Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Heute Ruhetag (43): Jean Paul – Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz mit fortgehenden Noten

Arno Schmidt sagte einmal, dass Jean Paul „einer unserer Großen (…), einer von den Zwanzig, für die ich mich mit der ganzen Welt prügeln würde“ gewesen sei. Nun beide waren verquere Köpfe mit hohem literarischen Anspruch, der vielen leider zu weit geht. „Jean Paul spielte ständig mit einer Vielzahl witziger und skurriler Einfälle; seine Werke sind geprägt von wilder Metaphorik sowie abschweifenden, teilweise labyrinthischen Handlungen.“ Was wohl auch für Arno Schmidt gilt, wenn auch in ‚anderer Fassung’.

„Ähnlich vielgestaltig und verwirrend wie viele seiner Romane muss auch Jean Pauls Charakter gewesen sein: Er war wohl sehr gesellig und geistreich, gleichzeitig extrem sentimental, von fast kindlichem Gemüt und schnell zu Tränen gerührt. Seine Werke lassen immer wieder erkennen, wie sehr er sich nicht nur für Literatur, sondern auch für Astronomie und andere Wissenschaften interessierte.“

Das Jahr geht langsam dem Ende entgegen, in dem wir den 250. Geburtstag von Jean Paul feiern durften. An einem anderen Ruhetag habe ich bereits auf seine Erzählung Dr. Katzenbergers Badereise hingewiesen und als Lektüre empfohlen (und in einem zweiten Beitrag noch etwas ausführlicher behandelt). Heute möchte ich eine andere seltsame Erzählung aufs Tapet bringen, in der Schmelzle, ein „Angsthase“, „mit Heldenpose“ von seiner „Feigheit vor dem Feind in napoleonischer Zeit“ erzählt.

Zum Inhalt (Quelle: de.wikipedia.de):

Schmelzle stellt eine – dem Anschein nach offensichtliche – Tatsache als Gerücht hin: Der Militärgeistliche Schmelzle hat „aus bedeutenden Schlachten Reißaus genommen“. Seine letzte diesbezügliche Affäre war bei Pimpelstadt. Dies bedauerliche Faktum war natürlich auch seinem höchsten militärischen Vorgesetzten, dem großen Minister und General Schabacker in Flätz nicht verborgen geblieben. Trotzdem reist Schmelzle unerschrocken zu dem General hin, um dem Militär eine Bittschrift vorzulegen. Der Fahnenflüchtige möchte Professor der Katechetik werden. Angetrieben wird Schmelzle von seiner Ehegattin Teutoberga, Tochter eines reichen Pächters. Bergelchen, wie Schmelzle seine liebe Frau nennt, möchte gerne ihre „niedrige Geburt“ vergessen machen, möchte „etwas vorstellen und manche Honoratiorin ausstechen“.

Schmelzle dringt in das Vorzimmer des Generals vor. Die Antwort Schabackers auf die Petition lautet bedauerlicherweise: Schmelzle möge sich wieder zum Teufel scheren, wie er bei Pimpelstadt getan.

Das kann den Überlebenskünstler Schmelzle kein bisschen verdrießen. Ist er doch durch das Vermögen seiner guten Frau besser besoldet als durch zehn katechetische Professuren.

„So bist du also nichts geworden?“ gibt sich das Bergelchen enttäuscht und denkt an die „hochtrabenden vornehmen Weiber“ in Neusattel, vor denen sie in der Kirche blutrot werden wird vor Scham.

Schmelzle will Abhilfe schaffen. Vielleicht wird Bergelchen Berg-, Bau-, Hof-, Kriegs-, Kammer-, Kommerzien-, Legations-, Henkers- oder auch Teufels-Rätin.

Heute Ruhetag = Lesetag!

Ein lautes Gewitter, das dem Postwagen nachfuhr, veränderte den Diskurs. Ihr, Freunde, erratet wohl alle – da ihr mich nicht als einen Mann ohne alle Physik kennen lernen – meine Maßregeln gegen Gewitter: [89 In großen Städten lebt der Fremde die ersten Tage nach seiner Ankunft bloß von seinem Gelde im Gasthofe, erst darauf in den Häusern seiner Freunde umsonst; langt man hingegen auf der Erde an, wie z.B. ich, so wird man gerade die ersten Jahre hindurch höflich freigehalten, in den andern und längern aber – denn man bleibt oft sechzig Jahre – muß man wahrhaftig (ich habe die Dokumente in Händen) jeden Tropfen und Bissen bezahlen, als wäre man im großen Gasthofe zur Erde, was noch dazu wahr ist.] ich setze mich nämlich auf einen Sessel mitten in der Stube (oft bleib‘ ich bei bedenklichem Gewölk ganze Nächte auf ihm), und decke mich durch mein Reinigen von allen Leitern, Ringen, Schnallen und so weiter und durch mein Absitzen von allen Blitzabsprüngen immer so, daß ich kaltblütig die Sphärenmusik der Donnerpauke vernehme. – Diese Vorsicht hat mir nie geschadet, da ich ja dato noch lebe; und ich wünsche mir noch heute Glück, daß ich einmal aus der Stadtkirche, ob ich gleich tags vorher gebeichtet hatte, ohne weiteres und ohne vorher das Abendmahl zu nehmen, ins Gebeinhaus hinausgelaufen, weil ein schweres Gewitter (was wirklich in die Kirchhofslinde einschlug) darüber stand; – ich kam auch sogleich nach der Entladung der Wolke aus dem Gebeinhaus in die Kirche zurück und war so glücklich, noch hinter dem [112 Ich sage aber nein. Der Mensch stelle sich so wie seinen Hut – wenn er sich und diesen nicht gerade gebraucht – beide, um sie zu schonen, so lange auf den Kopf, bis er wieder getragen wird.] Henker (als dem letzten) zu kommen und das Liebesmahl zu genießen.

So denk‘ ich für meine Person; aber leider, im vollen Postwagen traf ich Menschen, denen Physik wahre Narretei ist. Denn als die Gewitter sich fürchterlich über unsern Kutschenhimmel versammelten und prasselnde Feuerklumpen, als wären’s Johanniswürmchen, im Himmel umherspielten; und als ich endlich ersuchen mußte, das schwitzende Postkonklave möchte nur wenigstens Uhren, Ringe, Gelder und dergleichen zusammenwerfen, etwa in die Wagentaschen, damit kein Mensch einen Leiter am Leibe hätte: so tat’s nicht nur keiner, sondern mein eigener Schwager, der Dragoner, stieg gar mit gezogenem nackten Degen auf den Bock hinaus und schwur, er leite ab. Ich weiß nicht, war der desperate Mensch ein gescheiter oder keiner; kurz, unsere Lage [10 Die Weltepochen feiern – wie die spanischen Könige – Regierungsantritt, Volljährigkeit, Vermählung – gern mit Scheiterhaufen (Autodafés, Tressenausbrennungen der Weisen oder auch der Irrgläubigen).] war fürchterlich, und jeder konnte ein gelieferter Mann sein. Zuletzt bekam ich gar einen halben Zank mit zweien von der rohen Menschenfracht der Kutsche, dem Vergifter und der Hure, weil sie fragend fast zu verstehen gaben, ich hätte vielleicht bei dem angepriesenen Preziosenpicknick nicht die ehrlichsten Anschläge gehabt. So etwas verwundet die Ehre mit Gewalt, und in mir donnerte es nun stärker als oben; dennoch mußt‘ ich den ganzen nötigen Erbitterungswortwechsel so leise und langsam als möglich führen und haderte sanft, damit nicht am Ende eine ganz in Harnisch gebrachte Kutsche in Hitze und Schweiß geriete, und in unsere Mitte so den nahen Donnerkeil auf Ausdünstungen durch den Kutschenhimmel herabfahren [144 Der Rezensent gebraucht seine Feder eigentlich nicht zum Schreiben, sondern er weckt mit deren Brandgeruch Ohnmächtige auf, kitzelt mit ihr den Schlund des Plagarius zum Wiedergeben, und stochert mit ihr seine Zähne aus. Er ist der einzige im ganzen gelehrten Lexikon, der sich nie ausschreiben und ausschöpfen kann, er mag ein Jahrhundert oder ein Jahrtausend vor dem Tintenfasse sitzen. Denn indes der Gelehrte, der Philosoph und der Dichter das neue Buch nur aus neuem Stoff und Zuwachs schaffen, legt der Rezensent bloß sein altes Maß von Einsicht und Geschmack an tausend neue Werke an, und sein altes Licht bricht sich an der vorbeiziehenden, stets verschieden geschliffenen Gläserwelt, die er beleuchtet, in neue Farben.] ließe. Zuletzt setzt‘ ich der Gesellschaft das ganze elektrische Kapitel deutlich, aber leise und langsam – ich wollte nicht ausdampfen – auseinander und suchte besonders von der Furcht abzuschrecken. Denn, in der Tat, vor Furcht konnte jeden der Schlag – ja ein doppelter, mit dem elektrischen ein apoplektischer – treffen, da aus Erxleben und Reimarus genug bewiesen ist, daß starkes Fürchten durch Dünsten den Strahl zulockt; ich stellte daher in ordentlicher Angst vor meiner und fremder Furcht den Passagieren vor, daß sie jetzt durchaus bei unserer schwülen Menge, bei dem die Blitze spießenden Degen auf dem Kutschbock, und bei dem Überhang der Wetterwolke, und selber bei so vielen Ausdünstungen anfangender Furcht, kurz, bei so augenscheinlicher Gefahr nichts fürchten dürften, wollten sie nicht samt und sonders erschlagen sein. »O, Gott,« rief ich, »nur Mut! Keine Furcht! Nicht einmal Furcht vor der Furcht! – Wollen wir denn als zusammengetriebene Hasen hier seßhaft, von unserem Herrgott erschossen sein? – Fürchte sich meinetwegen jeder, wenn er aus der Kutsche heraus ist, nach Belieben an anderen Orten, wo weniger zu besorgen ist, nur aber nicht hier.«

