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Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Woody Allen: Vicky Cristina Barcelona

Bei Woody Allen vermisse ich sooft die Ernsthaftigkeit. Ich weiß auch nicht, warum ich es besonders bei ihm immer wieder bemängele. Vielleicht erwarte ich einfach einmal etwas mehr von ihm. So auch in dem Film Vicky Cristina Barcelona, u.a. mit Scarlett Johansson, Woody Allens neuer Muse, Penélope Cruz und Javier Bardem. Worum geht es?

Der Maler Juan Antonio Gonzalo lebt in Barcelona und trauert seiner letzten Beziehung mit María Elena nach. Auf einer Ausstellung lernt er die US-amerikanischen Touristinnen Cristina und Vicky kennen, die ihren Sommerurlaub in Spanien verbringen. Er lädt sie zu einem Wochenende in Oviedo ein. Vicky, die kurz vor ihrer Hochzeit steht, ist anfangs sehr ablehnend und möchte nicht mitkommen. Nur ihrer Freundin Cristina zuliebe, die fasziniert von der direkten Art Juan Antonios ist, willigt sie ein.

Es riecht nach sommerlichen Liebesfilm – und tatsächlich verwebt Allen sämtliche Klischees, die die unterschiedlichen Konstellationen ergeben, miteinander und erzeugt einen Film, bei dem die Darsteller vor Freude an der Sache Lust auf Liebe, Urlaub – und Barcelona erzeugen.


Woody Allen: Vicky Cristina Barcelona (Trailer)

Barcelona, man bekommt Geschmack auf diese Stadt in Katalonien, der Stadt Gaudís, Mirós oder Salvador Dalís.

Elias Canetti: Die gerettete Zunge

Als Elias Canetti (* 25. Juli 1905 in Rustschuk, Bulgarien; † 14. August 1994 in Zürich) 1981 den Literatur-Nobelpreis erhielt, hatte ich von ihm nur wenig gehört und noch nichts gelesen. So kaufte ich mir das Buch „Die Provinz des Menschen – Aufzeichnungen 1942-1972“ von ihm. Immerhin war er ein Autor deutscher Sprache, wenn auch in Bulgarien als Sohn einer wohlhabenden sephardisch-jüdischen Kaufmannsfamilie (er selbst bezeichnet sich als Spaniole) geboren und lange Zeit in England ansässig. Ich habe zwar immer wieder einen Blick in dieses Buch geworfen. Vollständig gelesen habe ich es aber bis heute nicht. Canetti wurde durch ein vielseitiges Werk bekannt – besonders seine mehrbändige Autobiografie fand ein größeres Publikum.

Nun vor anderthalb Jahren gelangte ich in den Besitz zweier der drei Bände seiner Autobiografie (auf einem Weihnachtsbasar) und las nun in meinem Urlaub den 1. Band: Die gerettete Zunge, der die Jahre bis zum Aufenthalt in Zürich 1921 behandelt.

Elias Canetti

In den Jahren nach dem frühen Tod des geliebten Vaters entwickelte Canetti eine sehr enge, eifersüchtige Beziehung zur Mutter, einer sehr stolzen und selbständigen Frau mit leidenschaftlichem Interesse für Theater und Literatur. Mit den Leseabenden, bei denen Mutter und Sohn gemeinsam klassische Dramen lasen, gab sie dem Wunsch Canettis, später selbst Dichter zu werden, lange Zeit Nahrung. Später sah sie diese Entwicklung zunehmend mit Besorgnis und suchte den Sohn zu einem praktischen Beruf zu drängen.

Zunächst schreibt Canetti:

Ich bekam nie zu hören, daß man etwas aus praktischen Gründen tue. Es wurde nichts betrieben, was ‚nützlich’ für einen werden konnte. Alle Dinge, die ich auffassen mochte, waren gleichberechtigt. … Es kam auf die Dinge selber an und nicht auf ihren Nutzen.

(S. 194)

Elias Canetti erlebte nie materielle Not in seiner Kindheit und Jugendzeit. Die Mutter war durchdrungen von einem Standesdünkel, der sicherlich auch auf ihren Sohn abfärbte. Als es einmal in Zürich zu Beschimpfungen wegen seiner jüdischen Herkunft kam, so entpuppte sich dieser Antisemitismus lediglich als Vorwand gegen den sich in vielen Dingen hochmütig gebenden Canetti. Er lebte in einer anderen Welt, die mehr und mehr ihren Bezug zur Wirklichkeit verlor. So erkannte er dann doch:

Man meint sich für die Welt zu öffnen und zahlt dafür mit Blindheit in der Nähe. Unfaßbar ist der Hochmut, mit dem man darüber entscheidet, was einen angeht und was nicht. … der wölfische Appetit, der sich Wißbegier nennt, merkt nicht, was ihm entgeht.

