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Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Jahreswechsel 1984/1985 in Sinaia/Rumänien

Endlich habe ich auch das zweite Fotoalbum mit den Bildern unserer Rumänienreise zum Jahreswechsel 1984/1985 gefunden. Somit hier als Nachtrag die fehlenden Fotos zur ‚wilden’ Silvesterfeier (Silvester 1984 in Sinaia/Rumänien). Der erwähnte Weihnachtsbaum ist auf dem Foto nur der Fotoperspektive wegen windschief. Aber am nächsten Morgen (ich war in den Räumlichkeiten aus zu denkendem Grund erst zur Mittagszeit zugegen), ich schwöre es, hing der Baum schräg im Raum. Danken möchte ich hier der sehr freundlichen Bedienung, besonders dem Kellner Ioan, der sich trotz gewisser Sprachschwierigkeiten hergab, um am Ende sein Inneres nach außen zu kehren und sich der guten Laune im Saal anschloss.

Außerdem zwei Bilder aus der Stadt Braşov, die zu deutsch Kronstadt heißt, u.a. von der „schwarzen Kirche“ (rumänisch: Biserica Neagră), die ihren Namen aufgrund eines Stadtbrandes im Jahr 1689 erhielt, der von der Kirche nur noch die geschwärzten Mauern stehen ließ. Sie ist seit der Reformation der Kronstädter Siebenbürger Sachsen durch Johannes Honterus eine evangelische Kirche.

Und zuletzt einige Fotos vom Schloss Bran (dt. Törzburg), das Touristen auch heute noch als Draculaschloss präsentiert wird. Die Beschreibung von Draculas Burg aus Bram Stokers gleichnamigem Roman erinnert auch sehr stark an Schloss Bran. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass Vlad III. Drăculea es nie betreten hat.

Silvester 1984 in Sinaia/Rumänien

Silvester 1984 in Sinaia/Rumänien

freundliche Bedienung

windschiefer Tannenbaum (hier noch nur der Perspektive wegen)

Silvester 1984 in Sinaia/Rumänien

Silvester 1984 in Sinaia/Rumänien

rumänischer Vater mit seinen Söhnen
(da ahnten wir noch nicht, selbst einmal zwei Söhne zu haben)

Ioan ist bester Laune

Weihnachtszeit in Brasov/Rumänien

Weihnachtszeit in Brasov/Rumänien

Schwarze Kirche (Biserica Neagră) in Braşov

Weihnachtszeit in Braşov/Rumänien

Schloss/Burg Bran (Törzburg)

Schloss/Burg Bran (Törzburg)

Schloss/Burg Bran (Törzburg)

Schloss/Burg Bran (Törzburg)

Schloss/Burg Bran (Törzburg)

Aufräumarbeiten

Zum Jahreswechsel wurde es für mich Zeit, einmal so richtig aufzuräumen. Diesmal bezieht sich das auf all den überflüssigen Kram im Internet, an dem ich beteiligt bin. So beliebt soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, Myspace usw. sein mögen, nimmt man daran teil, dann vertrödelt man zwangsläufig viel Zeit damit.

Bereits Anfang Dezember letzten Jahres habe ich mein Konto bei Myspace gekündigt. Myspace wird zwar von vielen Musikern genutzt, also von einer Gruppe, die mich interessiert. Aber da ich hier kaum Zeit verbrachte, habe ich mich zur Kündigung entschlossen.

Ich gehöre durchaus zu denen, die einmal möglich alles ausprobieren. So auch im Web. Und so habe ich neben meinem Konto bei Twitter auch ein Konto bei Facebook eröffnet.

Bei Facebook hat es mich von Anfang an gestört, dass sich dieses Netzwerk mit seinen Daten völlig vom eigentlichen Web abgeschottet hat. Zugriff hat nur, wer sich bei Facebook registrieren lässt. Und zz. nervt mich der Hype um Facebook. 50 Milliarden Dollar soll das amerikanische Internetportal wert sein. Und nun rennen Investoren dem Netzwerk die Bude ein, denn Facebook ist ein Wirtschaftsunternehmen. Allerdings sind auch meine Nutzerdaten das Kapital von Facebook, an dem ich aber nicht mitverdiene. Ja, sie zocken wieder. Entsteht mit Facebook die nächste Internetblase? Seriös sieht anders aus.

Ich bin bei Facebook eigentlich nur noch, weil ich über dieses Portal Kontakt mit Freunden in Italien halte. Sonst hätte ich mein Konto dort längst gelöscht. Ich habe stattdessen ja meinen eigenen Blog.

Bleibt an sozialen Netzwerken für mich nur noch Twitter. Das hat den Vorteil, dass ich meine Beiträge dort direkt auch auf diesem, meinem Blog anzeigen lassen kann, also über Twitter „Kurznachrichten“ direkt hier einstellen kann. Außerdem dient mir Twitter, um mich ‚so zwischendurch’ einmal auszutoben (z.B. auf der Arbeit). Was natürlich auch hier nervt: Twitter als soziales Netzwerk wird mehr und mehr für Werbezwecke genutzt (missbraucht würde ich sagen). Aber hier kann man das selbst gut steuern.

