Alle Artikel von WilliZ

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Blumenpracht Teil 32

Es muss einmal gesagt werden: Dieser Sommer ist bisher alles andere als schön. Ja, ich weiß, es gibt einige schöne Tage mit Sonne und Wärme – meist aber auch mit einer hohen Luftfeuchtigkeit, die alles ziemlich unerträglich werden lässt. Für die Pflanzen mag das gut sein. Für uns arbeitende Menschen weniger. Und die nächsten Gewitter sind bereits im Anzug, die die Luft vielleicht für kurze Zeit abkühlen, damit sie sich bald wieder mit der niedergekommenen Feuchtigkeit sättigt. Von den Schäden und Todesfällen, die diese Extremwetterlagen verursachen ganz zu schweigen.

Blumenpracht und Früchte in AlbinZ Garten – Juli 2012

Blumenpracht und Früchte in AlbinZ Garten – Juli 2012

So schreiben wie Kafka

Nein, es geht hier nicht darum, Erzählungen und Romane, wie Franz Kafka sie schrieb, schreiben zu können. Es geht um Kafkas Handschrift. Die Faszination Kafkas endet nämlich längst nicht allein mit seinen Werken. Franz Kafka schrieb all seine Erzählungen, Romane, Tagebücher und den Großteil seiner Briefe per Hand. So wie Kafkas Werke, so hat es auch seine Handschrift in sich.

Denken wir an Schreibschriften, die vor rund 100 Jahren im deutschsprachigen Raum üblich waren (z.B. deutsche Kurrentschrift oder Sütterlinschrift), so werden wir zugeben müssen, dass wir mit diesen Schriften beim Lesen unsere Schwierigkeiten haben werden. Umso mehr erstaunt es, Kafkas Schrift so ohne Weiteres lesen zu können.

Franz Kafka: Der Prozess - handschriftlicher Anfang
Quelle: franzkafka.de

Kafkas Handschrift ist sehr ausdrucksstark. Das Schriftbild erscheint dabei gleichermaßen elegant wie einwenig nervös und ist gekennzeichnet durch eine sehr eigenständige und vielfältige, aber – wie bereits gesagt – gleichzeitig gut lesbare Formensprache. Dabei muss man wissen, dass Kafka nicht immer in der uns bekannten Schrift geschrieben hat. Bis 1907 schrieb Kafka in Kurrentschrift, erst dann in lateinischer Schrift (Quelle: Klaus Wagenbach: Franz Kafka – Bilder aus seinem Leben)

Kafkas Curriculum vitae in Kurrentschrift
Kafkas Curriculum vitae in Kurrentschrift

Was wohl nicht nur mich fasziniert, ist die Vielfalt an Schriftarten (auch Fonts oder englisch Typeface genannt), also die grafische Gestaltung eines Zeichensatzes (Buchstaben, Ziffern usw.), mit denen wir z.B. am Rechner schreiben können, mit denen aber vor allem Bücher gestaltet werden. Die bekanntesten Schriftarten kennt fast jeder beim Namen: Helvetica, Garamond, Times – oder Arial, Courier und Comic Sans (siehe die 100 besten Schriftarten). Diese Fonts sind meist Druckschriften, bei denen die einzelnen Buchstaben bzw. Lettern separat stehen. Es gibt aber auch Schriftarten, die Schreibschriften nachempfunden und Laufschriften sind, deren Buchstaben sich durch Bogenlinien miteinander verbinden. Für einen Grafiker, Designer oder wie immer man einen Ersteller einer solchen Schriftart nennt, ist es eine Herausforderung, einen solchen Font zu kreieren.

    Kafkas tatsächliche Unterschrift

Ich habe drei solcher Schriftarten gefunden, die als Ausgangspunkt die Handschrift Kafkas nutzen. Die erste nennt sich ‚Franz Kafka’ und ist von David Uebel (Website von David Uebel). Die Schrift ist allerdings ohne die genannten Bogenlinien, auch nicht ganz vollständig (es fehlen einige Umlaute, Sonderzeichen usw.) und etwas ‚löchrig’. Dafür ist sie allerdings auch kostenlos erhältlich.

    Fonts mit Kafkas Handschrift
    1. ‚Frank Kafka’ von David Uebel
    2. ‚Kafka’ von Julia Bausenhardt
    3. ‚ FF Mister K’ von Julia Sysmäläinen

Die beiden anderen Schriftarten sind dagegen nicht ganz preiswert. Es steckt aber auch viel Arbeit darin. Da gibt es z.B. die Schriftart ‚Kafka’ aus dem Jahre 2010 der Designerin Julia Bausenhardt (bei myfonts.com für 45 € zu erwerben – bis zum 14.07.2012 zum Sonderpreis von 38,25 €). Hier werden die Eigenheiten der Schrift Kafkas sehr schön wiedergegeben. Ähnlich verhält es sich mit den Fonts der Finnin Julia Sysmäläinen, die 2008 gleich eine ganze Fontfamilie veröffentlicht hat: FF Mister K (diese kosten bei fontshop.com zwischen 35 und 169 €). Beide Designerinnen haben sich in erster Linie als Quellen an dem Manuskript des Romans „Der Prozess“ gehalten. Die Schriftart von Julia Sysmäläinen wurde u.a. für die Cover einer neuen Kafka-Edition des Schocken Verlags (siehe auch die facebook-Seite) verwendet.

So weit, so gut: Was mich eigentlich erstaunt ist die Tatsache, dass Kafka auf so vielen Gebieten immer noch und immer wieder Quelle der Inspiration ist. Besonders Frau Sysmäläinen hat sich ausgiebig mit Kafka und seiner Handschrift beschäftigt und auch noch eigens 600 Piktogramme entworfen, die auf den Schriftzeichen von Mister K Regular basieren. Und selbst die Werbung bedient sich inzwischen der Handschrift ‚Kafkas’ resp. dem Font von Julia Sysmäläinen.

siehe auch:
Freie Schriftarten
Was ist bloß mit Ian los? Teil 58: Tull Symbols Font
Font-Generator für die eigene Handschrift

Vergessene Stücke (15): Albert Camus – Dramen (Teil 2)

Albert Camus war Schriftsteller und Philosoph des Existenzialismus und gilt als einer der bekanntesten und bedeutendsten französischen Autoren des 20. Jahrhunderts. 1957 erhielt er für sein Gesamtwerk den Nobelpreis für Literatur. Wie bereits in meinem Beitrag Albert Camus – Dramen (Teil 1) geschrieben, so war Albert Camus nicht nur Philosoph und Verfasser von Romanen und Erzählungen. Er war auch ein begeisterter Theaterfreund und als solcher Schauspieler und Regisseur eines kleinen Theaters in Algier – und natürlich Dramatiker. Zwischen 1938 und 1950 verfasste er vier Schauspiele. 1959 dramatisierte er mit dem Stück „Die Besessenen“ den Roman Dämonen von Dostojewski. Und wie ebenfalls bereits erwähnt, so werden Camus’ Stücke auch heute immer noch aufgeführt.

