Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Lob des Aufenthalts im Freien – ein PER

Vorbemerkung: Manchmal entscheidet der Anfang eines Romans darüber, ob wir das Buch zu Ende lesen oder nicht. Manche Romane sind geradezu bekannt für ihren Beginn. Mancher Schreiberling und Schriftsteller ist aber über den Start einer Geschichte, ob sie nun als Kurzerzählung oder Roman enden sollte, nicht hinausgekommen. Andere schreiben Romananfänge und nur diese. Die weitere Geschichte interessiert sie nicht.

Ich versuche mich hier an einer neuen Gattung der Prosa und nenne es „plötzlich endender Roman“ (PER), neu-deutsch: „suddenly ending novel“ (SEN), weil’s so schön klingt, wobei ein Hauptmerkmal auf eine möglichst längere Einleitung wie bei einem Romananfang liegt. Die Einführung soll dem Leser suggerieren, dass es eine lange Geschichte werden könnte, die da erzählt wird. Möglichst viele Handlungsstränge werden miteinander verwoben, alles spielt vielleicht auf verschiedenen Zeitebenen (Rückblenden sind bestens geeignet). Aber nach bereits einer Seite soll dann der Paukenschlag kommen: das plötzliche Ende … Schluss und vorbei!

Also wie ein Aufsatz ohne Hauptteil, nur mit Einleitung und Schluss. Wichtig ist vielleicht auch der Titel eines PERs, der möglichst abstrus sein sollte, um den Leser schon hier in die Irre zu führen.

Von meinem ersten PER (ach wie schön können Abkürzungen sein) erhebe ich keinerlei literarischen Anspruch. Die neue Gattung muss erst noch wachsen. Auch gestehe ich, dabei einfach ‚drauflos’ geschrieben zu haben – und dass mir zunächst ‚etwas ganz anderes’ vorschwebte. Vielleicht ist dieses intuitive Schreiben eines der Kennzeichen des PERs.

Der Bruch in der Geschichte, die Stelle, die das plötzliche Ende einleitet, ist sicherlich sehr klischeehaft (ein Vorhang, der zerreißt) – und das Ende ist eher ordinär. Aber, ich hoffe, das tut dem Ganzen keinen Abbruch. Hier also mein erster PER, plötzlich endender Roman:

Lob des Aufenthalts im Freien

Leisen Schrittes erstieg er den Gipfel, der ihn eine weite Sicht über die anderen Berge eröffnete. Nie zuvor war er so hoch gestiegen, noch nie blickte er so frei auf das Land seiner Ahnen. Die Milch im Sack war sauer geworden, aber er mochte Saures – und war schon allein der Windzug erfrischend, so schmolz die Flüssigkeit wie Eis in seiner heißen Kehle. Das tat gut. Der Aufstieg hatte ihn durstig gemacht. Und Hunger verspürte er nun auch. Appetit kommt beim Essen oder hier beim Trinken. Das Brot war schimmelig, aber mit dem Messer kratzte er die fauligen Stellen wie eine Wunde sauber, brach sich erst ein Stück mit den Fingern heraus, steckte es in den Mund, und biss dann Stück für Stück aus dem Brot wie ein Wolf das Fleisch aus dem Körper seines Opfers.

Sein Blick war auf einen Punkt in der Ferne gerichtet. Das musste das Gehege sein, in dem der Hirt am Abend seine Schafe zur Nachtruhe treibt. Hier hatte er vor zwei Tagen Quartier zwischen den warmen Körpern der Tiere und nach einem langen Fußmarsch tiefen, traumlosen Schlaf gefunden. Der Hirt hatte ihm am nächsten Tag mit Milch und Brot versorgt. Geld wollte er dafür nicht. Ein Handschlag zum Abschied genügte ihm.

Jetzt stand er also hier oben, nagte am Brot und trank von der sauer gewordenen Milch. Er musste plötzlich an den Bauern denken, der ihn von seinem Hof gescheucht hatte. Mit Herumtreibern, die nur von der Hand in den Mund leben, die vielleicht das Vieh schänden, wollte dieser nichts zu tun haben. Dabei suchte er nur eine Unterkunft für eine Nacht in dem Stroh der Scheune. Einmal ein Dach über dem Kopf haben, nur das wünschte er sich.

So war der Himmel seit Tagen sein Dach in der Nacht.

Vor genau zwei Wochen war er mit der Fähre auf diese Insel gekommen. Im Gepäck, das jetzt in der Hauptstadt in seinem Hotelzimmer auf dem Bett lag, waren die Briefe, die sein Bruder ihn nach Übersee geschrieben hatte, zurückgeblieben. Dieser hatte ihn gebeten, so schnell wie möglich hierher auf die Insel zu kommen. Der Grund war ihm nicht ganz klar. Es sollte aber um viel Geld gehen.

Als er vor 14 Tagen die Reling der Fähre hinabstieg, sein Blick suchte den Bruder auf dem Kai, überkam ihn ein unbeschreibliches Gefühl. Von diesem Hafen aus war er vor mehr als zwölf Jahren in die Welt aufgebrochen. Hier hatte er Kindheit und Jugend zurückgelassen, um in einem fernen Land sein Glück zu suchen.

Als er auf dem Kai stand, den Koffer mit den wenigen Sachen und mit den Briefen des Bruders in der Hand, war von diesem nichts zu sehen. Urplötzlich breitete sich Panik in ihm aus. Warum war sein Bruder nicht da, der ihn doch ausdrücklich von der Fähre abholen wollte? Er versuchte sich zu beruhigen. Der Bruder war sicherlich aufgehalten worden und wird in wenigen Augenblicken mit lachenden Gesicht vor ihm stehen und begrüßen. Als aber auch nach einer vollen Stunde kein Bruder zu sehen war, stieg dieses von ihm so bekannte Gefühl von existenzieller Angst erneut und in voller Wucht in ihm auf.

Hier oben auf dem Gipfel erschien ihn seine Ankunft auf dieser Insel wie ein Traum, eher ein Alptraum, an den man sich plötzlich wieder erinnert, der aber schon Monate zurückliegt. Als der Bruder auch nach einer weiteren Stunde nicht erschienen war, suchte er in der Nähe nach einem Taxi. –

Er stand vor einem völlig verwahrlosten Haus und fragte noch einmal den Taxifahrer, ob das wirklich die Straße wäre, die der Bruder in seiner Adresse angegeben hatte. Straße und Hausnummer stimmten. Völlig ratlos betrat er das Grundstück. Die Pforte war nur angelehnt, der in Stein gefasste Weg zum Haus überwuchert von Unkraut. Es war schon nicht mehr Panik, was ihn beschlich. Es war eine Faust, die sein Herz umklammerte. Sein Atem stockte.

