Alle Artikel von WilliZ

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Matt Ruff: Fool on the Hill

Jeder Urlaub geht einmal zu Ende, so auch der meinige. Morgen ruft die Arbeit wieder. Noch soll sie rufen … Nun dieses Jahr fand mein Urlaub überwiegend auf Terrassien statt. Und so widmete ich einige Zeit dem Lesen. Ich glaube mich zu wiederholen, aber Urlaubszeit ist für viele eben auch Lesezeit.

Als letztes habe ich mir ein Buch von knapp 600 Seiten vorgeknöpft, dass ich bereits vor einigen Jahren gelesen hatte – Matt Ruff: Fool on the Hill. Es gehört nicht unbedingt zu den Büchern, die ich ständig lese. Trotzdem hat es mir ganz gut gefallen (sonst würde ich es nicht wiederholt hervorholen). Es ist ein Werk, das zwischen einem herkömmlichen Roman und einer Parodie schwankend reichlich mit Elementen des Science Fiction und Fantasy versehen ist.

Matt Ruff

Der Umschlagtext hierzu verrät:

Stephen Titus George, ein junger amerikanischer Dichter, will sich verlieben. Nur in wen? Die schönste Frau der Welt wäre ihm recht: Aurora Borealis Smith. Nur die ist zu diesem Zeitpunkt noch über hundert Meilen entfernt. Ihr Vater kämpft gerade darum, sie aus ihrer Verlobung mit einem tödlichen Langweiler zu befreien. George macht sich auf seinen von reichlich Abenteuern gesäumten Weg, um seinen Plan in die (erotische)Tat umzusetzen. Er trifft u.a. auf einen atheistischen Kater (Blackjack) und seinen Kumpel Luther (eine fromme Promenadenmischung), auf Kalliope (mir ihr verbringt er eine rauschende Liebesnacht), auf eine trinkfeste Studentengruppe, eine furchterregende Rockerbande, auf Kobolde (handtellergroß), schurkische Drachen und böse Ratten, auf Glücksfeen, auf eine Gummipuppe (monströs), auf Umberto Eco, die Marx-Brothers und auf zwei Tanklastzüge, die mit „der Grundsubstanz zur Herstellung von Damen-Intimsprays beladen sind“. Und begegnet schließlich Rasferret, der darauf lauert, die Welt zu erobern …

Im Mittelpunkt steht der Campus der Cornell University in Ithaka im US-Staat New York. Matt Ruff ist Absolvent dieser Universität und hat seinen Roman in der Zeit von Mai 1985 – April 1987 geschrieben, also als er dort studierte. Dieser sein erster Roman war gleichzeitig seine Magisterarbeit.

Die Frankfurter Rundschau beschreibt das Buch als „märchenhaft“ und als eine Freibeuter-Erotik. „Ein Feuerwerk der ungezügelten Phantasie, eine Wundertüte voll Fröhlichkeit … Ein echter Hit! Witzig und frech!“ – so das Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt.

Nicht zu fassen, was an amerikanischen Universitäten alles passiert, wenn man diesem haarsträubenden Campus-Roman glauben darf, in dem der junge George sich in die schönste Frau der Welt verliebt, der Kobold Puck der Elfe Zephyr nachjagt und Blackjack und Luther in den Himmel für Katzen und Hunde aufbrechen. Ein Sommernachtstraum für Freunde der Hobbits? Eine Love-Story? All das und noch viel mehr ist der „Narr auf dem Hügel“.

Das Buch hätte auch „St. George und der Drachen“ heißen können. Denn Stephen Titus George (S.T. bzw. St. George) und der Kampf mit einem ‚beseelten’ Drachen bildet den Höhepunkt des Romans. Übrigens: den Drachentag (Dragon Day) gibt es tatsächlich und findet rund um den St. Patrickstag statt (hier Bilder vom Dragon Day 2008). In dem Buch sind es die Iden des Märzes.

weitere Infos zum Buch: Fool on the Hill
gleichnamiges Lied von den Beatles: Fool on the Hill

Es geht wieder los

Nach dem DFB-Pokal-Auftakt gegen Eintracht Nordhorn, den Werder Bremen mit 3:9 gewann, beginnt am kommenden Wochenende auch wieder die Fußball-Bundesliga. Diego, der Spielmacher, wird voraussichtlich die ersten beiden Spiele (in Bielefeld und zu Hause gegen Schalke 04) fehlen, da er wie berichtet ohne Einverständnis des Vereins an dem olympischen Turnier für Brasilien teilnimmt.

