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Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

TV-Team beim DRK-Suchdienst Standort München

„Seit 1945 forscht der DRK-Suchdienst nach verschollenen Menschen – zunächst natürlich vorwiegend nach solchen, die in den Wirren und Schrecken des Zweiten Weltkriegs verloren gingen. Auch heute noch wenden sich täglich bis zu 200 Hilfesuchende an das Deutsche Rote Kreuz, die Verwandte oder Bekannte suchen, die im Zweiten Weltkrieg und der aus ihm resultierenden Teilung Deutschlands verschollen sind. Und das sind immer noch rund 1,3 Millionen Menschen.“

„Aber das Betätigungsfeld des DRK-Suchdienstes hat sich erweitert: Neben der Suche und Zusammenführung von Familien im Rahmen von Spätaussiedlungen nach Deutschland betätigt sich der humanitäre Dienst zunehmend auch bei Katastrophen in der ganzen Welt – seien sie Naturkatastrophen oder kriegerische Auseinandersetzungen, wie in Afghanistan, einem der Schwerpunkte der derzeitigen Arbeit.“ (Quelle: Bayerischer Rundfunk)

DRK Suchdienst Standort Hamburg: Familienzusammenführung

Am Dienstag, den 24. Juli, sendete der Bayerische Rundfunk in seinem dritten Fernsehprogramm u.a. in der Abendschau ab 18 Uhr einen Beitrag über den DRK-Suchdienst in München.


TV-Team (Bayern 3) beim DRK-Suchdienst Standort München

Weitere Videos: Lifeteam aus München I DRK-SuchdienstLiveteam aus München II: Eine gute Bilanz

Neben den DRK-Suchdienst in München gibt es auch noch den Standort Hamburg, der seit mehr als 65 Jahren über Ländergrenzen hinweg Familien wieder zusammenbringt. Die Mitarbeiter dort beraten vor allem Spätaussiedler und deren Familienangehörige.

Warum schreibe ich das? Nun ich bin Mitarbeiter beim Standort Hamburg und dort als Datenbankadministrator tätig. Insgesamt bin ich jetzt schon seit über 20 Jahren beim DRK-Suchdienst beschäftigt.

Jorge Luis Borges: Phantastische Erzählungen

    Ich schreibe für mich selber, für die Freunde und um das Verringen der Zeit weniger schmerzhaft zu verspüren.
    Jorge Luis Borges

Betrachtet man die lateinamerikanische Literatur, so fällt der 1899 in Buenos Aires geborene und 1986 in Genf verstorbene Jorge Luis Borges doch ziemlich aus dem Muster. Er war ein Vertreter der kleinen Form und schrieb überwiegend Gedichte (siehe u.a. meinen Beitrag Jorge Luis Borges: Ein Traum) und Kurzgeschichten. Borges fiel aus der Muster, weil er sich weniger dem Leben und den Ereignissen in Südamerika widmete, das zwar auch, aber vornehmlich schrieb er Erzählungen, die rätselhaft, labyrinthisch, symbolisch und phantastisch sind. Literarisch maßgeblich beeinflusst war er durch die englische Literatur (Whitman, Chesterton, Shaw, De Quincey), Franz Kafka und dem Daoismus. Seine philosophischen Anschauungen, die dem erkenntnistheoretischen Idealismus verpflichtet sind und sich in seinen Erzählungen und Essays wiederfinden, bezog Borges vornehmlich von George Berkeley, David Hume und Arthur Schopenhauer. Borges war eher ein ‚europäischer’ Schriftsteller.

    Jorge Luis Borges

Borges verstand sich nicht als politischer Schriftsteller, galt aber als konservativ, teilweise sogar als antidemokratisch bis reaktionär, was im Zusammenhang mit seiner Kritik an den zweimaligen argentinischen Präsidenten Juan Perón zu sehen ist, der Demokratie nicht unbedingt nach westlichem Muster interpretierte. So unterstützte Borges zunächst den Militärputsch von 1976, der der Perón-Herrschaft ein Ende setzte, ging dann aber auf Distanz zu der Militärdiktatur.

Während einer Sommergrippe, die mich auch heute noch plagt, habe ich Zeit gefunden, mir Jorge Luis Borges’ Werk, speziell seine Erzählungen, noch einmal vorzunehmen.

„Die Vorstellungen Humes und die der Gnostiker haben Borges’ Weltbild geprägt. Eine Welt, die von einem unreifen, unüberlegt handelnden Gott geschaffen wurde, die dann halb vollendet liegenblieb, in der es keine Autorität, keinen Bezugspunkt gibt, kann nicht den Anspruch auf Ordnung und Harmonie erheben. […] Der Mensch ist verdammt, in einem Chaos, in einem chaotischen Dasein zu leben.

da es in der Wirklichkeit unmöglich ist, […] das Chaos zu durchdringen, kommt der Mensch zu dem Entschluß, diese Möglichkeit zumindest in einem imaginären, phantastischen Universum nach seiner Vorstellung zu realisieren.“ (Nachwort von José A. Friedl Zapata, Heidelberg, im Mai 1973 im Band: Die Bibliothek von Babel – Erzählungen – Philipp Reclam Jun., Stuttgart – Universal-Bibliothek Nr. 9497 – 1974)

Anhand von kurzen Textpassagen möchte ich an dieser Stelle einige wesentliche Aspekte der Gedanken Borges’ vorführen, die ich vor allem als Gedankenspiele ansehe, wenn auch äußerst interessanten. Borges beschäftigte sich mit dem Gedanken der Unendlichkeit und hat dabei einige bemerkenswerte ‚Bilder’ entworfen.

