Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

40 Jahre Zweitausendeins

Als ich noch in Bremen lebte, und das ist über 30 Jahre her, bestellte ich hin und wieder etwas beim 2001 Versand; einen Laden gab es damals noch nicht in Bremen, sondern nur in Hamburg.

Dann später in Hamburg wohnte meine damalige Freundin und jetzige Frau in der Grindelallee, gleich schräg gegenüber dem 2001-Laden. Da war es ein Leichtes, dort einkaufen zu gehen. Auch heute wage ich es öfter, diesen Laden (oder den in den Colonnaden) aufzusuchen, schließlich arbeite ich in Hamburg und bummle auch so öfter durch die Stadt mit meinen Lieben.

Zweitausendeins verkauft Bücher, CDs und DVDs (also Musik, Filme, Softwaren und Hörbücher) und hat hiervon einiges im Angebot, das es eben nur bei Zweitausendeins gibt. Und genau das hat es in sich: Wo sonst findet man z.B. James Joyce’ „Finnegans Wake“ oder Italo Svevos „Zenos Gewissen“ – beide in einer zweisprachigen Ausgabe – und das noch zum Spottpreis (den Joyce gibt es übrigens auch für gut 1 Million Euro bei amazon.de plus drei Euro für Versandkosten). Übrigens: In diesem Blog habe ich öfter Bezug auf Zweitausendeins-Produkte genommen.

In diesem Jahr besteht nun der Zweitausendeins Versand bereits 40 Jahre. Ich als ‚alter’ Kunde kann da nur gratulieren und alles Gute für die mindestens zehn weiteren Jahre wünschen.

40 Jahre Zweitausendeins

Zweitausendeins heißt so, weil bei der Gründung der Versanddienst GmbH die Frage aufkam, wie ein schickes, modernes, aufstrebendes Distanzhandels-Start-up wohl füglich zu heißen habe: Qualle? Fader? Schneckermann? Manni fackt rum? Oder gar – nach dem linken Schriftsteller – Bodo Uhse Versand? Im Kino kam dann die Erleuchtung bei Kubricks „2001 – A Space Odyssey“. Mehr Zukunftshaltigkeit war nicht zu haben. Was wäre aus uns geworden, wenn wir Kubricks „A Clockwork Orange“ gesehen hätten? Vermutlich ein brutalstmöglich Uhren verkaufender Saftladen.

Autoren lesen: zehnseiten.de

Es ist immer schwer, den „Markt“ zu überblicken, im Auge zu behalten, was gerade angesagt ist. Das gilt für viele Dinge, für Musik – und auch für Literatur. Da kommt die Website zehnseiten.de gerade richtig: Diese Website will Literatur im Internet angemessen präsentieren.

Zehn Seiten ...

Der Autor liest dabei zehn von ihm selbst ausgewählte Seiten aus seinem Buch. Dadurch bekommt der Leser unmittelbare Informationen über Text und Verfasser. Und entdeckt vielleicht so nebenbei einen Autoren und sein Werk, das ihn begeistert.

Léo Malet: Paris des Verbrechens (Nestor Burma-Krimis)

Bevor er Krimis schrieb, arbeitete Léo Malet als Büroangestellter, Filmstatist, Herausgeber einer Modezeitschrift und Ghostwriter eines analphabetischen Erpressers. In Frankreich gehören seine Krimis längst zum kulturellen Erbe. Dies sind die zehn klassischen Fälle von Nestor Burma, dem Inhaber der Detektiv-Agentur „Fiat Lux“. Jeder spielt in einem anderen Pariser Arrondissemont.

„Wenn Malet einen Krimi schreibt, schreibt er mehr als einen Krimi: Er ist der einzige Autor, der das poetische Universum des Surrealismus in Kriminalromane übersetzt. Seine Geschichten sind Action und Parodie des Genres zugleich.“
Neue Zürcher Zeitung

Nestor Burma steht in der Tradition amerikanischer Detektive wie Sam Spade und Philip Marlowe, hat aber deutlich mehr Humor und sein Erscheinungsbild, Maßanzüge und exzentrische Pfeife, weist eine eigene Note aus. Somit ist Léo Malet mit Autoren wie Dashiell Hammett (Sam Spade) und Raymond Chandler (Philip Marlowe) vergleichbar. Neben diesen beiden gilt auch noch Ross Macdonald als einer der wichtigsten Vertreter der harten Schule des Detektivromans.

Bis auf eben jenem Nestor Burma von Léo Malet habe ich bereits einige Kriminalromane der genannten Autoren gelesen. Hinzu kommen die weiteren Klassiker von Agatha Christie mit ihren der beiden bekanntesten Figuren, dem belgischen Detektiv Hercule Poirot und der altjüngferliche Miss Marple, die viele von uns allein schon aus dem Fernsehen kennen. Erwähnenswert sind außerdem Krimi-Helden neueren Datums wie z.B. Tom Ripley von Patricia Highsmith und Inspektor Jury von Martha Grimes. Nicht gegessen möchte ich natürlich auch Edgar Allan Poe, der gewissermaßen den Kriminalroman erfunden hat, und Arthur Conan Doyle und seinen Sherlock Holmes. Und Edgar Wallace kennen viele aus den kultigen deutschen Verfilmungen.

Neben dem Privatdetektiv Nestor Burma gibt es natürlich eine weitere bekannte Figur, die wie dieser in Paris tätig wurde: Kommissar Maigret von Georges Simenon.

Nun, Nestor Burma kenne ich aus der insgesamt 39-teiligen Serie des französischen Fernsehens, die auch bei uns gezeigt wurde – 1991 bis 2003 verfilmt und mit Guy Marchand in der Hauptrolle.

Guy Marchand als Nestor Burma

10 der klassischen Fälle von Nestor Burma sind jetzt für gerade einmal 9,95 € bei Zweitausendeins – in einem Band zusammengefügt – erhältlich. Knapp 1200 Seiten, die das Paris des Verbrechens beschreiben. Während meiner Grippe-Erkrankung hatte ich Zeit, vier dieser Kriminalromane zu lesen.

Die Detektiv-Agentur in der Rue des Petits-Champs heißt sinnigerweise «Fiat Lux» (‚Es werde Licht‘). Ihr Inhaber liebt solch hintergründige Scherze, obwohl er es gemeinhin nicht mit Bibelsprüchen hält. Eher schon mit dem anarchistischen Motto ‚Weder Herr noch Gott‘: Als der jugendliche Nestor Burma 1927 von Montpellier nach Paris kam, wurde er praktizierendes Mitglied einer Anarchistengruppe. So etwas prägt fürs Leben, auch wenn Monsieur Burma inzwischen Maßanzüge trägt, als Arbeitgeber einen dreiköpfigen Angestelltenstab befehligt und als Privat-«Flic» am Erhalt der bürgerlichen Ordnung mitwirkt. Doch sein ‚anarchistischer Individualismus‘ schlägt halt immer wieder durch, vor allem, wenn Nestor auf eine heiße Spur gestoßen ist und den parallel ermittelnden Kommissar Faroux selbstsüchtig auf falsche Fährten lockt.


