Kategorie-Archiv: Wiedergelesen

Wiedergelesen – wiederentdeckte Literatur

Wiederaufgeführte Stücke: Friedrich Dürrenmatt – Die Physiker

Das Ernst Deutsch Theater in Hamburg ist mit 744 Sitzplätzen. Deutschlands größtes privatgeführtes Theater. Die Spielstätte befindet sich am Friedrich-Schütter-Platz im Hamburger Stadtteil Uhlenhorst, Bezirk Hamburg-Nord, im ehemaligen, 1962 geschlossenen UFA-Palast-Kino an der Mundsburg.

Bis zum 24. September d.J. wird nun am Ernst Deutsch Theater in der Regie von Wolf-Dietrich Sprenger das Stück Die Physiker von Friedrich Dürrenmatt aufgeführt. Diese Komödie entstand 1961, ist also fast 50 Jahre alt, und wurde am 21. Februar 1962 unter der Regie von Kurt Horwitz im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. 1980 überarbeitete Dürrenmatt das Theaterstück zu einer Endfassung für seine Werkausgabe. Diese Fassung Die Physiker. Eine Komödie in zwei Akten habe ich mir jetzt zugelegt, um das Stück zu lesen, bevor ich es mir dann voraussichtlich am nächsten Wochenende mit meinen Söhnen anschauen werde.

Zum Inhalt:

In einem Privatsanatorium leben unter Aufsicht von Frau Dr. von Zahnd drei verrückte Physiker: Ernst Heinrich Ernesti, der sich für Einstein hält, Georg Beutler, der meint, Newton zu sein, und Johann Wilhelm Möbius, dem regelmäßig König Salomon erscheint. Bereits zum zweiten Mal ist hier eine Krankenschwester erdrosselt aufgefunden worden. Die mysteriösen Morde soll Inspektor Voss aufklären …

Michael Roes: Leeres Viertel – Rub’ Al-Khali

Als wir vor einigen Jahren unseren Reise in die Wüste Südtunesiens planten, fiel mir beim Buchhändler ein Roman in die Hand, der im Wesentlichen in der größten Sandwüste unserer Erde, der Rub’ Al-Khali, spielt: Michael Roes: Leeres Viertel – Rub’ Al-Khali – Invention über das Spiel (1. Auflage btb Taschenbuch im Goldmann Verlag – 1996).

Die Kritiken sprechen für sich:
„Besessen wie Reinald Goetz, belesen wie ein Gelehrter alten Schlages, dazu furchtlos wie der junge Clint Eastwood.“, schrieb damals DIE ZEIT über Michael Roes bzw. „Das ist Literatur pur!“ (Die Zeit). – „Eine kühne Gratwanderung zwischen den Gattungen: Abenteuerroman, Ethnographie, phantastische Legende und autobiographisches Fragment.“ (Die Woche)

Und nicht umsonst habe ich dieses 800 Seiten umfassende Buch bereits mehrmals in diesem Blog zur Sprache gebracht (Lob der KinderarbeitDas Leben als SpielDer heilige KriegKamelliste). Heute komme ich nun zum Buch selbst, das u.a. auch Ergebnis von ethnologischen Studien des Autors ist, als dieser im Rahmen eines ethnologischen Forschungsprojektes 1994 /1995 ein Jahr im Jemen verbrachte.


Sana’a/Jemen

„Zwei deutsche Forschungsreisende machen sich auf in jenes Wüstengebiet Südarabiens, das Rub’ Al-Khali, Leeres Viertel, genannt wird. Beide führen ein Tagebuch. Nur reiste der eine am Ende des 18. Jahrhunderts und war auf der Suche nach den mosaischen Gesetzestafeln. Der andere folgt 200 Jahre später den Spuren seines Vorgängers, um eine Theorie über archaische Formen des Spielens zu entwickeln. Für beide wird es eine Reise ins Ich und in die Fremde …“
(Klappentext)

Oder wie es auf der Innentext zum Buch heißt:
„Ein junger deutscher Völkerkundler unternimmt eine Forschungsreise nach Südarabien. Ziel seines großangelegten Projektes ist das Sammeln der Spiele der arabischen Welt, mit deren Hilfe er eine übergreifende Theorie über den Zusammenhang zwischen Spiel und menschlicher Kultur entwickeln will. Während der Anreise liest er die Abschrift eines alten Berichts über eine Expedition in den Orient, auf die er in der Herzogin-Anna-Bibliothek zu Weimar gestoßen ist. Der Verfasser des Berichts, Alois Schnittke, macht sich am Ausgang des 18. Jahrhunderts auf den Weg von Weimar in die größte Sandwüste der Welt, die Rub’ Al-Khali. Er und seine Reisegefährten brechen auf, das Geheimnis der mosaischen Gesetzestafeln zu ergründen. Das Reisetagebuch berichtet von stürmischen Seefahrten, singendem Sand, der Pest, Beduinenüberfällen, der Königin von Saba und Amazonen, Scheichs und Narren, einem geheimnisvollen Reverend Fox, der die Christianisierung der Heiden im Sinn führt, einer verborgenen Bibliothek, Stammesbrüdern, die sich als die Wächter der Gesetzestafeln herausstellen, nächtlichen Leichenraub und schließlich dem Tod der Reisegefährten …“ Schnittke ist der einzige Überlebende des Unternehmens.

Zunächst: Die Geschichten beider Forschungsreisenden werden parallel erzählt, und es gibt Entsprechungen zwischen ihren Geschichten, denn auch Schnittke interessiert sich für Spiele wie der Tagebuchautor heutigen Tags. Und beide werden durch einheimische Stämme im Jemen verschleppt. Unterschieden werden die Berichte durch die Orthographie, die Schnittkes kommt altertümlich daher, die andere in gemäßigter Kleinschreibung (und das ß wird zu sz).

„Baron Ernst Eugen le da Motte, Poet, Diplomat, Mäzen, Financier und Führer der Expedition, Doctor Tertulio Liebetrud Schotenbauer, Altphilologe, Historiker und tragischer Abklatscher, und zweyfellos auch der Geist unseres immer theilnahmsvollen Gefährten, des Arztes und Botanikers Hans-Jakob Schlichter, […] meine Wenigkeit, Acteur und Publicum zugleich, Prospectmaler, Marionettenspieler, Theaterdirector und Principal Alois Ferdinand Schnittke, gegenwärthig persönlicher Secretaire des edlen Chef de Mission und, in aller Bescheidenhait, selbsternannter Chronist der Sitten und Gebräuche der orientalischen Völker nebst besonderer Berücksichtigung ihrer lustigen Compagnien und schrecklichen Sprachkriege, und sein stummer Bruder, ja, Schatten Frere Jacque d’Afrique […].“ (S. 294)

Das geheime Ziel besteht in der Wiederfindung der mosaischen Gesetzestafeln, die bekanntlich König Salomo einst fahrlässig der im Jemen residierenden Königin von Saba anvertraute. Schnittke findet sie am Ende tatsächlich, doch seine drei Gefährten verlieren bei dem Wüstenabenteuer ihr Leben. Natürlich sind die Tafeln leer, und auch die Spuren ihres Entdeckers verlieren sich irgendwann im „Leeren Viertel“.