Inzwischen haben sich nach dem Urteil des internationalen Sportgerichts CAS, dass es keine Abstellungspflicht für Diego für das olympische Fußballturnier gibt und der Erklärung der Grün-Weißen, den Brasilianer unter bestimmten Bedingungen trotzdem abzustellen, die Wogen geglättet, zumal die FIFA Kooperation bei der Umsetzung der Forderungen signalisiert hat. Es geht im Wesentlichen um einen angemessenen Versicherungsschutz für den Spieler, der vom brasilianischen Fußball-Verband zu tragen wäre.

Trotz der Turbulenzen um die Abstellung von Diego für Olympia ging es bei Werder in der Vorbereitung sehr ruhig zu. Einzigster Wermutstropfen ist die Verletzung von Per Mertesacker, der wohl einige Zeit ausfallen wird.

Nach dem Abgang auch von Ivan Klasnic zum FC Nantes stellt sich die Frage nach einem neuen Stürmer, den auch Diego vehement fordert. Die Werder-Führung gibt sich bisher sehr gelassen in dieser Frage. Man will sich Zeit lassen und nichts übers Knie brechen. Immerhin haben am Samstag die Stürmer Rosenberg und Almeida mit zusammen sieben Toren im Spiel gegen Nordhorn gezeigt, dass das Problem tatsächlich nicht so aktuell sein kann.

Hier alle Zu- und Abgänge bei Werder Bremen ab 1. Januar 2008 (siehe hierzu auch die Übersicht der aktuellen Spielertransfers):

Zugänge:

Said Husejinovic (FK Sloboda Tuzla, seit 01.07.2008)
Sebastian Prödl (SK Sturm Graz, seit 01.07.2008)
Niklas Andersen (Rot-Weiss Essen, seit 01.07.2008)
Mesut Özil (FC Schalke 04, seit 31.01.2008)

Abgänge:
Tim Borowski (FC Bayern München, seit 01.07.2008)
Kevin Schindler (Hansa Rostock, seit 01.07.2008, ausgeliehen)
Ivan Klasnic (seit 01.07.2008 FC Nantes)
Pierre Wome (1. FC Köln, seit 01.07.2008)
Patrick Owomoyela (Borussia Dortmund, seit 01.07.2008)
Amaury Bischoff (seit 01.07.2008)
Leon Andreasen (FC Fulham, seit 22.01.2008)
John Jairo Mosquera (ausgeliehen bis 30.06.2008 Alemannia Aachen, jetzt SonderjyskE)
Carlos Alberto (FC Sao Paulo bis 17.05.2008, jetzt Botafogo Rio de Janeiro, ausgeliehen)

Die aktuellen Spieltermine siehe hier: Werder-Termine

Joan Armatrading in der Fabrik, Hamburg, 10.08.2008

Gestern Abend war es also soweit: Ich besuchte mit meiner Familie das Konzert von Joan Armatrading in der Fabrik in Hamburg. Um 21 Uhr 15 begann das Konzert und endete nach anderthalb Stunden gegen 22 Uhr 45. Joan Armatrading hatte ich zuletzt Anfang der 80er Jahre in Konzerten in Bremen und Hannover gesehen. Somit sind rund 25 Jahre vergangen.

In dieser Zeit hat sich natürlich viel getan, auch bei Joan Armatrading. Es war lange Zeit deutlich leiser um sie geworden. Aber mit ihrem letzten Album machte sie wieder auf sich aufmerksam. Das Album landete auf Platz eins der US Billboard Blues Charts und wurde für dem Grammy 2008 in der Kategorie bestes zeitgenössisches Bluesalbum nominiert: Into the Blues.