Zunächst behandelte Borges den Gegensatz von Abfolge und Simultanität. Letzteres lässt sich vielleicht in einem geometrischen Punkt darstellen, der ohne Ausdehnung ist. Die Abfolge wäre dann vielleicht die Gerade, die unendlich lang ist. Er beschreibt ein Problem der Sprache des Nacheinanders statt der Simultanität: „Was meine Augen schauten, war simultan; was ich beschreiben werde, ist sukzessiv, weil die Sprache es ist.“ (Das Aleph in: Die zwei Labyrinthe – dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, München – Originalausgabe – Juli 1986 – S. 124). Wenn Borges dann die Dichtung eines fiktiven Volkes in einem einzigen Wort reduziert sieht („… die Dichtung der Urnen [besteht] aus einem einzigen Wort.“ (Undr in: Das Sandbuch – Erzählungen – Carl Hanser Verlag München, Wien – Reihe Hanser 233 – 1977 – S. 76)), dann ist das der erzählende Versuch, der Sprache simultane Eigenschaft aneignen zu wollen.

Sprache, Wörter, Verständnis: Hierzu schreibt Borges u.a. „Die Wörter sind Symbole, die ein gemeinsames Gedächtnis voraussetzen.“ (Der Kongreß in: Die Bibliothek von Babel) oder „Um etwas zu sehen, muß man es verstehen.“ (There Are More Things in: Das Sandbuch S. 55). Beim Erinnern oder Vergessen bezieht sich Borges auf Bacon: “Bacon habe geschrieben, wenn Lernen Sich-Erinnern ist, dann ist Unkenntnis nichts anderes als Vergeßlichkeit.“ (Die Nacht der Gaben in: Das Sandbuch S. 61)

In der außergewöhnlichen Erzählung „Tlön, Uqbar, Orbis Tertius“ lässt Borges nicht nur ein fiktives Land erschaffen, sondern gleich einen ganzen fiktiven Planeten, der seine eigenen Gesetzmäßigkeiten hat: „Ich habe gesagt, daß die Menschen dieses Planeten die Welt als eine Folge geistiger Vorgänge auffassen, die sich nicht im Raum, sondern nacheinander in der Zeit abspielen.“ (Tlön, Uqbar, Orbis Tertius in: Die zwei Labyrinthe S. 25)

Die Unendlichkeit nun stellt er z.B. anhand eines Buches dar, das er Sandbuch (Text dt. – span.) nennt: „Sein Buch heiße Sandbuch, sagte er, weil weder das Buch noch der Sand Anfang oder Ende hätten.“ (S. 112 – Das Sandbuch). Weder ein Anfang noch ein Ende des Buchs lässt sich aufschlagen. Als Motto versieht Borges diese Erzählung mit einem Ausspruch von George Herbert (1593-1623): „…thy rope of sands …“ (ein Seil aus Sand).

Wohl die bekanntes Erzählung ist die von der unendlichen Bibliothek von Babel (dt. Text/span. Text), die auch Einzug in den bekannten Roman „Der Name der Rose“ vom Umberto Eco hielt. Jorge Luis Borges wird in dem mittelalterlichen Roman zu jenem Jorge von Burgos, dem Hüter der Klosterbibliothek.

„Das Universum (das andere die Bibliothek nennen) setzt sich aus einer unbegrenzten und vielleicht unendlichen Zahl sechseckiger Galerien zusammen […] Zwanzig Bücherregale, fünf breite Regale auf jeder Seite, verdecken alle Seiten außer zweien […] jedes Regal faßt zweiunddreißig Bücher gleichen Formats; jedes Buch besteht aus vierhundertzehn Seiten, jede Seite aus vierzig Zeilen, jede Zeile aus etwa achtzig Buchstaben von schwarzer Farbe.“ (Die Bibliothek von Babel in: Die zwei Labyrinthe, S. 54 ff.)

Etwas verquer liest sich die Erzählung von Pierre Menard, dem Autoren einer wortgetreuen Widergabe des Don Quijote, den ja eigentlich Miguel de Cervantes geschrieben hat:

„Auf irgendeine Art Cervantes zu sein und zum Quijote zu gelangen erschien ihm weniger schwierig […], als fernerhin Pierre Menard zu bleiben und durch die Erlebnisse Pierre Menards zum Quijote zu gelangen. […] ‚Ich brauchte nur unsterblich zu sein, um es zu vollenden.’“ (Pierre Menard, Autor des Quijote in : Die zwei Labyrinthe, S. 41)

Auch hier geht es um die Unendlichkeit. Wenn ein Schriftsteller unendlich lang lebte und schriebe, so würde er irgendwann auch den Don Quijote ‚erneut’ schreiben, dann natürlich auch jedes andere Buch dieser Welt.

Aber es gebt auch andersherum: „Es ist Odins Scheibe. Sie hat nur eine Seite.“ (Die Scheibe in: Das Sandbuch, S. 109). In einer Welt des Raums gibt es eigentlich mindestens drei Dimensionen und jede Münze und Scheibe hätte zwei Seiten.

Das Buch „Die zwei Labyrinthe“ (dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, München) enthält neben den Gedichten und Erzählungen auch eine kurzgefasste und lesenswerte „Geschichte des Tango“ (also doch auch etwas mit südamerikanischen Bezug), sowie zwei Vorträge zum Buch (siehe hierzu auch meinen Beitrag: Lesen und Wiederlesen) und zur Zeit:

„Plotin sagt: es gibt drei Zeiten, und alle drei sind die Gegenwart. Eine Zeit ist die augenblickliche Gegenwart, die Zeit, in der ich spreche. Das heißt, der Moment in dem ich sprach, denn dieser Moment gehört nun schon zur Vergangenheit. Die zweite Zeit ist die Gegenwart der Vergangenheit, Erinnerung genannt. Die dritte ist die Gegenwart der Zukunft: das, was unsere Hoffnungen oder Ängste sich vorstellen.
Plato sagte, die Zeit sei das bewegliche Abbild der Ewigkeit.“
(S. 265)

Dies ist der 2500. Beitrag in WilliZ Weblog

London Calling (2): Olympia 2012

Sieben Jahre ist es her, dass die 30. Olympische Sommerspiele 2012 an London vergeben wurden. Damit ist die britische Hauptstadt bereits zum dritten Mal nach 1908 und 1948 Olympia-Schauplatz.