Die Sonne begann zu brennen. Obwohl es auf dem Gipfel des Berges kalt war, fing die Sonne an, ihn zu wärmen. Sein Gesicht rötete sich. In diesem Augenblick zerriss der Vorhang. Vor ihm stand sein Bruder und fasste ihm am Arm. Wie benommen blickte er auf.

„Wach endlich auf, du Schlafmütze! Es wird Zeit für uns. Ich kann nicht länger warten.“

Was gibt es Beschisseneres als diesen Traum, als diesen Traum im Traum. „Mach die Fliege, ich will noch eine Runde schlafen!“

Emma & William: Ein Sommernachtstraum

Zusammen mit Patrick Mcnee als John Steed wurde Diana Rigg in den 1960er Jahren weltweit bekannt als scharfzüngige, schlagkräftige, emanzipierte und oft in Leder gekleidete Emma Peel in der britischen Fernsehserie „Mit Schirm, Charme und Melone“, im Original „The Avengers“, die zunächst in Schwarz-Weiß, dann in Farbe ausgestrahlt wurde. In dieser Rolle fuhr Diana Rigg einen Lotus Elan, einen englischen Roadster. Sie war ihrer Zeit mehr als dreißig Jahre voraus und gab das Vorbild ab für unzählige Nachahmerinnen.

Nach insgesamt 50 Folgen verabschiedete sich dann Diana Rigg. Ihr waren die andauernden Filmaufnahmen zu der Serie zu stressig. Außerdem wollte sie sich nicht auf längere Sicht auf die Rolle der Emma Peel festlegen lassen. So kehrte sie auf die Theaterbühne zurück, wo sie in klassischen und modernen Rollen großen Erfolg feierte und viele Auszeichnungen einsammelte. Sie wurde 1967 Mitglied der Royal Shakespeare Company und 1971 Mitglied des National Theatre of Great Britain. Diana Rigg zählt übrigens zu den ersten Schauspielerinnen, die nackt auf der Bühne auftraten (im Stück Abelard and Heloise, 1970). 1979 wurde sie in einer Titelstory des Time Magazine als „Großbritanniens beste Schauspielerin“ gefeiert.

Die Komödie Ein Sommernachtstraum (A Midsummer Night’s Dream) von William Shakespeare wurde 1968 in der Regie von Peter Hall mit Diana Rigg verfilmt. Neben ihr als Helena sind u.a. auch spätere Größen wie Helen Mirren (Hermia) und Ian Holm (Puck) zu sehen, zudem David Warner als Lysander und Michael Jayston als Demetrius.

Bei YouTube sind einige Szenen aus diesem Theaterstück zu sehen; zunächst ein erster Ausschnitt, in dem Helena (Diana Rigg) ab 5:16 auftritt:

Helen Mirren & Diana Rigg A Midsummer 1968 Night’s Dream

Diana Rigg 1968 als Helena

Aus dem 2. Akt sehen wir Helena (Diana Rigg) ab 3:00. Dieser Ausschnitt beginnt mit dem 2. Akt – Szene 2 – Textzeile 35 (Pelican edition) und geht bis zum Ende dieser Szene – Textzeile 156 (Hermia erwacht und beendet ihre Rede mit „Either death, or you, I’ll find immediately.“):

A Midsummer Night’s Dream – Helen Mirren & Diana Rigg, Act 2

Ein dritter Ausschnitt startet mit dem 3. Akt – Szene 2 – Textzeile 132 (Pelican edition, Helena: „Your vows to her ad me, put in two scales“) und endet mit dem Abgang von Helena und Hermia – Textzeile 344 (Hermia’s „I am amazed, and know not what to say“):

William Shakespeare’s „A Midsummer Night’s Dream“
A Midsummer Night’s Dream- Helen Mirren & Diana Rigg, Act 3

1994 wurde Diana Rigg von Königin Elisabeth II. zur Dame ernannt (Dame Commander of the Order of the British Empire (DBE)).

Hinweis: Die einzigste Tochter von Diana Rigg ist ebenfalls Schauspielerin: Rachael Stirling

Elias Canetti: Das Augenspiel

Mit Die gerettete Zunge, dem ersten Band seiner Autobiografie, erfahren wir aus der Kindes- und Jugendzeit von Elias Canetti. „Die Fackel im Ohr“ (Lebensgeschichte 1921 – 1931) setzt die Autobiographie fort. Die Familie verbringt die Zeit nach dem ersten Weltkrieg in Frankfurt, um dann nach Wien umzuziehen. Hier lernt der junge Elias zum ersten Mal Karl Kraus kennen, einen Sprachkritiker, der seine Zuhörer unglaublich in seinen Bann ziehen konnte. Gerade diese frühen Vorlesungen von Karl Kraus und seine Zeitschrift „Die Fackel“ sind es, die die späteren Werke von Elias Canetti prägen werden. Im Jahre 1928 zieht es Canetti nach Berlin, wo er zum ersten Mal schriftstellerisch tätig ist und die Bekanntschaft u.a. mit Bertolt Brecht macht. Die Beschreibung der Berliner Intellektuellen am Ende der zwanziger Jahre ist ein besonders interessantes Kapitel in diesem Teil von Canettis Autobiographie. Aber auch die folgenden Jahre während des Studiums wieder in Wien zeigen auf interessante Weise, wie sich Canetti schon als junger Mensch mit Werken auseinandersetzte, die er später tatsächlich verfasst hat.

„Das Augenspiel“ ist der dritte und letzte Teil seiner Lebensgeschichte und führt uns in die Jahre 1931 – 1937. Es sind die weiteren Jahre in Wien, in denen er viele Kontakte mit Intellektuellen pflegte. 1930/31 schrieb Canetti an seinem Roman „Die Blendung“, ein Jahr darauf entstand das Drama „Hochzeit“, ein weiteres Jahr später „Die Komödie der Eitelkeit“. Alle drei Werke blieben zunächst unveröffentlicht.

Elias Canetti

Durch Lesungen aus dem Roman und den Dramen lernte Canetti allerdings zahlreiche Künstler und Intellektuelle kennen, darunter den Bildhauer Fritz Wotruba, der einer seiner engsten Freunde wurde, die Künstlerin Anna Mahler (in die Canetti sich unglücklich verliebte) und deren Mutter Alma Mahler-Werfel, über die sich Canetti nur abfällig äußert (die zerflossene Alte auf dem Sofa, die strotzende Witwe), den Gelehrten Abraham Sonne („Dr. Sonne“, später Avraham Ben Yitzhak), den Schriftsteller Hermann Broch, den Komponisten Alban Berg, den Dirigenten Hermann Scherchen und den Schriftsteller Robert Musil. Seine zunehmende Bekanntheit ermöglichte es Canetti schließlich sogar, Die Blendung zu veröffentlichen.

