Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Heute Ruhetag (39): Scholem Alejchem – Anatewka

Wer Kafka verstehen will, muss sich auch mit seinem Judentum auseinandersetzen. So wurde Kafka – aber nicht nur er allein – für mich zum Ausgangspunkt, mich mit jüdischer, speziell mit jiddischer Literatur zu beschäftigen. Als Einstieg boten sich da die Erzählungen und Romane von Isaac B. Singer an, der 1978 als erster und bisher einziger jiddischer Schriftsteller für sein Gesamtwerk den Literaturnobelpreis erhielt. Auch in Deutschland wurde besonders sein Roman „Feinde – die Geschichte einer Liebe“ aus dem Jahr 1966 (1974 in Deutschland erschienen) bekannt, der 1989 durch Paul Mazursky verfilmt wurde. 1983 wurde Singers Kurzgeschichte „Yentl, the Yeshiva Boy“ mit Barbra Streisand in der Hauptrolle als Yentl verfilmt; dem Film stand Singer allerdings sehr kritisch gegenüber. Isaac Bashevis Singer beschreibt u.a. das jüdisch-polnische Leben im Schtetl, später das Leben der Juden in den USA. Es ist eine wundersame Welt mit einem ganz eigenen Humor, die sich da dem Leser auftut. Singers Werk steht im Spannungsfeld zwischen Religion und Moderne, Mystizismus und rationaler Einsicht. Später einmal werde ich auf ihn noch ausführlicher zu sprechen kommen.

Siehe hierzu auch meine Beiträge:
Hob Ikh Mir A Mantl – Jiddisch für Anfänger
A Serious Man
Salcia Landmann: Jüdische Witze

Scholem Alejchem (* 1859 in Perejaslaw bei Kiew; † 13. Mai 1916 in New York) war einer der bedeutendsten jiddischsprachigen Schriftsteller und wurde auch der jüdische Mark Twain genannt.

Sein Name dürfte den meisten unbekannt sein. Anatevka bzw. „Der Fiedler auf dem Dach“ (im englischen Original: „Fiddler on the Roof“) werden aber viele kennen. Es ist ein Musical, das 1971 vom Regisseur Norman Jewison verfilmt wurde und auch bei uns in Deutschland bis heute noch sehr beliebt ist. Die Vorlage hierzu war eben der jiddische Roman „Tewje, der Milchmann“ (jiddisch: Tewje der Milchiger) von Scholem Alejchem, der zwischen 1894 und 1916 entstanden ist.

Die Geschichte spielt im Russischen Kaiserreich im ukrainischen Schtetl Anatevka in der vorrevolutionären Zeit um 1905. Im Dorf lebt eine jüdische Gemeinschaft, die großen Wert auf Tradition legt. Der Milchmann Tevje (jiddische Koseform des hebräischen Namens Tuvija) lebt mit seiner Frau Golde und seinen Töchtern in Armut. Trotz drohender Pogrome im zaristischen Russland bewahrt Tevje seinen Lebensmut und seinen Humor.

Es ist dieser ganz besondere jüdische Humor, der es mir angetan hat. Daher empfehle ich für heute einen Lesetag als Ruhetag.

Heute Ruhetag = Lesetag!

Er richtet den Geringen auf aus dem Staube
und erhöhet den Armen aus dem Kot.

Psalm 113,7

Wenn einem der Haupttreffer beschert ist, hört Ihr, Reb Scholem-Alejchem, so kommt er zu einem ganz von selbst ins Haus, wie es in den Psalmen heißt: ›Vorzusingen auf der Githith‹: – wenn man Glück hat, so kommt es von allen Seiten gelaufen; und es gehört gar kein Verstand und keine Tüchtigkeit dazu. Wenn man aber, Gott behüte, kein Glück hat, so kann man reden, bis man zerspringt, und es wird nützen wie der vorjährige Schnee. Wie sagt man doch: ›Es gibt keine Weisheit und keinen Rat gegen ein schlechtes Pferd.‹ Der Mensch arbeitet, der Mensch plagt sich ab, und ist nahe daran, auf alle Feinde Zions sei es gesagt, sich hinzulegen und zu sterben! Und plötzlich kommt, man weiß nicht woher, von allen Seiten lauter Glück und Erfolg, wie es im Buche Esther steht: ›Hilfe und Errettung kommen den Juden.‹ Ich brauche es Euch wohl nicht zu übersetzen, doch der Sinn dieser Stelle ist, daß der Mensch, solange seine Seele in ihm ist, Gottvertrauen haben muß. Das habe ich am eigenen Leibe erfahren, wie der Ewige mich geleitet hat und wie ich zu meinem jetzigen Beruf gekommen bin: denn wie komme ich dazu, Käse und Butter zu verkaufen, wo die Großmutter meiner Großmutter niemals mit Milchwaren gehandelt hat. Es lohnt sich wirklich, die ganze Geschichte vom Anfang bis zum Ende anzuhören. Ich werde mich für eine Weile hier neben Euch ins Gras setzen, und mein Pferdchen soll inzwischen etwas kauen, wie wir es im Morgengebet sagen: ›Die Seele aller Lebenden preiset den Herrn.‹ Und das Pferdchen ist ja auch ein Geschöpf Gottes!

[…]

aus: I. Der Haupttreffer

Signatur: Scholem Alejchem

Scholem Alejchem: Anatewka – Die Geschichte von Tewje, dem Milchmann

7 Sätze der Gesellschaftsphysik

In seinem Roman Brief an Lord Liszt lässt Martin Walser seinen Helden Franz Horn eine Gesellschaftsphysik in sieben Sätzen entwickeln. Es ist ein ‚schräges’ Gesetz, dass Horns Erfahrungen mit der Berufswelt und damit auch mit der Gesellschaft widerspiegelt (gleich vornweg: ich komme nur auf sechs Sätze, denn der 6. Satz, zwischen fünften und siebten, also zwischen den Seiten 109 und 144, muss ich überlesen haben, oder ihn gibt es einfach nicht – kann mir einer von Euch weiterhelfen?).

Auf ironische Weise lässt hier sicherlich auch Martin Walser selbst seine Erfahrungen, die er mit Berufskollegen (Schriftsteller können sich durchaus auch als Konkurrenten empfinden) und Chefs (Verleger sind eben auch nur ‚Chefs’) gemacht hat, erkennbar werden. Und wer in einem Arbeitnehmer-, d.h. Abhängigkeitsverhältnis sein Leben fristet, wird sich hier, wenn er sich durch die eigene Blauäugigkeit nicht zu sehr blenden lässt, ohne Weiteres wiederfinden.