    Albert Camus

Komme ich heute zu den beiden letzten Stücken von Camus’ Dramen, die ich in folgender Ausgabe vorliegen habe: Albert Camus: Dramen – ins Deutsche übertragen von Guido G. Meister – Rowohlt Verlag, Hamburg – 128. – 131. Tausend, April 1982 (14. Auflage) – Sonderausgabe. Man könnte die beiden Stücke „Die Gerechten“ und „Die Besessenen“ als russische Stücke bezeichnen.

Die Gerechten ist ein Schauspiel in fünf Akten und wurde am 15. Dezember 1949 im Théâtre Hébertot, Paris, uraufgeführt.


Experimentelle Kurzfilmadaption einer Szene aus „Die Gerechten“ von Albert Camus.

„Russland im Jahre 1905. Eine terroristische Kampftruppe, Mitglieder der Partei der Sozialrevolutionäre, plant ein Bombenattentat auf den Grossfürsten Sergej, den Onkel des Zaren, um das zaristische Regime zu erschüttern. Doch Kaljajew, der die Bombe werfen soll, bringt es nicht fertig, als er sieht, dass zwei Kinder mit in der Kutsche sitzen. Alle haben Verständnis für den Grundsatz: Unschuldige dürfen nicht leiden. Nur Stepan, der nach Haft, Folter und Flucht voller Hass ist, würde für die ‹Sache› sogar Kinder opfern. Zwei Tage später gelingt es Kaljajew, den Grossfürsten allein zu töten. Er wird verhaftet, gefoltert und soll seine Freunde verraten mit der Aussicht auf Begnadigung. Doch Kaljajew bleibt seiner Tat treu, auch als die Witwe des Grossfürsten ihn im Gefängnis besucht und ihn zur Reue bekehren möchte: «Nur wenn ich nicht stürbe, wäre ich ein Mörder». Er wird hingerichtet. Als die Kampftruppe davon erfährt, beschliesst Dora, die nächste Bombe zu werfen, um ihrem Geliebten ins Jenseits zu folgen. «O Liebe! Leben! Nein, nicht Leben: Liebe im Tod!»“ (Quelle: art-tv.ch)

Personen:

Dora Duljebow
Die Großfürstin
Iwan Kaliajew (Kaljajew) , genannt Janek, der “Dichter”
Stepan Fjodorow
Boris Annenkow, genannt Borja
Alexis Woinow
Skuratow
Foka
Der Wärter

Das Theaterstück basiert auf einer wahren Begebenheit: Im Jahre 1905 verübte die terroristische Gruppierung der Sozialrevolutionäre einen Anschlag auf den russischen Großfürsten Sergei. Das Stück ist natürlich insoweit aktuell, als es um einen terroristischen Anschlag geht. Allerdings suchen die Attentäter nach Gerechtigkeit in einem zaristischen Russland, während heutige Terroristen eher die Implementierung despotischer Systeme anstreben und dabei auch auf Unschuldige wenig Rücksicht nehmen. „Die Revolution frisst ihre Kinder“, heißt es. Camus’ Revolutionäre sind der Gerechtigkeit halber bereit zu sterben.

„In ‚Die Gerechten’ legt Camus an einem Fall aus der russischen Geschichte die Grenzen menschlichen Handels dar. Er zeigt, daß auch die radikale revolutionäre Tat nur in diesen Grenzen zu rechtfertigen ist, daß die Täter in ihren Tod einwilligen müssen, wenn sie sie überschreiten und um eines Ideals willen zu Mördern werden.“ (Klappentext zum Buch)

Albert Camus schreibt in seinem Vorwort zu seinen Dramen zum Stück: „Meine Helden Kaliajew und Dora besitzen meine ungeteilte Bewunderung. Ich wollte bloß darlegen, daß auch der Tat selbst Grenzen gesetzt sind. Nur die Tat ist gut und gerecht, die diese Grenzen anerkennt und, falls sie sie überschreiten muß, zumindest in den Tod willigt. Unsere Welt zeigt uns heute ein widerliches Gesicht, gerade weil sie von Menschen gezimmert wird, die sich das Recht anmaßen, diese Grenzen zu überschreiten und insbesondere Mitmenschen zu töten, ohne selbst mit dem Leben zu bezahlen. So kommt es, daß die Gerechtigkeit heute überall auf der Welt den Mördern jeglicher Gerechtigkeit als Alibi dient.“

Am 30. Januar 1959 wurde das Drama „Die Besessenen“, Albert Camus‘ Bearbeitung des Romans von Dostojewski für die Bühne, im Théâtre Antoine, Paris, uraufgeführt. Es ist gewissermaßen eine geraffte Fassung des über 800 Seiten starken Romans.

Die Dämonen ist ein 1873 veröffentlichter Roman von Fjodor Dostojewski. Das Buch beschreibt das politische und soziale Leben im vorrevolutionären Russland des späten 19. Jahrhunderts, als unter zunehmender Labilität der zaristischen Herrschaft und traditionellen Wertesysteme verschiedene Ideologien (Nihilismus, Sozialismus, Liberalismus, Konservatismus) aufeinanderprallten, die von Dostojewski jeweils in einem Protagonisten dargestellt werden. In geradezu seherischer Art und Weise hat Dostojewskij die politischen und menschlichen Entwicklungen des 20. und 21. Jahrhunderts präzise vorhergesagt.

Im Roman wie auch in dem Theaterstück stehen zwei Ereignisse im Mittelpunkt. Beim ersten geht es um einen Mord innerhalb einer revolutionären Gruppe. Bei dieser wahren Begebenheit wurde auf Veranlassung des skrupellosen Nihilisten Sergei Netschajew ein junges Mitglied seiner Gruppe von seinen Kameraden ermordet. Netschajews Absicht war, damit gleichzeitig einen Kritiker auszuschalten und die Gruppe durch den gemeinschaftlichen Mord zusammenzuschweißen. Die Figur Peter (Pjotr) Werchowenski und die Ereignisse um seine revolutionäre Gruppe in „Die Dämonen“ basieren auf Netschajew und dem Mordfall. Das andere Ereignis ist Stawrogins Beichte bei Bischof Tichon. Der von inneren Widersprüchen zerrissene Stawrogin offenbart darin seine Zweifel an Gott und jeder Moral.

Personen:

Grigorejew, der Erzähler
Stepan Trofimowitsch Werchowenski
Warwara Petrowna Stawrogina
Liputin
Schigalew
Iwan Schatow
Wirginski
Gaganow
Alexej Jegorowitsch, Diener
Nikolai Stawrogin
Praskowja Drosdowa
Dascha Schatowa, Schwester von Iwan. S.
Alexej Kirillow
Lisa Drosdowa
Mawriki Nikolajewitsch
Marja Timofejewna Lebjadkina
Hauptmann Lebjadkin
Peter Stepanowitsch Werchowenski
Fedka
Der Seminarist
Ljamschin
Tichon, der Bischof
Marja Schatowa, Frau von Iwan S.