(S. 291)

Diese andere Welt wurde von seiner Mutter gespeist. Es war eine fiktive Welt der Literatur, die selbst in Zeiten der Not (1. Weltkrieg) über jeden Realismus herrschte. Seltsamerweise war es dann die Mutter, die erkannte, dass ihrem Sohn jegliche Bodenhaftung zu verlieren drohte.

Canetti schreibt und zitiert die Mutter:

Du hast überhaupt kein Recht, etwas zu verachten oder zu bewundern. Du mußt erst wissen, wie es wirklich zugeht. Du mußt es am eigenen Leib erfahren. Du mußt herumgestoßen werden und beweisen, daß du dich zur Wehr setzen kannst.

(S. 312)

Du bist nur hochmütig …

aus: Elias Canetti: Die gerettete Zunge – Geschichte einer Jugend (Fischer Taschenbuch Verlag – 321. – 329. Tausend: April 1989, S. 313)

Hiermit endet der erste Band der Autobiografie. Canetti siedelt 1921 nach Deutschland über, dem Land, in dem nach dem verlorenen Weltkrieg Hunger und Elend regierten.

Ich muss gestehen, dass ich mich beim Lesen mit diesem Canetti nie so richtig anfreunden konnte. Die Hochnäsigkeit der gesamten Familie stieß mich immer wieder ab. Und es wundert mich kaum, wenn man Canetti heute oft als weisen, gastfreundlichen Literaturasketen zu sehen trachtet, der in einer Welt der Bücher und der jederzeit gespitzten Bleistifte lebte. Schon in seiner Kindheit ebnete sich der entsprechende Weg.

Sicherlich finde ich es in Ordnung, seine Kinder für Literatur zu begeistern. Aber Kinder müssen auch lernen, sich in praktischen Dingen auszukennen. Das rechte Maß ist bei Canetti nie gefunden worden – und so wundert es keinen, wenn er sich zu einem altklugen Jungen entwickelt. Ich mag solche Kinder einfach nicht.

Trotzdem finde ich das Buch sehr interessant, weil es einen Einblick in eine Welt ermöglicht, die mit den Umwälzungen im Europa des 20. Jahrhunderts schnell ihr Ende fand. Zwei Stationen auf dem Lebensweg Canettis sind sogar mir bekannt geworden – im Buch heißt es: Wir fuhren mit der Bahn, an Kronstadt vorbei und durch Rumänien. Und: … in Predeal, der Grenzstation zu Ungarn, …

Zum Jahreswechsel 1984/85 und im Frühjahr 1986 besuchte ich mit meiner heutigen Frau zweimal Rumänien und waren so in der Stadt Brasov, dem ehemaligen Kronstadt, als auch in Predeal, heute ein Wintersportort und mitten in Rumänien gelegen. Später etwas mehr zu den Rumänienreisen.

Inselaufenthalt Neuwerk: 4. Tag

Urlaub auf Neuwerk Am 4. Tag unseres Aufenthalts auf der Insel Neuwerk durchwanderten wir das Ostvorland der Insel, das nur auf markierten Wegen begangen werden darf, da hier viele Vögel nisten bzw. ruhen und Futter suchen. Gekennzeichnet ist das Ostvorland Neuwerks durch Salzwiesen, die ebenfalls geschützt werden sollen.

Diese Salzwiesen waren 1925 zunächst durch die Errichtung des Sommerdeiches von einer regelmäßigen Salzwasserzufuhr abgeschnitten, sodass die Salzpflanzen durch die zunehmende Versüßung des Bodens zurück gedrängt wurden. Da die intensive Bewirtschaftung dieses Inselteils ab 2003 aufgegeben wurde und die Ostschleuse (nach Errichtung eines trennenden Damms zwischen Nord- und Ostvorland – das Nordvorland wird weiterhin landwirtschaftlich genutzt) jetzt dauerhaft geöffnet bleibt, kann das Salzwasser wieder in das natürliche Prielsystem einströmen. So wachsen hier Salzpflanzen, die an erhöhte Gehalte von leicht löslichen Salzen an ihrem Standort angepasst sind und sich unter diesen Bedingungen fortpflanzen können, wie z.B. Hauhecheln und Strandwermut.