Zu Musil äußert sich Canetti wie folgt in dem Buch:

Musil beim Sprechen zuzuhören war eine Erfahrung besonderer Art. Er hatte keine Allüren. Er war zu sehr er selbst, um je an einen Schauspieler zu erinnern. Ich habe von keinem Menschen gehört, der ihn je bei einer Rolle ertappt hätte. Er sprach ziemlich rasch, aber er überstürzte sich nie. Es war seiner Rede nicht anzumerken, daß ihn mehrere Gedanken zugleich bedrängten: bevor er sie vorbrachte, legte er sie auseinander. Er herrschte eine bestechende Ordnung in allem, was er sagte. Für den Rausch der Inspiration, mit dem die Expressionisten sich hauptsächlich hervortaten, bewies er Verachtung. Inspiration war ihm kostbar, um sie für Zwecke der Exhibition zu gebrauchen. Nichts ekelte ihn mehr als Werfels Schaum vor dem Mund. Musil hatte Scham und stellte Inspiration nicht zur Schau. In unerwarteten, in erstaunlichen Bildern gab er ihr plötzlich Raum, grenzte sie aber gleich wieder ein durch den klaren Gang seiner Sätze. Er war ein Gegner von Überschwemmungen in der Sprache und wenn er sich der eines anderen aussetzte, was einen wundernahm, war es, um entschlossen durch die Flut zu schwimmen und sich zu beweisen, daß immer, selbst für das Trübste, ein jenseitiges Ufer sich fände. Es war ihm wohl, wenn es etwas zu überwinden gab, aber vom Entschluß, einen Kampf aufzunehmen, ließ er sich nie etwas anmerken. Plötzlich war er sicher mitten in der Materie, den Kampf merkte man nicht, man war von der Sache gefesselt, und obwohl der Sieger gelenkig, doch unverrückbar vor einem stand, dachte man nicht mehr daran, wie sehr er es war, die Sache selbst war zu wichtig geworden. (S. 174f.)

Hier interpretiert Canetti sehr viel hinein in Musils Denken und überträgt in meinen Augen eigene Vorstellungen in die des Anderen. Wie schon im Fall Karl Kraus ist es fast maßlose Begeisterung für den Autor des Mannes ohne Eigenschaften. Es führte zu einer Art Symbiose, die sich allein Canetti zunutze macht, wenn auch zunächst nur innerlich.

Genau kann ich es nicht benennen, aber bei Elias Canetti überfällt mich beim Lesen eine Art von Ungehaben. Sicherlich kein zentraler Satz und doch für mich charakteristisch ist die Äußerung: Bilder bestimmen, was man erlebt. (S. 323). Canetti war bestimmt durch Bilder, die er immer wieder betrachtete, Goya spielte eine große Rolle, aber auch Abbildungen der Evangelisten. Er übertrug dabei die Größe anderer (wie schon im Fall Robert Musil) auf sich. Wie sonst sollten Bilder bestimmend im Leben eines Menschen werden.

Eigentlich bekannt wurde Canetti durch sein umfassendes Werk „Masse und Macht“, an dem er Jahrzehnte arbeitete und das auch dazu führte, dass er 1981 den Literaturnobelpreis erhielt. Durch die Nationalsozialisten hatte er Anschauungsmaterial genug. In diesem 3. Teil seiner Autobiografie finden wir so auch einige Sätze hierzu:

… zwischen Panik und Massenflucht unterscheiden …, da die Panik zwar ein echter Zerfall der Masse sei, daß es aber auch, wie man zum Beispiel bei Tierherden gut sehen könne, fliehende Massen gäbe, die keinesfalls zerfielen, die beisammen blieben und denen das Massengefühl, von dem sie erfüllt wären, bei der Flucht zustatten käme. … (S. 48)

Canetti – so scheint es – war nicht nur ein Forscher der Macht, sondern ein Macht-Wollender. Er galt – so dies seinen, teils erschütternden Briefen zu entnehmen ist – als schwieriger, eitler und jähzorniger Mann, gleichzeitig als egoistischer Frauenschwarm, der mit Geld nicht umgehen konnte.

Für mich war Elias Canetti ein zwiespältiger Mensch, der über die Masse schrieb und geschickt ‚die Masse’ der Intellektuellen- und Künstler-Kreise, ob nun in Berlin, Wien oder London, wo er immer wieder schnell zu einer Bekanntheit wurde, für sich zu nutzen verstand. Dieser Zwiespalt lässt sich auch in „Das Augenspiel“ zwischen den Zeilen ablesen. Er schreibt hier über andere, über viele, deren Namen erst später zu wirklichen Größen der Literatur- oder Kunstgeschichte wurden. Und er lässt dabei das Licht, das diese Gestalten aussenden, gern auch auf sich scheinen. In seiner (nachträglichen) Interpretation wird man so schnell zu einem unter Gleichen.

Das soll nicht den literarischen Wert seines Werkes schmälern. Es ist aber schon symptomatisch, wie Canetti den Lesern mit seinen drei autobiografischen Bänden vor Augen führt, in welch exklusiven Kreisen er verkehrte.

Literaturnobelpreis an Herta Müller

Weihnachten 1984 bzw. zum Jahreswechsel 1984/85 und vom 16.01. bis zum 06.02.1986 war ich mit meiner Frau zweimal in Rumänien zum Winterurlaub (siehe u.a. meinen Beitrag In rumänischer ‘Gefangenschaft’). Preiswerter konnte man damals vor über zwanzig Jahren nicht Winterurlaub machen. Flug, Unterkunft und Verpflegung, einmal auch der Skikurs, alles war im Preis inbegriffen. Sicherlich ließ sich das alles nicht unbedingt mit unseren Standards vergleichen, war nicht so komfortabel wie in den Alpen, ob nun Österreich, Schweiz oder Bayern. Aber das Essen war ordentlich und das Hotelzimmer beheizt. Dafür gab es kam Gedränge auf den Pisten. Und die Landschaft war mindestens genau so schön.

Rumänien wurde damals mit eiserner Hand durch den Ceausescu-Clan regiert, der pure Stalinismus. Und obwohl das Land über reichlich Öl- und Erdgasquellen verfügte, waren Benzin, Heizöl usw. rationiert. Nicolae Ceausescu waren die Devisen wichtiger als sein Volk. Dafür hauste er im Luxus und residierte wie ein Fürst. Auch an Lebensmittel fehlte es. Wer konnte, versorgte sich selbst.

Als wir vor Weihnachten 1984 ins Land kamen, sahen wir lange Schlangen vor einem Laden, weil es einige wenige Apfelsinen zu kaufen gab. Und in einem Geschäft gab es Fisch, der in einer Gefriertruhe lagerte – Hammer und Meisel lagen dabei, da man den Fisch aus einem Eisblock herausschlagen musste. Die häufigen Stromausfälle hatten dazu geführt, dass der ganze Fisch zu einem einzigen Eisklumpen zusammenfror.