Schauplätze:

1. Bei Warwara Stawrogina. Reich ausgestatteter, im Stil der Epoche gehaltener Salon
2. Das Filippowsche Haus. Doppeltes Bühnenbild: ein Salon und ein kleines Zimmer. Sehr ärmlich eingerichtete möblierte Wohnung
3. Die Straße
4. Das Lebjadkinsche Haus. Ein schäbiger Salon in der Vorstadt
5. Der Wald
6. Ein geräumiger Saal im Jefimjewski-Kloster
7. Der Salon im Stawroginschen Landhaus in Skworeschniki

Camus schreibt zu Dostojewski im Zusammenhang mit seinem Stück: „Lange Zeit hat man Marx für den Propheten des 20. Jahrhunderts gehalten. […] wir erkennen, daß Dostojewski der wahre Prophet war. Er hat die Herrschaft der Großinquisitoren und den Triumph der Macht über die Gerechtigkeit vorausgesehen. […] Ich stelle die ‚Dämonen’ neben die drei oder vier größten Werke, die die enorme Anhäufung der Schöpfungen menschlichen Geistes krönen: neben die ‚Odyssee’, ‚Krieg und Frieden’, ‚Don Quijote’ und die Dramen Shakespeares. […] Für mich ist in erster Linie Dostojewski der Schriftsteller, der lange vor Nietzsche den zeitgenössischen Nihilismus erkannt, definierte und seine ungeheuerlichen oder wahnwitzigen Folgen voraussah, und der versuchte, die Botschaft des Heils zu bestimmen.“

„Das letzte Bühnenstück des französischen Nobelpreisträgers ist eine eindrucksvolle Adaption des Romans ‚Die Dämonen’ von Dostojewski. Die Begegnung französischer clartè mit dem Dämonischen ist deshalb ein Ereignis, weil sie Extreme abendländischer Geistigkeit zusammenzuzwingen versucht. Das Ergebnis wirkt bei der Lektüre fast noch eindringlicher als bei einer Aufführung auf der Bühne.“ Der Tag, Berlin

Siehe auch Video bei YouTube: Albert Camus on Nihilism

5 mal 10 Tipps für Urlaub, Reise & Freizeit

Seit 2009 bin ich Mitglied bei tripadvisor.de, einer Community im Netz für alles, was irgendwie mit Reisen zu tun hat. Hier gibt es einige Ranglisten, die ich Euch nicht vorenthalten möchte. Vielleicht findet der eine oder andere von Euch die richtige ‚Inspiration’ für den nächsten Urlaub (eigentlich sind wir ja bereits mitten in der Urlaubszeit):

10 absolute Trauminseln (atemberaubende Inseln, die Sie einmal im Leben gesehen haben sollten)

Ischia, Italien

10 tolle Orte, um Leute zu beobachten (Zurücklehnen und die Welt an sich vorbeiziehen lassen)

10 ungewöhnliche Museen (Von Schuhen bis zu Klobrillen)

10 fantastische Hotelpools

10 kultige Festivals

Da kann ich nur noch eine schöne Urlaubszeit wünschen!

Olympia kann kommen

Neben der Fußball-Europameisterschaft endeten am Sonntag auch die Europameisterschaften der Leichtathletik in Helsinki. Und mit insgesamt 16 Medaillen waren die deutschen Sportler besonders erfolgreich. Olympia kann also kommen. Es ist nur zu hoffen, dass einige der erfolgreichen Athleten in Helsinki nicht bereits ihr Pulver verschossen und vor der Zeit den Zenit ihrer Leistungsfähigkeit erreicht haben.

Am Freitag in drei Wochen bereits (27.07.2012) beginnen also in London die 30. Olympischen Sommerspiele der Neuzeit, die am 12. August enden. Es wird erwartet, dass über 200 Nationen bzw. Nationale Olympische Komitees (NOK) Athleten entsenden werden. Die Leichtathleten nehmen übrigens am 3. August ihre Wettkämpfe auf.

    Olympia 2012 London

Der Fußball beginnt übrigens schon am 25. Juli, also zwei Tage vor der offiziellen Eröffnungsfeier. Auch diesmal sind bei den Männern nur U-23-Mannschaften zugelassen, die mit maximal drei älteren Athleten verstärkt werden dürfen. Das olympische Fußballturnier ist also auch weiterhin nicht mit einer Weltmeisterschaft vergleichbar. Kurios und lange diskutiert ist die Tatsache, dass bei den Olympischen Spielen 2012 nach langer Pause wieder eine britische Mannschaft teilnehmen wird, die das ganze Königreich vertritt, denn eine britische Fußballnationalmannschaft existiert wegen der traditionellen Eigenständigkeit der Fußballverbände von England, Nordirland, Schottland sowie Wales offiziell nicht.

Damit die Zeit bis dahin nicht zu lang wird, wurde am Wochenende die 99. Tour de France 2012 gestartet. Allerdings erfolgt in Deutschland eine Live-Übertragung der Tour nur noch über den Sender Eurosport. ARD und ZDF übertragen wegen der Dopingproblematik die Grande Boucle (Große Schleife) nicht mehr live.

Ergebnisse der Tour de France siehe sportschau.de oder auf der offiziellen Website der Tour.

Hier noch einige Informationen zur Fußball-Europameisterschaft 2012. In die UEFA EURO 2012 Mannschaft des Turniers wurden folgende Spieler gewählt:

Tor: Gianluigi Buffon (Italien), Iker Casillas (Spanien), Manuel Neuer (Deutschland).

Verteidigung: Gerard Piqué (Spanien), Fábio Coentrão (Portugal), Philipp Lahm (Deutschland), Pepe (Portugal), Sergio Ramos (Spanien), Jordi Alba (Spanien).

Mittelfeld: Daniele de Rossi (Italien), Steven Gerrard (England), Xavi Hernández (Spanien), Andrés Iniesta (Spanien), Sami Khedira (Deutschland), Sergio Busquets (Spanien), Mesut Özil (Deutschland), Andrea Pirlo (Italien), Xabi Alonso (Spanien).

Sturm: Mario Balotelli (Italien), Cesc Fàbregas (Spanien), Cristiano Ronaldo (Portugal), Zlatan Ibrahimović (Schweden), David Silva (Spanien).

Die Auswahl ist mir etwas zu ‚ergebnisorientiert’, also nimmt etwas zu viel ‚Rücksicht’ auf die Platzierungen der Mannschaften. Lediglich Ibrahimović (Schweden – schon der Gruppenphase ausgeschieden) ist aufgrund seines Bekanntheitsgrades in diese Mannschaft gewählt worden. Für Buffon (Italien) im Tor hätte ich durchaus Petr Čech (Tschechien) gewählt. Und Mats Hummels hat bis auf den groben Schnitzer im Spiel gegen Italien ein großartiges Turnier gespielt. Aber sei es drum …

Spaniens Mittelfeldregisseur Andrés Iniesta ist von der Technischen Kommission der UEFA zum besten Spieler der UEFA EURO 2012 gewählt worden. Und der Spanier Fernando Torres hat sich in den Schlussminuten der UEFA EURO 2012 mit einem Treffer sowie einer Vorlage gegen Italien den Goldenen Schuh als bester Torschütze des Turniers gesichert.