Möve auf Pfahl

Salzpflanzen: Hauhecheln

Prielsystem zwischen den Salzwiesen

Salzwiesen im Ostvorland von Neuwerk – mit Möve, Haudecheln und Prielsystem zwischen den Wiesen

Am Nachmittag beobachteten wir an der Badestelle im Nordvorland das Kommen der nächsten Flut. Der Höchststand war für 17 Uhr 30 vorgesehen, aber schon gegen 16 Uhr war das Wattenmeer hier unter Wasser. So ist es allgemein bei längeren Wattwanderungen ratsam, spätestens mit Erreichen des Tiefststandes des Wassers den Rückweg anzutreten. Wer denkt, aus eigener Kraft, z.B. durch Schwimmen, aus dem Wasser kommen zu können, wird sich arg täuschen. Auch wenn das Wasser generell Richtung Land strömt, so ergeben sich immer wieder Gegenströmungen (z.B. durch querlaufende Priele), die ein Vorwärtskommen unmöglich machen. Rettungsmaßnahmen werden teuer.

Hier noch zwei Insel-Interna: Neuwerk hat eine eigene Schule, die Inselschule, eine so genannte Zwergschule für die Klassen der Grundschule (wohl auch der Hauptschule); zz. sollen sieben Schüler und Schülerinnen (und Vorschüler) die Schule besuchen. Da die weiterführenden Schulen nur noch am Festland besucht werden können, müssen die Kinder, die eine solche Schule besuchen, in ein Internat, da die wechselnden Gezeiten einen geregelten Hin- und Rückweg unmöglich machen.

Inselschule Neuwerk
Betreten des Grundstücks auf eigene Gefahr: Inselschule Neuwerk

Und Neuwerk hat seine eigene Feuerwehr, die im Norden der Deichanlage zu finden ist. Sieben Männer und zwei Frauen bilden die wohl kleinste selbständig arbeitende Freiwillige Feuerwehr in Deutschland. Neben einem Löschfahrzeug und einen Rettungswagen gehört noch ein sieben Meter langes Boot zum Fuhrpark.

Inselaufenthalt Neuwerk: 3. Tag

Urlaub auf Neuwerk Was macht man so auf einer kleinen Insel von gerade einmal 3 km² wie Neuwerk, auf der nicht viel los ist, auf der im ‚normalen’ Leben gerade einmal knapp 40 Einwohner leben? Man guckt etwas hinter die Kulissen!

Die Einwohner von Neuwerk leben in erster Linie vom Tourismus. Es gibt ca. 140 Betten für die Pensionsgäste. Außerdem werden Zeltplätze (auch schon mit Zelten), Wohnwagenstellplätze und Lager (von Betten mag man nicht sprechen) in so genannten Heuhotels angeboten.

Heuhotel auf Neuwerk

Die Stadt Salzgitter unterhält auf der Insel ein Ferienlager. Außerdem gibt es zwei Schullandheime („Meereswoge“ und das Schullandheim am Turm).

Tagsüber kommen von Cuxhaven her viele Tagesgäste, die entweder per Fähre, Wattwagen oder auch zu Fuß die rund 13 km Strecke zurücklegen. So gibt es eine Handvoll Cafes, Restaurants, Pensionshäuser, Hotels und Ferienwohnungen:

Haus Seeblick
Zum Anker mit Nige Hus
Hus achtern Diek
Das alte Fischerhaus
Antjes Leuchtturm
Otto’s Gartenlokal mit dem Inselkaufmannsladen (Inhaber Hartmut Lange)

Die ganze Meute will natürlich versorgt sein. Und so bestellen die Insulaner ihre Ware am Festland und holen diese bei Ebbe mit Traktoren, an denen bis zu drei Anhänger befestigt sind, über den Wattwanderweg in Sahlenburg ab. Der Inselkaufmann bekommt z.B. jeden Mittwoch und Freitag neue Ware.

Traktoren Richtung Neuwerk

Reiter Richtung Festland

Traktoren und Pferdekolonne im Wattenmeer bei der Insel Neuwerk

Am dritten Tag unseres Aufenthalts auf Neuwerk liefen wir zunächst über den Deich Richtung Norden, dort weiter im Osten bis zum Beginn des Wattweges im Südosten der Insel, der nach Sahlenburg bzw. Cuxhaven-Duhnen führt. Da gerade wieder Niedrigwasser war, sahen wir eine lange Kolonne an Traktoren mit Anhängern, Wattwagen von Pferden gezogen und auch einzelne Reiter auf dem Weg Richtung Festland bzw. von dort kommend. Das sah aus wie ein Flüchtlingstreck während des 2. Weltkrieges.

