Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Erich Fromm: Haben oder Sein

Im Gemeindeblatt unserer Evangelisch-lutherischen Johannesgemeinde in Tostedt schrieb Pastor Gerald Meier zum Thema: „Geld und Glaube“ einen Beitrag: Haben oder Sein – Der Mensch zwischen zwei Existenzweisen. Grundlage seiner literarische Erkundung war das Buch Haben oder Sein: Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft – Stuttgart – Deutsche Verlags-Anstalt 1979 (1976) von Erich Fromm.

Gerald Meier schreibt: Zunächst war ich überrascht, wie aktuell dieses Buch auch nach über 30 Jahren noch ist, denn schon damals waren die globalen Probleme erkannt, die sich nunmehr dramatisch zugespitzt haben: die zunehmende Aufspaltung der Völker in arm und Reich, der Klimawandel und der drohende Kampf um sich verringernde Rohstoffe. All diese Probleme sieht Erich Fromm letztlich begründet in der Ausrichtung des modernen Menschen auf die Existenzweise des Habens. Dieser gegenüber stellt er die Existenzweise des Seins, die er weitestgehend auch in der christlichen Tradition verkündet sieht.

Die Existenzweise des Habens ist nach Fromm die vorherrschende Form menschlichen Erlebens geworden. Sie beruht auf der Unsicherheit und Unverfügbarkeit allen Lebens und strebt durch die Aneignung materieller Dinge Sicherheit, Überlegenheit und Macht an, um der Unsicherheit zu entgehen. …

Ein Leben nach den Prinzipien des Seins verspricht eine ganz andere innere Ausrichtung. Sich richtet sich nicht lebenszerstörend am Status des Habens und Besitzens aus, sondern vorrangig an lebendigen Beziehungen. „Sein bezieht sich auf Erlebnisse“ und will die „Schranken des Getrenntseins“ überwinden. … Der Mensch … kann zum Wohl anderer handeln, wenn er erkannt hat, dass auch sein individuelles Wohlergehen vom Ergehen der Gemeinschaft abhängt.

Erich Fromm

Mit Erich Fromm habe ich mich selbst ausführlicher beschäftigt. Sein Buch „Haben oder Sein“ las ich vor dreißig Jahren zum ersten Mal. Erich Fromm bekanntestes Buch ist ohne Zweifel Die Kunst des Liebens. Allein die Veröffentlichung dieses kleinen Büchleins 1956 sorgte nicht nur in der Fachwelt für Aufsehen, sondern erreichte bis heute weltweit eine Auflage von über 25 Mio. und war z.B. in Deutschland (in den 80-er Jahren) Monate lang auf der Bestsellerliste.

Sehr aufschlussreich ist auch seine Anatomie der menschlichen Destruktivität. In den 70-er Jahren hatte sich Fromm aus psychoanalytische Sicht mit den Managern des Todes (Hitler und Heinrich Himmler) eingehend beschäftigt (siehe meinen Beitrag: Bestie Mensch).

Haben und Sein ist eine empirische psychologische und soziologische Analyse der Existenzweisen (sowohl individuell als auch gesellschaftlich) des Habens und des Seins und führt Ansätze von Fromms früheren Arbeiten fort. Es ist im humanistischen Geist geschrieben und stellenweise – verfasst ein Jahrzehnt vor Glasnost und Perestroika – vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und insbesondere der Gefahr eines Atomkrieges (Kubakrise etc.) zu verstehen. Ersetzt man die von Fromm verwendeten und für die damalige Zeit aktuellen maschinenfixierten Beispiele durch computerfixierte, so ist das Werk zum größten Teil noch immer hochaktuell.

Die These dieses wichtigen Buches ist, dass zwei Arten der Existenz um die Seele des Menschen streiten: Der Modus des Habens, der sich auf materiellen Besitz konzentriert, auf Gewinnsucht, Macht, Aggression und der Gier, Neid und Gewalt verursacht; und der Modus des Seins, der sich auf Liebe gründet, auf die Lust zu teilen und sich in wesentlicher, nicht verschwenderischer, sondern schöpferischer Tätigkeit ausdrückt. Fromm stellt fest, dass der Habenmodus mit seiner aggressiven, espansionistischen Wachstumsmoral seit dem Mittelalter das Übergewicht hat und jetzt die Welt an den Abgrund des psychologischen und ökonomischen Ruins bringt. In diesem Buch entwirft er das Programm eines gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels, den Gegenkurs zu der Fahrt in die Katastrophe. Seine Hoffnung setzt er darauf, dass viele Züge des Seinsmodus fortleben und die Menschen zunehmend der Leere ihres aufs Haben gerichteten Lebens gewahr werden und eine Welt ersehnen, die sie für kaum erreichbar halten, eine Welt der Liebe und Teilnahme.

Eigentlich sollte man dieses Buch jedem angehenden Banker und Industriemanager zur Pflichtlektüre machen. Auch wenn die meisten von diesen nur ein müdes Lächeln zeigen werden, so wäre es schon als Erfolg zu werten, wenn wenigstens der eine oder andere von ihnen etwas nachdenklicher würde.

40 Jahre Monty Python’s Flying Circus

Mein Faible für (fast) alles Britische hat drei Quellen. Zum einen ist es die TV-Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“ (im Original: „The Avengers“, also „Die Rächer“) mit Patrick Macnee als John Steed und vor allem Diana Rigg als Emma Peel, die Mitte der 60er Jahre im deutschen Fernsehen zum ersten Mal ausgestrahlt wurde (ich berichtete in den letzten Wochen und Monaten öfter davon). Dann ist es die Rockgruppe Jethro Tull, die ich Ende der 60er Jahre kennen lernte und die seitdem zu meinen Lieblingsbands gehört. Ian Anderson verkörpert mit seinen Jungs vieles von dem, was als very british gilt. Und dann ist es natürlich die britische Komikergruppe Monty Python, die vor 40 Jahren am 5. Oktober 1969 ihren Einstand im britischen Fernsehen gab mit Monty Python’s Flying Circus. Die deutschsprachige Erstausstrahlung erfolgte am 8. September 1971.