Das Beste kommt zuletzt

Lange hat die Fußballwelt gerätselt: Können die Spanier nicht oder wollen sie einfach noch nicht: Ihr berühmtes Tiki-Taka war bis ins Halbfinale ohne Esprit, oft ohne überraschende Momente, einfach zu langsam vorgetragen und damit zu einem Rasenschach verkommen, das Mannschaften eigentlich nur spielen, wenn ihnen die zündende Idee fehlt.

Bei der Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine zeigten die Spanier nun, dass sie wirklich auch ‚anders’ können, dass ihnen die genialen Pässe durchaus gelingen, dass sie den Gegner laufen lassen, während sie sich in ihrem Kurzpassspiel geradezu ‚erholen’.

Finale: Spanien-Italien 4:0

Spanien ist und bleibt das Maß aller Dinge im Fußball. Die junge deutsche Mannschaft hat Lehrgeld zahlen müssen, obwohl ich sie gern statt der Italiener gegen den alten und neuen Europameister (und amtierenden Weltmeister) Spanien spielen gesehen hätte. Das Endspiel gestern war endlich der gewünschte Leckerbissen aus der Feinkostabteilung des Fußballs. Ohne die Leistung Italiens schmälern zu wollen: Die Spanier haben über lange Strecken des Spiels gezaubert, dass es eine Freude war, dem zuzugucken.

Hier mein Tipp und das tatsächliche Ergebnis des Finales:

01.07. 20:45 Uhr Kiew Spanien – Italien Tipp 2:1 n.V. (Ergebnis 4:0)

Siehe auch meine Beiträge:
Warum Deutschland (vielleicht) nicht Europameister wird
Taktische Finessen
Aus die Maus

Übrigens: Auf sportschau.de sind noch einmal alle Tore dieser EM zu sehen.

Heute Ruhetag (17): Robert Walser – Der Gehülfe

Vor längerer Zeit habe ich diesen Roman einmal zu meinen liebsten Büchern gezählt: Der Gehülfe von Robert Walser. Dieser Roman wurde 1907 geschrieben und 1908, also vor über 100 Jahren, veröffentlicht. Er handelt von dem 24-jährigen Joseph Marti, Gehülfe des Ingenieurs Carl Tobler, und wie dieser während eines halben Jahres als Hausangestellter den Ruin einer erfolglosen Erfinder-Familie erlebt. Am Ende geht Joseph Marti wieder seiner Wege. Der Roman spielt in der Schweiz und hat autobiografische Bezüge.

Robert Walser war ein Sonderling. Und so sind seine Romane, Erzählungen und Gedichte von einem sonderbaren Charme geprägt. Hermann Hesse schreibt 1936, zwar sei der „Gehülfe voll von Stimmungen vom Anfang des 20. Jahrhunderts“, doch bezaubere die „Erzählung durch die zeitlose Anmut ihres Vortrags, durch die zart und absichtslos spielende Magie“. In einem Nachwort zum Roman schrieb Anne Gabrisch , „Herr und Diener [seien] gleichermaßen närrisch – ein Paar von fürchterlicher Komik. Und von weit her an Don Quijote und Sancho Pansa erinnernd.“ Dem ist von meiner Seite nicht hinzuzufügen.

Heute Ruhetag!

Eines Morgens um acht Uhr stand ein junger Mann vor der Türe eines alleinstehenden, anscheinend schmucken Hauses. Es regnete. »Es wundert mich beinahe,« dachte der Dastehende, »daß ich einen Schirm bei mir habe.« Er besaß nämlich in seinen früheren Jahren nie einen Regenschirm. In der einen nach unten grad ausgestreckten Hand hielt er einen braunen Koffer, einen von den ganz billigen. Vor den Augen des scheinbar von einer Reise herkommenden Mannes war auf einem Emailleschild zu lesen: C. Tobler, technisches Bureau. Er wartete noch einen Moment, wie um über irgend etwas gewiß sehr Belangloses nachzudenken, dann drückte er auf den Knopf der elektrischen Klingel, worauf eine Person kam, allem Anschein nach eine Magd, um ihn eintreten zu lassen.

»Ich bin der neue Angestellte,« sagte Joseph, denn so hieß er. Er solle nur eintreten und hier, die Magd zeigte ihm die Richtung, nach unten ins Bureau gehen. Der Herr werde gleich erscheinen.

Joseph stieg eine Treppe, die eher für Hühner als für Menschen gemacht schien, hinunter und trat rechter Hand ohne weiteres in das technische Bureau ein. Nachdem er eine Weile gewartet hatte, ging die Türe auf. An den festen Schritten über die hölzerne Treppe und am Türaufmachen hatte der Wartende sogleich den Herrn erkannt. Die Erscheinung bestätigte nur die vorausgegangene Gewißheit, es war in der Tat niemand anderes als Tobler, der Chef des Hauses, der Herr Ingenieur Tobler. Er machte ziemlich große Augen, er schien ärgerlich zu sein und war es auch.

[…]

»Von Herzen!« sagte der Gehülfe. Sie ergriff zum letzten Mal das Wort:

»Ich werde es ihm ausrichten, es wird ihn freuen. Er hat es um Sie verdient, daß Sie ihm nicht grollen, er hat Sie gern gehabt, wie wir alle. Sie sind unser Angestellter gewesen – nein, gehen Sie jetzt. Viel Glück, Joseph.«

Sie bot ihm die Hand und wandte sich dann zu ihren Kindern, als sei gar nichts weiter geschehen. Er nahm seinen Handkoffer vom Boden auf und ging. Und dann verließen die beiden, Marti und Wirsich, den Abendstern.

Unten auf der Landstraße angekommen, machte Joseph halt, zog einen Toblerschen Stumpen aus der Tasche, zündete sich denselben an und drehte sich noch einmal nach dem Haus um. Er grüßte es in Gedanken, dann gingen sie weiter.

Robert Walser: Der Gehülfe (u.a. als HTML)

Leichtathletik-Europameisterschaften 2012 in Helsinki

Parallel zur Fußball.Europameisterschaft läuft seit Mittwoch die 21. Leichtathletik-Europameisterschaft in der finnischen Hauptstadt Helsinki und endet wie der Fußball am 1. Juli 2012. Die fünftägigen Wettkämpfe finden im Olympiastadion statt.

Nach den ersten drei Wettkampftagen haben die deutschen Sportler drei Gold- (Pascal Behrenbruch im Zehnkampf, Nadine Kleinert, Frauen, und David Storl, Männer, im Kugelstoßen), zwei Silbermedaillen (Arne Gabius über 5000 m Herren und Christina Obergföll, Sperrwerfen Frauen) und eine Bronzene (Linda Stahl, ebenfalls Sperrwerfen Frauen) gewonnen. Bisher also eine gute ‚Ausbeute‘. Weitere Medaillenchancen bestehen traditionell in den technischen Wurfdisziplinen (Hammerwurf und Diskus).

In knapp fünf Wochen, am 03.08.2012, starten dann die Wettbewerbe in der Leichtathletik während der Olympischen Spiele 2012 in London (vom 27.07. – 12.08.).

