Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!
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In diesen Tag ist die CD „Kugelkreuz“ erschienen: Es handelt sich dabei um ein Projekt der evangelischen Jugend im Sprengel Lüneburg – realisiert durch die Ev. Jugend im Kirchenkreis Hittfeld (das entspricht in etwa dem Landkreis Harburg bei Hamburg). Kugelkreuz ist ein Jugend-Bandwettbewerb gegen rechte Gewalt und für ein gewaltfreies Miteinander aller Menschen. Inzwischen haben 13 Bands an diesem Bandwettbewerb aus dem Sprengel Lüneburg teilgenommen. Die CD wurde im Tonstudio GrohPA in Bendesdorf und Flatfork in Hamburg-Wandsbek aufgenommen. Das Booklet der CD enthält neben den Liedtexten kurze Gedanken der Bands zum Thema Gewalt.
Mit dieser CD will die evangelische Jugend für Fremdenfreundlichkeit, für ein friedliches Miteinander aller Kulturen, für Demokratie, Toleranz und Akzeptanz einsetzen. Das Kugelkreuz ist dabei gleichzeitig christliches Symbol als auch Zeichen des Widerstandes gegen (neo-)nationalsozialistische ‚Umtriebe‘.
Die CD ist als Gegenentwurf zu den in den letzten Jahren häufig auftauchenden Schulhof -CDs der rechten Szene gedacht. Die CD soll jedoch bewusst nicht an Schulen verteilt, sondern Konfirmanden sowie interessierten Jugendlichen als Geschenk von der evangelischen Jugend überreicht werden. Konfirmanden, Jugendliche und junge Erwachsene sollen über die CD einen eigenen Zugang zu den Themen Rechtsextremismus, rechter Gewalt an sich und ihrer Aktualität in unserem Alltag finden.
Auch meine beiden Söhne haben mit ihrer Band „herr nachbar“ an diesem Projekt teilgenommen. Besetzung der noch ziemlich neuen Gruppe:
Philipp (der das folgende Lied auch geschrieben hat): Gitarre, Gesang Jan: Gitarre, Keyboards Lukas: Bassgitarre Dennis: Schlagzeug
Es ist schon fast wieder ein Vierteljahr her, da bekam ich folgende Mail (Mail vom 11.08.2011) von einem Wolfgang Thomas, Journalist und als solcher 30 Jahre ehemaliger Leiter der WR (Westfälische Rundschau) in Siegen, freier Mitarbeiter des Rockmagazins Eclipsed und Betreiber einer Website namens rock-museum.de:
Hallo Herr Albin, im Zuge der Recherchen für das Buch „Jethro Tull Over Germany“ (Arbeitstitel) bin ich auf Ihre Website gestoßen und würde gerne mit Ihnen über Ihre Tull-Leidenschaft sprechen. Ich würde mich freuen, wenn Sie auch dazu Lust hätten und wenn Sie sich bei mir melden würden – per Mail oder auch per Telefon: 0271-nnnnnn.
Zur Info: 1998 war ich als einer von zwei Autoren an dem BuchThe Rolling Stones over Germanybeteiligt, das Tull-Projekt läuft nun zusammen mit meinem Sohn. Ansonsten bin ich nach 40 Jahren als Tageszeitungsjournalist nun Altersteilzeitler, arbeite aber frei für das Rockmagazin „Eclipsed“.
Viele Grüße aus Siegen
Wolfgang Thomas
Willi schrieb am 19.08.2011
Hallo Herr Thomas,
vielen Dank für Ihre Nachricht. Ich melde mich etwas verspätet, da ich in Urlaub war. Oh weh, meine Tull-Leidenschaft interessiert Sie. Eigentlich habe ich dazu alles gesagt bzw. in meinem Blog geschrieben, was ich dazu zu sagen habe: Jethro Tull und zusammen mit anderen Tull-Fans in Ian und die (Musik-)Welt. Sie dürfen sich gern aus diesem Fundus bedienen. Viel mehr, als dort geschrieben, wüsste ich nicht zu sagen.
[…]
„Jethro Tull Over Germany“ klingt schon sehr speziell, eben auf Deutschland bezogen. Ich habe nachgedacht, wie viele Konzerte ich von Jethro Tull gesehen habe, das erste war in Hannover 1972, zweimal in Bremerhaven (1981 und zuletzt 2005) einmal in Bremen und zweimal in Hamburg, also ein halbes Dutzend. Auf der Fahrt nach Bremerhaven (1981) hatte ich dann auch die einzigste persönliche, wenn auch nur kurze Begegnung mit Ian Anderson. Mit irgendwelchen Anekdoten kann ich also nicht dienen. Vielleicht haben Sie ja Fragen.
Übrigens: Ich habe etwas in Ihrem Rock-Museum gestöbert. Das hat mir sehr gut gefallen. Ich selbst bin zwar kein großer Fan der Stones, aber Jethro Tull und die Stones verbindet ja schon früh etwas; so durfte Tull bekanntlich mit diesen beim Rock and Roll Circus 1968 auftreten. – Ich weiß nicht, ob sie das Foto kennen (bisschen viel Gegenlicht):
Im Anhang ein kleines Bildchen mit zwei der Stones und Ian Anderson; der vierte im Bunde ist Claude Nobs, der Begründer des Montreux Jazz Festivals und bekannt durch die Ansage am Anfang des Bursting Out-Livealbums. Fragen Sie mich nicht, woher ich das Bild habe – irgendwo aus dem Internet.
Viele Grüße aus Tostedt in der Lüneburger Heide
Wilfried Albin
Darauf schrieb mir Wolfgang Thomas mit Mail vom 20.08.2011
Hallo Herr Albin,
vielen Dank für Ihre Antwort – die Information, dass ich mich auf Ihrer Website bedienen darf, werde ich im Zusammenhang mit Ihrer „Begegnung mit Anderson“ gerne nutzen. Es passt deshalb gut, weil ich dem Konzert in Bremerhaven 1981 eine längere Passage gewidmet habe, weil damals in zwei Zeitungen des gleichen Verlags (Nordsee-Zeitung und Sonntagsjournal) zwei herrlich gegensätzliche Konzertberichte erschienen sind: Himmelhoch jauchzend der eine, Totalverriss der andere.