    Olympia London 2012

Die Spiele beginnen bereits morgen mit dem Fußballspiel Großbritannien – Neuseeland im Frauenturnier in Cardiff, Millennium Stadium. Die eigentliche Eröffnungsfeier ist dann am Freitag, den 27. Juli. Am Sonntag, den 12. August, enden die olympischen Spiele. Er werden Teilnehmer aus über 200 Länder erwartet sowie einige unabhängige Olympiateilnehmer (drei Athleten von den Niederländischen Antillen sowie einer aus dem Südsudan).

Mittelpunkt und Hauptveranstaltungsort wird der Olympiapark (englisch Olympic Park) mit dem Olympiastadion (80.000 Zuschauer) für Leichtathletik, Eröffnungs- und Schlussfeier sein, der überwiegend im Stadtteil Stratford liegt.


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Olympic Park, London

Für Deutschland wurden vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) 391 Athleten in 23 Sportarten für die Spiele in London nominiert (DOSB-Starterliste).

Hier zunächst die offizielle Website der Olympischen Spiele: London 2012

Die deutsche Berichterstattung erfolgt im Internet u.a. auf sportschau.de/olympia und zdfsport.de

Lesen und Wiederlesen

Neben der Kategorie Literatur gibt es in meinem Weblog noch die Unterkategorie Wiedergelesen. Das kommt natürlich nicht von ungefähr. Wer viel liest, der wird irgendwann auch wiederlesen. So wie man sich einen guten Film gern ein zweites Mal anschaut, so liest man auch ein gutes Buch, vielleicht erst nach Jahren, gern ein weiteres Mal.

In der letzten Woche hatte ich mir eine Sommergrippe eingehandelt. So habe ich mir einige Zeit zum Lesen und Wiederlesen genommen. In einem Lesebuch mit Kurzgeschichten, Essays und mehreren Vorträgen von Jorge Luis Borges: Die zwei Labyrinthe (dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, München – Originalausgabe – Juli 1986) schrieb Borges in einem Vortrag über das Buch: „Ich habe mehr wiedergelesen denn zu lesen versucht, ich glaube, daß wiederlesen wichtiger ist als lesen – abgesehen davon, daß man gelesen haben muß, um wiederlesen zu können.“ (S. 260). Auf dieses und zwei weitere Bücher von Borges mit Kurzgeschichten usw., die ich jetzt erneut gelesen habe, komme ich noch einmal extra zu sprechen.

Inzwischen glaube auch ich, mehr wiederzulesen als neu zu lesen. Es sind einfach die kleinen literarischen Schätze, die einen das Leben lang begleiten und die nach einmaligem Lesen nicht so einfach im Bücherregal verschwinden können. Immer wieder, und wenn auch erst nach längerer Zeit, nimmt man sich so ein Buch wieder zur Hand. Ein Buch ist etwas Handfestes. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb ich mir immer noch keinen eBook-Reader zugelegt habe.

Für Borges ist wiederlesen zudem wichtiger als lesen. Das Wiederlesen verstärkt die Wirkung eines Buches. Wie in einem Film, den wir ein zweites Mal sehen, entdecken wir auf einmal Details, die wir beim ersten Mal übersehen haben. Und gerade diese Details brennen sich jetzt verstärkt ins Gedächtnis.

Ich persönlich habe es nie so ganz verstanden, wie manche Menschen Bücher, eins nach dem anderen, geradezu verschlingen können. Ich lese auch viel. Aber ein gutes Buch muss bei mir auch nachwirken können. Und wenn es gut war, lese ich es mit Sicherheit erneut. Ein gutes Buch zeichnet sich nämlich dadurch aus, dass es ein weiteres Mal gelesen wird. Ein Buch ist keine Zeitung, die heute aktuell ist, morgen dagegen bereits überholt. Selbst ein altes Buch wird auch heute noch sehr aktuell sein.

Heute Ruhetag (18): Theodor Strom – Der Schimmelreiter

Der Schimmelreiter zog vor allem an den norddeutschen Küsten durch die stürmischen Dezembernächte. Sein Ursprung dürfte in der germanischen Mythologie (Pferdekult) stammen. Bekannt geworden ist er durch die gleichnamige Erzählung von Theodor Storm (siehe meinen Beitrag: Weihnachten von A bis Z: S wie Schnee & Silvester)

„Die Novelle, in deren Zentrum der fiktive Deichgraf Hauke Haien steht, basiert auf einer Sage, mit der Storm sich über Jahrzehnte befasste. Mit der Niederschrift der Novelle begann er jedoch erst im Juli 1886 und beendete seine Arbeit daran im Februar 1888, wenige Monate vor seinem Tod.“ (Quelle: de.wikipedia.org)

Wer in Norddeutschland lebt, kommt um diese Novelle kaum herum, wenn er hier auch noch zur Schule gegangen ist. Im August 2000 war ich mit meiner Familie zwei Wochen auf Sizilien. Der älteste meiner beiden Söhne war damals noch nicht ganz 10 Jahre alt. Auf einem Buchbazar in Marina di Ragusa fanden wir eine Ausgabe in deutscher Sprache mit eben dieser Erzählung. Wie das Buch wohl nach Sizilien gekommen ist? Und mein Sohn stürzte sich förmlich auf das Buch und las den Schimmelreiter während der letzten Tage am Strand bis zum Ende. Sicherlich etwas außergewöhnlich für einen Neunjährigen. Aber er war fasziniert von der Geschichte.

Heute Ruhetag!