Diese Tagebuchaufzeichnungen sind übrigens fiktiv und zum Teil eine Montage aus alten Reiseberichten verschiedenster Autoren.

Kommen wir in das Jahr 1994 und damit in die Wirren des jemenitischen Bürgerkriegs. Der junge Ethnologe fliegt nach Sana’a, der Hauptstadt des Jemens, um dort und in der Umgebung die Spiele der arabischen Welt, besonders der Kinder, zu erforschen. Sicherlich ist die Beschreibung der vielen Spiele manchmal ermüdend. Aber ich mag solche Bücher, die Momentaufnahmen einer Welt sind, die vielleicht schon bald in dieser Form nicht mehr existieren wird (Stichwort: arabischer ‚Frühling’, der mit vielen Veränderungen daherkommen wird). Bemerkenswert dabei ist die Feststellung, dass viele der hier genannten Spielen auch bei uns bekannt sind. Die Ergebnis seiner Forschungen versucht nun der Autor in eine „Invention über das Spiel“, einer Art Theorie, zusammenzufassen. Wesentliche Impulse für diese Arbeit gewinnt er dabei aus Ludwig Wittgensteins Konzept vom „Sprachspiel“, das in dessen „Philosophischen Untersuchungen“ zu finden ist.

Das ist natürlich schon Stoff genug für ein eigenes Buch, bleibt leider im Ansatz stecken und geht so in einem 800 Seiten fassenden Buch eher unter. Aber das Buch will ja mehr sein als ein Exposé über das Spiel (neben dem Reisetagebuch Schnittkes): Roman will es sein!

So binden sich die Abhandlungen über das Spiel in ein Tagebuch ein. Wir erfahren einiges vom arabischen Alltag, besonders von der Männerwelt, die sich fast nur auf sich selbst beschränkt und so in homoerotischen Bekundungen zeigt. Als Leser fühle ich mich plötzlich aufs Glatteis geführt. So ist zaghaft von kleinen sexuellen Erlebnissen die Rede, homosexuellen Abenteuern, die in der arabischen Welt höchst verpönt sind. Es bleibt bei vagen Anspielungen, so als getraue sich der Autor nicht zu einem Bekenntnis seiner Homosexualität. Auch das wäre eigentlich Stoff genug für ein eigenständiges Buch. Dann wäre es Roman oder zumindest Reisetagebuch.

Sicherlich ist dieser ‚Roman’ spannend erzählt und hat mich durch seine Vielschichtigkeit zu allerlei Gedanken angeregt. So bekam er 1997 durchaus verdient den Bremer Literaturpreis zugesprochen. Ich kann mich aber eines Eindrucks nicht erwähren, nämlich dessen, dass der Autor zu viel gewollt hat und dann in vielem halbherzig stecken geblieben ist. Das Buch ist des Guten zuviel. So wundert mich die harsche Kritik Sprachlos in der Wüste von Volker Hage nicht, der dem Autor Michael Roes manche Banalität zum Vorwurf macht.

Der heilige Krieg

In diesen Tagen läuft im Fernsehen beim ZDF eine Dokumentationsreihe in fünf Teilen mit dem Titel „Der Heilige Krieg – Unter Kreuz und Halbmond“ (Video 5 Teile „Heiliger Krieg“ in 5 Minuten). Hierzu gibt es auf der ZDF-Website auch eine Interaktive Reise in die Geschichte von Islam und Christentum.

ZDF: Der heilige Krieg

Christentum und Islam haben sich in der Geschichte immer wieder berührt. 711 überschritten die Mauren die Meeresenge von Gibraltar und eroberten binnen weniger Jahre die christlichen Reiche der Westgoten im Süden Spaniens, dem sie den Namen Al-Andalus gaben: Andalusien. Die Herrschaft der Mauren in Spanien wurde durch die Reconquista, der Rückeroberung, 1492 in Granada beendet, aber die Einflüsse der Muslime sind auch heute noch vor allem in der Architektur zu sehen, u.a. die Alhambra in Granada mit den Gartenanlagen des Generalife. Das Spanien der Mauren war ein multikulturelles Zentrum von Wissenschaft und Kunst.

„Er erzählt uns die geschichte der arabischen Völker, angefangen bei Noah, mit erstaunlicher detailkenntnis, doch ohne zwischen mythischen und historischen ereignissen zu unterscheiden. Für ihn gibt es nur eine geschichte: heilsgeschichte.
Sein bericht führt bis zur rückeroberung der iberischen halbinsel durch die ‚christlichen’ könige Fernando und Isabella. Der verlust von Andalus scheint die gröszte wunde im christlich-islamischen verhältnis, aber auch eine zäsur innerhalb der ‚umma, der ‚gemeinschaft der gläubigen’ darzustellen. – Scheich Dschallal bricht an dieser stelle ab und überläszt es seinen zuhörern, die phantastische geschichte einer vereinten mediterranen welt, eines islamischen Sevilla und Triest, weiterzuspinnen.“

Michael Roes: Leeres Viertel – Rub’ Al-Khali – Invention über das Spiel (1. Auflage btb Taschenbuch im Goldmann Verlag – 1996 – S. 536)

Natürlich waren die Interessen der Christen und der Muslime immer auch politischer und wirtschaftlicher Art – bis zum heutigen Tag. Nicht umsonst sind deshalb die ‚Anschauungen’ der einen über die anderen mit unzähligen Vorurteilen gespickt. Um den anderen verstehen zu können, braucht es zuerst des Wissens: Denn was wissen wir Genaues über den Islam? Das Buch von Michael Roes ist z.B. eine Hilfe, sich in die Mentalität der Menschen im Süden der Arabischen Halbinsel hineinzuversetzen. Und die ZDF-TV-Reihe verschafft uns sicherlich die nötigen Einblicke in die gemeinsame Geschichte der Christen und Muslime.

Das Leben als Spiel

Ist es nicht so, dass wir im Leben vieles viel zu Ernst nehmen? Wäre es nicht besser, wir begriffen das Leben als Spiel?

Ich habe mir Zeit gelassen für die über 800 Seiten des Buchs von Michael Roes: Leeres Viertel – Rub’ Al-Khali – Invention über das Spiel , das ich bereits hier in zwei Beiträgen (KamellisteLob der Kinderarbeit) erwähnt habe. Es ist ein außergewöhnliches Buch und hat mich durch seine Themenvielzahl wahrlich über so manches ins Grübeln gebracht. Michael Roes hat im Jemen nach Kinderspielen geforscht. Es ging ihn dabei um eine allgemein gültige Theorie über das Spiel.

