Alle Artikel von WilliZ

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Joan Armatrading: Me Myself I (1980)

Als 1980 das bisher sechste Album von Joan Armatrading erschien, war ich enttäuscht: Mit Me Myself I begann die zweite Phase im musikalischen Schaffen von Joan Armatrading „und brachte einen Wandel, der mir bis heute nicht gefällt. Joan orientierte sich mehr am Mainstream und damit an härterer Pop-Musik, die ihr dann allerdings auch eindeutig mehr Erfolg brachte. Der ‚amerikanische’ Einfluss ist dabei unverkennbar (z.B. ‚Me Myself I’ wurde in den USA, im Studio Record Plant in New York City im März 1980 aufgenommen). Vieles klingt eher nach New Wave als nach Joan Armatrading. Manches Stück ist ‚überarrangiert’, mit für meinen Geschmack zu sehr schepperndem Schlagzeug und zu aufdringlicheren Keyboardpassagen belegt. Nur wenige Lieder hören sich noch nach ihr selbst an.“ (siehe meinen Beitrag Joan Armatrading: If Women Ruled The World)

    Joan Armatrading: Me Myself I (1980)

Es sollten bis 1986 immerhin fünf Alben werden (1980: Me Myself I · 1982: Walk Under Ladders · 1983: The Key · 1985: Secret Secrets · 1986: Sleight of Hand), die in diese, wie soll ich sagen, eher kommerziell ausgerichtete Phase fielen. Denn mit Me Myself I, das lässt sich nicht leugnen, gewann sie neue Fans. Das Album erreichte Platz 5 in Großbritannien und Platz 28 in den USA und war damit ihre erfolgreichstes Scheibe. Produziert wurde das Album vom US-Amerikaner Richard Gottehrer, der den Engländer Glyn Johns ‚ablöste’. Und es fanden sich wieder viele Studiomusiker um Joan ein. Der mir bekannteste dürfte Chris Spedding sein, außerdem der Gitarrist Rick ‚Ricky’ Hirsch, den ich von Joans damaligen Live-Auftritten her kenne.

Trackliste des Albums:
(alle Lieder wurden von Joan Armatrading komponiert)

1. „Me Myself I“ *
2. „Ma-Me-O Beach“
3. „Friends“
4. „Is It Tomorrow Yet“
5. „Turn out the Light“
6. „When You Kisses Me“
7. „All the Way from America“ *
8. „Feeling in My Heart (for You)“
9. „Simon“
10. „I Need You“
(* auch als Single erschienen)

Das Album beginnt gleich mit dem Titelsong, der auch als Single erschien und gewissermaßen die neue Richtung vorgibt und auf mich damals wie heute eher abschreckend wirkt(e). Halbwegs akzeptabel finde ich noch das kurze, etwas schräge Gitarrensolo gegen Ende des Liedes von Chris Spedding. Aber dieses Lied wie überhaupt das ganze Album muss ja Fans gefunden haben, sonst wäre es nicht so erfolgreich.


Joan Armatrading – Me Myself I

Das nächste Lied ‚Ma-Me-O Beach’ bezieht sich auf einen Urlaubsort in Alberta, Kanada. Joan sah wohl bei einer Fahrt durch die dortige Gegend das Straßenschild mit dem Namen des Ortes und fand den Namen so witzig, um diesen für dieses Lied zu benutzen. Man mag es mögen oder nicht: Mir geht das Popping beim Bass, das Anreißen der Saiten, etwas auf den Nerv und ist auch auf mindestens zwei anderen Liedern des Albums zu hören.

Aber kein Album aus dieser 80-er Jahre-Phase ohne mindestens zwei, drei Stücke, die mir dann doch gefallen und die ‚alte’ Joan Armatrading hören lassen. ‚Turn Out the Light’ ließ ähnlich wie das Lied ‚Willow’ die Zuschauer bei Konzerten die Feuerzeuge zücken.


Joan Armatrading – Turn Out the Light

‘When You Kisses Me’ spielte sie bereits bei ihrem Auftritt im Rockpalast 1980. Die Live-Aufnahme gefällt mir dabei um einiges besser als die Studioaufnahme. Das liegt ohne Zweifel an den Musikern, die dann aber schon bald gegen dem Aussehen nach jüngere ausgetauscht wurden.


Joan Armatrading – When You Kisses Me

Hier noch ein Stück, das sich für mich irgendwo zwischen der ‚alten’ und der damals ‚neuen’ Joan ansiedeln ließe. Das Lied brachte sie dann auch später immer wieder auf die Bühne.


Joan Armatrading – All the Way from America (2010)

‚Feeling in My Heart (for You)’ und ‚Simon’ – beides sind Reggae-Stücke. Bedenkt man, dass Joan Armatrading in der Karibik auf der Insel St. Kitts geboren ist, dann würde man meinen, mehr Einflüsse karibischer Klänge in ihrer Musik anzutreffen.

Das Album endet mit dem Lied ‚I Need You’, wie so oft ein langsames Stück am Schluss einer CD von Joan, und fällt durch die ‚Streicher’-Begleitung aus dem Rahmen. Immerhin noch ein Stück, was für mich den Kauf der Scheibe rechtfertigte.

Stiller Protest und Putins Äffchen

Es war ein stiller Protest der schwedischen Hochspringerin Emma Green Tregaro: Mit bunt gefärbten Fingernägeln protestiert sie gegen Russlands Homosexuellen-Diskriminierung. Sie findet, dass das russische Gesetz, das die „Verbreitung von Information über Homosexualität an Minderjährige“ unter Strafe stellt, Blödsinn ist. Vom Weltverband bekommt sie dafür eine Verwarnung – und muss auf weitere Meinungsäußerungen verzichten (beim Endkampf waren die Fingernägel rot lackiert).

Emma Green Tregaro: Rainbow Fingernails

Jelena Issinbajewa, russische Stabhochspringerin, von Putin persönlich zur WM-Teilnahme gedrängt, spielt das Äffchen und verteidigt nach ihrem WM-Sieg dessen Anti-Homosexuellen-Gesetz: „Wenn wir all diese Dinge auf unseren Straßen zulassen, würden wir Angst um unsere Nation haben“. Einen Tag nach ihren umstrittenen Äußerungen sie dann doch zurückgerudert. Gesinnungswandel oder Missverständnis? Zuvor war die 31-Jährige, Botschafterin von Jugend-Olympia und 2014 Bürgermeisterin des Olympischen Dorfes in Sotschi, von anderen Athleten scharf kritisiert worden.