Bücher gab es viele zu kaufen. Im Schaufernster ausgelegt war die vielbändige Gesamtausgabe von Nicolae Ceausescu, dem Staatspräsidenten Rumäniens, sein gesamtes Bla-Bla. Es gab auch Bücher in Deutsch: ein Buch mit Märchen und ein technisches Wörterbuch Deutsch – Rumänisch, das wir uns kauften.

Wir hatten im Hotel Kontakte u.a. zu einer Kellnerin, einer Siebenbürger Sächsin, die uns mit Schmalzgebackenem und eingelegten Pilzen versorgte – als Gegengeschenk für Kleidung, die meine Frau ihr gegeben hatte. Uns war das eher peinlich, aber sie ließ sich partout nicht davon abbringen. Im Fahrstuhl wurden wir von einem Rumänen angesprochen, der uns unsere Jeans, am liebsten gleich auf der Stelle, abkaufen wollte. Wir waren gewarnt, darauf auf keinen Fall einzugehen. Am Ende landete man so im Gewahrsam der Securitate, dem rumänischen Geheimdienst, der Stasi vergleichbar, und damit vielleicht auf Nimmerwiedersehen.

Damals oder nur kurze Zeit darauf, hörte ich zum ersten Mal den Namen Herta Müller, einer am 17. August 1953 in Nitzkydorf, Rumänien, geborenen Schriftstellerin, einer Banater Schwäbin. Ihr erstes Buch Niederungen, dessen Manuskript vor der Veröffentlichung in Rumänien über vier Jahre vom Verlag zurückgehalten wurde, konnte 1982 in Rumänien, wie alle Publikationen, nur in stark zensierter Fassung erscheinen. 1987 reiste Herta Müller mit ihrem damaligen Ehemann, dem Schriftsteller Richard Wagner, in die Bundesrepublik Deutschland aus.

„Dein Vater hat mich auch beim Kirschenpflücken im großen menschenleeren Weingarten nicht angerührt. Er stand wie ein Pfahl neben mir und spuckte ununterbrochen nasse glitschige Kirschkerne aus, und ich wußte damals, daß er mich im Leben oft verprügeln wird. Als wir zu Hause ankamen, hatten die Frauen im Dorf schon ganze Körbe voll Kuchen gebacken, Männer hatten schon ein junges schönes Rind geschlachtet. Die Klauen lagen auf dem Mist. Ich sah sie, als ich durchs Tor und in den Hof trat… Ich wollte damals sagen, ich will nicht heiraten, aber ich sah das geschlachtete Rind, und Großvater hätte mich umgebracht.“

Die Mutter kann aus dieser Geschichte nicht lernen, sie gibt die Prügel einfach an das Kind weiter und quält es mit ihren eigenen Schreckbildern. Der rohe Vater, häufig betrunken, singt vor dem bildlos flimmernden Fernsehschirm Landserlieder, bis alle spüren, „wir ertragen die anderen und uns selber nicht, und die anderen neben uns ertragen uns auch nicht“.

Zum Kreis der Hölle gehören die allgegenwärtigen Großeltern, gefangen in Aberglauben und den Geschichten, die mit „Früher“ beginnen. Die schrullig herrschsüchtige Großmutter treibt ihre Enkelin mit Ohrfeigen in den Mittagsschlaf. Der Großvater, die Taschen voller Nägel, hat noch am ehesten freundliche Züge. Die Nachbarn sind ebenso ruinierte Leute wie die anderen Dorfbewohner, die alten Männer und noch mehr die alten Frauen – „An den Winternachmittagen sitzen sie am Fenster und stricken sich selber mit hinein in ihre Strümpfe aus kratziger Wolle, die immer länger werden und so lang sind wie der Winter selbst, die Fersen haben und Zehen und behaart sind, als könnten sie von alleine gehen.“

Nicht weniger kratzig in dieser Gespensterwelt sind die Dorfhonoratioren, der Pfarrer, der auf naive Fragen die Hände der Kinder mit dem Lineal rot schlägt, oder der Zahnarzt, der zur Demütigung seiner Patienten ihr Gebiß aus dem Fenster wirft. Ganz am Rand treten wie von fern die Vertreter der Staates auf, ein Tierarzt zum Beispiel, der gegenüber den harten Deutschen fast etwas Freundliches hat – weil er sich leicht betrügen und bestechen läßt.

Soviel zum erstes Buch Niederungen von Herta Müller. Kein Wunder: Teile der Banater Schwaben empfanden dieses Buch als „Nestbeschmutzung“.

In ihrem neuesten Roman Atemschaukel zeichnet die Autorin den Weg eines jungen Mannes in ein Deportationslager nach Russland nach, das exemplarisch für das Schicksal der deutschen Bevölkerung in Siebenbürgen nach dem Zweiten Weltkrieg steht (Blick ins Buch Herta Müller: Atemschaukel).

In diesem Jahr nun erhielt Herta Müller den Literaturnobelpreis. Sie habe „mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit“ gezeichnet, hieß es in der Würdigung. Begründet wurde die Vergabe des Nobelpreises mit der Intensität der von ihr verfassten Literatur.

siehe auch zdf.de: Video Herta Müller auf dem blauen Sofa

Literatur-Nobelpreis für Bob Dylan?

Ganz so neu ist sie nicht, die Forderung nach dem Literatur-Nobelpreis für Bob Dylan. Seit 1996 wird er immer wieder als Anwärter auf diesen Preis gehandelt. Eine von den Schriftstellern John Bauldie und Allen Ginsberg geleitete Kampagne führte 1996 zu einer offiziellen Nominierung von Bob Dylan. Unterstützt wurde sie von dem Literaturprofessor Gordon Ball, der die Texte von Dylan in ihrem „außergewöhnlich einfallsreichem Symbolismus“ mit Arthur Rimbaud und William Butler Yeats vergleicht. Für andere erweckt Dylans dunkle und assoziationsreiche Lyrik „immer wieder den Eindruck, als wisse er mehr, als könnte er tiefer dringen und Antworten geben.“

Bob Dylan for Nobel Prize in Literature

Nun, Bob Dylan ist sicherlich einer der einflussreichsten Musiker des letzten Jahrhunderts. Und seine Musik geht einher mit einer ungewöhnlichen Lyrik seiner Lieder. Er wäre auch längst nicht der erste, der für seine Liedertexte eine akademische Auszeichnung erkäme. In Anerkennung für seinen Beitrag zur Pop- und Rockmusik erhielt Ian Anderson (Jethro Tull) 2006 von der Heriot Watt University in Edinburgh die Ehrendoktorwürde für Literatur verliehen.

siehe auch zdf.de: Experten fordern: Nobelpreis für Bob Dylan!