Und dann gibt es ja noch meine Accounts bei Youtube: AlbinZVideoZ und wieder neu WilliZBlog (mit zz. 34 Videos von Jethro Tull).

An diesem, meinem Blog habe ich auch etwas ‚geschraubt’, aber nur im Verborgenen. Die Beiträge schreibe und verwalte ich online über ein so genanntes Dashboard (Armaturenbrett, hier: Benutzeroberfläche). Schreibe ich Beiträge, dann werden diese immer wieder automatisch gespeichert. Am Ende habe ich dann mehrere Versionen eines Beitrags. Der aktuelle wird dann veröffentlicht. Das hat natürlich Vorteile (auch schon der Datensicherung wegen). Aber am Ende sammelt sich jede Menge ‚Schrott’ an, der die Datenbank, in der die Beiträge abgelegt werden, nur belastet. Diesen Schrott habe ich nun (schließlich arbeite ich auch als Datenbank-Administrator) gelöscht (für Kenner: alle Datensätze, die post_status` = ‚inherit‘ sind). So schrumpfte die Datenbank auf die Hälfte zusammen.

Und da meine Söhne nun langsam erwachsen geworden sind, da habe ich den Webspace für deren Websites (die mit dem Pokemon, Digimons usw.) im Einvernehmen mit ihnen gekündigt. Irgendwo muss auch ich Geld sparen. Mitte Februar gibt es also deren Websites jans-site.net, spacechameleon.net und lukasalbin.de nicht mehr.

Ich habe mich also entschlossen, Prioritäten zu setzen (wie man sagt). An erster Stelle steht dieser, mein Blog. Da ich gerade in diesem Jahr einiges um die Ohren haben werde (beruflich wie privat), muss ich mich eben beschränken (ohne am Ende ‚beschränkt’ zu sein). Es gibt eben auch noch ein ‚real life’.

Kurzes Gastspiel

In diesen Tagen habe ich mir ein Doppelalbum der Gruppe Black Sabbath zu Gemüte geführt: Best of Black Sabbath Ich war nie ein großer Fan von Heavy Metal und Hard Rock. Aber schon in meiner Jugendzeit kam ich nicht umhin, mir das eine oder andere Album von Gruppen wie eben Black Sabbath, Uriah Heep oder Deep Purple anzuhören – weil einige Kumpel aus meinem Freundeskreis Fan dieser Gruppen waren. So gab es da vor vielen Jahren in Bremen die eine oder andere Party, bei denen auch die Musik von „Black Sabbath“ aus den Lautsprechern dröhnte.

Black Sabbath ist eine englische Heavy-Metal-Band aus Birmingham, die als Mitbegründer dieses Genres sowie als eine prägende Größe des Hard Rocks der frühen 70er Jahre gilt. Die Gründungsbesetzung bestand aus Ozzy Osbourne (Gesang), Tony Iommi (E-Gitarre), Terence „Geezer“ Butler (E-Bass) und Bill Ward (Schlagzeug). Nach zahlreichen Mitgliederwechseln tritt die Band aktuell wieder in ihrer Gründungsbesetzung auf.

Im August 1968 spielten die Schulfreunde Osbourne, Iommi, Butler, Ward sowie zwei weitere Musiker aus Birmingham in der „Polka Tulk Blues Band“, abgekürzt auch „Polka Tulk“. Als die zwei anderen Bandmitglieder die Gruppe verließen, benannte sich die Gruppe in „Earth“ um. Im Dezember 1968 hatte Iommi kurzzeitig ein Engagement bei Jethro Tull, die er jedoch nach nur einem Auftritt wieder verließ und kehrte zur Band zurück. Da bereits eine andere Band namens „Earth“ existierte, entschied man sich für eine weitere Änderung, um Verwechslungen zu vermeiden. Den neuen Namen „Black Sabbath“ adoptierte die Band von einem von Butler geschriebenen Song.

Das kurzfristige Engagement Iommis bei Jethro Tull ist durch eine Videoaufnahme belegt. Ich weiß es zwar nicht genau, aber ich denke, dass nach dem Ausscheiden von Mick Abrahams und noch bevor Martin Barre die Rolle als Tull-Gitarrist bis in die heutigen Tage übernahm, der Posten also vakant war, Ian Anderson gerade für diese Aufnahme händeringend nach einem Gitarristen Ausschau hielt. Denn keine Geringeren als die Stones hatten die damals noch ziemlich unbekannte Gruppe Jethro Tull für Aufnahmen zu ihren „The Rolling Stones Rock and Roll Circus“ eingeladen.


Jethro Tull – Song for Jeffrey

Jethro Tull also mit Tony Iommi. Allerdings (wer genau hinsieht, merkt es gleich) spielt die Gruppe mit Playback. Es ist also nicht Iommi, den wir hören, sondern noch Mick Abrahams, mit dem das Stück „A Song for Jeffrey“ für das Album „This Was“ eingespielt wurde. Über diesen Auftritt hinaus ist mir keine weitere ‚Zusammenarbeit’ von Jethro Tull und Tony Iommi bekannt.