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Rue des Petits-Champs (Richtung Avenue de l’Opéra) – Detektei Fiat Lux

Erstaunlich darum, daß Nestor Burma bei dem schnauzbärtigen Kripo-Chef einen so großen Stein im Brett hat, zumal der leidgeprüfte Florimond Faroux stets die schlimmsten Verwicklungen zu fürchten hat, wenn der Privatkollege mit der exzentrischen Stierkopf-Pfeife scheinbar zufällig am Schauplatz eines vermeintlichen Routine-Verbrechens aufkreuzt. Doch der Kommissar profitiert eben nicht nur gern von den ‚bistrokratischen‘ Kenntnissen Burmas, sondern auch von dessen detektivischem Gespür. Darum schanzt er ihm sogar schon einmal einen verdeckten Polizeiauftrag zu, wenn der Fall für eine offizielle Recherche zu heikel ist.


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Quai des Orfèvres (Sitz der Kriminalpolizei von Paris)

Die Staatsknete nimmt Nestor Burma auch ganz gerne mit, denn bei flauer Kriminalkonjunktur kommt es öfter vor, daß er seinen beiden Außendienst-Agenten, dem quirligen Roger Zavatter und Réboul-dem-Einarmigen, gleich mehrere Monatsgehälter schuldet. Seine weltkluge Sekretärin Hélène Chatelain pflegt er in solchen Ebbezeiten sogar anzupumpen. Aber Goldschatz Hélène hat für Vieles Verständnis. Nur wenn ihr Chef das dienstliche Beschatten attraktiver Damen allzusehr ausdehnt, reagiert Hélène spürbar unfroh. Doch ihre wache Eifersucht hat ihm bereits mehrfach das Leben gerettet.

Trotzdem: Die gefährlichsten Wege geht Nestor allein. Unterstützung braucht er allenfalls zur Vorbereitung seiner Schachzüge. Dann muß beispielsweise Marc Covet, der versoffene Klatschvetter und Reporter des «Crépuscule», mal wieder einen gezielten Basisartikel schreiben, um die verborgenen Drahtzieher eines Verbrechens aus dem Käfig zu locken. Die abschließenden Protokolle seiner Fälle verfaßt Nestor Burma allerdings selber: Betont lässig, schnoddrig, in cooler Kurzsatz-Methode, garniert mit effektstarken Klopfern – ‚ihr Büstenhalter hatte alle Hände voll zu tun‘.

Der Autor hinter diesem ‚Autor‘ ist Léo Malet. Genau wie sein Held im Jahre 1909 in Montpellier geboren und als Halbwüchsiger nach Paris entwichen, begann er in den vierziger Jahren mit dem Krimi-Schreiben. Den größten Ruhm erlangte er dann ein Jahrzehnt später mit dem Zyklus ‚Die neuen Geheimnisse von Paris‘: Jeder Fall spielt in einem anderen Arrondissement der Metropole. Im Schatten des Louvre klärt Nestor Burma einen mörderischen Kunstraub auf, im kleinbürgerlichen Marais den Mord an einem Pfandleiher (dessen Dienste er selber gerade in Anspruch nehmen wollte bzw. mußte …).


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Tour de Barbette (Überrest des Stadthauses von Isabeau von Bayern) – Ecke Rue des Francs Bourgeois / Rue Vieille du Temple (Schauplatz eines perfiden Mordes im Fall „Marais Fieber“ – 3. Arrondissement von Paris)

Und einmal wird der liebe ‚Genosse Burma‘ auch brieflich ins 13. Arrondissement bestellt, wo er seiner eigenen anarchistischen Vergangenheit begegnet. Jenseits des Pont Tolbiac, in der Gegend der Salpérière und des Gare d’Austerlitz trifft er aber nicht nur seine ehemaligen Gefährten wieder, er lernt auch seine große Liebe kennen, die junge Zigeunerin Bélita. Den Fall, dessentwegen er gerufen wurde, klärt er auf. Doch Bélitas Ermordung kann er nicht verhindern. So wandert Nestor Burma weiterhin allein durch das meist verregnete Paris. Manchmal fühlt er sich ganz deprimiert, wenn er ans Altwerden denkt.

aus: revonnah.de

Wie bereits in den vielen anderen klassischen Kriminalromane wird auch bei Léo Malet notfalls ein neuer Handlungsstrang kurz vor Ende eingefügt, um mit dieser ‚Wende’ nicht nur den Fall in eine andere Richtung, sondern auch der Lösung entgegen zu bringen, auch wenn das die Logik auf den Kopf zu stellen droht. Was Nestor Burma aber zu etwas Besonderem macht – und alle Schwächen vergessen lässt -, sind sein Humor und seine trockene Art der Weltsicht, leider oft auch trotz des völligen Verzichts auf psychologische Stringenz.

Martin Walser: Dorle und Wolf – Novelle

In meinem Blog habe ich aus gutem Grund öfter, besonders im letzten Jahr, über Bücher von Martin Walser geschrieben (AngstblüteEin fliehendes PferdSeelenarbeitBrandungJagdEin springender Brunnen). Er zählt zu meinen Lieblingsautoren deutscher Sprache.

1988 hielt Walser im Rahmen der Reihe Reden über das eigene Land eine Rede, in der er deutlich machte, dass er die deutsche Teilung als schmerzende Lücke empfindet, mit der er sich nicht abfinden will. Diesen Stoff machte er auch zum Thema seiner Erzählung Dorle und Wolf (1987 erschienen).

Aus dem Klappentext zur Novelle Dorle und Wolf (Zweite Auflage 1987 – Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main):

Wolf Zieger alias York, aus der DDR stammend, litt an der deutschen Teilung. Ihn bekümmerte, dass seine kämpfende und leidende Republik auf dem Gebiet der High-Technology hoffnungslos unterlegen ist. Er ist bereit, diesem Defizit abzuhelfen, und stellt sich als Kundschafter in den besonderen Dienst seiner Republik.

Wenn die Novelle einsetzt, ist Wolf 15 Jahre im Westen. Er arbeitet nach Vorlage einer widerspruchsfreien Biografie in der Bonner Politikverwaltung, verheiratet mit Dorle, einer Sekretärin im Verteidigungsministerium; hinter ihm liegen neun Jahre fehlerloser Praxis als Spion. Er hat sich voll und ganz auf diese Arbeit eingestellt. „Man muß, wenn man etwas zu verbergen hat, mehr tun, als man selber für nötig hält.“ Im Laufe seiner Tätigkeit wird er dabei so etwas wie ein Überkonsequentexperte: Er spielt Schumanns Novelletten immer nur mit einer Hand, um nie hören zu lassen, dass er ursprünglich in der DDR Klavier studiert hatte. So ist es immer der halbierte Schumann, den er spielt, und halbiert sind für ihn auch die Menschen der Bundesrepublik. „Sie wissen nicht, was ihnen fehlt. Und keiner würde sagen, ihm fehle seine Leipziger Hälfte, sein Dresdner Teil, seine mecklenburgische Erstreckung.“


Wohnung von Dorle und Wolf in Bonn-Poppelsdorf: Ecke Trierer Straße 47 – Querstraße

