Kleine Zeitgeschichte für Fortgeschrittene

Gerade zur beginnenden Weihnachtszeit sollte man derer gedenken, die nicht von den Segnungen von Demokratie, Wohlstand oder Frieden bedacht sind. Ich möchte hier drei Bücher vorstellen und anempflehlen, die bei zweitausendeins zu kaufen sind, die den Gabentisch vielleicht etwas schwer belasten, die aber eine Zeitgeschichte vermitteln, die wir nicht in den Tagesnachrichten verfolgen können.

Ich habe nichts gegen Israel. Israelis haben das gleiche Recht darauf, innerhalb eines eigenen Staates zu leben. Aber die Gründung des Staates Israel ist mit großem Unrecht belastet, das nicht verschwiegen werden darf, so wie das völkermordende Unrecht der Nazi-Diktatur niemals unter den Teppich gekehrt werden darf. Und auch das Elend chinesicher Bauern sollte nicht hinter leuchtenden Reklamen verschwinden. Vom Elend in Afrika ganz zu schweigen (oder eben nicht zu schweigen):

Die ethnische Säuberung Palästinas. Die Vertreibung von 800.000 Menschen vor, während und nach der Gründung Israels. Dokumentation von Ilan Pappe.

Zwei Monate vor dem Ende der britischen Verwaltung Palästinas im Auftrag der UN, am 10. März 1948, trifft sich im Roten Haus in Tel Aviv, dem Hauptquartier der Untergrundmiliz Hagana, eine Runde hochrangiger zionistischer Politiker. Eingeladen hat David Ben Gurion, später Ministerpräsident Israels. Mit dabei sind Politiker und Militärführer wie unter anderem Yigal Allon (später Außenminister), Moshe Dayan (später Verteidigungs- und Außenminister), Yigael Yadin (später stellvertretender Ministerpräsident), Yitzchak Rabin (später Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger).

Sie verabreden die Endfassung eines Masterplans zur Vertreibung der arabischen Bevölkerung: „Plan Dalet“ (Plan D). Das Land – nur zu elf Prozent im Besitz der jüdischen Einwanderer, die nicht einmal ein Drittel der Einwohner stellen – soll systematisch freigemacht werden für eine endgültige jüdische Besiedelung, und hierzu ist jedes Mittel recht.

Der israelische Historiker und Politikwissenschaftler Ilan Pappe ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Haifa und Leiter des dortigen Instituts für Konfliktforschung. Anhand von Augenzeugenberichten, Tagebuchauszügen und Dokumenten aus Militärarchiven, die bis vor kurzem unter Verschluss gehalten wurden, zeichnet er ein Bild der Ereignisse zwischen 1947 und 1948, das der offiziellen Geschichtsdarstellung und dem Gründungsmythos Israels in entscheidenden Punkten widerspricht. (Wegen des Drucks, dem er seit der Veröffentlichung seines Buchs ausgesetzt ist, verlegt er in diesem Jahr seinen Wohnsitz zumindest vorübergehend nach Großbritannien.)

Ilan Pappe „Die ethnische Säuberung Palästinas“. Deutsche Erstausgabe. Deutsch von Ulrike Bischoff. 19 Fotos. 416 Seiten. Fester Einband.

Der verbotene Millionenseller. Ausgezeichnet mit dem Lettre Ulysses Award, dem „Nobelpreis für Journalismus“.

Die chinesische Wirtschaft boomt mit zweistelligen Zuwachsraten. Für die Europäer ist die Volksrepublik ein riesiger Zukunftsmarkt. Doch abseits der neuen Megastädte leben über 60 Prozent der chinesischen Bevölkerung in bitterer Armut: 900 Millionen Bauern, Land- und Wanderarbeiter. Auf dem Land herrschen Despotie und Willkür. Die Bauern werden mit unsäglichen Steuern und Abgaben belegt – zugunsten der stürmischen industriellen Entwicklung und der Prosperität der Ostküstenmetropolen. China ist ökonomisch und kulturell tief zerrissen – so tief, dass selbst die Bewohner von Peking und Schanghai so gut wie nichts über die Lebensbedingungen der Bauern wissen.

