Alle Artikel von WilliZ

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Schneller geht’s

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Mario Vargas Llosa: Das grüne Haus

El Sargento echa una ojeada a la Madre Patrocinio y el moscardón sigue alli. La lancha cabecea sobre las aguas turbias, entre dos murallas de ároles que exhalan un vaho quemante, pegajoso. Ovillados bajo el pamacari, desundos de la cintura para arriba, los guardias duermen abrigados por el verdoso, amaerillento sol del mediodia : la cabeza del Chiquito yace sobre el vientre del Pesado, el Rubio transpira a chorros, el Oscuro gruñe con la boca abierta. Una sombrilla de jejenes escolta la lancha, entre los cuerpos evolucionan mariposas, avispas, moscas gordas. El motor ronca parejo, se atora, ronca y el práctivo Nieves llerva el timon con la izquierda, con la derecha fuma y su rostro, .. muy bruñido, permonece inalterable bajo el sombrero de paja ..

Der Sargento wirft einen Blick auf Madre Patrocinio und die fette Schmeißfliege sitzt immer noch da. Das Motorboot hopst auf den trüben Wellen dahin, zwischen zwei Mauern aus Bäumen, die einen stickigen, heißen Dunst ausatmen. Unter dem Sonnendach zusammengerollt, vom Gürtel aufwärts nackt, schlafen die Guardias, gewärmt von der grünlich-gelblichen Mittagssonne: Der Kopf des Knirpses liegt auf dem Bauch des Fetten, der Blonde ist in Schweiß gebadet, der Dunkle schnarcht mit offnem Mund. Ein Schirm aus Insekten begleitet das Boot, zwischen den Körpern kreisen Schmetterlinge, Wespen und dicke Fliegen. Der Motor rattert gleichmäßig vor sich hin, stottert, rattert wieder und der Lotse Nieves führt das Steuer mit der linken hand, mit der rechten raucht er und sein tief gebräuntes Gesicht unter dem Strohhut bleibt unverändert.

aus: Mario Vargas Llosa: Das grüne Haus (La casa verde, Barcelona 1965) – suhrkamp taschenbuch st 342 – 3. Auflage 1980 – Deutsch von Wolfgang A. Luchting

Mario Vargas Llosa
Foto: Daniele Devoti – Padova, Italien (13. Juni 2010)

So beginnt der 1965 erschienene Roman „Das grüne Haus“ (La casa verde) von Mario Vargas Llosa, der in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur erhält. Das Buch wird von einigen Kritikern als Vargas Llosas wichtigstes Werk und einer der bedeutendsten lateinamerikanischen Romane überhaupt angesehen. „Das grüne Haus“ kann als „Vargas Llosas komplexestes Werk gesehen werden, in dem die spezifisch lateinamerikanische Lebenserfahrung des Autors am reichsten Gestalten und Geschichten hervorgetrieben hat“. Der Roman führt in eine uns unbekannte Welt: Der Schauplatz ist eine vom Urwald geprägte, steinzeitlich wirkende und dünn besiedelte Amazonasregion mit Missionsstation und einer Garnison – kontrastiert mit einer europäisch beeinflussten Kleinstadt an der Küste mit Oberschicht, Kleinbürgertum, Elendsvierteln und dem außerhalb liegenden Bordell namens „casa verde“. In diesem Roman werden fünf kunstvoll parallel geführte Handlungsstränge, in denen Personen und Motive zum Teil aufeinander bezogen sind, zu einem Ganzen zusammengeführt. Fragmente der fünf Handlungsstränge werden in den einzelnen Kapiteln zunächst systematisch und später sporadisch aneinandergefügt, so dass sich der Eindruck einer Simultanbühne mit fünf Stücken ergibt. Die Handlungsstränge umfassen einen Zeitraum vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre:

· Die Missionsstation und das Schicksal eines geraubten, missionierten und später verstoßenen Indiomädchens namens „Bonifacia“, welches später im Bordell „casa verde“ arbeitet.
· Die Geschichte des japanischen Abenteurers „Fushia“, der sich ein Urwaldimperium errichtet hat.
· Das Schicksal des reichen Begründers des Bordells „casa verde“, „Don Anselmo“, und seiner Tochter „Chunga“.
· Die Machenschaften der Kautschukhändler, die Indios und Soldaten gleichermaßen zum Spielball ihrer Interessen machen.
· Die Beschreibung von vier Stammgästen des Bordells, den „Unbezwingbaren“, und der Beziehung ihres Anführers „Lituma“ zu der Prostituierten „Bonifacia“ (in diesem Handlungsstrang meist „Selvatica“ genannt).

Nordperu - Schauplatz: Das grüne Haus

Ich habe diesen Roman zum ersten Mal 1982 gelesen. Vargas Llosa setzte dabei Techniken beim Schreiben ein, die es dem Leser nicht immer einfach machen, sich zurecht zufinden. Vargas Llosa zielte darauf ab, beim Leser dieselbe Desorientierung hervorzurufen, die auch die Sinnsuche der Romanfiguren charakterisiere. Dafür benutzte er Techniken wie die Fragmentierung der Handlung, die bewusste Verwendung von Handlungslücken, die plötzliche und unvorbereitete Einführung neuer Situationen, das Einfügen von Fragmenten anderer Erzählungen, die Ineinanderschachtelung bzw. Verschränkung von Rahmenerzählungen, mythische Elemente, sowie die Verschiebung, Überblendung und Vermischung von Erzählperspektiven (Weiteres zu dieser so genannten Desorientierungstechnik).