Sport gibt es in diesem Sommer, der sich bisher von seiner schlechten Seite zeigt, also zur Genüge …

Offizielle Website der Leichtathletik-Europameisterschaften 2012 (Englisch)

Aus die Maus

Nun dürfen früher als gewollt die Deutschland-Fähnchen eingerollt und die sieben Meisterbiere ausgetrunken werden – und Jürgen Klopp und all die bärtigen Herren in deutschen Landen rasieren sich wieder. Der Alltag kehrt ein. Es ist aus und vorbei. Wieder hat es nicht sollen sein. Und schon wieder gegen Italien.

Als ich gestern von der Aufstellung der deutschen Nationalmannschaft im Halbfinale bei der Fußball-Europameisterschaft erfuhr, überkam mich geradezu Entsetzen: Wieder mit Podolski und wieder mit Gomez. Des Bundestrainers Löw bescheidenes Fazit nach dem Spiel: „In den ersten drei Spielen haben wir auch gewonnen mit Mario Gomez und Lukas Podolski.“ Und was war mit dem vierten Spiel gegen Griechenland mit den Einsätzen und Toren von Klose und Reus? Warum also wieder diese beiden Spieler, die wie Fremdkörper in einer ansonsten eher homogenen Mannschaft wirken. Warum diese hohen, meist unpräzisen Pässe in den Strafraum, in dem ein unbeweglicher Mittelstürmer alter Prägung nicht so recht wusste, was er tun sollte. Nein, Herr Löw, es mag ja sein, dass sie Herrn Gomez zu einem vierten Tor und damit vielleicht zur Torschützenkrone verhelfen wollten. Es mag ja sein, dass sie glaubten, Herr Podolski würde in seiner alten Heimat zu alter Form auflaufen. Ihren Fehler haben Sie korrigiert – allerdings zu einer Zeit, als so gut wie nichts mehr zu retten war. Einen Zwei-Tore-Vorsprung lassen sich die Italiener so schnell nicht aus der Hand nehmen.

2. Viertelfinalspiel: Deutschland-Italien 1:2

Für die Mannschaft tut es mir schon etwas Leid. Aber wer so hohe Ansprüche an sich stellt und diese nicht zu erfüllen im Stande ist, macht sich nun einmal zum Deppen. In zwei Jahren geht es dann nach Brasilien zur Weltmeisterschaft. Vielleicht klappt es dann. Die Mannschaft ist noch jung, nur im Sturmbereich muss nun auch endlich ein Durchbruch geschehen. Gomez passt, wie Mehmet Scholl, Co-Kommentator bei der ARD, anfangs richtig festgestellt hat, nicht in ein ‚spielendes’ Team – so wie Klose. Nur der ist inzwischen 34 Jahre alt. Wer käme da also in Frage? Wahrscheinlich sollte man fast ganz auf einen typischen Mittelstürmer verzichten und einen Spieler wie Reus verstärkt zentral agieren lassen.

Italien also im Endspiel – und gegen Spanien wie bereits in der Gruppenphase, als sich beide Mannschaften nach gutem Spiel 1:1 trennten. Überhaupt haben die Italiener durch einen für sie ungewohnten Offensivfußball überzeugt. Ich bin nun wirklich kein Freund des italienischen Fußballs, aber was die Italiener während dieser EM spielen, kann sich durchaus sehen lassen.

Die Spanier taten sich gegen wild entschlossene Portugiesen im ersten Halbfinalspiel recht schwer, obwohl sie wie gewohnt mehr Ballbesitz hatten. Das Team von Paulo Bento unterband in einer intensiven Partie konsequent das spanische Kurzpassspiel. In der Verlängerung war den Portugiesen der Kräfteverschleiß und später die Erleichterung über den Schlusspfiff anzumerken. Im Elfmeterschießen setzte sich dann das glücklichere Team durch.

Hier noch einmal meine Tipps zum Halbfinale und die tatsächlichen Ergebnisse:

27.06. 20:45 Donezk Portugal – Spanien Tipp 1:2 (Ergebnis: 2:4 n.E., 0:0)
28.06. 20:45 Warschau Deutschland – Italien Tipp 2:0 (Ergebnis 1:2)

Und mein Tipp zum Endspiel? Die Spanier sind meilenweit von ihrer früheren Klasse entfernt. Es mangelt besonders am Abschluss. Gegen Portugal versuchte man dies zu beheben. Aber ohne großen Erfolg. Die Spanier hätten lieber gegen die deutsche Mannschaft gespielt. Jetzt wissen wir in Deutschland, warum … Ich denke, es wird ein interessantes, wenn auch nicht spielerisch hochklassisches Endspiel. Die Taktik wird das Spiel beherrschen – und am Ende gewinnt vielleicht wieder das glücklichere Team …

01.07. 20:45 Uhr Kiew Spanien – Italien Tipp 2:1 n.V.

Siehe auch meine Beiträge:
Warum Deutschland (vielleicht) nicht Europameister wird
Taktische Finessen

Übrigens: Auf sportschau.de sind noch einmal alle Tore dieser EM zu sehen.

Vergessene Stücke (14): Albert Camus – Dramen (Teil 1)

Albert Camus war Schriftsteller und Philosoph des Existenzialismus und gilt als einer der bekanntesten und bedeutendsten französischen Autoren des 20. Jahrhunderts. 1957 erhielt er für sein Gesamtwerk den Nobelpreis für Literatur.

Den Philosophen Camus habe ich hier schon in mehreren Beiträgen vorgestellt. In dem Beitrag Albert Camus: Der Fremde zu der Erzählung Der Fremde schrieb ich: „Leben heißt Miterleben […]. Ausgangspunkt der Philosophie Camus’ ist das Absurde des Lebens, die Sinnlosigkeit. Dem kann der Mensch nur durch die Revolte, durch ein tägliches sich Aufbäumen, entgehen. Morgens, wenn ich aufstehe, so lebe ich trotzdem (trotz der Sinnlosigkeit) und mühe mich um menschliche Solidarität.

    Albert Camus

Neben Camus ist es Sartre, der gegen die „Sinnlosigkeit des Lebens“ revoltierte. Für den Marxisten Sartre endet die Revolte allerdings im Endziel Kommunismus, bei Camus ist die Revolte ‘endlos’. Außerdem spielt für den Mittelmeermensch Camus vor allem Licht und Schatten eine wichtige Rolle. In dem Schauspiel „Das Mißverständnis“ ist es die Sehnsucht der Schwester nach dem Meer und nach Sonne.

In meinem kleinen Philosophie-Modell berief ich mich übrigens auch auf Camus und schrieb zusammenfassend: „Es gibt keinen eigentlichen, allgemeingültigen Sinn des Lebens. Man muss sich und seinem Leben ‚selbst’ einen Sinn geben. Ähnlich dachte auch Buddha, der das Leben für leidvoll hielt. Man muss gegen diese allgemeine Sinnlosigkeit, gegen das Leid revoltieren. Diese Revolte ist ein tägliches sich Aufbäumen gegen die Absurdität des Lebens.“

Albert Camus war nun nicht nur Philosoph und Verfasser von Romanen und Erzählungen. Er war auch ein begeisterter Theaterfreund und als solcher Schauspieler und Regisseur eines kleinen Theaters in Algier – und natürlich Dramatiker. Zwischen 1938 und 1950 verfasste er vier Schauspiele. 1959 dramatisierte er mit dem Stück „Die Besessenen“ den Roman Dämonen von Dostojewski.