Monty Python

Über den Monty Python’s Flying Circus habe ich natürlich in diesem Blog auch schon einmal berichtet. Monty Python bestand aus Graham Chapman (* 1941; † 1989), John Cleese (* 1939), Terry Gilliam (* 1940), Eric Idle (* 1943), Terry Jones (* 1942) und Michael Palin (* 1943). Cleese, Chapman und Idle studierten an der Universität Cambridge, Palin und Jones an der Universität Oxford, wo sie im Schreiben und Darstellen komischer Sketche erste Erfahrungen sammelten. Zwischen 1969 und 1974 wurden für die BBC 45 Folgen der Serie gedreht, in der Sketche und Trickfilmszenen gemischt wurden. Die Serie bestach durch ihren schrägen Humor. In Anlehnung an den Ausdruck „kafkaesk“ wurde diese Stilrichtung auch als „pythonesk“ bezeichnet. Sie zeichnete sich durch hintersinnigen und vor allem schwarzen Humor aus – all das, was wir heute als britischen Humor kennen.

Dank Internet kann man heute viele der Folgen am Bildschirm verfolgen – im Original oder auch deutschsprachig. Viel Spaß dabei.

Monty Python's Flying Cirucs: Sämtliche Worte

Übrigens: Für nur noch 5,90 € gibt es Monty Python’s Flying Circus „Sämtliche Worte Band 1 + 2“ in einem Buch mit über 800 Seiten in deutscher Übersetzung bei zweitausendeins.de. Die Serie selbst gibt es als Monty Python’s Flying Circus – Box (7 DVDs) zu kaufen.

Zuletzt aus dem Film Das Leben des Brian, der 1979 entstand, das Abschlusslied „Always Look on the Bright Side of Life“, das wohl allen bekannt sein dürfte:


Always Look On The Bright Side of Life

Lob des Aufenthalts im Freien – ein PER

Vorbemerkung: Manchmal entscheidet der Anfang eines Romans darüber, ob wir das Buch zu Ende lesen oder nicht. Manche Romane sind geradezu bekannt für ihren Beginn. Mancher Schreiberling und Schriftsteller ist aber über den Start einer Geschichte, ob sie nun als Kurzerzählung oder Roman enden sollte, nicht hinausgekommen. Andere schreiben Romananfänge und nur diese. Die weitere Geschichte interessiert sie nicht.

Ich versuche mich hier an einer neuen Gattung der Prosa und nenne es „plötzlich endender Roman“ (PER), neu-deutsch: „suddenly ending novel“ (SEN), weil’s so schön klingt, wobei ein Hauptmerkmal auf eine möglichst längere Einleitung wie bei einem Romananfang liegt. Die Einführung soll dem Leser suggerieren, dass es eine lange Geschichte werden könnte, die da erzählt wird. Möglichst viele Handlungsstränge werden miteinander verwoben, alles spielt vielleicht auf verschiedenen Zeitebenen (Rückblenden sind bestens geeignet). Aber nach bereits einer Seite soll dann der Paukenschlag kommen: das plötzliche Ende … Schluss und vorbei!

Also wie ein Aufsatz ohne Hauptteil, nur mit Einleitung und Schluss. Wichtig ist vielleicht auch der Titel eines PERs, der möglichst abstrus sein sollte, um den Leser schon hier in die Irre zu führen.

Von meinem ersten PER (ach wie schön können Abkürzungen sein) erhebe ich keinerlei literarischen Anspruch. Die neue Gattung muss erst noch wachsen. Auch gestehe ich, dabei einfach ‚drauflos’ geschrieben zu haben – und dass mir zunächst ‚etwas ganz anderes’ vorschwebte. Vielleicht ist dieses intuitive Schreiben eines der Kennzeichen des PERs.

Der Bruch in der Geschichte, die Stelle, die das plötzliche Ende einleitet, ist sicherlich sehr klischeehaft (ein Vorhang, der zerreißt) – und das Ende ist eher ordinär. Aber, ich hoffe, das tut dem Ganzen keinen Abbruch. Hier also mein erster PER, plötzlich endender Roman:

Lob des Aufenthalts im Freien

Leisen Schrittes erstieg er den Gipfel, der ihn eine weite Sicht über die anderen Berge eröffnete. Nie zuvor war er so hoch gestiegen, noch nie blickte er so frei auf das Land seiner Ahnen. Die Milch im Sack war sauer geworden, aber er mochte Saures – und war schon allein der Windzug erfrischend, so schmolz die Flüssigkeit wie Eis in seiner heißen Kehle. Das tat gut. Der Aufstieg hatte ihn durstig gemacht. Und Hunger verspürte er nun auch. Appetit kommt beim Essen oder hier beim Trinken. Das Brot war schimmelig, aber mit dem Messer kratzte er die fauligen Stellen wie eine Wunde sauber, brach sich erst ein Stück mit den Fingern heraus, steckte es in den Mund, und biss dann Stück für Stück aus dem Brot wie ein Wolf das Fleisch aus dem Körper seines Opfers.

Sein Blick war auf einen Punkt in der Ferne gerichtet. Das musste das Gehege sein, in dem der Hirt am Abend seine Schafe zur Nachtruhe treibt. Hier hatte er vor zwei Tagen Quartier zwischen den warmen Körpern der Tiere und nach einem langen Fußmarsch tiefen, traumlosen Schlaf gefunden. Der Hirt hatte ihm am nächsten Tag mit Milch und Brot versorgt. Geld wollte er dafür nicht. Ein Handschlag zum Abschied genügte ihm.