Wir gingen dann im Watt im Süden bis zum Fähranlieger im Westen, wo einige Priele auch bei Ebbe noch Wasser zum Baden führen. Mein Jüngster kam nicht umhin, die Wassertemperatur zu prüfen (natürlich erwärmt sich das Wasser hier bei Sonnenschein ziemlich schnell) und schwamm einige Runden.

Lukas badet im Priel

Priel mit Schiff

Baden im Priel mit Schiff

Versinken im Schlick

Baden im Wattenmeer

Baden im Wattenmeer

Baden im Wattenmeer

Am Nachmittag, die Sonne ließ sich längere Zeit zeigen, badeten wir dann an der Badestelle im Süden der Insel, gleich neben dem Jachthafen. Der höchste Stand des Hochwassers sollte heute kurz nach 17 Uhr sein. Aber bereits zwei Stunden vor dem Höchststand flutet das Wasser das Wattenmeer.

Nationalpark-Haus auf Neuwerk

Zuvor besuchten wir noch das Nationalpark-Haus am Mittelweg und informierten uns über den Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer. In dem Haus wohnt u.a. auch die Vogelwartin.

Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle

Gestern Abend sah ich auf dem TV-Sender ARD den deutsch-österreichischen Film von Hans Weingartner aus dem Jahre 2004: Die fetten Jahre sind vorbei

Die Freunde Jan (Daniel Brühl) und Peter (Stipe Erceg) sind politische Aktivisten, die mit außergewöhnlichen Maßnahmen provozieren wollen: Sie brechen nachts in Nobelvillen ein, klauen zwar nichts, verbreiten aber heilloses Chaos (Die Idee ist zwar nicht ganz neu, aber ich enthalte mich hier des Vorwurfs des Plagiats). Dabei hinterlassen sie Botschaften wie „Die fetten Jahre sind vorbei“ oder „Sie haben zu viel Geld“ – unterzeichnet mit „Die Erziehungsberechtigten“. Doch dann geht im Kampf gegen den Kapitalismus etwas schief. Jan verliebt sich in Peters Freundin Jule (Julia Jentsch), steigt mit ihr im Überschwang der Gefühle in eine Villa ein. Dort werden sie vom Hausherrn (Burghart Klaußner) überrascht. Völlig planlos, müssen die beiden improvisieren – und werden so zu Entführern.

Bis hierhin hat der Film einige Längen; technisch wirkt er etwas amateurhaft, die Bilder sind im Handkamera-Stil gedreht, wodurch sie oft leicht wackelig sind. Auch die Schnitte sind etwas gewöhnungsbedürftig. Das ist durchaus gewollt. Dann wird der Film aber wirklich interessant.

Die Entführer verstecken sich in einer Berghütte mit ihrem Opfer. Dort kommt es zu ausgiebigen Gesprächen. Bald stellt sich heraus, dass der entführte Klassenfeind alles andere als ein herzloser „Bonze“ ist. Vielmehr berichtet er von seiner Zeit im Vorstand des SDS, und von seiner Bekanntschaft mit Rudi Dutschke. Die drei Jugendlichen kommen zum Schluss, dass die Entführung „moralisch unter aller Sau“ war, und bringen Hardenberg wieder zu seiner Villa zurück. Hardenberg beteuert dabei, „die Bullen“ aus dem Spiel lassen zu wollen.

Trotzdem wird in der nächsten Szene die Wohnung von Peter und Jan von einem Spezialeinsatzkommando der Polizei gestürmt (solche Kommandos kommen auch in anderen Filmen von Hans Weingartner vor); diese wird jedoch leer vorgefunden, bis auf einen Zettel an der Wand auf dem steht: „Manche Menschen ändern sich nie“. Hardenberg sitzt mit Anzug und Krawatte, ganz der Alte, in einem Polizeiwagen und ist Zeuge der Wohnungsstürmung. Jule, Peter und Jan sind indessen in einem fernen Hotel an der spanischen Küste.

Der Film mit Daniel Brühl als übermütiger Weltverbesserer wurde mit dem Bayerischen Förderpreis und dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.