Überkonsequent ist er auch in seiner Spionagetätigkeit: immer mehr tun, als man für nötig hält. Er macht sich an Sylvia Wellershof heran, ebenfalls Sekretärin im Verteidigungsministerium. Dorle, seine Frau, die erst nach der Heirat von seiner Agententätigkeit erfahren hatte, die ihn deckte und unterstützte, weil sie ihn liebte, wusste, dass er die Protokolle sozusagen in Sylvias Bett abholte. Dorle duldete zwar ein Zwischen-Tür-und-Angel-Verhältnis, eine Kurzbeziehung nach Dienstschluss, und Wolf musste dann Dorle auch seine unbefriedigte Beteiligung, sein zweckdienliches Verhältnis erläutern, seine „ebenso komischen wie quälenden Geschlechtsdienste, deren Hauptcharakteristikum ihre Kurzgefaßtheit war.“ Aber wie viel Unvereinbarkeit erträgt man? Das wurde Wolfs Problem: „Wie sehr darf man, was man denkt, dem, was man tut, widersprechen?“

Dorle wollte ein Kind, auch Wolf wollte es. Nur noch ein Auftrag war abzuwickeln, dann wollte er in einem Treff mit DDR-Nachrichtendienstleuten in Südfrankreich die Arbeit aufkündigen. Doch die wollten ihn nicht entlassen und wollten ihm auch seinen privaten Wunsch nach Leben in einer Familie nicht abnehmen. Wolf spürte den Konflikt immer brennender. Er begann sich selbst abzulehnen, sich und sein dauerndes Weder-Noch. In seiner Seelenerschütterung wusste er nicht mehr: war er illegal oder schon illegitim. Er entschied sich, seinen Dienst aufzugeben, er wollte sich stellen, Dorle gab ihm den Rat, „das Land, in dem er lieber vor Gericht geht, muß man vorziehen“.

Wolf entschied sich, er stellte sich einem Gericht der Bundesrepublik. Er erlebte einen eitlen Anwalt, eine ihn verfolgende Staatsanwältin und einen Gerichtsvorsitzenden, von dem er sich zunächst verstanden fühlte. Im Urteil aber demonstrierte dieser dem Angeklagten, wie politisch unvernünftig sein Handlungsentwurf ist, die Vorstellung halbierter Menschen sei der reine Wahn.

Die Novelle Dorle und Wolf, die in einem einzigen Kreis nur einen einzigen Konflikt zeigt, zerbröselt die Vorstellung, ein einzelner könne, wie York in Tauroggen, in den Gang der Geschichte eingreifen. Die Novelle aber zeigt auch, was Rettung bedeutet, der Wunsch einer unendlichen Annäherung an den anderen Menschen – als schönsten Liebes- und Lebenssinn.

Für Wolf alias York sind die Menschen der Bundesrepublik halbiert. „Sie wissen nicht, was ihnen fehlt. Und keiner würde sagen, ihm fehle seine Leipziger Hälfte, sein Dresdner Teil, seine mecklenburgische Erstreckung.“ Martin Walser fehlte anscheinend seine ostdeutsche Hälfte. Und als hätte er es beim Schreiben geahnt, sollten sich zwei Jahre nach Erscheinen dieser Novelle beide deutschen Hälften einen.

Martin Walser: Ein springender Brunnen

Es ist eines der großen Erinnerungs-Bücher der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts, der Entwicklungsroman eines Jugendlichen zur Zeit des Nationalsozialismus, 1932 beginnend und 1945 endend – Martin Walsers Ein springender Brunnen.

Es ist die Geschichte von Johann und seinem zwei Jahre älteren Bruder Josef, der 1944 an der Ostfront ums Leben kommt. Und es ist die Autobiografie von Martin Walser selbst. 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren und aufgewachsen, erleben wir in „Ein springender Brunnen“ die Zeit des Nationalsozialismus aus der Sicht eines Kindes und Heranwachsenden. Allein dieser Blick verrät uns viel von der schleichenden Veränderung der Köpfe dieser Menschen bis hin zu einer Entwicklung, die brutale Übergriffen auf Andersdenkende bzw. Andersgeartete zulässt.

Zudem bewahrt Walser in diesem 1998 erschienenen Buch vor allem auch viele der skurrilen Typen und der schwäbisch-alemannisch redenden Bewohner auf und beklagt in seinem Nachwort zurecht den Niedergang an mundartlicher Sprache, den möglichen Verlust einzelner Wörter, die durch kein anderes Wort zu ersetzen sind und unterzugehen drohen.


Wasserburg am Bodensee

In erster Linie geht es aber um den heranwachsenden Johann, seine – vom Vater geschulte – poetische Sicht der Dinge, seine ersten Erfahrungen in Liebesdingen. Und wir erfahren seinen inneren Konflikt, den der Widerspruch zwischen Religion und Leben in ihm auslöst. Ziemlich am Ende des Buches heißt es u.a.: „Johann wollte nie mehr unterworfen sein, weder einer Macht noch einer Angst …“ Das gilt für Vieles.

Ich selbst habe Wasserburg und den Bodensee bisher noch nicht besucht (bis zum Rheinfall von Schaffhausen habe ich es einmal geschafft). Aber einige Lokalitäten aus dem Roman sind mir und meiner Familie durchaus vertraut. Zum einen ist es das Kreuzeck (zwischen Alpspitze und Zugspitze), dort oben, wo Johann im Januar 1945 seine Hochgebirgsausbildung absolvieren musste. Und das Eisstadion von Garmisch, wo er nach Kriegsende gefangengehalten wird. Hier habe ich 2002 mit meinen Söhnen einige Runden auf dem Eis gedreht.

Kreuzeck
Bergregion zwischen Alpspitze und Zugspitze

Weg zum Kreuzeck
Weg zur Bergstation Kreuzeck

Martin Walser musste sich vorwerfen lassen, durch diesen Roman die Nazizeit zu verharmlosen. Auschwitz käme nicht vor. Die Kritik ging wohl soweit, dass man Walser Geschichtsrevisionismus und latenten Antisemitismus vorwarf. Man kann das alles nachlesen. Aus meiner Sicht ist das natürlich völliger Humbug. Walser hat einen Roman seiner Entwicklung zum Erwachsenen geschrieben. Bei dem im Roman geschilderten Bild der Nazizeit versucht er möglichst realistisch zu sein, und schafft damit durchaus ein Beispiel der persönlichen Gewissenserforschung.

siehe hierzu den Ausschnitt in: Weihnachten 1932 in Wasserburg/Bodensee

Europas digitale Bibliothek

Google beginnt damit, angloamerikanische Bücher online zu stellen. Damit die Sichtweise nicht zu einseitig wird, hat nun auch Europa begonnen, seine großen Bibliotheken zu digitalisieren und unter dem Dach einer Europäischen Digitalbibliothek zusammenzuführen und damit für jedermann online verfügbar zu machen. Nach einem Fehlstart ist der Rohbau jetzt fertig: europeana

europeana - Europas digitale Bibliothek

Vieles funktioniert wohl noch nicht, aber das Ziel ist erkennbar. Als Liebhaber alter Bücher und insbesondere von alten Landkarten bekomme ich hier eine Spielwiese, die ihresgleichen in dieser Form anderswo vergeblich sucht.