Ich kann nicht entscheiden – da unter Millionen kaum ein Mensch an der Gewitterwolke stirbt, aber vielleicht Millionen an Schnee- und Regenwolken und dünnen Nebeln – ob meine Kutschenpredigt auf Menschenrettungspreise Anspruch zu machen hatte, als wir sämtlich unbeschädigt, einem Regenbogen entgegen, in das Städtchen Vierstädten einfuhren, wo ein Posthalter in der einzigen Gasse wohnte, die der Ort hatte.

aus: Erste Station, von Neusattel nach Vierstädten.

Signatur: Jean Paul

Jean Paul: Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz mit fortgehenden Noten

Heute Ruhetag (42): Der duftende Garten des Scheik Nefzaui

Scheik Nefzaui ist der Nachwelt nur als der Verfasser des Duftenden Gartens bekannt geworden; es ist das einzige Buch, das er überhaupt geschrieben hat. Obgleich sich in diesem Buche viele Irrtümer und Fehler finden, die größtenteils der Nachlässigkeit und Unwissenheit der Abschreiber zur Last zu legen sind, und obgleich auch der Gegenstand des Buches nicht nach jedermanns Geschmack sein wird, entstammt es doch offenbar der Feder eines Mannes von gründlicher Bildung, der auf den Gebieten der Literatur und Medizin tiefere Kenntnisse besaß, als man sie im allgemeinen bei Arabern anzutreffen gewohnt ist.

Aus der historischen Bemerkung in der Einleitung dieses Buches können wir, obgleich der Name des zu jener Zeit in Tunis regierenden Beys offenbar falsch angegeben ist, doch schließen, daß das Werk ungefähr zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung – etwa um das Jahr 925 der Hedschra – verfaßt worden ist.

Vorbemerkungen des französischen Übersetzers

    Der duftende Garten des Scheik Nefzaui

Der parfümierte Garten (auch Der duftende Garten) ist der deutsche Name eines arabischen Ehehandbuchs aus dem frühen 15. Jahrhundert, das aufgrund seiner erotischen Geschichten und freizügigen Behandlung menschlicher Sexualität schon im 19. Jahrhundert auf ein ähnlich großes Interesse wie das indische Kamasutra stieß. Der vollständige lautet „Der duftende Garten zur Erbauung des Gemüts“.

Heute Ruhetag = Lesetag!

Ich schrieb dieses herrliche Werk auf Grund eines Büchleins betitelt »Die Fackel der Welt«, worin die Geheimnisse der Zeugung behandelt werden. Dieses Werkchen kam zur Kenntnis des Wesirs unseres Herrn Abd-el Aziz, des Beherrschers von Tunis. Dieser erlauchte Wesir war sein Dichter, sein Genosse, sein Freund und Geheimschreiber. Er war wacker im Rat, treu, klug und weise, der gelehrteste Mann seiner Zeit und wohl bewandert auf allen Gebieten. Er nannte sich Mohammed ben Uana ez Zonaui. Er war in Algier aufgewachsen, und in dieser Stadt hatte unser Herr Abd-el Aziz el Hafsi seine Bekanntschaft gemacht.

An dem Tage, da Algier erstürmt wurde, floh der Herrscher mit ihm nach Tunis – möge Gott dieses Land beschützen bis zum Tage der Auferstehung! – und ernannte ihn zu seinem Großwesir. Als er das oben erwähnte Buch in die Hände bekam, sandte er zu mir und lud mich dringend ein ihn zu besuchen. Unverzüglich begab ich mich in sein Haus, und er empfing mich auf höchst ehrenvolle Weise.

Drei Tage später kam er zu mir, zeigte mir mein Buch und fragte: »Ist dies dein Werk?« Und da er mich erröten sah, fuhr er fort: »Du brauchst dich dieses Buches nicht zu schämen; alles, was du darin gesagt hast, ist wahr; niemand braucht sich über deine Worte zu entrüsten. Übrigens bist du nicht der erste, der diesen Gegenstand behandelt hat; und ich schwöre bei Gott: wahrlich, die Kenntnis dieses Buches ist notwendig. Nur ein schamloser Ignorant oder ein Feind aller Wissenschaft wird es nicht lesen oder sich darüber lustig machen, nachdem er es gelesen hat. Aber es sind verschiedene Dinge, mit denen du dich noch wirst beschäftigen müssen.« Ich fragte, was für Dinge das seien, und er antwortete: »Ich wünsche, daß du deinem Buch noch einen Anhang beifügst, worin du die Heilmittel behandelst, von denen du noch nichts gesagt hast; führe alle Tatsachen an, die in dieses Kapitel hineingehören, und lasse nichts aus. Du wirst darin beschreiben, wie der Akt der Zeugung zustande kommt, sowie auch, wie er sich verhindern läßt. Du wirst die Mittel anführen, durch die das zeitweilige Unvermögen behoben wird, sowie die Mittel, durch die man das männliche Glied, wenn es zu klein ist, größer macht und ihm einen stattlichen Anblick verleiht. Ferner wirst du angeben, wie man den unangenehmen Geruch der weiblichen Achselhöhlen und Schamteile beseitigt und wie man die Schamteile enger macht. Ferner wirst du von der Schwangerschaft sprechen, damit dein Buch vollkommen und lückenlos sei. Mit einem Wort: wenn dein Buch allen Wünschen entspricht, dann erst wird deine Arbeit beendigt sein.«

Ich antwortete dem Wesir: »O! mein Herr und Meister, alles, was du hier gesagt hast, ist nicht schwer zu machen, wenn es Gott in der Höhe gefällt.« Unverzüglich ging ich an die Abfassung dieses Buches, nachdem ich Gott um seinen Beistand angefleht hatte – (möge er seinen Segen über seinen Propheten ausströmen, und möge Glückseligkeit und Gottes Liebe bei diesem weilen!).

Ich nannte dieses Werk: »Der duftende Garten für die Erlustigung der Seele« (Er Roud el Aater p’nezaha el Khater).

Und wir beten zu Gott, der alles zum besten lenkt – (und es ist kein anderer Gott außer ihm, und alles Gute kann nur von ihm herkommen) –, er möge uns seine Hilfe leihen und uns auf rechten Wegen führen; denn es ist keine Kraft und keine Freude außer in dem hohen und mächtigen Gott.

Die Entstehung dieses Werkes

Scheik Nefzaui: Der duftende Garten für die Erlustigung der Seele

100. Geburtstag von Albert Camus

    „Um einer angeborenen Gleichgültigkeit die Waage zu halten, wurde ich halbwegs zwischen das Elend und die Sonne gestellt. Das Elend hinderte mich zu glauben, dass alles unter der Sonne und in der Geschichte gut sei; die Sonne lehrte mich, dass die Geschichte nicht alles ist.“
    Albert Camus

Gut (oder nicht gut), ich habe es nicht „auf dem Zettel“ gehabt: Heute ist ein für mich eigentlich besonderer Jahrestag. Vor 100 Jahren wurde in Mondovi, Französisch-Nordafrika, heute Dréan, Algerien, Albert Camus geboren. Er war ein Schriftsteller und vor allem Philosoph, der nachhaltig mein Denken beeinflusst hat. So ist es nicht verwunderlich, wenn ich Albert Camus hier öfter erwähnt habe, mich zu ihm und seine Werke geäußert habe.