Was ich zu berichten beabsichtige, ist mir vor reichlich einem halben Jahrhundert im Hause meiner Urgroßmutter, der alten Frau Senator Feddersen, kundgeworden, während ich, an ihrem Lehnstuhl sitzend, mich mit dem Lesen eines in blaue Pappe eingebundenen Zeitschriftenheftes beschäftigte; ich vermag mich nicht mehr zu entsinnen, ob von den »Leipziger« oder von »Pappes Hamburger Lesefrüchten«. Noch fühl ich es gleich einem Schauer, wie dabei die linde Hand der über Achtzigjährigen mitunter liebkosend über das Haupthaar ihres Urenkels hinglitt. Sie selbst und jene Zeit sind längst begraben; vergebens auch habe ich seitdem jenen Blättern nachgeforscht, und ich kann daher um so weniger weder die Wahrheit der Tatsachen verbürgen, als, wenn jemand sie bestreiten wollte, dafür aufstehen; nur so viel kann ich versichern, daß ich sie seit jener Zeit, obgleich sie durch keinen äußeren Anlaß in mir aufs neue belebt wurden, niemals aus dem Gedächtnis verloren habe.

[…]

Franz Karl Basler-Kopp: Schimmelreiter I; Kreide auf Papier
Franz Karl Basler-Kopp: Schimmelreiter I; Kreide auf Papier

Ich blickte neben ihm hinaus; die Fenster hier oben lagen über dem Rand des Deiches; es war, wie er gesagt hatte. Ich nahm mein Glas und trank den Rest. »Haben Sie Dank für diesen Abend!« sagte ich; »ich denk, wir können ruhig schlafen!«

»Das können wir«, entgegnete der kleine Herr; »ich wünsche von Herzen eine wohlschlafende Nacht!«

– – Beim Hinabgehen traf ich unten auf dem Flur den Deichgrafen; er wollte noch eine Karte, die er in der Schenkstube gelassen hatte, mit nach Hause nehmen. »Alles vorüber!« sagte er. »Aber unser Schulmeister hat Ihnen wohl schön was weisgemacht; er gehört zu den Aufklärern!«

– »Er scheint ein verständiger Mann!«

»Ja, ja, gewiß; aber Sie können Ihren eigenen Augen doch nicht mißtrauen; und drüben an der andern Seite, ich sagte es ja voraus, ist der Deich gebrochen!«

Ich zuckte die Achseln: »Das muß beschlafen werden! Gute Nacht, Herr Deichgraf!«

Er lachte: »Gute Nacht!«

– – Am andern Morgen, beim goldensten Sonnenlichte, das über einer weiten Verwüstung aufgegangen war, ritt ich über den Hauke-Haien-Deich zur Stadt hinunter.

Theodor Storm: Der Schimmelreiter – Novelle (1888)

Bürokratie vor Betreuung

Weil es weiterhin an Kita-Plätzen fehlt, sind Tagesmütter (und Tagesväter) gefragt. So wurden im letzten Jahr rund 124.000 Kinder im Rahmen der Kindertagespflege betreut. Besonders für Kinder unter drei Jahre werden Tagesmütter gesucht, da es hier weiterhin große Engpässe bei Kitas (Kindertagesstätten) gibt. Nach dem Sozialgesetzbuch VIII ist diese Betreuungsform im familiennahen Umfeld übrigens gleichrangig mit der Betreuung in einer anderen Kindertageseinrichtung.

    Tagesmütter und Tagesväter

Wer nun glaubt, der Staat und besonders Brüssel unterstütze die Tagesmütter und –väter, muss sich getäuscht sehen. Immer mehr bürokratische Hürden werden aufgestellt, über die die Kindertagespflege für die Hunde geht.

Begonnen hat das bereits zu Zeiten der großen Koalition als der damalige Bundesfinanzminister, Peer Steinbrück, meinte, die bisher einkommensteuerfreie Kostenübernahme der Kommunen für die Tagespflege, die als Aufwandsentschädigung gezahlt wurde, zur Einkommensteuer heranzuziehen.

Daneben sind Tagesmütter und –väter sozialversicherungspflichtig. Wer nicht gerade unter 365 € im Monat (nach Abzug der Betriebskosten) Einnahmen hat und beim Ehegatten familienversichert ist, darf sich so u.a. auch noch krankenversichern (gilt nach meinem Wissen allerdings nur für eine Übergangszeit bis zum 31. Dezember 2013).

Seit 1. Januar 2012 gilt zudem eine EU-Richtlinie, die Tagesmüttern strenge Hygieneregeln auferlegt. Das geht soweit, dass im zeitlichen Abstand die Kühlschranktemperatur zu messen ist. Welchen Sinn das macht, sollte man die Bürokraten in Brüssel fragen. Das Land Niedersachsen hat sich bisher gesträubt, diese Richtlinie umzusetzen.

Und was ist nun der Dank und Lohn? Für jedes Kind bekommt die Tagesmutter 3 € pro Stunde. Es dürfen maximal fünf Kinder betreut werden. So ‚verdient’ eine Tagesmutter also maximal 15 € die Stunde. Die Betriebskosten, also der Sachaufwand für Spielzeug, Bücher, zusätzliche Heizkosten, zusätzliche Haftpflichtversicherung und Lehrgänge– und natürlich die angesprochenen Sozialabgaben und Steuern müssen von diesen Einnahmen bestritten werden. Aber welche verantwortungsvolle Tagesmutter hat schon fünf Kinder?

Und seit einigen Tagen gibt es nun auch noch ein Urteil des Bundesgerichthofes, nachdem bezahlte Kinderbetreuung in den eigenen vier Wänden gewerbliche Nutzung entspricht. Daher benötigen Tagesmütter eine Erlaubnis des Verwalters oder Vermieters, wenn sie die Tagespflege in einer Wohnung ausüben. Ob der Verwalter oder Vermieter die Genehmigung mit dem Argument verweigern darf, die Kinder seien zu laut, ließ der BGH allerdings aus prozessualen Gründen offen. Eigentlich wurde aus diesem Streitpunkt das Gerichtsverfahren geführt.