Die Dramen von Albert Camus sind in einem gut 340 Seiten umfassenden Buch erhältlich. Ich selbst zitiere hier aus der folgenden Ausgabe: Albert Camus: Dramen – ins Deutsche übertragen von Guido G. Meister – Rowohlt Verlag, Hamburg – 128. – 131. Tausend, April 1982 (14. Auflage) – Sonderausgabe

Vorweg: Natürlich werden Camus’ Stücke auch heute noch aufgeführt und sind nicht ‚vergessen’. Seine Themen haben nicht an Aktualität eingebüßt. Wie sollten sie auch. Was hat sich schon wesentlich auf unserer Erdenkugel geändert.

    Scipio: … Leiden verursachen sei die einzige Art, sich zu irren. (S: 23)
    Cherea: Man muß wohl zuschlagen, wenn man nicht widerlegen kann. (S. 32)
    Caesonia: … gieße über unsere Gesichter deine unparteiliche Grausamkeit, deinen ganz und gar sachlichen Haß. (S. 48)
    Caligula: Das Schicksal kann man nicht begreifen, und darum habe ich mich zum Schicksal gemacht … (S. 51)
    Cherea: … die Unsicherheit veranlaßt einen, zu denken. (S. 60)
    Caligula: Nun, ich trete gewissermaßen an die Stelle der Pest. (S. 64)
    Caligula: Die anderen schaffen aus Machtlosigkeit. Ich jedoch habe kein Werk nötig. Ich lebe. (S. 66)
    Calugula: Wenn ihr alle da seid, verspüre ich eine Leere ohne Maß, in die ich nicht blicken vermag. Nur unter meinen Toten ist mir wohl. (S. 69)
    Calugula: Die Dummheit […] ist mörderisch. Sie wird zum Mörder, wenn sie sich beleidigt fühlt. (S. 69)
    Caligula: Einen Menschen lieben, heißt einwilligen, mit ihm alt zu werden. Dieser Liebe bin ich nicht fähig. Eine alte Drusilla, das war viel schlimmer als eine tote Drusilla. (S. 71)
    Caligula: Ich lebe, ich töte, ich übe die sinnverwirrende Macht des Zerstörers, mit der verglichen die Macht des Schöpfers als billiger Abklatsch erscheint. Das heißt glücklich sein! (S. 71)
    Caligula: Aber wer wagte es, mich zu richten in dieser Welt ohne Richter, da niemand ohne Schuld ist! (S. 72)

Das Schauspiel Caligula, ein Schauspiel in vier Akten, entstand 1938, nachdem Camus, damals gerade 25 Jahre alt, Suetons De vita Caesarum gelesen hatte. Es ist die Tragödie maßlosen Machtwillens. Der vom Drang nach dem Absoluten besessene Caligula glaubt, die Treue zu sich durch die Untreue gegen die anderen gewinnen zu können. Caligula ist kein brutaler Despot, sondern ein raffinierter, intellektueller Verbrecher, der seine Untertanen immer weitertreibt, wie in einem Experiment, um zu prüfen, was sie alles erdulden. Als er endlich unter den Dolchen der Verschwörer zusammenbricht, sind seine letzten Worte: „Ich lebe immer noch.“ – Eine indirekte Aufforderung, dass die Verpflichtung zum Widerstand nie erlischt.

„Historisch setzt es nach dem Tod der Drusilla und der damit verbundenen Krise des Kaisers ein, der die Sinnlosigkeit des Lebens erkennt und damit Camus’ philosophische Konzeption des Existentialismus versinnbildlicht.“


Wuppertaler Bühnen: CALIGULA (Trailer) von Albert Camus

„Caligula, das ist der Spieler ums Absolute, der Tyrann, dessen uneingeschränkte Macht ihn verleitet, sich auf die Suche nach der vollkommenen Freiheit zu begeben, um sich neben die Götter einzureihen. Caligula ist der launische Despot, der zwischen Wahn und Willenskraft seine Untertanen wie Fliegen auslöscht, wenn ihm danach ist, und befiehlt, den Mond für ihn vom Himmel zu holen.

Der als Sohn französischer Eltern in Algerien geborene Albert Camus (1913–1960) popularisierte in seinem kurzen Leben, das mit einem Autounfall endete, die Philosophie gemeinsam mit Jean Paul Sartre, was bis heute nachwirkt. Die beiden waren weit über Frankreich hinaus und auch außerhalb der Intellektuellenszene moralische Instanzen in einem Europa, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg entsetzt die Frage stellte: Wie konnte das geschehen? Was ist die Essenz, was ist die Existenz des Menschen, worin besteht seine Freiheit, was macht die Macht mit ihm? Um all diese Dinge geht es in ‚Caligula’, der in der Nachkriegszeit oft aufgeführt wurde; Camus hatte das Stück unter dem Eindruck Hitlers umgeschrieben und verschärft.“ (Quelle: diepresse.com)

„Der Mensch, zumindest der herrschende, ist so grausam wie Gott.
Grotesk der Konflikt. Ausgerechnet einen Kaiser läßt Camus erkennen, daß die Welt schlecht eingerichtet ist! Derlei Erkenntnis gewinnen üblicherweise Unterdrückte. Oder weiß mir jemand einen Regenten zu nennen, dem die »Weltordnung« ungelegen gewesen wäre? Camus‘ Geschichte gipfelt in des Kaisers Entschluß, das Unmögliche möglich zu machen. Beispielsweise will dieser sich von Helicon, einem ehemaligen Sklaven, den Mond holen lassen. Im übrigen hofft er, eigene unumschränkte Freiheit dadurch zu erringen, daß er Untergebene foltert, vergewaltigt und mordet. Ein Irrer an den Hebeln der Macht also. Verheerend die Folgen.“
(Quelle: berliner-schauspielschule.de)


Caligula – Hörspiel – Hörbuch – deutsch – komplett

Camus selbst schrieb in einem Vorwort zu seinen Dramen: „Caligula, ein bis dahin eher liebenswerter Kaiser, entdeckt beim Tod seiner Schwester und Geliebten, Drusilla, daß die Welt schlecht eingerichtet ist. Von diesem Tag an versucht er, vom Verlangen nach dem Unmöglichen besessen, von Verachtung und Grauen vergiftet, durch Mord und systematische Umkehrung aller Werte eine Freiheit zu üben, die er letzten Endes als falsch erkennen wird. […] während seine Wahrheit darin besteht, die Götter zu leugnen, besteht sein Irrtum darin, die Menschen zu leugnen [so sagt Cherea: ‚Gewiß kommt es bei uns nicht zum erstenmal vor, daß ein Mensch unumschränkte Macht verfügt, aber es geschieht zum erstenmal, daß jemand sich ihrer unumschränkt bedient, daß er so weit geht, den Menschen und die Welt zu leugnen.’ (S. 31)]. Es ist nicht möglich, alles zu vernichten, ohne sich selbst mit zu zerstören.“

Personen:

Caligula
Caesonia
Helicon
Scipio
Cherea
Senectus, der alte Patrizier
Metellus, Patrizier
Lepidus, Patrizier
Octavius, Patrizier
Patricius, Oferhofmeister
Mucius
Die Frau des Mucius
Wachen
Sklaven
Dichter

Der erste, dritte und vierte Akt spielen in Calugulas Palast, der zweite in Chereas Haus. Zwischen dem ersten und den drei folgenden Akten liegen drei Jahre.