Dabei stellt sich vor allem die Frage, inwieweit das Spiel der Kinder Auseinandersetzung mit dem Leben der Erwachsenen ist. Im Spiel der Kleinen wird das Tun der Großen nachvollzogen. Spielen Erwachsene, dann geschieht das unter dem Diktat der strikten Trennung zwischen Spiel und ‚Wirklichkeit’ (dem Ernst des Lebens). Wer Spiel und ‚Wirklichkeit’ miteinander vermischt, gilt evtl. als psychisch krank. Aber warum eigentlich? Michael Roes schreibt im genannten Buch:

„Eine spielerische haltung der welt gegenüber besitzt eine ebenso grosze macht wie eine religiöse, wissenschaftliche oder ökonomische einstellung. Dasz es eine welt auszerhalb unseres bewusztseins gibt, bedeutet noch nicht, dasz es nur eine wirklichkeit auszerhalb unseres bewusztseins gibt. Wirklichkeit beruht auf anschauungen, auseinandersetzungen, beschreibungen.
Mit bestimmten dingen zu spielen heiszt, ihr wesen und ihre bedeutung zu verändern, sie in eine andere wirklichkeit zu transformieren.“

(1. Auflage btb Taschenbuch im Goldmann Verlag – 1996 – S. 299)

Mit einer spielerischen Haltung gegenüber der Welt verändern wir ihr Wesen, ihre Bedeutung für uns. Den ‚Ernst des Lebens’ geben wir eine spielerische Note. Bekanntlich wird nichts ‚so heiß gegessen, wie es gekocht wird’. Der Volksmund weiß um das Leben im Spiel. Spiel ist etwas Leichtes. Warum übertragen wir das nicht in unser gesamtes Leben? Ist es unser Gewissen, unser Verantwortungsbewusstsein, das uns das Leben so schwer werden lässt?

Spiele haben wie das reale Leben ihre Spielregeln. Auch ein Leben im Spiel kann ohne solche Regeln nicht auskommen. Somit muss unser Gewissen nicht belastet werden, wenn wir das Leben auch einmal ‚auf die leichte Schulter nehmen’. Verantwortlichkeiten bleiben unberührt. Warum also etwas schwerer nehmen als es sein muss? Üben wir uns doch einmal in ‚der Leichtigkeit des Seins’.

Gullivers Reisen

Gullivers Reisen (engl.: Gulliver’s Travels) ist das bekannteste Werk des irischen Schriftstellers, anglikanischen Priesters und Politikers Jonathan Swift. In der Originalfassung besteht das Buch aus vier Teilen und wurde 1726 unter dem Titel „Travels into Several Remote Nations of the World in Four Parts By Lemuel Gulliver, first a Surgeon, and then a Captain of Several Ships“ veröffentlicht; der Titel der deutschen Ausgabe Gullivers Reisen (insel taschenbuch) 58 (ich habe es in 4. Auflage von 1981 vorliegen) in einer Übersetzung von Franz Kottenkamp lautet: „Reisen zu mehreren entlegenen Völkern der Erde in vier Teilen von Lemuel Gulliver erst Wundarzt später Kapitän mehrerer Schiffe“. Das Buch ist besonders auch wegen der Illustrationen von Grandville lesens- und sehenswert.

Jonathan Swift: Gullivers Reisen

Das Buch ereilte ein ähnliches Schicksal wie Daniel Defoes ‚Robinson’ – es wurde in einer Kinderbuchausgabe bekannt, in welcher Gulliver erst das Land der Zwerge (Lilliput) entdeckt und dann im Land der Riesen (Brobdingnag) landet. In ihr fehlen die sozialkritischen und satirischen Positionen – besonders aber die Reisen nach Laputa, Balnibarbi, Luggnagg, Glubbdubdrib und Japan (3. Teil) sowie in das Land der Houyhnhmms (spricht sich etwa: Huinem) und den Yahoos (4. Teil), dem Land in dem die Pferde und die Menschen gewissermaßen ihre Rollen getauscht haben. Aber ich will auf dieses wirklich empfehlenswerte Buch, das in seiner Zeitlosigkeit und Menschlichkeit, besonders in seiner Kritik und Satire auch heute noch aktuell ist, an dieser Stelle nicht näher eingeben. Dafür soll später einmal mehr Zeit sein.

In diesen Tagen habe ich mit meinen Lieben den US-amerikanischen Fantasyfilm Gullivers Reisen – Da kommt was Großes auf uns zu gesehen. Er basiert auf dem angesprochenen Roman Gullivers Reisen von Jonathan Swift, spielt aber in moderner Zeit. In der Hauptrolle des Lemuel Gulliver ist Jack Black zu sehen. Der Film ist als DVD Gullivers Reisen (inkl. Digital Copy) und als Blu-ray: Gullivers Reisen (inkl. DVD & Digital Copy) seit einigen Tagen erhältlich.


Gullivers Reisen

„Schon seit Jahren trottet Gulliver (Jack Black) durch einen lauwarmen Alltag, ohne bei den Frauen oder im Job auf der Poststelle eines Reiseverlags irgendetwas von Wert aufbauen zu können. Von der großen Liebe und einer steilen Karriere kann der Totalversager bloß sehnsüchtig tagträumen. Deswegen forciert er seine Chance einfach selbst und sorgt dafür, dass er zu quasi-journalistischen Zwecken ins ferne Bermuda-Dreieck reisen darf. Ehe er am Ziel ankommt, findet er sich in Gefangenschaft wieder: das winzig kleine Volk der Insel Liliput hat den gestrandeten Riesen doch tatsächlich mit Tauen festgezurrt. Gulliver tut, was er eben kann – er reißt seine Klappe auf und nimmt die kleinen Leute mit himmelschreienden Lügengeschichten ein, die er aus der Geschichte und der jüngeren Popkultur zusammenklaut. Die Winzlinge sind begeistert und nehmen ihren neuen Freund mit auf einen abenteuerlichen Trip quer über die mysteriöse Insel…“

aus: filmstarts.de

Bevor man den Film sieht, sollte man die satirische Romanvorlage schleunigst vergessen. Zum einen ist Jack Black kein Mann der leisen Töne. Zum anderen bedient er uns, besonders aber die jungen Zuschauer, an die sich der Film wohl vorrangig wendet, mit einigem Klamauk. Natürlich beschränkt sich der Film im wesentlichen auf dem Aufenthalt in Lilliput. Vielleicht dient der Film aber als Ansporn, sich einmal der Swift’schen Romanvorlage zu bedienen. Spätestens dann hat der Film mehr erreicht als er wollte. Ansonsten ist es unterhaltsames Popcorn-Kino – auch für die eigenen vier Wände. Übrigens die Szene, in der Gulliver einen Brand im Palast mit dem Inhalt seiner Blase löscht, kommt natürlich auch bei Swift vor: „… dieser prächtige Palast wäre unfehlbar bis auf den Grund niedergebrannt, wäre mir nicht plötzlich mit einer für mich außergewöhnlichen Geistesgegenwart ein Ausweg eingefallen. Am Abend zuvor hatte ich ausgiebig von einem köstlichen Wein mit Namen Glimigrim getrunken […], der sehr harntreibend wirkt. Zum größten Glück hatte ich mich nun noch keines Tropfens davon entledigt. Da mir heiß geworden war, weil ich den Flammen sehr nahe kam und weil ich mich abmühte, sie zu löschen, fing der Wein an, in Form von Urin wirksam zu werden; ich entledigte mich dessen in einer solchen Menge und lenkte ihn so geschickt an die rechten Stellen, dass das Feuer in drei Minuten gänzlich gelöscht war …“ (S. 74 der Buchausgabe).