Gewissermaßen nach diesem ‚kurzen Gastspiel’ gründete Tony Iommi mit Ozzy Osbourne, Terence „Geezer“ Butler und Bill Ward die Gruppe „Black Sabbath“. Bestimmend für die Musik der Gruppe sind u.a. die von Iommi gespielten kurzen, düsteren und prägnanten Gitarrenriffs in Molltonarten (siehe hierzu: Riff – Another Monkey). Bei einem schweren Unfall verlor Iommi Teile der Fingerkuppen am Mittel- und Ringfinger seiner rechten Hand, die er als Linkshänder jedoch zum Greifen der Saiten braucht. Da er aufgrund seiner Verletzung Schwierigkeiten beim Greifen einiger Riffs hatte, stimmte er seine Gitarre tiefer (von E auf Cis), um so seine Finger zu entlasten. Der so entstehende Sound wurde ein weiteres Markenzeichen.

Von „Black Sabbath” sind wohl die folgenden Stücke (nicht nur mir) bis heute die am bekanntesten:


Black Sabbath: Paranoid


Black Sabbath: Iron Man

Ian und die (Musik-)Welt: Ian mit Kilt

Schotten, das weiß jeder, tragen Schottenröcke, auch die Männer, eigentlich nur die Männer. Kilt nennt man die – das weiß auch jeder. Und diese haben Karomuster („Schottenkaros“), Tartan genannt, die bei jedem der schottischen Clans anders aussehen. Bekanntlich ist Herr Ian Anderson Schotte. Nur trägt der keinen Kilt. Fast nie. Oder selten. Wenn, dann trägt er höchstens mal einen Umhang (Plaid oder so) oder eine Weste mit Anderson-Muster (oder hat getragen, z.B. 1978 beim Auftritt von Jethro Tull im Madison Square Garden, New York). So erstaunt es einen doch, ihn einmal tatsächlich in einem Kilt zu sehen. Auch richtig so mit Jacke, wie es sich gehört, und Sporran (Jethro Tull in Schottland 2005: Warm Sporran).

Ian Anderson im Kilt

Zu sehen ist diese Rarität in einem Interview des britischen Fernsehens aus dem Jahre 1982. Wenn die Bildqualität auch eher bescheiden ist: Hier also Herr Anderson im Kilt, die Beine sittsam übereinandergeschlagen:


Jethro Tull – Ian Anderson Interview in „Kilt“ – Aug. 1982

Siehe auch: Schottland 2005: Was trägt Herr Anderson unterm Schottenrock?

Ausverkauf?!

Kommt man erst einmal ins Trudeln, dann ist kaum ein Halten mehr. Die Talfahrt des Fußball-Bundesligisten Werder Bremen zeitigt weitere personelle Konsequenzen. Der bei den Fans beliebte Hugo Almeida, mit bisher neun Toren Werders einzigste halbwegs erfolgreicher Torschütze in der Hinrunde, hat Bremen in Richtung Türkei (zu Besiktas Istanbul – immerhin noch in der Europa League vertreten) verlassen. Transfersumme angeblich 2 Millionen Euro bei einem Marktwert von ca. 8 Millionen Euro: Dabei muss Werder froh sein, überhaupt zu einem Transfererlös zu kommen, da Almeidas Vertrag zum Saisonende ausgelaufen wäre und er dann ablösefrei hätte wechseln können.

Kompensiert wird dieser Abgang durch die Verpflichtung des schwedischen Mittelstürmers Denni Avdic, 22 Jahre jung mit bosnischen Wurzeln, für den Werder 2,2 Millionen Euro an Ablöse gezahlt haben soll. Ist er vielleicht ein zweiter Zlatan Ibrahimović? Schön wäre es …

Obwohl Almeida alles andere als der Filigrantechniker ist, so sorgte er wenigstens für Tore – zuletzt ein Dreierpack gegen St. Pauli, seinem letzten Spiel in Werders Diensten (allerdings wurde er nach einem rustikalen Einsatz auch mit der roten Karte bedacht). Sein Wechsel, der sich schon frühzeitig abzeichnete, deutet leider an, dass es mit Werder sportlich weiterhin bergab geht und Almeida für sich in Bremen keine großartigen Zukunftsaussichten sah. Erstaunlich ist natürlich, dass Werder-Chef Klaus Allofs so schnell einen Ersatz aus dem Hut zaubern konnte. Aber Avdic muss erst einmal in die Mannschaft finden, die zudem weitere angestammte Mittelstürmer wie den allerdings in die Jahre gekommenen und zuletzt leider viel zu oft verletzten Claudio Pizarro, den bisher nicht überzeugenden Sandro Wagner und letztendlich den charakterlich schwierigen Offensivallrounder Marko Arnautovic aufzuweisen hat.

Man darf gespannt auf den Neuen sein. Insgesamt zeigt sich aber wieder einmal, dass Werder Bremen unliebsame finanzielle Kompromisse eingehen muss. Wie im Fall Mesut Özil bekommt man auch im Fall Almeida nicht den wirklichen Marktwert erstattet und lässt einen Spieler frühzeitig gehen, um überhaupt noch eine Ablöse zu erzielen. Das sieht langsam nach einem Ausverkauf der Leistungsträger aus und ist nur dann zu stoppen, wenn sich endlich auch einmal wieder sportliche Erfolge vermelden lassen.