„Über Monate haben sich die Reporter Chen Guidi und Wu Chuntao in den Dörfern der chinesischen Bauern aufgehalten, Minute für Minute, Dokument für Dokument rekonstruiert, mit radikaler Rechtschaffenheit dargelegt, was Korruption, mafiose Verstrickungen, Mord im großen Reich angerichtet haben, für dessen Befreiung von Willkür in der großen Revolution Millionen starben“ (Die Zeit).

Chen und Wus Reportage „Zur Lage der chinesischen Bauern“ wurde in China sofort nach Erscheinen zum Bestseller. Doch bereits bei den Vorbereitungen für eine zweite Auflage schritt die Zensurbehörde ein. Inzwischen kursiert ihr Buch millionenfach als Raubkopie. Jetzt gibt es exklusiv bei uns erstmals die deutsche Übersetzung aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann.

Chen Guidi/Wu Chuntao. „Zur Lage der chinesichen Bauern“. Mit zwei Karten. 600 Seiten.

„Ich weiß, dass es Gott gibt, denn ich habe dem Teufel die Hand geschüttelt.“

„Die akribische Beschreibung des vielleicht schlimmsten Verrats der Menschheitsgeschichte, ein Buch, das man lesen muss“ (Guardian): UNO-General Roméo Dallaire, Leiter UN-Friedensmission in Ruanda, kämpfte erst verzweifelt gegen den drohenden Genoid Als der schnellste Völkermord unserer Zeitgeschichte beginnt, hält er gegen den Nicht-Eingreifen-Befehl der UN-Zentrale mit seiner kleinen Truppe von 250 Ghanaern aus. Ihre Selbstlosigkeit und Tapferkeit konnten die furchtbaren Ereignisse jedoch nicht aufhalten. Der Westen schaute zu … „Nach meiner Rückkehr aus Ruanda fragte mich ein Armeegeistlicher, wie ich weiterhin an Gott glauben könne. Ich weiß, dass es einen Gott gibt, antwortete ich ihm, weil ich in Ruanda dem Teufel die Hand geschüttelt habe“ (Dallaire). „Wer einen Einblick gewinnen will, welche Mechanismen hinter den Kulissen der Vereinten Nationen ablaufen, muss dieses Buch lesen – und wundert sich beim Blick auf Krisenregionen wie Darfur im Sudan über nichts mehr“, resümierte der General-Anzeiger bereits vor zwei Jahren. Das Thema Darfur ist immer noch auf der UN-Tagesordnung …

Dallaire, Roméo: Handschlag mit dem Teufel – Aus dem Englischen von Andreas Simon dos Santos. 651 Seiten. Broschur.

Es stinkt zum Himmel

Ein Kaminfeuer ist sicherlich etwas schönes, voller Romantik; leider aber auch mit viel Gestank verbunden. Besonders für die Nachbarn. Bei den unverhältnismäßig gestiegenden Energiekosten ist es nicht verwunderlich, wenn immer mehr Haushalte auf eine Holzfeuerung umsteigen.

Ich schlafe nun einmal gern bei offenem Fenster. Aber das ist in letzter Zeit kaum noch möglich, will ich nicht in Rauch und Gestank ersticken. Ja, es stinkt einfach nur noch zum Himmel …

Kaminfeuer

Und ich will gar nicht wissen, was da alles verfeuert wird und welche Schadstoffe durch Kaminfeuer freigesetzt werden. Da halte ich es durchaus für angebracht, wenn für solche Kamine eine Rußfilter-Pflicht eingeführt wird. Der Gestank wird dadurch vielleicht nicht geringer werden, aber wenigstens weiß ich dann, dass ich nicht durch Schadstoffe nachhaltig vergiftet werde.

siehe zdf.de: Rußfilter-Pflicht für Kaminöfen?

Jethro Tull live at Lugano Estival Jazz 2005 – das ganze Konzert

Vom Konzert der Gruppe Jethro Tull beim Lugano Estival Jazz am 09.07.2005 auf der Piazza della Riforma in der Stadtmitte von Lugano gibt es bekanntlich einen TV-Mitschnitt von rund einer Stunde und 45 Minuten. Einige der Stücke hatte ich bereits bei youtube bereitgestellt. Jetzt habe ich es geschafft, alle Lieder entsprechend zu überarbeiten, sodass jetzt das ganze Konzert im Netz zur Verfügung steht.