Joan Armatrading 2007 - Rockpalast in Köln

So ist es nicht verwunderlich, dass viele der vorgestellten Stücke von diesem Album stammten. Aber natürlich kamen auch die Lieder auf früheren Jahren nicht zu kurz. Hier die Setlist, wenn sie vielleicht auch nicht ganz vollständig ist (und die Reihenfolge nicht ganz stimmen sollte):

The Devil I Know – A Woman In Love – Show Some emotion – Play The Blues – Tall In The Saddle – Love And Affection – All The Way From America – (I Love It When You) Call Me Names – Empty Highway – You Rope You Tie Me – (I Love It When You) Call Me Names – Me Myself I – My Baby’s Gone

… und als Zugabe: Willow – Drop The Pilot

Joan Armatrading spielte in folgender Besetzung: Joan Armatrading: Gesang, Gitarre – Gary Foote: Schlagzeug, Saxophon, Gesang – Spencer Cozens: Keyboards, Gesang – John Giblin: Bass, Gesang

Wer Joan aus frühen Jahren her kennt sieht, dass sie die Gitarrenparts jetzt alle allein spielt. Beim Rockplast-Konzert 1980 spielte sie lediglich die Akustikgitarre und wurde durch zwei weitere Gitarristen begleitet, u.a. durch Ricky Hirsch. Jetzt spielt sie auch die Soli selbst, was auch den besonderen Reiz ihres letzten Albums ausmacht.

Trotz einer Erkältung, der durch einen Hustentee gelindert wurde, hielt sie bis zum Ende durch. Die Stimmung war bestens. Und so war auch mein jüngerer Sohn von dem Konzert angetan, zumal die Fabrik als solches ein besonderes Ambiente bietet. Es war ein schöner Abend mit einer nach wie vor außergewöhnlichen Musikerin. Ich bin froh darum, endlich wieder ein Konzert von Joan Armatrading besucht zu haben. Es lohnte sich wirklich.

siehe auch WDR-Fernsehen: Rockpalast 2007

Joan Armatrading live 2007 @ BBC2

Gerade rechtzeitig zum heutigen Konzert von Joan Armatrading in der Fabrik, Hamburg, habe ich zwei Live-Videos von ihr im Internet ausgegraben, die 2007 in der Sendung „Later … with Jools Holland“ bei BBC 2 ausgestrahlt wurden.

„Later with Jools Holland“ ist eine Sendung für zeitgenössische Musik des Senders BBC Two, die u.a. auch in Deutschland im ZDFtheaterkanal ausgestrahlt wird. Moderator der Sendung ist Jools Holland.


Joan Armatrading – Love And Affection (Live at Later with Jools Holland 2007)


Joan Armatrading – Woman In Love (Live at Later with Jools Holland 2007)

Olympischer Handschlag

Die Olympischen Spiele in Peking beginnen nun, und die Welt betrachtet sie mit gemischten Gefühlen. Dies ist ein Moment, der uns einander näher bringen soll, und wir sollten den Menschen in China ihre Freude zugestehen – aber die chinesische Regierung hat immer noch keinen nennenswerten Dialog mit dem Dalai Lama eingeleitet oder ihre Haltung gegenüber Burma, Darfur oder anderen drängenden Fragen geändert.

Was noch schlimmer ist: Extremisten in China verbreiten die Auffassung, dass olympischer Aktivismus wie der unsere gegen China gerichtet sei. Wir können nicht schweigen, aber wir dürfen es auch nicht zulassen, dass unsere Bemühungen dazu missbraucht werden, Menschen in Lager zu spalten. Was können wir also tun? Die Antwort gibt uns der Dalai Lama selbst, mit einer unmissverständlichen Geste des olympischen Geistes und der Freundschaft: einem Handschlag.