Zuletzt hatte US-Mittelstreckenläufer Nick Symmonds die Diskriminierung von Homosexuellen in Russland öffentlich kritisiert. Er widmete seine 800-Meter-Silbermedaille seinen schwulen und lesbischen Freunden. Issinbajewas Äußerungen hätten ihn geschockt: „Ich kann nicht verstehen, wie eine so gebildete Frau so rückständig sein kann.“

    Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2014 in Moskau

Die Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2014 in Moskau, an der 206 nationale Verbände teilnahmen, ging gestern zu Ende. Sicherlich sollte man Politik und Sport trennen. Aber wenn eine Sportveranstaltung dieser Größenordnung in einem autoritärgeführten Land stattfindet, dann kommt man nicht umhin, die dort bestehenden Menschenrechtsverletzungen an den Pranger zu stellen. Immerhin finden im nächsten Jahr in Russland die olympischen Winterspielen und 2018 die Fußball-Weltmeisterschaft statt. Etwas zu viel der Ehre für einen Autokraten wie Wladimir Putin.

Zum Sportlichen aus deutscher Sicht: Das Ziel, 7-8 Medaillen zu gewinnen wurde erreicht. Neben viermal Gold durch Raphael Holzdeppe (Stabhochsprung), Robert Harting (zum 3. Mal in Folge im Diskuswerfen), David Storl (zum 2. Mal in Folge im Kugelstoßen) und Christina Obergföll (im Speerwerfen der Frauen) gab es noch zweimal Silber und einmal Bronze. Damit rangiert das deutsche Team auf Platz 5 der Nationenwertung. Neben viel Licht gab es natürlich auch einigen Schatten. Besonders das Ausscheiden von Betty Heidler mit 68,83 m bereits in der Qualifikation des Hammerwerfens der Frauen ist erwähnenswert. Von den Weitspringern (Christian Reif lediglich 6. mit 8,22 m und Sebastian Bayer als 9. mit 7,98 m) hatte man zuvor auch etwas mehr erwarten können.

Manche Sportler laufen nicht nur gegen die Uhr: Über 1500 m der Männer gab es mit Homiyu Tesfaye, Mittelstreckenläufer äthiopischer Herkunft, der erst seit Juli 2013 für Deutschland startberechtigt ist, einen deutschen Läufer im Endlauf. Er erreichte einen sehr guten fünften Platz und ist damit schnellster Europäer. Tesfaye gibt an, dass er mit vollem Namen Homiyu Tesfaye Heyi heißt und am 23. Juni 1993 geboren ist. Im Internet entspannte sich monatelang eine Diskussion, ob das Geburtsdatum wirklich korrekt sei und ob er überhaupt derjenige sei, der er vorgibt zu sein. Es wird behauptet, dass er in Wirklichkeit identisch sei mit Henok Tesfaye Hey. Dieser sei drei Jahre und vier Monate älter und habe Äthiopien bei den Jugend-Weltmeisterschaften 2007 sowie bei der Junioren-WM 2008 vertreten – Wolfgang Heinig, der seit zwei Jahren Tesfaye trainiert, sagt, dass sein Schützling mit seiner Hilfe eine Taufbescheinigung der Kirchengemeinde in Äthiopien gefunden habe: „Der Junge hat niemanden beschwindelt. Er hat alles nachweisen können, was er gesagt hat.“ (Quelle u.a. derwesten.de).

Werder Bremen möchte ich bei all der Leichtathletik nicht vergessen : Am 2. Spieltag siegte der Fußball-Bundesligist auch gegen den FC Augsburg knapp und sicherlich wieder glücklich mit 1:0 – und hat damit sechs von sechs möglichen Punkten eingefahren. Das tut wohl auch Not, denn die nächsten beiden Spiele sind auswärts und gegen keine Geringeren als Borussia Dortmund (bereits am Freitag) und dann am 31.08. Borussia Mönchengladbach. Hier kann sich die Mannschaft dann wirklich bewähren und zeigen, ob es wirklich Fortschritte im Mannschaftsgefüge gibt. Also bitte kein Borussendesaster …?!

Filmklassiker: 2001: Odyssee im Weltraum (1968)

Der Film beginnt mit einer dreiminütigen Musiksequenz aus György Ligetis Atmosphères zu einem völlig schwarzen Bild …

Es geht um den Film 2001: Odyssee im Weltraum (Originaltitel: 2001: A Space Odyssey), ein Science-Fiction-Film aus dem Jahre 1968, der auf der Kurzgeschichte The Sentinel von Arthur C. Clarke basiert. Er entstand unter der Regie von Stanley Kubrick in England. Das renommierte American Film Institute wählte ‚2001’ auf Platz eins der besten Science-Fiction-Filme aller Zeiten.

Als der Film 1968 in die Kinos kam, war er in aller Munde. Ähnlich wie bei seinem Film A Clockwork Orange habe ich ihn aber erst jetzt, 45 Jahre später, gesehen. Ich denke, ich weiß schon, warum …

2001: Odyssee im Weltraum gilt zwar als Meisterwerk, ist aber aus heutiger Sicht eher sperrig, langatmig, ja langweilig. Ich bin durchaus zu haben für eine nicht nur vordergründige ‚Botschaft’. Aber ich finde den Film zu symbolträchtig, wobei nicht immer ganz klar wird, was für was stehen soll.

    2001 - Odyssee im Weltraum (1968)

In gewisser Hinsicht ist der Film eine Oper in vier Akten (mit dem Ligeti-Stück als Ouvertüre). Musik spielt nämlich eine wesentliche Rolle. In den ersten 25 Minuten und den letzten 22 Minuten des Films wird kein Wort gesprochen. Insgesamt enthalten 70 Prozent des Films keinen Text. Die Musikauswahl ist dabei sehr ‚unkonventionell’: Nach dem Stück von Ligeti wird der Film mit ‚Also sprach Zarathustra’ von Richard Strauss eröffnet.


2001: A Space Odyssey – Introduktion aus Also sprach Zarathustra von Richard Strauss

Kubrick war fasziniert von der Möglichkeit außerirdischen Lebens und beschloss, „den sprichwörtlich guten Science-Fiction-Film“ zu drehen. Der erste Teil (Akt) zeigt eine Gruppe von Vormenschen in der afrikanischen Savanne und wird begleitet mit grandiosen Landschaftsbildern: Der Morgen der Menschheit (The Dawn of Man). Dann steht ein schwarzer Monolith, der – unbemerkt von den Vormenschen – auf die Erde gebracht wurde, im Mittelpunkt. Dieser führt bei den Vormenschen zu einer Bewusstseinsveränderung.