Hier die gesamte Setlist des Konzertes:
Intro/AquaIntro/For A Thousand Mothers
Nothing Is Easy
Jack-In-The-Green
Serenade To A Cuckoo
Beggar’s Farm
Boris Dancing
Weathercock
We Five Kings
Up To Me
Bourée
Mother Goose
Empty Café
Farm On The Freeway
Hymn 43
A New Day Yesterday
Budapest
Aqualung
Locomotive Breath (mit Preisverleihung)
Protect And Survive/Cheerio

Dear Mr. Fantasy – Steve Winwood

Fast bin ich versucht, Steve Winwood in meine Gallerie der für mich besten Rockgitarristen aufzunehmen, denn er beherrscht das Instrument ähnlich gut wie (alle Arten von) Keyboards. Bereits mit 15 Jahren wurde er mit der Spencer Davies Group bekannt, deren musikalischer Kopf er war, und als Wunderkind gefeiert. 1967 gründete Winwood u.a. mit Jim Capaldi die Gruppe Traffic.

Nach der Auslösung der Gruppe Cream tat er sich 1969 mit Eric Clapton und Ginger Baker sowie den Bassisten Ric Grech zusammen und gründete Blind Faith. Ihr Debüt gaben sie 1969 im Londoner Hyde Park vor 100 000 Zuschauern (Blind Faith Live Hyde Park 1969 – Under my Thumb). Aber bereits nach einem Album trennten sich wieder die Wege wegen ‚musikalischer Differenzen‘.

Steve Winwood

So begann Steve Winwood eine Solokarriere, verdingte sich aber immer wieder als Studiomusiker. Die ersten drei Solo-Alben habe ich mir damals gekauft (1977 Steve Winwood – 1980 Arc of a Diver – 1982 Talking Back to The Night), dann ließ mein Interesse an ihm nach.

Jetzt bin ich natürlich im Internet wieder auf ihn gestoßen … Bemerkenswert finde ich, wie sich sein Weg immer wieder mit dem von Eric Clapton kreuzt. Schon sehr früh haben sich beide, wenn auch zunächst privat, zu Jam-Sessions getroffen. Und der nächste gemeinsame Termin (nach dem Chicago Crossroads Guitar Festival im Juli d.J.) steht auch bereits fest: Ende Februar 2008 sind es drei Abende im Madison Square Garden zu New York.


Steve Winwood – Dear Mr. Fantasy (Live 2003)
mit einem ’starken‘ Gitarrensolo (leider etwas asynchron)

Redensarten

Die einen geben gern ihren Senf dazu, denn sie wissen, wo der Barthel den Most holt. Andere reden gern um den heißen Brei, aber viele Köche verderben bekanntlich diesen. Man kann jemandem dumm kommen oder für dumm verkaufen. Dazu muss dieser aber schon dumm wie Bohnenstroh sein. Mancheiner verliert auch schnell den Faden.

Wie auch immer: Redensarten würzen unsere Sprache. Und wir benutzen sie täglich. Ist klar wie klare Kloßbrühe. Wer nicht immer weiß, was mit einer Redensart gemeint ist, der findet unter redensarten-index.de vielleicht eine Antwort.

Jethro Tull 1985 live at Bach Rock Berlin

Ergänzend zu den bisher verfügbaren Videos vom Auftritt der Gruppe Jethro Tull anlässlich des 300. Geburtstag von Johann Sebastian Bach im International Congress Centrum zu Berlin am 16.03.1985 hier nun auch die restlichen fünf Stücke im Video: “Bach Rock”. Ian Anderson und seine Mannen hatten ein Viertel Jahr kein Konzert gegeben und sollten auch ein weiteres Jahr nach diesem Auftritt den Musikbühnen fernbleiben. Für diesen Auftritt war Ian Anderson der Einladung von Eberhard Schöner gefolgt, der sich im Laufe der Jahre besonders um die Verbindung von Klassik, Rock- und Popmusik verdient machte (und u.a. durch Filmmusikkompositionen für deutsche Fernsehserien wie „Der Alte“ und „Derrick“ bekannt wurde). Bereits 1983 waren sich beide bei der 4. Klassik-Rock-Nacht, einer Live-Eurovisions-Übertragung aus dem Zirkuszelt des Circus Atlas im München, begegnet.