Er begann in London und wurde von Tausenden von uns von Hand zu Hand weitergereicht. Nun ist der Handschlag online gegangen und geht kreuz und quer über den Erdball auf seinem Weg nach Peking. Wir alle können mitmachen, ob wir Chinesen sind oder nicht, und er kommt mit einem Versprechen: dass wir ALLE unsere Regierungen zur Rechenschaft ziehen, wenn sie versagen, sei es in Tibet, im Irak, in Burma oder anderswo. Wir werden unsere Nachricht in einer kühnen Medien-Kampagne in Hong Kong und auf der ganzen Welt verkünden: Klicken Sie hier, um zu sehen, wie der olympische Handschlag begann, registrieren Sie sich, um mitzumachen, und sehen Sie zu, wie er rund um die Welt geht:

Olympischer Handschlag

Olympischer Handschlag

Wir haben eine letzte Chance, den olympischen Gedanken wieder aufleben zu lassen, mit der Botschaft der Freundschaft und des Dialogs, die uns mit dem Dalai Lama verbindet. Je mehr Menschen bei dem globalen Handschlag mitmachen, umso mehr Wirkung wird unsere Botschaft zeigen, wenn sie die chinesischen und internationalen Medien erreicht. Also senden Sie diese Email bitte weiter, rufen Sie alle Menschen auf mitzumachen. „Eine Welt, ein Traum“ ist ein Ideal, das größer ist als die Olympischen Spiele – es ist Zeit, dass alle Menschen der Welt es für sich in Anspruch nehmen.

Hochachtungsvoll

Paul, Ricken, Ben, Milena, Graziela, Iain, Pascal, Veronique und das ganze Avaaz Team

„Vogelnest“ im Visier? – 20 Jahre al-Kaida

Trotz extremer Sicherheitsmaßnahmen ist es einigen ausländischen Aktivisten gelungen, ihren Protest für ein freies Tibet durch das Anhängen größerer Plakate öffentlich in Peking kundzutun. Inzwischen ist ein Piratensender in Peking auf Sendung gegangen, um die Menschenrechtslage in China anzuprangern. Mit weiteren Aktionen ist zu rechnen.

Olympia in Peking: Nein, danke!

Die umfassenden Sicherheitsvorkehrungen sollen aber natürlich nicht nur verhindern, dass politisch motivierte Aktivisten auftreten können, sondern dienen vor allem auch der Abwehr von Terroranschlägen. Vor 20 Jahren, am 11. August 1988, trafen sich die Anführer zahlreicher Terrorgruppen im pakistanischen Peshawar, um die Globalisierung des Heiligen Krieges zu beschließen. Dieser Tag gilt aus Gründungsdatum der al-Kaida und jährt sich also in diesen Tagen zum 20. Mal. Dieses Jubiläum und die bevorstehende Präsidentschaftswahl in den USA, so fürchten Fahnder in aller Welt, könnten die Terroristen anspornen, ihre Handlungsfähigkeit auf internationaler Ebene unter Beweis zu stellen. Also vielleicht auch bei den olympischen Spielen in Peking? Ist das „Vogelnest“, das Olympiastadion in Peking, vielleicht Ziel von terroristischen Anschlägen?

siehe auch zdf.de: Bedrohung für die Olympischen Spiele?

125 Jahre Joachim Ringelnatz: Morgenwonne

Heute vor 125 Jahren wurde Joachim Ringelnatz (eigentlich Hans Gustav Bötticher) geboren. Er war ein deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler, der vor allem für humoristische Gedichte um die Kunstfigur Kuttel Daddeldu bekannt ist.

Morgenwonne

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich „Euer Gnaden“.

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

Joachim Ringelnatz

Früchte aus eigenem Garten

Angesichts der allgegenwärtigen Globalisierung ist einwenig autarkes Wirtschaften durchaus sinnvoll. Auch wenn es nur wenige Früchte aus dem eigenem Garten sind. Und so nebenbei „schärft“ der Anbau eigenen Obstes und Gemüses etwas das Bewusstsein hinsichtlich unserer Abhängigkeit von Waren des Marktes und deren Preise. Außerdem schmecken die Früchte aus dem eigenen Garten (oder aus Nachbars Garten) bekanntlich am besten.