Albert Camus

Welche Bedeutung Camus auch heute noch für viele Menschen hat, ist an der Resonanz abzulesen, die der heutige Jahrestag in vielen hervorruft. Über Twitter habe ich einige dieser Äußerungen festgehalten und möchte diese – ohne weitere Kommentare von mir – zum Aufruf bereitstellen:

Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

„Eigentlich hat Allan Karlsson allen Grund zum Feiern: Er wird 100 Jahre alt. Das Problem ist nur, dass er im Altersheim festsitzt, noch alle Fünf beisammen hat und sein Körper sich weigert, das Zeitlich zu segnen – und zu allem Überfluss hat sich auch noch der Bürgermeister samt Presse angekündigt. Allan hat auf all das überhaupt keine Lust. Er steigt kurzerhand aus dem Fenster und verschwindet – zum Busbahnhof. Dort soll er nur kurz auf den Koffer eines jungen Mannes aufpassen, doch als sein Bus einfährt, beschließt Allan, den Koffer (der zum Glück Räder hat) mitzunehmen – nicht ahnend, dass sich darin keineswegs die erhoffte Wechselwäsche, sondern 50 Millionen Kronen aus Drogengeschäften befinden. Und mit einem Mal sind nicht nur Polizei und Presse hinter dem Hundertjährigen her, sondern auch die schwedische Mafia. Allan denkt jedoch gar nicht daran, die Millionen zurückzugeben und reumütig ins Altenwohnheim zurückzukehren. Niemals!

Das ist der Auftakt zu einer abenteuerlichen Reise: Allan gewinnt durchaus gleichgesinnte Freunde – mit dem 70-jährigen Gelegenheitsdieb Julius lässt er die Leiche des Kofferbesitzers verschwinden, der reiche Imbissbudenbetreiber Benny wird ihr Chauffeur, und auch die Besitzerin eines entlaufenen Elefanten schließt sich ihnen an, will ihre Sonja auf der Flucht aber nicht zurücklassen.“
(aus dem Klappentext)

Nach jeder Menge Martin Walser wollte ich in meinem herbstlichen Urlaub wieder einmal etwas ‚Leichtes’ lesen. Da meine Frau gerade das Buch zu Ende gelesen hatte, so nahm ich es mir vor – von Jonas Jonasson den Roman Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, eines der erfolgreichsten Bücher der letzten Jahre. Der Roman findet sich seit über 100 Wochen auf den Bestsellerlisten und wurde allein in Deutschland bereits über zwei Millionen Mal verkauft.

    Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Noch einmal ausführlicher zum Inhalt: An seinem einhundertsten Geburtstag, dem 2. Mai 2005, klettert Allan Karlsson aus dem Fenster seines Zimmers im Altenheim und drückt sich so vor der eigenen Geburtstagsfeier. Sein erstes Ziel ist der Busbahnhof, von dem er mit dem erstbesten Bus fährt, soweit ihn seine 50 Kronen bringen – und da der ungepflegte junge Mann, dessen Koffer Allan in der Zwischenzeit beaufsichtigt, nicht rechtzeitig von der Toilette zurückkehrt, nimmt Allan das Gepäckstück gleich mit. Unglücklicherweise ist „Bolzen“, der junge Mann, Mitglied einer kleinen Gangstergruppe und der Koffer prall gefüllt mit Geld. Die Verfolgung beginnt und da leider auch nicht jeder Kleinkriminelle, der sich auf die Suche nach Allan und seiner wachsenden Reisegemeinschaft (inklusive Elefant Sonja) macht, das Zusammentreffen überlebt, ist bald auch die Polizei an Allan interessiert.

Neben der Flucht quer durch Schweden springt der Roman immer wieder in die Vergangenheit und schildert chronologisch Allans bisheriges Leben. Schon in jungen Jahren begeistert von Sprengstoff (und dadurch verantwortlich für die ein oder andere Kuhfehlgeburt), bereist der politisch eigentlich uninteressierte und überaus gutmütige Allan die ganze Welt, ist „zufällig“ beteiligt an diversen historischen Ereignissen und trinkt Schnäpse mit (unter anderem) General Franco, Präsident Truman und Stalin.

… und wem das noch nicht genügt, der findet auf dieterwunderlich.de eine noch ausführlichere Inhaltsangabe und kurze Kritik.

„Ein Schelmenroman erster Güte!“ (Der Spiegel)

„Ein amüsanter Crashkurs über Sinn und Irrsinn von Geschichte und Gegenwart. Ein Gute-Laune-Schmöker!“ (Denis Scheck, ARD druckfrisch)

„Ganz große Unterhaltung und einfach ein Riesenspaß!“ (Hessischer Rundfunk, hr 1)

„Ein herrliches Buch, das nur so strotzt vor Einfällen und Erzählfreude.“ (Stern)

Der Roman beginnt am Montag, den 2. Mai 2005 in einem Altersheim in der schwedischen Stadt Malmköping. Es ist der 100. Geburtstag eines Mannes, der eine ungewöhnliche Geschichte hinter sich hat und, man glaubt es kaum, eine ebenso unglaubliche Geschichte vor sich. In zwei Strängen erzählt der Roman von einer urkomischen Flucht und zugleich die irrwitzige Lebensgeschichte eines eigensinnigen Mannes, der sich zwar nicht für Politik interessiert, aber trotzdem irgendwie immer in die großen historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts verwickelt war.

Der Roman von Jonas Jonasson ist wirklich amüsant. Sein deutscher Verleger Johannes Jacob (Carl’s-Books) dazu: „Diese Mischung aus Roadmovie und ‚Forrest Gump’, Krimikomödie und Zeitreise ins 20. Jahrhundert ist einzigartig und von Jonasson perfekt inszeniert.“ Und mir fiel im Zusammenhang mit diesem Buch auch noch der Simplicius Simplicissimus ein.

Natürlich ist fast alles im Roman einfach abwegig und die absolut unpolitische Haltung des dann 100-jährigen Helden äußerst naiv. Aber Jonasson muss ja von Tatsachen ausgehen (die Entwicklung der Atombombe in West wie Ost), um seinen Helden ins Weltgeschehen eines ganzen Jahrhundert einflechten zu können, was ihm auf aberwitzige Art auch gelingt.

Das Buch ist Mainstream im durchaus guten Sinne. Hohe literarische Ansprüche wird es zwar nicht befriedigen, aber für Zwischendurch ist es wirklich genau richtig. Es ist beste Unterhaltung, bei der man aus dem Schmunzeln nicht herauskommt.

Ortschaften in Schweden (am Anfang) des Geschehens:


Größere Kartenansicht
Flen (A) – Malmköping (B) – Byringe (Bahnhof) (C) – Åkers Styckebruk (D)

Hier eine Übersicht der wichtigsten Personen des Romans:

Allan Emmanuel Karlsson, 100 Jahre alt – aus dem Altersheim von Malmköping, früher wohnhaft in Flen
Julius Jonsson, der Gelegenheitsdieb (Byringe Bahnhof)
Benny Ljungberg, der ewige Student, ehemaliger Imbissbudenbetreiber von Åkers Styckebruk
Bosse Ljungberg, sein religiös gewordener Bruder und Lebensmittelgroßhändler
Gunilla Björklund aus Sjötorp, die „schöne Frau“, Bennys Verlobte
deren Haustiere Sonja, der Elefant, und der Schäferhund Buster

Per-Gunnar „Chef“ bzw. „Piranha“ Gerdin, ehemaliger Gangsterboss, Präsident von „Never Again“
Bengt „Bolzen“ Bylund, sein Komplize
Henrik „Humpen“ Hultén, sein Komplize
Caracas

Kriminalkommissar Göran Aronsberg aus Eskilstuna
Staatsanwalt Conny Ranelid

Julij Borissowitsch Popow
Larissa Popowa, seine Frau
Der geheime Herr Ryan Hutton, Geheimdienstmitarbeiter (CIA)

Herbert Einstein, Halbbruder von Albert Einstein
Amanda Einstein, seine Frau, eigentlich Ni Wayan Laksmi
Allan, der älteste Sohn der beiden
Mao, der jüngere Sohn

Daneben treten auf u.a. General Franco, Harry Truman, Winston Churchill, Stalin, Kim Il-sung und sein Sohn Kim Jong-il, Mao Zedong, Charles de Gaulle und Lyndon B. Johnson

Jonas Jonassons neues Buch Die Analphabetin, die rechnen konnte erscheint am 15. November im Buchhandel.

Martin Walser: Die Inszenierung

    … wenn wir endlich … die nicht gelingen könnende Liebe feiern …
    (Martin Walser: Die Inszenierung S. 128)

Augustus Baum, ein berühmter Theaterregisseur, liegt nach einem leichten Schlaganfall im Krankenhaus. Herausgerissen aus der Inszenierung der Möwe von Anton Tschechow, inszeniert er weiter, vom Krankenzimmer aus. Nicht nur das Stück, sondern auch sich selbst. Die Nachtschwester Ute-Marie, seine Frau Dr. Gerda und er sind die Personen, die er so handeln lässt, dass ein Roman draus wird.