Jetzt stand er also hier oben, nagte am Brot und trank von der sauer gewordenen Milch. Er musste plötzlich an den Bauern denken, der ihn von seinem Hof gescheucht hatte. Mit Herumtreibern, die nur von der Hand in den Mund leben, die vielleicht das Vieh schänden, wollte dieser nichts zu tun haben. Dabei suchte er nur eine Unterkunft für eine Nacht in dem Stroh der Scheune. Einmal ein Dach über dem Kopf haben, nur das wünschte er sich.

So war der Himmel seit Tagen sein Dach in der Nacht.

Vor genau zwei Wochen war er mit der Fähre auf diese Insel gekommen. Im Gepäck, das jetzt in der Hauptstadt in seinem Hotelzimmer auf dem Bett lag, waren die Briefe, die sein Bruder ihn nach Übersee geschrieben hatte, zurückgeblieben. Dieser hatte ihn gebeten, so schnell wie möglich hierher auf die Insel zu kommen. Der Grund war ihm nicht ganz klar. Es sollte aber um viel Geld gehen.

Als er vor 14 Tagen die Reling der Fähre hinabstieg, sein Blick suchte den Bruder auf dem Kai, überkam ihn ein unbeschreibliches Gefühl. Von diesem Hafen aus war er vor mehr als zwölf Jahren in die Welt aufgebrochen. Hier hatte er Kindheit und Jugend zurückgelassen, um in einem fernen Land sein Glück zu suchen.

Als er auf dem Kai stand, den Koffer mit den wenigen Sachen und mit den Briefen des Bruders in der Hand, war von diesem nichts zu sehen. Urplötzlich breitete sich Panik in ihm aus. Warum war sein Bruder nicht da, der ihn doch ausdrücklich von der Fähre abholen wollte? Er versuchte sich zu beruhigen. Der Bruder war sicherlich aufgehalten worden und wird in wenigen Augenblicken mit lachenden Gesicht vor ihm stehen und begrüßen. Als aber auch nach einer vollen Stunde kein Bruder zu sehen war, stieg dieses von ihm so bekannte Gefühl von existenzieller Angst erneut und in voller Wucht in ihm auf.

Hier oben auf dem Gipfel erschien ihn seine Ankunft auf dieser Insel wie ein Traum, eher ein Alptraum, an den man sich plötzlich wieder erinnert, der aber schon Monate zurückliegt. Als der Bruder auch nach einer weiteren Stunde nicht erschienen war, suchte er in der Nähe nach einem Taxi. –

Er stand vor einem völlig verwahrlosten Haus und fragte noch einmal den Taxifahrer, ob das wirklich die Straße wäre, die der Bruder in seiner Adresse angegeben hatte. Straße und Hausnummer stimmten. Völlig ratlos betrat er das Grundstück. Die Pforte war nur angelehnt, der in Stein gefasste Weg zum Haus überwuchert von Unkraut. Es war schon nicht mehr Panik, was ihn beschlich. Es war eine Faust, die sein Herz umklammerte. Sein Atem stockte.

Die Sonne begann zu brennen. Obwohl es auf dem Gipfel des Berges kalt war, fing die Sonne an, ihn zu wärmen. Sein Gesicht rötete sich. In diesem Augenblick zerriss der Vorhang. Vor ihm stand sein Bruder und fasste ihm am Arm. Wie benommen blickte er auf.

„Wach endlich auf, du Schlafmütze! Es wird Zeit für uns. Ich kann nicht länger warten.“

Was gibt es Beschisseneres als diesen Traum, als diesen Traum im Traum. „Mach die Fliege, ich will noch eine Runde schlafen!“

Emma & William: Ein Sommernachtstraum

Zusammen mit Patrick Mcnee als John Steed wurde Diana Rigg in den 1960er Jahren weltweit bekannt als scharfzüngige, schlagkräftige, emanzipierte und oft in Leder gekleidete Emma Peel in der britischen Fernsehserie „Mit Schirm, Charme und Melone“, im Original „The Avengers“, die zunächst in Schwarz-Weiß, dann in Farbe ausgestrahlt wurde. In dieser Rolle fuhr Diana Rigg einen Lotus Elan, einen englischen Roadster. Sie war ihrer Zeit mehr als dreißig Jahre voraus und gab das Vorbild ab für unzählige Nachahmerinnen.

Nach insgesamt 50 Folgen verabschiedete sich dann Diana Rigg. Ihr waren die andauernden Filmaufnahmen zu der Serie zu stressig. Außerdem wollte sie sich nicht auf längere Sicht auf die Rolle der Emma Peel festlegen lassen. So kehrte sie auf die Theaterbühne zurück, wo sie in klassischen und modernen Rollen großen Erfolg feierte und viele Auszeichnungen einsammelte. Sie wurde 1967 Mitglied der Royal Shakespeare Company und 1971 Mitglied des National Theatre of Great Britain. Diana Rigg zählt übrigens zu den ersten Schauspielerinnen, die nackt auf der Bühne auftraten (im Stück Abelard and Heloise, 1970). 1979 wurde sie in einer Titelstory des Time Magazine als „Großbritanniens beste Schauspielerin“ gefeiert.

Die Komödie Ein Sommernachtstraum (A Midsummer Night’s Dream) von William Shakespeare wurde 1968 in der Regie von Peter Hall mit Diana Rigg verfilmt. Neben ihr als Helena sind u.a. auch spätere Größen wie Helen Mirren (Hermia) und Ian Holm (Puck) zu sehen, zudem David Warner als Lysander und Michael Jayston als Demetrius.