Lob der Kinderarbeit

In einer kurzen Passage aus dem Buch von Michael Roes: Leeres Viertel – Rub’ Al-Khali – Invention über das Spiel, das ich in 1. Auflage btb Taschenbuch im Goldmann Verlag – 1996 vorliegen habe, beschreibt der Autor ein kurzes Gespräch mit dem deutschen Botschafter im Jemen (Dr. Kurt Messer, Oktober 1990 – Februar 1994). Zu dem Buch selbst komme ich später noch einmal ausführlicher zu sprechen. Es ist ein überaus intellektuell anregendes, vielschichtiges und dabei spannendes Buch über die menschliche Kultur, den Jemen und die Suche nach der Leere im Inneren des modernen Menschen. Im Rahmen eines ethnologischen Forschungsprojektes verbrachte Michael Roes 1994 /1995 ein Jahr im Jemen. Seine dortigen ethnologischen Studien verarbeitete er in diesem lesenswerten Roman. In einem Gespräch äußerte sich der Botschafter über Kindheit und Kinderarbeit im Jemen:

Hier spielten die kinder noch so, wie er es aus seiner eigenen kindheit kenne. Eine blechbüchse oder ein karton genüge, um ein auto darzustellen, ein flugzeug, oder um selbst zu fliegen. Überhaupt wüszten jemenitische kinder noch zu spielen, während deutsche kinder vor allem zu schulischer leistung erzogen würden. Also dürfe man sich über die zunehmende aggression der kinder und jugendlichen in Deutschland nicht wundern.
Und die weitverbreitete kinderarbeit? Seine Exzellenz macht eine abwehrende handbewegung. Auch deutschen kindern würde es nicht schaden, früh verantwortung zu übernehmen, einen sinn für das mühsam verdiente brot zu entwickeln und zugleich von erwachsenen ernster genommen zu werden. In Deutschland geht es nur noch ums geldverdienen, nicht mehr um die arbeit an sich, das solide handwerk, den respektvollen dienst. Schon eine halbe stunde vor ladenschlusz wirft die kassiererin jedem neuen kunden einen miszmutigen blick zu. Hier freut man sich über jeden besucher, auch wenn es über das gespräch hinaus zu keinem handel kommt. Hier redet man noch miteinander, schenkt einander ein lächeln, respektiert das alter und legt wert auf das familienleben. In Deutschland hingegen gibt es eine zunehmende vereinzelung: immer mehr alleinstehende und alleinerziehende menschen. Die sozialen verpflichtungen der familie übernimmt der staat: kinderbetreuung, alters- und krankenversorgung. Doch die geborgenheit der familie kann kein staat ersetzen.
Eine rückbesinnung auf traditionelle werte, wie man sie hier noch findet, scheint mit auch für Deutschland wünschenswert.
(S. 126)


Sana’a/Jemen

Ich denke, dass das „Lob“ (in der Überschrift genannt) nicht zu wörtlich zu nehmen ist. Natürlich wird hier nicht die Kinderarbeit gelobt, die Kinder frühzeitig zu Krüppeln macht, jene Knochenarbeit, bei der schon kleine Kinder schwere Lasten zu tragen haben usw. Es geht einmal um das Spiel der Kinder, das vorrangig durch die Phantasie geprägt ist und nicht durch kostspieliges (sic!) Spielzeug, das nach kurzer Zeit nur in einer Ecke landet und verstaubt. Und dann geht es um Verantwortlichkeit, um Geschicklichkeit und Lebenssinn. Im Gegenzug sollen Kinder von Erwachsenen ernster genommen werden als es sonst bei uns der Fall ist.

Diese Haltung, diese Meinung ist als konservativ verschrieen. Ich denke aber, der Begriff „wertkonservativ“ ist passender – im Gegensatz zum Strukturkonservatismus. Wertkonservatismus will Herrschaftsstrukturen verändern, um bestimmte Werte zu erhalten. Es geht um eine Einstellung und „Politik, die sich für die Bewahrung der Natur, einer humanen und solidarischen menschlichen Gemeinschaft, sowie Wert und Würde des Einzelnen einsetzt.“ Der Begriff des Wertkonservatismus wurde übrigens 1975 vom SPD-Politiker Erhard Eppler in seinem Buch „Ende oder Wende“ eingeführt.

Ich will nicht behaupten, zusammen mit meiner Frau bei der Erziehung unserer beiden Söhne alles richtig gemacht zu haben. Aber – ob nun bewusst oder auch nicht – so haben wir immer versucht, unseren Kindern Werte wie gegenseitige Achtung, Verantwortung und Solidarität zu vermitteln und ihnen die Beborgenheit zu bieten, die wir eigentlich alle benötigen, um friedvoll miteinander leben zu können. Das „Ergebnis“ spricht für uns. Die aufgeführte Textpassage hat mich noch einmal zum Nachdenken gebracht.

Vergessene Stücke (11): Heiner Müller – Quartett

Sex sells, sagt man – auch in der Literatur?

Heiner Müller (* 9. Januar 1929 in Eppendorf, Sachsen; † 30. Dezember 1995 in Berlin) gilt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Dramatiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bedeutung erlangte er außerdem als Lyriker, Prosa-Autor und Verfasser theoretischer Texte sowie als Regisseur, Intendant und Präsident der Akademie der Künste Berlin (Ost). Sein Zweipersonenstück Quartett aus dem Jahre 1982 ist eine Adaption des Briefromans „Gefährliche Liebschaften“ von Choderlos de Laclos von 1782.

Der Stoff ist also nicht neu und bereits mehrmals verfilmt worden. Mir persönlich ist der gleichnamige Film von Stephen Frears aus dem Jahr 1988, u. a. mit John Malkovich, Glenn Close, Michelle Pfeiffer, Uma Thurman und Keanu Reeves, am bekanntesten:

„Die intrigante Marquise Isabelle Merteuil schlägt dem Vicomte Sébastien de Valmont vor, die Braut ihres früheren Geliebten Gercourt, Cécile de Volanges, noch vor der Hochzeitsnacht zu verführen. Für die Verführung der verheirateten Marie de Tourvel verspricht sie ihm sogar eine Liebesnacht.“

Das Stück von Heiner Müller selbst kenne ich aus einem Band mit verschiedenen Theaterstücken (suhrkamp taschenbuch 1190 – 1. Auflage 1985) Theater heute, dessen andere Stücke ich hier bereits fast alle vorgestellt habe.