Nachtrag – siehe hierzu auch Weser-Kurier: Allofs will bei den Spielergehältern sparen

Der Witzableiter (24): Das Tabu, das alte Ekel

Fortsetzung von: Der Witzableiter (23): Mein Gott, auch das noch

In der Kolumne „Der Witzableiter“ von Eike Christian Hirsch, die 1984 im ZEITmagazin erschien, geht es heute um ‚Dinge’, die durch Magen, Darm und Blase wandern und daher als unappetitlich empfunden werden. Warum wir trotz des Ekels lachen? Das Eklige hat seinen Reiz und im Witz hat es wie so oft etwas ‚Befreiendes’.

Das Buch zur Kolumne: Eike Christian Hirsch – Der Witzableiter: Oder Schule des Lachens

Ein Schotte bittet auf dem Sterbebett seinen Freund: „Nimm die Flasche Whisky, die ich dreißig Jahre gehütet habe, und schütte sie später bis auf den letzten Tropfen auf mein Grab.“ Der tiefbetrübte Freund fängt an zu schluchzen und sagt: „Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich aufgrund unserer Freundschaft den Whisky erst durch meine Kehle rinnen ließe?“

Das geht ja noch. Aber richtige Fäkalien sind für viele Menschen völlig indiskutabel. Das war nicht immer so. Vom Mittelalter bis in die Aufklärungszeit hinein reichte „die bloße Nennung eines unappetitlichen Vorganges“ aus, „um wieherndes Gelächter auszulösen“, wie der Germanist Richard Alewyn notiert hat. Diese Quellen der Lust sind heute tabu.

Ein schwäbischer Weingärtner kommt zur Herbstzeit betrunken nach Hause und ruft seinem Weib zu: „Karlene, breng mr schnell de Kübel, i muass spucke!“ Dann, als sie mit dem Kübel ankommt: „ Breng mr lieber a frische Hos, i hao omdisponiert.“

Diese Scherze gehören so sehr in die Vergangenheit wie die hygienischen Verhältnisse, in denen sie spielen. An einem Furz (medizinisch: Flatus) haben aber Kinder noch ein ungeniertes Vergnügen. Martin Grotjahn hat beobachtet, daß „kleine Kinder bei einem unfreiwilligen oder imitierten Flatus vor Vergnügen kreischen“. Manchmal kann, was eklig ist, auch Erwachsene reizen:

Klein Erna und Heini küssen sich leidenschaftlich. Da unterbricht Heini und sagt: „Jetzt hab’ ich gerade dein Kaugummi verschluckt.“ „Nee“, sagt Klein Erna, „das war kein Kaugummi. Ich hab’ ja man bloß so’n Schnupfen.“

Martin Grotjahn hat, schließlich ist er Analytiker, den Flatus „den infantilen Vorläufer des späteren Lachens“ genannt. Das muß man nicht glauben, aber mit einer anderen Beobachtung wird Grotjahn recht haben: Lachen ist vor allem Ausatmen. Beim Anhören eines Witzes dringen böse Erinnerungen in uns ein – „im zweiten Teil des Witzes werden sie freigelassen, ausgeatmet“. Ich finde das richtig. Im Lachen will man etwas loswerden, zum Beispiel seinen Ekel.

Der neue Kurgast weiß nicht, daß es unerwünscht ist, über Krankheiten bei Tisch zu reden. Er spricht seinen Nachbarn an: „Welche Wirkung beobachten Sie eigentlich nach dem Brunnentrinken!“ Der Nachbar wehrt ab: „Psch-psch!“ Da nickt der neue Gast und sagt: „Ja, ja, bei mir auch.“

Einatmen ist bedrückend (seufzend atmet man ein), Ausatmen ist befreiend (beim lustvollen Stöhnen atmet man aus). Schon Goethe sagte vom Ein- und Ausatmen: „Jenes bedrängt, dieses erfrischt, so wunderbar ist das Leben gemischt.“ (Quelle: Divan, Buch des Sängers, Talismane) Bei manchem Witz hat man ja tatsächlich etwas wegzusprudeln.

Witzableiter (24)

Im ersten Weltkrieg schrieb eine deutsche Soldatenzeitung einen Preis aus für die beste Kurzgeschichte, die nicht mehr als zweihundert Worte umfaßte. Den ersten Preis bekam diese: „Am Ende unseres Laufgrabens befand sich eine Latrine. Der Balken war angesägt. Das sind zwölf Worte. Die übrigen 188 sagte Feldwebel Huber, als er sich daraufgesetzt hatte.“

Auch das Lachen ist also ein Hin und Her. Darin läuft eine Bewegung aus, die wir auf allen Ebenen des Witzes beobachtet haben: beim Verstehen, bei der Rückkopplung der Gefühle – und nun bei den körperlichen Folgen.