[…]
Frage noch: Haben Sie möglicherweise die Eintrittskarten der von Ihnen besuchten Konzerte aufgehoben und würden Sie gegebenenfalls zum Abdruck zur Verfügung stellen? Uns fehlen noch die 70er Jahre, aber auch die anderen Tickets wären interessant, damit nicht immer Siegen, Köln und Frankfurt auftauchen.
Und dann wüsste ich noch gerne, wie Sie zum Tull-Fan geworden sind – Platte, Konzert, TV? Die Antwort auf diese Frage habe ich auf Anhieb nicht auf Ihren Seiten finden können. Und wenn Sie möchten würde ich gerne ein Bild von Ihnen mit zu dem Bericht stellen, das kann ein Porträt, ein Jugendfoto etc. sein…
Viele Grüße, ein schönes Wochenende!
Wolfgang
Willi schrieb daraufhin am 21.08.2011:
Hallo Herr Thomas,
im Anhang finden sie die Eintrittskarte von meinem ersten Tull-Konzert 1972 in Hannover. Ich hoffe die Bild-Auflösung ist groß genug. Aus dem gleichen Jahr ist dann auch ein Bild von mir – ich habe damals begonnen, in einer Band Bassgitarre zu spielen, nichts Aufregendes, eher das, was man gern „Schweine-Mucke“ nennt. Von Jethro Tull hatten wir nur einen Titel: We Used to Know – das wurde aber endlos in die Länge gezogen – mit einem ausführlichen Gitarrensolo (meines Bruders, einem Fan von Eric Clapton). Ich hoffe, dass das Foto von mir ‚okay‘ ist.
Wie geschrieben kenne ich Jethro Tull schon ziemlich lange, fast von Anfang an her. Sicherlich habe ich mich damals auch schon für Musik interessiert. Aber es war nichts dabei, was mich vom Hocker riss. Erst als ich Ian Anderson mit seiner Gruppe im Fernsehen sah (es war nicht das Stockholm-Konzert von Anfang 1969), da hatte ich ‘meine’ Musik gefunden; u.a. spielte Jethro Tull “Living in the Past” und “Bourree”.
Das muss gegen Mitte 1969 gewesen sein. Zunächst hatte ich Schwierigkeiten, den Namen der Gruppe ausfindig zu machen. In meiner Euphorie hatte ich nicht auf diesen geachtet. Und bei der letzten Ansage verstand ich den Namen natürlich nicht. Am 6.9.1969 habe ich mir dann das erste Album (Stand Up) von Jethro Tull gekauft, es war überhaupt mein erstes Album. Das ist gewissermaßen ein Datum, das man wie seinen Geburtstag oder Hochzeitstag eigentlich nicht mehr vergessen kann (6-9-69 ist gut zu merken). Besonders ‚Living in the Past‘ fand ich damals einfach super. Erst später wurde mir klar, dass das sicherlich auch an dem ungewöhnlichen 5/4-Takt des Stückes lag.
Apropos mein Bruder: Er erzählte mir vor längerer Zeit, dass ein ehemaliger Arbeitskollege in seinen frühen Jahren als Roadie gearbeitet hatte. Dabei soll er u.a. auch bei den Stones, aber auch aushilfsweise bei einer Deutschlandtorunee für Jethro Tull gearbeitet haben. Dieser war von Herrn Anderson menschlich gesehen stark enttäuscht, weil Anderson sich sehr arrogant gab. Er nannte Anderson „ein Arschloch“. Leider hat mein Bruder keinen Kontakt mehr zu diesen ehemaligen Kollegen.
Ich wünsche noch einen schönen Sonntagabend.
Viele Grüße
Wilfried Albin
Mail Wolfgang Thomas vom 21.08.2011:
Hallo nach Tostedt, und ein herzliches Dankeschön. Ich denke, dass ich die Bilder so bearbeiten kann, dass sie passen. Wenn nicht: Darf ich mich noch mal melden?..
Was Ian Anderson und den Begriff „Arschloch“ angeht: Den habe ich im Zuge der Recherchen auch hin und wieder gehört. Ich habe ihn in den 90er Jahren mehrmals zu Interviews getroffen und habe ihn als höflichen und zuvorkommenden Menschen kennengelernt. Und diese Einschätzung habe ich in den vergangenen 15 Monaten ebenso häufig gehört wie A…
Vielleicht ist es eine Frage der Tagesform.
Viele Grüße, und noch einmal ein Dankeschön aus Siegen
Wolfgang Thomas
Willi schrieb zuletzt am 24.08.2011:
Hallo Herr Thomas,
sollten Sie mit den Bildern Probleme haben, dann dürfen sie sich gern wieder bei mir melden. Ansonsten wünsche ich Ihnen und Ihrem Sohn gutes Gelingen mit dem Buch. Sie sind ja schon eine längere Zeit damit beschäftigt. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir mitteilen würden, wenn das Buch auf den Markt kommt.
Auch ich kann mich nur bedanken und Ihnen und Ihrer Familie für die Zukunft alles Gute wünschen.
Viele Grüße aus Tostedt nach Siegen.
Wilfried Albin
Ich gebe es zu, auf das Buch gespannt zu sein (nicht nur, weil ich dazu meinen bescheidenen Beitrag liefern durfte). Wolfgang Thomas hat ein profundes Wissen um die Rockszene, was u.a. seine Beiträge (z.B. über Jethro Tull) im Rockmagazin Eclipsed und sein schauens- wie lesenswertes Rock-Museum beweisen. Ich melde mich, wenn das Buch (hoffentlich bald) erschienen sein wird.
Hinweis: Das Buch, an dem Wolfgang Thomas und sein Sohn Kevin über die Deutschland-Beziehungen der Band um Ian Anderson zurzeit arbeiten, „Jethro Tull Over Germany“ wird am 2. April 2012 im Verlag Siegener Rock-Museum erscheinen, für den Maria Thomas verantwortlich zeichnet.
