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Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Ry und ‚Sandy’ sei Dank? Obama bleibt US-Präsident!

Barack Obama bleibt für weitere vier Jahre Präsident der USA. Der Wahlsieg fiel am Ende deutlicher aus, als zuvor angenommen. Es waren besonders die Frauen und jungen Menschen, die Obama gewählt haben – und sicherlich die Afro-Amerikaner und Latinos – meist arme Menschen. Aber es waren auch gebildete Bürger mit Promotion, die vorrangig in Obama ihren Präsidenten sehen. Zwar steht das Ergebnis aus Florida noch aus, aber jetzt schon hat Obama mit 303 Wahlmännern mehr als die erforderlichen 270.

Übrigens: Hätten die Deutschen die Wahl zwischen Obama und Mitt Romney gehabt, so wäre die Zustimmung für Obama mehr als eindeutig: 90 % sehen in ihm den gewünschten Präsidenten.

Was hat am Schluss diesen dann doch klaren Vorsprung für Obama ermöglicht? Ry Cooders geradezu wütende Statements gegen Romney dürften nur minimal zum Erfolg beigetragen haben. Vielleicht Zünglein an der Waage war das Krisenmanagement Obamas nach den schlimmen Verwüstungen des Hurrikans Sandy. Hier konnte sich der alte und nun neue US-Präsident zuletzt noch einmal auszeichnen.

Sicherlich hat Obama in den letzten vier Jahren vieles von dem, was er zuvor versprochen hat, nicht einhalten können. Jetzt hat er weitere vier Jahre Zeit, sich der Pläne anzunehmen. Wünschen wir ihm ein glückliches Händchen dazu.

Lose Blattsammlung Herbst 2012 (2)

Was macht man, wenn man in einer solchen Jahreszeit Urlaub hat? Immerhin gab es tagsüber am Wochenende einige sonnige Abschnitte. Aber gestern nun regnete es in einer Tour. So bleibt mir, der seine vielen Überstunden abzufeiern hat, nicht viel anderes als Lesen übrig. Und dann noch diese Lektüre – von menschlichem Unglück und noch menschlicherer Grausamkeit. Das eine ist ein Sachbuch aus dem Jahre 1983 und eher ironisch zu sehen (im Umkehrschluss lässt sich Glück aus dem Unglück ableiten). Das andere schon ein Fachbuch aus dem Jahre 1973, dessen Prämissen auch heute noch zum Nachdenken anregen (dazu später mehr).

Blättersammlung unterm Kirschbaum

So wie vor mir Blatt für Blatt aufschlussreiche Lektüre liegt, so liegen die Blätter der Bäume inzwischen fast vollzählig wie in einer Loseblattsammlung dahingestreckt auf dem Boden. Besonders erstaunlich war es, wie sich die Blätter unseres Kirschbaums innerhalb nur eines Tages braun färbten und innerhalb weniger Tage von den Ästen lösten. Der Regen tut das seine, um die Blätter langsam dahinmodern zu lassen.

Alain Corbin: Pesthauch und Blütenduft

    „Es gibt einen stinkenden Geruch, ähnlich dem, der von Kleidungsstücken ausgeht, und einen fauligen Geruch, der weniger hervortritt, aber durch den allgemeinen Ekel, den er auslöst, unangenehmer ist als der erste. Ein dritter, den man Verwesungsgeruch nennen kann, läßt sich als eine Mischung aus Saurem, Fadem und Stinkendem beschreiben, die eher Übelkeit erregt als daß sie die Nase beleidigt; sie geht einher mit der Zersetzung und ist der widerwärtigste unter all den Gerüchen, die im Hospital anzutreffen sind. Ein weiterer Geruch, der in Nase und Augen sticht, kommt von der Unsauberkeit; man könnte meinen, die Luft enthielte etwas Pulverförmiges, und wenn man sich auf die Suche macht, findet man gewiß feuchte, verstockte Wäsche, einen Haufen Unrat oder von gärenden Miasmen verseuchte Kleider und Betten. Die verschiedenen Ansteckungsstoffe haben je eigene Ausdünstungen: die Ärzte kennen den besonderen Geruch des Brandes, den des Krebserregers und den Pesthauch, der sich bei Knochenfraß verbreitet. Doch was die Ärzte durch Erfahrung über diesen Gegenstand lernen, kann jeder erproben, wenn er nur die unterschiedlichen Gerüche in den Krankensälen vergleicht. Bei den Kindern riecht es sauer und stinkend; bei den Frauen süß und faulig; von den Schlafsälen der Männer dagegen geht ein starker, aber nur stinkender und daher längst nicht so abstoßender Geruch aus. Obwohl mehr auf Sauberkeit geachtet wird als früher, herrscht in den Krankensälen der guten Armen von Bicêtre ein fader Geruch, durch den zarte Personen schwach ums Herze wird.“
    (S. 12 – Alain Corbin: Pesthauch und Blütenduft – aus: Jean-Noël Hallé: Artikel „Air – Air des hôpitaux de terre et de mer“ in : Encyclopédie méthodique, Médecine, Paris 1787.)