Die fetten Jahre sind vorbei (Trailer)

Mit der Weltverbesserung ist das so etwas. Was die drei jungen Leute da machen, ist natürlich kriminell, wenn ihre Opfer auch nicht viel anders sind als Schreibtischtäter. Als die Situation eskaliert, werden sie völlig kopflos und entscheiden sich für das Falsche. Immerhin erkennen sie bald, dass die Entführung nicht mit ihrem Idealismus übereinstimmt und lassen ihr Opfer frei. Der Clou dabei: Sie sind nicht naiv genug, um den Aussagen Hardenbergs zu glauben. Dieser mag nachdenklich geworden ein. Aber kaum in seiner ‚gewohnten’ Umgebung zurück, schlüpft er wieder in seine alte Rolle. Schon in den Gesprächen mit seinen Entführern ließ er erkennen, dass seine früheren Aktivitäten weniger politisch motiviert waren, er mehr ‚aus Spaß’ an der 68-er Revolte teilgenommen hatte, ähnlich Leuten wie Rainer Langhans oder Uschi Obermaier.

Inselaufenthalt Neuwerk: 2. Tag

Urlaub auf Neuwerk Nach einem ausgiebigen Frühstück (und noch schnell den Gang für kleine Jungs und große Mädels) machten wir am 2. Tag unsere erste größere Wattwanderung. Es war um 10 Uhr gerade Niedrigwasser und das höchste Nochwasser sollte gegen 16 Uhr 20 kommen.

So gingen wir beim Radarturm auf der Westseite der Insel Neuwerk ins Wattenmeer. Hier mussten wir zuerst die Fahrrinne bzw. das Fahrwasser für die Fähre nach Cuxhaven durchwaten. Das Watt wird durchpflückt von Prielen, die selbst bei Niedrigwasser Wasser führen, da sie tiefer als die Ablagerungen wie Sand und Schlick liegen. Immer wieder bilden sich hier Sandbänke, auf denen sich Muscheln sammeln.

So eine Wanderung ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Im Schlick versinkt man mit bloßen Füßen immer ein Stück, an manchen Stelle sogar bis zu den Waden. Wegen der Muscheln ist es angebracht, mit Strandschuhen zu gehen (andere Schuhe eignen sich weniger, da diese vom Salzwasser angegriffen werden). Aber wer sich nicht so empfindlich gibt, wird es mögen, zumal das Wandern im Schlick einer Kneipp-Kur gleichkommt.

Wir gingen im Watt in Richtung Norden bis zum Badehaus. Dort besteht die Möglichkeit bei Hochwasser im Meer zu baden. Es begann zu regnen. Aber bei einem Aufenthalt an der Nordsee gibt es kein schlechtes Wetter, sondern nur bekanntlich die falsche Kleidung. Außerdem wechselt hier das Wetter ziemlich schnell – und nach Regen kommt auch bald wieder die Sonne hervor.

AlbinZ im Wattenmeer bei der Insel Neuwerk

Wattenmeer bei der Insel Neuwerk: Priele

AlbinZ im Wattenmeer bei der Insel NeuwerK

Wattenmeer bei der Insel Neuwerk: Muschelbank

Wattenmeer bei der Insel Neuwerk: Schlick & Priel

Am Nachmittag gingen wir dann zum Leuchtturm von Neuwerk, dem Wahrzeichen der Insel – und da Neuwerk zu Hamburg gehört – dem ältesten Gebäude der Hansestadt. Dieser Leuchtturm wurde 1310 fertiggestellt und diente zunächst auch als Schutz vor Seeräubern. Das heute noch funktionsfähige Leuchtfeuer auf dem Turm wurde 1814 eingerichtet. Wegen seiner Lage am Zusammenfluss von Elbe- und Wesermündung war es ein wichtiges Seezeichen.

Im Leuchtturm gibt es sieben Fremdenzimmer, die angemietet werden können. Und man kann den Turm über 138 Stufen natürlich auch besteigen. Von oben hat man einen herrlichen Blick über die Insel – und natürlich auch einen Blick bis nach Cuxhaven. Übrigens gab dieser Leuchtturm der Insel seinen Namen: das neue Werk (Gebäude) wurde zu Neuwerk.

Leuchtturm der Insel Neuwerk

Blick Richtung Süden zum Jachthafen

Blick Richtung Westen Nordbake & Radarturm

Leuchtturm der Insel Neuwerk

Inselaufenthalt Neuwerk: 1. Tag

Urlaub auf Neuwerk Unsere Urlaubsvorbereitungen sind Realität geworden: Die Anreise zur Insel Neuwerk erfolgte über Cuxhaven mit der Bahn. Von dem Fähranleger „Alte Liebe“ beim „Alten Hafen“ erfolgte die Abfahrt mit der Fähre, der MS „Flipper“, um Punkt 12 Uhr und dauerte 1 ¾ Stunde. Das nächste Hochwasser, also der Höchststand des Wassers, war um 15 Uhr 54.