Die evangelische Jugend im Kirchenkreis Hittfeld (das entspricht dem Landkreis Harburg) hat zum ersten Mal vom 3. bis 10. November eine „Woche gegen Gewalt“ organisiert. Damit soll gegen Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Hass gegen Andersdenkende aufgerufen werden (siehe meinen Beitrag: Tostedt – Jugendliche gegen rechte Szene); u.a. findet am Dienstag, den 8.11., in der St. Johannis-Kirchengemeinde in Buchholz, Wiesenstraße 25, von 18 bis 21 Uhr ein Deeskalationstraining statt; am Donnerstag, den 10.11., gibt es an gleicher Stelle um 18 Uhr das Theaterstück „Feindberührung 2.0“. Am Mittwoch, den 9.11., wird ab 18 Uhr in der Tostedter Johanneskirche der Film „American History X“ gezeigt (bitte Hinweis beachten!). Eintritt ist natürlich kostenlos.
Kreiszeitung Nordheide Wochenblatt Nr. 44 vom 02.11.2011/40. Jg.
In diesen Tag ist dann auch die CD „Kugelkreuz“ erschienen: Es handelt sich dabei ebenfalls um ein Projekt der evangelischen Jugend. Kugelkreuz ist ein Jugend-Bandwettbewerb gegen rechte Gewalt und für ein gewaltfreies Miteinander aller Menschen. Inzwischen haben 13 Bands an diesem Bandwettbewerb aus dem Sprengel Lüneburg teilgenommen. Die CD wurde im Tonstudio GrohPA in Bendesdorf und Flatfork in Hamburg-Wandsbek aufgenommen. Das Booklet der CD enthält neben den Liedtexten kurze Gedanken der Bands zum Thema Gewalt. Auch meine beiden Söhne haben mit ihrer Band „herr nachbar“ an diesem Projekt teilgenommen. In den nächsten Tagen etwas mehr zu „Kugelkreuz“.
Am Freitag, den 11.11., ist es dann auch wieder soweit. Im Gemeindehaus der Johanneskirche in Tostedt startet um 19 Uhr wieder der Bandabend. Mit diesem Bandabend wird jungen Bands aus der Umgebung die Möglichkeit gegeben, aus ihren Proberäumen herauszukommen und vor Publikum spielen zu können. Und junge Menschen aus der Umgebung können so neue Bands kennen lernen und mal einen Abend kostengünstig aus ihren Partykellern herauskommen.
Bekanntlich begann alles einmal mit Adam und Eva – und einer Frucht vom Baum der Erkenntnis. Ob diese Frucht nun ein Apfel oder doch nur eine Feige war, ist umstritten, denn das gängige Bild vom Apfel als verbotener Paradiesfrucht beruht wahrscheinlich auf einer falschen Übersetzung des lateinischen Wortes malum, das sowohl „böse“ als auch „Apfelbaum“ bedeuten kann.
Nun um Äpfel streiten sich nicht nur die Adams dieser Welt (oder heißt es Adäme?), sondern auch Herren in den Vorstandsetagen. Der Apfel hat Symbolcharakter und ist selbst in einfachster Stilisierung als solcher erkennbar. Bei den Beatles und ihrem Firmenimperium (Apple Corps als Dach und Apple Records als Plattenlabel) genügte ein Apfel der Sorte Granny Smith als Logo und damit unverkennbarem Erkennungszeichen. Aber dann kamen die Herren Steve Jobs, Steve Wozniak und Ronald Wayne und gründeten eine Firma, die ebenfalls Apple hieß und ebenso einen Apfel als Logo benutzte, wenn auch einen angebissenen (Das heutige Logo einer Apfelsilhouette mit Biss wurde von Regis McKenna 1976 entworfen).
Solange Apple Computer Inc. (heute nur noch Apple Inc.) nur Computer verkaufte, war aller Apple-Leute Welt noch in Ordnung. Mit Apples (die mit den Computern) Verkauf des iPods und der Betrieb des iTunes Stores begannen dann aber die gerichtlichen Auseinandersetzungen, denn beide Äpfel hatten eine Vereinbarung unterschrieben, wonach sich Apple Computer nicht in der Musikindustrie betätigen würde. Am Ende musste Apple Computer 26 Mio. US-Dollar Strafe zahlen. „Im Februar 2007 übernahm Apple die Rechte am Namen ‚Apple’ und den Apfel-Logos von Apple Records, das diese Warenzeichen zukünftig von Apple lizenziert. Die Apple Inc. ist dem Vergleich zufolge Eigentümerin aller Markenrechte, die mit dem Namen ‚Apple’ zu tun haben, und wird bestimmte Rechte an das Beatles-Unternehmen lizenzieren.“ (Quelle: de.wikipedia.org)
Nun erdreistet sich eine Bonner Café-Besitzerin, mit einem Apfellogo an den Markt zu gehen: Apfelkind heißt das Cafe und bietet nicht nur Apfelkuchen an. Das Apfelkind-Logo sei dem von Apple einfach zu ähnlich Vielleicht liegt es daran, dass sich (k)ein Apfel dem anderen gleicht wie (k)ein Ei dem anderen? „Im Netz wird Apple dafür heftig kritisiert. Eine Marke muss verteidigt werden, sagen dagegen Experten und verweisen auf das deutsche Markenrecht.“ Die Experten sind wahrscheinlich Rechtsanwälte, die mit Prozessen um Markenrechtsfragen ordentlich Knete machen. Ähnliche Zicken wie Apple Inc. machte ja bereits vor einiger Zeit Jack Wolfskin mit seiner Wolfstatze.
Klar doch: Ein Apfel ist doch kein Allgemeingut. Da könnte ja jeder kommen. Und wer an Äpfel denkt, denkt natürlich zuerst an Apple (und erst dann an diese runden Früchtchen – und Apfelkuchen).