Von diesem Buch geht ein ganz besonderer Geruch aus, pardon, eine ganz besondere Faszination: Alain Corbin: Pesthauch und Blütenduft – Eine Geschichte des Geruchs – Aus dem Französischen von Grete Osterwald – Verlag Klaus Wagenbach – Berlin – 9. – 12. Tausend Oktober 1984 (Original : Le Miasme et la Jonquille. L’odorat et l’imaginaire social XVIIIe – XIXe siècles – Paris 1982). Leider längst vergriffen, aber im Antiquariat bestimmt erhältlich.

Alain Corbin: Pesthauch und Blütenduft

Alain Corbin ist ein französischer Historiker und Hochschullehrer, der sich überwiegend mit der Geschichte Frankreichs im 19. und 20. Jahrhundert beschäftigt. Neben dieser Geschichte des Geruchs hat er auch Bücher zur Geschichte des Strandes und der Badekultur oder zur „sexuellen Gewalt in der Geschichte“ geschrieben, die sicherlich auch den interessierten Laien-Historiker lesenswert erscheinen dürfte. Mir liegt noch das Buch Die Sprache der Glocken. Ländliche Gefühlskultur und symbolische Ordnung in Frankreich des 19. Jahrhunderts vor.

Auch wenn weder ein Pesthauch noch ein Blütenduft von dem Buch ausgeht, so seien „zarte Personen“ gewarnt: Manche Beschreibung (siehe die Voranstellung) kann „schwach ums Herze“ machen.

Aber eines nach dem anderen: Wer sich in seiner ‚bürgerlichen’ Existenz verstehen will, sollte den Blick zurück in die Vergangenheit nicht scheuen. Die Geschichtsschreibung befasst sich gottlob nicht nur mit Ereignissen und Daten, die wir im Geschichtsunterricht vorgesetzt bekamen, sondern beschäftigt sich längst mit dem Alltag der Menschen in früheren Zeiten. Corbins Geschichte des Geruchs ist zwar im Wesentliche eine Geschichte, die im Frankreich des 19. Jahrhunderts spielt. Aber was die Franzosen da zu riechen bekamen, dürfte auch deutsche Nasen entsetzt oder entzückt haben, je nachdem. Es ist natürlich besonders auch eine Geschichte der Hygiene, dann was aus den Häusern oder Gullis der Straßen entströmte, hatte immer auch etwas mit (fehlender) Reinlichkeit zu tun.

„Die erste Kulturgeschichte der Hygiene und ihrer sozialen Folgen: von der frühen Bekämpfung ‚verdächtiger’ Gerüche im achtzehnten Jahrhundert, der Reinigung des ‚öffentlichen Raums’ und der Kanalisation bis zu den Feinheiten der Parfümerie und der Entwicklung neuer Sitten.“ (aus dem Klappentext)

„Die Vorgeschichte unserer Geruchsempfindlichkeit beginnt Ende des 18. Jahrhunderts, als ein heute unvorstellbarer Gestank den Alltag in Stadt und Land beherrschte. Von da an ging es aufwärts: Während Robespierre das Laster ausrotten will, wird in Paris der erste Lehrstuhl für Hygiene eingerichtet, und in der Folge verschwistert sich der Geruchssinn mit der Polizeiwissenschaft, er wird zum Desinfektionswahn.

Mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft wird aber auch immer deutlicher unterschieden zwischen Gestank und Wohlgeruch: der Pöbel stinkt, der Bourgeois parfümiert sich, und so entstehen immer wieder neue Vorstellungen von Eleganz und Individualität, bis heute.“ (Quelle: u.a. wagenbach.de)

Corbin schreibt anschaulich und zitiert viele Quellen, sodass ein überaus authentisches ‚Bild’, ja geradezu ein Geruch von Scheiße und Veilchenduft dem Leser vermittelt wird. Hier ein Beispiel für die Gerüche des Zerfalls:

Becher [Becher, Johann Joachim, u.a. Physica subterranea, Frankfurt am Main, 1669.] selbst hatte sich bemüht, die Gerüche in den einzelnen Stadien des Zerfalls zu beschreiben. 1760 legt Féou in Montpellier eine Doktorarbeit vor, in der er Bechers Analyse aufgreift und verfeinert. Unmittelbar nach dem Tode verströmt der Leichnam einen ‚süßlichen Geruch’, den manche für eine ‚Weingärung’ halten. Dann entwickelt sich ein stärkerer, beißender Geruch, der ‚recht oft an den Gestank von überreifem Käse erinnert’; Gardane bezeichnet ihn als ‚säuerlich’. ‚Schließlich tritt der Geruch der Fäulnis auf, der zunächst nur fade und nicht scharf ist, jedoch von einer Fadheit, die Übelkeit erregt (…); unmerklich wird er penetrant, ätzend und widerwärtig. Auf den faulen Geruch folgt ein krautartiger, und schließlich einer, der nach Ambra riecht …’ Der Autor schließt mit der Bemerkung: ‚Dies soll die Ärzte in die Lage versetzen, die bei Krankheiten entstehenden Gerüche genauer zu bestimmen.’ (S. 31)

Aber es geht auch um Wohlgerüche und ihre Wirkung:

‚Der Geruch’, so heißt es bei Saint-Lambert [Les saisons, zitiert von Robert Mauzi: L’idee du bonheur au XVIIIe siècle, Paris, 1960], ‚vermittelt uns ein innigeres Gefühl, einen unmittelbaren, vom Geist unabhängigeren Genuß als der Gesichtssinn. Schon beim ersten Eindruck ergötzen wir uns zutiefst an einem angenehmen Duft. Die Freuden des Sichtbaren dagegen sind stärker an Reflexionen gebunden, an das Verlangen nach sehenden Gegenständen und die Hoffnungen, die selbige erzeugen.’ (S: 115]

Übrigens diente Corbins „Pesthauch und Blütenduft“ Patrick Süskind als Recherchequelle für seinen Roman „Das Parfum“, denn es enthält auch eine lebendig erzählte Kulturgeschichte von den Anfängen der Körperpflege und öffentlichen Hygiene, der Parfümmanufakturen und der Ökologie im 19. Jahrhundert.

Hier noch einige weitere aufschlussreiche Zitate:

All die […] wissenschaftlichen Überzeugungen machen eine ausgeprägte Benutzung des Geruchssinns verdächtig. Das Schnüffeln und Beriechen ist ebenso verpönt wie die scharfe Geruchswahrnehmung oder eine Vorliebe für schwere tierische Riechstoffe; auch die Anerkennung der erotischen Rolle von Sexualgerüchen erregt Mißtrauen. Derartige Verhaltensweisen, die mit denen des Wilden verwandt sind, bezeugen eine Nähe zum Tier, einen Mangel an Raffinement, eine Unkenntnis der guten Sitten – kurz, sie beweisen das Scheitern jener Lernerfahrungen, die den gesellschaftlichen Stand definieren. Der Geruchssinn steht – gleich neben dem Tastsinn – ganz unten in der Hierarchie der Sinne. (S. 16)

Je mehr der Gestank der sich schindenden Bevölkerung hervorgehoben wird, je stärker man den Akzent auf die durch ihre bloße Anwesenheit gegebene Ansteckungsgefahr legt, um so leichter ist jener Rechtfertigungsterror aufrechtzuerhalten, in dem die Bourgeoisie sich wiegt, in dem sie den Ausdruck ihres schlechten Gewissens erstickt. (S. 191)

Immerhin wissen wir von der „… Gleichheit der Menschen im Vorgang der Darmentleerung.“ (S. 44), nur das ‚Örtchen’ unterscheidet sich noch manchmal stark: ‚Wir leben mitten in der Verseuchung, da wir einen stets unerträglichen Gestank im eigenen Leib beherbergen’, entsetzt sich Caraccioli [Louis-Antoine de C., Lüttich, 1759]. Nach und nach wird der Ort der Darmentleerung spezifischer, individueller. Im Zuge der Privatisierung des Unrats entwickelt er sich mehr und mehr zu einem Ort des inneren Monologs. Die einzigen englischen water closets, über die Versailles verfügt, sind dem König und Marie-Antoinette vorbehalten. In Frankreich gehören diese beiden Personen zu den ersten Individuen, die Erfahrungen mit einer neuen Art von Intimität machen. Diese Anekdote ist Bestandteil eines allgemeinen Individuierungsprozesses sozialer Praktiken, der dem Narzißmus in die Hände spielt. (S. 116)

Die menschlichen Exkremente, so sehr sie stinken mögen und so oft Wissenschaftler der früheren Zeit vor der Gesundheitsgefährdung der ‚Miasmen’ warnen, Scheiße ist als Dünger auch Geld – und es dauert dann nicht mehr lange, bis „die Psychoanalytiker [den Zusammenhang] zwischen Geld und Fäces herstellen.“ (S. 155)

“Corbins Kulturgeschichte ist ein von A bis Z ernsthaftes Buch. Aber da sich der anekdotische Ernst mit dem Thema ‚Gestank’ verbindet, liest es sich wie eine Satire. Auf diese Weise haben wir es mit einer Lektüre zu tun, die auf beinahe jeder Seite eine Neuigkeit – und allgemeine Heiterkeit zugleich verbreitet.“ (Harald Wieser in ‚Der Spiegel’)

In diesem Sinne lasse ich zuletzt Gustave Flaubert zu Worte kommen, der etwas ungehörig gegen die guten Manieren seiner Zeit herausfordernd an seinem Freund Ernest Chevalier am 15. März 1842 schrieb :

„Kack in die Stiefel, piß aus dem Fenster, schrei Scheiße, laß den Dünnpfiff wässrig sein und die Fürze eisern, rauche wie ein Schlot […] rülps den Leuten ins Gesicht“.
(Gustave Flaubert – Correspondance, Bd. I, S. 97)

Heute Ruhetag (27): Charles Dickens – Oliver Twist

Im Februar vor 200 Jahren wurde Charles John Huffam Dickens in Landport bei Portsmouth geboren. Also noch ein Jahrestag, denn wir gedenken sollten. Zu seinen bekanntesten Werken gehören Oliver Twist, David Copperfield, Eine Geschichte aus zwei Städten, Große Erwartungen sowie – Weihnachten steht ja fast schon wieder vor der Tür: Eine Weihnachtsgeschichte. Nur wenige Schriftsteller wurden so oft verfilmt wie Charles Dickens. Ein Grund dafür dürften Dickens’ Charaktere sein, die sich nicht nur durch ihre skurrilen Namen auszeichnen, sondern auch sehr einprägsam sind. Wer kennt eigentlich nicht Gestalten wie Ebenezer Scrooge, Oliver Twist, David Copperfield oder Uriah Heep, nach dem sich sogar eine Rockgruppe benannt hat. In seinen Werken finden sich oft konkrete Hinweise auf die sozialen Missstände des viktorianischen Zeitalters, etwa durch die beispielhafte Darstellung der kritischen Situation der armen Stadtbevölkerung oder der damals vorherrschenden Sozialstrukturen. So gewinnen wir einen bleibenden Eindruck von der damaligen Zeit.