Personen:
Merteuil (Marquise) (spielt auch Valmont bzw. ihre Nichte Volanges)
Valmont (Vicomte) (spielt auch Madame Tourvel)

Zeitraum : Salon vor der französischen Revolution – Bunker nach dem dritten Weltkrieg


Heiner Müller: Quartett

Nun auch dieses Stück ist noch nicht so ganz vergessen. Gerade in den letzten Jahren gab es mehrere Neuinszenierungen (u.a. 2010 am Stadttheater Bern oder erst neulich im theaterlabor des Theater Bremen, Premiere 5. Juni 2011).

„Müller schränkt die Personen der Handlung auf die beiden Antagonisten Marquise Merteuil und ihren ehemaligen Geliebten Vicomte Valmont ein. Die Marquise und der Vicomte reduzieren die Liebe auf Sex und reine Körperlichkeit, vielmehr das Reden darüber. In ständigem Rollenwechsel (Merteuil spielt Valmont bzw. ihre Nichte Volanges, Valmont spielt Merteuil oder Madame Tourvel – daher der Titel Quartett) fechten die zwei Figuren des Stücks einen Machtkampf aus, in dem Sexualität und Sprache zur Waffe geworden sind. Gekonnte Rhetorik und Perversion werden zum Ersatz für menschliche Beziehungen und auf die Spitze getrieben, bis hin zu brutaler Selbstzerstörung. Dabei zeigt sich jedoch auch immer die Leere und eine Art Endzeitmüdigkeit, die das durch Verstrickungen, Gewohnheit und unerfüllte Sehnsucht aneinander geknüpfte Paar verspürt. Gleichzeitig zeigen sie einen ausgeprägten Galgenhumor, der dem Drama komödiantische Elemente hinzufügt.“

Sex sells? Das Stück hat sicherlich seinen ausgesprochenen (sic!) Reiz. Die Sprache ist lasziv, dabei äußerst geschliffen. Aber es offenbart sich am Ende nur ein leerer Abgrund. Müller kritisierte die Dekadenz, den Verfall der Gesellschaft, in der jeder nur ‚bedient’ werden will, um seine Gelüste zu befriedigen. Dabei verkaufte sich Sex bereits früher schon bestens.

Merteuil. … Das Ideal wäre blind und taubstumm. Die Liebe der Steine. … Warum sollte ich Sie hassen, ich habe Sie nicht geliebt. (S. 457 der genannten Buchausgabe)

Merteuil [als Valmont]: Der Gedanke, der nicht Tat wird, vergiftet die Seele. (S. 465)

Stücke, Prosa, Tondokumente und mehr von Heiner Müller

Vergessene Stücke (10): Lars Norén – Dämonen

Erst kürzlich sah ich den US-amerikanischen Film „Der Rosenkrieg“ von (und mit) Danny DeVito und mit Michael Douglas und Kathleen Turner als Ehepaar Rose. Dieser ‚Rosenkrieg’ zeigt, wie aus Liebe mit den Jahren Hass und ein Kampf bis aufs Blut, ja, bis zum Tode werden kann. Der Streitpunkt ist hier materiell, das Haus, das keiner der beiden hergeben will.

Ehedramen üben eine gewisse Faszination aus. Ein weiteres Beispiel ist Wer hat Angst vor Virginia Woolf? von dem US-amerikanischen Dramatikers Edward Albee (1962 uraufgeführt), das uns aus einer Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Richard Burton aus dem Jahre 1966 bekannt sein dürfte. Hier wird ein junges Paar Zeuge eines eskalierenden Ehestreits.

Das Stück Dämonen des schwedischen Dramatikers Lars Norén (*1944 in Stockholm) ist ähnlich gelagert. Auch hier wird ein anderes Paar in eheliche Auseinandersetzungen hineingezogen. Norén begann bereits als Jugendlicher zu schreiben. 1963 erschien sein erster Gedichtband, bis 1980 von weiteren gefolgt, außerdem drei Romanen, von denen „Die Bienenväter“ 1973 auch auf Deutsch erschien.

Dämonen (Original: Demoner) – Deutsch von Angelika Gundlach – wurde am 28.04.1984 in Stockholms Stadsteater (Regie: Carsten Brandt) uraufgeführt. Die deutschsprachige Uraufführung fand am 21.11.1984 am Schauspielhaus Bochum (Regie: Claus Peymann) statt (lese hierzu: Szenen zweier Ehen – von Hellmuth Karasek in spiegel.de)

Nun so ganz vergessen ist das Stück nicht, immerhin ist mir eine letzte Inszenierung bekannt, die es in der Regie von Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne im Frühjahr 2010 gab.


»Dämonen« Trailer der Schaubühne Berlin

Das Stück selbst kenne ich aus einem Band mit verschiedenen Theaterstücken (suhrkamp taschenbuch 1190 – 1. Auflage 1985) Theater heute, dessen andere Stücke ich hier bereits teilweise vorgestellt habe.

„Der schwedische Dramatiker Lars Norén (Jahrgang 1944) beschäftigt sich seit den 80er-Jahren mit dem unaufhaltsamen Untergang des ehelichen Zusammenlebens – und setzt damit eine skandinavische Tradition fort, die mit Namen wie Strindberg, Ibsen und Bergmann verknüpft ist. ‚Dämonen’ ist ein klassisches Zimmerschlacht- Stück, in dem ein Ehepaar, das Lustgewinn daraus bezieht, sich gegenseitig fertig zu machen, den Besuch eines anderen Paares dazu benutzt, die Beleidigungen und Erniedrigungen auf die Spitze zu treiben.“ (Quelle: Berliner Morgenpost)

Personen:

Katarina, 36 Jahre
Frank, ihr Mann, 38 Jahre
Jenna, Nachbarin, 36 Jahre
Tomas, ihr Mann, 37 Jahre

Ort und Zeit: Eine Stadtwohnung, 1982

„Entweder ich bringe dich um, oder du mich, oder wir trennen uns, oder wir machen so weiter“, lautet Katarinas lakonisches Fazit ihrer langjährigen Beziehung mit Frank. Und da die beiden, die sich hassen bis aufs Messer und doch nicht voneinander lassen können, nicht schon wieder einen Abend einsam zu zweit in ihrer Nobel-Wohnung verbringen wollen, bitten sie das Nachbarsehepaar herüber. In stilvollem Ambiente vollzieht sich eine gnadenlose Seelenschlacht. „Norén ist ein Großmeister des Dialogs. Die Banalitäten seiner ausgeleierten Alltagswendungen sind so raffiniert verwoben …, dass sie die unausgesprochenen Aggressionen bis in die feinsten Abschattungen verlautbaren.“ (FAZ) „Ein gespenstisches Stück über die Liebe. Oder besser: Über deren Verlust.“ (Süddeutsche Zeitung)
(Quelle: rowohlt-theaterverlag.de)

Anders als z.B. in „Der Rosenkrieg“ erleben wir hier ein Paar, das in seine im Wesentlichen sexuell begründeten Obsessionen gefangen ist. Dazu ist es ein Teufelskreis gegenseitiger Hörigkeit, aus dem beide nicht entfliehen können:

FRANK Ja, ich liebe dich. […] Aber ich mag dich nicht. […] Überhaupt nicht. Ich kann dich nicht leiden. Aber ich kann ohne dich nicht leben.