Abfahrt von Cuxhaven nach Neuwerk mit der MS Flipper

Abfahrt von Cuxhaven nach Neuwerk mit der MS Flipper

Abfahrt von Cuxhaven nach Neuwerk mit der MS Flipper

Insel Neuwerk

Insel Neuwerk - Ankunft mit der MS Flipper

Insel Neuwerk – Ankunft mit der MS Flipper

Bei der Abfahrt regnete es noch einwenig; die Ankunft auf Neuwerk im hamburgischen Wattenmeer gegen 13 Uhr 45 erfolgte aber bei herrlichem Sonnenschein. Mit auf der Fähre war der Postbote, der an diesem Samstag seine Arbeit noch vor sich hatte. Sein Postrad steht immer dienstbereit beim Fähranleger:

Dienstbereites Fahrrad für den Postboten auf Neuwerk

Abfahrt von Cuxhaven nach Neuwerk mit der MS Flipper

Dienstbereites Fahrrad für den Postboten auf Neuwerk

Leerungszeiten: "gezeitenabhängig"

Unsere Unterkunft hatten wir rechtzeitig im Haus Seeblick gebucht, eine Ferienwohnung für uns vier Personen. Und tatsächlich hatte das eine Zimmer, Wohn- und Schlafzimmer mit Küchenzeile einen wunderschönen Blick auf die See, genauer auf die Ostseite der Insel, wo sich neben dem Fähranleger auch ein Radarturm und die Nordbake, ein Seezeichen aus Holz, das der Markierung des Fahrwassers dient, befinden.

Friedhof der Namenlosen

Da gerade Hochwasser war, erkundeten wir zunächst die Insel, suchten den Jachthafen mit der Badestelle im Süden auf, warfen einen kurzen Blick auf den Friedhof der Namenlosen und gingen dann den Mittelweg der Insel längst; auf einem künstlich aus Erde aufgeschütteten Hügel, einer Warft (hier Wurt genannt), befindet sich das Wahrzeichen der Insel, der alte, 1310 fertiggestellte Leuchtturm. Früher diente dieses Bauwerk als Wehrturm gegen Piraten und Plünderer. Hier gibt es auch den einzigsten Laden der Insel (H. Lange) mit Ottos Gartenlokal, das besonders von den Tagereisenden frequentiert wird.

Abends aßen wir dann „Zum Anker“, in einem rustikal-maritim eingerichteten Restaurant und ließen es uns mit hier frisch geräuchertem Fisch, dazu Salat und Bratkartoffeln, schmecken.

Unser erster Eindruck: Hier lässt es sich aushalten. Kein Autolärm, dafür das Geschnattere und Geschrei der vielen Seevögel, die die Insel bevölkern. Und neben der weniger als 40 ständigen Bewohner der Insel (die Angaben schwanken zwischen 34 und 38) gibt es viele Pferde und Jungochsen, die aber überwiegend als Pensionsgäste im Sommer anzutreffen sind. Groß ist die Insel nicht (rund 3 km²), aber wenn man alle Wege zu Fuß zurücklegen muss, dann kommen schon einige Kilometer am Tag zusammen.

40 Jahre Mondlandung (Ziel)

Heute vor 40 Jahren betraten die US-Astronauten Neil Armstrong und Edwin Aldrin den Mond. Eine halbe Milliarde Menschen verfolgte das Ereignis live im Fernsehen. Ich war damals 15 Jahre alt, so alt wie mein jüngster Sohn heute. Und natürlich saß auch ich vor dem Fernsehgerät und verfolgte die ersten Schritte eines Menschen auf den Erdtrabanten.

40 Jahre Mondlandung

Für mich bleibt dieser Tag auch noch aus anderen Gründen unvergesslich. Ich fuhr mit meinem Vater an diesem Tag in die DDR nach Altentreptow, einem kleinen Ort, der heute in Mecklenburg-Vorpommern liegt, um meine Großmutter väterlicherseits und deren Schwester zu besuchen. Er war mein erster Besuch in der DDR und das erste und letzte Mal, dass ich meine Großmutter Henriette sah.