Heute Ruhetag = Lesetag!

In einer Stadt, die ich aus mancherlei Gründen weder nennen will, noch mit einem erdichteten Namen bezeichnen möchte, befand sich unter anderen öffentlichen Gebäuden auch eines, dessen sich die meisten Städte rühmen können, nämlich ein Armenhaus. In diesem wurde an einem Tage, dessen Datum dem Leser kaum von Interesse sein kann, der Kandidat der Sterblichkeit geboren, dessen Namen die Kapitelüberschrift nennt.

Lange noch, nachdem er bereits durch den Armenarzt in dieses irdische Jammertal eingeführt war, blieb es höchst zweifelhaft, ob das Kind lange genug leben würde, um überhaupt eines Namens zu bedürfen. Es hielt nämlich ungern ein schwer, Oliver zu bewegen, die Mühe des Atmens auf sich zu nehmen, allerdings eine schwere Arbeit, die jedoch die Gewohnheit zu unserm Wohlbefinden nötig gemacht hat. So lag er, eine geraume Zeit nach Luft ringend, auf einer kleinen Matratze, wobei sich die Waagschale seines Lebens entschieden einer besseren Welt zuneigte. Wäre Oliver damals von sorglichen Großmüttern, ängstlichen Tanten, erfahrenen Wärterinnen und hochgelehrten Ärzten umgeben gewesen, so wäre er unzweifelhaft mit dem Tode abgegangen, so aber war niemand bei ihm als eine arme alte Frau, die infolge ungewohnten Biergenusses ziemlich benebelt war, und ein Armenarzt, der vertragsgemäß bei Geburten Hilfe leisten mußte. Oliver hatte deshalb die Sache mit der Natur allein auszufechten. Das Ergebnis war, daß Oliver nach einigen Anstrengungen atmete, nieste und endlich damit zustande kam, den Bewohnern des Armenhauses die Ankunft einer neuen Bürde für die Gemeinde durch ein so lautes Schreien anzukündigen, als sich füglich von einem Jungen erwarten ließ, der die ungemein nützliche Beigabe einer Stimme erst seit drei und einer viertel Minute besaß. Da erhob sich das bleiche Gesicht einer jungen Frau mit Mühe von den Kissen und eine schwache Stimme flüsterte kaum vernehmbar: „Lassen Sie mich das Kind sehen, dann will ich gern sterben.“

[…]

Erstes Kapitel – Handelt von dem Orte, wo Oliver Twist geboren ward, und von Umständen, die seine Geburt begleiteten

Signatur: Charles Dickens

Charles Dickens: Oliver Twist

Lose Blattsammlung Herbst 2012 (1)

Schon sind wir im November abgelangt, ein Monat, der sich meist in grauen Farben präsentiert. Nicht umsonst hat man diese Trauerfeiertage in diesen Monat verlegt, in dem mancher schnell seiner Existenz überdrüssig zu werden droht. Der Herbst eines vielleicht goldenen Oktobers, in dem die Blätter in erdenden Farben zu leuchten schienen, ist einem Herbst der Tristesse gewichen, in dem die Blätter sich faulig in Auflösung befinden.

Blättersammlung unterm Kastanienbaum

Was hilft ist langer Schlaf am Morgen in der Hoffnung, beim Aufwachen noch einige Sonnenstrahlen zu erhaschen. Auch ein gutes Buch hilft immer gegen aufkommende Wehmut. Und vielleicht setzt man sein Lachen ein als Gegenwehr gegen die von der Natur auferlegte Melancholie. Auch diese Zeit vergeht …

Ry Cooder: Jazz (1978)

Bereits 1978 hat sich der Archivar amerikanischer Musik, Ry Cooder, auch um ein Genre bemüht, dass ihm scheinbar fremd sein sollte: Mit Jazz nahm er sich des Ragtimes und anderer archaischer Jazz-Stile an (z.B. Chicago Jazz und Vaudeville), spielte mit entsprechendem Orchester lange zurückliegende Stücke von Musikern wie Jelly Roll Morton, Bix Beiderbecke oder Bert Williams ein – und das auf eine sehr authentische Weise, die überzeugt. Besonders bemerkenswert finde ich dabei die Instrumentierung: Tuba, Klarinetten, Vibraphon und viel Gebläse. Und immer dazu Cooders elegantes Spiel auf der Akustik-Gitarre oder die perfekten Gesangsparts (man höre nur „Nobody“). So taucht selbst der Nichtfan alter Jazzmusik in eine musikalisch andere Welt ein: Jazz mit vielen Synkopen, seltsamen Arrangements und witzigen Texten („Shine“).