    Martin Walser: Brief an Lord Liszt

Martin Walser: Brief an Lord Liszt

Nun denn – hier die 7 (respektive 6) Sätze der Horn’schen Gesellschaftsphysik:

Was man über einen Menschen denkt, kann man allen sagen, nur ihm selbst nicht. Er verstünde es nicht. Ihm muß man sagen, was er will, daß man ihm über ihn sage. Nur das versteht er. […] Es ist das Gesetz Nummer Eins unserer Gesellschaftsphysik. (S. 41)

Wer jemanden unter sich erträgt, erträgt auch jemanden über sich. Der zweite Satz der Gesellschaftsphysik […] (S. 70)

Freundschaft zwischen Angestellten einer Firma ist nicht möglich. […] 3. Satz der […] erarbeiteten Gesellschaftsphysik: Zwischen Konkurrenten ist Freundschaft nicht möglich. Oder einfach: Konkurrenten sind Feinde. (S. 92)

4. Satz [.….]: Zwischen Chef und Abhängigen gibt es menschliche Beziehungen nur zum Schein. (S. 92)

5. Freunde hat man, solange man sich die Frage, ob man welche habe, noch nicht stellt. (S. 109)

6. […]

[… den] siebten und letzten Satz unserer siebensätzigen Physik […]: Der Mißerfolg seines Konkurrenten ist der Erfolg des Erfolglosen. (S. 144)

    ... die Horn’sche Gesellschaftsphysik a la Pythagoras

Die Sicht ist klar. Franz Horn ist auf dem absteigenden Ast in seiner Firma … Aber ganz ehrlich jetzt: Möchtet Ihr mit Eurem Chef ‚befreundet’ sein. Sicherlich kann man mit seinem Chef gut auskommen, aber Freundschaft?! Ohne die Horn’sche bzw. Walser’sche Gesellschaftsphysik gekannt zu haben, habe ich schon in frühen Jahren zu enge Bindungen an Kollegen gemieden (okay, während meiner Ausbildung gab es auch für mich freundschaftliche Beziehungen, die aber spätestens dann, als ich beruflich andere Wege ging, endeten).Und ….: An einen dieser halbprivat-halbberuflichen Betriebsausflüge habe ich bisher noch NIE teilgenommen (nicht, dass ich mir darauf etwas einbilde).

Martin Walser: Brief an Lord Liszt

    Oh, Lord, wo steht Ihnen eigentlich das Wasser?
    (S. 81)

„Am Freitag vor Pfingsten, kurz vor Arbeitsschluß, rief Arthur Thiele die Abteilungsleiter der Firmen Chemnitzer Zähne und Fin Star zu sich: Benedikt Stierle, der Konkurrent, hatte aufgegeben, er hatte seine Firma und sich in Brand gesteckt. Die Abteilungsleiter erhoben sich, Thiele dankte, die Sitzung war beendet, frohe Pfingsten. Franz Horn war als erster an der Tür.
Die Zeiten, als Thiele nach einem solchen Ereignis unbedingt noch ein paar Sätze mit Franz Horn wechseln mußte, waren vollkommen vorbei. Auch Dr. Liszt, der Kollege und Freund, war nicht mehr an einem Gespräch mit Horn interessiert, das sah er deutlich, denn Liszt eilte, wie alle anderen, auf Thiele zu.
Vor ein paar Jahren hatte Franz Horn einen Selbstmord versucht. Da er nicht gelang, wurde er zu Horns Mißerfolgen gezählt: Horns Zeit war vorüber, er gehörte zu den rapid Älterwerdenden; eine junge Mannschaft rückte heran, eine Fusion mit der Weltfirma Bayer stand bevor. Die Tatsache, daß auch Liszt, der von seiner Familie Verlassene und dem Alkohol Ergebene, in diesen neuen Zeiten keine Chance mehr hatte, war ohne Trost für ihn; Liszt weigerte sich, sein Verbündeter zu sein. Ja, es hatte den Anschein, als sei er ein Feind geworden, zumindest aber einer, mit dem er in Feindseligkeit leben mußte.
Warum nicht einen Brief schreiben, einen richtigen Brief, einen langsam geschriebenen Brief, in dem er Liszt den historischen Anteil an der Krise ihrer Beziehung oder Freundschaft zuweisen konnte? Damit endlich einmal alles richtig ausgesprochen wäre. Damit man wieder atmen, die Freundschaft neu oder endgültig begründen könnte. Lieber Lord Liszt! (Die Anrede war da, als Horn nach dem Schreiber griff.) Und Franz Horn begann zu schreiben., Seite um Seite. Und beendete den Brief. Und nahm ihn mit einem PS wieder auf. Und dem ersten PS folgte ein zweites, ein drittes, ein viertes; am Ende waren es neunzehn Fortsetzungen.
Was aber enthält der Brief, der in der Art der Lawinenentstehung ins Nichtgeheuere oder Ungeheuere anschwillt und – wie Lawinen es tun – alles, was im Weg liegt, mitreißt, aus den Höhen in die Tiefe oder aus den Tiefen in die Höhe, das Unausgesprochene, Nur-Empfundene? Was er Liszt vorzuwerfen hat, sind keine strafbaren Delikte, die sich trefflich in Szene setzen ließen. Es geht um Kränkungen, Verletzungen, Niederlagen, Unrecht menschlicher Art. Zwischen Liszt und Horn, Horn und Liszt, zwischen Thiele und Horn und Liszt. Es geht um Konkurrenz, um Anerkennungs-, Freundschafts- und Liebesentzug, um das gefahrvolle Leben, wenn genommen wird, was stark und widerstandsfähig macht; es geht um die Überwindung eines Zustands permanenten Verschweigens, um das plötzliche Aufbrechen eines Schmerzes, der artikuliert werden will, ohne Rücksicht auf die anderen und auf sich selbst.
Das Schreiben wird ein Ersatz für alles: ‚Sprechen wir doch endlich aus, soviel wir können, anstatt zu leiden wie die Hummeln. Oder leiden Sie gar nicht? Leidet, wer recht hat, nicht?’
Nicht in den einzelnen Fällen minutiöser und gröblicher Verletzung durch den anderen wird der Leser sich und seine Erfahrungen wiederfinden. Vielmehr wird sich der Leser im Faktum des Verletztwerdens erkennen, im wahnwitzigen Wunsch, sich all dessen zu erledigen, was ihn der zu sein zwingt, der er nicht ist. Der Leser wird sich an die von anderen eigens für ihn erdachte weise Erkenntnis erinnern: ‚Jeder sieht ein, daß er einsehen muß: ihm steht nur zu, was ihm zusteht.’ Und er wird sich endlich entledigen wollen, ‚nicht mehr der Vernunft anderer zu Kreuze zu kriechen’.
Das Buch ist ein Abrechnungsfest, ein Befreiungsunternehmen, eine Trennungsorgie, eine Wahrheitsmaschine, eine Einsamkeitsprüfung, kurzum: der Bericht von der schweren Erträglichkeit des wirklichen Lebens. Also eine Schmerzensgeschichte und ein Heilungsprozeß. Dieser rücksichtslos leidenschaftliche Brief ist nicht weniger als ein Lehrbuch: Es zeigt uns einen Weg, um (wieder) in den Besitz der eigenen Vernunft zu kommen.“

(aus dem Klappentext)

Der Roman Brief an Lord Liszt von Martin Walser (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1. Auflage 1982) ist die Fortsetzung des ebenso kleinen Romans Jenseits der Liebe aus dem Jahr 1976.

    Martin Walser: Brief an Lord Liszt

Im Mittelpunkt des Romans von Martin Walser steht wieder Franz Horn, der sich diesmal entschließt, seinem Konkurrenten in der Firma, Dr. Horst Liszt, Leiter der Verwaltung, einen Brief zu schreiben. Zuvor hatte er sich um eine Anstellung bei Benedikt Stierle bemüht. Dieser hatte nun sich und seine Firma in Brand gesteckt. Das bedeutete für Horn, weiter in der Firma ‚Chemnitzer Zähne’ des Arthur Thiele zu verharren. Doch auch Lord Liszt, wie ihn Franz Horn in seinem Brief nennt, ist inzwischen in seiner Rolle als rechte Hand des Chefs verdrängt, hat doch Thiele, längst nicht mehr an der Produktion von Zahntechnikerbedarf interessiert, sondern von dem Wunsch getrieben, Surfbretter und Yachten zu bauen, den jungen „Austro-Finnen“ Rudolf Ryynänen angeheuert.