Alles für die DDR Katz

Ich erinnere mich an die Schlagzeilen, die die Mondlandung auch in der DDR machte, wenn wohl auch versucht wurde, das Ganze etwas herunterzuspielen und immer wieder auf die Pionierarbeit der sozialistischen Freunde aus der UdSSR verwiesen wurde. Schon am nächsten Tag prangte aber wieder eine der üblichen Überschriften zum Alltag in der DDR auf der Seite eins der regionalen Tageszeitung: Alles für die DDR. Ich machte daraus Katz: Alles für die Katz.

Damals feierte die DDR ihr 20-jähriges Bestehen. 20 Jahre später sollte dann alles wirklich für die Katz sein.

Themenbereich bei zdf.de: 40 Jahre Mondlandung

Ry Cooder & David Lindley live in Japan 1979

Man stelle sich vor: Am Abend sitzt man vor einem Lagerfeuer irgendwo in der Wildnis, ein gutes Glas Wein in der Hand – und dazu Gitarrenmusik.

So kam es mir wenigstens vor, als ich die Aufnahmen von Ry Cooder und David Lindley hörte, die die beiden am 29. Oktober 1979 in einer Lokalität namens Kobo Kodo in Tokyo eingespielt haben. Zur Lokalität und auch zu dem Konzert selbst habe ich keine weiteren Informationen im Internet finden können. Das tut aber der Musik keinen Abbruch.

Ry Cooder & David Lindley - live 1979 in Tokyo

Cooder wie Lindley sind als hervorragende Slide-Gitarristen in der Weltgeschichte unterwegs. Gelegentlich greifen beide auch zu Mandoline oder anderen, teilweise exotischen Zupfinstrumenten (Davids InstrumenteRys Instrumente).

Das Konzert in Tokyo 1979 ist im Wesentlichen akustischer Art, nur hier und da elektrisch verstärkt. Wer die Stücke aufgenommen hat, ist unbekannt. Auf abenteuerliche Weise sind diese über Kassetten analog irgendwann digitalisiert worden – erstaunlich daher die noch sehr gute Qualität. Wer auf akustisch vorgetragenen Blues steht, für den sollten diese Aufnahmen eine echte Perlenkette sein. Als ich zum ersten Mal hineinhörte, war ich gleich begeistert.

Aber langer Rede genug – hier einen kleinen Ausschnitt aus dem Konzert, das hören lässt, was die gesamten Aufnahmen bieten.


Ry Cooder & David Lindley: Police Dog Blues

Der Witzableiter (9): Paradox? Im Prinzip ja

Fortsetzung von: (8): So komisch wie ein Lexikon

Radio Eriwan – selbst bis zu uns hier im Westen sind die Witze gelangt. Ein Ausgangspunkt für einen weiteren Artikel von Eike Christian Hirsch in dessen Kolumne „Der Witzableiter“, die 1984 im ZEITmagazin erschien, und uns Näheres über die Technik des Paradoxen im Witz aufzeigt.

Ein Hotelgast morgens zum Ober: „Ich hätte gern zwei zu hart gekochte Eier, eiskalten Speck, verkohlten Toast, tiefgefrorene Butter und lauwarmen Kaffee.“ Darauf der Ober: „Das dürfte etwas schwierig sein.“ Gast: „Wieso, gestern ging es doch auch!“ Diese Art, seine Meinung zu äußern, kann man wohl als „Darstellung durchs Gegenteil“ bezeichnen – und in diese Kategorie fallen auch alle Witze, die ich Ihnen heute vorstellen will.

Frage an Radio Eriwan: „Ist es wahr, daß man alle Pilze essen kann?“ „Im Prinzip ja. Einige Pilze nur einmal.“ Zugleich wahr und doch nicht – paradox. Daß alle Witze irgendwie paradox sind, habe ich Ihnen das letzte Mal erzählt. Auch die Darstellung durchs Gegenteil ist eine Spielart des Paradoxen. Fragt die neue Kollegin: „Wie ist denn der Chef?“ „Eigentlich hat er ein ziemlich ausgeglichenes Temperament. Er ist gleichermaßen ekelhaft.“

Diese Technik dient offenbar dazu, uns erst einmal ordentlich in die Irre zu führen. Bei diesem Beispiel eben erfahren wir erst im letzten Wort, dass wir vorher auf dem Irrweg waren. Um so größer ist unsere Verblüffung. Und darauf kommt es beim Witz schließlich an. Arzt nach gründlicher Untersuchung zum Patienten: „Lassen Sie es mich so sagen – Sie brauchen sich um die steigende Zahl der Verkehrstoten, um die zunehmende Kriminalität und um die Umweltverschmutzung keine Sorgen mehr zu machen.“