Ry Cooder: Jazz

Ry Cooder zeigt auf Jazz, welch großer Meister er auf der Gitarre ist. Er drängt sich nie nach vorn und ist doch immer gegenwärtig. Was mich besonders erstaunt: Wie gut z.B. Bläsersätze zum Gitarrenspiel passen können. Als Anspieltipp empfehle ich Nobody – rein akustisch, nur Gitarre und Stimmen, volle Mitten und eine vorbildliche Staffelung des Background-Chores.

Im Jahr des Erscheinens spielte Ry Cooder Teile der Scheibe auch bei einem Konzert in Chicago (wo denn sonst) ein, das sogar das durchweg junge Publikum überzeugte: Ry Cooder – Sound Stage u.a. mit David Lindley – 1978 – Chicago/Ill.

Playlist: Big Bad Bill is Sweet William Now – The Dream – Jezebel – Shine – Maria Elena – In a Mist – Flashes – Davenport Blues – Nobody Knows the Trouble I’ve Seen – Comin‘ in on a Wing & a Prayer

Jenseits der Hemmschwelle

Wenn man wie ich zwei Söhne hat, dann ist man natürlich besonders sensibilisiert für alles, was mit ‚der Jugend von heute’, wie man immer wieder sagt, zu tun hat. Als Elternteil sollte man das zumindest. Daher habe ich mich auch in diesem Blog immer wieder mit Problemen der Jugend beschäftigt.

In Berlin wurde nun in der Nacht zum 14. Oktober ein 20-Jähriger auf offener Straße derart misshandelt, dass er kurz darauf verstarb. Die Gruppe junger Täter wurde inzwischen identifiziert: Jugendgewalt, die entsetzt! Diese ungehemmte Brutalität, mit der manche Jugendliche gegen andere vorgehen, ist leider kein Einzelfall. Immer wieder rasten junge Menschen aus, schlagen ohne Gnade andere nieder und verletzen diese nicht unerheblich. Woher kommt diese Gewaltbereitschaft?

Meistens liegen die Gründe im sozialen Umfeld der Jugendlichen. Es beginnt schon damit, dass Deutschland wenig kindgerecht ist. Vielen unserer Kleinen fehlt der Platz zum Spielen, der Raum zum Entfalten ihrer Kreativität. Ansonsten gibt es sicherlich Anhaltspunkte, die als Merkmale für die Jugendkriminalität betrachtet werden müssen. Soziologen und Psychologen sehen z.B. im Schuleschwänzen einen von drei Hauptindikatoren, dass Kinder und Jugendliche später kriminell werden. Hier spielt die Schule und im besonderen Maße auch die Familie eine Rolle. Kümmern sich weder Lehrer noch Eltern um die Schulschwänzer, wird diesen keine entsprechende Hilfe zuteil, dann setzt sich möglicherweise schnell eine Abwärtsspirale in Gang. Das gilt besonders, wenn Kinder und Jugendliche kein für ihre weitere Entwicklung notwendiges Vertrauen, keine Zuneigung und Geborgenheit erfahren.

„Für den Soziologen Baier ist das der zweite entscheidende Grund, warum Jugendliche kriminell werden: Sie landen im falschen Freundeskreis und lassen sich zu Taten überreden, die sie allein niemals ausführen würden. Besonders negativ sei dabei das Umfeld in Haupt- und Förderschulen, wo Schüler wenige positive Anreize bekommen und sich gegenseitig einreden, dass Anstrengung sich eh nicht lohnt.

Viele dieser Jugendlichen fühlen sich vernachlässigt und von der Gesellschaft abgehängt. Der Frust darüber entlädt sich in Gewalt gegen andere – oder aber gegen sich selbst. Denn ein dritter Hauptgrund für jugendliche Gewalt sind Drogen und Alkohol.“ (Quelle: ard.de)

Natürlich sind das nur Indikatoren. Nicht jeder Schulschwänzer wird kriminell. Es hat meist mehrere Gründe, die bei Jugendlichen die Hemmschwellen zur Gewaltanwendung sinken lassen. Wesentlicher Auslöser ist die Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher. Wer für sich keine Zukunft sieht, dem ist alles völlig egal. Wenn hier nicht sinnvolle Hilfe angeboten wird, dann kann es eines Tages nur noch krachen.

Natürlich ist es nicht nur die Gewalt gegen andere, sondern es gibt auch die Gewalt gegen sich selbst – bis hin zum Suizid. Und nicht immer spielen soziale Faktoren die große Rolle. Manchmal sind Jugendliche auch emotional oder gar psychisch gestört. Dies gilt besonders bei jugendlichen Intensivtäter.

Was ist also zu tun? Natürlich rufen Gewaltverbrechen wie das in Berlin Entsetzen hervor. Aber es nützt wenig, wenn besonders Politiker dann wieder nach einer Verschärfung des Jugendstrafrechts verlangen. „Wissenschaftler sind sich einig, dass die Anti-Gewalt-Trainings, die Präventionsarbeit an Schulen und generell die Arbeit der Sozialpädagogen, Psychologen und Therapeuten entscheidenden Anteil daran, dass es immer weniger gewalttätige Kinder und Jugendliche in Deutschland gibt.“ Aber mehr noch müssen die Zukunftsaussichten für Jugendliche stimmen. Wer seine Talente sinnvoll einsetzen darf, wem Perspektiven geboten werden, der wird kaum zur sinnlosen Gewalt bereit sein.