Es ist ein Roman, der ohne Erzähler auskommt. Die Figuren handeln durch Rede und Gegenrede, mit einander und gegen einander redend handeln sie: Sie stehen auf dem Spiel, darum müssen sie sprechen. Obwohl es in der «Inszenierung» um nichts als Liebe geht, ist, was darin verhandelt wird, etwas Unerhörtes, eine Sensation: Dr. Gerda, die Ehefrau, und Ute-Marie, die Nachtschwester, sind bei aller Lebensverschiedenheit gleich gut, gleich bedeutend, gleich zurechnungsfähig und auch gleich schön. Das gibt dem Uralt-Thema eine überraschende Aktualität.

Nicht erst seit seinem flammenden Roman «Ein liebender Mann» kreist Martin Walser um Themen wie Leidenschaft, Abhängigkeit und Wahn. «Die Inszenierung» ist ein zwischen Ironie und Tragik oszillierendes Kammerspiel über das Kunstwerk der Verheimlichung, die Ehe, und das seriöseste und zugleich lächerlichste Leiden überhaupt: die Liebe.
(aus dem Klappentext)

Martin Walser hat für seinen neuen Roman Die Inszenierung (Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1. Auflage August 2013) den Dialog, die direkte Rede gewählt. Ohne Anführungsstriche unten und oben. Die wenigen kurzen Zwischentexte lassen sich wie Regieanweisungen lesen. Eigentlich ist der Roman also ein Bühnenstück. So ist Shakespeares „All the world’s a stage“, übrigens der vorletzte Satz im Roman, schlechthin Programm. Okay, da sind noch zwei längere Briefe des alten Freundes Hans Georg, der in die USA geflüchtet ist und dort als Platon-Kenner eine Dozentenstelle angenommen hat – und die zwei kurzen Antworten von Augustus Baum, dem Helden des Romans. Hier könnte man sich auf der Bühne Stimmen aus dem Off vorstellen. Diese Briefe des Freundes sind Schlüssel zur Form, denn es geht auch um Platon, dem Philosophen der direkten Rede. Platon, das ist Philosophie auf der Bühne, Denken im Dialog, so eng hängen Philosophie und Theater zusammen.

    Martin Walser: Die Inszenierung

„… das Theater …, dass es öffentlich mache, was ganz im Inneren stattfindet.“ (S. 7) heißt es im Roman – oder: „Mach nur ein Theater daraus. …“ (S. 39).

Augustus Baum war mitten in der Inszenierung zu Tschechows „Die Möwe“. So verwundert es keinen, wenn sich das, was sich nun im Krankenhaus, in dem sich Augustus Baum nach seinem leichten Schlaganfall zur Genesung aufhält, abspielt, Parallelen zu Tschechows Stück aufweist. Vom Bett aus gibt er seiner Regieassistentin Lydia Anweisungen, wie im Stück zu verfahren ist. Aber längst ist er dabei, seinen Aufenthalt in der Klinik ‚in Szene zu setzen’.

So spielt Augustus Baum, der Regisseur, die Rolle des Regisseurs und ist gleichzeitig auch Hauptdarsteller seines ‚eigenen’ Stücks. Daneben treten auf: Ute-Marie, die Nachtschwester, 29 Jahre alt und Baum durch seine geistreiche Eloquenz in Liebe verfallen, so wie er auch ihr. Baums Ehefrau Dr. Gerda, Psychologin von Beruf und seit 29 Jahren mit ihm verheiratet. Die bringt ihm jeden Morgen sein Frühstück ins Krankenhaus, weil es ohne das nicht geht. (Sie kennt ihren Augustus, dessen Lieblingszahl die Drei ist. Sein Traum: Augustus, Ute-Marie UND Gerda. Offen, ohne Betrug. Die Trinität der Liebe. Aber Gerdas neues Buch heißt „Abhängigkeit, Wahn, Wirklichkeit“, ein Kapitel: Schweigen und Verschweigen, ein anderes: Verheimlichung und Geheimhaltung) Außerdem: Lydia, Baums Assistentin und ehemalige Geliebte, und, ganz zum Schluss, Ute-Maries Verlobter, Andreas, genannt Vinze. Hier die Personen im Überblick, soweit sie selbst auftreten oder Erwähnung finden:

Augustus Baum, Theaterregisseur
Dr. Gerda Baum, geborene Schlatt
Daniel, Sohn der beiden

Ute-Marie Wiese, Krankenschwester
Andreas Vinzenz Breitenmüller, genannt Vinze, Ute-Maries Verlobter
Pfleger Robert
Professor Overath, Chefarzt

Lydia, Regieassistentin und Baums ehemalige Geliebte
Max Stallhofer, Schauspieler
Corinna, Schauspielerin

Hans Georg, Freund Baums und mittlerweile Dozent in den Vereinigten Staaten
Ursula, seine Ex-Ehefrau
Bertie, sein Ex-Liebhaber

Ähnlich wie im Stück von Tschechow geht es auch hier um die Liebe als unheilbaren Zustand. Bühnenreif wird geseufzt, es entspinnt sich ein Gesäusel und Geraune bis hin zu Baums „Immunschwäche der Seele“. Ich nenne das gern auch Liebesgesülze:

„Ich bin nicht mehr der, der ich vor dir war. Ich bin nur noch der, der ich durch dich bin. Und sein werde.“ – „Du hast mich reich gemacht. Ich bin jetzt ein Fluss, der über die Ufer tritt und Wüsten zum Blühen bringt.“ – „Vor dir war nichts. Nach dir wird nichts sein. Du bis alles, was sein kann.“ (alles auf S. 39)

Das mag peinlich klingen für den Zuhörer (oder Leser). Frau Dr. Gerda Baum, die Psychologin, sieht es eher ‚sach-, gar fachbezogen’. Fachgerecht verkürzt sie dabei den Geschlechtsverkehr auf ein Kürzel:

„Wahrscheinlich gilt Liebe als die alles erklärende und entschuldigende Ursache. Bekannt genug ist, dass GV ohne Liebe stattfinden kann. Statistisch gesehen wahrscheinlich viel häufiger ohne als mit oder durch Liebe stattfindet. Aber ebenso sicher: Liebe kann durch GV entstehen. Und noch sicherer: Was zum GV führt, ist in der Regel nicht Liebe. Liebe kann eine Folge des GV sein. Kann! Was zum GV führt, ist bekannt. Warum aber dann Liebe? Man muss jemanden, mit dem man Tennis spielt, nicht lieben. Und kann doch leidenschaftlich gern mit ihm Tennis spielen. Die Sprache, die der GV produziert, ist nicht die Sprache der Liebe. Sondern? Sondern, sagen wir einmal, die des Konsums. Also der Leistung. …“ (S. 50)

Usw. – Der Monolog endet wie folgt und wendet sich an Augustus Baum direkt:

„Auch du bis persönlich an nichts so wenig beteiligt wie am GV. Du bist beim GV nichts als der Funktionär des Geschlechts. Ich kenne die Hilfskonstruktionen, mit denen man vor sich selbst verbergen will, dass die uns am meisten beschäftigende Handlung auch die unpersönlichste ist. Das Un-Ganzsein der Individualität. Das Charisma der Agape. Oder wie Plato erzählt: Zuerst ein Doppelgesicht, dann entzweigeschnitten, dann sehnen sich die Teile zu einander, sind voller Begierde, wieder zusammenzuwachsen. Tausend solche Märchen, […] um die GV-Realität zu verklären. Die Nivellierung bis zur Unterschiedslosigkeit, die außerhalb des GVs durch alles Erdenkliche verborgen, verheimlicht, verleugnet wird. Der GV ist also ein Geschehen, dem wir unter keinen Umständen als eben unter denen des GVs entsprechen wollen und können. Die Natur will das so, die will das immer noch so. Die ganze Kultur nichts als ein Überbau, um zu verbergen, was uns das Wichtigste ist. Nämlich: keine Persönlichkeit XY zu sein, sondern ein GV-Partner, der es bringt, eine GV-Partnerin, die es bringt.“ (S. 52.)

Aber genug der wissenschaftlichen Betrachtung. Am Ende laufen Augustus Baum nicht nur die Schauspieler für die Tschechow-Inszenierung davon, sondern auch die in dem Stück, in dem Baum die Hauptrolle spielt. Schlimmer noch, die Frauen als die Vernünftigen übernehmen die Regie. In einem Monolog klagt er gegen Ute-Marie und seine Frau Gerda vor dem „Gerichtshof der Liebe. Erster und einziger Anklagepunkt: Herrschsucht.“ (S. 167)

„Die Inszenierung“ [hat] kein Happy End. Alle Paare sind verloren, die Ehen kaputt. So lässt Walser auch noch die Beziehung von Ute und Vinze scheitern. Alle sind einsam. Die Verschwörung der Vernünftigen macht keinen glücklich. Darum bleibt Augustus das letzte Wort: Badenweiler. Da, wo Tschechow gestorben ist.