[…]

KATARINA […] Du machst mich nur unglücklich. Ängstlich … Und so verwirrt. Und leer … Ich will nur weglaufen … Zurück … Zurück.

FRANK Wohin?

KATARINA Zu dir.

[…]

KATATRINA […] Solange ich dich schlecht behandle, kommst du nicht von mir los.

Das geladene Nachbarehepaar wird in diesen Ehekrieg hineingezogen. Schnell entlarvt es sich, zeigt, dass auch bei ihnen nicht alles stimmt, dass Unzufriedenheit herrscht – und ein Begehren dem anderen Paar gegenüber. Die Situation eskaliert, wie sollte es anders sein, der innere seelische Schmerz (FRANK […] Darum geht es doch – um den Schmerz. Sie empfinden einen solchen Schmerz …) stellt sich dar als äußerer körperlicher Schmerz – und endet in einer Kreuzigungsszene. 1982 mag das schockierend gewirkt haben, heute empfindet man es wohl eher als abstoßend, zumindest als ‚übertrieben’.

Lars Norén zeigt sich allerdings in den Dialogen als Könner. Besonders die Rolle des Frank ist dermaßen spitzfindig ausgelegt, dass man sich als Zuschauer (oder Leser) selbst oftmals an den Kopf fassen möchte. Wie er das Gespräch zu drehen versteht, hat schon eine gewisse Klasse.

Ehedramen – die Faszination gesteht weiterhin und wird von unserem Voyeurismus genährt. Auch Noréns Drama bietet dafür – auch heute noch – reichlich viel Futter.

Stücke und mehr von Lars Norén

Martin Cruz Smith: Nacht in Havanna

Sommerzeit ist für mich Krimizeit. Ich habe zwar noch keinen Urlaub (das dauert noch einige Wochen), aber in den ersten Tagen dieses Sommers habe ich mich auf einen Kriminalroman gestürzt, der viel Spannung verhieß – und dies dann durchaus auch einhalten konnte.

Zunächst sagte mir der Autor, Martin Cruz Smith, überhaupt nichts. Dann las ich aber auf dem Umschlagtext zum Buch, dass Cruz Smith auch den Kriminalroman „Gorki Park“ geschrieben hat, der als Vorlage zu dem gleichnamigen Film diente. Und den Film kenne ich natürlich – ein außergewöhnlicher Thriller aus dem Jahr 1983, u.a. mit William Hurt als russischen Polizisten Arkadi Renko, Lee Marvin als Pelzhändler Jack Osborne und Joanna Pacula als Irina Asanova, der späteren Geliebte Renkos.

„Nacht in Havanna“ (im Original: Havana Bay), 1999 erschienen, gehört wie „Gorki Park“ (1981 erschienen) zu der inzwischen mehrbändigen Arkadi-Renko Serie. Es dürften jetzt sieben Romane sein:

Die Reihe um den Polizisten Arkadi Renko beschreibt nicht nur jeweils in sich abgeschlossene Kriminalfälle der verschiedensten Art, sondern dokumentiert eindrucksvoll die Entwicklung von der Sowjetunion der 80er Jahre bis zum heutigen Russland.

Der Autor Martin Cruz Smith wurde 1943 in Philadelphia als Sohn einer Indianerin und eines Jazz-Musikers geboren und arbeitete zunächst als Journalist.

Arkadi Renko ist ein melancholischer Held, wenn auch ein „Ermittler mit dem untrüglichen Gespür“. In „Nacht in Havanna“ ist er „desillusionierter denn je. Denn nach dem sinnlosen Tod seiner Geliebten Irina hat er mit dem Leben abgeschlossen. Nur eine Aufgabe bleibt ihm noch: das Verschwinden seines alten Gegenspielers Sergej Pribluda aufzuklären. Der einst mächtige Geheimdienstchef arbeitet Ende der 90er Jahre in der sozialistischen Enklave Kuba. Im Reich Fidel Castros spioniert er für die russische Regierung geheime Geldströme und ostwestliche Aktivitäten aus. Doch dann ist Pribluda eines Tages verschwunden. Und als wenig später eine unbekannte Wasserleiche in der Bucht von Havanna angeschwemmt wird, muß Renko auf der Zuckerinsel ermitteln. Die kubanischen Behörden und die russische Diplomatie möchten die Angelegenheit am liebsten mit der Identifizierung von Pribluda zu den Akten legen. Doch Renkos Skepsis wächst, je länger er sich in dieser ihm unverständlichen Welt bewegt. Er zweifelt an den Todesumständen und an der Polizei. Und er fragt sich, warum man ihn mit aller Gewalt ausschalten möchte. Was also steckt hinter Pribludas Tod? Scheinbar planlos erkundet Renko die letzten Bastionen der Ewiggestrigen und die Winkelzüge der Profiteure für die Zeit nach Fidel Castro. Alte Revolutionäre und neue Opportunisten, die Mafia aus Ost und West belauern die Insel wie Piraten ein sinkendes Schiff. Wo ist der rote Faden in diesem tödlichen Spiel aus Intrigen und Verrat? Schließlich stößt Renko auf einen Geheimzirkel, der einen irrwitzigen Coup plant …“ Er „gerät unvermittelt in eine flirrend unwirkliche Welt, in der nichts so ist, wie es scheint.“
Aus dem Umschlagtext zum Roman (2. Auflage – 1999 – C. Bertelsmann Verlag, München)


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Malecón (Uferstraße in Havanna) – ostwärts zum Castillo de San Salvador de la Punta … Havana Vieja [Alt-Havanna] … Im Western lagen Viertel, die Vedano und Miramar hießen … (S. 31)

Der Roman spielt zwar Ende der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Aber die Situation in Kuba dürfte heute ähnlich sein, nur dass statt Fidel Castro jetzt sein Bruder Raúl die Amtsgeschäfte führt. Entgegen gewisser Bedenken von mir gelingt dem Buch durchaus ein Stimmungsbild des heutigen Kuba, auch wenn auf gewisse Klischees nicht ganz verzichtet wurde. Aber es ist nun einmal ein Kriminalroman, ja ein politischer Thriller, dem es um Spannung geht. Die Charaktere haben sicherlich nicht die Tiefe wie in einem wirklich guten Roman, trotzdem wirken sie durchaus akzeptabel.

Das Ende ist dann ziemlich verwirrend und ‚verliert’ sich in der Aufdeckung eines „irrwitzigen Coups“, in dem auch der Máximo Líder bzw. Comandante (Fidel Castro) verstrickt ist. Das ist dann vielleicht doch etwas sehr dick aufgetragen. Spannend ist das aber allemal. Daher möchte ich diesen Kriminalroman durchaus zu den interessanten und damit lesbaren zählen. Und irgendwie regte er meinen Appetit auf Urlaub an (Sonne, Strand und Musik à la Buena Vista Social Club – und ‚’ne Buddel voll Rum’).