Die Europeana beherbergt bereits jetzt zwei Millionen Bücher, Bilder, Fotos, Videos und Tondokumente aus den Nationalbibliotheken und Kulturinstituten der 27 EU-Mitgliedstaaten. Doch das sei erst der Anfang, sagt Viviane Reding, in der EU-Kommission für Informationsgesellschaft und Medien zuständig. „Mein Ziel ist es, dass Europeana im Jahr 2010 mindestens 10 Millionen Objekte enthält“.

siehe auch zdf.de: Europeana nach Fehlstart wieder online

Weihnachten 1932 in Wasserburg/Bodensee

Die Bescherung fand, weil auf das Klavier nicht verzichtet werden konnte, im Nebenzimmer statt. Das heißt, Josef und Johann hatten erst Zutritt, als der Vater am Klavier Stille Nacht, heilige Nacht spielte. Der Einzug ins Nebenzimmer geschah durch zwei Türen: von der Wirtschaft her zogen, ihre Gläser in der Hand, die vier letzten Gäste hinter Elsa herein. Hanse Luis, der Schulze Max, Dulle und Herr Seehahn. Durch die Tür vom Hausgang her zogen Josef, Johann, Niklaus und der Großvater ein. Zuletzt Mina, die Prinzessin und die Mutter, sie kamen aus der Küche.

Immer an Weihnachten trug Herr Seehahn am grünen Revers seiner gelblichen Trachtenjacke den Päpstlichen Hausorden, den er bekommen hatte, weil er als Marinerevolutionär in München zum päpstlichen Nuntius, den er hätte gefangen nehmen sollen, gesagt hatte: Eminenz, wenn Sie mit mir kommen, sind Sie verhaftet, wenn Sie die Hintertür nehmen, sind Sie mir entkommen.

Dulle war wohl von allen am weitesten von seiner Heimat entfernt. Dulle war aus einem Ort, dessen Name in Johanns Ohren immer klang, als wolle man sich über Dulle lustig machen. Niemals hätte Johann in Dulles Gegenwart diesen Namen auszusprechen gewagt. Buxtehude. Dulle sprach anders als jeder andere im Dorf. Er hauste in einem Verschlag bei Frau Siegel, droben in Hochsträß, direkt an der frisch geteerten Landstraße. Dulle war Tag und Nacht unterwegs. Als Fischerknecht und als Durstiger. Oder hinter Fräulein Agnes’ Katzen her. Adolf behauptete, Dulles Verschlag, Wände und Decke, sei tapeziert mit Geldscheinen aus der Inflation. Hunderttausenderscheine, Scheine für Millionen, Milliarden, Billionen. Eine Zeitung habe, sagte Adolf, 1923 sechzehn Milliarden Mark gekostet. Immer wenn Johann von dieser Inflation etwas hörte, dachte er, das Land hat Fieber gehabt damals, 41 oder 42 Grad Fieber müssen das gewesen sein.

Der Schulte Max war nirgendwo her beziehungsweise überall her, eben vom Zirkus. Er nächtigte im Dachboden des von zugezogenen Fischerfamilien bewohnten Gemeindehauses, und zwar auf einem Lager aus alten Netzen.

Verglichen mit den Schlafstätten von Dulle und Schulze Max, war das, was Niklaus droben im Dachboden als Schlafstatt hatte, eine tolle Bleibe. Niklaus hatte ein richtiges Bett so mit alten Schränken umstellt, daß eine Art Zimmer entstand. Niklaus war für Johann interessant geworden, als Johann ihm einmal zugeschaut hatte, wie er seine Fußlappen über und um seine Füße schlug und dann in seine Schnürstiefel schlüpfte. Die Socken, die Mina ein Jahr zuvor für Niklaus gestrickt und unter den Tannenbaum gelegt hatte, hatte er einfach liegen lassen. Als Mina sie ihm in die Hand drückten wollte, hatte er den Kopf geschüttelt. Niklaus sprach selten. Mit Nicken, Kopfschütteln und Handbewegungen konnte er, was er sagen wollte, sagen. Wenn er meldete, daß Freifrau Ereolina von Molkenbuer drei Zentner Schwelkoks und Fräulein Hoppe-Seyler zwei Zentner Anthrazit bestellt hatten, merkte man, daß er keinerlei Sprachfehler hatte. Er sprach nicht gern. Sprechen war nicht seine Sache.

Unterm Christbaum lagen für Josef und Johann hellgraue Norwegerpullover, fast weiß und doch nicht weiß, silbergrau eigentlich. Mit graublauen, ein bißchen erhabenen Streifen. Aber auf der Brust zwei sehr verschiedene Muster, eine Verwechslung war zum Glück ausgeschlossen. Josef zog seinen sofort an. Johann hätte seinen lieber unterm Christbaum gesehen, aber weil alle sagten, er solle seinen doch auch probieren, zog er ihn an. Johann mußte, als er spürte, wie ihn dieser Pullover faßte, schnell hinaus, so tun, als müsse er auf den Abort, aber er mußte vor den Spiegel der Garderobe im Hausgang, er mußte sich sehen. Und er sah sich, silbergrau, fast bläulich erhabene Streifen, auf der Brust in einem Kreis ein Wappen. Königssohn, dachte er. Als er wieder hineinging, konnte er nicht ganz verbergen, wie er sich fühlte. Mina merkte es. Der steht dir aber, sagte sie.

Dieser Pullover waren aus dem Allgäu gekommen, von Anselm, dem Vetter genannten Großonkel.

Zu jedem Geschenk gehörte ein Suppenteller voller Plätzchen, Butter-S, Elisen, Lebkuchen, Springerle, Zimtsterne, Spitzbuben, Makronen.

Die Mutter sagte zu Mina hin und meinte die Plätzchen: Ich könnt ’s nicht. Johann nickte heftig, bis Mina bemerkte, daß er heftig nickte. Er hatte letztes Jahr von Adolfs Plätzchenteller probieren dürfen. Bruggers Plätzchen schmeckten alle gleich, von Minas Plätzchen hatte jede Sorte einen ganz eigenen Geschmack, und doch schmeckten alle zusammen so, wie nur Minas Plätzchen schmecken konnten. In diesem Jahr lag neben Johanns und Josefs Teller etwas in Silberpapier eingewickeltes Längliches, und aus dem Silberpapier ragte ein Fähnchen, darauf war ein rotes Herz gemalt und hinter dem Herz stand –lich. Über dem Herz stand: Die Prinzessin grüßt. Josef probierte schon, als Johann noch am Auspacken war. Nougat, sagte er. Richtig, sagte die Prinzessin. Toll, sagte Josef. Johann wickelte seine Nougatstange unangebissen wieder ein.