Für einen Walser-Einsteiger würde ich diese kleine Büchlein nicht gerade empfehlen. Es wird viel gesprochen und nur sehr wenig gehandelt (und Tschechows Stück sollte man möglichst auch kennen). Ja, es ist eigentlich ein Bühnenstück, nur in einem Roman verpackt. Für Einsteiger eignen sich andere Walser-Romane besser. Was mich erstaunt ist, dass Walser selbst im hohen Alter immer noch etwas Neues zum alten Thema der Liebe einfällt. Sogar der Form nach. Sicherlich ist dieser Roman wie überhaupt seine letzten etwas abgehoben und dürfte in gewissen Kreisen eher Spott als Anerkennung erzeugen. Aber ich liebe diesen alten Mann vom Bodensee. Und ich freue mich, immer noch, wenn auch nur weniges Ungelesene von ihm im Bücherregal stehen zu haben.

Zum Roman siehe auch folgende aufschlussreichen und ergänzenden Rezensionen:

zeit.de: Die Immunschwäche der Seele – Das Krankenzimmer als Weltbühne: Martin Walsers Roman „Die Inszenierung“ tanzt in Dialogen um die Liebe als unheilbaren Zustand.

faz.net: Niemals schien der Graben zwischen Männern und Frauen tiefer

Siehe und höre auch: ndr.de: Martin Walser liest aus „Die Inszenierung“.

Klaus Höppner, ein Orient-Romantiker

In jungen Jahren habe ich wie viele andere Jungen Karl May gelesen. Und wie schon geschrieben, interessierten mich die Orient-Abenteuer mehr als die Abenteuer von Winnetou und Co. im Wilden Westen.

Wüsten, besonders Sandwüsten, üben eine ungewöhnliche Faszination aus. Wer zur Abendstunde, wenn die Sonne untergeht, über eine Sanddüne wandert, erlebt einen Wechsel der Farben, wie man diesen sonst nirgendwo erlebt. Strahlt der rote Sand zunächst noch im knalligstem Rot, so wechselt dieser urplötzlich in einen grau-roten Farbton, so als stürbe die Wüste. So schrieb ich einmal, um zu begründen, warum ich die Wüste zu meinen Lieblingsplätzen zähle.

In der Wochenendausgabe unseres Wochenblattes Nordheide erschien nun ein Bericht über Klaus Höppner, der „auf seinen ausgedehnten Reisen nach Afrika und Asien … insgesamt 7.000 Kilometer … während verschiedener Reisen in den Jahren 1976 bis 1987 meist auf dem Kamelrücken zurückgelegt [hat]. Er durchquerte die Thar-Wüste in Indien und die Nubische Wüste in Ägypten, begleitete die Salzkarawanen der Tuareg im Niger, trieb Kamele vom Sudan nach Ägypten und fuhr in Mali mit einer Piroge auf dem Niger bis Timbuktu.“

Schon als Kind habe ihn diese fremde Welt fasziniert. Das kann ich also sehr gut nachempfinden. Und es ist bereits viele Jahr her, meine Söhne waren noch klein, da zeigte uns Klaus an einem längeren Nachmittag einen kleinen Teil seiner Bilder (Dias) von seinen Reisen. Er hat dabei ein seltenes Talent die endlos vielen Geschichten und Anekdoten auf spannende und plastische Weise zu erzählen.

Von einer dieser Reisen mit einer Kamelkarawane durch den Sudan hat er auch vor langer Zeit ein Buch veröffentlicht: Cowboys der Wüste. Im Klappentext dazu heißt es: Wie die Cowboys im Wilden Westen treiben die Kameltreiber ihre Kamelkarawane quer durch den Sudan nach Ägypten. Klaus Höppner war einer von ihnen.Während des 1000 km langen Rittes lernte er Hitze und Kälte, Hunger und Krankheit kennen und überlebte nur, weil er sich den Bedingungen der Karawane total unterwarf. Sein fesselnder Bericht vermittelt einen lebendigen Eindruck von Land und Leuten und beweist, daß Reisen auch heute noch ein Abenteuer sein kann.

    Klaus Höppner: Cowboys der Wüste

So ganz glücklich ist Klaus Höppner nicht mit dem Bericht in der Zeitung. Zum einen sind es nicht Hunderte von Dias, die er auf seinen Reisen zwischen 1976 bis 1987 gemacht hat, sondern über 15 Tausend. Zum anderen hatte er neben dem im Bericht Erwähnten von zwei Reisen erzählt, die ihn besonders beeindruckt hatten. Davon leider kein Wort.

7.000 Kilometer durch die Wüste: Unterwegs mit der Salzkarawane im Niger © Klaus Höppner
Unterwegs mit der Salzkarawane im Niger © Klaus Höppner

Klaus Höppner ist nun dabei, diese vielen Dias zu sichten und zu Fotobüchern zu seinem ‚eigenen Vergnügen’ zusammenzustellen. Geplant sind 24 Bücher; sieben davon, beginnend mit den besonders außergewöhnlichsten Reisen, sind bereits fertig. Es ist eine mühevolle Arbeit. Viele Dias müssen vom Staub gefreit und dann am Computer nach dem Scannen aufarbeitet werden. Leider haben die Dias im Laufe der Jahre auch farblich gelitten und sind blaustichig geworden. Während der Reisen hat er natürlich Tagebuch geschrieben. Abends am Lagerfeuer schrieb er, das Büchlein auf den Knien gelehnt, seine Erlebnisse des Tages nieder, manchmal nur Stichworte, denn viel Zeit blieb ihm nicht zum Schreiben. Nach den vielen Jahren ist es heute ein besonderes Problem, das damals Niedergeschriebene wieder zu entziffern.

Klaus Höppner ist ein eher stiller Typ. Aber wenn er auf seine Reisen zu sprechen kommt, dann blüht er auf und erzählt mit einer Lebendigkeit, als wäre das Geschehene erst vor kurzer Zeit passiert. Es muss ein kaum zu beschreibendes Gefühl sein, wenn in einem die für einen Europäer ungewöhnlichen Erlebnisse wieder wach werden. Wer einmal die Wüste ‚erlebt’ hat, den lässt sie das weitere Leben nicht mehr los.

Heute Ruhetag (41): Oscar Wilde – Das Bildnis des Dorian Gray

Das Bildnis des Dorian Gray (Originaltitel: The Picture of Dorian Gray) ist der einzige Roman des irischen Schriftstellers Oscar Wilde, vollständiger Name: Oscar Fingal O‘ Flahertie Wills Wilde (* 16. Oktober 1854 in Dublin; † 30. November 1900 in Paris).

Die Hauptfigur, der reiche und schöne Dorian Gray, besitzt ein Porträt, das statt seiner altert und in das sich die Spuren seiner Sünden einschreiben. Während Gray immer maßloser und grausamer wird, bleibt sein Äußeres dennoch jung und makellos schön.

Der Roman gilt als Oscar Wildes Prosahauptwerk. Themen sind die Moralität von Sinnlichkeit und Hedonismus im Viktorianismus, die Dekadenz der englischen Oberschicht und der Ästhetizismus – eine literarische Strömung des Fin de siècle. Die Handlung sowie die eingearbeiteten Kunstbemerkungen lassen sich als Proklamation des Ästhetizismus lesen, doch ebenso als dessen Kritik.

Heute Ruhetag = Lesetag!

Starker Rosenduft durchströmte das Atelier, und als ein leichter Sommerwind die Bäume im Garten hin und her wiegte, kam durch die offene Tür der schwere Geruch des Flieders oder der feinere Duft des Rotdorns.

Von dem Perserdiwan, auf dem er lag und nach seiner Gewohnheit unzählige Zigaretten rauchte, konnte Lord Henry Wotton gerade die süßduftenden und honigfarbenen Blüten eines Goldregenstrauchs gewahren, dessen zitternde Zweige die Last einer so flammenden Schönheit kaum tragen zu können schienen; und hie und da flitzten die phantastischen Schatten vorbeifliegender Vögel über die langen bastseidenen Vorhänge des großen Fensters und brachten eine Art japanische Augenblickswirkung hervor, so daß ihm die blassen, nephritfarbenen Maler Tokios einfielen, die vermittelst einer Kunst, die nicht anders als unbeweglich sein kann, den Eindruck der Raschheit und Bewegung hervorzurufen suchen. Das summende Murren der Bienen, die in dem langen ungemähten Gras hin und her taumelten oder mit eintöniger Hartnäckigkeit die staubiggoldenen Blütentrichter des wuchernden Geißblatts umkreisten, schienen die Stille noch drückender zu machen. Das dumpfe Getöse Londons klang wie das Schnarrwerk einer entfernten Orgel.

In der Mitte des Gemaches stand auf einer hoch aufgerichteten Staffelei das lebensgroße Porträt eines ungewöhnlich schönen jungen Mannes, und ihm gegenüber, etwas entfernt davon, saß der Künstler, der es gemalt hatte, Basil Hallward, dessen plötzliches Verschwinden vor einigen Jahren das Publikum erregt und so viele seltsame Vermutungen erweckt hat.