2001: A Space Odyssey – Der Morgen der Menschheit (The Dawn of Man)

Im 2. Teil Mondstation Clavius (Tycho Magnetic Anomaly-1) sind wir im Jahr 1999 (der Film wurde 1968 gedreht, die Handlung spielt also 31 Jahre später). Ein pfeilförmiges Raumschiff nähert sich einer großen radförmigen, noch im Ausbau befindlichen Raumstation. Zu den Klängen des Walzers ‚An der schönen blauen Donau’ gleitet die Fähre in die Nabe des riesigen rotierenden Rades. Später wird im Mondkrater Tycho ein Monolith, der dem aus der Eröffnungssequenz gleicht, ausgegraben. Der Quader ist vier Millionen Jahre alt, absolut schwarz und erzeugt ein starkes magnetisches Feld.


2001: A Space Odyssey – Walzer An der schönen blauen Donau von Johann Strauß

Dieser Monolith spielt auch in den weiteren zwei Teil Die Reise zum Jupiter (Jupiter Mission 18 Months Later) und Wiedergeburt (Jupiter and Beyond the Infinite) eine wichtige Rolle … Eine ausführlichere Inhaltsangabe des Films ist bei de.wikipedia.org zu finden (siehe auch filmstarts.de mit Kritik).

Der erwähnte Monolith wird als übernatürliche Kraft, als Gott, oder als eine außerirdische Intelligenz interpretiert, die das Bewusstsein der Menschen beeinflusst. Diese entwickeln sich fort, erlangen durch ihre wachsende Intelligenz einen technischen Fortschritt, der sie von der Welt abheben und ins Weltall reisen lässt. Der Fortschrittsglaube erwächst ins Unermessliche. Aber die erlangten Errungenschaften kehren sich plötzlich gegen den Menschen.

Wodurch der Film beeindruckt, sind seine Bilder, denen die heute benutzte Animationstechnik am Computer natürlich nicht zur Verfügung stand und die daher einen entsprechend hohen Aufwand nötig machten. Kubrick zeugte eine bis dahin nicht bekannte technische Perfektion, die sicherlich als Quelle für Inspirationen kommender Regisseure gelten muss.

Man mag von dem Film halten, was man will. Wie gesagt, mir ist er etwas zu symbolträchtig, zu verworren. Manche verwendete Technik ist zudem überholt (z.B. falschfarbene Bildern im letzten Teil; das erinnert mich an gute alte Beat-Club– bzw. Musikladen-Zeiten aus Bremen, die durch solche Aufnahmen einen psychedelischen Effekt hervorrufen sollten). Insgesamt muss man ‚2001’ als Vorreiter für neue visuelle Formen und Möglichkeiten sehen. Und wer’s noch nicht kapiert hat: Wer actiongeladene Filme bevorzugt, sollte einen großen Bogen um den Film machen.

Hier ein Trailer des Films, den ein 2001-Fan zusammengestellt hat, da die offiziellen Trailer nicht so recht wiedergeben, was der Film zu versprechen heißt:


2001: A Space Odyssey – Trailer (englisch)

Worte mit Flügeln (2): Eile mit Weile

Nur keine Panik (auf der Titanic – O-Ton Udo). Immer schön ruhig bleiben. – Das ist meist leichter gesagt als getan. Manch geflügeltem Wort wünscht man Bleifüße. – Eile mit Weile! Gut Ding braucht Weile!

Da gibt’s wohl jede Menge Redensarten, die uns – ganz sachte – zur Ruhe bekehren wollen. Ausgangspunkt dieses kleinen Beitrag waren aber nicht diese herzallerliebsten Sprüchlein, sondern eine Textzeile aus einem Lied meiner (noch-)Lieblingsband.

    Worte mit Flügeln: So wühlt man sich durch den deutschen Wortschatz

Nämlich in dem Lied ‚We Used to Know’ auf der 1969 erschienenen Scheibe Stand Up heißt es so schön:

We ran the race and the race was won
by running slowly.

Ja, auch langsam geht es vorwärts (sprach die Schnecke) – und manchmal gewinnt man dabei sogar Henkelpötte oder ähnliches. – Aber ich bin ein Zausel, ein alter und verlogener zudem. Diesen Beitrag verdankt die Welt einem Spruch eines gewissen Bernd Zeller (ja, der … Ihr kennt den nicht??!). Sinnig und sachte, in kleinen Schritten voranstreitend, gemächlich und langsam kommt er daher und behauptet, er führe ein Leben auf der Überholspur!

Ha, denkt da die Schnecke, das kann ich auch, genau: Nur eben sehr langsam, und hinter mir hupen alle.

Hier quasi noch einmal das Original (unverfälscht und ohne Schneckenschleim): Ich führe ein Leben auf der Überholspur. Nur eben sehr langsam, und hinter mir hupen alle. (Bernd Zeller)

siehe auch: Redensartensuchmaschine
Worte mit Flügeln (1): Sommer

Joan Armatrading: To the Limit (1978)

Mit dem Album To The Limit 1978 endet für mich die erste ‚Periode’ von Joan Armatradings Schaffen. Es umfasst die ersten Jahre, in denen sie ihren Stil sehr schnell gefunden und weiterentwickelt hatte. Das ist die Joan wie ich sie heute noch am liebsten mag. Denn so habe ich sie kennen gelernt. Sicherlich waren viele der Lieder noch nicht so ausgereift arrangiert. Manches klingt sogar holprig. Hätte man damals schon die technischen Mittel, diese digitale Aufnahmetechnik, gehabt, so wäre manches vielleicht einen Tick besser gelungen. Genau das macht aber den Reiz dieser Stücke aus: Es klingt alles weitaus authentischer als in der folgenden Phase. Hier noch einmal die Alben der ersten Periode:

· 1972: Whatever’s for Us
· 1975: Back to the Night
· 1976: Joan Armatrading
· 1977: Show Some Emotion
· 1978: To the Limit

To the Limit ist ein Album, das mir mit am besten von allen Alben von Joan Armatrading gefällt. Es widmet sich den ‚Aspekten der Liebe’ und enthält eine Reihe von ‚Briefen’ oder persönlichen Gesprächen an den Geliebten. Lediglich das Lied ‚Am I Blue For You’ finde ich durch das Gesummse des Synthesizers leicht quälend, obwohl das Lied eigentlich sehr schön ist. Zum dritten und letzten Mal ist dieses Album von Glyn Johns produziert worden, der wieder namhafte Studiomusiker um Joan Armatrading scharte, so auch Red Young und Quitman Dennis, die auch längere Zeit zu ihrer Live-Band gehörten. Leider war das Album nicht ganz so erfolgreich wie der Vorgänger und erreichte ‚nur’ Platz 13 der UK Album Charts bzw. Platz 125 in den USA. Unbedingt erwähnenswert ist, dass das Titelfoto auf dem Cover von keiner geringeren als Annie Leibovitz ‚geschossen’ wurde, heute eine der renommiertesten Fotografinnen. Das Foto zeigt Joan entspannt bei sich zu Hause damals in Sutton. Die Fotografin nahm sich vier Tage Zeit, um das Foto zu machen.