Menschliche Gier

Kam hangeln wir uns aus der Finanzkrise, schon wird wieder kräftig an Börsen und in den Investmentabteilungen gezockt. Haben wir also nichts dazugelernt? Wie für alles (oder doch für vieles), so gibt es immer eine gute Ausrede. Hier sogar eine wissenschaftlich fundierte:

„Das Belohnungszentrum im Hirn verleitet zum Zocken“, sagt Christian Elger, Neurowissenschaftler am Bonner Uni-Klinikum. Will heißen: Der Mensch kann zwar nicht mit Geld umgehen, er kann aber auch nichts dafür. Darauf weisen die Forschungsergebnisse einer relativ jungen Wissenschaftsrichtung hin, der Neuroökonomie. Sie vereint Erkenntnisse aus Psychologie, Ökonomie und Hirnforschung. Die Kernbotschaft: Das Gehirn ist nicht für Geldentscheidungen gebaut – ganz zu schweigen von Finanzkrisen.

Menschliche Gier

Hiernach ist die Gier nach Geld dem Menschen angeboren. Wer an Geld denkt, tut das dummerweise in einem Hirnareal, das auch bei Schokolade, Sex oder Drogen aktiv ist – im Belohnungssystem. Der Mensch reagiert auf Gewinnchancen also wie auf Koks. Klingt nicht eben nach rationaler Entscheidung. Wer es etwas genauer wissen will, dem sei folgendes Buch empfohlen: Jason Zweig: Gier. Neuroökonomie: Wie wir ticken, wenn es ums Geld geht

Nun Ausreden – wie diese wissenschaftlich untermauerte – führen dazu, phlegmatisch zu reagieren: Was soll man dagegen tun, wenn es nicht geändert werden kann. Aristoteles schon hielt den Phlegmatiker in ethischer Hinsicht für unzulänglich und damit sittlich minderwertig. Dem gebe ich gern Recht. Ich erinnere daher an ein Streben, das wir Sublimierung nennen und unter dem Sigmund Freud eine Umwandlung oder Umlenkung von Triebwünschen in eine geistige Leistung oder kulturell anerkannte Verhaltensweise verstand. Bisher ‚begrenzte’ man die Sublimierung auf Bereiche wie Kultur, Religion oder Wissenschaften. Es wird Zeit, dass diese Verhaltensweise auch im Bereich der Ökonomie, also der Wirtschaft und Finanzen, Einzug hält.

siehe auch zdf.de: Gier – Verstand 1:0

Elias Canetti: Die gerettete Zunge

Als Elias Canetti (* 25. Juli 1905 in Rustschuk, Bulgarien; † 14. August 1994 in Zürich) 1981 den Literatur-Nobelpreis erhielt, hatte ich von ihm nur wenig gehört und noch nichts gelesen. So kaufte ich mir das Buch „Die Provinz des Menschen – Aufzeichnungen 1942-1972“ von ihm. Immerhin war er ein Autor deutscher Sprache, wenn auch in Bulgarien als Sohn einer wohlhabenden sephardisch-jüdischen Kaufmannsfamilie (er selbst bezeichnet sich als Spaniole) geboren und lange Zeit in England ansässig. Ich habe zwar immer wieder einen Blick in dieses Buch geworfen. Vollständig gelesen habe ich es aber bis heute nicht. Canetti wurde durch ein vielseitiges Werk bekannt – besonders seine mehrbändige Autobiografie fand ein größeres Publikum.

Nun vor anderthalb Jahren gelangte ich in den Besitz zweier der drei Bände seiner Autobiografie (auf einem Weihnachtsbasar) und las nun in meinem Urlaub den 1. Band: Die gerettete Zunge, der die Jahre bis zum Aufenthalt in Zürich 1921 behandelt.

Elias Canetti

In den Jahren nach dem frühen Tod des geliebten Vaters entwickelte Canetti eine sehr enge, eifersüchtige Beziehung zur Mutter, einer sehr stolzen und selbständigen Frau mit leidenschaftlichem Interesse für Theater und Literatur. Mit den Leseabenden, bei denen Mutter und Sohn gemeinsam klassische Dramen lasen, gab sie dem Wunsch Canettis, später selbst Dichter zu werden, lange Zeit Nahrung. Später sah sie diese Entwicklung zunehmend mit Besorgnis und suchte den Sohn zu einem praktischen Beruf zu drängen.

Zunächst schreibt Canetti:

Ich bekam nie zu hören, daß man etwas aus praktischen Gründen tue. Es wurde nichts betrieben, was ‚nützlich’ für einen werden konnte. Alle Dinge, die ich auffassen mochte, waren gleichberechtigt. … Es kam auf die Dinge selber an und nicht auf ihren Nutzen.

(S. 194)

Elias Canetti erlebte nie materielle Not in seiner Kindheit und Jugendzeit. Die Mutter war durchdrungen von einem Standesdünkel, der sicherlich auch auf ihren Sohn abfärbte. Als es einmal in Zürich zu Beschimpfungen wegen seiner jüdischen Herkunft kam, so entpuppte sich dieser Antisemitismus lediglich als Vorwand gegen den sich in vielen Dingen hochmütig gebenden Canetti. Er lebte in einer anderen Welt, die mehr und mehr ihren Bezug zur Wirklichkeit verlor. So erkannte er dann doch:

Man meint sich für die Welt zu öffnen und zahlt dafür mit Blindheit in der Nähe. Unfaßbar ist der Hochmut, mit dem man darüber entscheidet, was einen angeht und was nicht. … der wölfische Appetit, der sich Wißbegier nennt, merkt nicht, was ihm entgeht.

(S. 291)

Diese andere Welt wurde von seiner Mutter gespeist. Es war eine fiktive Welt der Literatur, die selbst in Zeiten der Not (1. Weltkrieg) über jeden Realismus herrschte. Seltsamerweise war es dann die Mutter, die erkannte, dass ihrem Sohn jegliche Bodenhaftung zu verlieren drohte.

Canetti schreibt und zitiert die Mutter:

Du hast überhaupt kein Recht, etwas zu verachten oder zu bewundern. Du mußt erst wissen, wie es wirklich zugeht. Du mußt es am eigenen Leib erfahren. Du mußt herumgestoßen werden und beweisen, daß du dich zur Wehr setzen kannst.

(S. 312)

Du bist nur hochmütig …

aus: Elias Canetti: Die gerettete Zunge – Geschichte einer Jugend (Fischer Taschenbuch Verlag – 321. – 329. Tausend: April 1989, S. 313)

Hiermit endet der erste Band der Autobiografie. Canetti siedelt 1921 nach Deutschland über, dem Land, in dem nach dem verlorenen Weltkrieg Hunger und Elend regierten.

Ich muss gestehen, dass ich mich beim Lesen mit diesem Canetti nie so richtig anfreunden konnte. Die Hochnäsigkeit der gesamten Familie stieß mich immer wieder ab. Und es wundert mich kaum, wenn man Canetti heute oft als weisen, gastfreundlichen Literaturasketen zu sehen trachtet, der in einer Welt der Bücher und der jederzeit gespitzten Bleistifte lebte. Schon in seiner Kindheit ebnete sich der entsprechende Weg.