Bei YouTube sind einige Szenen aus diesem Theaterstück zu sehen; zunächst ein erster Ausschnitt, in dem Helena (Diana Rigg) ab 5:16 auftritt:

Helen Mirren & Diana Rigg A Midsummer 1968 Night’s Dream

Diana Rigg 1968 als Helena

Aus dem 2. Akt sehen wir Helena (Diana Rigg) ab 3:00. Dieser Ausschnitt beginnt mit dem 2. Akt – Szene 2 – Textzeile 35 (Pelican edition) und geht bis zum Ende dieser Szene – Textzeile 156 (Hermia erwacht und beendet ihre Rede mit „Either death, or you, I’ll find immediately.“):

A Midsummer Night’s Dream – Helen Mirren & Diana Rigg, Act 2

Ein dritter Ausschnitt startet mit dem 3. Akt – Szene 2 – Textzeile 132 (Pelican edition, Helena: „Your vows to her ad me, put in two scales“) und endet mit dem Abgang von Helena und Hermia – Textzeile 344 (Hermia’s „I am amazed, and know not what to say“):

William Shakespeare’s „A Midsummer Night’s Dream“
A Midsummer Night’s Dream- Helen Mirren & Diana Rigg, Act 3

1994 wurde Diana Rigg von Königin Elisabeth II. zur Dame ernannt (Dame Commander of the Order of the British Empire (DBE)).

Hinweis: Die einzigste Tochter von Diana Rigg ist ebenfalls Schauspielerin: Rachael Stirling

Elias Canetti: Das Augenspiel

Mit Die gerettete Zunge, dem ersten Band seiner Autobiografie, erfahren wir aus der Kindes- und Jugendzeit von Elias Canetti. „Die Fackel im Ohr“ (Lebensgeschichte 1921 – 1931) setzt die Autobiographie fort. Die Familie verbringt die Zeit nach dem ersten Weltkrieg in Frankfurt, um dann nach Wien umzuziehen. Hier lernt der junge Elias zum ersten Mal Karl Kraus kennen, einen Sprachkritiker, der seine Zuhörer unglaublich in seinen Bann ziehen konnte. Gerade diese frühen Vorlesungen von Karl Kraus und seine Zeitschrift „Die Fackel“ sind es, die die späteren Werke von Elias Canetti prägen werden. Im Jahre 1928 zieht es Canetti nach Berlin, wo er zum ersten Mal schriftstellerisch tätig ist und die Bekanntschaft u.a. mit Bertolt Brecht macht. Die Beschreibung der Berliner Intellektuellen am Ende der zwanziger Jahre ist ein besonders interessantes Kapitel in diesem Teil von Canettis Autobiographie. Aber auch die folgenden Jahre während des Studiums wieder in Wien zeigen auf interessante Weise, wie sich Canetti schon als junger Mensch mit Werken auseinandersetzte, die er später tatsächlich verfasst hat.

„Das Augenspiel“ ist der dritte und letzte Teil seiner Lebensgeschichte und führt uns in die Jahre 1931 – 1937. Es sind die weiteren Jahre in Wien, in denen er viele Kontakte mit Intellektuellen pflegte. 1930/31 schrieb Canetti an seinem Roman „Die Blendung“, ein Jahr darauf entstand das Drama „Hochzeit“, ein weiteres Jahr später „Die Komödie der Eitelkeit“. Alle drei Werke blieben zunächst unveröffentlicht.

Elias Canetti

Durch Lesungen aus dem Roman und den Dramen lernte Canetti allerdings zahlreiche Künstler und Intellektuelle kennen, darunter den Bildhauer Fritz Wotruba, der einer seiner engsten Freunde wurde, die Künstlerin Anna Mahler (in die Canetti sich unglücklich verliebte) und deren Mutter Alma Mahler-Werfel, über die sich Canetti nur abfällig äußert (die zerflossene Alte auf dem Sofa, die strotzende Witwe), den Gelehrten Abraham Sonne („Dr. Sonne“, später Avraham Ben Yitzhak), den Schriftsteller Hermann Broch, den Komponisten Alban Berg, den Dirigenten Hermann Scherchen und den Schriftsteller Robert Musil. Seine zunehmende Bekanntheit ermöglichte es Canetti schließlich sogar, Die Blendung zu veröffentlichen.

Zu Musil äußert sich Canetti wie folgt in dem Buch:

Musil beim Sprechen zuzuhören war eine Erfahrung besonderer Art. Er hatte keine Allüren. Er war zu sehr er selbst, um je an einen Schauspieler zu erinnern. Ich habe von keinem Menschen gehört, der ihn je bei einer Rolle ertappt hätte. Er sprach ziemlich rasch, aber er überstürzte sich nie. Es war seiner Rede nicht anzumerken, daß ihn mehrere Gedanken zugleich bedrängten: bevor er sie vorbrachte, legte er sie auseinander. Er herrschte eine bestechende Ordnung in allem, was er sagte. Für den Rausch der Inspiration, mit dem die Expressionisten sich hauptsächlich hervortaten, bewies er Verachtung. Inspiration war ihm kostbar, um sie für Zwecke der Exhibition zu gebrauchen. Nichts ekelte ihn mehr als Werfels Schaum vor dem Mund. Musil hatte Scham und stellte Inspiration nicht zur Schau. In unerwarteten, in erstaunlichen Bildern gab er ihr plötzlich Raum, grenzte sie aber gleich wieder ein durch den klaren Gang seiner Sätze. Er war ein Gegner von Überschwemmungen in der Sprache und wenn er sich der eines anderen aussetzte, was einen wundernahm, war es, um entschlossen durch die Flut zu schwimmen und sich zu beweisen, daß immer, selbst für das Trübste, ein jenseitiges Ufer sich fände. Es war ihm wohl, wenn es etwas zu überwinden gab, aber vom Entschluß, einen Kampf aufzunehmen, ließ er sich nie etwas anmerken. Plötzlich war er sicher mitten in der Materie, den Kampf merkte man nicht, man war von der Sache gefesselt, und obwohl der Sieger gelenkig, doch unverrückbar vor einem stand, dachte man nicht mehr daran, wie sehr er es war, die Sache selbst war zu wichtig geworden. (S. 174f.)