    Joan Armatrading – To the Limit (1978)

Trackliste des Albums:
(alle Lieder wurden von Joan Armatrading komponiert)

Seite 1:
1. „Barefoot and Pregnant“ 3:40
2. „Your Letter” 3:40
3. „Am I Blue For You“ 4:24
4. „You Rope You Tie Me“ 4:08
5. „Baby I“ 4:52

Seite 2:
1. „Bottom to the Top“ 3:34
2. „Taking My Baby Up Town“ 3:25
3. „What Do You Want“ 3:44
4. „Wishing“ 4:48
5. „Let it Last“ 4:57

‚To the Limit’ beginnt mit einem energiegeladenen Lied: ‚Barefoot and Pregnant’ (Barfuß und schwanger). Den Ausdruck, der in der Frauenbewegung der damaligen Zeit verwendet wurde, hörte Joan Armatrading während eines Gesprächs mit ihrem Agenten. Sie fand ihn faszinierend und wollte dann unbedingt ein Lied mit diesem Titel schreiben.


Joan Armatrading: Barefoot and Pregnant (Live 1979 Rockpalast Köln)

Dank der Biografie über Joan Armatrading (leider unautorisiert) von Sean Mayes (1990), kennen wir einige weitere Details zu den Liedern auf dieser Scheibe (Quelle: en.wikipedia.org):

Die Idee fürs zweite Lied ‚Your Letter’ entstand aus einem Gespräch, das Joan Armatrading mit der amerikanischen Sängerin Bonnie Raitt führte, die einmal einen Brief gefunden hatte, den „sie nicht gesehen haben sollte.“

Hier noch zwei weitere Lieder von dem Album:


Joan Armatrading: You Rope You Tie Me (Rockpalast 1980)


Joan Armatrading: Baby I

Die zweite Hälfte des Albums beginnt mit dem Lied ‚Bottom to the Top’, einem ersten größeren Flirt mit dem Reggae (die Reggae-Einflüsse auf ‚Show some Emotion’ einmal ausgenommen). Das Lied entstand nach dem Hören einiger Aufnahmen, die Joans jüngerer Bruder hatte. Sie wollte so nah wie möglich an diesen authentischen Sound herankommen und nahm deshalb das Lied in einem Take, also einer Aufnahme, auf.

Bei Youtube gibt es leider für Deutschland (der GEMA sei dank) kein Video von dem Lied, ich habe aber einen Ausschnitt (so ab 2:15) von der VHS-Videokassette „Track Record“ 1983 mit Live-Aufnahmen von Joan Armatrading aus den 70er und frühen 80er Jahren …


Joan Armatrading: Videos from Seventies & Early Ei… – MyVideo

‚Taking My Baby Up Town’ erweitert laut Sean Mayes das Thema des Liedes ‚Kissin’ and a Huggin’’ (Knutscherei) von dem Album ‚Show some Emotion’: Penny Valentine vom Melody Maker meinte, das Lied handelt von eine homosexuellen Beziehung, was Joan Armatrading bezogen auf ‚Kissin’ and a Huggin’’ verneinte. Bei ‚Taking My Baby Up Town’ scheint mir das aber der Fall zu sein (Joan Armatrading ist seit Mai 2011 mit ihrer Lebensgefährtin Maggie Butler verheiratet; sie ist also lesbisch). – Ich muss gestehen, dass ich das Lied durch das reichlich eintönig gespielte Schlagzeug etwas nervig finde.

Das Lied ‚Wishing’ ist vom Blues beeinflusst. Joan sagt dazu, dass es das erste bisschen Poesie sei, die sie je geschrieben habe. ‚Let It Last’, das letzte Lied des Albums, ist von Country- und Gospelmusik beeinflusst.


Joan Armatrading .Let it Last (Live 1979 Rockpalast Köln)

Sieglos-Serie ‚gerissen’

Nach 14 Pflichtspielen ohne Sieg ist es gleich zum Saisonstart der Fußballbundesliga gelungen: Werder Bremen kann noch siegen und gewinnt 1:0 in Braunschweig gegen den Aufsteiger Eintracht. Nun, die Verantwortlichen sind sich bewusst, dass das kein glorreicher Sieg war. Ein Unentschieden wäre vielleicht sogar gerechter. Nach dem Tor durch Junuzovic in der 82. Minute hatten die Braunschweiger eine gute Ausgleichsmöglichkeit in der 88. Spielminute durch Hochscheidt; die aber endete an Werder-Neuzugang Caldirola, der das Leder auf der Linie stoppte. Wie auch immer: Hauptsache gewonnen …

Dank an die Fans: Werder siegt 1:0 in Braunschweig

Ganz ehrlich: Eine Niederlage wäre nicht nur bitter, sondern hätte all die Schwarzseher bestätigt: Werder als absoluter Abstiegskandidat. So aber konnte man endlich wieder etwas Selbstvertrauen tanken. Das hat die Mannschaft auch nötig, denn am Samstag geht es zu Hause gegen den FC Augsburg, ebenfalls einen Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt. Da kann man nur hoffen, dass nicht nur die Abwehr gut aufgestellt ist, sondern auch die Offensive etwas beweglicher und effektiver agiert. Anschließend kommen dann gleich zwei hammerharte Auswärtsspiele in Dortmund und Mönchengladbach zum Ende des August. Sollte auch nur ein Punkt aus diesen beiden Spielen herausspringen, dann ist das schon ein Erfolg.

Erste große Überraschungen hatte dieser 1. Spieltag noch nicht parat, wenn man den hohen 6:1-Sieg des Aufsteigers Hertha BSC gegen die Eintracht aus Frankfurt, die in der letzten Saison immerhin den 6. Tabellenplatz belegte und in den Play-offs in der Europa League vertreten ist, außer Acht lässt. Man muss kein Prophet sein, um die Bayern als Meisterschaftsfavorit Nr. 1 anzusehen, gefolgt von Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen. Schalke hat erste Federn lassen müssen (zu Hause nur 3:3 gegen den HSV). Also alles beim Alten. Abstiegskandidaten gibt es natürlich auch schon: Nach dem 0:1 gegen Werder wird es erst einmal die Braunschweiger Eintracht schwer haben, Grund unten den Füßen zu bekommen. Und der FC Augsburg, der sich jetzt schon zweimal vor dem Abstieg retten konnte, muss weiterhin als Abstiegskandidat gehandelt werden.