Als der Maler auf die anmutige Gestalt blickte, die er so schön in seiner Kunst gespiegelt hatte, überflog ein Lächeln der Freude seine Züge und schien auf ihnen verweilen zu wollen. Aber er fuhr plötzlich auf, schloß die Augen und drückte die Lider mit den Fingern zu, wie wenn er einen absonderlichen Traum, dessen Erwachen er fürchtete, im Hirne gefangen halten wollte.

»Es ist deine beste Arbeit, Basil, das Beste, was du je gemacht hast,« sagte Lord Henry mit müder Stimme. »Du mußt es bestimmt nächstes Jahr ins Grosvenor schicken. Die Akademie-Ausstellung ist zu groß und zu gewöhnlich. Jedesmal, wenn ich hinging, waren entweder so viele Menschen da, daß ich die Bilder nicht sehen konnte, und das war schrecklich, oder so viele Bilder, daß ich die Menschen nicht sehen konnte, und das war noch schlimmer. Das Grosvenor ist wirklich der einzige Ort, der in Frage kommt.«

»Ich denke nicht daran, es überhaupt auszustellen,« antwortete der Maler und warf den Kopf in der besonderen Art zurück, über die seine Freunde in Oxford so oft gelacht hatten. »Nein, ich stelle es nirgends aus.«

[…]

The studio was filled with the rich odour of roses, and when the light summer wind stirred amidst the trees of the garden, there came through the open door the heavy scent of the lilac, or the more delicate perfume of the pink-flowering thorn.

From the corner of the divan of Persian saddlebags on which he was lying, smoking, as was his custom, innumerable cigarettes, Lord Henry Wotton could just catch the gleam of the honey-sweet and honey-coloured blossoms of a laburnum, whose tremulous branches seemed hardly able to bear the burden of a beauty so flame-like as theirs; and now and then the fantastic shadows of birds in flight flitted across the long tussore-silk curtains that were stretched in front of the huge window, producing a kind of momentary Japanese effect, and making him think of those pallid jade-faced painters of Tokio who, through the medium of an art that is necessarily immobile, seek to convey the sense of swiftness and motion. The sullen murmur of the bees shouldering their way through the long unmown grass, or circling with monotonous insistence round the dusty gilt horns of the straggling woodbine, seemed to make the stillness more oppressive. The dim roar of London was like the bourdon note of a distant organ.

In the centre of the room, clamped to an upright easel, stood the full-length portrait of a young man of extraordinary personal beauty, and in front of it, some little distance away, was sitting the artist himself, Basil Hallward, whose sudden disappearance some years ago caused, at the time, such public excitement, and gave rise to so many strange conjectures.

As the painter looked at the gracious and comely form he had so skilfully mirrored in his art, a smile of pleasure passed across his face, and seemed about to linger there. But he suddenly started up, and, closing his eyes, placed his fingers upon the lids, as though he sought to imprison within his brain some curious dream from which he feared he might awake.

„It is your best work, Basil, the best thing you have ever done,“ said Lord Henry, languidly. „You must certainly send it next year to the Grosvenor. The Academy is too large and too vulgar. Whenever I have gone there, there have been either so many people that I have not been able to see the pictures, which was dreadful, or so many pictures that I have not been able to see the people, which was worse. The Grosvenor is really the only place.“

„I don’t think I shall send it anywhere,“ he answered, tossing his head back in that odd way that used to make his friends laugh at him at Oxford. „No: I won’t send it anywhere.“

[…]

Oscar Wilde

Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray (Originalversion: The Picture of Dorian Gray)

Umberto Eco: Der Name der Rose

    Der Antichrist entspringt […] aus der Frömmigkeit selbst, aus der fanatischen Liebe zu Gott oder zur Wahrheit, so wie der Häretiker aus dem Heiligen und der Besessene aus dem Seher entspringen. Fürchte die Wahrheitspropheten […] und fürchte vor allem jene, die bereit sind, für die Wahrheit zu sterben: gewöhnlich lassen sie viele andere mit sich sterben, oft bereits vor sich, manchmal für sich.
    (Umberto Eco: Der Name der Rose, S. 624)

Am letzten Wochenende hatte ich zum (erneuten) Lesen eingeladen, zu Umberto Ecos Roman Der Name der Rose. Und zuvor hatte ich versucht den Appetit dadurch anzuregen, in dem ich ‚erste Details’ (Die Bibliothek als Labyrinth) aus diesem Roman, der bekanntlich im Spätmittelalter spielt, offen zu legen.

Nun, Der Rose der Rose erschien 1980 im italienischen Original als „Il nome della rosa“ und 1982 in der kongenialen deutschen Übersetzung von Burkhart Kroeber.

Das mehrschichtige Werk, Epochenporträt, philosophisches Essay und der äußeren Form nach ein breit angelegter historischer Kriminalroman, der anno 1327 in einer italienischen Benediktinerabtei spielt, entwirft in der Substanz ein lebendiges Bild des späten Mittelalters mit seinen politischen, sozialen und religiösen Konflikten. Es ist zudem durchsetzt mit zahlreichen Anspielungen auf die Gegenwart, besonders auf das Italien der 1970er Jahre. Mit seiner „Nachschrift zum Namen der Rose“ versuchte Eco, auch den in Mediävistik, Semiotik oder postmoderner Kultur weniger bewanderten Lesern einen Zugang zu den tieferen Schichten des Buches zu eröffnen.

Anno Domini 1327, letzte Novemberwoche, in einer reichen Cluniazenserabtei an den Hängen des Apennin („zwischen Lerici und La Turbie“): Bruder William von Baskerville, gelehrter Franziskaner aus England, kommt als Sonderbotschafter des Kaisers (Ludwig IV. der Bayer) in delikater Mission: Er soll ein hochpolitisches Treffen zwischen der Ketzerei verdächtigen Minoriten (Armutsstreit) und Abgesandten des Papstes (Papst Johannes XII.) organisieren. Doch bald erweist sich sein Aufenthalt in der Abtei als apokalyptische Schreckenszeit: In den sieben Tagen und Nächten werden William und sein Gehilfe Adson Zeugen der wundersamsten und für eine Abtei höchst befremdlichen Begebenheiten: Ein Mönch ist im Schweineblut-Bottich ertrunken, ein anderer aus dem Fenster gesprungen, weil er die Liebe eines Mitbruders nicht ertrug, ein dritter liegt tot im Badehaus. Gerüchte schwirren durch die Abtei, und nicht nur der Abt hat etwas zu verbergen. Überall sind fromme Spurenverwischer und Vertuscher am Werk. William, der Exinquisitor, wird vom Untersuchungsfieber gepackt: Weit mehr als der Streit zwischen Kaiser und Papst interessiert ihn die Entlarvung des Mörders. Er sammelt Indizien, entziffert geheime Schriften, Zeichen und verschlüsselte Manuskripte, erforscht ein gespenstisches Labyrinth, dringt immer tiefer ein in die Geheimnisse der Abtei, doch als er den Mörder schließlich findet, ist es zu spät. Da die Welt keine Ordnung hat, kann die Klärung des Falles nur eine scheinbare (literarische) Ordnung vorspiegeln, jedenfalls nicht verhindern, daß trotz der Aufklärung (oder als ihre Folge?) am siebten Tage, wie geweissagt, der Antichrist kommt mit Feuer und Rauch, und »dank allzuviel Tugend siegen die Kräfte der Hölle«. Wer ein Auge blinzelnd zukneift und in das Buch schaut wie in einen fernen Spiegel, wird die Mönchskutten und Kardinalshüte aus Williams Tagen leicht mit den Parteiabzeichen und Obristenuniformen neueren Datums verwechseln.

Die Cluniazenser-Abtei
Die Cluniazenser-Abtei

Von der Kirche zum Aedificium führt ein Geheimgang. Das Aedificium ist das Hauptgebäude. Es beinhaltet eine Küche, einen Schreibsaal und die Bibliothek. Es wird an allen Ecken mit einem Turm abgeschlossen. Die Schlafsäle der Mönche befinden sich gleich neben der Kirche. Wichtig sind auch noch der Schweinestall, das Hospital, und das Badehaus. Zu der Bibliothek ist zu sagen, daß sie wie ein Labyrinth aufgebaut ist. Ein Raum, das Finis Africae ist nur durch einen Geheimgang zu erreichen.