„Hat Liszt zu Zeiten, als seine Stellung noch durch keinen Ryynänen bedroht war, über Thiele samt Familie gelästert – was Horn damals entsetzt hat -, so gibt er sich nun als Anhänger und Bewunderer, vor allem aber als enger Vertrauter der Thieles. Horn dagegen sieht Thieles Abstieg als Basis, endlich mit dem Kollegen auf einen freundschaftlichen Fuß zu kommen, sich sozusagen zu verbünden: ‚[…] hätten Sie gesagt: Franz Horn, ich bin jetzt auch so weit! wir gehören zusammen! dann wäre ich Ihnen entgegengesunken. Aber einfach so tun, als kämen Sie mir als Unbeschädigter entgegen, als wollten Sie mich endlich erheben oder zulassen auf Ihrem Niveau… nein, nein! nicht mit mir.’“

Franz Horn schreibt sich in seinem Brief an Liszt gewissermaßen seinen Frust von der Seele. Es ist der Frust eines vom alltägliche Krieg des Angestellten zermürbten Lebens, in dessen Büro sich inzwischen das Kauderwelsch der Rationalisierung ausbreitet. Der Brief ist wie eine Therapie:

Es kann sich keiner identifizieren mit dem, der er in den Augen der anderen ist. Aber bevor man sich nicht mit dem, der man für andere ist, identisch erklärt, hat man keinen ruhigen Augenblick. Das ist mein Fall. (S. 142)

Mit der befreienden Erkenntnis, ‚nicht mehr der Vernunft anderer zu Kreuze zu kriechen’, ebnet er sich einen Weg, um wieder in den Besitz der eigenen Vernunft zu kommen., wie im Klappentext heißt. Fast natürlich ist es, dass Horn am Ende den Brief nicht abschickt:

Der Brief an Lord Liszt hatte ihn nicht geschwächt! Auch das Nichtabschicken nicht! In Zukunft würde er jedem, von dem er irrtümlicherweise glaubte, er brauche ihn, einen solchen Nachtbrief schreiben, den man nicht abschicken konnte. Was Besseres gibt es nicht! (S. 153)

Es ist nicht nur ein zweiter Franz Horn-Roman, sondern er weist weitere Verbindungen zu anderen Werken Walsers auf. So finden zwei Vettern Franz Horns in dem Buch Erwähnung, einmal Dr. Gottlieb Zürn, Immobilienmakler und Vermieter eines Feriendomizil bei Überlingen (an Helmut Halm aus Ein fliehendes Pferd (1978)), dem die Romane Das Schwanenhaus (1980), Jagd (1988) und Der Augenblick der Liebe (2004) gewidmet sind – und Xaver Zürn, dem Chauffeur aus Seelenarbeit (1979) – siehe Übersicht Hauptpersonen Romane Martin Walser als PDF.

Nun die beiden Franz Horn-Romane sind aber noch etwas mehr, beide verweisen auf reale Personen. Während Franz Horn in bestimmter Hinsicht das Alter Ego des Autors ist, lassen sich Züge des Dr. Horst Liszt in dem Schriftstellerkollegen und langjährigen Freund Walsers, Uwe Johnson, erkennen. Beide hatten wie Horn und Liszt ein zwiespältiges Verhältnis und sind dann im Streit auseinandergegangen (nachzulesen in der Walser-Biografie von Jörg Magenau). Und in Arthur Thiele wollen viele Literaturwissenschaftler Züge des langjährigen Verlegers des Suhrkamp-Verlags, Siegfried Unseld, erkennen. Soweit ich das beurteilen kann, lassen sich diese Bezüge nachvollziehen.

So oder so hat der ‚Brief an Lord Liszt’ meinen Appetit auf die Gottlieb Zürn-Trilogie angeregt. Den erste Teil (Das Schwanenhaus aus 1980) kenne ich übrigens noch nicht.

Siehe auch die folgenden interessanten Rezensionen:
Hellmuth Karasek über Martin Walser: Brief an Lord Liszt
Schattenwelt der Angestellten

Der alltägliche Krieg – von Rolf Michaelis
Martin Walsers grotesker, trauriger Roman „Brief an Lord Liszt“

In der Schlacht: Geborgen trotz Not und Gefahr

Es sind Shakespeare’sche Geister, mit denen uns Javier Marías zu kämpfen aufgibt, die uns ‚ermahnen’, an sie zu denken in der alltägliche Schlacht: Morgen in der Schlacht denk an mich

    Javier Marías: Morgen in der Schlacht denk an mich

Aber dann sind es auch wieder nur alltägliche Geister, die uns bedrücken, die uns diffuse Gefühle eingeben, irgendetwas zwischen Unsicherheit und Scham: ein seelisches Unwohlsein. Die Ursache liegt in der Situation. Es ist Nacht oder es stürmt. Es überkommt uns eine Ängstlichkeit, die begründet scheint – und es vielleicht ist oder auch nicht. „… und ich kann nicht einmal etwas dagegen tun“. Javier Marías beschreibt es wie folgt:

Das ist es, was panische Angst bewirkt und jene ins Verderben führt, die sie erleiden: Sie macht sie glauben, daß sie inmitten von Not und Gefahr trotz allem in ihr geborgen sind. Der Soldat, der fast ohne zu atmen und ganz still in seinem Schützengraben bleibt, obwohl er weiß, daß dieser schon bald angegriffen wird; der Passant, der nicht wegrennen will, als er spätnachts in einer dunklen, verlassenen Straße hinter sich Schritte hört; die Hure, die nicht um Hilfe ruft, nachdem sie in ein Auto gestiegen ist, dessen Türverriegelung sich automatisch schließt, und der klar wird, daß sie niemals zu diesem Kerl mit so großen Händen hätte einsteigen dürfen (vielleicht ruft sie nicht um Hilfe, weil sie meint, daß sie kein Anrecht darauf hat); der Fremde, der den vom Blitz gespaltenen Baum auf seinen Kopf niedergehen sieht und nicht ausweicht, sondern zuschaut, wie er langsam auf die große Allee fällt; der Mann, der einen anderen mit einem Messer auf seinen Tisch zukommen sieht und sich weder rührt noch verteidigt, weil er glaubt, daß ihm so etwas eigentlich nicht passieren kann und daß dieses Messer sich nicht in seinen Bauch bohren wird, das Messer kann nicht seine Haut und Eingeweide zum Ziel haben; oder der Pilot, der gesehen hat, wie das feindliche Jagdflugzeug es geschafft hat, hinter ihn zu gelangen, und der keinen letzten Versuch mehr unternommen hat, durch ein akrobatisches Manöver aus der Schußlinie zu kommen, in der Gewißheit, daß der andere, obwohl er alle Trümpfe in der Hand hielt, das Ziel verfehlen würde, weil diesmal er das Ziel war. ‚Morgen in der Schlacht denk an mich, und falle dein Schwert ohne Schneide.’