Daher ist das Spiel gegen die Augsburger für Werder für die weitere Weichenstellung auch so wichtig: Nach zwei Unentschieden und zwei Niederlagen ist es an der Zeit, dass Werder gegen FC Augsburg seinen ersten Sieg einfährt. Lassen wir uns am Samstag überraschen …

Heute Ruhetag (39): Scholem Alejchem – Anatewka

Wer Kafka verstehen will, muss sich auch mit seinem Judentum auseinandersetzen. So wurde Kafka – aber nicht nur er allein – für mich zum Ausgangspunkt, mich mit jüdischer, speziell mit jiddischer Literatur zu beschäftigen. Als Einstieg boten sich da die Erzählungen und Romane von Isaac B. Singer an, der 1978 als erster und bisher einziger jiddischer Schriftsteller für sein Gesamtwerk den Literaturnobelpreis erhielt. Auch in Deutschland wurde besonders sein Roman „Feinde – die Geschichte einer Liebe“ aus dem Jahr 1966 (1974 in Deutschland erschienen) bekannt, der 1989 durch Paul Mazursky verfilmt wurde. 1983 wurde Singers Kurzgeschichte „Yentl, the Yeshiva Boy“ mit Barbra Streisand in der Hauptrolle als Yentl verfilmt; dem Film stand Singer allerdings sehr kritisch gegenüber. Isaac Bashevis Singer beschreibt u.a. das jüdisch-polnische Leben im Schtetl, später das Leben der Juden in den USA. Es ist eine wundersame Welt mit einem ganz eigenen Humor, die sich da dem Leser auftut. Singers Werk steht im Spannungsfeld zwischen Religion und Moderne, Mystizismus und rationaler Einsicht. Später einmal werde ich auf ihn noch ausführlicher zu sprechen kommen.

Siehe hierzu auch meine Beiträge:
Hob Ikh Mir A Mantl – Jiddisch für Anfänger
A Serious Man
Salcia Landmann: Jüdische Witze

Scholem Alejchem (* 1859 in Perejaslaw bei Kiew; † 13. Mai 1916 in New York) war einer der bedeutendsten jiddischsprachigen Schriftsteller und wurde auch der jüdische Mark Twain genannt.

Sein Name dürfte den meisten unbekannt sein. Anatevka bzw. „Der Fiedler auf dem Dach“ (im englischen Original: „Fiddler on the Roof“) werden aber viele kennen. Es ist ein Musical, das 1971 vom Regisseur Norman Jewison verfilmt wurde und auch bei uns in Deutschland bis heute noch sehr beliebt ist. Die Vorlage hierzu war eben der jiddische Roman „Tewje, der Milchmann“ (jiddisch: Tewje der Milchiger) von Scholem Alejchem, der zwischen 1894 und 1916 entstanden ist.

Die Geschichte spielt im Russischen Kaiserreich im ukrainischen Schtetl Anatevka in der vorrevolutionären Zeit um 1905. Im Dorf lebt eine jüdische Gemeinschaft, die großen Wert auf Tradition legt. Der Milchmann Tevje (jiddische Koseform des hebräischen Namens Tuvija) lebt mit seiner Frau Golde und seinen Töchtern in Armut. Trotz drohender Pogrome im zaristischen Russland bewahrt Tevje seinen Lebensmut und seinen Humor.

Es ist dieser ganz besondere jüdische Humor, der es mir angetan hat. Daher empfehle ich für heute einen Lesetag als Ruhetag.

Heute Ruhetag = Lesetag!

Er richtet den Geringen auf aus dem Staube
und erhöhet den Armen aus dem Kot.

Psalm 113,7

Wenn einem der Haupttreffer beschert ist, hört Ihr, Reb Scholem-Alejchem, so kommt er zu einem ganz von selbst ins Haus, wie es in den Psalmen heißt: ›Vorzusingen auf der Githith‹: – wenn man Glück hat, so kommt es von allen Seiten gelaufen; und es gehört gar kein Verstand und keine Tüchtigkeit dazu. Wenn man aber, Gott behüte, kein Glück hat, so kann man reden, bis man zerspringt, und es wird nützen wie der vorjährige Schnee. Wie sagt man doch: ›Es gibt keine Weisheit und keinen Rat gegen ein schlechtes Pferd.‹ Der Mensch arbeitet, der Mensch plagt sich ab, und ist nahe daran, auf alle Feinde Zions sei es gesagt, sich hinzulegen und zu sterben! Und plötzlich kommt, man weiß nicht woher, von allen Seiten lauter Glück und Erfolg, wie es im Buche Esther steht: ›Hilfe und Errettung kommen den Juden.‹ Ich brauche es Euch wohl nicht zu übersetzen, doch der Sinn dieser Stelle ist, daß der Mensch, solange seine Seele in ihm ist, Gottvertrauen haben muß. Das habe ich am eigenen Leibe erfahren, wie der Ewige mich geleitet hat und wie ich zu meinem jetzigen Beruf gekommen bin: denn wie komme ich dazu, Käse und Butter zu verkaufen, wo die Großmutter meiner Großmutter niemals mit Milchwaren gehandelt hat. Es lohnt sich wirklich, die ganze Geschichte vom Anfang bis zum Ende anzuhören. Ich werde mich für eine Weile hier neben Euch ins Gras setzen, und mein Pferdchen soll inzwischen etwas kauen, wie wir es im Morgengebet sagen: ›Die Seele aller Lebenden preiset den Herrn.‹ Und das Pferdchen ist ja auch ein Geschöpf Gottes!

[…]

aus: I. Der Haupttreffer

Signatur: Scholem Alejchem

Scholem Alejchem: Anatewka – Die Geschichte von Tewje, dem Milchmann

7 Sätze der Gesellschaftsphysik

In seinem Roman Brief an Lord Liszt lässt Martin Walser seinen Helden Franz Horn eine Gesellschaftsphysik in sieben Sätzen entwickeln. Es ist ein ‚schräges’ Gesetz, dass Horns Erfahrungen mit der Berufswelt und damit auch mit der Gesellschaft widerspiegelt (gleich vornweg: ich komme nur auf sechs Sätze, denn der 6. Satz, zwischen fünften und siebten, also zwischen den Seiten 109 und 144, muss ich überlesen haben, oder ihn gibt es einfach nicht – kann mir einer von Euch weiterhelfen?).

Auf ironische Weise lässt hier sicherlich auch Martin Walser selbst seine Erfahrungen, die er mit Berufskollegen (Schriftsteller können sich durchaus auch als Konkurrenten empfinden) und Chefs (Verleger sind eben auch nur ‚Chefs’) gemacht hat, erkennbar werden. Und wer in einem Arbeitnehmer-, d.h. Abhängigkeitsverhältnis sein Leben fristet, wird sich hier, wenn er sich durch die eigene Blauäugigkeit nicht zu sehr blenden lässt, ohne Weiteres wiederfinden.