Hier interpretiert Canetti sehr viel hinein in Musils Denken und überträgt in meinen Augen eigene Vorstellungen in die des Anderen. Wie schon im Fall Karl Kraus ist es fast maßlose Begeisterung für den Autor des Mannes ohne Eigenschaften. Es führte zu einer Art Symbiose, die sich allein Canetti zunutze macht, wenn auch zunächst nur innerlich.

Genau kann ich es nicht benennen, aber bei Elias Canetti überfällt mich beim Lesen eine Art von Ungehaben. Sicherlich kein zentraler Satz und doch für mich charakteristisch ist die Äußerung: Bilder bestimmen, was man erlebt. (S. 323). Canetti war bestimmt durch Bilder, die er immer wieder betrachtete, Goya spielte eine große Rolle, aber auch Abbildungen der Evangelisten. Er übertrug dabei die Größe anderer (wie schon im Fall Robert Musil) auf sich. Wie sonst sollten Bilder bestimmend im Leben eines Menschen werden.

Eigentlich bekannt wurde Canetti durch sein umfassendes Werk „Masse und Macht“, an dem er Jahrzehnte arbeitete und das auch dazu führte, dass er 1981 den Literaturnobelpreis erhielt. Durch die Nationalsozialisten hatte er Anschauungsmaterial genug. In diesem 3. Teil seiner Autobiografie finden wir so auch einige Sätze hierzu:

… zwischen Panik und Massenflucht unterscheiden …, da die Panik zwar ein echter Zerfall der Masse sei, daß es aber auch, wie man zum Beispiel bei Tierherden gut sehen könne, fliehende Massen gäbe, die keinesfalls zerfielen, die beisammen blieben und denen das Massengefühl, von dem sie erfüllt wären, bei der Flucht zustatten käme. … (S. 48)

Canetti – so scheint es – war nicht nur ein Forscher der Macht, sondern ein Macht-Wollender. Er galt – so dies seinen, teils erschütternden Briefen zu entnehmen ist – als schwieriger, eitler und jähzorniger Mann, gleichzeitig als egoistischer Frauenschwarm, der mit Geld nicht umgehen konnte.

Für mich war Elias Canetti ein zwiespältiger Mensch, der über die Masse schrieb und geschickt ‚die Masse’ der Intellektuellen- und Künstler-Kreise, ob nun in Berlin, Wien oder London, wo er immer wieder schnell zu einer Bekanntheit wurde, für sich zu nutzen verstand. Dieser Zwiespalt lässt sich auch in „Das Augenspiel“ zwischen den Zeilen ablesen. Er schreibt hier über andere, über viele, deren Namen erst später zu wirklichen Größen der Literatur- oder Kunstgeschichte wurden. Und er lässt dabei das Licht, das diese Gestalten aussenden, gern auch auf sich scheinen. In seiner (nachträglichen) Interpretation wird man so schnell zu einem unter Gleichen.

Das soll nicht den literarischen Wert seines Werkes schmälern. Es ist aber schon symptomatisch, wie Canetti den Lesern mit seinen drei autobiografischen Bänden vor Augen führt, in welch exklusiven Kreisen er verkehrte.

Literaturnobelpreis an Herta Müller

Weihnachten 1984 bzw. zum Jahreswechsel 1984/85 und vom 16.01. bis zum 06.02.1986 war ich mit meiner Frau zweimal in Rumänien zum Winterurlaub (siehe u.a. meinen Beitrag In rumänischer ‘Gefangenschaft’). Preiswerter konnte man damals vor über zwanzig Jahren nicht Winterurlaub machen. Flug, Unterkunft und Verpflegung, einmal auch der Skikurs, alles war im Preis inbegriffen. Sicherlich ließ sich das alles nicht unbedingt mit unseren Standards vergleichen, war nicht so komfortabel wie in den Alpen, ob nun Österreich, Schweiz oder Bayern. Aber das Essen war ordentlich und das Hotelzimmer beheizt. Dafür gab es kam Gedränge auf den Pisten. Und die Landschaft war mindestens genau so schön.

Rumänien wurde damals mit eiserner Hand durch den Ceausescu-Clan regiert, der pure Stalinismus. Und obwohl das Land über reichlich Öl- und Erdgasquellen verfügte, waren Benzin, Heizöl usw. rationiert. Nicolae Ceausescu waren die Devisen wichtiger als sein Volk. Dafür hauste er im Luxus und residierte wie ein Fürst. Auch an Lebensmittel fehlte es. Wer konnte, versorgte sich selbst.

Als wir vor Weihnachten 1984 ins Land kamen, sahen wir lange Schlangen vor einem Laden, weil es einige wenige Apfelsinen zu kaufen gab. Und in einem Geschäft gab es Fisch, der in einer Gefriertruhe lagerte – Hammer und Meisel lagen dabei, da man den Fisch aus einem Eisblock herausschlagen musste. Die häufigen Stromausfälle hatten dazu geführt, dass der ganze Fisch zu einem einzigen Eisklumpen zusammenfror.

Bücher gab es viele zu kaufen. Im Schaufernster ausgelegt war die vielbändige Gesamtausgabe von Nicolae Ceausescu, dem Staatspräsidenten Rumäniens, sein gesamtes Bla-Bla. Es gab auch Bücher in Deutsch: ein Buch mit Märchen und ein technisches Wörterbuch Deutsch – Rumänisch, das wir uns kauften.

Wir hatten im Hotel Kontakte u.a. zu einer Kellnerin, einer Siebenbürger Sächsin, die uns mit Schmalzgebackenem und eingelegten Pilzen versorgte – als Gegengeschenk für Kleidung, die meine Frau ihr gegeben hatte. Uns war das eher peinlich, aber sie ließ sich partout nicht davon abbringen. Im Fahrstuhl wurden wir von einem Rumänen angesprochen, der uns unsere Jeans, am liebsten gleich auf der Stelle, abkaufen wollte. Wir waren gewarnt, darauf auf keinen Fall einzugehen. Am Ende landete man so im Gewahrsam der Securitate, dem rumänischen Geheimdienst, der Stasi vergleichbar, und damit vielleicht auf Nimmerwiedersehen.