Vielleicht hätte das Cafe Apfelkind statt des Apfels doch eine Birne (englisch: pear) nehmen sollen. Aber die geschüttelte Form dieser Frucht (Shakespeare) ist bereits ‚besetzt’ – und in Deutschland gäbe es markenrechtliche Probleme mit Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl und seinem Spitznamen ‚Birne’, den er von den TITANIC-Heroen Knorr und Traxler geschenkt bekam und der ihn auf etlichen TITANIC-Titeln zierte:
Nein, ihr braucht es erst gar nicht zu googeln: Leerizismus ist die Übersetzung eines Neologismus (voidancy, eine Wortschöpfung des Autors zu voidance = Entleerung), den Wole Soyinka, Träger des Nobelpreises für Literatur 1986, in einem seiner Romane prägte: Leerizismus zu leer wie inhaltslos (geistige Gegenstände), hohl, alle (Gefäße), nüchtern (Magen) – wohl zum englischen empty gebildet. Soyinka lässt einen nigerianischen Intellektuellen, den Journalisten Sagoe, in seinem 1965 erschienen Buch sprechen und verunsichert damit den Botenjungen Mathias, indem er gewissermaßen ‚ins Leere’ hinein philosophiert. Das Ganze geht dann sogar in späteren Kapiteln noch weiter …
Mathias grinste breit, und Sagoe räusperte sich.
„ … Mit diesem Tag grabsinge ich allen anderen –ismen, vom homöopathischen Marxismus bis zum Existentialismus. Wenn ich hier meine eigene Person einbringe, dann deshalb, weil die Übermittlung meiner Geschichte nicht mehr und nicht weniger ist als die Enthüllung des Wunders meiner philosophischen Entwicklung, handelt es sich hier doch um einen Ritualismus, für den ich keinem anderen Vorläufer zu dank verpflichtet bin als der gesamten Menschheit selbst, handelt es sich hier doch um eine Erkenntnis, für die ich keinen anderen Urgrund anerkennen kann als die unveränderlichen Gesetze der Natur. Wenn ich hier meine eigene Person einringe, dann deshalb, weil es sich hier um die innerlichste aller nach innen gekehrten Philosophien menschlicher Existenz handelt. Funktionell, spirituell, kreativ oder rituell, der Leerizismus bleibt die einzig wahre Philosophie des wahren Egoisten. Als Definition, meine Damen und Herren, genüge uns dies: Leeriszismus ist keine Protestbewegung, aber er protestiert; es ist unrevolutionär, aber er revoltiert. Leeriszismus, so möchten wir sagen, ist die unbekannte Größe. Leerizismus ist die letzte auf keiner Karte verzeichnete Fundgrube schöpferischer Kräfte, in seinem Paradoxon liegt der Kern der kreativen Liturgie – in der Freigabe liegt das Erzeugnis. Ich bin kein Messias und doch kann ich nicht umhin zu glauben, ich wurde geboren, diese Rolle zu übernehmen, denn die Natur meiner kongenialen Leiden barg in sich bereits die ersten Anzeichen meines späteren Martyriums und der unvermeidlichen Apotheose. Ich wurde mit einem emotionellen Magen geboren: war ich ärgerlich, revoltierte er; war ich hungrig, schlug er Krawall; wurde ich getadelt, reagierte er prompt; wurde ich enttäuscht, geriet er aus dem Häuschen; er drehte sich um bei Furcht, verkrampfte sich in Momenten der Spannung, er war misstrauisch in Examenssituationen und gänzlich unberechenbar während des Liebesaktes. Meine lieben Freunde, einem Propheten gebührt die Ehre … Oft verdächtigte man mich der Drückebergerei und war mit der Strafe rasch bei der Hand; doch gerade die Begleiterscheinungen des Stark ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühls ist ein Zeichen für die Feinfühligkeit des emotionellen Magens. Weiteren Einfluß auf die Entwicklung meiner Leerungsintroversion nahm die Tante einer Freundin aus Kindertagen, die manchmal zu uns zu Besuch kam. Sie furzte wie Beelzebub. Doch eine noch viel größere Erleuchtung war meine eigene Mutter, die, obschon Opfer des gleichen Leidens, doch zugleich eine tief religiöse Furzerin war. Sie prahlte damit – selbst als sie schon mit einem Fuß im Grabe stand -, daß Gottes Stimme ein Wind sei und daß Gott es keinen Tag verabsäume, nach dem Abendgebet zu ihr zu sprechen. Alle Haushaltsmitglieder trommelte sie als Zeugen zusammen, und alle sagten – Amen. Meine Vorstellung vom rechten Ort für das Gebet formte sich daher wohl in jenen Tagen, als ich erkannte, daß der Grund, die Toilette aufzusuchen, weniger in der physiologischen Notwendigkeit als vielmehr in einem psychologischen und religiösen Druck lag. Bereits in dieser Lebensperiode begann ich mich dem Problem zu widmen, dem ich später in systematischen, objektiven Forschungen weiter nachging, dem Problem des digestiven Behaviorismus beim sensiblen Kind. Ich sprach zwar auf die wohlbekannte Pose des Schnell-fertig-und-weg gut an, doch mitunter erfuhr ich eine Selbstbesinnung, eine Entschlossenheit, einen Glauben, einen inneren Frieden; ich entwickelte eine geistige Fühlungnahme mit einer Welt der Spannungen und Widersprüche …“
Sagoe hielt inne und blickte Mathias an, der mit offenem Mund dasaß. Erklappte das Manuskript zu und sagte: „Das war’s für heute, Mathias. Die erste Lektion ist vorbei.“
Mathias würgte ein „Yessah. Dankschön, Sah“ hervor und ließ Sagoe mit seiner Dissertation allein. Beim Hinausgehen schwenkte er die Bierflasche übertrieben lässig, um zu kaschieren, wie froh er war, endlich wegzukommen.
aus: Wole Soyinka: Die Ausleger (S. 100 ff. – Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau, 1983 – Dialog Afrika – Übersetzung von Inge Uffelmann – Original: The interpreters, 1965)
Denken Männer wirklich nur an das Eine? Oder doch an das Andere? Und was ist mit Frauen? Angeblich fassen sich – statistisch belegt – Männer bis zu zwanzig Mal am Tag ‚in ihren Schritt’. Vielleicht prüfen sie so, ob noch ‚alles’ an Ort und Stelle ist. Es könnte ja etwas abgefallen sein. Mein Schamgefühl verbietet mir solches Prüfen. Ich kompensiere das wohl damit, indem ich mir an die Nase fasse, und begründe das mit dem Grübeln über das eine oder andere Problem.