    Martin Walser: Brief an Lord Liszt

Martin Walser: Brief an Lord Liszt

Nun denn – hier die 7 (respektive 6) Sätze der Horn’schen Gesellschaftsphysik:

Was man über einen Menschen denkt, kann man allen sagen, nur ihm selbst nicht. Er verstünde es nicht. Ihm muß man sagen, was er will, daß man ihm über ihn sage. Nur das versteht er. […] Es ist das Gesetz Nummer Eins unserer Gesellschaftsphysik. (S. 41)

Wer jemanden unter sich erträgt, erträgt auch jemanden über sich. Der zweite Satz der Gesellschaftsphysik […] (S. 70)

Freundschaft zwischen Angestellten einer Firma ist nicht möglich. […] 3. Satz der […] erarbeiteten Gesellschaftsphysik: Zwischen Konkurrenten ist Freundschaft nicht möglich. Oder einfach: Konkurrenten sind Feinde. (S. 92)

4. Satz [.….]: Zwischen Chef und Abhängigen gibt es menschliche Beziehungen nur zum Schein. (S. 92)

5. Freunde hat man, solange man sich die Frage, ob man welche habe, noch nicht stellt. (S. 109)

6. […]

[… den] siebten und letzten Satz unserer siebensätzigen Physik […]: Der Mißerfolg seines Konkurrenten ist der Erfolg des Erfolglosen. (S. 144)

    ... die Horn’sche Gesellschaftsphysik a la Pythagoras

Die Sicht ist klar. Franz Horn ist auf dem absteigenden Ast in seiner Firma … Aber ganz ehrlich jetzt: Möchtet Ihr mit Eurem Chef ‚befreundet’ sein. Sicherlich kann man mit seinem Chef gut auskommen, aber Freundschaft?! Ohne die Horn’sche bzw. Walser’sche Gesellschaftsphysik gekannt zu haben, habe ich schon in frühen Jahren zu enge Bindungen an Kollegen gemieden (okay, während meiner Ausbildung gab es auch für mich freundschaftliche Beziehungen, die aber spätestens dann, als ich beruflich andere Wege ging, endeten).Und ….: An einen dieser halbprivat-halbberuflichen Betriebsausflüge habe ich bisher noch NIE teilgenommen (nicht, dass ich mir darauf etwas einbilde).

Worte mit Flügeln (1): Sommer

Sprüche, Redensarten oder Zitate – kein Wortschatz ohne diese. Was der Duden für das Wort, das ist der Büchmann für das „geflügelte Wort“. Gemeint sind alle Redewendung in Form von Aphorismen, Bonmots, Gnomen, Sentenzen, Sinnsprüchen und Sprichworten.

Zum Zitatensammler (a la Büchmann) tauge ich nur bedingt, was mich aber nicht davon abhalten soll, auch hier hin und wieder Zitate an den werten Leser zu bringen. Wer liest, stolpert zwangsläufig über Redensarten, die in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind. Selbst Schriftsteller wie Thomas Mann (z.B. in seinem Zauberberg) kommen da nicht drum herum. Daher der Name Bratkartroffel.

    Worte mit Flügeln: So wühlt man sich durch den deutschen Wortschatz

Der Hochsommer hat sich zunächst verabschiedet. Die Temperaturen pendeln sich bei um die 20 ° C ein. Das ist angenehmer, lässt uns wieder durchatmen – und macht den Kopf auch wieder frei. Bekanntlich macht eine Schwalbe noch keinen Sommer. Aber das bezieht sich eher auf den Anfang eines heranziehenden Sommers. Die letzten Wochen dürften es der Schwalben genügend gewesen sein. Und wie immer solche Redensart sind, so sind diese viel allgemeiner anwendbar: Aufgrund einzelner Erscheinungen wie das Erscheinen einer Schwalbe sollte man nicht voreilig allgemeine Schlüsse ziehen, also: der Sommer ist da.

Wie ein Sommer auch ist, er erscheint uns außergewöhnlich. Gustave Flaubert konnte da nur den Kopf schütteln und in seinem Wörterbuch der Gemeinplätze festhalten: Ein Sommer ist immer „außergewöhnlich“, gleich, ob er kalt oder warm, trocken oder feucht war.

Hier noch weitere Sprichwörter und Redewendungen aus deutschen Landen den Sommer betreffend. Es ist viel Althergebrachtes dabei (aber das haben ‚geflügelte Worte’ so an sich). Manches mag man heute kaum noch verstehen, auch Sexistisches ist (natürlich) dabei. Also los:

Der Sommer gibt Korn, der Herbst
gibt Wein, der Winter verzehrt, was beide beschert.

Fliegen und Freunde kommen im Sommer.
Sommersaat und Weiberrat gerät alle sieben Jahre einmal.
Den Sommer schändet kein Donnerwetter.
Gesucht wie der Pelz im Sommer.
Wenn’s im Sommer warm ist, so ist’s im Winter kalt.
Gelb ist die Farbe des Sommers.
Glück ist der Freunde Sommer.

Joan Armatrading: Show some Emotion (1977)

1977 erschien das vierte Album von Joan Armatrading: Show some Emotion. Damit knüpfte sie an ihr ein Jahr zuvor erschienenes Album nahtlos an. Auch dieses Album wurde von Glyn Johns produziert, der wiederum viele namhafte Musiker ins Studio gelockt hatte, z.B. John „Rabbit“ Bundrick, den wir u.a. von der Gruppe Mallard her kennen (aus dem Umfeld von Captain Beefheart), Mel Collins, Jerry Donahue, Georgie Fame oder Henry Spinetti, der u.a. später mit Chris Spedding live aufgetreten ist.

    Joan Armatrading - Show some Emotion (1977)

Wieder mischt Joan Armatrading auf diesem Album viele musikalische Stile, das Titelstück, das neben „Willow“ zu den Highlights der Scheibe gehört, kommt ziemlich jazzig daher. Obwohl es für mich nicht ganz die Klasse wie das Vorgänger- (und dann auch das folgende) Album hat, so war es mit Platz 6 in den UK Albums Charts eines ihrer erfolgreichstes Album überhaupt. In der US Billboard 200 Albums Chart erreichte es Platz 52. Show some Emotion ist nicht so ganz mein Album. Einige Lieder fallen für mich doch etwas ab, auch wenn sie dazu beitragen, den stilistischen Umfang des Albums zu erweitern. Sie sind wohl schon dem Mainstream geschuldet.