Damals oder nur kurze Zeit darauf, hörte ich zum ersten Mal den Namen Herta Müller, einer am 17. August 1953 in Nitzkydorf, Rumänien, geborenen Schriftstellerin, einer Banater Schwäbin. Ihr erstes Buch Niederungen, dessen Manuskript vor der Veröffentlichung in Rumänien über vier Jahre vom Verlag zurückgehalten wurde, konnte 1982 in Rumänien, wie alle Publikationen, nur in stark zensierter Fassung erscheinen. 1987 reiste Herta Müller mit ihrem damaligen Ehemann, dem Schriftsteller Richard Wagner, in die Bundesrepublik Deutschland aus.

„Dein Vater hat mich auch beim Kirschenpflücken im großen menschenleeren Weingarten nicht angerührt. Er stand wie ein Pfahl neben mir und spuckte ununterbrochen nasse glitschige Kirschkerne aus, und ich wußte damals, daß er mich im Leben oft verprügeln wird. Als wir zu Hause ankamen, hatten die Frauen im Dorf schon ganze Körbe voll Kuchen gebacken, Männer hatten schon ein junges schönes Rind geschlachtet. Die Klauen lagen auf dem Mist. Ich sah sie, als ich durchs Tor und in den Hof trat… Ich wollte damals sagen, ich will nicht heiraten, aber ich sah das geschlachtete Rind, und Großvater hätte mich umgebracht.“

Die Mutter kann aus dieser Geschichte nicht lernen, sie gibt die Prügel einfach an das Kind weiter und quält es mit ihren eigenen Schreckbildern. Der rohe Vater, häufig betrunken, singt vor dem bildlos flimmernden Fernsehschirm Landserlieder, bis alle spüren, „wir ertragen die anderen und uns selber nicht, und die anderen neben uns ertragen uns auch nicht“.

Zum Kreis der Hölle gehören die allgegenwärtigen Großeltern, gefangen in Aberglauben und den Geschichten, die mit „Früher“ beginnen. Die schrullig herrschsüchtige Großmutter treibt ihre Enkelin mit Ohrfeigen in den Mittagsschlaf. Der Großvater, die Taschen voller Nägel, hat noch am ehesten freundliche Züge. Die Nachbarn sind ebenso ruinierte Leute wie die anderen Dorfbewohner, die alten Männer und noch mehr die alten Frauen – „An den Winternachmittagen sitzen sie am Fenster und stricken sich selber mit hinein in ihre Strümpfe aus kratziger Wolle, die immer länger werden und so lang sind wie der Winter selbst, die Fersen haben und Zehen und behaart sind, als könnten sie von alleine gehen.“

Nicht weniger kratzig in dieser Gespensterwelt sind die Dorfhonoratioren, der Pfarrer, der auf naive Fragen die Hände der Kinder mit dem Lineal rot schlägt, oder der Zahnarzt, der zur Demütigung seiner Patienten ihr Gebiß aus dem Fenster wirft. Ganz am Rand treten wie von fern die Vertreter der Staates auf, ein Tierarzt zum Beispiel, der gegenüber den harten Deutschen fast etwas Freundliches hat – weil er sich leicht betrügen und bestechen läßt.

Soviel zum erstes Buch Niederungen von Herta Müller. Kein Wunder: Teile der Banater Schwaben empfanden dieses Buch als „Nestbeschmutzung“.

In ihrem neuesten Roman Atemschaukel zeichnet die Autorin den Weg eines jungen Mannes in ein Deportationslager nach Russland nach, das exemplarisch für das Schicksal der deutschen Bevölkerung in Siebenbürgen nach dem Zweiten Weltkrieg steht (Blick ins Buch Herta Müller: Atemschaukel).

In diesem Jahr nun erhielt Herta Müller den Literaturnobelpreis. Sie habe „mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit“ gezeichnet, hieß es in der Würdigung. Begründet wurde die Vergabe des Nobelpreises mit der Intensität der von ihr verfassten Literatur.

siehe auch zdf.de: Video Herta Müller auf dem blauen Sofa

Literatur-Nobelpreis für Bob Dylan?

Ganz so neu ist sie nicht, die Forderung nach dem Literatur-Nobelpreis für Bob Dylan. Seit 1996 wird er immer wieder als Anwärter auf diesen Preis gehandelt. Eine von den Schriftstellern John Bauldie und Allen Ginsberg geleitete Kampagne führte 1996 zu einer offiziellen Nominierung von Bob Dylan. Unterstützt wurde sie von dem Literaturprofessor Gordon Ball, der die Texte von Dylan in ihrem „außergewöhnlich einfallsreichem Symbolismus“ mit Arthur Rimbaud und William Butler Yeats vergleicht. Für andere erweckt Dylans dunkle und assoziationsreiche Lyrik „immer wieder den Eindruck, als wisse er mehr, als könnte er tiefer dringen und Antworten geben.“

Bob Dylan for Nobel Prize in Literature

Nun, Bob Dylan ist sicherlich einer der einflussreichsten Musiker des letzten Jahrhunderts. Und seine Musik geht einher mit einer ungewöhnlichen Lyrik seiner Lieder. Er wäre auch längst nicht der erste, der für seine Liedertexte eine akademische Auszeichnung erkäme. In Anerkennung für seinen Beitrag zur Pop- und Rockmusik erhielt Ian Anderson (Jethro Tull) 2006 von der Heriot Watt University in Edinburgh die Ehrendoktorwürde für Literatur verliehen.

siehe auch zdf.de: Experten fordern: Nobelpreis für Bob Dylan!