[…] es geht also alles weiter, und ich kann nicht einmal etwas dagegen tun […]

dieser Mann mit so großen Händen streichelt mir den Hals und drückt noch nicht zu: er streichelt mich zwar grob und tut mir ein bißchen weh, aber ich spüre weiter seine plumpen, harten Finger auf meinen Wangenknochen und Schläfen, meinen armen Schläfen – seine Finger sind wie Tasten; und ich höre noch die Schritte dieses Menschen, der mich im Dunkeln ausrauben will, oder womöglich täusche ich mich und es sind die eines harmlosen Menschen, der nicht schneller gehen und mich überholen kann, vielleicht sollte ich ihm die Gelegenheit dazu geben, indem ich meine Brille herausziehe und stehenbleibe, um eine Auslage zu betrachten, aber es kann sein, daß ich sie dann nicht mehr höre, und was mich rettet, ist, daß ich sie weiterhin höre; und immer noch bin ich hier in meinem Schützengraben mit gefälltem Bajonett, von dem ich bald werde Gebrauch machen müssen, wenn ich nicht von dem meines Feindes durchbohrt werden will: aber noch nicht, noch nicht, und solange dieses Noch-nicht gilt, verbirgt und bewahrt mich der Schützengraben, obwohl wir auf offenem Feld sind und ich die Kälte an den Ohren spüre, die der Helm nicht bedeckt; und das Messer dort, das in einer Faust näher kommt, hat sein Ziel noch nicht erreicht, und ich sitze weiter an meinem Tisch, und nichts wird aufgeschlitzt, und trotzdem werde ich noch einen Schluck von meinem Bier trinken, und noch einen und noch einen; so wie der Baum da drüben noch nicht umgestützt ist und nicht umstützen wird, obwohl er abgebrochen ist und kippt, aber nicht auf mich, und seine Äste mir nicht den Kopf abtrennen werden, das ist nicht möglich, denn ich bin nur auf Durchreise in dieser Stadt und in dieser Allee, und ebensogut könnte ich nicht hier sein; und ich sehe die Welt weiter aus der Höhe, von meiner Supermarine Spitfire aus, und noch habe ich nicht das Gefühl von Sinken und Schwere und Schwindel, von Stürzen und Schwerkraft und Gewicht, das ich haben werde, sobald die Messerschmitt, die mir im Genick sitzt und mich im Visier hat, das Feuer eröffnet und mich trifft: aber noch nicht, noch nicht, und solange dieses Noch-nicht gilt, kann ich weiter an die Schlacht denken und die Landschaft betrachten und Zukunftspläne schmieden; … (S. 37 ff.)

Ich kenne das Beispiel vom Verfolgtem in einer bitterkalten Winternacht, der durchfroren Unterschlupf in einem warmen Heim in verlassener Gegend findet. Und dort vor dem wärmenden Ofen bleibt er hocken, obwohl er weiß, dass die Häscher ihm so nahe sind.

Aber solange es ‚weitergeht’, solange wir noch spüren, noch hören, noch sitzen und trinken, die Landschaft betrachten und Zukunftspläne schmieden, solange mag die Angst bestehen, aber solange leben wir auch noch.

Javier Marías: Morgen in der Schlacht denk an mich

    Meine jetzt so unübersehbare Präsenz wird schon morgen durch eine Kopfbewegung und einen aufgedrehten Wasserhahn geleugnet werden, und für sie wird es sein, als wäre ich nicht gekommen, und ich werde nicht gekommen sein, denn sogar die Zeit, die sich zu verrinnen sträubt, verrinnt schließlich und entschwindet durch den Abfluß, und ich brauche mir nur den Tagesanbruch auszumalen, um mich bereits außerhalb dieses Hauses zu sehen, vielleicht werde ich schon sehr bald draußen sein, noch in dieser Nacht … (S. 29)

Von Javier Marías habe ich vor über zwei Jahren an dieser Stelle den Roman Mein Herz so weiß (dazu auch noch den Beitrag I have done the deed) vorgestellt. Jetzt habe ich den darauf folgenden Roman Morgen in der Schlacht denk an mich (Klett-Cotta – Deutscher Taschenbuch Verlag, München – dtv 12637 – Juni 1999) erneut gelesen – Original: “Mañana en la batalla piensa en mi”, Editorial Anagrama S. A., Barcelona, 1994 – Deutsch von Carina von Enzenberg und Hartmut Zahn.

    Javier Marías: Morgen in der Schlacht denk an mich

Wie schon vom Roman ‚Mein Herz so weiß’ so geht auch von diesem Roman eine ungewöhnliche Suggestion aus. Dabei ist der Anfang lapidar und trocken:

„Niemand denkt je daran, daß er irgendwann eine Tote in den Armen halten könnte und daß er nicht mehr ihr Gesicht sehen wird, an dessen Namen er sich erinnert. Niemand denkt je daran, daß jemand im unpassendsten Augenblick sterben könnte, obwohl dies die ganze Zeit passiert, und wir glauben, dass niemand, dem dies nicht bestimmt ist, in unserem Beisein wird sterben müssen.“

Aber bekanntlich kommt der Schrecken oft auf leisen Füßen.

„In ‚Mein Herz so weiß’ brauchte Javier Marías noch eine Seite, bis er uns hatte. Dieses Mal reicht ihm ein Satz, der rätselhafte erste seines neuen Romans: ‚Niemand denkt je daran, daß er irgendwann eine Tote in den Armen halten könnte …’“ (Andreas Isenschmid im ‚Tages-Anzeiger’, Zürich)

„Sie ist noch nicht dreiunddreißig, hat sowohl Mann als auch zweijährigen Sohn sowie ein außereheliches Verhältnis. Als Marta Téllez’ Mann Eduardo Deán für ein paar Tage in London ist, lädt Marta Víctor Francés, unseren Ich-Erzähler, in ihre Wohnung ein. Noch bevor sie beide vollständig entkleidet sind, stirbt Marta unvermittelt in Víctors Armen. Das Zögern, den Ehemann zu benachrichtigen, die Furcht, die Tote und den kleinen Jungen einfach so in der Wohnung zu lassen, die Scham, Martas Ruf durch seine Existenz zu beschädigen – Víctor ist überfordert und flüchtet. Bewußt kann er sich der Sache nicht stellen, unbewußt aber schafft er Verhältnisse, die ihn letztlich zwingen, alles aufzuklären …“
(aus dem Klappentext)

Zurück zur angesprochenen Suggestion. Es ist so, dass man sich als Leser vom Geschriebenen beeinflusst fühlt, als wolle es einem etwas einflüstern. Es ist ein diffuses Gefühl, ein seelisches Unwohlsein. Marías spielt förmlich mit Wörtern wie Angst, Verdacht und Erwartung – und schmiedet Sätze, die sich wie Nebel auf die Seele legen:

„Das Zutagetreten von Angst bringt den, der angst macht oder dazu imstande ist, auf bestimmte Gedanken, Vorbeugung gegen das, was noch nicht geschehen ist, ruft das Ereignis auf den Plan, Verdacht entscheidet über das, was noch nicht feststand, und setzt es in Gang, bange Vorahnung und Erwartung zwingen dazu, die Hohlräume auszufüllen, die sie entstehen lassen und vertiefen, etwas muß geschehen, wenn wir wollen, daß sich die Angst verflüchtigt, und das beste ist es, dafür zu sorgen, daß sie sich erfüllt.“ (S. 19 f.)

Zum Inhaltlichen verweise ich auf eine Rezension von dieterwunderlich.de. Es ist ein merkwürdiger Stoff, und der Roman endet anders als man es je erwarten konnte (auch hier spielt Marías, diesmal mit der Erhaltungswartung des Lesers), als Víctor, der Erzähler, sich mit Eduardo, dem Mann der verstorbenen Frau, zu einem Gespräch trifft.