Ob man nun an das Eine oder Andere (oder gar Weitere) denkt, so will es uns das folgende Bildchen suggerieren, ist altersabhängig. Sicherlich verschieben sich im Alter die Prioritäten.
Karikaturisten neigen zu Übertreibungen. Wie sollte sonst auch so etwas wie Humor entstehen (in diesem Zusammenhang). Sicherlich ist es richtig, das besonders junge Menschen (ich möchte Frauen nicht ausschließen) an das Eine denken, so unbeschwert und frei von Karrierestreben sie noch sind. Und steht man erst einmal im Beruf, dann verändern sich auch die Gedanken und das Verlangen. Mann und Frau denken natürlich erstrangig an Haus, Heim und Familie, wenn sie an der Andere denken. Es sind doch hier keine Egoisten unter uns, oder? Und mit dem Alter, wenn die Blase schwächer wird und der Darm …
Ähem, was ich noch sagen wollte: Ausnahmen bestätigen oft die Regel. Und so überspringt der oder die eine oder andere das Eine, lässt es links liegen, um sich gleich dem Anderen zu widmen. Oder, frei nach dem Motto: Je oller, je doller – treibt es manche(r) noch im Alter ohne Unterlass, während die Altersgenossen und –genossinen Schlange stehen, um endlich aufs Töpfchen zu kommen.
Den Roman A Clockwork Orange von Anthony Burgess als Theaterstück umzusetzen, ist sicherlich eine Herausforderung. Dem Altonaer Theater in Hamburg ist das sehr gut gelungen. Die Inszenierung von Harald Weiler ist der heutigen Zeit angepasst (immerhin erschien das Buch bereits 1962 – und die Verfilmung von Stanley Kubrick mit Malcolm McDowell ist auch schon 40 Jahre alt) und überzeugt durch das immer richtige Tempo und seine klare stilisierte Form. Lars Peter sorgt mit seiner geradezu spartanischen Ausstattung für den richtigen störungsfreien Rahmen. Gelungen ist vor allem auch die Darstellung der Gewaltszenen, die mehr noch als im Film tänzerisch (Choreographie: Angela Guerreiro) inszeniert wurden, durch diese Abstrahierung aber nichts von ihrer Eindringlichkeit verlieren. Und der frenetische Beifall am Schluss für den Protagonisten, Sven Fricke als Alex, bezeugt die glaubhafte Darstellung. „Alex und seine ‚Droogs’ erobern das Altonaer Theater in einer klaren, formbewussten Inszenierung von ‚Clockwork Orange’ und lassen das Publikum gleichermaßen fasziniert wie fassungslos zurück.“ (Hamburger Abendblatt)
Die letzten Vorstellungen: 1. bis 5. November 2011
Anthony Burgess’A Clockwork Orange – in einer Aufführung des Altonaer Theaters Hamburg
Wenn man kleine Kinder hat und dazu etwas abseits der Großstadt lebt, dann kommt man kaum noch dazu, kulturelle Veranstaltungen zu besuchen: selten eine Ausstellung oder ein Konzert, fast nie mehr Theater, dafür eher Kino. Nun sind die Kinder groß – und so kommen wir wieder öfter dazu, einen Theaterabend einzulegen – und können den Nachwuchs gleich mitnehmen, um ihnen Appetit auf mehr zu machen. Das ist uns ohne Zweifel gelungen. Mit „Clockwork Orange“ war es dann natürlich auch das richtige Stück. Am Samstagabend besuchten wir die Vorstellung in Hamburg. Und waren begeistert. Es ist eben doch etwas anderes, Schauspieler live auf der Bühne agieren zu sehen – als Fernsehen oder Kino.
Noch etwas zu „Clockwork Orange“: Ein besonderes Stilmittel des Romans von Anthony Burgess ist der fiktionale Jargon namens Nadsat, den Alex und seine Droogs (Freunde) benutzen. Ich denke, dass der Roman auch besonders durch diesen Slang Popularität erlangte. Nadsat ist eine verballhornende Mischung von russischen Vokabeln mit dem Londoner Cockney Rhyming Slang. Dazu kommen Begriffe aus der englischen Zigeunersprache (Gypsy Slang) sowie Elemente der Kindersprache:
„Das hier bin ich, Alex, und meine drei Droogs: Pete, Georgie und Dim. Wir hockten in der Korova-Milchbar und zerbrachen uns die Rasoodocks, was wir mit diesem Abend anfangen sollten. In der Korova-Milchbar konnte man Moloko-Plus kriegen… Das heizt einen an und ist genau richtig, wenn man Bock hat auf ein wenig Ultra-Brutale.“
Und noch etwas: Ein kleines bisschen Horrorschau (Untertitel: Die Lieder aus Clockwork Orange und andere schmutzige Melodien) ist das fünfte Studioalbum der Toten Hosen und enthält zur Hälfte die Bühnenmusik, welche die Band für Bernd Schadewalds Inszenierung von A Clockwork Orange an den Kammerspielen Bad Godesberg schrieb.
Anthony Burgess: A Clockwork Orange (Buch)
Stanley Kubrick: A Clockwork Orange (Film als DVD bzw. Blu-ray)
Die Toten Hosen: Ein Kleines Bisschen Horrorschau (Die Lieder aus Clockwork Orange und andere schmutzige Melodien: „Dieser Bastard von einer dreckigen Schallplatte erzählt die Geschichte von Alex, einem Bratschnik, der von Grund auf wie böse war und viel Spaß hatte am Tollschocken, Ladenkrasten und einem bißchen schmutzigen Zwanzig gegen Einen. …“ – hierzu bald etwas mehr).
Die Blätter verfärben sich, Blüten verwelken. Die Blumenpracht im Garten nimmt nach und nach ein Ende. Und der November steht vor der Tür, der wohl am wenigsten beliebte Monat des Jahres, der meist grau in grau wolkenverhangen kaum Licht ins Haus bringt. Dafür (wie jetzt in Nordamerika) fällt meist der erste Schnee, Sturm fegt uns Nässe um die Ohren.