Diese Witztechnik gibt uns willkommene Gelegenheit, über die Verblüffung nachzudenken, auf die es jeder Witz bei uns abgesehen hat. Wer schon einmal Opfer eines Streichs war, weiß, wie unangenehm es ist, reingefallen zu sein und die Orientierung verloren zu haben. Für einen Augenblick schwankt uns der Boden unter den Füßen. Das hat kein Mensch gern. Unser Vergnügen am Witz stammt jedenfalls nicht aus dieser Verblüffung – eher aus der Erleichterung, wenn sie überwunden ist. Der Ehemann steigt von der Personenwaage. „Mein Gewicht ist völlig in Ordnung“, sagt er zufrieden zu seiner Frau, „nach der Tabelle sollte ich nur zwölf Zentimeter größer sein.“

Über die Verblüffung beim Witz sagt der Psychologe Peter R. Hofstätter nicht zu viel, wenn er schreibt: „Beinahe – aber eben nur beinahe – wären wir in einen unauslotbar tiefen Abgrund gestürzt; ganz anders als gedacht, haben wir jedoch wieder festen Boden unter den Füßen.“ Das Bild vom Abgrund, das Hofstätter verwendet, können wir auch ändern in das Bild eines Hindernisses, über das wir springen müssen. Erst scheut das Pferd, aber dann springt es doch. Freilich, es kann auch schief gehen, wie folgender Witz zeigt, der auch die Technik der Darstellung durchs Gegenteil verwendet: Der Reitschüler wagt seinen ersten Sprung. Das Pferd scheut und wirft den Reiter über das Hindernis. „Schon ganz gut“, lobt der Reitlehrer, „das nächste Mal müssen Sie nur noch das Pferd mitnehmen.“

Blitzableiter (9)

Staunen, Verblüffung, Reinfall und Kehrtwendung – das gehört offenbar zum Witz. Es ist seine negative Seite, damit erzeugt er die Spannung, die sich dann im Erkennen und Verstehen löst. Oder ist es umgekehrt, verstehen wir erst und staunen dann? Beobachten Sie sich doch einmal selbst: Der schwäbische Meister zu seinen Azubi: „Es gibt Domme ond Saudomme. Von de Domme bischt du koiner!“ Na, wie war das mit der Reihenfolge von Verblüffung und Verstehen bei Ihnen?

Am Ende des vorigen Jahrhunderts veröffentlichte Theodor Lipps, Professor für Philosophie in München, eine Theorie des Komischen und behauptete darin, erst erstehe man den Witz und dann wundere man sich, denn ohne Verständnis könne man sich ja nicht wundern. Ihm widersprach sehr höflich sein holländischer Kollege G. Heymans: erst Verblüffung, dann Verständnis. Zur Begründung schrieb er: „Ich glaube, mich nun in dieser Sache einfach auf das Zeugnis der Selbstwahrnehmung berufen zu können.“ Prüfen Sie selbst: „Hat es bei Ihnen in den Ferien auch so oft geregnet?“ „Nein, nur zweimal. Zuerst drei Tage und dann zwei Wochen.“

Es mag ja so sein, daß man bei so manchem Witz erst glaubt, ihn verstanden zu haben, dann staunt und schließlich erst richtig begreift. Theodor Lipps, das Münchner Schulhaupt, gab dennoch nach und korrigierte sich (unter Philosophen eine ganz große Leistung). Er wollte nun allerdings „drei Stadien“ unterschieden wissen, und zwar „bei aller Komik“. So genau sind Fachleute. Ich meine aber, daß man so der Sache auch nicht auf den Grund kommt. Wie ich den Streit schlichten möchte, verrate ich Ihnen das nächste Mal, wenn er um die „Erleuchtung“ geht, die zu jedem Verstehen gehört. Hier nur so viel zum Streit: „Sie halten mich wohl für einen ausgemachten Trottel?“ „O nein, ich beurteile einen Menschen nie nach seinem Aussehen.“

Zum Schluß für heute empfehle ich Ihnen eine noch elegantere Liebenswürdigkeit, die Sie vielleicht bei passender Gelegenheit selbst verwenden können. „Hoffentlich sind wir nicht zu lange geblieben,“ erkundigt sich der Besuch zum Abschied. „Aber nein“, wehrt der Gastgeber ab, „um diese Zeit pflegen meine Frau und ich sowieso immer aufzustehen.“

Eike Christian Hirsch – Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)
aus: ZEITmagazin – Nr. 36/1984

[Fortsetzung folgt]