Ist Steinbrück die richtige Wahl?

Nächste Woche ist es wieder soweit. Die US-Amerikaner wählen ihren Präsidenten. Anders als bei uns im nächsten Jahr ist die Wahl in den USA richtungsbestimmend. Da ist der amtierende Präsident Barack Obama, der für ein modernes Amerika steht – und da ist sein Herausforderer Mitt Romney, erz-konservativ und besonders in der Außenpolitik unbedarft. Man mag Obama vorwerfen, nicht all seine geplanten Vorhaben in den letzten vier Jahren umgesetzt zu haben. Wen ich aber wählen würde, wäre ich US-Bürger, ist für mich klar wie klare Kloßbrühe: Obama. Bis jetzt sieht es nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus. Den Ausschlag dürften wieder einmal die so genannten Swing States, die Schaukelstaaten, geben, die sich einmal für Links, dann für Rechts entscheiden. Besonders hart umkämpft ist dabei Florida. Wer hier die Mehrheit der Wähler für sich gewinnt, ebnet sich den Weg ins Weiße Haus.

Ganz anders sieht es bei uns aus. Da kommt man bei der Bundestagswahl im Herbst 2013 wahrlich vom Regen in die Traufe. Die Wahl hat man zwischen Pest und Cholera, zwischen Merkel und Steinbrück. Es hat etwas gedauert, bis die SPD ihren Kanzlerkandidaten gekürt hat. Und die Wahl fiel auf Steinbrück im Wesentlichen auch deshalb, weil er die größeren Chancen auf einen Wahlsieg versprach. Wen sollte die SPD auch sonst nehmen: Gabriel, der sich gern links-populistisch gibt, oder Steinmeier, den etwas Staubtrockenen?

Ist Steinbrück nun die richtige Wahl? Im Grunde aus Sicht der SPD ja, wären da nicht die andauernden Diskussionen um seine Nebeneinkünfte. Da frage ich mich eigentlich, warum Steinbrück es sich antun will, Kanzler zu werden. Die Einkünfte eines Kanzlers dürften kaum die Einkünfte aus seinen Vorträgen usw. erreichen.

Nur zwei Wochen nach dem Hoch, das die Kanzlerkandidaten-Entscheidung der SPD bescherte, ist sie wieder auf ihr altes Niveau gefallen. Wäre jetzt Bundestagswahl, erhielten lt. ZDF Politbarometer CDU/CSU 39 Prozent (plus eins), die SPD käme jetzt wieder nur noch auf 29 Prozent (minus zwei). Im direkten Vergleich hat sich der Vorsprung von Merkel gegenüber Steinbrück deutlich vergrößert: Gefragt, wen die Deutschen lieber als Regierungschef/-in hätten, sprechen sich jetzt 52 Prozent (plus drei) für Angela Merkel und nur 37 Prozent (minus drei) für Peer Steinbrück aus (weiß nicht: elf Prozent).

    Merkel versus Steinbrück (Quelle: Archivfoto von 2008 – Spiegel Online)

Immerhin können die Grünen wieder leicht zulegen. Mit ihnen plant Herr Steinbrück ja eine Koalition in einem Jahr. Und da weder die FDP noch die Piraten den Sprung in den Bundestag schaffen würden, blieben lediglich noch die Linken, die dann allerdings das berühmte Zünglein an der Waage spielten – was bekanntlich keiner will (außer die Linken).

Herrn Steinbrück gilt als eloquent und in Wirtschaftsfragen kompetent. Manchmal ist er vielleicht zu redegewandt, denn ihm rutschen oft genug Sachen heraus, die ihn im Nachhinein reuen dürften. Selbst in eigenen Reihen hat man ihn vorgeworfen, die sich abzeichnende Finanzkrise und deren Auswirkungen viel zu lange unterschätzt zu haben. Und ich gestehe, gegen Steinbrück auch höchst persönlich meine Bedenken zu haben (z.B. die Steuerpflicht für Tagesmütter betreffend).

Aber deshalb die Merkel und ihre Vasallen wählen? Pest statt Cholera? Gottbewahre!

Nun bis zur nächsten Bundestagswahl fließt noch viel Wasser die Spree und Havel hinunter. Aber der Trend ist eindeutig: CDU/CSU vor der SPD, da mag Herr Steinbrück noch so viel in die Waagschale werfen wollen. Es werden die kleinen Parteien sein, die den Ausschlag geben werden. Und da kann sich noch einiges tun. Ob die FDP, um es vielleicht doch noch zum Einzug in den Bundestag zu schaffen, mit Leihstimmen aus dem Unionslager rechnen kann, ist heute eher mit nein zu beantworten. Aber wer weiß … Alle anderen Parteien dürften tendenziell eher die SPD unterstützen. Kommt es dann am Ende wieder zu einer großen Koalition, die Steinbrück heute noch vehement ablehnt?!