Nicht umsonst ist dem Roman ein Personenverzeichnis beigelegt. Ich habe es leicht ergänzt. Damit behält man die Personen gut im Überblick. Die Reihenfolge der ‚Todesfälle’ habe ich auch eingetragen (die in Klammern ab Nr. 7 sterben ‚erst’ nach der ‚Auflösung’):

„Dramatis Personae“  
William von Baskerville Franziskaner-Mönch
Adson von Melk Benediktiner-Novize, Williams Gehilfe
   
Remigius von Varagine Kellermeister (Cellerar)/Wirtschaftsverwalter
Abbo von Fossanova Abt, einst Leichenträger † 6
Salvatore armer Teufel, Sprachgenie (gemischte Redensweise)
Ubertin von Casale Cluniazenser, Mystiker, Freund Williams
Michael von Cesena franziskanischer Ordensgeneral, kaiserliche Legation
Severin von St. Emmeram Botanikus (Kräuter- und Giftforscher) † 4
Malachias von Hildesheim Bibliothekar † 5
Berengar von Arundel Gehilfe des Bibliothekars, Verführer † 3
Venantius von Salvemec Übersetzer aus dem Griechischen/Arabischen, Aristoteles-Experte † 2
Jorge von Burgos blinder Greis, Prophet († 7)
Benno von Uppsala Rhetorik/Grammatik, Büchernarr, später Gehilfe des Bibliothekars († 8 )
Aymarus von Alessandria Kopist, Intrigant
Nicolas von Morimond Glaser, später Cellarar brav
Bernard Gui Ketzer- und Hexenjäger, franz. Inquisitor, Befehlshaber der päpstliche Legation (Bernhardus Guidouis)
Adelmus von Otranto Monstermaler † 1
Alinardus von Grottaferrata Greis, der älteste Mönch († 9)
Pacificus von Tivoli Kenner der heidnischen Dichter, Intrigant
Pietro von Sant’Albano Petrus) Geschichte des Ketzertums, Intrigant
   
sonstige (vergl. S. 99):  
Patrick von Clonmacnois  
Rhabanvon Toledo  
Magnus von lona  
Waldo von Herford  
   
und weitere fleißige Mönche, Mindere Brüder, päpstliche Legaten, französische Bogenschützen, tote und lebendige Ketzer, einfache Leute, Volk – Fra Dolcino – toter, noch sehr lebendiger Ketzerführer – und das Mädchen – namenlos, vielleicht die Rose
   
Päpstliche Legation:  
Bertrand del Poggetto Kardinal
Lorenz Decoalcon Bischof von Padua
Meister Jean d’Anneaux  
Jean de Baune Bischof von Arborea, Dominikaner
   
Kaiserliche Legation:  
William Alnwick  
Arnold von Aquitanien  
Hugo von Novocastrum (Newcastle)
Hieronymus Bischof von Kaffa
Berengar Talloni  
Bonagratia von Bergamo  

Apropos Krimi: In der Nachschrift zum >Namen der Rose< (dtv 10552 - Deutscher Taschenbuch Verlag, April 1986) schreibt Eco unter der Überschrift: Die Metaphysik des Kriminalromans (S. 63 f.) u.a.: Nicht zufällig fängt das Buch an, als ob es ein Krimi wäre (und täuscht den naiven Leser auch weiterhin, bis zum Schluß, weshalb er womöglich gar nicht merkt, daß es sich hier um einen Krimi handelt, in dem recht wenig aufgeklärt wird und der Detektiv am Ende scheitert). Ich glaube, daß Krimis den Leuten nicht darum gefallen, weil es in ihnen Mord und Totschlag gibt; auch nicht darum, weil sie den Triumph der (intellektuellen, sozialen, rechtlichen und moralischen) Ordnung über die Unordnung feiern. Sondern weil der Kriminalroman eine Konjektur-Geschichte [Vermutung] im Reinzustand darstellt. Eine Geschichte, in der es um das Vermuten geht, um das Abenteuer der Mutmaßung, um das Wagnis der Aufstellung von Hypothesen angesichts eines scheinbar unerklärlichen Tatbestandes, eines dunklen Sachverhalts oder mysteriösen Befundes – wie in einer ärztlichen Diagnose, einer wissenschaftlichen Forschung oder auch einer metaphysischen Fragestellung. Denn wie der ermittelnde Detektiv gehen auch der Arzt, der Forscher, der Physiker und der Metaphysiker durch Konjekturen vor, das heißt durch Mutmaßungen und Vermutungen über den Grund der Sache, durch mehr oder minder kühne Annahmen, die sie dann schrittweise prüfen.

Letzten Endes ist die Grundlage aller Philosophie (und jeder Psychoanalyse) die gleiche wie die Grundfrage des Kriminalromans: Wer ist der Schuldige? Um es zu wissen (um zu glauben, man wisse es), muß man annehmen, daß alle Tatsachen eine Logik haben, nämlich die Logik, die ihnen der Schuldige auferlegt hat. Jede Ermittlungs- und Konjekturgeschichte, jede Story von Aufklärung und Vermutung erzählt uns etwas, dem wir seit jeher beiwohnen (pseudoheideggerisches Zitat). Damit ist klar, warum sich der Hauptstrang meiner Geschichte (wer ist der Mörder?) in so viele Nebenstränge verzweigt: in lauter Geschichten von anderen Konjekturen, die alle um die Struktur der Vermutung als solcher kreisen [usw.]

Was ist sonst noch zu diesem Roman zu sagen? Es ist diese Mischung aus Kriminalroman, Geschichtsunterricht und philosophisch-theologischem Exkurs, die mir gefallen hat. Und da ich ein ganz spezielles Verhältnis zu Büchern habe (nicht umsonst habe ich Bibliothekswesen studiert), finde ich diesen Gedanken, dass ein einziges Buch so etwas wie eine Kulturrevolution auslösen könnte, höchst bemerkenswert. Und die Verstellung von einem Labyrinth im Zusammenhang mit einer Bibliothek hat auch seinen besonderen Reiz.

Faksimile-Mappe und Graphic Novels zu Franz Kafka

In einem Versandkatalog (nein, nicht Weltbild) habe ich es entdeckt: ein Schuber mit einem Textband, einer Biografie des Tschechen Josef Cermák zu Franz Kafka, und einer Dokumentenmappe mit 30 Faksimiles – neben einem Arbeitszeugnis, Postkarten und anderem findet sich hier auch sein letzter, zweifach abgebrochener Brief, der Kafkas literarisches Leben in symbolischer Weise krönt: Ich habe seit jeher einen gewissen Verdacht gegen mich gehabt: Franz Kafka – Dokumente zu Leben und Werk

Beim Textband handelt es sich um die erste Biografie eines Tschechen über Kafka – Titel des tschechischen Originals: Zápas jménem psaní. O životním údelu Franze Kafky. Brno [Brünn] 2009, deutsche Übersetzung von Rolf Simmen. Der Schuber ist im Parthas Verlag in Berlin erschienen und kostet jetzt nur noch 29,80 € statt früher 68 €.

Mappe mit 30 Faksimile zu Kafka: Leben und Werk

Eine bislang unbekannte Briefpartnerin wird in die Forschung eingeführt und die umfassende Rezeptionsgeschichte des Œuvres – auch und im Besonderen in den ehemaligen Ostblockstaaten – erstmalig präsentiert. Zur Illustration der zahlreichen Verknüpfungen zwischen Leben und Werk werden diesen biografischen Eindrücken nicht wenige aussagekräftige Zitate aus seiner Prosa, seinen Tagebüchern und Korrespondenzen gegenübergestellt. Eine Vielzahl unterschiedlichster Fotografien aus Kafkas Leben, Zeichnungen, Auszüge aus seinen Manuskripten sowie andere seltene Dokumente, wie beispielsweise Cover-Reproduktionen von Erstauflagen seiner Bücher, runden diese bibliophile Kostbarkeit ab.

Mich interessieren natürlich besonders die Faksimile. Es ist dann fast so, als hätte man selbst ein Stück aus Kafkas Leben in den Händen. Um die Vorfreude für mich alten Kafka-Liebhaber zu steigern, werde ich mir den Schuber zu Weihnachten schenken lassen.

Natürlich sind mir die Bücher mit so genannten Graphic Novels zu Kafkas Werk bekannt. Nur leider waren diese lange Zeit nicht mehr erhältlich (außer zu fast unerschwinglichen Preisen aus zweiter Hand). Jetzt endlich, so als wäre eine Kafka-Renaissance ausgebrochen, gibt es wieder gleich vier solcher Werke.

Leute in meinem Alter (vielleicht auch schon jüngere) kennen bestimmt Fritz the Cat und seinen Schöpfer Robert Crumb. Die Verfilmung dieses Comicstrips war übrigens der erste Trickfilm, der in den USA erst ab 18 zugelassen war. Man wird sich denken können, warum …

Nun Crumb nahm sich zusammen mit dem Schriftsteller David Zane Mairowitz Kafka an und veröffentlichte eine Art Biografie – mit vielen Zeichnungen. Was dabei herauskommt, ist ein aberwitziges Buch: Kafka, an dem Kafka vielleicht auch seinen Spaß gehabt hätte.

    David Zane Mairowitz – Robert Crumb: Kafka

Crumb hat als Meister seines Fachs ein außerordentlich präzises Auge für Stimmungen, gerade in den Illustrationen zu Kafkas Werken gelingt es ihm vortrefflich, den Schrecken in Kafkas Worten in Bilder umzusetzen. Mairowitz und Crumb bieten neben den biographischen Eckdaten und einigen beeindruckenden Innenansichten Kafkas, gespeist aus Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, auch einen Querschnitt seines Gesamtwerkes und beleuchten die bekanntesten Erzählungen. (Quelle: literaturen.wordpress.com)

... eine Zeile gegen mich ... wie man die Fernrohre … richtet!
… eine Zeile gegen mich … wie man die Fernrohre … richtet!