Caligula wurde 25.09.1945 im Théâtre Hébertot, Paris (Leitung Jacques Hébertot) uraufgeführt (R: Paul Oettly)
DSE: 29.1.1947 Staatstheater Stuttgart (R: Helmut Henrichs)

    Martha: Was sollte aus der Welt werden, wenn die Verurteilten anfingen, dem Henker ihre Herzensnöte anzuvertrauen? (S. 92)
    Maria: Von nun an muß ich in jener fürchterlichen Einsamkeit leben, da die Erinnerung eine Folter ist. (S. 113)

Das Mißverständnis (franz.: Le Malentendu), ein Schauspiel in drei Akten, wurde von Albert Camus 1941 im besetzten Paris geschrieben.

Ein Mann, der viele Jahre in Übersee war, kommt heim. Dort leben seine Schwester und seine verwitwete Mutter davon, Untermieter aufzunehmen und zu ermorden. Weil sie ihn nicht erkennen, wird er selber zum Untermieter, ohne seine Identität preiszugeben, und schlussendlich getötet.


Das Missverständnis im Cuvilliés Theater, München

Camus schriebt dazu in seinem Vorwort: „Ein Sohn, der erkannt werden will, ohne seinen Namen nennen zu müssen, und der infolge eines Mißverständnisses von Mutter und Schwester umgebracht wird – das ist das Thema des Stücks. Gewiß verrät es eine sehr pessimistische Auffassung des menschlichen Daseins, die aber sehr wohl mit einem gemäßigten Optimismus in bezug auf den Menschen vereinbar ist. Denn eigentlich will das besagen, daß alles anders gekommen wäre, wenn der Sohn gesagt hätte: ‚Ich bin’s, dies ist mein Name.’ Er will besagen, daß der Mensch in einer ungerechten oder gleichgültigen Welt sich selbst und seine Mitmenschen erretten kann, wenn er sich an die einfachste Aufrichtigkeit, das treffendste Wort hält.“

Personen:

Martha, Jans Schwester
Maria, Jans Ehefrau
Die Mutter
Jan
Der alte Knecht

Das Mißverständnis wurde 1944 im Théâtre des Mathurins uraufgeführt.

    Die Pest: … in Tat und Wahrheit bin ich ein Idealist […] Ich bringe euch das Schweigen, die Ordnung und die unbedingte Gerechtigkeit. (S. 146)
    Der Richter: Wenn das Verbrechen Gesetz wird, hört es auf, Verbrechen zu sein. (S. 158)

Der Belagerungszustand (französisch L’état de siège) ist ein Theaterstück in drei Teilen von Albert Camus. Es wurde 1948 in Paris uraufgeführt. Das Stück entstand unter dem Einfluss der deutschen Teilung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg. Er zeigt damit die Grausamkeiten, welche tyrannische menschenfeindliche Regimes nach sich ziehen und macht vor allem die Bürokratie als eines der wirkungsvollsten Instrumente der Despotie aus.


Der Belagerungszustand – Schauspielhaus

Zu diesem Stück äußert sich Camus selbst: „Es ist jedoch von Vorteil, zu wissen
1. daß Der Belagerungszustand in keiner Weise eine Bearbeitung meines Romans Die Pest darstellt. Allerdings habe ich einer meiner Personen diesen symbolischen Namen gegeben. Aber da es sich um einen Diktator handelt, ist die Bezeichnung zutreffend;
2. daß Der Belagerungszustand kein nach klassischem Muster verfaßtes Stück ist.
[…] Ich habe für mein Schauspiel das als Mittelpunkt gewählt, was mir in unserem Jahrhundert der Tyrannen und der Sklaven die einzige lebendige Religion zu sein scheint, nämlich die Freiheit. […] Es war eingestandenermaßen meine Absicht, das Theater den psychologischen Grübeleien zu entreißen und auf unseren von gedämpften Murmeln erfüllten Bühnen die lauten Schreie ertönen zu lassen, die heute ganze Menschenmassen ins Joch beugen oder befreien.“

Personen:

Die Pest
Die Sekretärin
Nada
Victoria
Der Richter (Viktorias Vater)
Die Frau des Richters
Diego
Der Gouverneur
Der Alkalde (Strafrichter, Bürgermeister in Spanien)
Die Frauen von Cádiz
Die Männer von Cádiz
Die Wachen

Der Belagerungszustand wurde am 27. Oktober 1948 im Théâtre Marigny uraufgeführt. Bühnenmusik von Arthur Honegger.

„Albert Camus’ ‚Théâtre’ umfaßt einen imponierenden Band, in dem der Kern seiner Dramatik deutlich wird : ‘In der heutigen Zeit lebende Gestalten die Sprache der Tragödie sprechen zu lassen’.“ Stuttgarter Zeitung

„Die hohe Moral seiner Kunst verbietet Camus das Zweideutige und das Allzubrillante, denn es soll und will den Leser, das Publikum zur Entscheidung zwingen. Sie appelliert an unsere Urteilsfreiheit, die von Camus als jene Freiheit erkannt wird, die dem sittlichen Individuum die Verantwortung für Gut und Böse in ihrem vollen Gewicht aufbürdet.“ Bayerischer Rundfunk, München

„Camus unterscheidet sich in wesentlichen Dingen von den Existentialisten Sartrescher Prägung, indem er der Hoffnungslosigkeit jener seinen starken, männlichen Humanismus entgegensetzt, wie er auch immer jene höchst kunstvolle Klarheit und Einfachheit erreicht, mit der er sofort den Zugang zum Hörer findet.“ Westdeutsche Allgemeine, Essen

Siehe auch Video bei YouTube: Albert Camus on Nihilism

Taktische Finessen

Bevor heute mit dem Spiel Portugal gegen Spanien das erste Halbfinalspiel bei der Fußball-Europameisterschaft 2012 angepfiffen wird und morgen die deutsche Nationalmannschaft ihr Halbfinalspiel gegen den ‚Angstgegner’ Italien (die Bilanz bei WM- und EM-Spielen zwischen Deutschland und Italien: 7 Spiele: 0 Siege, 4 Unentschieden. 3 Niederlagen – zuletzt am 04.07.2006 bei der WM in Deutschland im Halbfinale: Deutschland – Italien 0:2 n.V.) bestreitet, möchte ich mich einwenig zu den taktischen Finessen im Fußball äußern.