Der Steppenwolf (Film)

So langsam neigt sich das Jahr seinem Ende entgegen. Wie bereits erwähnt hat dieses Jahr gleich zwei Jahrestage im Zusammenhang mit Hermann Hesse zu begehen, seinen 50. Todestag und gleichzeitig den 135. Jahrestag seiner Geburt. Eines seiner bekanntesten Werke ist der Roman Der Steppenwolf, den ich in diesem Blog auch schon ausführlicher beschrieben habe (siehe auch: Romananfänge (4): Harry und Hermine).


„Steppenwolf“(Gedicht) von Hermann Hesse

Bei Youtube gibt es übrigens ein ‚Hörbuch’ von Hermann Hesses Steppenwolf als so genannte Playlist in 34 Teilen, die knapp sieben Stunden lang ist. Wer also nicht nur das Buch lesen, sondern es gern ‚vorgelesen’ bekommen möchte, hat dazu die Gelegenheit.

Hermann Hesse: der Steppenwolf - S. Fischer Verlag,  Erstausgabe Deckblatt 1927

Hermann Hesse: der Steppenwolf - Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 4. Auflage, 151. - 190. Tausend 1975

Hermann Hesse: der Steppenwolf – S. Fischer Verlag,  Erstausgabe Deckblatt 1927 Hermann Hesse: der Steppenwolf – Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 4. Auflage, 151. – 190. Tausend 1975

Vom Steppenwolf gab es im Zuge der Hermann-Hesse-Renaissance in den 70er Jahren eine Verfilmung mit Max von Sydow in der Hauptrolle. Der Film besticht durch seine Worttreue. Ende Juni ist der Film noch einmal als DVD Steppenwolf auf den Markt gekommen. Ich finde den Film durchaus gelungen, wenn auch die mittels elektronischer Farbmanipulationen erreichten Traumbilder des Magischen Theaters mit der hierfür verwendeten Technik schon damals eher entnervend waren. Max von Sydow reißt dieses Manko dank seiner schauspielerischen Leistung mehr als heraus. Durch ihn bekommt der Steppenwolf Gestalt. Er zeigt ihn als verletzlichen, im Grunde eher naiven und schüchternen Menschen, der sich von der Welt abwendet, dann aber durch eine bezaubernde Hermine (Dominique Sanda) auf den Weg der ‚Heilung’ geführt wird. Er gewinnt durch sie dem Leben den gehörigen Humor ab, um weiterleben zu können.


Filmausschnitte – The Same Wolf


Traktat vom Steppenwolf

Sherlock Holmes: Spiel im Schatten

Sherlock Holmes: Spiel im Schatten (Originaltitel: Sherlock Holmes: A Game of Shadows, auch bekannt als Sherlock Holmes 2) ist ein britisch-US-amerikanischer Abenteuer-Krimi und die Fortsetzung des Films Sherlock Holmes. Wie sein Vorgänger ist Sherlock Holmes 2 keine direkte Verfilmung oder Adaption einer von Arthur Conan Doyles Geschichten, obwohl es einige Bezüge zu diesen gibt.

Sherlock Holmes: Spiel im Schatten

Der Film ist kurz vor Weihnachten 2011 in Deutschland in die Kinos gekommen und jetzt auf DVD bzw. Blu-ray Sherlock Holmes – Spiel im Schatten erhältlich. Am Wochenende habe ich den Film zusammen mit meinem jüngeren Sohn über unsere kleine Heimkinoanlage im Keller gesehen.


Sherlock Holmes 2 – Spiel im Schatten | Deutscher Trailer

Zunächst zum Inhalt des Films: Ein Jahr nach den Ereignissen in Guy Ritchies „Sherlock Holmes“ macht der berühmte Meisterdetektiv (erneut gespielt von Robert Downey Jr.) Jagd auf den sinisteren Professor Moriarty (Jared Harris). Holmes Instinkte sagen ihm, dass er es mit einem Gegner zu tun hat, der so gefährlich ist, wie kein anderer vor ihm: Moriarty ist der erste Superbösewicht der Welt! Auf seiner gefährlichen Mission steht Holmes erneut sein bester Freund und Gehilfe Dr. Watson (Jude Law) zur Seite. Der hat nicht nur alle Hände voll zu tun, den exzentrischen Detektiv aus brenzligen Lagen zu befreien und am Leben zu erhalten, sondern muss sich auch um seine große Liebe Mary Morstan (Kelly Reilly) kümmern. Als der Kronprinz von Österreich tot aufgefunden wird, sieht für Inspector Lestrade (Eddie Marsan) alles nach Selbstmord aus, doch Holmes erkennt, dass Moriarty ihn ermordet haben muss und damit einen weit größeren Plan verfolgt. Die Sache wird mysteriöser, als Holmes und sein Bruder Mycroft (Stephen Fry) den Junggesellenabschied von Watson feiern und dabei auf die schöne Zigeunerin und Wahrsagerin Sim (Noomi Rapace) treffen, die mehr sieht als sie sagt und daher selbst auf die Abschussliste gerät. Als Holmes ihr das Leben rettet, ist sie bereit ihm und Watson zu helfen, Moriarty zu stoppen. Doch sie scheinen keine Chance zu haben, denn wohin sie Moriarty bei ihrer Jagd quer durch Europa hin verfolgen, der Superverbrecher ist ihnen immer einen Schritt voraus…