Für Mina und Elsa gab es Seidenstrümpfe. Beide sagten, daß das doch nicht nötig gewesen wäre. Für Mina lag noch ein Sparbuch dabei. Mit einem kleinen Samen, sagte die Mutter. Bei der Bezirkssparkasse. Die gehe nicht kaputt. Mina sagte kopfschüttelnd: O Frau, vergelt ’s Gott! Für die Prinzessin lagen mehrere Wollstränge in Blau unter dem Baum. Sie nahm sie an sich, salutierte wie ein nachlässiger Soldat mit dem Zeigefinger von der Schläfe weg und sagte: Richtig. Und zu Johann hin: Du weißt, was dir bevorsteht. Johann sagte auch: Richtig! Und grüßte zurück, wie sie gegrüßt hatte. Er mußte immer abends die Hände in die Wollstränge stecken, die die Prinzessin dann, damit sie nachher stricken konnte, zum Knäuel aufwickelte. In jeder feien Minute strickte sie für ihren Moritz, den sie einmal im Monat in Ravensburg besuchen durfte; aber allein sein durfte sie nicht mit dem Einjährigen. Die Mutter des Siebzehnjährigen, der der Kindsvater war, saß dabei, solange die Prinzessin da war. Nach jedem Besuch erzählte die Prinzessin, wie die Mutter des Kindsvaters, die selber noch keine vierzig sei, sie keine Sekunde aus den Augen lasse, wenn sie ihren kleinen Moritz an sich drückte. Die Prinzessin, hieß es, sei einunddreißig. Sie hatte jedem etwas neben den Teller gelegt, und jedesmal hatte sie ihr Herz-Fähnchen dazugesteckt. Für Elsa eine weiße Leinenserviette, in die die Prinzessin mit rotem Garn ein sich aufbäumendes Pferd gestickt hatte. Für Mina zwei Topflappen, in einem ein großes rotes A, im anderen ein ebenso großes M. Für Niklaus hatte sie an zwei Fußlappen schöne Ränder gehäkelt. Für Herrn Seehahn gab es ein winziges Fläschchen Eierlikör. Für die Mutter einen Steckkamm. Für den Vater ein Säckchen mit Lavendelblüten. Für den Großvater ein elfenbeinernes Schnupftabakdöschen. Johann, sagte sie, geh, bring ’s dem Großvater und sag ihm, Ludwig der Zweite, habe es dem Urgroßvater der Prinzessin geschenkt, weil der den König, als er sich bei der Jagd in den Kerschenbaumschen Wäldern den Fuß verstaucht hatte, selber auf dem Rücken bis ins Schloß getragen hat. Alle klatschten, die Prinzessin, die heute einen wild geschminkten Mund hatte, verneigte sich nach allen Seiten. Johann hätte am liebsten nur noch die Prinzessin angeschaut. Dieser riesige Mund paßte so gut unter das verrutschte Glasauge. Für Niklaus lagen wieder ein Paar Socken und ein Päckchen Stumpen unterm Baum. Die Socken, es waren die vom vorigen Jahr, ließ er auch diesmal liegen. Die Stumpen, den Teller voller Plätzchen und die umhäkelten Fußlappen trug er zu seinem Platz. Im Vorbeigehen sagte er zur Prinzessin hin: Du bist so eine. Sie salutierte und sagte: Richtig. Dann ging er noch einmal zurück, zum Vater hin, zur Mutter hin und bedankte sich mit einem Händedruck. Aber er schaute beim Händedruck weder den Vater noch die Mutter an. Schon als er seine Rechte, der der Daumen fehlte, hinreichte, sah er weg. Ja, er drehte sich fast weg, reichte die Hand zur Seite hin, fast schon nach hinten. Und das nicht aus Nachlässigkeit, das sah man. Er wollte denen, die ihn beschenkt hatten, nicht in die Augen sehen müssen. Niklaus setzte sich wieder zu seinem Glas Bier. Nur an Weihnachten, an Ostern und am Nikolaustag trank er das Bier aus dem Glas, sonst aus der Flasche. Johann sah und hörte gern zu, wenn Niklaus die Flasche steil auf der Unterlippe ansetzte und mit einem seufzenden Geräusch leertrank. Wie uninteressant war dagegen das Trinken aus dem Glas. Niklaus setzte auch jede Flasche, die angeblich leer aus dem Lokal zurückkam und hinter dem Haus im Bierständer auf das Brauereiauto wartete, noch einmal auf seinen Mund; er wollte nichts verkommen lassen.

Der Vater ging zum Tannenbaum und holte ein blaues Päckchen, golden verschnürt, gab es der Mutter. Sie schüttelte den Kopf, er sagte: Jetzt mach ’s doch zuerst einmal auf. Eine indische Seife kam heraus. Und Ohrringe, große, schwarz glänzende Tropfen. Sie schüttelte wieder den Kopf, wenn auch langsamer als vorher. Für den Großvater lag ein Nachthemd unter dem Baum. Er sagte zu Johann, der es ihm bringen wollte: Laß es nur liegen. Als letzter packte der Vater sein Geschenk aus. Lederne Fingerhandschuhe, Glacéhandschuhe, sagte der Vater. Damit könnte man fast Klavier spielen, sagte er zu Josef. Und zog sie an und ging ans Klavier und ließ schnell eine Musikmischung aus Weihnachtsliedern aufrauschen. Hanse Luis klatschte Beifall mit gebogenen Händen; das war, weil er seine verkrümmten Handflächen nicht gegen einander schlagen konnte, ein lautloser Beifall. Er sagte: Was ischt da dagege dia Musi vu wittr her. Er konnte sich darauf verlassen, daß jeder im Nebenzimmer wußte, Radio hieß bei Hanse Luis Musik von weiter her. Dann stand er auf und sagte, bevor er hier auch noch in eine Bescherung verwickelt werde, gehe er lieber. Es schneie immer noch, er solle bloß Obacht geben, daß er nicht noch falle, sagte die Mutter. Kui Sorg, Augusta, sagte er, an guate Stolperer fallt it glei. Er legte einen gebogenen Zeigefinger an sein grünes, randloses, nach oben eng zulaufendes Jägerhütchen, das er nie und nirgends abnahm, knickte sogar ein bißchen tänzerisch ein und ging. Unter der Tür drehte er sich noch einmal um, hob die Hand und sagte, er habe bloß Angst, er sei, wenn es jetzt Mode werde, statt Grüßgott zu sagen, die Hand hinauszustrecken, dumm dran, weil er so krumme Pratzen habe, daß es aussehe wie die Faust von denen, die Heil Moskau schrieen. Und dann in seiner Art Hochdeutsch: Ich sehe Kalamitäten voraus, Volksgenossen. Und wieder in seiner Sprache: Der sell hot g’seet: No it hudla, wenn ’s a ’s Sterbe goht. Und mit Gutnacht miteinand war er draußen, bevor ihm die Prinzessin, was er gesagt hatte, in Hochdeutsch zurückgeben konnte. Elsa rannte ihm nach, um ihm die Haustür aufzuschließen. Dann hörte man sie schrill schreien: Nicht, Luis … jetzt komm, Luis, laß doch, Luiiiis! Als sie zurückkam, lachte sie. Der hat sie einreiben wollen. Johann staunte. Daß Adolf, Paul, Ludwig, Guido, der eine Helmut und der andere und er selber die Mädchen mit Schnee einrieben, sobald Schnee gefallen war, war klar; nichts schöner, als Irmgard, Trudl oder Gretel in den Schnee zu legen und ihnen eine Hand voll Schnee im Gesicht zu zerreiben. Die Mädchen gaben dann Töne von sich wie sonst nie. Aber daß man so eine Riesige wie Elsa auch einreiben konnte! Hanse Luis war einen Kopf kleiner als Elsa. Kaum war Elsa da, erschien Hanse Luis noch einmal in der Tür und sagte: Dr sell hot g’sell, a Wieb schla, isch kui Kunscht, abe a Wieb it schla, desch a Kunscht. Und tänzelte auf seine Art und war fort. Die Prinzessin schrie ihm schrill, wie gequält nach: Ein Weib schlagen, ist keine Kunst, aber ein Weib nicht schlagen, das ist eine Kunst. Der Dulle hob sein Glas und sagte, Ohne dir, Prinzessin, tät ich mir hier im Ausland fühlen.