Javier Marías: Mein Herz so weiß

„Ich wollte es nicht wissen, aber ich habe erfahren, dass eines der Mädchen, als es kein Mädchen mehr war, kurz nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise das Badezimmer betrat, sich vor den Spiegel stellte, die Bluse aufknöpfte, den Büstenhalter auszog und mit der Mündung der Pistole ihres eigenen Vaters, der sich mit einem Teil der Familie und drei Gästen im Esszimmer befand, ihr Herz suchte. Als der Knall ertönte, etwa fünf Minuten, nachdem das Mädchen den Tisch verlassen hatte, stand der Vater nicht sofort auf, sondern verharrte ein paar Sekunden lang wie gelähmt mit vollem Mund und wagte nicht zu kauen noch zu schlucken und noch weniger, den Bissen auf den Teller zurückzuspucken; und als er sich endlich erhob und zum Badezimmer lief, sahen jene, die ihm folgten, wie er, als er den blutüberströmten Körper seiner Tochter entdeckte und die Hände an den Kopf hob, den Bissen Fleisch im Mund hin und her bewegte, ohne zu wissen, was er mit ihm anfangen sollte.“

(S. 9 – Klett-Cotta Deutscher Taschenbuch Verlag 12507 – Juni 1998)

„Eine junge Frau erhebt sich vom Tisch, geht ins Bad, knöpft ihre Bluse auf und erschießt sich. Diese dunkle Szene, von der der Ich-Erzähler nur gehört hat, läßt ihm keine Ruhe. Die junge Frau war seine Tante, die Schwester seiner Mutter, die Frau, die sein Vater vor seiner Mutter geheiratet hatte. Vierzig Jahre später ist der Erzähler selbst verheiratet. Dunkle Vorahnungen und nebensächliche Ereignisse beunruhigen ihn. Der Ich-Erzähler ist Dolmetscher und leidet an eine déformation professionelle, die ihn dazu zwingt, jedes Detail zu registrieren und zu interpretieren: die kleinen, scheinbar unbedeutenden Dinge im Leben zu zweit und auch jene Details, die ihm nach und nach mehr über die Ereignisse vor seiner Geburt verraten, als ihm lieb ist …“ (Aus dem Klappentext)

Javier Marías Franco (* 20. September 1951 in Madrid) ist ein spanischer Schriftsteller, Kolumnist und Übersetzer. Sein Roman Mein Herz so weiß (Original: Corazón tan blanco, Barcelona 1992) erschien in Deutschland 1996 in der J. G. Cotta_sche Buchhandlung, Stuttgart, in einer Übersetzung von Elke Wehr.

Javier Marías gilt als einer der bedeutendesten Schriftsteller des heutigen Spaniens. Sein Werk wurde in dreiundzwanzig Sprachen übersetzt (Stand: 1998). Der Titel des Romans ist ein Zitat aus Shakespeares Macbeth (2. Akt, 2. Szene):

„My hands are of your colour; but I shame
To wear a heart so white.”
(Shakespeare)

Oder:

“Meine Hände
Sind blutig, wie die deinen; doch ich schäme
Mich, daß mein Herz so weiß ist.“

In meinem Beitrag „I have done the deed” habe ich mich bereits mit diesem Roman einwenig beschäftigt. Es geht darin u.a. um eine Tat, ein Verbrechen, das „nicht existiert, [… wenn es] nicht ausgesprochen wird.“ (S. 53) „Vielleicht kommt ein Augenblick, in dem die Dinge erzählt werden können, sie selbst, vielleicht um zur Ruhe zu kommen oder um endlich zu einer Fiktion zu werden.“ (S. 283) Hinter dem Selbstmord der jungen Frau vor 40 Jahren, der Tante des Ich-Erzählers, verbirgt sich ein Drama Shakespeare’schen Ausmaßes. „Es ist die Glut Macbethscher Einflüsterungen, sprachlicher Verderbtheit, die reales Verderben bewirkt.“ (Hellmuth Karasek im „Spiegel“). Lady Macbeth stiftete ihren Mann zum Mord an König Duncan an und begeht vom Gewissen geplagt Selbstmord. Der Selbstmord im Roman ist ähnlich gelagert. Auch die Tante hatte einen Satz gesprochen: „Es war ein Satz des Verzichts, nicht der Anstiftung, es war der Satz von jemandem, der sich zurückzieht und für besiegt erklärt.“ (S. 321) Aber genau dieser Satz führte zum Verbrechen. Und als der Tante bewusst wurde, was sie damals so beiläufig gesagt hatte, wurde sie sich ihrer Schuld bewusst: “Meine Hände sind blutig, wie die deinen; doch ich schäme mich, daß mein Herz so weiß ist.“ Und: „Übersetzbare, herrenlose Worte, […] die zu […] Handlungen anstiften, […] Aber wer sie sagt, erträgt sich nicht, wenn er sie vollzogen sieht.“ (S. 321)


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Calle de Alcalá, 15, Madrid (im Roman: Calle Alcalá 15, hier in einem alten Casino fand die Hochzeitsfeier von Juan, dem Ich-Erzähler, und Luisa statt, siehe S. 100 – der Name der Straße nach einer alten Universität in Madrid: Alcalá)

Der Roman ist ein Buch, von dem man hin- und hergerissen wird. Einige Passagen im ersten Teil sind sicherlich etwas ermüdend und schleppend (Marías sinnt schwermütig-pessimistisch über die Ehe nach). Erst am Schluss des Romans ergeben sie Sinn. Aber dann kommen Passagen, die den Leser in ihren Bann ziehen, es gibt kaum ein Entkommen. Selbst scheinbar unbedeutenden Dinge im Leben des Ich-Erzählers verursachen durch die Erzählweise eine Spannung, die sich erst zuletzt ähnlich wie beim Protagonisten, dem ein Unbehagen plagt, lösen. Marías erzeugt diese Spannung, dieses Unbehagen auch beim Leser, durch kleine Sätze, deren Bedeutung erst spät geklärt wird: „… sie denken nicht daran, daß sich bisweilen alles ändert, nachdem man weiß, sogar das Fleisch oder die Haut, die sich auftun, oder etwas wird aufgeschlitzt.“ (S. 169)

Unser Literaturpapst reagierte übrigens beim Erscheinen des Buchs enthusiastisch: „Begeistert bin ich von diesem Marías, ich glaube, das ist einer der größten im Augenblick lebenden Schriftsteller der Welt … Ich habe seit vielen Jahren kein Buch gelesen, das mich so tief getroffen hat.“ (Marcel Reich-Ranicki im „Literarischen Quartett“) Ich kann es ihm nicht ganz verdenken. Was mich allerdings wundert ist, dass der Roman Mein Herz so weiß seit längerer Zeit nicht mehr neu in Deutschland aufgelegt wurde. Überhaupt erscheint mir die Literatur von Javier Marías in Deutschland etwas stiefmütterlich behandelt zu sein. Sollte es doch etwas zu ‚schwer’ sein fürs deutsche Gemüt?