Trackliste des Albums:
(alle Lieder wurden von Joan Armatrading komponiert)

1. „Woncha Come on Home“ — 2:40
2. „Show Some Emotion“ — 3:31
3. „Warm Love“ — 3:04
4. „Never Is Too Late“ — 5:32
5. „Peace in Mind“ — 3:19
6. „Opportunity“ — 3:25
7. „Mama Mercy“ — 2:47
8. „Get in the Sun“ — 3:19
9. „Willow“ — 3:53
10. „Kissin‘ and a Huggin'“ — 4:42

Einen wesentlich Reiz der Lieder von Joan Armatrading macht ohne Zweifel ihre Stimme aus. Es ist die Mischung aus Zerbrechlichkeit einerseits und kraftvoller Intonation andererseits. Mir gefällt besonders die dunkle (tiefe) Färbung ihrer Stimme, obwohl sie auch hohe Töne anstimmen kann (z.B. in dem Lied Get in the Sun, das mir dann auch nicht allzu gut gefällt). Anders als z.B. bei Aimee Mann fehlt bei Joan Armatrading das Vibrato am Ende einer Zeile. Sie hält den Ton nicht aus, sondern lässt ihre Stimme ‚kippen’, es ist eine Art ‚Kiekser’ ähnlich wie beim Jodeln (na ja?!). Das hat durchaus seinen besonderen Charme.

Das Album beginnt mit einem langsamen Stück, allein auf der akustischen Gitarre begleitet und mit Kalimba, einem traditionellen afrikanischen Musikinstrument (‚Zungenklavier’), ergänzt (es klingt ähnlich einem Glockenspiel).


Joan Armatrading – Woncha Come On Home

Es folgt das Titellied: ‚Show some Emotion’. Das etwas sehr junge Publikum bei dem folgenden Live-Mitschnitt war durch die Ansprache von Joan sichtlich leicht überfordert (1979 in Köln aufgenommen):


Joan Armatrading – Show Some Emotion

Ebenfalls für den Rockpalast in Köln aufgezeichnet, aber 30 Jahre später – Willow, wohl eines der schönsten langsamen Stücke von Joan, das sie bis heute (meist) noch am Ende ihrer Konzerte vorträgt. Bei Kerzen- bzw. Feuerzeuglicht gibt’s die garantierte Gänsehaut gratis dazu:


Joan Armatrading – Willow (2009 @ Rockpalast Köln)

Nochmals eine Aufnahme von den Rockpalast-Aufnahmen von 1979 (am 15. Februar 1979 im kleinen Studio L zu Köln vor gerade einmal 80 jungen Zuhörern aufgezeichnet) vom letzten Stück des Albums: ‚Kissin‘ and a Huggin’’, das Joan Armatrading bis in die 80er Jahre auch sehr häufig live aufführte. Hier geht noch einmal so richtig die Post ab (obwohl auf vielen Alben von Joan am Schluss ein langsames Stück kommt):


Joan Armatrading – Kissin‘ and a Huggin‘ (1976 @ Rockpalast Köln)

Hier zuletzt ein Link zu einer Playlist bei Youtube mit allen 10 Stücken zu dem Album: Show some Emotion (1977)

Martin Walser: Brief an Lord Liszt

    Oh, Lord, wo steht Ihnen eigentlich das Wasser?
    (S. 81)

„Am Freitag vor Pfingsten, kurz vor Arbeitsschluß, rief Arthur Thiele die Abteilungsleiter der Firmen Chemnitzer Zähne und Fin Star zu sich: Benedikt Stierle, der Konkurrent, hatte aufgegeben, er hatte seine Firma und sich in Brand gesteckt. Die Abteilungsleiter erhoben sich, Thiele dankte, die Sitzung war beendet, frohe Pfingsten. Franz Horn war als erster an der Tür.
Die Zeiten, als Thiele nach einem solchen Ereignis unbedingt noch ein paar Sätze mit Franz Horn wechseln mußte, waren vollkommen vorbei. Auch Dr. Liszt, der Kollege und Freund, war nicht mehr an einem Gespräch mit Horn interessiert, das sah er deutlich, denn Liszt eilte, wie alle anderen, auf Thiele zu.
Vor ein paar Jahren hatte Franz Horn einen Selbstmord versucht. Da er nicht gelang, wurde er zu Horns Mißerfolgen gezählt: Horns Zeit war vorüber, er gehörte zu den rapid Älterwerdenden; eine junge Mannschaft rückte heran, eine Fusion mit der Weltfirma Bayer stand bevor. Die Tatsache, daß auch Liszt, der von seiner Familie Verlassene und dem Alkohol Ergebene, in diesen neuen Zeiten keine Chance mehr hatte, war ohne Trost für ihn; Liszt weigerte sich, sein Verbündeter zu sein. Ja, es hatte den Anschein, als sei er ein Feind geworden, zumindest aber einer, mit dem er in Feindseligkeit leben mußte.
Warum nicht einen Brief schreiben, einen richtigen Brief, einen langsam geschriebenen Brief, in dem er Liszt den historischen Anteil an der Krise ihrer Beziehung oder Freundschaft zuweisen konnte? Damit endlich einmal alles richtig ausgesprochen wäre. Damit man wieder atmen, die Freundschaft neu oder endgültig begründen könnte. Lieber Lord Liszt! (Die Anrede war da, als Horn nach dem Schreiber griff.) Und Franz Horn begann zu schreiben., Seite um Seite. Und beendete den Brief. Und nahm ihn mit einem PS wieder auf. Und dem ersten PS folgte ein zweites, ein drittes, ein viertes; am Ende waren es neunzehn Fortsetzungen.
Was aber enthält der Brief, der in der Art der Lawinenentstehung ins Nichtgeheuere oder Ungeheuere anschwillt und – wie Lawinen es tun – alles, was im Weg liegt, mitreißt, aus den Höhen in die Tiefe oder aus den Tiefen in die Höhe, das Unausgesprochene, Nur-Empfundene? Was er Liszt vorzuwerfen hat, sind keine strafbaren Delikte, die sich trefflich in Szene setzen ließen. Es geht um Kränkungen, Verletzungen, Niederlagen, Unrecht menschlicher Art. Zwischen Liszt und Horn, Horn und Liszt, zwischen Thiele und Horn und Liszt. Es geht um Konkurrenz, um Anerkennungs-, Freundschafts- und Liebesentzug, um das gefahrvolle Leben, wenn genommen wird, was stark und widerstandsfähig macht; es geht um die Überwindung eines Zustands permanenten Verschweigens, um das plötzliche Aufbrechen eines Schmerzes, der artikuliert werden will, ohne Rücksicht auf die anderen und auf sich selbst.
Das Schreiben wird ein Ersatz für alles: ‚Sprechen wir doch endlich aus, soviel wir können, anstatt zu leiden wie die Hummeln. Oder leiden Sie gar nicht? Leidet, wer recht hat, nicht?’
Nicht in den einzelnen Fällen minutiöser und gröblicher Verletzung durch den anderen wird der Leser sich und seine Erfahrungen wiederfinden. Vielmehr wird sich der Leser im Faktum des Verletztwerdens erkennen, im wahnwitzigen Wunsch, sich all dessen zu erledigen, was ihn der zu sein zwingt, der er nicht ist. Der Leser wird sich an die von anderen eigens für ihn erdachte weise Erkenntnis erinnern: ‚Jeder sieht ein, daß er einsehen muß: ihm steht nur zu, was ihm zusteht.’ Und er wird sich endlich entledigen wollen, ‚nicht mehr der Vernunft anderer zu Kreuze zu kriechen’.
Das Buch ist ein Abrechnungsfest, ein Befreiungsunternehmen, eine Trennungsorgie, eine Wahrheitsmaschine, eine Einsamkeitsprüfung, kurzum: der Bericht von der schweren Erträglichkeit des wirklichen Lebens. Also eine Schmerzensgeschichte und ein Heilungsprozeß. Dieser rücksichtslos leidenschaftliche Brief ist nicht weniger als ein Lehrbuch: Es zeigt uns einen Weg, um (wieder) in den Besitz der eigenen Vernunft zu kommen.“