Die Bescherung war vorbei, jetzt also die Lieder. Schon nach dem ersten Lied, Oh du fröhliche, oh du selige, sagte der Schulze Max zur Mutter, die beiden Buben könnten auftreten. Der Vater hatte die Glacéhandschuhe wieder ausgezogen und spielte immer aufwendigere Begleitungen. Nach Kommet ihr Hirten, ihr Männer und Frau’n sagte der Schulte Max zu Dulle: Auf diese Musikanten trinken wir noch ein Glas. Wenn du einverstanden bist. Dulle nickte heftig. Dann gehen wir aber, sagte der Schulze Max. Dulle nickte wieder. Wieder heftig. Der Schulze Max: Wir wollen überhaupt nicht anwachsen hier. Dulle schüttelte den Kopf ganz heftig. Der Schulze Max: Heute schon gar nicht, stimmt ’s? Dulle nickte so heftig, daß er danach seine Brille wieder an ihren Platz hinaufschieben mußte. Der Schulze Max: Auch eine Wirtsfamilie will einmal unter sich sein, stimmt ’s? Dulle nickte wieder, hielt aber, damit er heftig genug nicken konnte, schon während des Nickens die Brille fest. Der Schulze Max: Und wann möchte, ja, wann muß eine Familie ganz unter sich sein, wenn nicht am Heiligen Abend, stimmt ’s? Dulle nahm, daß er noch heftiger als zuvor nicken konnte, seine Brille ab. Der Schulze Max: Und was haben wir heute? Dulle, mit einer unglaublich zarten, fast nur noch hauchenden Stimme: Heilichabend. Der Schulze Max, sehr ernst: Daraus ergibt sich, sehr, sehr verehrte Frau Wirtin, daß das nächste Glas wirklich das letzte ist, das letzte sein muß.

aus: Martin Walser: Ein springender Brunnen (suhrkamp taschenbuch 3100 – 1. Auflage 2000 – S. 92- 96, S. 98-101)

Literatur 2.0: Web-Roman mit Geo-Daten

Im Internet gibt es nicht nur Videos, Musik und Bilder aller Art, es gibt auch Literatur, so genannte Hörbücher oder eBooks. In mehreren Beiträgen habe ich bereits über kostenlose Downloads berichtet (Hörbücher kostenlosBücher und eBooks – kostenlos).

Jetzt hat der diplomierte Wiener Germanist Christoph Benda einen spannenden und unterhaltsamen Roman verfasst, der im Internet nachzulesen ist und der eine Besonderheit aufweist: Er verwendet Googles Landkartenservice zum Geschichtenerzählen. Hier werden erstmals alle Handlungselemente eines literarischen Textes mit geografischen und zeitlichen Koordinaten versehen und so im chronologischen Verlauf auf einer Karte darstellbar gemacht. Auf Basis von Google Maps wird parallel zu jeder Szene des Textes deren Handlungsort als exakte geografische Position bzw. jede Bewegung als animierte „Fahrt“ auf der Karte dargestellt. Der Leser des virtuellen Buches erlebt die geschilderte Handlung als „Reise über die Landkarte“ und gewinnt über diese visuelle Ebene einen völlig neuen Zugang zum Text. Titel des Online-Romans: „Senghor On The Rocks“.

Zum Inhalt: Mitte Dezember 2001 – gut ein halbes Jahr vor der Fußball-WM 2002 – hat es der Senegal geschafft: Die Mannschaft des kleinen westafrikanischen Staates hat ihr WM-Ticket in der Tasche. Ein Freudentaumel durchzieht das Land. Fußballfans wissen, wie die Geschichte weitergeht. Senegals Fußballer besiegen später völlig überraschend Weltmeister Frankreich und werden erst im Viertelfinale von der Türkei gestoppt.

Noch ist es nicht soweit. Während der Senegal euphorisch die Qualifikation zur Fußball-WM feiert, kommt aus Frankreich eine schlechte Nachricht: Léopold Sédar Senghor, erster Präsident der Republik, ist im Alter von 95 Jahren verstorben. Zwei Ereignisse von nationaler Bedeutung prallen aufeinander und bilden den Hintergrund.

„Senghor On The Rocks“ spielt zunächst in Senegals Hauptstadt Dakar und nimmt seine Leser anschließend mit auf eine abenteuerliche Reise quer durch das westafrikanische Land.

Christoph Benda: Senghor On The Rocks

Als Buch ist der Roman so natürlich nicht zu haben, sondern nur im Internet aufrufbar. Übrigens: Die Idee, mit Hilfe von Google Maps Geschichten zu erzählen, ist nicht neu. Schriftsteller wie der britische Thriller-Autor Charles Cumming gehen dabei allerdings noch weitaus mutiger zu Werke als die Macher von „Senghor Of The Rocks“. Während Google Maps bei Bendas virtuellem Senegal-Roman lediglich zur Illustration des Handlungsablaufs benutzt wird, hat Cummings seine Kurzgeschichte „21 Steps“ gleich vollständig in den Landkartendienst der kalifornischen Suchmaschinenfirma integriert. Die spannende Geschichte wird wie ein guter alter Comic nur in „Textblasen“ erzählt. Der Leser muss sie der Reihe nach anklicken, während er auf der Landkarte dem Weg der Hauptfiguren folgt.

siehe auch zdf.de: Literatur 2.0: Web-Roman mit Geo-Daten

Eckart von Hirschhausen: Die Leber wächst mit ihren Aufgaben

Komisch, wirklich komisch zu sein ist eine durchaus ernste Sache. Wenn Komisches dann auch noch lehrreich ist – um so besser. Da gibt es nun einen promovierten Mediziner, der es versteht, medizinisches Wissen und Witz derart zu mischen, dass es uns zum Schmunzeln bringt: Dr. med. Eckart von Hirschhausen. Ich berichtete bereits über ihn (Hirschhausen und die buddhistische Bahn). Nun habe ich sein kleines Büchlein: Die Leber wächst mit ihren Aufgaben. Kurioses aus der Medizin gelesen, und, passend zur Jahreszeit und dem bescheidenen Wetter, einen kleinen Beitrag herausgefischt:

Schnupfen – Laufende Ermittlungen zur laufende Nase

„Kind, zieh dir was an die Füße, du holst dir den Tod.! – Darin sind sich alle Großmütter der Welt einig: Schnupfen ist die direkte Folge von kalten Füßen. Als ich im Medizinstudium etwas von Viren lernte, dachte ich insgeheim: Wie, bitte, gelangen diese kleinen Biester von den kalten Füßen bis in die Nase?

Heute weiß ich, dass kalte Füße nicht Ursache, sondern Folge der Ansteckung sind. Denn sobald die Viren den Körper befallen, kämpft der Kreislauf gegen sie an, die Füße werden schlechter durchblutet und kalt. Den historischen Beweis lieferten zwei Gruppen Studenten.