Sicherlich finde ich es in Ordnung, seine Kinder für Literatur zu begeistern. Aber Kinder müssen auch lernen, sich in praktischen Dingen auszukennen. Das rechte Maß ist bei Canetti nie gefunden worden – und so wundert es keinen, wenn er sich zu einem altklugen Jungen entwickelt. Ich mag solche Kinder einfach nicht.

Trotzdem finde ich das Buch sehr interessant, weil es einen Einblick in eine Welt ermöglicht, die mit den Umwälzungen im Europa des 20. Jahrhunderts schnell ihr Ende fand. Zwei Stationen auf dem Lebensweg Canettis sind sogar mir bekannt geworden – im Buch heißt es: Wir fuhren mit der Bahn, an Kronstadt vorbei und durch Rumänien. Und: … in Predeal, der Grenzstation zu Ungarn, …

Zum Jahreswechsel 1984/85 und im Frühjahr 1986 besuchte ich mit meiner heutigen Frau zweimal Rumänien und waren so in der Stadt Brasov, dem ehemaligen Kronstadt, als auch in Predeal, heute ein Wintersportort und mitten in Rumänien gelegen. Später etwas mehr zu den Rumänienreisen.

Biografien en masse

Wofür ist das Internet besonders geeignet, wenn nicht als Nachschlagewerk. Wer für seine Recherche Daten zu gewichtigen Personen benötigt, der findet die Antwort vielleicht in einem neuen Biografie-Portal, das gleich vier wichtige wissenschaftlich fundierte Nachschlagewerke zusammenfasst und online verfügbar macht. Hierzu gehören die „Allgemeine Deutsche Biographie“ (ADB) und ihr Nachfolger, die „Neue Deutsche Biographie“, die als historisch-biographisches Grundlagenwerk den Zeitraum vom frühen Mittelalter bis nahe an die Gegenwart erfasst. Ebenfalls mit von der Partie sind zwei weitere wichtige Werke, nämlich das „Österreichische Biographische Lexikon 1815 -1950“ (ÖBL) sowie dessen Schweizer Gegenstück, das „Historische Lexikon der Schweiz“ (HLS). Auf diese Weise sind rund 120.000 Biographien online abrufbar.

Einzigster Wermutstropfen: Biografien von noch lebenden Personen sucht man hier vergebens.

siehe zdf.de: 120.000 Biographien online abrufbar

Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Vor gut vier Jahren hatte ich die „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann erneut gelesen und mich dabei u.a. über die Bezüge des Romans zur Homosexualität ausgelassen. Da dieser Tage der Film im Fernsehen zu sehen war und ich ihn aufgezeichnet habe, griff ich erneut, zum dritten Male, zum Buch.

Der Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ war der letzte aus der Feder von Thomas Mann und erschien 1954, ein Jahr vor Manns Tod. So gibt es auch nur „Der Memoiren erster Teil“. Leser, die Thomas Mann nicht kennen, werden sich zunächst eher schwer tun. Die Sprache Thomas Manns ist reichlich aufgeblasen, zu schwulstig-pompös und manieriert, als dass sie auf Dauer gefallen könnte. Sicherlich ist das in diesem Roman ein Stilmittel, denn Felix Krull entblößt sich auch in seinem schriftlichen Zeugnis als Hochstapler.

Insgesamt finde ich den Roman doch sehr aufschlussreich, da er uns einen Einblick in die alte Kaiserzeit am Ende des 19. Jahrhundert gewährt, denn um diese Zeit spielt der ‚Krull’. Besonders die Ignoranz des Adels, der höheren Gesellschaft gegenüber dem Bürgertum und der Arbeiterschaft tritt hier deutlich zu Tage.

1957 wurde der Roman mit Horst Buchholz in der Titelrolle verfilmt. Regie: Kurt Hoffmann. Aus diesem Film möchte ich die Szene von der Gestellung, d.h. Musterung, des Felix Krull vorstellen. Zur Nachahmung in heutigen Tagen ist dies sicherlich nicht mehr unbedingt zu empfehlen, aber auf jeden Fall ist die Szene sehr amüsant (aus 2. Buch – 5. Kapitel des Romans):


Felix Krull (1957): Gestellung/Musterung

Für Kandidaten auf den Dienst mit der Waffe empfehle ich daher eher Sven Regeners zweiten Roman „Neue Vahr Süd“ aus der „Lehmann“-Trilogie. Interessant sind da besonders die Anmerkungen zum „pazifistischen Dilemma“, wie es einer der Protagonisten des Romans nennt (Herr Lehmann und die Bundeswehr).

Umberto Eco: Baudolino

Umberto Eco (* 5. Januar 1932 in Alessandria, Piemont) ist uns vor allem als Schriftsteller bekannt. Bis zum Herbst 2007 lehrte er an der Universität Bologna als Sprachwissenschaftler, genauer als Semiotiker. Außerdem ist Eco ein bekannter Kolumnist. Sein bekanntester Roman ist ohne Zweifel Der Name der Rose, 1980 in Italien, 1982 in Deutschland erschienen. Der äußeren Form nach handelt es sich dabei um einen breit angelegter historischer Kriminalroman, der anno 1327 in einer italienischen Benediktinerabtei spielt. Dieser Roman wurde auch erfolgreich mit Sean Connery verfilmt.

Im Jahre 2000 erschien im italienischen Original und 2001 in der deutscher Übersetzung ein weiterer Roman von Umberto Eco, der im Mittelalter spielt: Baudolino. Im Stile eines Schelmenromans wird die Lebensgeschichte des piemontesischen Bauernjungen Baudolino aus der Gegend von Alessandria erzählt, der anno 1154 als etwa Dreizehnjähriger von dem Stauferkaiser Friedrich I. Barbarossa adoptiert worden ist, an dessen Hof erzogen wurde, nach einem Studium in Paris zum Berater des Kaisers in italienischen Dingen aufstieg, 1189 mit dessen Heer zum Dritten Kreuzzug aufbrach, nach abenteuerlichen Reisen in den fernen Osten anno 1204 die Plünderung von Konstantinopel durch die Kreuzritter des Vierten Kreuzzugs miterlebte und einige Jahre später irgendwo im Orient verschollen sein soll.

Baudolino ist wahrlich ein Schelm und beeinflusst u.a. durch seine Lügenmärchen nachhaltig die damalige Geschichte, in deren Mitte Friedrich I. Barbarossa steht. Nach Friedrichs Tod beschließt Baudolino, mit seinen Freunden und Getreuen nach Osten zu ziehen, um das Reich des Priesters Johannes zu finden. Diese Expedition führt die Gruppe in ferne Weltgegenden, die von allerlei kuriosen Menschen- und Monsterwesen bewohnt sind – ein phantastischer, teils komischer, teils anrührender, teils dramatischer Streifzug durch die mittelalterliche Mythologie der Fabelwesen.