aus: filmstarts.de

Wer den ersten Teil mochte, wird auch diesen zweiten Teil mögen. Es ist wieder ein Film in bester Popcornkino-Manier: Eine dramaturgisch attraktive Mixtur aus furioser Action und exaltierter Komik. Manchmal erinnert mich Holmes/Downey Jr an Inspektor Clouseau/Peter Sellers, nicht nur wegen der Verkleidungsmanie. Gelungen finde ich auch den verbrecherischen Gegenspieler von Holmes: Moriarty, dem Jared Harris viel Charisma verleiht. Ansonsten gilt, was ich bereits sehr ausführlich zum ersten Teil geschrieben habe. Erwähnenswert sind vielleicht noch die nicht gerade wenigen Filmfehler, die selbst mir aufgefallen sind, z.B. die Flagge des deutschen Reichs (schwarz-rot-gold statt richtig schwarz- weiß-rot) oder eingesetzte Waffen, die es 1891 noch gar nicht gab.

Heute Ruhetag (26): Gustave Flaubert – Madame Bovary

Kaum ein Roman wurde so oft ins Deutsche übertragen. Und kaum eine Frauengestalt interessierte die Filmregisseure so sehr – wie Madame Bovary.

Madame Bovary, in älteren Übersetzungen auch Frau Bovary, ist ein Roman von Gustave Flaubert. Er gilt als eines der großen Werke der Weltliteratur aufgrund der seinerzeit neuartigen realitätsnahen Erzählweise. Ein Zeitungsbericht über den Selbstmord einer jungen Ehefrau veranlasste Flaubert zur Ausgestaltung dieses Gesellschaftsromanes, der den Untertitel Ein Sittenbild aus der Provinz trägt.

Heute Ruhetag = Lesetag!

Zuweilen machte sie sich Gedanken, ob das wirklich die schönsten Tage ihres Lebens sein sollten: ihre Flitterwochen, wie man zu sagen pflegt. Um ihre Wonnen zu spüren, hätten sie wohl in jene Länder mit klangvollen Namen reisen müssen, wo der Morgen nach der Hochzeit in süßem Nichtstun verrinnt. Man fährt gemächlich in einer Postkutsche mit blauseidnen Vorhängen die Gebirgsstraßen hinauf und lauscht dem Lied des Postillions, das in den Bergen zusammen mit den Herdenglocken und dem dumpfen Rauschen des Gießbachs sein Echo findet. Wenn die Sonne sinkt, atmet man am Golf den Duft der Limonen, und dann nachts steht man auf der Terrasse einer Villa am Meere, einsam zu zweit, mit verschlungenen Händen, schaut zu den Gestirnen empor und baut Luftschlösser. Es kam ihr vor, als seien nur gewisse Erdenwinkel Heimstätten des Glücks, genau so wie bestimmte Pflanzen nur an sonnigen Orten gedeihen und nirgends anders. Warum war es ihr nicht beschieden, sich auf den Altan eines Schweizerhäuschens zu lehnen oder ihre Trübsal in einem schottischen Landhause zu vergessen, an der Seite eines Gatten, der einen langen schwarzen Gehrock, feine Schuhe, einen eleganten Hut und Manschettenhemden trüge?

Alle diese Grübeleien hätte sie wohl irgendwem anvertrauen mögen. Hätte sie aber ihr namenloses Unbehagen, das sich aller Augenblicke neu formte wie leichtes Gewölk und das wie der Wind wirbelte, in Worte zu fassen verstanden? Ach, es fehlten ihr die Worte, die Gelegenheit, der Mut! Ja, wenn Karl gewollt hätte, wenn er eine Ahnung davon gehabt hätte, wenn sein Blick nur ein einzigesmal ihren Gedanken begegnet wäre, dann hätte sich alles das, so meinte sie, sofort von ihrem Herzen losgelöst wie eine reife Frucht vom Spalier, wenn eine Hand daran rührt. So aber ward die innere Entfremdung, die sie gegen ihren Mann empfand, immer größer, je intimer ihr eheliches Leben wurde.

Karls Art zu sprechen war platt wie das Trottoir auf der Straße: Allerweltsgedanken und Alltäglichkeiten, die niemanden rührten, über die kein Mensch lachte, die nie einen Nachklang erweckten. Solange er in Rouen gelebt hatte, sagte er, hätte er niemals den Drang verspürt, ein Pariser Gastspiel im Theater zu sehen. Er konnte weder schwimmen noch fechten; er war auch kein Pistolenschütze, und gelegentlich kam es zutage, daß er Emma einen Ausdruck des Reitsports nicht erklären konnte, der ihr in einem Romane begegnet war. Muß ein Mann nicht vielmehr alles kennen, auf allen Gebieten bewandert sein und seine Frau in die großen Leidenschaften des Lebens, in seine erlesensten Genüsse und in alle Geheimnisse einweihen? Der ihre aber lehrte sie nichts, verstand von nichts und erstrebte nichts. Er glaubte, sie sei glücklich, indes sie sich über seine satte Trägheit empörte, seinen zufriedenen Stumpfsinn, ja selbst über die Wonnen, die sie ihm gewährte.

[…]

aus dem 7. Kapitel

    Signatur: Gustave Flaubert

Gustave Flaubert: Madame Bovary