Ian Anderson: Torte für Bach

Anstatt Peter Vettese, der noch bei der “Under Wraps”-Tour dabei war, spielte Eddie Jobson die Keyboards und auch die elektrisch verstärkte Geige. Neben eigenen Titel (Living in the Past, Hunting Girl und Locomotive Breath sowie Serenade to a Cuckoo) spielte man Bach’s Double Violin Concerto und David Palmers Elegy (a piece in a Bachian Style, wie es Ian Anderson nannte).

Setlist vom 16.03.1985:

Black Sunday
Hunting Girl
Elegy
Living in the Past
Serenade to a Cuckoo with Champagne
Too Old to Rock ’n‘ Roll
Wond*ring Aloud
Bourree
Bach’s Double Violin Concerto
Aqualung
Locomotive Breath/TAAB Reprise

In rumänischer ‚Gefangenschaft‘

So langsam wird es winterlich (den ersten Frost hatten wir ja bereits, und hier bei uns wenige Flocken Schnee), da kam mir eine kleine Geschichte in den Sinn, ein Erlebnis nicht nur winterlicher Art, das ich mit meiner heutigen Frau vor über 20 Jahren erlebte. Wir waren vom 16.01. bis zum 06.02.1986 bereits zum 2. Mal in Winterurlaub nach Rumänien gereist. Für unseren damals besonders schmalen Geldbeutel war das gerade noch erschwinglich. Damals regierte noch Nicolae Ceausescu das Land mit eiserner sozialistischer Hand. Für die wohl eher wenigen westlichen Touristen war man dankbar. Den Menschen in Rumänien ging es damals nicht sehr gut. Obwohl das Land über Öl- und Erdgasquellen verfügt, waren Benzin, Heizöl usw. rationiert.

Im Winter zuvor (Weihnachten 1984 bis Neujahr 1985) waren wir zwei Wochen in dem sehr schönen Sinaia, einem Ferienort mit vielen alten Villen. Anfang 1986 weilten wir dann drei Wochen in Predeal im Kreis Brasov und dort im Hotel Orizont. Unterkunft und Verpflegung waren entgegen unseren Erwartungen bestens. Und ordentlich Schnee, vorallem Frost, hatten wir genügend. Aber hier nun die kleine Geschichte:

In Predeal hatten wir Langlauf betrieben und eines Tages machten wir uns einmal ohne Skier auf den Weg. Wir gingen in Richtung Timisu de Sus, einen kleinen Ort in der Nähe von Predeal. Dort schlugen wir uns in den Wald. Als Marschverpflegung hatten wir u.a. Schmalzgebackenes mit, das uns eine deutschstämmige Rumänin geschenkt hatte. Nach zwei Stunden machten wir eine längere Pause, suchten uns einen Baumstamm zum Sitzen aus. Da entdeckten wir an einem Baum Tierhaare, die nach unserer Meinung nur von einem Bären stammen konnten, der sich hier ähnlich wie Balu, der Bär aus dem Dschungelbuch, gerubbelt haben musste. In den rumänischen Wäldern gibt es tatsächlich noch viele Bären. Uns wurde ziemlich mulmig und wir dachten uns Strategien aus, mit deren Hilfe wir im Falle einer persönlichen Begegnung mit einem Bären die Flucht ergreifen könnten: u.a. sollte uns das Schmalzgebackene aus Ablenkungsmittel dienen.

Christa im rumänischen Wald Willi macht ein Päuschen
… unterwegs in rumänischen Wäldern

Aber uns sollte noch etwas mulmiger werden. Der Wald wurde durch eine Bahnstrecke geteilt. Und an jeder Kurve sahen wir Militär postiert, so als rechnete man damit, dass auf die Bahnstrecke ein Anschlag verübt werden könnte. So schlugen wir uns in den Wald zurück. Aber plötzlich kamen wir auf eine Lichtung, und dort vor uns befand sich quasi das Basislager der Militärposten. Schon wollten wir in den Wald zurück, aber wir erkannten, dass man uns bereits wahrgenommen hatte und mehrere Soldaten durch eine Absperrung auf uns zukamen. Flucht war unmöglich, also gingen wir den Soldaten entgegen. Wir fürchteten, erschossen zu werden (was wussten wir, wie man auf uns reagiert), dachten daran, die Arme zu erheben (vielleicht mit einem Taschentuch als Zeichen der Aufgabe zu wedeln?).

