wieder seinen Protagonisten solche Redensarten in den Mund gelegt. In seinem Roman Halbzeit lässt er den Gehilfe eines Friseurs immer wieder „Ausgerechnet Bananen“ sagen, eine Redensart, die Unmut kund tun soll, also ein Ausdruck von Enttäuschung ist. Eigentlich lässt sich hiermit aber auch alles andere, also nichts Bestimmtes sagen.

Dieser Ausspruch stammt aus einem Schlager aus den 20er Jahren. Dort heißt es im Refrain: Ausgerechnet Bananen, Bananen verlangt sie von mir. Im Original heißt das übrigens: Yes! We have no bananas, We have no bananas today. Das Lied entstammt aus einer Broadway-Revue aus dem Jahre 1922. Die deutsche Version „Ausgerechnet Bananen“ findet sich dann in Billy Wilders 1961 gedrehter Filmkomödie One, Two, Three (dt. Eins, Zwei, Drei) noch einmal.

Walser hat sich öfter mit Redensarten beschäftigt. Es hat das ebenfalls in seinem Roman „Halbzeit“ 1960 am Beispiel des Modeworts „Pattern“ sehr schön beschrieben, wie eine solche Redensart zustande kommen kann. Ganz einfach: Einer „erfindet“ sie, ganz zufällig, und die anderen plappern sie nach….“: „Pattern war um Weihnachten herum aufgetaucht. Edmund brachte immer Wörter, um die man ihn beneidete, weil diese Wörter einem sofort als unersetzlich erschienen. Man glaubte, es habe immer schon ein Bedürfnis gerade nach diesen Wörtern bestanden. Wenn Edmund auf einen Teppich zeigte und fragte: wie gefällt dir dieses Pattern? dann wagte man kaum mehr an Muster zu denken …“

Aber, um bei Martin Walser zu bleiben, er hat auch selbst Redensarten geprägt. Für Walser setzt jemand die Moralkeule ein, der Moral als Waffe benutzt, z.B. bei einer Diskussion moralisch-sittlich argumentiert, um den Gegner zu diskreditieren.

Die Liste, allein mit Beispielen anhand des Schriftstellers Martin Walser, ließe sich beliebig verlängern. So am Schluss dann noch folgendes interessante Beispiel aus Walsers Buch „Aus dem Wortschatz unserer Kämpfe“ (Düsseldorf 1971, Reinbek bei Hamburg, 1981 – S. 7-12, hier S. 9), wo er in sieben mehrseitigen „Szenen“ die Brutalität zwischenmenschlicher Beziehungen durch Dutzende von zeichenhaften Phraseologismen anprangert (aus dem Text „Kampf mit einem Überlegenen, der nichts hört“):

Menschenskind, Ihnen ist wirklich nicht mehr zu helfen. Sie sollen mich mal von der anderen Seite kennenlernen. Und nicht zu knapp. Ihnen werde ich mal zeigen, was ne Harke ist. Sie haben bei mir verschissen bis in die Steinzeit. Daß das klar ist. Sie mach ich ja so zur Sau. Sie werden sich wundern. Ihnen wird Hören und Sehen vergehen, das versprech ich Ihnen. Sie werden alle Engel singen hören, da können Sie Gift drauf nehmen. Ihnen wird der Arsch auf Grundeis gehen, das dürfen Sie mir glauben. Sie pfeifen aus dem letzten Loch. Mit Ihnen werde ich Schlitten fahren. Mann, mit Ihnen mach ich kurzen Prozeß. Sie mach ich fertig bis auf die Knochen, kurz und klein schlag ich Sie, dann werden Sie schon sehen. Das haben Sie sich selbst zuzuschreiben. Was zu weit geht, das geht nicht. Da können Sie machen, was sie wollen. Mit mir nicht. Nicht mit mir. Das kann ich Ihnen sagen. Das können Sie sich gesagt sein lassen. Ein für alle Mal. Wo kämen wir denn da hin.

Übrigens: Ein erster Entwurf hierzu findet sich in „Leben und Schreiben: Tagebücher 1963-1973“ – Tagebuch 1968, S. 299 – 305 unter:

Wortschatz. Der Überlegene hört nichts. Wortgefecht …

Anmerkung zum Text: Wortschatz: „Aus dem Wortschatz unserer Kämpfe. Szenen.“ Zunächst als Hörspiel (gesendet im WDR, 22.10.1969), dann als Theaterstück für vier Personen verfaßt, Uraufführung unter dem Titel „Ein reizender Abend“ im Théàtre des Casemats, Luxemburg, am 10.7.1972. Der Text ist ein erster Entwurf der ersten Szene.

siehe auch: Daher der Name Bratkartoffel (1)
siehe auch: Daher der Name Bratkartoffel (2)

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