Ebenfalls David Zane Mairowitz war es, der sich speziell Kafkas Roman Der Prozess annahm und daraus mit der französischen Comiczeichnerin Chantal Montellier eine Graphic Novel zauberte: Der Process: nach Franz Kafka

    David Zane Mairowitz - Chantal Montellier: Der Process – nach Franz Kafka

Montelliers und Mairowitz’ Adaption von Kafkas Werk ist gelungen, wenn sie stilistisch bisweilen auch etwas gewöhnungsbedürftig daherkommt. Das Tempo ist rasant und nach Beendigung der Lektüre fühlt man sich wie nach einer hektischen Irrfahrt, einer kurzen wahnhaften Episode, die so schnell endet wie sie begonnen hat. Für treue Anhänger und Kafkainteressierte ist es zweifellos einen Blick wert und immer wieder in positiver Weise überraschend, wenn Kafkas sprachlicher Stil seine zeichnerische Entsprechung findet. (Quelle: literaturen.wordpress.com)

Es gibt noch zwei weitere Comics zu Erzählungen von Kafka. Zum einen fanden sich der in Marseilles geborene Comiczeichner Éric Corbeyran (Szenario) und der in London lebende Richard Horne (Zeichnungen), Illustrator und Designer für Platten- und Buchcover sowie für Websites, zusammen, um für Die Verwandlung eine eigenständige zeichnerische Form zu finden: Die Verwandlung von Franz Kafka als Graphic Novel

    Eric Corbeyran - Richard Horne: Die Verwandlung – von Franz Kafka

Zum anderen haben Sylvain Ricard und Maël Kafkas In der Strafkolonie zu einem Comic verarbeitet.

    Sylvain Ricard – Mael: In der Strafkolonie – nach Franz Kafka

Da Weihnachten gar nicht mehr lange hin ist, werden Kafka- und/oder Comic-Fans hier sicherlich Geschenkideen ‚für sich selbst’ finden. Und vielleicht wird auf diesem Wege der eine oder andere Kafka-Fan zum Comic-Fan – und umgekehrt.

Heute Ruhetag (40): Umberto Eco – Der Name der Rose

    Rosa que al prado, encarnada,
    te ostentas presuntüosa
    De grana y carmín bañada:
    campa lozana y gustosa;
    pero no, que siendo hermosa
    también serás desdichada.
    Sor Juana inés de la Cruz
    Rose, die rot auf dem Anger
    Stolz du dich spreizest
    Gebadet in Purpur und Karmesin:
    Prunke üppig und duftend.
    Doch nein, denn schön seiend
    Wirst du bald unglücklich sein.

Umberto Eco ist gewissermaßen der Steven Spielberg der Literatur. Spielberg verwirklicht seine Kindheitsträume, in dem er Filme dreht, in denen er Abenteuer (z.B. mit Indiana Jones) darstellt, wie sie Kinder gern erleben würden. Eco hegt Interesse für die Mediävistik, der Wissenschaft von europäischen Mittelalter. Und so schreibt er als Kenner Romane, die das Mittelalter wachrufen.

In der Nachschrift zum >Namen der Rose< (dtv 10552 - Deutscher Taschenbuch Verlag, April 1986) schreibt er ganz unverblümt: „… die Gegenwart kenne ich nur aus dem Fernsehen, über das Mittelalter habe ich Kenntnis aus erster Hand.“ (S. 22)

Mit seinem Roman Der Name der Rose wurde Umberto auch bei uns bekannt, ein Roman, der das Mittelalter mit seinen Kämpfen zwischen Kaiser und Papst zum Leben erweckt, der gleichzeitig ein Kriminalroman ist – und uns an den geistigen und geistlichen Auseinandersetzungen einer Zeit vor annähernd 700 Jahren teilhaben lässt.

„Begonnen habe ich im März 1978, getrieben von einer vagen Idee: Ich hatte den Drang, einen Mönch zu vergiften. Ich glaube Romane entstehen aus solchen Ideenkeimen, der Rest ist Fruchtfleisch, das man nach und nach ansetzt.“ (S. 21 der Nachschrift)

Gestern (Die Bibliothek als Labyrinth) bin ich schon einmal ziemlich tief in diesen Roman eingetaucht. Heute nun (bevor ich etwas näher auf den Roman insgesamt eingehen werde) möchte ich erst einmal zum Lesen dieses ungewöhnlichen Romans einladen, der vor rund 20 Jahren die Bestseller-Listen stürmte, ich fürchte, aber nur von den Wenigsten wirklich zu Ende gelesen wurde.

Heute Ruhetag = Lesetag!

Am 16. August 1968 fiel mir ein Buch aus der Feder eines gewissen Abbe Vallet in die Hände: Le manuscript de Dom Adson de Melk, traduit en frangais d’après l’édition de Dom J. Mabillon (Aux Presses de l’Abbaye de la Source, Paris 1842). Das Buch, versehen mit ein paar historischen Angaben, die in Wahrheit recht dürftig waren, präsentierte sich als die getreue Wiedergabe einer Handschrift aus dem 14. Jahrhundert, die der große Gelehrte des 17. Jahrhunderts, dem wir so vieles für die Geschichte des Benediktinerordens verdanken, angeblich seinerseits im Kloster Melk gefunden hatte.

Der kostbare Fund – meiner, also der dritte in zeitlicher Folge – heiterte meine Stimmung auf, während ich in Prag die Ankunft einer mir teuren Person erwartete. Sechs Tage später besetzten sowjetische Truppen die gebeutelte Stadt. Ich konnte glücklich die österreichische Grenze bei Linz erreichen, begab mich von dort aus weiter nach Wien, wo ich mit der langersehnten Person zusammentraf, und gemeinsam machten wir uns, aufwärts dem Lauf der Donau folgend, auf die Rückreise.

[…]

    Umberto Eco als William von Baskerville

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Das selbige war im Anfang bei Gott, und so wäre es Aufgabe eines jeden gläubigen Mönches, täglich das einzige eherne Faktum zu wiederholen, dessen unumstößliche Wahrheit feststeht. Doch videmus nunc per speculum in aenigmate [Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem Rätsel; Paulus: 1. Kor. 13,12], die Wahrheit verbirgt sich im Rätsel, bevor sie sich uns von Angesicht zu Angesicht offenbart, und nur für kurze Augenblicke (oh, wie so schwer zu fassende!) tritt sie hervor im Irrtum der Welt, weshalb wir ihre getreulichen Zeichen entziffern müssen, auch wo sie uns dunkel erscheinen und gleichsam durchwoben von einem gänzlich aufs Böse gerichteten Willen.

Dem Ende meines sündigen Lebens nahe, ergraut wie die Welt und in der Erwartung, mich bald zu verlieren im endlosen formlosen Abgrund der stillen wüsten Gottheit, teilhabend schon am immerwährenden Licht der himmlischen Klarheit, zurückgehalten nur noch von meinem schweren und siechen Körper in dieser Zelle meines geliebten Klosters zu Melk, hebe ich nunmehr an, diesem Pergament die denkwürdigen und entsetzlichen Ereignisse anzuvertrauen, deren Zeuge zu werden mir in meiner Jugend einst widerfuhr. Verbatim [wörtlich] will ich berichten, was ich damals sah und vernahm, ohne mich zu erkühnen, daraus einen höheren Plan abzuleiten, vielmehr gleichsam nur Zeichen von Zeichen weitergebend an jene, die nach mir kommen werden (so ihnen der Antichrist nicht zuvorkommt), auf daß es ihnen gelingen möge, sie zu entziffern.

Der Herr gewähre es mir in seiner Gnade, ein klares Bild der Ereignisse zu entwerfen, die sich zugetragen in jener Abtei, deren Lage, ja selbst deren Namen ich lieber verschweigen möchte aus Gründen der Pietät. Es geschah, als das Jahr des Herrn 1327 sich neigte – dasselbe, in welchem der Kaiser Ludwig gen Italien zog, um die Würde des Heiligen Römischen Reiches wiederherzustellen gemäß den Plänen des Allerhöchsten und zur Verwirrung des ruchlosen, ketzerischen und simonistischen [nach dem Zauberer Simon, Apostelgeschichte 8,9 ff. – Kauf, Verkauf von geistlichen Ämtern] Usurpators, der damals in Avignon Schande über den heiligen Namen des Apostolischen Stuhles brachte (ich spreche von der sündhaften Seele jenes Jakob von Cahors, den die Gottlosen als Papst Johannes XXII. verehrten).

[…]

Umberto Eco: Der Name der Rose (als PDF)