Menschliche Gier

Kam hangeln wir uns aus der Finanzkrise, schon wird wieder kräftig an Börsen und in den Investmentabteilungen gezockt. Haben wir also nichts dazugelernt? Wie für alles (oder doch für vieles), so gibt es immer eine gute Ausrede. Hier sogar eine wissenschaftlich fundierte:

„Das Belohnungszentrum im Hirn verleitet zum Zocken“, sagt Christian Elger, Neurowissenschaftler am Bonner Uni-Klinikum. Will heißen: Der Mensch kann zwar nicht mit Geld umgehen, er kann aber auch nichts dafür. Darauf weisen die Forschungsergebnisse einer relativ jungen Wissenschaftsrichtung hin, der Neuroökonomie. Sie vereint Erkenntnisse aus Psychologie, Ökonomie und Hirnforschung. Die Kernbotschaft: Das Gehirn ist nicht für Geldentscheidungen gebaut – ganz zu schweigen von Finanzkrisen.

Menschliche Gier

Hiernach ist die Gier nach Geld dem Menschen angeboren. Wer an Geld denkt, tut das dummerweise in einem Hirnareal, das auch bei Schokolade, Sex oder Drogen aktiv ist – im Belohnungssystem. Der Mensch reagiert auf Gewinnchancen also wie auf Koks. Klingt nicht eben nach rationaler Entscheidung. Wer es etwas genauer wissen will, dem sei folgendes Buch empfohlen: Jason Zweig: Gier. Neuroökonomie: Wie wir ticken, wenn es ums Geld geht

Nun Ausreden – wie diese wissenschaftlich untermauerte – führen dazu, phlegmatisch zu reagieren: Was soll man dagegen tun, wenn es nicht geändert werden kann. Aristoteles schon hielt den Phlegmatiker in ethischer Hinsicht für unzulänglich und damit sittlich minderwertig. Dem gebe ich gern Recht. Ich erinnere daher an ein Streben, das wir Sublimierung nennen und unter dem Sigmund Freud eine Umwandlung oder Umlenkung von Triebwünschen in eine geistige Leistung oder kulturell anerkannte Verhaltensweise verstand. Bisher ‚begrenzte’ man die Sublimierung auf Bereiche wie Kultur, Religion oder Wissenschaften. Es wird Zeit, dass diese Verhaltensweise auch im Bereich der Ökonomie, also der Wirtschaft und Finanzen, Einzug hält.

siehe auch zdf.de: Gier – Verstand 1:0

Elias Canetti: Die gerettete Zunge

Als Elias Canetti (* 25. Juli 1905 in Rustschuk, Bulgarien; † 14. August 1994 in Zürich) 1981 den Literatur-Nobelpreis erhielt, hatte ich von ihm nur wenig gehört und noch nichts gelesen. So kaufte ich mir das Buch „Die Provinz des Menschen – Aufzeichnungen 1942-1972“ von ihm. Immerhin war er ein Autor deutscher Sprache, wenn auch in Bulgarien als Sohn einer wohlhabenden sephardisch-jüdischen Kaufmannsfamilie (er selbst bezeichnet sich als Spaniole) geboren und lange Zeit in England ansässig. Ich habe zwar immer wieder einen Blick in dieses Buch geworfen. Vollständig gelesen habe ich es aber bis heute nicht. Canetti wurde durch ein vielseitiges Werk bekannt – besonders seine mehrbändige Autobiografie fand ein größeres Publikum.

Nun vor anderthalb Jahren gelangte ich in den Besitz zweier der drei Bände seiner Autobiografie (auf einem Weihnachtsbasar) und las nun in meinem Urlaub den 1. Band: Die gerettete Zunge, der die Jahre bis zum Aufenthalt in Zürich 1921 behandelt.

Elias Canetti

In den Jahren nach dem frühen Tod des geliebten Vaters entwickelte Canetti eine sehr enge, eifersüchtige Beziehung zur Mutter, einer sehr stolzen und selbständigen Frau mit leidenschaftlichem Interesse für Theater und Literatur. Mit den Leseabenden, bei denen Mutter und Sohn gemeinsam klassische Dramen lasen, gab sie dem Wunsch Canettis, später selbst Dichter zu werden, lange Zeit Nahrung. Später sah sie diese Entwicklung zunehmend mit Besorgnis und suchte den Sohn zu einem praktischen Beruf zu drängen.

Zunächst schreibt Canetti:

Ich bekam nie zu hören, daß man etwas aus praktischen Gründen tue. Es wurde nichts betrieben, was ‚nützlich’ für einen werden konnte. Alle Dinge, die ich auffassen mochte, waren gleichberechtigt. … Es kam auf die Dinge selber an und nicht auf ihren Nutzen.

(S. 194)

Elias Canetti erlebte nie materielle Not in seiner Kindheit und Jugendzeit. Die Mutter war durchdrungen von einem Standesdünkel, der sicherlich auch auf ihren Sohn abfärbte. Als es einmal in Zürich zu Beschimpfungen wegen seiner jüdischen Herkunft kam, so entpuppte sich dieser Antisemitismus lediglich als Vorwand gegen den sich in vielen Dingen hochmütig gebenden Canetti. Er lebte in einer anderen Welt, die mehr und mehr ihren Bezug zur Wirklichkeit verlor. So erkannte er dann doch:

Man meint sich für die Welt zu öffnen und zahlt dafür mit Blindheit in der Nähe. Unfaßbar ist der Hochmut, mit dem man darüber entscheidet, was einen angeht und was nicht. … der wölfische Appetit, der sich Wißbegier nennt, merkt nicht, was ihm entgeht.

(S. 291)

Diese andere Welt wurde von seiner Mutter gespeist. Es war eine fiktive Welt der Literatur, die selbst in Zeiten der Not (1. Weltkrieg) über jeden Realismus herrschte. Seltsamerweise war es dann die Mutter, die erkannte, dass ihrem Sohn jegliche Bodenhaftung zu verlieren drohte.