(aus dem Klappentext)

Der Roman Brief an Lord Liszt von Martin Walser (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1. Auflage 1982) ist die Fortsetzung des ebenso kleinen Romans Jenseits der Liebe aus dem Jahr 1976.

    Martin Walser: Brief an Lord Liszt

Im Mittelpunkt des Romans von Martin Walser steht wieder Franz Horn, der sich diesmal entschließt, seinem Konkurrenten in der Firma, Dr. Horst Liszt, Leiter der Verwaltung, einen Brief zu schreiben. Zuvor hatte er sich um eine Anstellung bei Benedikt Stierle bemüht. Dieser hatte nun sich und seine Firma in Brand gesteckt. Das bedeutete für Horn, weiter in der Firma ‚Chemnitzer Zähne’ des Arthur Thiele zu verharren. Doch auch Lord Liszt, wie ihn Franz Horn in seinem Brief nennt, ist inzwischen in seiner Rolle als rechte Hand des Chefs verdrängt, hat doch Thiele, längst nicht mehr an der Produktion von Zahntechnikerbedarf interessiert, sondern von dem Wunsch getrieben, Surfbretter und Yachten zu bauen, den jungen „Austro-Finnen“ Rudolf Ryynänen angeheuert.

„Hat Liszt zu Zeiten, als seine Stellung noch durch keinen Ryynänen bedroht war, über Thiele samt Familie gelästert – was Horn damals entsetzt hat -, so gibt er sich nun als Anhänger und Bewunderer, vor allem aber als enger Vertrauter der Thieles. Horn dagegen sieht Thieles Abstieg als Basis, endlich mit dem Kollegen auf einen freundschaftlichen Fuß zu kommen, sich sozusagen zu verbünden: ‚[…] hätten Sie gesagt: Franz Horn, ich bin jetzt auch so weit! wir gehören zusammen! dann wäre ich Ihnen entgegengesunken. Aber einfach so tun, als kämen Sie mir als Unbeschädigter entgegen, als wollten Sie mich endlich erheben oder zulassen auf Ihrem Niveau… nein, nein! nicht mit mir.’“

Franz Horn schreibt sich in seinem Brief an Liszt gewissermaßen seinen Frust von der Seele. Es ist der Frust eines vom alltägliche Krieg des Angestellten zermürbten Lebens, in dessen Büro sich inzwischen das Kauderwelsch der Rationalisierung ausbreitet. Der Brief ist wie eine Therapie:

Es kann sich keiner identifizieren mit dem, der er in den Augen der anderen ist. Aber bevor man sich nicht mit dem, der man für andere ist, identisch erklärt, hat man keinen ruhigen Augenblick. Das ist mein Fall. (S. 142)

Mit der befreienden Erkenntnis, ‚nicht mehr der Vernunft anderer zu Kreuze zu kriechen’, ebnet er sich einen Weg, um wieder in den Besitz der eigenen Vernunft zu kommen., wie im Klappentext heißt. Fast natürlich ist es, dass Horn am Ende den Brief nicht abschickt:

Der Brief an Lord Liszt hatte ihn nicht geschwächt! Auch das Nichtabschicken nicht! In Zukunft würde er jedem, von dem er irrtümlicherweise glaubte, er brauche ihn, einen solchen Nachtbrief schreiben, den man nicht abschicken konnte. Was Besseres gibt es nicht! (S. 153)

Es ist nicht nur ein zweiter Franz Horn-Roman, sondern er weist weitere Verbindungen zu anderen Werken Walsers auf. So finden zwei Vettern Franz Horns in dem Buch Erwähnung, einmal Dr. Gottlieb Zürn, Immobilienmakler und Vermieter eines Feriendomizil bei Überlingen (an Helmut Halm aus Ein fliehendes Pferd (1978)), dem die Romane Das Schwanenhaus (1980), Jagd (1988) und Der Augenblick der Liebe (2004) gewidmet sind – und Xaver Zürn, dem Chauffeur aus Seelenarbeit (1979) – siehe Übersicht Hauptpersonen Romane Martin Walser als PDF.

Nun die beiden Franz Horn-Romane sind aber noch etwas mehr, beide verweisen auf reale Personen. Während Franz Horn in bestimmter Hinsicht das Alter Ego des Autors ist, lassen sich Züge des Dr. Horst Liszt in dem Schriftstellerkollegen und langjährigen Freund Walsers, Uwe Johnson, erkennen. Beide hatten wie Horn und Liszt ein zwiespältiges Verhältnis und sind dann im Streit auseinandergegangen (nachzulesen in der Walser-Biografie von Jörg Magenau). Und in Arthur Thiele wollen viele Literaturwissenschaftler Züge des langjährigen Verlegers des Suhrkamp-Verlags, Siegfried Unseld, erkennen. Soweit ich das beurteilen kann, lassen sich diese Bezüge nachvollziehen.

So oder so hat der ‚Brief an Lord Liszt’ meinen Appetit auf die Gottlieb Zürn-Trilogie angeregt. Den erste Teil (Das Schwanenhaus aus 1980) kenne ich übrigens noch nicht.

Siehe auch die folgenden interessanten Rezensionen:
Hellmuth Karasek über Martin Walser: Brief an Lord Liszt
Schattenwelt der Angestellten

Der alltägliche Krieg – von Rolf Michaelis
Martin Walsers grotesker, trauriger Roman „Brief an Lord Liszt“