Nun, da ich dies hier schreibe, meine Frau nicht an Nachwirkungen von irgendwelchen Schussverletzungen leidet, wissen wir, dass nicht geschossen wurde. Rumänisch ist, wie der Name es schon sagt, eine romanische Sprache. Und so versuchte ich klarzumachen, dass wir zurück auf den Weg nach Predeal wollten. „Strada via Predeal …“ sagte ich und zeigte mit der Hand in die Gegend. Die Soldaten unterhielten sich, hatten wohl auch verstanden und riefen einen weiteren Soldaten zu sich, der sich anscheinendl mit den Örtlichkeiten hier besser auskannte als sie. Er kam, ging voran und wies uns an, ihm zu folgen. Noch waren wir uns nicht sicher, ob er uns vielleicht nur in den Wald führen wolle, um uns dort standrechtlich zu erschießen, denn ein Gewehr hatte er wie die anderen bei sich. Er ging mit schnellen Schritten vor uns her, wir kamen in unserem Schrecken kaum hinterher, es ging in den Wald zurück, dort eine Anhöhe hinauf und immer weiter … Dann hielt er an und fragte uns nach einer Zigarette. Ich hatte mich in Deutschland mit Zigarettenschachteln eingedeckt und gottlob auch zwei Packungen bei mir. Ich reichte ihm beide, eine öffnete er sogleich, nahm sich eine Zigarette heraus und bot mir eine an.

So rauchten wir in Ruhe. Dann zeigte er in eine bestimmte Richtung, grüßte und bedankte sich und ging zurück. Nach kurzem Weg fanden wir die Straße, die nach Predeal zurückführte. Uns war trotz des Frostes sehr warm geworden. Wir mussten lachen, als wir zurück auf unserem Hotelzimmer waren. Haben wir doch tatsächlich geglaubt, in Gefangenschaft zu geraten oder gar erschossen zu werden?! Dabei war man freundlich zu uns und half uns zurück auf den Weg.

Hoffnungsvolle Jugend

Zu jeder Zeit hatte die ältere Generation vieles an der jungen auszusetzen. Das ist heute nicht anders als früher. Und ich als Angehöriger der älteren Generation finde vieles, was mich an den jungen Leuten von heute stört, was mich geradezu entsetzt. Da ist nicht nur der extreme Alkoholkonsum (den gab es auch schon zu Zeiten, da ich jung war, wenn auch nicht so extrem), Stichwort: Komasaufen; es ist vorallem die Gewalt unter Jugendlichen auf dem Schulhof (und nicht nur dort), die ich aus meiner Schulzeit her nicht kenne.

Aber es geht auch anders. Nicht alles ist schlecht an der ‚Jugend von heute‘. Im Gegenteil! Es gibt sie noch, die engagierten Jugendlichen, die ihre Freizeit opfern, um anderen Menschen zu helfen, die dafür sorgen, das sich noch etwas bewegt in unserer Zeit.

Gestern nahm ich mit meiner Familie an einem Gottesdienst teil, bei dem rund 50 junge Menschen als ehrenamtliche Jugendleiter und Jugendleiterinnen eingeführt wurden. Um dieses Ehrenamt zu bekleiden (wie man sagt), haben sie u.a. eine Woche Ferien geopfert, um sich in einer Schulung auf die bevorstehenden Aufgaben vorzubereiten. Übrigens war es einmal ein Gottesdienst, in dem die Post abging mit flotten Rhythmen (okay, mehr poppig als rockig) und wenig starrem Getue. Es durfte gelacht und geklatscht werden, wie es dem einzelnen gefiel.

Nun auch der Bandabend 2007 in Tostedt wurde durch freiwillige jugendliche Helfer organisiert. Und von der Unterstützung von Senioren durch Jugendliche beim Zugang zum Internet habe ich auch schon einmal berichtet. Ich schreibe das hier natürlich auch schon deshalb, weil einer der Jugendliche mein Sohn Jan ist, der mich mit seinem Engagement immer mehr überrascht.