„Morgen in der Schlacht denk an mich, und es falle dein Schwert ohne Schneide. Morgen in der Schlacht denk an mich, als ich sterblich war, und es falle rostig deine Lanze. Möge ich morgen auf deiner Seele lasten, möge ich Blei sein in deiner Brust, und mögen deine Tage enden in blutiger Schlacht. Morgen in der Schlacht denk an mich, verzag und stirb.“ (S. 210)

Es sind die Geister, die König Richard III. in Shakespeares Drama heimsuchen. Genauso wird Víctor vom ‚Geist’ der toten Marta heimgesucht. Die Erinnerung nistet sich bei ihm ein: „Ewig herumspuken, nie ganz verschwinden, nie ganz vergehen und uns nie ganz verlassen, sondern in unserem Kopf hausen.“ Die Liebe als Spuk: Er muß seine Schuld begleichen und seine Erzählung vor der Welt abladen. Nur so kann er den Geist der Toten bannen und den bösen Zauber brechen, unter dem er steht und der ihn selber verhext zu einer Art Spukgestalt.

„… aus dem Halbdunkel herauszutreten und nicht länger ein Geheimnis bewahren oder von einem Mysterium umgeben sein zu müssen, vielleicht sehne ich mich manchmal genauso nach Klarheit und wahrscheinlich sogar nach Harmonie. Ich erzählte und erzählte. Und beim Erzählen hatte ich zwar nicht das Gefühl, mich von meinem bösen Zauber zu befreien, von dem ich mich noch nicht befreit hatte und mich vielleicht nie befreien würde, aber mir kam es so vor, als würde ich ihn mit einem anderen, weniger hartnäckigen und gutwilligeren vermischen. Wer erzählt, weiß die Dinge gewöhnlich gut zu erklären, und er weiß sich selber zu erklären, erzählen ist dasselbe wie überzeugen oder sich verständlich oder etwas sichtbar machen, und so kann alles verstanden werden, sogar das Infamste, kann alles verziehen werden, wenn es etwas zu verzeihen gibt, kann über etwas hinweggegangen oder etwas verarbeitet und sogar mit durchlitten werden, eben dies ist geschehen, und sobald wir erst wissen, daß es so war, müssen wir damit leben, in unserem Bewußtsein und unserem Gedächtnis einen Platz dafür suchen, der uns nicht am Weiterleben hindert, weil es passiert ist und wir es wissen. Das Geschehene ist daher immer weit weniger schlimm als die Ängste und Annahmen, die Mutmaßungen und bildhaften Vorstellungen und bösen Träume, die wir in Wahrheit nicht in unser Wissen eingliedern, sondern die wir verwerfen, nachdem wir sie über uns haben ergehen lassen oder sie zeitweilig in Betracht gezogen haben, und darum erfüllen sie uns weiterhin mit Schrecken, im Gegensatz zu den Ereignissen, die allein schon wegen ihrer Natur, also weil sie Tatsachen sind, geringeres Gewicht haben: Da es nun mal passiert ist und ich es weiß und es nicht rückgängig zu machen ist, sagen wir uns dann, muß ich es mir erklären und es mir zu eigen machen oder dafür sorgen, daß jemand anderer es mir erklärt, und am besten wäre, wenn es mir genau derjenige erzählt, der es übernommen hat, es zu tun, weil er es ist, der Bescheid weiß. Aber beim Erzählen kann man sogar Gnade finden, das ist die Gefahr. Die Eindringlichkeit der Darstellung, nehme ich an: Deshalb gibt es Angeklagte, deshalb gibt es Feinde, die man umbringt oder hinrichtet oder lyncht, ohne sie ein Wort sagen zu lassen – deshalb gibt es Freunde, die man mit den Worten verstößt: ‚Ich kenne dich nicht’ oder deren Briefe man nicht beantwortet -, damit sie sich nicht erklären und unversehens Gnade finden können, und da sie reden, verleumden sie mich, und es ist besser, wenn sie nicht reden, obwohl sie mich nicht verteidigen, wenn sie schweigen.“ (S. 309 f.)

Beide Romane, ‚Mein Herz so weiß’ wie auch dieser hier – man müsste sie Shakespeare-Romane nennen, gehören zusammen wie zwei Tafeln eines Diptychons – korrespondierend, doch einander nicht imitierend. Beide beginnen mit dem unerklärlichen Tod einer jungen Frau und enden mit dem vorsätzlichen Mord an einer andern. Beide spielen mit den gleichen Motiven und operieren mit den gleichen Strukturprinzipien. Beide sind Ehe- und Familienromane und handeln von den leisen Fiaskos und den blutigen Debakeln in den Beziehungen zwischen Mann und Frau, den Täuschungen und Selbsttäuschungen in der Liebe, den Mühseligkeiten, Ungewißheiten und komplexen Waghalsigkeiten beim heutigen Versuch, eine Ehe zu führen. Beide erzählen von Verdacht, Betrug und Verrat in bürgerlichen Verhältnissen.

Heute Ruhetag (38): William Shakespeare – Richard III.

„Richard, Herzog von Gloucester – hässlich und missgebildet – kündigt an, er wolle ein Bösewicht werden. Um die Königskrone zu erlangen, müssen zunächst seine beiden Brüder: der regierende König Edward IV. und George, der Herzog von Clarence, beseitigt werden. Richard hat keine Hemmungen, da auch seine Rivalen durch Mord und Gewalt an die Macht gekommen sind. Er verleumdet Clarence beim König, dieser sperrt den Unschuldigen in den Tower. Wenig später wird Clarence von zwei Mördern im Auftrag Richards umgebracht. Inzwischen wirbt dieser um Prinzessin Anne, die aber auf sein Ansinnen empört reagiert, da sie davon ausgeht, dass Richard ihren Gatten, Prinz Edward und dessen Vater, König Heinrich VI. getötet hat. Richard macht Anne inmitten des Trauerzuges für den ermordeten König einen Heiratsantrag. Um ihr seine Liebe zu beweisen, entblößt Richard seine Brust und bietet Anne sein Schwert an. Sie zielt nach ihm, lässt das Schwert dann fallen.“ (Quelle: de.wikipedia.org)

Und so geht es dann weiter … Nichts als Mord und Totschlag in der eigenen Familie. Ja, der Shakespeare.

Ich komme aus einem ganz bestimmten Grund auf dieses Königsdrama in 5 Akten zu sprechen, das um 1593 entstand und an Heinrich VI., Teil 3 anschließt und damit der letzte Teil der York-Tetralogie ist.

Vor kurzer Zeit las von Javier Marías den Roman Morgen in der Schlacht denk an mich (dazu später mehr), dessen Titel sich auf dieses Drama bezieht:

„Morgen in der Schlacht denk an mich, und es falle dein Schwert ohne Scheide. Morgen in der Schlacht denk an mich, als ich sterblich war, es falle rostig deine Lanze. Möge ich morgen auf deiner Seele lasten, möge ich Blei sein in deiner Brust, und mögen deine Tage enden in blutiger Schlacht. Morgen in der Schlacht denk an mich, verzag und stirb“, heißt es im Roman (S. 210).

In Shakespeares Original lautet das u.a.:
“To-morrow in the battle think on me,
And fall thy edgeless sword. Despair and die!“

In der Übersetzung von Schlegel (siehe unten):
Denk in der Schlacht an mich, und fallen laß
Dein abgestumpftes Schwert! Verzweifl‘ und stirb!

So spricht der Geist des Clarence (George Plantagenet, Herzog von Clarence, Bruder des späteren Königs – beide aus dem Hause York). Und es treten weitere Geister auf, so auch der der Anne, die den Spruch wiederholt. – Als die Geister verschwinden, erwacht König Richard und sagt bzw. erkennt:

Ein andres Pferd! verbindet meine Wunden!
Erbarmen, Jesus! – Still, ich träumte nur.