Die Bäuerin fragt ihren Feriengast, wie es ihm auf dem Hof gefalle. „Sehr gut“, gibt der zur Antwort, „nur die vielen Fliegen auf dem Klo stören mich arg.“ „Dann müssen Sie halt in der Mittagszeit aufs Klo gehen“, meint die Bäuerin, „dann sind die Fliegen alle in der Küche.“

Zu Recht sagt man im Deutschen, man „schütte sich aus vor Lachen“. Zu den Dingen, die wir ausschütten möchten, gehören die Ekelgefühle, die uns einst bei der Sauberkeitsdressur antrainiert worden sind. „Igitt-igitt!“ Aber ein bißchen Lust am Schmutz ist uns heimlich doch geblieben und will im Witz zum Vorschein kommen.

Zwei Sperlinge halten ihre Mahlzeit auf einem Haufen Pferdeäpfel. Sagt der eine: „Ich weiß einen tollen Witz!“ Piepst der andere: „Aber bitte keinen unappetitlichen, jetzt beim Essen.“

Vom Lachen sagt Anthropologe Helmut Plessner, es sei eine Reaktion auf eine Lage, „auf die es keine andere Antwort gibt“. Eine Kapitulation also. Und das kann ja sehr entspannend sein.

Zwei Lebemänner machen Rast in einem Gasthaus und müssen zur gleichen Zeit die Toiletten aufsuchen. „Ach, Kalle“, ruft der eine seinem Freund in der Nachbarbox zu, „kannst du mir etwas Klopapier rüberreichen, hier ist nichts“. „Hier ist auch keins“, tönt er zurück. „Irgendeine Zeitung?“ „Nein, nichts.“ „Hast du einen alten Umschlag? Oder eine Drucksache?“ „Leider nichts!“ „Na schön, kannst du mir dann einen Hunderter wechseln?“

Eike Christian Hirsch – Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)
aus: ZEITmagazin – Nr. 51/1984

[Fortsetzung folgt]

Ein neues Jahr – der gleiche Mist …

Ein neues Jahr, ein neues Glück? Ich fürchte: Es bleibt beim gleichen Mist! Was sollte sich im Alltagstrott auch ändern (es sei denn, man entkäme ihm). Ja, es gibt satte, schon vor geraumer Zeit vereinbarte Gehaltserhöhungen … bei mir schlappe ein Prozent. Die sind allein durch die schon bekannten Preiserhöhungen (Gas sinnigerweise ab 1.12., Strom, Fahrkosten – irgendwie muss ja der neue „Wohlfühl“-Fahrplan der Metronom-Züge finanziert werden – und Krankenkasse per 1.1.) längst aufgebracht, bevor sie auf dem Konto sind. Aber natürlich wird sonst alles besser oder zumindest schöner: In bunten Farben und wohlfeilen Worten preist man uns alle nur möglichen Wohltaten an … aber alles nur Fassade, Potemkinsche Dörfer. Dahinter verbirgt sich der gleiche Murks. Was sollte sich von heute auf morgen, von Silvester auf Neujahr schon großartig ändern, außer in den Köpfen von Marketingleuten, Politikern und sonstigen Bauernfängern?!

Apropos Politik: Es hat schon was, wenn Herr Niebel, Bundesentwicklungsminister von Westerwelles Gnaden, seinen Parteivorsitzenden lobt, ja ihn für den bester FDP-Chef aller Zeiten hält. Nur bisschen neue Farbe auf die Fassade, einige schönen Worte dazu – und schon kommt das Gefährt wieder in Gang, oder?

Ja, ich sehe, alle haben gute Vorsätze fürs neue Jahr, nicht nur Herr Niebel. Bei mir hapert es damit noch ein wenig. Vielleicht weil ich nicht ganz so verniebelt, äh, vernebelt bin im Gehirn?

Doch ich habe mir etwas für dieses Jahr vorgenommen: ein Quäntchen mehr Humor (noch mehr Humor, geht das überhaupt?). Und die Namen Niebel und Westerwelle, die streiche ich aus meinem Vokabular.

MicMacs – uns gehört Paris!

Micmacs – Uns gehört Paris! (Originaltitel: „Micmacs à tire-larigot“) ist ein französischer Spielfilm aus dem Jahr 2009 von Jean-Pierre Jeunet. Die Hauptfigur Bazil wird von dem französischen Komiker Dany Boon dargestellt.

Eines Abends tritt Videothekar Bazil (Dany Boon) vor die Tür – nur um eine verirrte Pistolenkugel in den Kopf geschossen zu bekommen. Aus dem Krankenhaus entlassen, steht er ohne Job und Geld auf der Straße. Doch das Glück lässt den ehemaligen Häftling Placard (Jean-Pierre Marielle) seinen Weg kreuzen. Placard lebt mit einer Gruppe wunderlicher Außenseiter auf einer Müllhalde. Dort findet auch Bazil ein neues Obdach und verwandelt den Müllberg kurzerhand in ein wohliges Zuhause voller magischer Skulpturen aus Fundstücken und Schrottteilen. Doch damit nicht genug: Es gibt eine Gelegenheit, es den Gangstern, die ihm eine Kugel verpasst haben, heimzuzahlen. Ein aberwitziger Kampf gegen die Waffenlobby beginnt und Bazil findet ganz nebenbei auch noch die große Liebe…