Deutschland war und ist weiterhin ein wenig kinderfreundliches Land. Was sich da Bürokraten in Brüssel und Berlin ‚zum Wohle der Kinder’ ausdenken, ist hanebüchen. Die Spitze ist natürlich jetzt dieses Gerichtsurteil, dass Kinderbetreuung als gewerblich einstuft und damit z.B. einer Werkstatt gleichstellt, in der gehämmert, gestanzt und gebohrt wird.

siehe auch. Tagesmütter und-väter e.V. des Landkreises Harburg

Jorge Luis Borges : Ein Traum

    Er wollte einen Menschen bis in die kleinste Einzelheit erträumen und ihn der Wirklichkeit aufzwingen.

    Jorge Luis Borges: Die kreisförmigen Ruinen – Erzählung

„All das deutet auf die buddhistische Vorstellung der Welt als Traum und auch auf den halluzinatorischen Charakter des Universums im Sinne des Idealismus hin, zwei philosophische Systeme, die letztlich in Schopenhauer münden, der sich mit seiner Forderung nach der Abschaffung des Willens, um auf diesem Weg zum befreienden Nichts zu gelangen, sehr dem buddhistischen Nirwana nähert.“ (José A Friedl Zapata zu Borges)

    Jorge Luis Borges

Die drei wußten es.
Sie war Kafkas Gefährtin.
Kafka hatte von ihr geträumt.
Die drei wußten es.
Er war Kafkas Freund.
Kafka hatte von ihm geträumt.

    Die drei wußten es.
    Die Frau sagte zu dem Freund:
    Ich möchte, daß du mich heute nacht begehrst.
    Die drei wußten es.
    Der Mann antwortete: Wenn wir sündigen,
    Wird Kafka aufhören, von uns zu träumen.

Einer hat es gewußt.
Es war niemand mehr auf der Erde.
Kafka sagte sich:
Da nun die beiden fort sind, bin ich allein zurückgeblieben.
Ich werde aufhören, von mir zu träumen.

Hierzu Borges: „Dieser Traum wurde mir eines Morgens in East Lansing diktiert, ohne daß ich ihn verstand, ohne daß er mich sonderlich beunruhigte; ich konnte ihn später nachschreiben. Wort für Wort. Natürlich handelt es sich um eine bloße psychologische Kuriosität oder, sofern der Leser großmütig genug ist, um ein harmloses Gleichnis des Solipsismus.“

Döör de Döör döör

He geiht döör de Döör döör … Er geht durch die Tür durch – nichts anderes bedeutet dieser Singsang auf Hochdeutsch. Natürlich ist es Niederdeutsch, also Plattdeutsch. Da das Plattdeutsche keinen Duden kennt, ist die Schreibweise nicht immer eindeutig (de Döör könnte sich also auch nur mit einem Ö schreiben oder mit ÖH, auf jeden Fall wird es wie ein langes Ö gesprochen), ganz abgesehen von den regionalen Unterschieden (da gibt es für ‚dör’ auch ‚dörch’).

    Plattdeutsch - Plattdüütsch

„Als »niederdeutsch« oder »plattdeutsch« bezeichnet man Mundarten nördlich der sog. »Benrather Linie«, einer Dialektgrenze, die bei Benrath in der Nähe von Düsseldorf den Rhein überquert und entlang des Mittelgebirgsaums bis Frankfurt/Oder verläuft. Alle Mundarten, die nördlich dieser Grenze gesprochen werden, sind von einer Neuerung im Bereich des Konsonantismus ausgenommen, die sich im 7./8. Jahrhundert durchzusetzen begann. Betroffen von dieser Neuerung (Fachterminus: 2. Lautverschiebung) sind vor allem die Verschlußlaute p, t, k. In den hochdeutschen Mundarten (und selbstverständlich auch in der hochdeutschen Standardsprache) wurden diese je nach Stellung im Wort zu den Reibelauten pf/f, ts/s, und ch »verschoben«, während sie in den niederdeutschen Mundarten erhalten blieben. So heißt es im Niederdeutschen planten, maken und Tung‘ gegenüber hochdeutschem pflanzen, machen und Zunge.“ (Quelle: uni-potsdam.de)

Das Plattdeutsch klingt daher um einiges weicher, was sich besonders bei Schimpfwörtern ‚positiv’ auswirkt. So ist z.B. ein Klugscheißer auf Plattdeutsch ein Klokschieter. Und das böse S…-Wort heißt eben Schiet – ähnlich dem englischen shit – nur mit langem I. Und einige Wörter sind einfach zu herrlich wie z.B. Fellversupen für das Trinken nach einem Begräbnis (das Fell versaufen) oder Schietinnebüx für Angsthase (Hosenscheißer).

Leider bin ich des Plattdeutschen nicht mächtig. Lesen kann ich es ganz gut. Beim Hören gibt es schon größere Aussetzer – und Sprechen geht fast gar nicht. Trotzdem liebe ich diese leider zunehmend bedrohte Sprache/Mundart, da immer weniger Menschen Plattdeutsch sprechen. Nichts gegen das Hochdeutsche. Aber Platt- oder Niederdeutsch hat so seinen ganz besonderen Charme. Und wenn es ausstirbt, verlieren wir etwas. Immerhin ‚überlebt’ das Plattdeutsche in Einzelbegriffen, in Wörtern wie klönen und schnacken für sprechen, sich unterhalten – oder speziell in Orts- und Straßennamen (Töster Markt für den Tostedter Flohmarkt).

Ja, ich komme hier immer wieder aufs Plattdeutsche zu sprechen und vergesse dabei auch andere bedrohte Mundarten und Sprachen nicht (Bedrohte Sprache: HalunderBedrohte Sprachen in DeutschlandHannes Wader: Plattdeutsche LiederKomm inne Puschen!Schottland 2005: Gälisch). Wer bisschen in der Weltgeschichte herumreist (und dazu genügt das Reisen in deutschen Landen) und neben dem Land auch mit den Menschen in Kontakt kommt, der stolpert geradezu über ‚Abweichungen’ der jeweiligen Hochsprache in Form von Dialekten. Schön, dass es sie gibt.