Aber noch ist es nicht ganz soweit. Die nächste Tage versprechen durchaus milde Temperaturen, auch die Sonne soll sich zeigen. Genießen wir noch einmal den Herbst mit all seinen satten Farben.
Der neue Eco ist auf dem Markt. Der neue Roman von Umberto Eco heißt Der Friedhof in Prag und handelt von der ‚Entstehungsgeschichte’ der „Protokolle der Weisen von Zion“ – das wahrscheinlich weitest verbreitete Buch der Welt nach der Bibel … -, die Grundlage einer angeblichen Weltverschwörung der Juden sind. Adolf Hitler bezog sich als Rechtfertigung für die so genannte Endlösung der Judenfrage auf diese Protokolle – und auch die Hamasberuft sich auf diese in Artikel 32 ihrer Charta, um ihren Kampf gegen Israel zu begründen.
Nun Verschwörungstheorien, welcher Art auch immer, sind bei Eco nicht neu. In „Der Name der Rose“ geht es um ein Exemplar des verlorengegangenen „Zweiten Buches der Poetik“ des Aristoteles, in dem die Komödie behandelt wird (nach der Tragödie im ersten), ein für das Christentum gefährliches Buch, denn „Lachen töte die Furcht, ohne die es keinen Glauben geben könne. Wer den Teufel nicht mehr fürchte, brauche keinen Gott mehr: dann könne man auch über Gott lachen.“
In „Das Foucaultsche Pendel“ werden gleich verschiedenen Verschwörungstheorien kombiniert. Es geht um Tempelritter, Kabbalisten, den Heiligen Gral und um ein Dokument, das „einen Geheimplan der Tempelritter enthalte, mit dem sie erstens die Weltherrschaft erringen und sich zweitens für all das Unrecht rächen wollten, das sie bei der Auflösung des Ordens zu Beginn des vierzehnten Jahrhunderts erlitten hätten.“
Und in „Baudolino“ spielt neben der Legende vom Reich des Priesters Johannes der Heilige Gral auch eine gewisse Rolle – und damit die Vorstellung von Unsterblichkeit und Macht. Legenden und Verschwörungen allenthalben.
Zurück zum neuen Werk von Umberto Eco: Im Roman ist von einer Versammlung auf dem Friedhof von Prag die Rede, auf der Vertreter der 12 Stämme Israels die Fortschritte bei dem Plan zur Eroberung der Welt besprechen: alles gesammelt in den angesprochenen Protokollen! Alles ist aber nur ausgedacht … Fiktion, wie allerdings auch die Hauptfigur des Romans, Simone Simonini. Dafür stimmen aber (fast) alle anderen Personen und Bezüge im Buch.
Umberto Eco: Der Friedhof in Prag
siehe auch: Die Macht der Dummen (Interview mit Umberto Eco)
„Streng gehütete Geheimnisse des französischen Militärs sind an das Deutsche Reich verraten worden, und die Geheimdienste glauben sofort zu wissen: Das kann nur der jüdische Hauptmann Alfred Dreyfus gewesen sein. Zur gleichen Zeit ziehen Die Protokolle der Weisen von Zion immer weitere Kreise, jenes gefälschte ‚Dokument’ für die ‚jüdische Weltverschwörung’, das fatale Folgen haben wird.
Simone Simonini, ein Italiener in Paris und leidenschaftlicher Antisemit, weiß mehr von dieser gefährlichen Geschichte als jeder andere. Simonini ist wahrlich eine anrüchige Figur, steht mal bei der einen, mal der anderen politischen Macht im Dienst, bewegt sich geschickt zwischen Jesuiten und Freimaurern, Republikanern und Antiklerikalen, Bonapartisten und russischen Spionen. Dann aber sieht er sich immer tiefer verstrickt in die geheimen Pläne einer Verschwörergruppe, die mit einem Attentat auf die gerade im Bau befindliche Pariser Métro die Bevölkerung aufrütteln will, mit einem Attentat auf das große Symbol der modernen Zeit und der modernen Technik. Und die Bombenbauer haben ausgerechnet Simone Simonini erwählt, die Tat auszuführen. Nach einigem Zögern sagt er zu.
Umberto Eco hat einen Roman geschrieben, wir nur er es kann: Eine Geschichte, die tief in die Vergangenheit eindringt, und doch immer auch von unserer Gegenwart erzählt.“
„Ein Abt, der zweimal stirbt, ein paar unbekannte Tote im Pariser Abwasserkanal, geheime Militärpapiere und angebliche Verräter: das Paris der Belle Époque ist eine brodelnde Stadt, in der Geheimbünde und Verschwörer, Freimaurer und Antisemiten, Spione und Geheimpolizisten ihr dunkles Spiel treiben. […]“
(aus dem Klappentext zu Umberto Eco: Der Friedhof in Prag – Roman – Deutsch von Burkhart Kroeber – Carl Hanser Verlag München – 1. Auflage 2011)
Impasse Maubert (von der Rue Frédéric Sauton aus)
Rue Maître-Albert (in der Nähe des Boulevard Saint German)
Simone Simonini, die Hauptfigur des Romans und der Verfasser der Tagebücher, die Grundlage des Romans sind, schreibt diese Tagebücher in einer Doppelwohnung in Paris, von wo aus er auch operiert (und in welchem Haus im Keller in einem Zugang zum Abwasserkanal sich die Leichen ansammeln). Die Adresse wird genannt:
„Am Ende machte der Korridor einen Knick nach rechts […], das das Licht aus einer Straße hereinfiel, die nicht die enge Impasse Maubert sein konnte. Und tatsächlich, als ich an eines der Fenster trat, sah ich, dass es die Rue Maître-Albert war.“ (S. 32)
Rue Maître-Albert auf der Höhe der Impasse Maubert
Umberto Ecos neuer Roman ist ziemlich überfrachtet. Fürs Hamburger Abendblatt enthält er „zu viel des Bösen“. Und die Süddeutsche Zeitung verlangt ein Extra-Studium, „denn der historische Hintergrund ist nur mit Begleitliteratur verständlich“. Außerdem wäre der ‚Friedhof in Prag’ „als Roman bestenfalls ein Fehlschlag von Rang“. „Und die eigentliche Geschichte ist langweilig.“ (Quelle: sueddeutsche.de)
Langweilig finde ich den Roman nun nicht gerade, allerdings schon für reichlich verwirrend. Eco versucht akribisch alle Fakten, die für die Geschichte notwendig erscheinen, vorzutragen und gerät dabei vom Hundertsten ins Tausendste. Und da alles aus der Sichtweise des Simone Simonini, einen von Neurosen zerfressenen, hasserfüllten Egoisten, einen gierigen, skrupellosen Gourmand (abendblatt.de), geschrieben ist, fragt man sich als Leser oft, ob man sich noch ‚im richtigen Buch’ befindet. Obwohl der Romanheld dermaßen negativ besetzt ist, versucht man sich als Leser in ihn hineinzuversetzen – und erzeugt so etwas wie Sympathie für ihn, für den eigentlich wirklich keine Sympathie zu bezeugen ist. Trotzdem bietet der Roman, auch ohne vertiefte Kenntnisse, einen gelungenen Einblick in die Wirren des 19. Jahrhunderts. Es sind eher die Wirren der Zeit als die des Romans.