Die eine musste nasse Socken tragen, die andere nicht. Alle bekamen die gleiche Menge Erkältungsviren ins Gesicht gesprüht, und wird steckte sich an? Beide Gruppen gleich, die experimentell gekühlten Füße machten keinen Unterschied. Millionen Großmütter können irren.


Die Hirschhausen Akademie – „Grippe“

Schnupfenviren sind wie Bill Gates und Dieter Bohlen: Auf Dauer kann man ihnen nicht entfliehen. Aber man kann gezielt den Kontakt verringern, sodass sie einen nicht krank machen. Unser Umgang mit Schnupfen ist sowieso komplett irrational. Abends sind wir krank und werden sauer auf denjenigen, der uns morgens in der U-Bahn angeniest hat. Hätte der nicht wirklich zu Hause bleiben können? Viren brauchen aber ein bisschen, bis sie uns spürbar krank machen. Die wenigsten Erkältungen bekommen wir durch die Luft, viel öfter stecken wir uns über die eigenen Hände an. Aber woher soll ich wissen, welche Schniefnase den Haltegriff in der U-Bahn vor mir angefasst hat? Dann verdamme ich doch lieber den Nieser, den kenn ich wenigstens. Hätte sich doch zumindest die Hand vor die Nase halten können!“ Schließlich lernt jedes Kind, dass Handvorhalten das Beste ist, was man tun kann. Ist es auch – aus Sicht der Viren. Denn die sind von Natur aus unternehmenslustig und leben nur so lange, wie sie immer wieder jemanden neu infizieren können. Ist der Schnodder also von der Nase an der Hand, landet er in Windeseile auch überall dort, wo andere Menschen hinfassen. An der Türklinke, am Haltegriff, daheim an der Fernbedienung. Noch vornehmere Leute haben ja Stofftaschentücher. So wenig ich von Freuds Theorien halte, in Hinblick auf die anale Fixierung hatte er recht. Dieser Blick, mit dem ein erwachsener Mann nach minutenlangem Schnäuzen noch einmal wehmütig den Inhalt seines Stofftaschentuchs begutachtet, dieser Blick ist identisch mit dem Stolz eines Dreijährigen beim Blick zurück in die Schüssel. Bei den Großen kommt noch die Einsicht dazu: Okay – wir Männer können keine Kinder kriegen – aber das hier hab ich ganz allein hinbekommen!

Schließlich wird das Stofftaschentuch gefaltet – damit anschließend beide Hände infektiös sind. Dann ab in die warme Hosentasche. Frischer Rotz im Taschentuch bei Körpertemperatur – das ist für die Viren so eine Club Méditerranée. Schöner könnten sie es nicht haben.

Was hygienischer wäre? Auf den Boden zu schnäuzen. Die Viren finden das niemanden zum anstecken, frieren und langweilen sich zu Tode. Ich mach das. Ich niese ungehemmt auf den Boden, breche die Infektionskette und schütze die Gemeinschaft. Das Dumme daran: Die Gemeinschaft erkennt meinen tiefen Altruismus nicht, sondern hält mich für ein Schwein! Deshalb, liebe Leser, lassen Sie uns Wissen statt Viren verbreiten. Sie haben die Aufgabe und die Pflicht, sollte es Sie ab jetzt irgendwann in der Nase kitzeln, sich vorbildlich zu verhalten und auf den Boden zu explodieren. Es braucht etwas Gewöhnung, aber ich habe diesen Traum, dass sich nicht heute, nicht morgen, aber schon in naher Zukunft, zwei Menschen auf der Straße begegnen, einer niest auf die Erde, der andere stoppt, staunt und sagt: „Sie kennen Hirschhausen!“ Dann liegen sich beide in den Armen und stecken sich nicht an.

aus: Dr. med. Eckart von Hirschhausen: Die Leber wächst mit ihren Aufgaben
(9. Auflage Juni 2008 – Originalausgabe – Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg) S. 127f.

Zum Schluss noch etwas von Hirschhausen zur aktuellen Finanzkrise:


Dr. Eckart von Hirschhausen: Finanzkrise

Jean-Marie Gustave Le Clézio : Onitsha

Die Vergabe des Literaturpreises 2008 an den Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio sorgte besonders in Deutschland für einiges Unverständnis. Ein Grund: Keiner kannte ihn bisher richtig. Als ich zwei seiner Bücher vor acht Jahren zum ersten Mal las, so war bis heute nicht viel in meinem Gedächtnis von dem Gelesenen hängen geblieben. Natürlich frage ich mich heute, was der Grund dafür sein konnte. So las ich also eines der Bücher Onitsha (1991 – dt. Ausgabe 1993 bei Kiepenhauer & Witsch, Köln) in diesen Tagen erneut.

Jean-Marie Gustave Le Clézio

Nun Le Clézio wurde der Nobelpreis als „dem Verfasser des Aufbruchs, des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase” zuerkannt. Ich halte „Onitsha“ für ein sehr poetisches Buch. Es ist Entwicklungs- und eine Art Abenteuerroman und ein Buch über eine uns unbekannte Welt, die Welt der Schwarzafrikaner. Afrika hat mich schon immer interessiert, von der Musik bis hin zur Literatur (beginnend mit Albert Camus und das Leben in Nordafrika bis hin zu Wole Soyinka aus Nigeria). Was mich vielleicht vor Jahren beim ersten Lesen dieses Romans störte: Es fehlt mir etwas der psychologische Tiefgang. Die Personen verharren auf einer Oberfläche, die zwar immer wieder einen Blick in die Tiefe zulässt, der dann aber nur unzureichend ausgeleuchtet wird. Sicherlich sind knapp 300 Seiten zu wenig, um sich der vielen Themen, die hier angesprochen werden, ausführlicher zu widmen. So ist dieser Roman wie ein Gedicht, knapp und poetisch, aber ohne epische Breite.


Onitscha/Nigeria

Zum Inhalt: Geoffroy Allen lebt am Nigerstrom, „etwas oberhalb des Stroms, ein wenig stromaufwärts von der Stadt Onitsha, wie im Herzen einer großen Kreuzung von Wasserwegen.“ Geoffroy arbeite für eine britische Handelsfirma, die diverse Waren aus England importiert.

Als Maou, seine Frau, und der zwölfjährige Sohn Fintan im Jahre 1948 in Port Harcourt ankommen, haben sie eine vierwöchige Schiffsreise hinter sich. Maou ist voller Zuversicht und freut sich schon auf ihr Leben in Afrika: weite Grasebenen, in denen man sich verliert, der breite Strom, so breit, dass man ihn für ein Meer halten könnte, Mangobäume, rote Lehmhäuser und ihr Haus auf einem Hügel, das von Bäumen umgeben ist. Fintan wird erstmals seinen Vater sehen.

Doch die Reise führt keineswegs ins Idyll. Maou betritt afrikanischen Boden, und es dauert nicht lange, da macht sie sich bei Kolonialbeamten unbeliebt. In Onitsha trifft sie auf „eine Gesellschaft von langweiligen, pedantischen Beamten“, die in ihrem Klub Bridge spielen, währenddessen angekettete Sklaven für die englischen Herrschaften eine Grube für ein Swimmingpool ausheben.