Viel ist es nicht, was wir Jahr für Jahr ernten: Neben Kirschen und Erdbeeren sind das eigene Tomaten, Beerenfrüchte und auch Kartoffeln. Da die Schwiegereltern in der Nähe wohnen, so partizipieren wir zusätzlich von deren Gartenerträgen.

Tomaten aus eigenem Garten

Kirschbaum im eigenen Garten

Tomaten und Kirschen aus dem eigenen Garten

Martin Walser: Seelenarbeit

Urlaubszeit ist Lesezeit! Und nach Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“ (1978 erschienen) habe ich Walsers „Seelenarbeit“ aus dem Jahr darauf erneut gelesen.

Ein immer wiederkehrendes Motiv Walsers ist das Scheitern am Leben. Walsers Helden tragen meist einsilbige Nachnamen („Dorn”, „Halm”, „Zürn”, „Lach”, „Gern”), und sie sind den Anforderungen, die ihre Mitmenschen oder sie selbst an sich stellen, nicht gewachsen. Der innere Konflikt, den sie deswegen mit sich austragen, findet sich in allen großen Walser-Romanen wieder – so auch in „Seelenarbeit“.

„Seelenarbeit“ ist ein Heimatbuch, wobei Heimat nicht allein für das Land, die Gegend steht, in der man lebt. Heimat steht hier besonders auch für Familie. Xaver Zürn, Chauffeur eines Industriellen, sehnt sich nach dieser familiären Heimat, wenn er oft tagelang seinen Chef durch Deutschland kutschiert. Aber auch diese Heimat hat ihre Tücken – seine beiden halbwüchsigen Töchter bereiten ihm und seiner Frau Sorgen.

Mehr ist es aber die Arbeit, die er ausübt, die ihm Magen- und Darmprobleme im wahrsten Sinne verursachen. Xaver Zürn ist ein Sklave, dessen man tags wie nachts bedienen kann. Das Buch handelt von konkreten Machtverhältnissen der Gesellschaft, hier der mächtige Chef, dort der dienende Chauffeur. Und so hat Zürns Frust durchaus politische Ursachen. Wie viele Bücher so ist auch dieses eine unverhohlene Kritik Walsers an den Verhältnissen in unserer Gesellschaft.

Das Xaver Zürn am Ende dann doch nicht vollends am Leben scheitert, ist seiner Heimat, der Familie, insbesondere seiner Frau Agnes zu verdanken:

Martin Walser: Seelenarbeit (1979)

Jedesmal meint man, das Schlimmste sei vorbei. Das ist die Illusion, die das Leben verlängert! Das Schlimmste ist immer.

(Martin Walser: Seelenarbeit – Roman – erste Auflage 1979 – S. 265)

Es gab über der Kommode einen Spiegel, in dem sah sich Xaver, als er schon fast ausgezogen war. Er trat sofort zur Seite. Sobald er sich sah, kam es ihm unwahrscheinlich vor, daß Agnes ihn noch ertrug. Manchmal glaubte er zwar, es könne keine Frau geben, die ihn so gut ertrüge wie Agnes. Aber vielleicht erträgt sie ihn gar nicht so gut. Nein, alles falsch. Sie erträgt ihn sehr gut. Ausgezeichnet erträgt sie ihn. Aber sie mag ihn nicht. Das heißt, er wirkt nicht auf sie. Das erlebt er jedes Mal, wenn er spürt, wie sie auf ihn wirkt. Wie er sich sehnt nach ihr. Wie er herumzerren möchte an ihr. Sie zerreißen möchte vor lauter Nicht-von-ihr-genug-kriegen-Können. Wenn es ihr genau so ginge, dann müßten sie einander tatsächlich einmal zerreißen vor Nicht-von-einander-genug-kriegen-Können. Aber ihr geht es nicht so. Das weiß er. Sie erträgt ihn. Sie erträgt ihn sehr gern. Er ist ihr überhaupt nicht widerlich. Hofft er. Heute kommt er ihm besonders unwahrscheinlich vor, daß sie ihn gern erträgt. Er glaubt es einfach nicht. Er, ein zwischen Schultern und Schenkeln schwankende Faß. Im Gesicht das verlegene, ewig die Backen wölbendes Grinsen. Er wird sich immer widerlicher.