aus: filmstarts.de

Wer den Film “Die fabelhafte Welt der Amélie”, ebenfalls von Jean-Pierre Jeunet als Regisseur, kennt und lieben gelernt hat, der wird auch diesen Film mögen. Und Dany Boon kennen wir aus dem Film Willkommen bei den Sch’tis her. Auch das war eine wunderbare französische Komödie. Wieder glänzt Jeunet mit vielen skurrilen Typen und Einfällen, sodass es nicht genügt, den Film nur einmal zu sehen, um alles zu erfassen. Aber der Film ist natürlich auf DVD Micmacs – Uns gehört Paris! erhältlich … und so wird es nicht lange dauern, bis ich mir den Film noch einmal anschauen werde.


Micmacs – Uns gehört Paris! | Deutscher Trailer HD

Silvester 1984 in Sinaia/Rumänien

Für die Feiertage um Weihnachten und Silvester entschlossen sich meine damalige Freundin und heutige Frau und ich, „ab in die Walachei“ zu entfleuchen. Da gab es ein überaus preiswertes Angebot für einen zweiwöchigen Urlaub (20.12.1984 – 03.01.1985) in dem kleinen Ort Sinaia im Kreis Prahova in Rumänien – in 800 m Höhe gelegen.

Am 20. Dezember flogen wir mit der rumänischen Fluggesellschaft Tarom von Hamburg nach Bukarest (Flughafen Bukarest-Otopeni) und wurden von dort mit einem kleinen Bus ins 127 km entfernte Sinaia (benannt nach der Halbinsel Sinai) und dort in unsere Unterkunft, der Villa Camelia, gebracht. Sinaia zeichnet sich durch viele alte kleine Villen aus. So wurde unsere Unterkunft im Jahr 1983 von Grund auf für den Tourismus renoviert. Gleich neben dieser Villa liegt das Restaurant Liliana, in dem wir meistens unsere Mahlzeiten einnahmen und auch die Festessen zu Heiligabend und Silvester kredenzt bekamen.

Am 23. Dezember besuchten wir ein „Weihnachtskonzert“ in der sehr schönen Klosterkirche, das um 16 Uhr begann und erst nach gut zwei Stunden endete. Es war beeindruckend (allein der Chor der Popen gestaltete mit Weihnachtsliedern – bis hin zu „Stille Nacht“ auf Rumänisch – dieses Konzert), wenn allerdings auch etwas unbequem: Wir saßen auf harten, sehr wackligen Stühlchen, sodass uns die Hintern ‚einschliefen’.

Neben mehreren Ausflügen (z.B. nach Braşov, dem Schloss Bran, das dem Touristen gern als Draculaschloss präsentiert wird) versuchten sich meine Frau und ich auch als alpine Skiläufer – mit mittelprächtigem Erfolg, aber hierzu sicherlich später etwas mehr.

Natürlich war uns bewusst, dass es noch die Zeit der Regierung eines Nicolae Ceauşescu war, der mit eiserner Hand das Land regierte. So kam es durchaus vor, dass durch die rigorose Sparpolitik trotz empfindlicher Minustemperaturen die Heizungen stundenweise ausgestellt wurden (da waren wir meistens unterwegs). Im einzigen größerem Kaufhaus im Ort trugen die Verkäuferinnen immer Pelzmützen, weil nicht geheizt wurde (überhaupt liefen die Rumänen draußen fast immer nur mit Pelzmützen herum). Wir als devisenbringende Touristen bekamen aber nur wenig davon mit, im Gegenteil: entgegen unseren Erwartungen waren Speis und Trank immer reichhaltig und gut, wenn natürlich (und von uns durchaus gewünscht) auch national gefärbt. Als Vorspeise gab es z.B. Mămăliguţă cu brînzăşi smîntînă – ein Maisbrei (Polenta) mit Quark (bzw. Schafskäse) und saurer Sahne, was aber besonders meiner Frau immer wieder gut schmeckte (übrigens das Ă bzw. ă spricht sich ähnlich dem deutschen Ä aus; Ţ bzw. ţ entspricht dem deutschen Z). Neben rumänischen Weinen und Bieren gab es gelegentlich auch „Pilsner Urquell“ und – es war das erste Mal, dass ich diese Biermarke trank: Radeberger aus der damals noch real existierenden DDR.

Da wir gerade bei Getränken sind: Die traditionale Spirituose Rumäniens ist Ţuică (sprich: Zuikä), der aus Pflaumen gebrannt wird, vergleichbar dem Sliwowitz, und der u.a. auch wie Grog mit heißem Wasser aufgegossen und mit Zucker versetzt wird. Nach längerem Aufenthalt im Freien (z.B. auf der Skipiste) wärmt das Zeugs gut durch, ist aber in größeren Mengen auch ziemlich ‚tödlich’.