[kurz darauf]:

Ich muß verzweifeln. – Kein Geschöpfe liebt mich,
Und sterb ich, wird sich keine Seel‘ erbarmen.
Ja, warum sollten’s andre? Find ich selbst
In mir doch kein Erbarmen mit mir selbst.
Mir schien’s, die Seelen all, die ich ermordet,
Kämen ins Zelt, und ihrer jede drohte
Mit Rache morgen auf das Haupt des Richard.

Vor vielen Jahren habe ich übrigens Wolfgang Kieling in der Rolle des Richard III. im Fernsehen gesehen.

Heute Ruhetag = Lesetag!

(Der Geist des Prinzen Eduard, Sohnes Heinrichs des Sechsten, steigt zwischen den beiden Zelten auf.)

Geist (zu König Richard).
Schwer mög‘ ich morgen deine Seele lasten!
Denk, wie du mich erstachst in meiner Blüte,
Zu Tewkesbury: verzweifle drum und stirb! –

(Zu Richmond.)
Sei freudig, Richmond, denn gekränkte Seelen
Erwürgter Prinzen streiten dir zum Schutz:
Dich tröstet, Richmond, König Heinrichs Sohn.

(Der Geist König Heinrichs des Sechsten steigt auf.)

Geist (zu König Richard).
Du bohrtest mir, da ich noch sterblich war,
Voll Todeswunden den gesalbten Leib;
Denk an den Turm und mich; verzweifl‘ und stirb!
Heinrich der Sechste ruft: verzweifl‘ und stirb!

(Zu Richmond.)
Heilig und tugendhaft, sei Sieger du!
Heinrich, der prophezeit, du werdest König,
Kommt, dich im Schlaf zu trösten: leb und blühe!

(Der Geist des Clarence steigt auf.)

Geist (zu König Richard).
Schwer mög‘ ich morgen deine Seele lasten!
Ich, totgebadet einst in ekelm Wein,
Der arme Clarence, den dein Trug verriet!
Denk in der Schlacht an mich, und fallen laß
Dein abgestumpftes Schwert! Verzweifl‘ und stirb!

(Zu Richmond.)
Du Sprößling aus dem Hause Lancaster,
Es beten für dich Yorks gekränkte Erben.
Dich schirm‘ ein guter Engel! Leb und blühe!

aus: FÜNFTER AUFZUG – Dritte Szene

Signatur: William Shakespeare

William Shakespeare: Richard III.

Albert Camus: Die Pest

    Das Böse in der Welt rührt fast immer von der Unwissenheit her, und der gute Wille kann so viel Schaden anrichten wie die Bosheit, wenn er nicht aufgeklärt ist. (S. 86)

Und weiter heißt es bei Camus: Die Menschen sind eher gut als böse, und in Wahrheit dreht es sich gar nicht um diese Frage. Aber sie sind mehr oder weniger unwissend, und das nennt man dann Tugend oder Laster. Das trostloseste Laster ist die Unwissenheit, die alles zu wissen glaubt und sich deshalb das Recht anmaßt zu töten. (S. 86f.)

Es ist wohl das bekannteste Werk des Romanciers und Philosophen Albert Camus, dem ich mich in diesem Weblog schon öfter gewidmet habe. Gemeint ist der Roman Die Pest, das ich in folgender Ausgabe habe: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg – rororo 15 – 829.-853. Tausend März 1979 (Original: La Peste, 1947 Librairie Gallimard, Paris)

Albert Camus: Die Pest

Camus war der Philosoph des Absurden, der meinte, dass man dem Leid und Elend in der Welt keinen Sinn abgewinnen kann. Der Mensch fühlt, wie „fremd“ alles ist, die Außenwelt und ihre Sinnlosigkeit bringen ihn wegen seines Strebens nach Sinn in existentielle Konflikte. In diesem Roman nun führte Camus das Element der ständigen Revolte gegen die Sinnlosigkeit der Welt ein, wie sie in seinem Essay „Der Mensch in der Revolte“ („l’homme révolté“, 1958) später voll entwickelt wird. Insbesondere kommen aber die Werte Solidarität, Freundschaft und Liebe als möglicher Ausweg hinzu, wenn auch die Absurdität nie ganz aufgehoben werden kann.

In der nordafrikanischen Stadt Oran bricht eine furchtbare Seuche aus, die längst aus zivilisierten Regionen verbannt schien. Die sich unerbittlich ausbreitende mörderische Epidemie bestimmt allmählich das gesamte Leben der von der Außenwelt abgeschnittenen Stadt und verändert es. Außerordentlich wirklichkeitsnah, ist das Werk zugleich ein großartiges Sinnbild des apokalyptischen Grauens, das den Einzelmenschen angesichts der maßlosen kollektiven Verhängnisse unserer Zeit befällt. Doch nimmt der Leser die Gewißheit mit, daß Mut, Willenskraft und Nächstenliebe auch ein scheinbar unabwendbares Schicksal meistern können.
(aus dem Klappentext)


Oran/Algerien

In seinen Tagebücher (Albert Camus, Tagebücher 1935 – 1951) schrieb Camus dazu: „Ich will mit der Pest das Ersticken ausdrücken, an dem wir alle gelitten haben, und die Atmosphäre der Bedrohung und des Verbanntseins, in der wir gelebt haben. Ich will zugleich diese Deutung auf das Dasein überhaupt ausdehnen. Die Pest wird das Bild jener Menschen wiedergeben, denen in diesem Krieg das Nachdenken zufiel, das Schweigen – und auch das seelische Leiden.“

Personen:

Bernard Rieux, Arzt und Verfasser des Berichts
Frau Rieux (†)
Mutter Rieux

M. Michel, Hauswart († – 1. Opfer)
M. Othon, Untersuchungsrichter (†)

Raymond Rambert, Journalist
Jean Tarrou, junger Mann, Tagebuchschreiber († – das letzte Opfer)
Pater Paneloux († – zweifelhafter Fall)
Joseph Grand, Angestellter der Stadtverwaltung (erkrankt) -> Liebe zu Jeanne
M. Cottard (Selbstmordversuch) -> Verhaftung

Dr. Richard, Sekretär des Ärzteverbandes (†)
Dr. Castel (stellt Serum her)

Schmuggler und Menschenschieber
Garcia / Raoul / Gonzales / Marcel & Louis

Präfekt
Asthmaischer Spanier
männlicher Katzenbespucker

u.a.

Der Roman „Die Pest“ ist als Parabel der französischen Widerstandsbewegung Résistance ein Plädoyer für die Solidarität der Menschen im Kampf gegen Tod und Tyrannei und damit „gleichzeitig eine Chronik der Kriegszeit. Die von Albert Camus gewählte Stadt Oran steht stellvertretend für das von Nazideutschland besetzte Frankreich. Durch den Ausbruch der Pest wurde Oran zu einer hässlichen von der Außenwelt abgeschlossenen Stadt. Der Arzt Rieux, der der Erzähler der Geschehnisse ist, und Tarrou machen Aufzeichnungen von den Ereignissen, auf die die Bewohner nicht vorbereitet waren. Nicht nur Rieux, sondern ebenso die anderen Hauptpersonen machen es sich nach und nach zur Aufgabe, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Pest und ihre verheerenden Folgen für die Bevölkerung vorzugehen und sich den von Tarrou aufgestellten Sanitätstrupps [Widerstandsgruppen] anzuschließen. Auch der Jesuitenpater Paneloux meldet sich als freiwilliger Helfer und sieht es als seine Pflicht an, in der vordersten Reihe seinen Dienst zu tun. Der Roman ‚Die Pest’ besitzt wie der Roman ‚Der Fremde’ eine soziale und eine metaphysische Ebene. In mehreren Gesprächen zwischen Rieux und Pater Paneloux, sowie zwischen Rieux und Tarrou wird die Frage nach dem Leid in der Welt erörtert. In seiner ersten Predigt spricht der Pater von der Pest als einer Geißel Gottes, dieser Standpunkt wird von Rieux vehement abgelehnt. Jedoch sucht Pater Paneloux in seiner zweiten Predigt nicht mehr nach einer Erklärung für das Leid. Er hat seinen Zuhörern keine Belehrungen mehr zu geben und spricht sie daher mit ‚wir’ und nicht wie in seiner ersten Predigt mit ‚ihr’ an.“ (siehe weiter: Albert Camus: das Absurde – die Wahrheit – die Revolte – Die Pest).