Nun, ich habe etwas im Netz geguckt, was es da so Feines zum Thema Plattdeutsch gibt und habe einige Links zusammengestellt. Wer Lust hat, kann hier wunderbar stöbern (stövern nennt man das wohl auf Plattdeutsch):

Der Umbruch beim SV Werder

Der schrittweise Umbruch beim Fußballbundesligisten SV Werder Bremen geht am Anfang der Saison 2012/2013 in die nächste und wahrscheinlich entscheidende Phase. Nachdem die Mannschaft sich zum 2. Mal in Folge für keinen europäischen Wettbewerb, weder die Champions League noch die Europa League, qualifizieren konnte, musste der bisherige Kader schon allein aus finanziellen Gründen geschrumpft werden. Zum Saisonwechsel haben somit bisherige Stammspieler wie Tim Wiese, Marko Marin und Claudio Pizarro sowie weitere Spieler wie Sebastian Boenisch, Markus Rosenberg, Tim Borowski und Mikaël Silvestre den Verein verlassen bzw. verlassen müssen. Dafür hat man nun Anwehrspieler Sokratis endgültig verpflichtet und den Mittelstürmer Nils Petersen von den Bayern ausgeliehen. Für die Abwehr wurden mit Theodor Gebre Selassie und Assani Lukimya-Mulongoti weitere Spieler verpflichtet. Erst in diesem Tagen wurde Eljero Elia wohl für die linke Außenbahn von Juventus Turin an die Weser geholt. Allein offen ist wohl nur noch der Wechsel des jungen Nachwuchsspielers Hakan Calhanoglu vom Zweitliga-Absteiger Karlsruher SC.

SV Werder Bremen: Umbruch oder Schiffbruch?

Also viele neue Gesichter erwarten den Zuschauer im Weser-Station. Im Tor dürfte jetzt Sebastian Mielitz mit der Nummer eins stehen. Neben ihm stehen der junge Österreicher Richard Strebinger und der bisher in Österreich spielende Raphael Wolf als Ersatztorhüter bereit. Mit Christian Vander ist das nach meiner Meinung vielleicht ein Torhüter zu viel.

Auch in der Innenverteidigung gibt es ein Gedränge: Neben Naldo und Sokratis streben der aus Düsseldorf kommende Lukimya-Mulongoti, Sebastian Prödl und Francois Affolter auf die Stammplätze. In der linken Verteidigung bekommt Lukas Schmitz durch den jungen Florian Hartherz und jetzt auch durch den noch jüngeren Cimo Röcker, immerhin mit der U-17-Nationalmannschaft Dritter der Weltmeisterschaft 2011 und Zweiter bei der Europameisterschaft 2011, Konkurrenz. Auf rechts steht neben dem Mannschaftskapitän Clemens Fritz, der mit Abstand älteste Stammspieler Werders, die tschechische Neuverpflichtung Theodor Gebre Selassie zur Verfügung.

Im Mittelfeld dürfte sich auch einiges tummeln. Philipp Bargfrede dürfte weiterhin für den defensiven Part zuständig sein, Aaron Hunt und Florian Trinks für die Offensive. Und endlich ist zu hoffen, dass Mehmet Ekici die Kurve bekommt und zu dem wird, was alle von ihm erwarten: Regisseur des Werder-Spiels. Daneben bieten sich natürlich viele andere Spieler fürs Mittelfeld an: Aleksandar Ignjovski, Tom Trybull, Aleksandar Stevanovic, Zlatko Junuzovic, Felix Kroos, Predrag Stevanovic usw.

In der Offensive gibt es dann neben Marko Arnautovic (rechte Außenbahn) jetzt Eljero Elia auf Linksaußen und Nils Petersen in der Mitte (wo weiterhin auch Denni Avdic und Niclas Füllkrug bereitstehen). Sandro Wagner, der nach Kaiserslautern ausgeliehen war, gilt wohl als ausgemustert.

Kader-Übersicht des SV Werder Bremen siehe transfermarkt.de

Viele neue, noch mehr junge Gesichter. Man mag noch gar nicht einschätzen, wie das gehen wird. Mit Elia, Werders teuerstem Transfer in dieser Saison, hat man sich wohl ein weiteres Problemkind an Bord des Werder-Schiffs geholt. Mehr als die Halbierung seines Marktwertes (von einmal 12,5 auf jetzt 5 Millionen Euro) innerhalb eines Jahres spricht Bände. Er und Arnautovic müssen sich ja noch vom FC Twente Enschede kennen. Vielleicht schaffen sie es, Nils Petersen mit den nötigen Flanken zu bedienen. Die Außenbahnen verlangen schon etwas Laufarbeit. Also Jungs, nehmt eure Füße in die Hand und zeigt, was ihr könnt.

In der Abwehr ist Werder mit Naldo und Sokratis in der Mitte durchaus gut besetzt. Mielitz war bereits zu Zeiten von Tim Wiese ein guter Ersatz und dürfte die Beförderung zur neuen Numero eins verdient haben. Bei den Außen bin ich mir nicht ganz so sicher. Immerhin gibt es mit Gebre Selassie eine gute Alternative.

Das Mittelfeld bietet viel Platz zum Experimentieren – weiterhin … muss ich schreiben. Da gibt es zwar jede Menge Talente. Aber die warten fast alle noch auf ihren Durchbruch. An einem guten Tag ist alles möglich. Aaron Hunt in Spiellaune, Ekici mit den geschickten Pässen nach vorn. Leider ließen sich solche Tage in der letzten Saison nur wenige zählen.