Und damit komme ich endlich zu der Silvesterfeier im Restaurant Liliana. Zu einem üppigen Mahl gab es Vodkă, Riesling und Şampanie zu trinken. Anders als zum Festessen am Heiligabend waren jetzt auch viele Rumänen zugegen, da Neujahr in Rumänien der große Feier- und Geschenktag ist (der 1. und 2. Januar sind Feiertage). So gab es also keinen gemeinsamen „deutschen Tisch“, sondern es wurde nach Reisegruppen aufgeteilt gesessen. Und spätestens um null Uhr ging dann die Post ab und die Gruppen ‚vermischten’ sich, Westler und Rumänen bildeten ein unentwirrbares Knäuel: Küsse und Glückwünsche, Ringelpiez mit Anfassen und „Abtanzen“ auf Rumänisch. Ich durfte auch zwei hübsche Rumäninnen küssen. Dann ging es wieder ans Essen: Nach gebratenem Fisch reichte man uns Schweinefleisch mit Sauerkraut, später einen Truthahnrollbraten. Und nach Käse und Erdnüssen kam am Schluss auch noch Eiscreme mit Schokolade auf den Tisch. Dazu spielte eine rumänische Tanzkapelle. „Narog!“ wie man hier sagt!

Das Ganze ging bis um 5 Uhr in der Früh. Ein Weihnachtsbaum, der in der Ecke stand, litt unter dem Gejohle und Gedrängel sichtlich und stand noch am nächsten Tag etwas schräg in der Landschaft.

Ich brauche wohl nicht zu betonen, dass das in einem fürchterlichem Besäufnis endete. Aber es verlief alles völlig friedlich, ja so friedlich, dass es am Ende nur noch Brüder und Schwestern gab. Nationalitäten waren aufgehoben. Der rumänische Rotwein so ziemlich am Ende ‚tötete’ auch mich.

Unsere Unterkunft: Villa Carmelia

Restaurant Liliana

Unsere Unterkunft: Villa Carmelia

Restaurant Liliana

In Sinaia

Rodeln die 'Strata Vîrful cu Dor' hinab

In Sinaia

Rodeln die ‚Strata Vîrful cu Dor‘ hinab

rumänisch-orthodoxes Kloster Sinaia (Manastirea)

rumänisch-orthodoxes Kloster Sinaia (Manastirea)

rumänisch-orthodoxes Kloster Sinaia (Mănăstirea)

Große Silvesterfeier mit Vodka, Riesling und Sampanie: 'Narog!'

Große Silvesterfeier mit Vodka, Riesling und Sampanie: 'Narog!'

Große Silvesterfeier mit Vodkă, Riesling und Şampanie: ‚Narog!‘

Nun es sollte nicht unser letzter Winterurlaub in Rumänien sein. Vom 16. Januar bis zum 6. Februar 1986, also im darauffolgendem Jahr, machte meine Freundin/Ehefrau noch einmal mit mir Urlaub in Rumänien, diesmal in Predeal im Kreis Braşov, der mit gut 1100 m die am höchsten gelegene Stadt Rumäniens (siehe hierzu auch meinen Beitrag : In rumänischer ‚Gefangenschaft‘).

Nachtrag mit Bildern (u.a. schräger Weihnachtsbaum) siehe: Jahreswechsel 1984/1985 in Sinaia/Rumänien

Über den Dächern von Nizza

Es gibt Filme, die man sich gern noch einmal anschaut, auch alte Filme. Einer dieser alten Filme ist „Über den Dächern von Nizza“ in der Regie von Alfred Hitchcock mit Cary Grant und Grace Kelly in den Hauptrollen, der in meinem Geburtsjahr in Südfrankreich gedreht und ein Jahr später (1955) veröffentlicht wurde.

Leider hatte ich keine Zeit, als der Film in der Vorweihnachtszeit im Fernsehen zu sehen war. Ich nahm ihn aber auf und habe ihn jetzt mit meiner Frau angeschaut. Der Film wurde inzwischen restauriert, hat aber noch die deutsche Synchronfassung von 1955 – und ist natürlich wie jeder gute Film auf DVD Über den Dächern von Nizza erhältlich.

Hitchcock, der große Regisseur – sein angestammtes Genre war der Thriller, charakteristisch seine Verbindung von Spannung mit Humor – und Cary Grant, wohl einer der besten Schauspieler Hollywoods, haben öfter zusammengearbeitet. Und beide stammen aus Großbritannien. Hitchcock ist bekannt für seine Cameo-Auftritte und so ist er nach ca. 9 Minuten kurz neben Cary Grant in einem Bus zu sehen.

Cameo-Auftritt von Hitchcock - rechts neben Cary Grant

Kurz etwas zur Handlung (ohne das Ende zu verraten): Ein Juwelendieb treibt an der französischen Riviera sein Unwesen. John Robie (Cary Grant), vor dem Zweiten Weltkrieg berüchtigter Juwelendieb, bekannt als die Katze, und während des Kriegs Held der Résistance, wird verdächtigt, da der neue Dieb dessen alte Methode kopiert. Um seine Unschuld zu beweisen, macht er sich selbst auf die Suche nach dem Gauner. Seine ehemaligen Partner, die allesamt inzwischen einem ehrbaren Beruf im Restaurant Bertani nachgehen, sind verärgert, da sie ihn für den Dieb halten und sich die französische Polizei daher wieder für sie interessiert.