Der Roman endet mit einer eindringlichen Mahnung:

Während Rieux den Freudenschreiben lauschte, die aus der Stadt empordrangen, erinnerte er sich nämlich daran, daß diese Fröhlichkeit ständig bedroht war. Denn er wußte, was dieser frohen Menge unbekannt war und was in den Büchern zu lesen steht: daß der Pestbazillus niemals ausstirbt oder verschwindet, sondern jahrzehntelang in den Möbeln und der Wäsche schlummern kann, daß er in den Zimmern, den Kellern, den Koffern, den Taschentüchern und den Bündeln alter Papiere geduldig wartet und daß vielleicht der Tag kommen wird, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und erneut aussenden wird, damit sie in einer glücklichen Stadt sterben. (S. 202)

Absurd und zugenäht

Was unterscheidet uns vom Camus’schen Protagonisten, Jean Tarrou, dem jungen Tagebuchschreiber in Die Pest, der mit der Frage nach dem Tun, um seine Zeit nicht zu verlieren, die passende Antwort samt der zu bewerkstelligen Mittel parat hatte? Ist nicht vieles ähnlich absurd, verflixt und zugenäht in unserem Leben? Um dem Ganzen die Krone der Absurdität aufzusetzen, ließ Camus, nachdem die Pest abgeebbt war, als letzten seiner Helden jenen Jean Tarrou doch noch erkranken – und sterben.

Albert Camus: Absurd und zugenäht © Collage Wilfried Albin

„Frage: was tun, um seine Zeit nicht zu verlieren? Antwort: sie in ihrer ganzen Länge auskosten. Mittel: tagelang auf einem unbequemen Stuhl im Wartezimmer eines Zahnarztes sitzen; den Sonntagnachmittag auf seinem Balkon verbringen; Vorträge anhören in einer Sprache, die man nicht versteht; in der Eisenbahn die längsten und umständlichsten Strecken fahren, selbstverständlich stehend; am Vorverkaufsschalter eines Theaters Schlange stehen und keine Karte lösen usw. usw.“

(Albert Camus: Die Pest – Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg – rororo 15, 1979, S. 20)

Martin Walser: Ein liebender Mann

    Alle Übel der Welt sind entstanden durch Liebesmangel.
    (Martin Walser: Ein liebender Mann S. 204)

Ähnlich wie Martin Walser sich um Goethe drückte (und um Thomas Mann sowieso), so hatte ich mich bisher auch um Walsers Ein liebender Mann gedrückt. Bisher, denn noch vor meinem Sommerurlaub habe ich mir das kleine handliche Büchlein gegönnt und gelesen. Die Süddeutsche Zeitung hat ihre Kritik auch passend mit Die Leiden des alten Werthers betitelt, denn in dem Roman nimmt sich Martin Walser Goethes letzter Liebe an, die des 73-Jährigen zur 19-jährigen Ulrike von Levetzow. Immerhin verdanken wir diesem Liebeswerben die Marienbader Elegie (Text bei zeno.org), auch wenn es mit diesem Werben gehörig in die Hose ging (das Ende des Romans ist dann auch eher prosaisch als poetisch).

    Martin Walser: Ein liebender Mann

Sommer des Jahres 1823. Goethe […] ist nach Marienbad gereist, wo er, wie schon in den Jahren zuvor, auch auf Amalie von Levetzow und ihre Töchter trifft. Doch diesmal steht ihm der Sinn weniger nach der ansehnlichen und geistreichen Gesellschaft des ganzen Quartetts als ausschließlich und umfassend nach jener der Ältesten, Ulrike. (Quelle: faz.net)

„Man lässt sich bezaubert ein auf Liebes-Passion, Dichter-Gescheitheit, lebendigstes Zeitkolorit. Da übertrifft Walser, sprachmächtig, nicht nur sich selbst, sondern auch so manche berühmte Goethe-Schilderung der deutschen Literatur“, schreibt Joachim Kaiser in der Süddeutschen. Dem kann ich mich nur anschließen, auch wenn manches Wort, das Walser Goethe in den Mund legt, doch sehr nach Walser klingt (und dabei vielleicht sogar überzeugender).

Bestechend, da witzig und schön, sind die Dialoge, die Goethe mit der blutjungen Ulrike führt. Hier spürt man, wie ein ins Alter gekommener Mann sich berauschen lässt von der Jugend und sich von Amors Pfeil durchbohrt hingibt an eine Liebe, vor der bekanntlich kein Alter schützt (die törichte Liebe). Das Liebeswerben geht soweit, dass Goethe sich zu einem Heiratsantrag hinreißen lässt. In einem Schreiben an Ulrikes Mutter bekennt er dann aber doch:

Ich habe mich danach gesehnt, Sie um Entschuldigung bitten zu dürfen für eine aus Panik geborene Handlung, deren Peinlichkeit nur noch durch ihre Komik überboten ist. (S. 176)

Ja, eigentlich ist es mehr als peinlich, wenn ein ‚alter Sack’ sich an eine ‚junge Schöne’ heranwagt. Damals wie heute. Aber Martin Walser, dem man an anderer Stelle in Literatur gehüllte Altersgeilheit vorgeworfen hat, umschifft die Klippe – im Gegenteil: Er lässt uns mitleiden mit diesem alten Goethe, der am Ende um eine bisher nicht gemachte Erfahrung reicher ist, dem Lieben, ohne geliebt zu werden.

Diese Liebe, als sie voll entbrannt ist, lässt Goethe, wie sollte es anders sein, schreiben. Und so entsteht die bereits erwähnte Marienbader Elegie. Gefühl und Schreiben verknüpfen sich, werden zu einem Ganzen: Das war das Schönste beim Schreiben, besonders beim Gedichteschreiben: die vollkommene Sicherheit des Zustandekommens. Egal, was dann irgend jemand zu dem Ergebnis sagen würde, für ihn war glücksentscheidend, dass das, was nachher da stand, ganz dem Gefühl entsprach, das ihn beim Schreiben geleitet hatte. (S. 162 f.)

Ja, diese Männer, besonders diese alten Männer („Je oller, desto toller“ – kennt sich der Volksmund aus). Immerhin kommt Walser in der Gestalt Goethes zu der Erkenntnis (S. 202): Die Männer gehören in den Sandkasten und an den grünen Tisch. Die Frauen ans Ruder. (Wenn sie nicht gerade Merkel heißen).