Die ‚große‘ Nachfrage

China ist groß. Und die Nachfrage der Chinesen ist auch groß. Noch ist aber das Angebot (sieht man z.B. einmal von schadstoffreichem Spielzeug ab) der Chinesen klein. Und so muss sich die Nachfrage am weltweiten Angebot befriedigen. Das betrifft vorallem Energie, denn eine wachsende Wirtschaft braucht Öl, Gas und Strom. Und da sich das Angebot und damit die Preise an der Nachfrage orientieren, steigen die Preise bei großer Nachfrage.

Aber Preise beinhalten auch Kosten. Wenn ich eine Ware von A nach B transportiere, so entstehen Kosten. Und je weiter der Weg ist, um so höhere Kosten entstehen. Und damit steigt auch der Preis.

Betriebswirtschaft für jedermann. Aber jetzt kommt es: Natürlich brauchen die Chinesen auch Nahrungsmittel. Die sind schließlich ein großes Volk. Und ganz Findige wissen es sogar ganz genau: Die wollen vorallem Milch, Butter und Joghurt. Und da die Nachfrage in China (und in anderen Ländern Asiens) nach Milchprodukten so hoch ist, steigen bei uns die Preise, von wegen Nachfrage und Angebot.

Da ist nun z.B. die Firma Meyer Milch (oder war es Lehmann?), die beladen viele Schiffe und Züge (wenn die Lokführer nicht gerade streiken) mit Milch und Butter und Joghurt und bringen das alles ins Reich der Mitte. Und damit steigen die Preise noch mehr, wie wir eben erfahren haben. Natürlich steigen die Preise auch bei uns (oder nur bei uns?), denn auch für Milch usw. gelten ab jetzt Weltmarktpreise.

Hoffentlich wird dabei die Milch auf dem Weg nach China nicht sauer, denn sauere Milch mögen die Chinesen nicht. Und vielleicht werden auch die Verbraucher bei uns sauer, denn Preissteigerungen um bis zu 20 % mögen bei uns die Verbraucher nicht. Da essen die doch plötzlich Margarine und trinken Sojamilch (aus China), soll ja auch gesund sein.

Wie auch immer diese Mär endet. Vielleicht bleiben am Ende die Milchproduzenten auf ihrer Milch sitzen, denn auch Chinesen mögen keine teuere Milch (wenn sie jemals unsere Milch bekommen).

Warum schreibe ich das? Bei uns gibt es einen Familienbetrieb, der sich der Milchwirtschaft verschrieben hat. Seit 1997 vertreibt dieser Milchprodukte aus eigener Herstellung in der Region (und nicht nach China). Alles allerbeste Ware, ohne Zweifel. Erste Sahne, wie man sagt. Die Milch schmeckt noch nach Milch. Da bekanntlich die Preise für Kraftstoffe in letzter Zeit stark gestiegen sind, so mussten die natürlich auch die Preise erhöhen (wir erinnern uns an die Betriebswirtschaft für jedermann). Aber kurze Zeit später haben die nun auch von der Mär von der Milch gehört und verschickten ihren Kunden die Nachricht:

„Vor dem Hintergrund der aktuellen Milchmarktsituation und den angezogenen Rohstoff- und Dieselpreisen, sehen auch wir uns gezwungen unsere Preise zum 01.11.2007 den Gegebenheiten anzupassen. Dadurch können wir nachhaltig unsere bewährte Qualität sowie unseren Service garantieren.“

Irgendwie klingt das doch richtig toll, oder? Dass die nachhaltig ihre bewährte Qualität garantieren, davon gehe ich aus, aber auch stabile Preise? Ich vermag daran nicht zu glauben. Das soll keine Antiwerbung sein. Die Milch (bei Abnahme von 3 Litern kostet der Liter einen Euro) ist für die gute Qualität weiterhin in Ordnung. Wir überlegen aber nun doch ernsthaft, ob wir Butter und Joghurt abgestellen, denn dafür sind uns die „Weltmarktpreise“ dann doch zu hoch geworden.

Ach übrigens, auf der Website des Familienbetriebs steht. „‚Aus der Region, für die Region‘ – nach diesem Leitsatz widmen wir uns der Herstellung von Milchprodukten.“ Das ist auch gut so.

Okay, ich will hier nicht auf einen Kleinen einhauen. Die Mär ist von großen, industriell ausgerichteten Milchproduktherstellern ersonnen. Denen soll ihre Milch sauer aufstoßen. Mich störte allersings dieses Wischiwaschi in der Begründung der Preiserhöhung.