(S. 291 f.)

Woher aber diese Empfindung, daß er sich durch Agnes gerechtfertigter vorkommt als ohne sie? Durch Agnes war er möglicher als ohne sie.

(S. 294)

Er hörte ihrem Atem zu. Sie war noch einmal eingeschlafen. Damit war bewiesen, daß sie es gar nicht so dunkel brauchte. Da er auf nichts hören konnte als auf ihren leise anstoßenden Atem, schlief er auch wieder ein.

(S. 295)

Martin Walser: Ein fliehendes Pferd – Novelle

Urlaubszeit ist auch Lesezeit. So habe ich mir ein kleines Büchlein herausgesucht, das zudem im Urlaub spielt: Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“ aus dem Jahre 1978. Durch einen Zufall treffen sich nach langen Jahren zwei alte Schul- und Studienfreunde auf der Seepromenade am Bodensee mit ihren Frauen. Beide machen dort Urlaub. Während der eine, Helmut Halm, nichts mehr vom Leben erwartet und das zufällige Treffen als Belästigung empfindet (lieber möchte er Kierkegaards Entweder/oder lesen), jagt der andere, Klaus Buch, förmlich von einer Tätigkeit zur nächsten und bestimmt so auch das Urlaubsprogramm der anderen:

Helmut spürte einen brennenden Neid. Er hatte praktisch nicht gelebt. Es war nichts übrig geblieben. Hinter ihm war so ziemlich nichts. Wenn er sich erinnern wollte, sah er reglose Bilder von Straßen, Plätzen, Zimmern. Keine Handlungen. In seinen Erinnerungsbildern herrschte eine Leblosigkeit wie nach einer Katastrophe. Als wagten die Leute noch nicht, sich zu bewegen. Auf jeden Fall standen sie stumm an den Wänden. Die Mitte der Bilder blieb meistens leer. Er spürte, daß in ihm das Abenteuer endgültig zu Ende gegangen war. Das Erzählbare überhaupt. Manchmal setzte er sich zwar hin und ließ in einer Art Panik alle Leute aufmarschieren, die er je kennengelernt hatte. Die Namen und Gestalten, die er aufrief, erschienen. Aber für den Zustand, in dem sie ihm erschienen, war tot ein viel zu gelindes Wort.

Etwas von früher lebendig zu machen, hieß doch, es auf eine Weise komplettieren, daß das Vergangene in jener Pseudoanschaulichkeit auferstand, die den Vergangenheitsgrad des Vergangenen einfach verleugnete.

Klaus Buch erzählte offenbar das Vergangene am liebsten drastisch. Gibt es etwas, was weniger zusammenpaßt als Vergangenes und Drastisches? Bei Klaus Buch rollte es nur so von Tönen, Gerüchen, Geräuschen; das Vergangene wogte und dampfte, als sei es lebendiger als die Gegenwart.

aus: Martin Walser: Ein fliehendes Pferd – Seite 28ff. – Suhrkamp Taschenbuch 600 – 33. Aufl. 2008)

Ein fliehendes Pferd - Filmplakat

„Diese Geschichte könnte zu dem gehören, was einmal übrigbleibt von einem Jahrhundert“, schreibt die Stuttgarter Zeitung: Martin Walsers Jahrhundertbuch. Das klingt sehr dick aufgetragen. Und doch. Es ist ein herrliches Buch, eine kleine Novelle zwar, aber mit dem tiefen Blick in die Seelen zweier Männer Ende der Vierzig. Bereits 1985 wurde es ein erstes Mal verfilmt. 2007 kam die Novelle in einer Verfilmung von Rainer Kaufmann mit Ulrich Noethen als Helmut, Ulrich Tukur als Klaus, Katja Riemann als Sabine und Petra Schmidt-Schaller als Hel erneut in die Kinos.