Der Kader von Werder Bremen steht also (fast). Manager Klaus Allofs hat mehr Geld in die Hand nehmen dürfen als erwartet. Jetzt gilt es, aus dem Haufen eine Mannschaft zu formen. Thomas Schaaf: An die Arbeit! Wer mehr Geld investiert als er durch Spielerverkäufe einnimmt, sollte höhere Ziele vor Augen haben. Und das kann nur Europa-Pokal-Wettbewerbe heißen. Fast alle Spieler sind für mindestens die nächsten beiden Jahre an Werder vertraglich gebunden. Auch das sieht nach ‚Perspektive’ aus. Der Umbruch ist also so gut wie vollzogen. Jetzt müssen Taten folgen. Ich bin gespannt …!!!

Bis zum Freitag, den 24. August, 20 Uhr 30, ist noch etwas Zeit. Dann kommt es aber auch gleich knüppeldick: Der Deutsche Meister, Borussia Dortmund, empfängt zum Saisonauftakt die Werderaner. Mehr als untergehen kann man nicht im ehemaligen Westfalenstadion.

Friedrich Glauser: Studer ermittelt

Sommerzeit ist für mich nicht nur Lesezeit, sondern meist auch speziell Krimilesezeit. Für die warmen Tage eben leichte literarische Kost; zz. lese ich endlich den Riesenwälzer von Léo Malet: Paris des Verbrechens, die Kriminalromane um den Privatdetektiven Nestor Burma, zu Ende. Neben Kommissar Maigret von Georges Simenon ist Malets Nestor Burma die in Frankreich bekannteste Figur im Kriminalmilieu.

Denkt man an die Schweiz und Krimis, dann fällt den meisten zunächst Friedrich Dürrenmatt und sein Kriminalkommissär Bärlach ein. Nun neben diesem gibt es noch einen Kriminaler, den Wachtmeister Studer – eine Romanfigur von Friedrich Glauser, die zwischen 1936 und 1941 in insgesamt fünf Romanen auf den Spuren des Verbrechens in und um Bern unterwegs war. Auf Glausers Wachtmeister bin ich durchs Fernsehen aufmerksam geworden, denn dort gab es Anfang der 80-er Jahre drei Verfilmungen mit Hans Heinz Moser als Studer, die mir sehr gefallen haben. Aber erst jetzt habe ich begonnen, die Kriminalromane von Friedrich Glauser: Studer ermittelt – Sämtliche Kriminalromane in einem Band, Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2009, zu lesen. Es handelt sich dabei wie bei Léo Malets Paris des Verbrechens um einen Riesenwälzer von rund 1100 Seiten – beide sind zz. leider vergriffen. Aber natürlich gibt es Friedrich Glauser auch noch in anderen Verlagen.

Begonnen (und zu Ende gelesen) habe ich den ersten Roman, kurz „Wachtmeister Studer“ genannt. Dieser spielt ca. Mai/Juni 1932 zwischen Thun und Bern in einem kleinen fiktiven Ort namens Gerzenstein, nach dem Roman 25 km von Bern entfernt, wo Studer wohnt und gewöhnlich arbeitet. Als reale Vorbilder Gerzensteins dienten mutmaßlich die beiden kleinen Gemeinden Gerzensee und Geristein in der Nähe des schweizerischen Münsingen, vgl. Obschläger: Nachwort zu SEM, S. 221


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Gerzensee (gut 20 km von Bern entfernt) – Vorbild für Gerzenstein

Wir erfahren zunächst, dass Wachtmeister Studer vor einiger Zeit in Ungnade gefallen ist – ähnlich wie sein Autor, der zeitlebens unangepasst war („1917 trat er [Friedrich Glauser] in Kontakt mit Künstlern, Dichtern und Musikern der Dada-Bewegung. 1918 wurde er entmündigt wegen «liederlichem und ausschweifendem Lebenswandel», sprich: Drogenkonsum, Geldschulden und Konkubinat. Er wurde in der Folge immer wieder in Kliniken und Anstalten interniert, brach aus, wurde erneut gefasst, machte Entziehungskuren, wurde wieder rückfällig, unternahm Suizidversuche. 1921 floh er zu seinem Vater nach Mannheim, der ihm die Aufnahme in die Fremdenlegion vermittelte.“ Quelle: de.wikipedia.org).

„Damals war ich Kommissär bei der Stadtpolizei… […] … Nach der Bankaffäre bin ich in Ungnade gefallen und hab‘ wieder von unten anfangen müssen… Das gibt es…“ (S. 25) Außerdem erinnert Studer „an Leute, die keiner Partei angehören, und es deswegen zu nichts gebracht haben…“ (S. 46)

    Friedrich Glauser: Studer ermittelt (Zweitausendeins)

Der „Fahnderwachtmeister von der Berner Kantonspolizei“ erscheint als ein älterer, eher unscheinbarer und zudem etwas rundlicher Mann mit Schnurrbart und einer Brissago im Mund, einer langen, dünnen Zigarre mit Mundstück. Er ist ein früher herausragender Vertreter jenes Typus des unkonventionellen Ermittlers, der sich oft auf sein Bauchgefühl verlässt und dessen Interesse insbesondere seinen Mitmenschen gilt. Glauser selbst gab an, dass Georges Simenon, der Schöpfer des Maigret, sein „Lehrmeister“ gewesen sei. (Quelle: de.wikipedia.org)

„ … es kommt ein Fahnderwachtmeister dazu, […] dann kann es geschehen, daß alle die kleinen Unregelmäßigkeiten, die im Leben jedes Menschen vorhanden sind, plötzlich wichtig werden; man arbeitet dann mit ihnen, wie ein Maurer mit Backsteinen – um ein Gebäude aufzurichten…“ (S. 53) – „Ich brauch‘ weniger die Tatsachen als die Luft, in der die Leute gelebt haben… Verstehst? So die kleinen Sächeli, auf die niemand achtgibt und die dann eigentlich den ganzen Fall erhellen…“ (S. 72)