Ähnlich wie die Legende vom Reich des Priesters Johannes so spielt auch die Legende um den Heiligen Gral eine wichtige Rolle in diesem Roman:

Als Baudolino ihm gegenüber die Wunder des Palastes des Priesterkönigs Johannes erwähnte, rief er ganz aufgeregt: „Ja, von solch einem Schloß oder einem ganz ähnlichen habe ich auch schon in der Bretagne gehört! Es ist das Schloß, in dem sie den Gradal aufbewahren!“

„Was weißt du über den Gradal?“ fragte Boron mit einem plötzlichen Mißtrauen, als hätte Kyot die Hand nach etwas ausgestreckt, das ihm gehörte.

„Was weißt denn du darüber?“ fragte Kyot ebenso mißtrauisch zurück.

„He, he“, mischte sich Baudolinio ein, „wie es scheint, liegt euch beiden sehr viel an diesem Gradal. Was ist das denn? Soweit ich weiß, müßte ein gradalis so etwas wie ein Napf oder eine Schüssel sein.“

„Napf, Schüssel!“ sagte Boron mit mildem Tadel. „Eher ein Kelch.“ Dann, als entschlösse er sich, ein Geheimnis zu lüften: „Ich wundere mich, daß ihr noch nie davon gehört habt. Es ist die kostbarste Reliquie der ganzen Christenheit, der Kelch, in welchem Jesus beim Letzten Abendmahl den Wein in Blut verwandelt hat und in welchem dann Joseph von Arimathia das Blut aus der Seite des Gekreuzigten aufgefangen hat. Manche sagen, der Name dieses Kelches sei Saint Graal, andere sagen statt dessen Sangreal, königliches Blut, denn wer ihn besitze, gehöre dadurch zu einem Geschlecht auserwählter Ritter, die vom selben Stamme seinen wie David und wie Unser Herr Jesus Christus.“

„Graal oder Gradal?“ fragte der Poet, der sofort aufhorchte, wenn er von etwas hörte, das eine Macht verleihen konnte.

„Man weiß es nicht“, sagte Kyot. „Einige sagen auch Grasal und ander Graalz. Und es ist nicht gesagt, daß er ein Kelch ist. Die ihn gesehen haben, erinnern sich nicht an die Form, sondern wissen nur, daß er ein Gegenstand war, der außergewöhnliche Kräfte besaß.“

„Wer hat ihn denn gesehen?“ fragte der Poet.

„Sicher die Ritter, die ihn in Broceliande hüteten. Aber auch von ihnen hat sich jede Spur verloren, ich habe nur Leute kennengelernt, die von ihm erzählen.“

„Es wäre besser, wenn man von dieser Sache weniger erzählen würde und lieber versuchte, mehr darüber zu wissen“, meinte Boron. „dieser junge Mann war gerade in der Bretagne, und kaum hat er davon reden gehört, schon sieht er mich an, als wollte ich ihm etwas wegnehmen, was er gar nicht hat. So geht es allen. Man hört irgendwo vom Gradal reden, und schon glaubt man, man sei der einzige, der ihn finden werde. Ich war auch in der Bretagne, sogar auf den Inseln jenseits des Meeres, ich habe dort volle fünf Jahre verbracht, ohne zu erzählen, nur um zu suchen …“

„Und hast du ihn gefunden?“ fragte Kyot.

„Das Problem ist nicht, den Gradal zu finden, sondern die Ritter, die wußten, wo er sich befand. Ich bin durchs Land gezogen und habe nach ihnen gefragt, aber ich bin ihnen nie begegnet. Vielleicht war ich kein Auserwählter. Und jetzt seht ihr mich hier zwischen alten Pergamenten wühlen in der Hoffnung, eine Spur zu entdecken, die mir beim Durchstreifen jener Wälder entgangen ist …“

„Was reden wir hier eigentlich vom Gradal?“ sagte Baudolino. „Wenn er sich in der Bretagne befindet oder auf jenen Inseln, braucht er uns nicht zu interessieren, denn er hat nichts mit dem Priester Johannes zu tun.“ Falsch, widersprach Kyot, denn wo sich das Schloß befindet, in dem der Gradal gehütet werde, sei nie recht geklärt worden, aber unter den vielen Geschichten, die er gehört habe, sei eine gewesen, nach welcher einer von jenen Rittern, ein gewisser Feirefiz, ihn gefunden und dann einem seiner Söhne geschenkt habe, einem Priester, der später König von Indien geworden sein solle.

„Faseleien“, sagte Boron. „Meinst du, ich hätte jahrelang am falschen Ort gesucht? Wer hat dir denn die Geschichte von diesem Feirefiz erzählt?“

„Jede Geschichte kann gut sein“, meinte der Poet, „und wenn du Kyots Geschichte folgst, kannst du womöglich deinen Gradal finden. Aber im Moment ist es für uns nicht so wichtig, ihn zu finden, sondern erst mal zu klären, ob es sich lohnt, ihn mit dem Priester Johannes zu verbinden. Mein lieber Boron, wir suchen hier nicht einen Gegenstand, sondern jemanden, der über ihn spricht.“ Dann wandte er sich an Baudolino: „Was hältst du davon? Der Priester Johannes besitzt den Gradal, aus ihm bezieht er seine allesüberragende Würde, und die könnte er doch auf Friedrich übertragen, indem er ihm das Ding zum Geschenk macht!“

„Und es könnte derselbe Rubinkelch sein, den der Prinz von Sarandib dem Harun al-Raschid gesandt hat“, regte Solomon an, wobei er vor lauter Erregung begann, durch den zahnlosen Teil seines Mundes zu pfeifen. „Die Sarazenen erehren Jesus als einen großen Propheten, sie könnten den Kelch gefunden haben, und dann könnte Harun ihn seinerseits dem Priester geschenkt haben …“

„Großartig!“ sagte der Poet. „Der Kelch als vorausweisendes Symbol der Wiedergewinnung dessen, was die Mauren zu Unrecht besessen hatten. Von wegen Jerusalem!“

aus Umberto Eco: Baudolino (Carl Hanser Verlag, 2001 – 1. Auflage – S. 157 ff.)