Martin Walser: Die Inszenierung (Vorankündigung)

86 Jahre alt – und noch kein bisschen leise. Bevor ich hier weiter auf ältere Werke von Martin Walser zu sprechen kommen werde, möchte ich zuvor einen neuen Roman aus der Feder des „Mannes vom Bodensee“ ankündigen. Es ist noch nicht ein Jahr her, da erschien Walsers letzter Roman Das dreizehnte Kapitel (aber damit nicht sein letztes Buch). Am 30. August ist es nun soweit, dann kommt Die Inszenierung in die Buchläden.

    Martin Walser: Die Inszenierung

Augustus Baum, ein berühmter Theaterregisseur, liegt nach einem Schlaganfall im Krankenhaus. Herausgerissen aus der Inszenierung der „Möwe“ von Tschechow, inszeniert er weiter, vom Krankenzimmer aus. Nicht nur das Stück, sondern auch sich selbst. Die Nachtschwester Ute-Marie, seine Frau Dr. Gerda und er sind die Personen, die er so handeln lässt, dass ein Roman draus wird.

Es ist ein Roman, der ohne Erzähler auskommt. Die Figuren handeln durch Rede und Gegenrede, mit einander und gegen einander redend handeln sie. Sie stehen auf dem Spiel, darum müssen sie sprechen. „Die Inszenierung“ ist der Roman der direkten Rede, aber nicht nur das. Obwohl er von nichts als Liebe handelt, ist er eine Seltenheit, wenn nicht sogar Sensation: Dr. Gerda, die Ehefrau, und Ute-Marie, die Nachtschwester, sind bei aller Lebensverschiedenheit gleich gut, gleich bedeutend, gleich zurechnungsfähig und auch gleich schön. Das gibt dem Uralt-Thema eine überraschende, ja faszinierende Aktualität.

Nicht erst seit seinem flammenden Roman „Ein liebender Mann“ kreist Martin Walser um Themen wie Leidenschaft, Abhängigkeit und Wahn. „Die Inszenierung“ ist ein zwischen Ironie und Tragik oszillierendes Kammerspiel über das Kunstwerk der Verheimlichung, die Ehe und das seriöseste und zugleich lächerlichste Leiden überhaupt: die Liebe. (Quelle: u.a. rheingau-musik-festival.de – Vorankündigung für den 20.09.2013 Freitag 20:00 Uhr – Hotel Kloster Johannisberg, Geisenheim-Johannisberg – Walser liest aus seinem neuen Roman)

Mit Augustus Baum werden wir also wieder einem der Walser’schen Protagonisten mit einsilbigen Nachnamen begegnen, derer es nun mit den Zürns, Halm, Horn, Dorn, Fink und zuletzt Schlupp schon eine Menge gibt. Und es wird ein Roman der direkten Rede sein. Auch dürfte allein der Titel darauf hinweisen, dass es doppeldeutig zugeht und es sich nicht allein um eine Theaterinszenierung handeln wird. Mit rund 160 Seiten fällt das Buch dann eher bescheiden aus. Ich bin wieder einmal gespannt …

Heinrich Böll: Der Zug war pünktlich – Erzählung

Bei uns im Ort gibt es das Kaufhaus Bade. Bevor man in den Einkaufsbereich kommt, steht an der rechten Seite ein Regal, in dem man ausrangierte Bücher ablegen, aber natürlich auch mitnehmen kann. Die meisten dieser Bücher sind nicht interessant, aber wenn ich schon bei Bade bin, dann werfe ich doch einen Blick in das Regal und habe dann doch manche literarische Perle gefunden. So auch diese Erzählung, neben einem Band Kurzgeschichten die erste Buchveröffentlichung von Heinrich Böll: Der Zug war pünktlich (Deutscher Taschenbuch Verlag (818), München – 4. Auflage Mai 1973). Eigentlich war es meine Frau, die das Buch entdeckt hat – mehr des Titels wegen …. Urlaubszeit ist für mich auch Lesezeit. So nahm ich das Buch mit und, da inzwischen ausgelesen, liegt es wieder bei Bade für den nächsten Leser parat.

Die umfangreiche Erzählung „Der Zug war pünktlich“ – noch unter dem unmittelbaren Eindruck des Krieges geschrieben – war die erste Buchausgabe, mit der Heinrich Böll 1949 an die Öffentlichkeit trat. Die Geschichte beginnt auf dem Bahnhof einer Stadt im Ruhrgebiet. Ein Soldat sucht sich einen Platz im Fronturlauberzug, der ihn an die Ostfront zurückbringen soll. Es wird eine trostlose Fahrt. „Bald bin ich tot. Ich werde sterben, bald“, denkt der Soldat. Männer, die der Zufall zusammengewürfelt hat, spielen Skat, teilen miteinander Brot und Wurst und versuchen ihre Angst mit Schnaps zu betäuben. Andreas erinnert sich an seinen Freund, an eine Frau, in deren Augen er nur für Bruchteile einer Sekunde blicken konnte, er denkt an seine früheren Verwundungen, und er haßt alle, die den Krieg als eine Selbstverständlichkeit empfinden. In Lemberg hält der Zug. Hier begegnet Andreas einer polnischen Spionin, die als Prostituierte Nachrichten für den polnischen Widerstand sammelt. Die Frau hat Mitleid mit dem Deutschen. Sie will ihn retten. Für Andreas verstärkt sich jedoch die Gewißheit des nahen Todes. Böll hat diese Geschichte vom sinnlosen Sterben mit einem überzeugenden Realismus zu einer erbitterten Anklage gegen den Krieg verdichtet. (aus dem Klappentext)

    Heinrich Böll: Der Zug war pünktlich – Erzählung

„Es gibt Autoren, die dem Krieg einen scheinbaren Adel zugestehen, solche, die den Humor der Kämpfer und ihre elementaren Freuden gekannt haben. In keinem Werk Bölls wird man eine, auch nur einschränkende Billigung des Krieges finden; nirgendwo erscheint der Mensch anders als sein Opfer.“ (Henri Plard – siehe auch fr.wikipedia.org)

Als Publizist und Autor führte Heinrich Böll Klage gegen die Grauen des Krieges und seine Folgen, polemisierte gegen die Restauration der Nachkriegszeit und wandte sich gegen den Klerikalismus der katholischen Kirche, aus der er 1976 austrat. In den sechziger und siebziger Jahren unterstützte er die Außerparlamentarische Opposition. 1983 protestierte er gegen die atomare Nachrüstung. Insbesondere engagierte sich Böll für verfolgte Schriftsteller im Ostblock. Der 1974 aus der UdSSR ausgewiesene Alexander Solschenizyn war zunächst Bölls Gast.

Ich muss gestehen, bisher nur sehr wenig von Böll gelesen zu haben, eher kenne ich die Verfilmungen seiner Romane, so Die verlorene Ehre der Katharina Blum in der Regie von Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta (den Roman habe ich dann aber auch gelesen). So ganz kann ich es mir nicht erklären, so wenig von Böll gelesen zu haben, immerhin vertrat Heinrich Böll Ideale, für die ich auch einstehe. Vielleicht war er mir insgesamt doch zu katholisch, vielleicht auch zu politisch (wahrscheinlich war es diese Mischung aus beidem). Böll erhielt ja 1972 für sein Werk den Nobelpreis für Literatur. Böll-Freunde mögen mir verzeihen. Als Böll 1972 den Nobelpreis erhielt, hätte ich mir (eben schon damals) Günter Grass als Preisträger gewünscht. Und 1999, als dann Grass den Preis erhielt, hätte ich mir Martin Walser gewünscht. Aber ich denke, Walser wird auch ohne Nobelpreis auskommen können.