Goeffrey dagegen träumt davon, das Land zu finden, in das der Legende nach eine schwarze ägyptische Königin einst mit ihrem Volk gezogen ist, als die Stadt Meroë im Jahre 350 nach Chr. vom König Ezana aus Aksum geplündert wurde.

Für Fintan, dem 12-jährigen tut sich dagegen eine wundervolle Welt auf. Mit seinem afrikanischen Freund Bony erlebt er Abenteuer, wobei er in das afrikanische Leben und auch in die Mythologie des schwarzen Kontinents eintaucht.

Als eine schwere Malariaerkrankung Geoffroys die Familie zwingt, Afrika zu verlassen, nimmt Fintan ein Stück von Afrika für immer mit sich nach Europa.

Wie sein Held Fintan hat Le Clézio seine Kindheit in Afrika verbracht. Er hat mit diesem Buch den Roman einer nie vergessenen Initiation geschrieben. Ihm gelingt es, die kunstvolle Verknüpfung von persönlichen Schicksalen mit den uralten Mythen des schwarzen Kontinents und den Bildern einer geheimnisvollen, archaischen Welt, die im Biafrakrieg für immer untergegangen ist, aufzuzeigen.

Sean O’Casey: Stücke 2

Eigentlich beginnt man ja mit dem ersten Teil. Aber mein großer Sohn, der in der Schule das Seminar „Irland“ belegt, reißt sich zz. alles unter den Nagel, was irgendwie mit Irland zu tun hat. So auch den ersten Band zu O’Caseys Stücken. So blieb mir nur der 2. Band.

Seán O’Casey (* 30. März 1880 in Dublin, Irland; † 24. September 1964 in Torquay, England) war ein irischer Freiheitskämpfer und Dramatiker. Durch die kritischen Darstellungen des irischen Freiheitskampfes in seinen Werken gilt er als einer der größten Dramatiker des 20. Jahrhunderts.

Im Suhrkamp Verlag sind O’Caseys Stücke in der edition suhrkamp (2133 und 2134) als Originalausgabe erschienen. Bei zweitausendeins.de gab es beide Bände (in 1. Auflage 1999) gewissermaßen aus der Grabbelkiste für nur wenige Euros.

Schuld daran, dass ich mir O’Caseys Stücke zugelegt habe, ist Martin Walser. Ich hatte bei zweitausendeins.de nach Werken von Walser gesucht, und bin dann bei O’Casey gelandet, weil drei kleinere Stücke von Johanna und Martin Walser gemeinsam übersetzt wurden. Johanna ist die Tochter von Martin Walser. Beide haben zusammen schon eine Menge Werke ins Deutsche übersetzt.

Sean O'Casey

Wenn irische Augen lachen,
Das ist wie der Sonnenschein,
Und das Lachen irischer Stimmen
Kann Musik von Engeln sein.

Sind irische Herzen glücklich,
Wird die Welt zum fröhlichen Ort,
Und wenn irische Herzen lachen,
Nehmen sie dir dein Herze fort.

(aus: Das Freudenfeuer für den Bischof)

In „Stücke 2“ sind wohl die weniger bekannten Bühnenaufführungen von Sean O’Casey enthalten. Aus dem Fernsehen bekannt ist mir „Der Preispokal“ (The Silver Tassie (1927), übersetzt von Tankred Dorst) in der Regie von Peter Zadek unter dem Titel „Der Pott“, Stuttgart, 1970; TV-Fassung, 1971. Es ist ein Antikriegsstück, in dem der Fußballspieler Harry Heegan, der zuvor mit seiner Mannschaft den Pokal gewonnen hat, in den Krieg nach Frankreich ziehen muss und als Invalide im Rollstuhl heimkehrt. Aus ihm ist ein Zyniker geworden, zumal sich seine Freundin Susie Taite von ihm abgewandt hat.

In „Purpurstaub” (Purple Dust (1940/ 1945)) haben sich die beiden Engländer Cyril Poges und Basil Stoke in Irland ein Haus gekauft und sind mit den irischen Frauen Souhaun, Cyrils Geliebte, und Avril, Basils Geliebte, bereits eingezogen, obwohl das Haus gerade renoviert wird, da es doch arg baufällig ist. Das Stück lebt von den snobistischen Engländern und den gelassen reagierenden Iren, allen voran den Maurervorarbeiter O’Killigain, und hat die Qualität einer shakespeare’schen Komödie.

„Das Freudenfeuer für den Bischof“ (The Bishop’s Bonfire (1955)) bringt einen ganzen Ort in Aufruhr. Im Haus des Stadtrats Reiligan werden mit Hilfe von Hochwürden Kanonikus Timothy Burren die letzten Vorbereitungen für den Empfang des neuen Bischofs getroffen, der ein Sohn der Stadt ist. Im Mittelpunkt stehen Reiligans Töchter Keelin und Foorawn, von denen die letztere am Ende sogar den Tod findet. Ansonsten treten hier viele, wie ich denke, typisch irische Charaktere auf, vom religiösen Eiferer über den Trunkenbold bis hin zum eher abgeklärten Pater Boheroe, der immer das Richtige zu sagen weiß. Gelassen-cool ist der alte Codger Sleehaun, der sich seinen Teil denkt oder in eher unverfängliche Verse zu fassen versteht.

Zuletzt drei kleine Stücke – wie erwähnt in der Übersetzung von Johanna und Martin Walser. In „Ein Pfund abheben“ (A Pound on Demand (~1930)) brauchen zwei Trunkenbolde dringend Geld, das sie von dem Postsparbuch eines der beiden abheben wollen. Die daraus resultierenden Verwicklungen haben etwas von Stan Laurel und Oliver Hardy.

„Das Ende vom Anfang” (The End of the Beginning (1937)): Auch hier musste ich an Laurel und Hardy denken: Lizzie, die Frau des Hause, tauscht ihre Hausarbeit mit der Arbeit ihres Mannes (die Weiden mähen) und behauptet im Vorfeld: „Wenn du halb soviel zu tun hättest wie ich hier, würde man dich, wenn der Tag vorbei ist, tot aus den Trümmern fischen.“

Nun tot muss sie ihren Darry Berrill nicht aus den Trümmern ziehen, aber mit Hilfe seines Kumpels Barry Derrill schafft er es, das Haus in Schutt und Asche zu legen.

Zuletzt „Gutnachtgeschichte” (Bedtime Story (1951)): Für eine Nacht verliert der religiöse Eiferer John Jo Mulligan alle Vorsätze aus den Augen und verbringt eine Nacht mit der hübschen Angela Nightingale. Am frühen Morgen heißt es nun für ihn, die gute Angela unbemerkt von der Hauswirtin und den Nachbarn hinauszubugsieren. Natürlich führt auch das zu ungeahnten Verwicklungen, deren Leidtragender am Ende John Jo Mulligan ist.

Die Entstehungsdaten verraten es: Die Stücke sind etwas antiquiert. Aber der oftmals irische Charme macht das schnell wieder wett. Ich bin gespannt auf den ersten Teil von O’Caseys Stücken, der Dubliner Trilogie. Aber dazu muss ich das Buch den Händen meines großen Sohnes entreißen (ich kann ja mit Band 2 tauschen).