Ein Händler in dem kleinen Ort wurde in einem Waldstück ermordet. Und den Täter hat man auch gleich parat. Ein Zuchthäusler, der Arbeit in einer Gärtnerei gefunden hat. Studer kann gerade noch verhindert, dass dieser sich in seiner Zelle erhängt. Als der Verdacht laut wird, dass der Händler eventuell Selbstmord begangen hat, um für seine Familie eine Lebensversicherungsprämie zu erschleichen, ist da wieder der Zuchthäusler, der nun die Tat gesteht. Alles ist also ziemlich verzwickt und spielt zudem in einem kleinen Ort, in dem die Menschen nach etwas anderen Regeln ticken als in der Stadt. Am Schluss ist alles dann natürlich ganz anders, ohne das die Logik verbogen wird. Im Gegenteil: Erst die Lösung lässt den Fall im rechten Licht leuchten.

Wachtmeister Studer ist ein durch und durch menschlicher Typ ohne jegliche Allüren. Die Fälle haben viel Lokalkolorit, lassen sich aber auch für Nichtschweizer ohne sprachliche Probleme lesen. Friedrich Glauser gilt als einer der ersten deutschsprachigen Krimiautoren. Mit dem Fahnderwachtmeister von der Berner Kantonspolizei ist ihm ein einmalig sympathischer Antiheld gelungen.

Interessant sind sicherlich auch die Mordsspaziergänge – Kriminalliterarische Wanderungen im Kanton Bern (u.a. als Buch Mordsspaziergänge – mit 1 Audio-CD), in der u.a. zwei Studer-Krimis abgehandelt werden.

Am 1. Januar 2009 verfiel die Regelschutzfrist der Werke Glausers. Daraufhin veröffentlichte das Projekt Gutenberg-DE mehrere seiner Kriminalfälle online, hier der von mir gelesene Kriminalroman:

Friedrich Glauser: Wachtmeister Studer

siehe auch: Martin Schüller: Tod in Garmisch (Oberbayern Krimi)

London Calling (1): Von Gurken und Scherben

Es ist jetzt schon wieder viele Jahre her, dass ich zuletzt in London war. Mit meinem ältesten Sohn fuhr ich Anfang Juli 1996 für eine knappe Woche mit der Fähre, damals noch von Hamburg aus, bis Harwich und von dort mit dem Bus weiter bis in die britische Hauptstadt. Da unser eigentlich gebuchtes Hotel irgendwie belegt war, kamen wir in einer Preisklasse höher im Hilton Hotel National (heute Hilton London Kensington Hotel) in der Holland Park Avenue unter. Nicht schlecht, denn u.a. gab es statt des Continental breakfast ein ordentliches britisches Frühstück mit allem Drum und Dran, ein so genanntes Full breakfast. Zurück flogen wir dann ab London Heathrow.

Underground Station Piccadilly Circus - London 1996

The Tower - London 1996

London 1996

Kensington Gardens: Peter Pan Statue - London 1996

Mein Sohn war damals 5 ½ Jahre alt und ein großer Dinofan. So besuchten wir u.a. das Natural History Museum in London. Und natürlich waren wir auch beim Peter-Pan-Denkmal in Kensington Gardens. Auf dem Weg nach Greenwich kamen wir durch die so genannten Docklands. Hier war in den Jahren zuvor ein eigener Stadtteil mit einem eigenen Geschäftszentrum entstanden. Die vielen futuristisch anmutenden neuen Hochhäuser entwickelten sich schnell zu einer exklusiven Wohnlage. Der Bürogebäudekomplex nennt sich Canary Wharf und befindet sich auf der Isle of Dogs im Stadtbezirk London Borough of Tower Hamlets. Canary Wharf steht in Konkurrenz zum historisch gewachsenen Finanzzentrum in der City of London. Erreichbar war und ist das mit einer extra gebauten fahrerlosen Hoch- und Untergrundbahn, der Docklands Light Railway (DLR), deren Stationen sich teilweise in den Bürohochäusern selbst befinden (z.B. Heron Quays). Vergleichen lässt sich das Ganze mit der neuen HafenCity in Hamburg.

    London – Canary Wharf


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London – Canary Wharf

Seit diesen Jahren hat sich in London einiges getan. Nicht nur, dass für die in wenigen Tagen am 27. Juli beginnende Olympiade neue Wettkampfstätten wie Olympiastadion, das Aquatics Centre und der London Velopark entstanden, die Liste der höchsten Bauwerke in London ist um einige Hochhäuser größer geworden.


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London – 30 St Mary Axe (The Gherkin)

Vielen wird der 180 m hohe Wolkenkratzer 30 St Mary Axe, häufig The Gherkin (englisch für Essiggurke) oder Swiss-Re-Tower genannt, im Finanzbezirk der City of London bekannt sein. Neu hinzugekommen ist The Shard, auch Shard London Bridge (vormals London Bridge Tower, auch Shard of Glass; von englisch shard ‚Scherbe‘, ‚Splitter‘), das mit 310 Meter (zweit)-höchste Gebäude Europas. Der verzögerte Baubeginn erfolgte am 16. März 2009, die Einweihung war in der letzten Woche, am 5. Juli 2012. Die endgültige Bauhöhe von 310 Metern wurde am 30. März 2012 durch Aufsetzen einer stählernen Spitze als letztes Bauelement erreicht.


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London – Shard London Bridge (beim Näherrücken entpuppt sich Shard noch als Baustelle bei Google Maps)

Es wird also wieder einmal Zeit, London zu besuchen. In diesem Jahr wird es wohl nichts mehr. Die Olympischen Spiele schaue ich mir mit meinen Lieben im Fernsehen an. Aber vielleicht im nächsten Jahr?

siehe auch meinen Beitrag: Berlin. London. Sankt Petersburg.