Auf jeden Fall gibt der Roman viel Stoff zum Nachdenken. Hier einige Beispiele, z.B. wenn der Großvater von Simon Simonini, einen Antisemiten erster Klasse, sagt: „Der sich selbst überlassene Mensch ist zu schlecht, um frei zu sein. Das bisschen Freiheit, das er braucht, muss durch einen Souverän garantiert sein.“ (S. 61) Manchmal bin ich versucht, dem zuzustimmen.
Simon Simonini selbst erkennt: „Ich habe immer Leute gekannt, die fest daran glaubten, dass irgendwelche verborgenen Feinde eine große Verschwörung planen, […] wer weiß, wie viele andere Leute es noch auf dieser Welt gibt, die sich von einer Verschwörung bedroht fühlen. Hier haben wir eine Form, die jeder nach Belieben mit einem Inhalt füllen kann. Jedem sein Komplott. […] Wonach strebt jeder, und zwar umso mehr, je elender und vom Glück verlassener er sich fühlt? Nach Geld, und zwar leicht verdientem, nach Macht (was für eine Lust, einen deinesgleichen herumkommandieren und erniedrigen zu können!) und nach Rache für erlittenes Unrecht (und jeder hat mindest einmal im Leben ein Unrecht erlitten, so klein es auch sein mag). […] Warum, so fragt sich ein jeder, warum bin gerade ich vom Glück benachteiligt (oder zumindest nicht so begünstigt, wie ich es wollte), warum sind gerade mir Belohnungen vorenthalten worden, die weniger Verdienstvolle erhalten haben? Weil niemand auf den Gedanken kommt, dass seine Missgeschicke mit seiner eigenen Beschränktheit zu tun haben könnten, deshalb muss jeder einen Schuldigen finden.“ (S. 94f.)
Bis zum heutigen Tag hat diese Aussage Gültigkeit, wenn es heute vielleicht auch nicht mehr die Juden sind, denen man die schlimmste Weltverschwörung zutraut, sondern (aus Sicht nicht nur der Rechtsextremen) die Islamisten, Araber, Moslems – alle hinein in einen Sack und draufgeschlagen!
Oder Lagrange vom französischer Geheimdienst – er beschreibt gewissermaßen auch die Arbeit des Verfassungsschutzes unserer Tage: „… die einzigste Art, eine subversive Sekte zu kontrollieren, ist, ihre Führung zu übernehmen […] von zehn Mitgliedern einer Geheimorganisation seien drei unsere mouchards [Informanten] […], sechs seien vertrauensselige Dummköpfe und einer sei gefährlich.“ (S. 202)
Jedem sein Komplott, jedem sein Feind: „Damit der Feind erkennbar und furchterregend ist, muss er im Hause sein oder jedenfalls an der Schwelle des Hauses. […] Wir brauchen einen Feind, um dem Volk eine Hoffnung zu geben. Jemand hat gesagt, der Patriotismus sei die letzte Zuflucht der Kanaillen – wer keine moralischen Prinzipien hat, wickelt sich gewöhnlich in eine Fahne, und die Bastarde berufen sich stets auf die Einheit ihrer Rasse. Die nationale Identität ist die letzte Ressource der Entrechteten und Enterbten. Doch das Identitätsgefühl gründet sich auf den Hass, Hass auf den, der nicht mit einem identisch ist. Daher muss man den Hass als zivile Leidenschaft kultivieren.“ So spricht Ratschkowski im Roman, Mitglied der Ochrannoje Otdelenie, Sicherheitsabteilung, der Dienst für vertrauliche Nachrichten, des russischen Innenministeriums (S. 401)
Entgegen früherer Vorsätze, hegt Umberto Eco diesmal durchaus pädagogische Absichten. Nur ob die greifen, glaube ich nicht. Wer aus dem rechten Spektrum wird seinen Roman lesen? Und wenn, wer wird sich schon vom Besseren belehren lassen?! Mir hat der Roman auf jeden Fall sehr gut gefallen. Umberto Eco ist einfach eine ‚Marke für sich’ und er ist mehr noch als ein Dan Brown für Intellektuelle.
Wie steht es eigentlich um den Lokführerstreik der GDL bei der metronom Eisenbahngesellschaft mbH? Am 30.08.2011 übernahm Herr Prof. Georg Milbradt, ehemaliger Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, auch für die Verhandlungen zwischen GDL und Metronom die Schlichtung. Die Friedenspflicht von acht Wochen, in der nicht gestreikt werden darf, ist Mitte dieser Woche ausgelaufen.
Die letzte Meldung der Metronom-Website verkündet – ganz schlicht:
„Sehr geehrte Fahrgäste,
die Tarifvertragsparteien haben sich auf ein Schlichtungsverfahren geeinigt.
Herr Prof. Georg Milbradt übernahm am 30.08.2011 die Schlichtung.
Das Schlichtungsverfahren läuft voraussichtlich noch bis Ende November 2011.