Umberto Eco: Baudolino

Daneben gibt es eine „schön verrückte Geschichte“ in dem Roman, die sich um Adams Sprache rankt. Nach Abduls Aussage, einem Gefährten des Baudolino, ist das Gälische eine Rekonstruktion der biblischen Ursprache:

„Ich weiß eine schön verrückte Geschichte“, sagte Abdul. „Meine Mutter hat mir immer erzählt, daß die Sprache Adams auf ihrer Insel rekonstruiert worden ist, nämlich in Gestalt der gälischen Sprache, die sich aus neun Wortarten zusammensetzte – Nomen, Pronomen, Verb, Adverb, Partizip, Konjunktion und so weiter -, also aus ebenso vielen wie den neun Materialien, aus denen der Turm zu Babel bestanden habe: Ton und Wasser, Wolle und Blut, Holz und Kalk, Pech, Leinen und Teer … Es seinen die zweiundsiebzig Weisen der Schule von Fenius gewesen, welche die gälische Sprache zusammengebastelt hätten aus Fragmenten aller zweiundsiebzig Idiome, die nach der babylonischen Sprachverwirrung entstanden seien, und daher enthalte das Gälische die besten Elemente aus allen Sprachen und habe, genau wie die Sprache Adams, die gleiche Form wie die geschaffene Welt, so daß in ihr jeder Name das Wesen dessen ausdrücke, was er benenne.“

„Rabbi Solomon lächelte nachsichtig. „Viele Völker glauben, daß die Sprache Adams die ihre sei, wobei sie vergessen, daß Adam nur die Sprache der Torah sprechen konnte, nicht die jener Bücher, die von falschen und lügnerischen Göttern erzählen. Den zweiundsiebzig Sprachen, die nach der Verwirrung entstanden sind, fehlen grundlegende Buchstaben. So kennen die Gojim beispielsweise nicht das Het, und die Araber haben kein Peh, und deswegen ähneln manche Sprachen dem Grunzen der Schweine, andere dem Krächzen der Frösche oder dem Kreischen der Kraniche, und das sind genau die Sprachen von Völkern, welche die richtige Lebensführung aufgegeben haben. Dennoch stand die ursprüngliche Torah im Moment der Schöpfung vor dem Angesicht des Allerhöchsten, heilig sei immerdar der Gesegnete, geschrieben wie schwarzes Feuer auf weißem Feuer, in einer Ordnung, die nicht die der geschriebenen Torah ist, wie wir sie heute lesen, und die sich erst nach dem Sündenfall Adams manifestiert hat. Deshalb verbringe ich jede Nacht Stunden und Stunden damit, in großer Konzentration die Lettern der geschriebenen Torah zu buchstabieren, um sie zu verrühren und kreisen zu lassen wie das Rad einer Windmühle und daraus wiedererstehen zu lassen die ursprüngliche Ordnung der ewigen Torah, die vor der Schöpfung bestand und übergeben wurde den Engeln des Allerhöchsten, gesegnet sei der Heilige immerdar. …“

aus Umberto Eco: Baudolino (Carl Hanser Verlag, 2001 – 1. Auflage – S. 150 f.)

Auf der Suche nach dem Reich des Priesters Johannes landet Baudolino mit seinen Freunden und Getreuen in der Stadt Pndapetzim, in der in schönster Eintracht, aber theologischer Zwietracht (hier lernen wir viele der so genannten Häresien des Mittelalters kennen) ein multikulturelle Völkergewimmel lebt. Die Stadt wird von dem „Diakon Johannes“, der als Stellvertreter des Priesters Johannes über Pndapetzim herrscht, regiert. Hier verliebt sich Baudolino unsterblich in eine feenhafte Jungfrau namens Hypatia, die ihn nicht nur in eine ganz neue Art von Liebe, sondern auch in die Grundzüge der gnostischen Weltsicht und Gottesvorstellung einführt. Der Gnosis entsprechend wird die materielle Welt als böse Schöpfung eines eigenen Schöpfergottes (Demiurg) angesehen, mithin auch der Körper negativ beurteilt wird. Von diesem Demiurgen wird ein vollkommen jenseitiger, oberster Gott unterschieden, vom dem ein göttliches Element stammt, welches als göttlicher Funke im Menschen schlummert und in der materiellen Welt „fremd“ ist. Dieser verborgene Funke muss vom Menschen erkannt werden, um nicht der materiellen Welt verhaftet zu bleiben.

Baudolino stammt wie sein Autor aus Alessandria im Piemont. Den ersten Teil seiner Lebensgeschichte schreibt er noch selbst. Alles weitere erzählt er dem byzantinischen Historiker und hohen Beamten Niketas Choniates, den er aus den Händen marodierender fränkischer Kreuzfahrer gerettet hatte.

Eco lässt den Roman mit einem metafiktionalen Kommentar enden, wenn er dem (historisch verbürgten) Geschichtsschreiber Niketas Choniates folgenden Schlussdialog mit einem erfundenen Freund in den Mund legt:

„Es war eine schöne Geschichte. Schade, dass sie nun niemand erfährt.“
„Glaub nicht, du wärst der einzige Geschichtenverfasser in dieser Welt. Früher oder später wird sie jemand erzählen, der noch verlogener ist als Baudolino.“

Das sollte Umberto Eco sein.

Herr Albin in Thomas Manns „Zauberberg“

Herr Albin ist ein Patient auf dem »Berghof«. Herr Albin ist »blutjung und schlenkricht, mit rosigem Kindergesicht und kleinen Backenbartstreifen neben den Ohren« (III, 122). Nach drei Jahren Kur spielt er theatralisch mit Selbstmord (III, 121). Von ihm stammen die Pistolen, mit denen am Ende ein Duell ausgetragen wird. Die »innerlich verödete Frau Magnus« sitzt im Rausch auf seinem Schoß, nachdem Mynheer Peeperkorn sie aufgemuntert hat (VII, 863). Später nimmt Albin an Dr. Krokowskis spiritistischen Sitzungen teil, wo er ziemlich energisch auftritt (VII).

Nun, das ist keine schmeichelhafte Beschreibung des Herrn Albin. Wie gut, dass ich nicht gemeint sein kann (oder männliche Verwandte von mir gleichen Namens), denn der Roman Der Zauberberg von Thomas Mann, der 1924 veröffentlicht wurde, spielt in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg. Er handelt vom Reifeprozess des jungen Hans Castorp. Während eines siebenjährigen Aufenthalts in einem Tuberkulose-Sanatorium trifft Castorp dort Menschen, die ihn mit Politik, Philosophie, aber auch Liebe, Krankheit und Tod konfrontieren.

Nachzulesen ist die Beschreibung in einem Figurenlexikon zu dem Roman, das Teil eines online aufrufbaren Literaturlexikons ist, als Beta-Version am 13.04.2009 ins Netz gestellt. Dieses Lexikon soll in erster Linie Lesern als digitale Gedächtnisstütze dienen. Neben dem Figurenlexikon findet der Leser ausführliches Material zu Thomas Manns Josef und seine Brüder mit Landkarten, Indizes und eigenem Figuren-, Orts- und Sachlexikon. Außerdem enthält dieses Literaturlexikon ein weiteres Figurenlexikon zu Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften. Figurenlexika zu Hugo von Hofmannsthals Dramen und Libretti sowie zu Theodor Storms Novellen sind in Vorbereitung.

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