Canetti schreibt und zitiert die Mutter:

Du hast überhaupt kein Recht, etwas zu verachten oder zu bewundern. Du mußt erst wissen, wie es wirklich zugeht. Du mußt es am eigenen Leib erfahren. Du mußt herumgestoßen werden und beweisen, daß du dich zur Wehr setzen kannst.

(S. 312)

Du bist nur hochmütig …

aus: Elias Canetti: Die gerettete Zunge – Geschichte einer Jugend (Fischer Taschenbuch Verlag – 321. – 329. Tausend: April 1989, S. 313)

Hiermit endet der erste Band der Autobiografie. Canetti siedelt 1921 nach Deutschland über, dem Land, in dem nach dem verlorenen Weltkrieg Hunger und Elend regierten.

Ich muss gestehen, dass ich mich beim Lesen mit diesem Canetti nie so richtig anfreunden konnte. Die Hochnäsigkeit der gesamten Familie stieß mich immer wieder ab. Und es wundert mich kaum, wenn man Canetti heute oft als weisen, gastfreundlichen Literaturasketen zu sehen trachtet, der in einer Welt der Bücher und der jederzeit gespitzten Bleistifte lebte. Schon in seiner Kindheit ebnete sich der entsprechende Weg.

Sicherlich finde ich es in Ordnung, seine Kinder für Literatur zu begeistern. Aber Kinder müssen auch lernen, sich in praktischen Dingen auszukennen. Das rechte Maß ist bei Canetti nie gefunden worden – und so wundert es keinen, wenn er sich zu einem altklugen Jungen entwickelt. Ich mag solche Kinder einfach nicht.

Trotzdem finde ich das Buch sehr interessant, weil es einen Einblick in eine Welt ermöglicht, die mit den Umwälzungen im Europa des 20. Jahrhunderts schnell ihr Ende fand. Zwei Stationen auf dem Lebensweg Canettis sind sogar mir bekannt geworden – im Buch heißt es: Wir fuhren mit der Bahn, an Kronstadt vorbei und durch Rumänien. Und: … in Predeal, der Grenzstation zu Ungarn, …

Zum Jahreswechsel 1984/85 und im Frühjahr 1986 besuchte ich mit meiner heutigen Frau zweimal Rumänien und waren so in der Stadt Brasov, dem ehemaligen Kronstadt, als auch in Predeal, heute ein Wintersportort und mitten in Rumänien gelegen. Später etwas mehr zu den Rumänienreisen.

Biografien en masse

Wofür ist das Internet besonders geeignet, wenn nicht als Nachschlagewerk. Wer für seine Recherche Daten zu gewichtigen Personen benötigt, der findet die Antwort vielleicht in einem neuen Biografie-Portal, das gleich vier wichtige wissenschaftlich fundierte Nachschlagewerke zusammenfasst und online verfügbar macht. Hierzu gehören die „Allgemeine Deutsche Biographie“ (ADB) und ihr Nachfolger, die „Neue Deutsche Biographie“, die als historisch-biographisches Grundlagenwerk den Zeitraum vom frühen Mittelalter bis nahe an die Gegenwart erfasst. Ebenfalls mit von der Partie sind zwei weitere wichtige Werke, nämlich das „Österreichische Biographische Lexikon 1815 -1950“ (ÖBL) sowie dessen Schweizer Gegenstück, das „Historische Lexikon der Schweiz“ (HLS). Auf diese Weise sind rund 120.000 Biographien online abrufbar.

Einzigster Wermutstropfen: Biografien von noch lebenden Personen sucht man hier vergebens.

siehe zdf.de: 120.000 Biographien online abrufbar

Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Vor gut vier Jahren hatte ich die „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann erneut gelesen und mich dabei u.a. über die Bezüge des Romans zur Homosexualität ausgelassen. Da dieser Tage der Film im Fernsehen zu sehen war und ich ihn aufgezeichnet habe, griff ich erneut, zum dritten Male, zum Buch.

Der Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ war der letzte aus der Feder von Thomas Mann und erschien 1954, ein Jahr vor Manns Tod. So gibt es auch nur „Der Memoiren erster Teil“. Leser, die Thomas Mann nicht kennen, werden sich zunächst eher schwer tun. Die Sprache Thomas Manns ist reichlich aufgeblasen, zu schwulstig-pompös und manieriert, als dass sie auf Dauer gefallen könnte. Sicherlich ist das in diesem Roman ein Stilmittel, denn Felix Krull entblößt sich auch in seinem schriftlichen Zeugnis als Hochstapler.

Insgesamt finde ich den Roman doch sehr aufschlussreich, da er uns einen Einblick in die alte Kaiserzeit am Ende des 19. Jahrhundert gewährt, denn um diese Zeit spielt der ‚Krull’. Besonders die Ignoranz des Adels, der höheren Gesellschaft gegenüber dem Bürgertum und der Arbeiterschaft tritt hier deutlich zu Tage.

1957 wurde der Roman mit Horst Buchholz in der Titelrolle verfilmt. Regie: Kurt Hoffmann. Aus diesem Film möchte ich die Szene von der Gestellung, d.h. Musterung, des Felix Krull vorstellen. Zur Nachahmung in heutigen Tagen ist dies sicherlich nicht mehr unbedingt zu empfehlen, aber auf jeden Fall ist die Szene sehr amüsant (aus 2. Buch – 5. Kapitel des Romans):


Felix Krull (1957): Gestellung/Musterung

Für Kandidaten auf den Dienst mit der Waffe empfehle ich daher eher Sven Regeners zweiten Roman „Neue Vahr Süd“ aus der „Lehmann“-Trilogie. Interessant sind da besonders die Anmerkungen zum „pazifistischen Dilemma“, wie es einer der Protagonisten des Romans nennt (Herr Lehmann und die Bundeswehr).