Ihr metronom Team“
Das kann nur heißen, dass man sich auch nach acht langen Wochen nicht einig geworden ist – und noch einmal vier Wochen dranhängt. Ich will nicht unken, aber mir kommt es so vor, als wenn ein weiterer Streik der GDL beim Metronom noch lange nicht aus der Welt ist. Schauen wir nur weiter Richtung Norden. Bei der Nord-Ostsee-Bahn, die nicht an der Schlichtung teilnimmt, wird weiterhin (mit Unterbrechungen seit Februar) gestreikt.
Schlichter, GDL und die an der Schlichtung beteiligten Bahnunternehmen haben offensichtlich Stillschweigen über eventuelle Zwischenergebnisse vereinbart, denn in den Medien wird lediglich vermeldet:
„Bundesweit liefen derzeit vier Schlichtungen, darunter im Norden bei AKN und Metronom […]. Bei der AKN und dem Metronom dauerten die Schlichtungsgespräche an.“ (Quelle: abendblatt.de). Warum das im Präteritum, in der Vergangenheitsform, geschrieben steht, weiß nur der Schreiber. Vielleicht will er der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass dieser unselige Streik schließlich ein Ende findet (fand).
Ein Streik der Lokführer in der Vorweihnachts- und damit kalten Herbst- und Winterzeit wäre genau das, was wir Pendler gebrauchen können. Hoffen wir, das die Vernunft obsiegt und die Vertragspartner eine Lösung finden. Ansonsten soll sie der Teufel holen …!!!
Heute Abend läuft der letzte Teil der insgesamt 6-teiligen Historienreihe Borgia (Gemeinschaftsproduktion Tschechien/Deutschland/USA 2011) im ZDF. In der ZDFmediathek sind alle (anderen) Teile zz. auch online zu sehen. Ich selbst habe mir die am Ende 600 Minuten dauernde TV-Reihe allein schon aus Zeitgründen nicht angeschaut. Dafür habe ich aber den gleichnamigen Roman von Klabund gelesen: Borgia
„‚Roman einer Familie’ nannte Klabund dieses fesselnde und brillant geschriebene Buch. Die ‚Familie’ ist das berühmt-berüchtigte Adelsgeschlecht der Borgia, das zeitweise ganz Italien und in der Person zweier Päpste das ganze Abendland unter seine Herrschaft zwang. Grausamkeit und Verschlagenheit, die absolute Unbedenklichkeit in der Wahl der Mittel halfen ihnen, ihre Macht zu festigen und auszuweiten.
Mord an den nächsten Verwandten, Liebe als Machtspiel, Blutschande zwischen Vater-Papst Alexander VI. und seinen Kindern bezeichnen die Maßlosigkeit im Leben der Borgia.
Giftkelch und Meucheldolch regieren unangefochten. Doch auf diesem Gipfel der Macht fallen die Borgia ihnen selber zum Opfer.“
„Klabund, eigentlich Alfred Henschke, wurde 1890 in Crossen a. d. Oder geboren. Nach dem Studium der Literatur und Philosophie in München und Lausanne lebte er als freier Schriftsteller in München, Berlin und in der Schweiz.
Er war ein ungestümer, aufsässiger Mensch, der sich in viele Skandale verwickelte, erotische Themen bevorzugte, wenig Freunde hatte – bis auf Gottfried Benn.
Der Roman Borgia erschien zum ersten Mal nach Klabunds Tod im Jahre 1928.“
Aus dem Klappentext zu Klabund – Borgia – Roman einer Familie – Fischer Taschenbuch Verlag – 16. – 20. Tausend: August 1980
Natürlich dürfte sich die TV-Serie kaum mit diesem kleinen Büchlein von gut 100 Seiten vergleichen lassen. Die Bezeichnung Roman ist sicherlich nicht ganz richtig, nicht ausreichend. Es ist eine Erzählung in Episoden verfasst, die gleichsam Dialoge wie in einem Theaterstück und Szenen wie in einem Film enthält. Schon allein daraus ergibt sich eine besondere Spannung. Im Mittelpunkt stehen natürlich die Borgias, vor allem Rodrigo Borgia, der als Papst Alexander VI. in die Geschichtsbücher einging, Cesare Borgia, der Niccolò Machiavelli als Vorbild für seinen Il Principe („Der Fürst“), den rücksichtslosen Machtpolitiker, diente, und Lucrezia Borgia, die oft als Instrument der Politik ihres Vaters herhalten musste. Daneben spielt Fra Girolamo Savonarola aus Ferrara in dem Roman eine größere Rolle, Savonarola, der von Florenz aus mit seiner Kritik am Lebenswandel des herrschenden Adels und Klerus, hier besonders an dem Papst, den er bezichtigte, der Antichrist zu sein, für Aufsehen sorgte – und nachdem er von Papst Alexander VI. als ‚Häretiker, Schismatiker und Verächter des Hl. Stuhles’ exkommuniziert wurde, vor einer riesigen Menschenmenge auf dem Scheitelhaufen landete. Aber auch der Florentiner Bildhauer und Maler Michel Angelo erscheint in einem Treffen mit Lucrezia Borgia und malt sie als „Leda vom Schwan geliebkost. [Als] Venus von Amor geliebkost.“ (S.74). Und der Christus in der römischen Pietà, „trägt er nicht die Züge jenes in Florenz verbrannten Fra Girolamo – jenes unseligen Ketzers –“? (S. 74). Natürlich treffen wir in dem Buch auch Cesare Borgia im Gespräch mit Niccolò Machiavelli.
Klabund („KLAbautermann und VagaBUND“) gelingt mit Borgia„ein grausiger Alptraum von Macht und Schicksal, Mord und Blutschande.“ „Marcel Reich-Ranicki nannte ihn – vielleicht mit Bedauern – vierzig Jahre nach Klabunds Tod »nur noch eine literarhistorische Erscheinung«. Inzwischen kann Klabund allerdings neu entdeckt werden, denn er wird in der ganzen Breite seines Schreibens wieder zugänglich gemacht: Im kleinen Heidelberger Eifenbein-Verlag liegt eine achtbändige Lese- und Studienedition der Werke Klabunds nach dem Text der Erstdrucke vor.“ (aus: KLABAUTERMANN UND VAGABUND: Eine Einführung von Christian von Zimmermann).