Robie wendet sich aufgrund eines Hinweises durch den Restaurantbetreiber Bertani an den Versicherungsagenten Hughson, der ihm – anfangs noch misstrauisch – seine Hilfe anbietet. Dadurch freundet sich Robie mit der Millionärin Mrs. Stevens und deren Tochter Frances (Grace Kelly) an, die im Besitz wertvoller Juwelen sind. Bald darauf wird Mrs. Stevens ebenfalls bestohlen. Für Robie wird es eng. Frances misstraut ihm und macht ihm das Leben schwer, während ihre Mutter an die Ehrlichkeit Robies glaubt.


Über den Dächern von Nizza – „Ich spreche vom Feuerwerk…“

Dem Film liegt der Roman „To Catch a Thief“ von David Dodge aus dem Jahr 1952 zugrunde (so lautet auch der Originaltitel: To Catch a Thief) und enthält die typische Hitchcock-Mischung aus Spannung und Humor. Zudem ist es eine Liebesgeschichte, die allerdings auch mit viel Humor und vielen sexuellen Anspielungen daherkommt, die zu damaliger Zeit für Hollywood-Produktionen mehr als unüblich waren. Aber das ist eben das Salz in der Suppe. Sehenswert sind natürlich auch die Landschaftsbilder in und um Nizza herum.

Okay, wenn man weiß, wer der Täter ist, dann macht ein solcher Film nur noch halb soviel Spaß. Aber Spaß macht der Film auch dann noch: Auch ohne rasante Action lässt sich genügend Spannung aufbauen (darin ist Hitchcock einfach der Großmeister schlechthin gewesen) – und die Dialoge (wenn auch im Deutschen etwas ‚entschärft’) sind geistreich und witzig. Nach so vielen Jahren haben meine Frau und ich den Film gern wiedergesehen.

Die Wichtigkeit jedes einzelnen (für Gott)

Lieber Peder!

Ein frohes neues Jahr! Herumgehen und gratulieren tu ich nie; und nur selten, ausnahmsweis, schreib ich einen Glückwunsch – aber Du gehörst ja auch zu den Ausnahmen. Ich habe in den verflossenen Jahren öfter an Dich gedacht, und gedenke es ebenso zu halten im gegenwärtigen: ich habe, was Dich angeht, u.a. öfter daran gedacht, oder bedacht (und gedenke es fernerhin ebenso zu halten): Daß Du, mit Deinem Lebensschicksal versöhnt, in Geduld und stiller Ergebung, eine ebensogroße Aufgabe lösest wie wir andern, die auf einer größeren oder kleineren Bühne mitspielen, große Geschäfte treiben, Häuser bauen, große Bücher schreiben und Gott weiß was sonst tun. Deine Bühne ist unleugbar die kleinste: die der Einsamkeit und Innerlichkeit – aber die „Hauptsumme“, wie es im Prediger heißt, ist: wenn alles gehört ist, so kommt es doch hauptsächlich auf die Innerlichkeit an – und wenn alles vergessen ist, so kommt es ebenfalls auf die Innerlichkeit an. –

Dies ist vor einigen Tagen geschrieben, ich wurde unterbrochen und konnte den Brief nicht beenden. Heute ist Dein Vater bei mir gewesen, und dieser Umstand brachte es mir wieder in Erinnerung, den angefangenen Brief zu vollenden oder doch wenigstens zu beenden. Da war nämlich noch etwas, was ich hinzufügen wollte. Sollte ich Dir einen Rat fürs Leben geben oder, Deine besondere Lage bedenkend, Dir eine Lebensregel empfehlen, so würde ich sagen: Vergiß vor allem nicht die Pflicht, Dich selbst zu lieben, laß Dir dadurch, daß Du gewissermaßen aus dem Leben herausgenommen bist, daran verhindert, tätig in es einzugreifen, laß Dir dadurch, daß Du in den törichten Augen einer geschäftigen Welt etwas Überflüssiges bist, laß Dir dadurch vor allem nicht die Selbstachtung rauben, als ob in den liebevollen Augen einer allweisen Vorsehung Dein Leben, wenn es in Innerlichkeit vollbracht wird, nicht die gleiche Bedeutung und Giltigkeit hätte wie jedes andern Menschen Leben, und erheblich größere als der Emsigkeit emsiges, emsigeres, alleremsigstes Hasten mit – der Vergeudung des Lebens und dem Verlust seiner selbst. –

So leb denn wohl im neuen Jahr; macht es Dir zwischendurch einmal Freude, mich zu besuchen, so komm Du nur, Du bist willkommen.

Dein Vetter S.K.

Brief an den lahmen Vetter Hans Peder Kierkegaard, Jahreswende 1848/49 (?) Diederichs 35, 196f. (S.K.) – hier: S. 63f. aus: Søren Kierkegaard – Auswahl aus dem Gesamtwerk – VMA-Verlag, Wiesbaden – Lizenzausgabe 1979

Siehe auch meinen Beitrag: Publikumsbeschimpfung