Da gibt es erst einmal die Spielsysteme ausgehend von der Anzahl der Spieler, die in der Verteidigung, im Mittelfeld und im Angriff spielen. Das 4-4-2-System war traditionell eine der häufigsten Aufstellungen im Fußball (4 Verteidiger, meist als Viererkette bezeichnet – 4 Mittelfeldspieler – 2 Stürmer), wird aber heute nicht mehr ganz so oft gespielt. In dieser Konstellation agieren die Mittelfeldspieler meistens als Raute, d.h. es gibt einen defensiven, zwei zentrale und einen offensiven Mittelfeldspieler. Heute wird oft ein 4-2-3-1-System gespielt, wobei man das Mittelfeld noch einmal in defensive und offensive Mittelfeldspieler aufteilt. Die zwei defensiven Mittelfeldspieler werden dabei Doppelsechs (nach der früheren Rückennummer eines entsprechend agierenden Spielers) genannt. Dieses System finden wir z.B. bei der deutschen Mannschaft: in der Abwehr die Viererkette mit Lahm (linker Verteidiger), Badstuber und Hummels in der Innenverteidigung und Boateng (Lars Bender) auf rechts. Die Doppelsechs bilden Schweinsteiger und Khedira, im offensiven Mittelfeld finden wir links Schürrle (Podolski oder Reus), in der Mitte Özil und rechts Müller (Reus) – im Sturm Klose (Gomez).

    4-2-3-1-System

Natürlich dient ein solches Spielsystem der Orientierung und ist nicht starr. Besonders die beiden Außenverteidiger schalten sich bei Ballbesitz in den eigenen Angriff mit ein und besetzen zusammen mit offensiven Mittelfeldspieler die Flügel, um den Stürmer mit Flankenbällen zu bedienen. Auch die Doppelsechs rotiert oft während des Spiels, wobei sich einer der beiden defensiv, der andere dann offensiv verhält.

Etwas offensiver als das 4-4-2-System ist das 4-3-3-System, das vorwiegend von Portugal gespielt wird. An diesem System lassen sich auch ganz gut die Rückennummern erklären (das so genannte WM-System aus alten Zeiten lasse ich einmal außen vor, da gab es neben drei Stürmern noch zwei Halbstürmer …). Die 1 hat traditionell der Torwart. Die Vierer-Abwehr-Kette hat die Nummern 2 bis 5. Die Mittelfeldspieler haben dann die weiteren geraden Zahlen (6, 8 und 10), die Stürmer die ungeraden (7, 9, 11). Cristiano Ronaldo hat die Numero sieben, ist also das, was man früher als Linksaußen bezeichnete. Die 10 hat in der Regel der Spielmacher. Mesut Özil (Nummer acht) scheint seiner Nummer eine neue Interpretation zu geben (neben der Zentralen im Mittelfeld der kreative Spielmacher oder so).

Aber zurück zu den Spielsystemen: Die Spanier spielen ein 4-1-4-1-System, das durch schnelle Positionswechsel dem Spiel eine hohe Dynamik verleiht. Die Risiken der offensiveren Aufstellung werden dabei durch eine enorme Ballsicherheit und einem hohen Anteil am Ballbesitz durch Kurzpassspiel ausgeglichen, jenem Tiki-Taka (auch Tiqui-taca) – der spanischen Bezeichnung für Klick-Klack-Kugeln -, wie es in dieser Perfektion zz. nur die Spanier beherrschen (spanische Nationalmannschaft und der FC Barcelona). Diese Art des Spiels hat für den Gegner zur Folge, dass er sich die Lungen aus dem Hals läuft.

„Angriff ist die beste Verteidigung“ versus Catenaccio

Offensiver Fußball ist meist sehr attraktiv, verheißt er viele Tore. Oft leider auch für den Gegner, der durch schnelle Konter die ‚freigewordenen Räume’ nutzen kann. Den Offensivfußball kann man in Aufbauspiel (z.B. das bereits erwähnte Tiki-Taka) versus Kick and Rush unterteilen. Der erste ist ein systematisches, eher geruhsam aufbauendes Angriffsspiel mit vielen Ballkontakten. Erst wenn sich ‚freie Räume’ beim Gegner auftun, versucht man in diese überfallartig vorzustoßen. Hohe Bälle sind meist verpönt. Beim Kick and Rush geht alles dagegen ganz schnell. Besonders im britischen Fußball fand man oft, zumindest früher, diese Angriffsspielweise. Dabei wird der Ball aus der Verteidigung hoch und weit nach vorne in den gegnerischen Strafraum geschlagen, um einen schnellen Abschluss zu erreichen. Der Vorteil ist, dass dabei kein langwieriges Aufbauspiel nötig ist. Die Engländer selbst kennen diesen englischen Ausdruck nicht und sprechen von „the long ball”. In den Schlussminuten bei knappen Rückstand mag dieses Kick and Rush Sinn ergeben, ansonsten ist es eher ineffizient.

Die Gegenmethode ist das massive Verteidigen. Dabei werden oft zwei Viererketten eingesetzt, d.h. auch das Mittelfeld agiert im Wesentlichen defensiv (auch Doppelriegel genannt). Höhepunkt dieser ergebnisorientierten Taktik ist der Catenaccio, ein Abwehrbollwerk mit zumeist fünf Verteidigern (5-4-1 oder als 4-5-1). Der Name verrät die Herkunft: Italien. Man spricht von dieser Spielweise auch als ‚mauern’. Nun die Italiener bevorzugen zz. durchaus einen offensiv ausgerichteten Fußball, der sie immerhin ins Halbfinale gebracht hat. Nach einem Führungstreffer ziehen sie sich dann aber gern zurück (Doppelriegel). Und die Abwehrreihen der Italiener haben es dann in sich. Für die deutsche Mannschaft ist also zu hoffen, dass sie möglichst früh zu einem Tor kommt, dann allerdings nicht so schnell wie gegen die gleichfalls defensiv ausgerichteten Griechen den Ausgleichstreffer hinnimmt. Denn sonst winken Verlängerung und sogar Elfmeterschießen.

Heute Abend müssen aber zuerst die Spanier beweisen, ob ihr Tiki-Taka nicht oft ein Schnörkel zu viel beinhaltet. Allein gegen Irland ging ihre Rechnung auf. Ansonsten schienen sie nur das Nötigste getan zu haben, um weiterzukommen. Aber das kann natürlich auch eine Täuschung gewesen sein. Vielleicht funktioniert ihr Kurzpassspiel gegen starke Gegner nicht immer so gut wie gewünscht. Zudem fehlt mit David Villa der Stürmer, der für das entscheidende Tor zuständig ist. Fernando Torres scheint mir noch seiner Form früherer Jahre hinterherzulaufen. Schon allein aus taktischer Sicht ist es auf jeden Fall ein interessantes Spiel.

Übrigens: Auf sportschau.de sind noch einmal alle Tore dieser EM zu sehen.

Und zuletzt hier noch einmal meine Tipps fürs Halbfinale:

27.06. 20:45 Donezk Portugal – Spanien Tipp 1:2
28.06. 20:45 Warschau Deutschland – Italien Tipp 2:0