Zuletzt hier noch eine sicherlich hilfreiche Rezension mit weiteren Textpassagen zu Mein Herz so weiß

Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän – Eine Erzählung

Der Mensch erscheint im Holozän (mit der Widmung: Für Marianne) ist eine kleine Erzählung von Max Frisch, die ich als 1. Auflage, also Erstausgabe, besitze. Mit Erstausgabe ist das so etwas. Besitzt man eine solche, dann hat man mit Sicherheit einen besonderen Schatz in Händen, denn gerade Erstausgaben haben einen höheren materiellen Wert als die folgenden Auflagen. Mir ist natürlich der ideelle Buch eines Buches wichtiger, also der Inhalt. So bin ich natürlich schon einige Zeit am überlegen, ob ich mir z.B. einen Kindle eBook Reader, dem großen Verkaufsschlager von amzon.de, zulegen werde. Aber noch mag ich Bücher in ihrer Handlichkeit, mag das Blättern in Papier.

Zurück zu Frischs kleiner Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän aus dem Jahre 1979. Es ist ein Spät-, gar Alterswerk des Schweizer Schriftstellers. Zur Zeit der Veröffentlichung war Frisch 68 Jahre alt war. Allerdings schrieb er an dieser Erzählung bereits seit 1972 (da war er 61 Jahre alt, also gerade 4 Jahre älter als ich es heute bin). Es ist aber vor allem ein Alterswerk vom Inhaltlichen her. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung fand das Buch im deutschsprachigen keine allzu große Resonanz bei Publikum und Kritik. Die Erzählung wurde als Nebenwerk des Autors abgetan. In den USA allerdings wurde es als kleines Meisterwerk gefeiert. Dem stimme ich gern zu. Alterswerke gibt es natürlich genug, wenn Schriftsteller alt geworden sind und noch geschrieben haben. Oft verfassen Autoren im hohen Alter ihre Autobiografie. Hermann Hesses „Glasperlenspiel“ ragt dabei etwas heraus, da es nicht nur ein sehr umfangreiches Werk ist, sondern sogar eine Art Utopie. Gerade in den letzten Jahren überraschen uns auch Autoren von Weltruf (Mario Vargas Llosa, Gabriel García Márquez, Martin Walser) mit eher Pikantem, Erotischem (siehe meinen Beitrag: Alterssex in der Literatur).

Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän - 1. Auflage

„Mit der phantastischen Wachheit des Einsamen registriert Herr Geiser die kleinen Anzeichen einer denkbaren Katastrophe. Das Tal ist durch Unwetter von der Umwelt abgeschnitten. Gefaßt darauf, daß eines Tages oder in der Nacht, wenn man schläft, der ganze Berg ins Rutschen kommt und das Dorf verschüttet für alle Zeit, liest Herr Geiser im Lexikon, in der Bibel, in Geschichtsbüchern und schreibt ab, was nicht vergessen werden soll. ‚Schlimm wäre der Verlust des Gedächtnisses.’ Dann schneidet er aus, was ihn wissenswert dünkt, und heftet Zettel um Zettel an die Wand. ‚Der Mensch gilt als das einzige Lebewesen mit einem gewissen Geschichtsbewusstsein. / Ob es Gott gibt, wenn es einmal kein menschliches Hirn mehr gibt, das sich eine Schöpfung ohne Schöpfer nicht denken kann, fragt sich Herr Geiser. / Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen.’ Max Frisch erzählt die letzten Alltage eines Mannes, der begreift, daß er sich abhanden kommt und eingehen wird ins Unbewusstsein der Natur, in Erdgeschichte mit ihren Jahrmillionen. Eine Erzählung ohne Klage, wortkarg-exakt, Satz um Satz bestimmt vom Bewusstsein der Unentrinnbarkeit, auch wenn es schließlich heißt: ‚Das Dorf steht unversehrt. Im August und im September, nachts sind Sternschnuppen zu sehen oder man hört ein Käuzchen.’“
(aus dem Umschlagtext – Suhrkamp Verlag – Erste Auflage 1979 – ISBN 3-518-02850-2)

Max Frisch lebte von 1965 bis 1984 in einem aufwändig renovierten Haus in dem kleinen Ort Berzona im Tessin. In dem gleichen Tal Valle Onsernone spielt auch die Erzählung, die Frisch ausdrücklich als nicht autobiografisch bezeichnete. Allerdings sind die Parallelen zwischen dem Herrn Geiser, dem Helden der Erzählung, und Max Frisch nicht völlig zu leugnen. Auch Max Frisch fürchtete um sein Gedächtnis. Und die im Buch beschriebene Wanderung des Herrn Geiser aus dem Tal über den Passo della Garina ins nächste Tal, dem Valle Maggia, kannte Frisch sehr gut.


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(A) Berzona/Valle Onsernone im Tessin/Schweiz – Wohnort von Max Frisch von 1965-1984
Weg nach (B) Aurigeno/Valle Maggia (eigentlich über den Passo della Garina)
(C) Bellinzona (Bahnstation zwischen Basel und Locarno)

Seit Tagen regnet es in dem Tal. Herr Geiser wird 74 Jahre alt und lebt seit 14 Jahren im Tal. Er leidet unter einer zunehmenden Merkschwäche. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, sammelt er Informationen unterschiedlichster Art, schreibt diese auf kleine Zettel. Dann schneidet er aus, was ihn wissenswert erscheint, und heftet Zettel um Zettel an die Wand. Aber das hilft wenig. Allerdings ist sein Gedächtnis noch außergewöhnlich, wenn es um Ereignisse früherer Jahre geht. So erinnert er sich fast minutiös an seine Matterhornbesteigung vor 50 Jahren mit seinem Bruder Klaus.

Auszug aus: Max Frisch - Man in the Holocene
Auszug aus der englischsprachigen Ausgabe (Man in the Holocene)

Auszug aus 1. Auflage 1979: Max Frisch - Der Mensch erscheint im Holozän
Auszug aus 1. Auflage 1979

An einem frühen Morgen macht sich Herr Geiser auf dem Weg über einen Pass ins nächste Tal. Es ist wie eine Flucht. Was er dort allerdings will, ist ihm selbst nicht klar. Unverrichteter Dinge kehrt er um, bevor der den Ort Aurigeno erreicht hat. Wieder zu Hause erleidet er einen Schlaganfall.


Max Frisch über „Der Mensch erscheint im Holozän“

Siehe auch meine weiteren Beiträge zu Max Frsich:
Vergessene Stücke (9): Max Frisch – Biografie: Ein Spiel
Max Frisch: Homo faber – Ein Bericht
Max Frisch und the American Way of Life!
Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein
Max Frisch: Stiller

Literatur von Max Frisch