Alle Werke in deutscher Sprache von Mario Vargas Llosa

Protagonisten: Das grüne Haus
meine handschriftliche Übersicht – Protagonisten aus: Das grüne Haus

Carajo, Caramba: Im Spanischen gibt es eine Reihe von Interjektionen (Ausrufe), die heute keinerlei definierten Bedeutungsgehalt mehr haben und lediglich verschiedene Grade von emotioneller Intensität – Überraschung, Staunen, Zorn, Ärger – ausdrücken. Die Intensitätshierarchie ist folgende:

am schwächsten – caramba;
stärker, aber durchaus noch salonfähig (wenn auch selten von Frauen benutzt) – caray;
schon sehr kräftig – caracho (sprich. ka’ratscho);
am gröbsten, beinahe unflätig klingt – carajo (sprich: ka’racho).

Diminutive (Verkleinerungswort, im Deutschen mit Endsilben –chen oder –lein): Ihre Funktion im Spanischen, ganz besonders im Hispanoamerikanischen, ist vielfältig. Sie bedeuten weniger eine Verniedlichung als eine affektive Betrachtung der jeweiligen Umstände, Personen oder Gegenstände. So mag man etwa hören, jemand sei schon en la mañanita aufgestanden. Also etwa „ganz, ganz früh am Morgen“ statt „früh morgens“ etc. In einigen Regionen Perus werden Diminutive ungewöhnlich häufig benutzt – etwa im Norden (Piura) oder in Lima, vor allem aber auch unter den Bewohnern der Sierra, also den Indios. Diminutive sind dabei keineswegs Substantiven vorbehalten: hasta lueguito (statt hast luego) etwa, was approximativ so etwas Ähnliches wie „bis nachherchen“ oder „bis späterchen“ wäre, drückt Freundschaftlichkeit, Zuneigung des Sprechers dem gegenüber aus, zu dem er es sagt.

aus: Mario Vargas Llosa: Das grüne Haus – suhrkamp taschenbuch st 342 – 3. Auflage 1980 – Anmerkungen von Wolfgang A. Luchting

… und so endet der Roman:

„Ich komm vorbei und hol Sie ab”, sagt Doktor Zevallos. „Dann gehen wir zusammen zur Totenwache. Versuchen Sie gute acht Stunden zu schlafen, mindestens.“
„Ich weiß, ich weiß“, knurrt Padre García. „Geben Sie mir doch nicht dauernd Ratschläge.“

– Yo pasaré a buscarlo – dice el doctor Zevallos -. Vendremos juntos al velorio. Trate de dormir unas ocho horas, lo menos.
– Ya sé, ya sé – gruñe el Padre García -. No me esté dando consejos todo el tempo.

Martin Walser: Leben und Schreiben: Tagebücher 1963-1973

Warum dieser Schmerz, mein Herz
warum dieses Weh, meine
Seele, warum diese Schwere
aller meiner Gedanken.

aus Martin Walser: Leben und Schreiben: Tagebücher 1963-1973
Tagebuch 1971, Seite 437 – Rowohlt Taschenbuch Verlag, Februar 2009

Tagebücher, selbst die von erlesenen Schriftstellern, sind nicht jedermanns Sache. Die sind manchmal Literatur pur (wie bei Max Frisch, dessen Tagebücher geradezu eine neue literarische Form begründeten) oder bei der Betrachtung und Beurteilung eines Schriftstellers unentbehrlich (wie bei Franz Kafka, dessen Tagebücher dazu beitragen, sein eigentlich literarische Werk zu verstehen).

In den letzten Jahren hat nun auch Martin Walser Tagebücher veröffentlicht:

Leben und Schreiben. Tagebücher 1951-1962, Rowohlt, Reinbek 2005
Leben und Schreiben. Tagebücher 1963-1973, Rowohlt, Reinbek 2008
Leben und Schreiben. Tagebücher 1974-1978, Rowohlt, Reinbek 2010

Lange habe ich mir überlegt, ob ich mir diese Tagebücher kaufen soll. Während meiner kleinen Rhein-Tour diesen Jahres, beim Aufenthalt in Düsseldorf, schaute ich mit meinen Söhnen auch in mehrere Buchläden hinein – und fand den 2. Band dieser Bücher (Tagebücher 1963-1973) als so genanntes Mängelexemplar für weniger als den halben Preis.

Tagebücher lassen sich nicht wie ein Roman in einem Rutsch lesen. Wenigstens ich kann das nicht. Mein Verdacht wurde in diesem Fall bestätigt: Martin Walsers Tagebücher können nicht mit seinen großen Romanen und Erzählungen ‚mithalten’. Das Urteil, sie wären langweilig, kann ich aber nicht bestätigen.

Erst einmal werden Tagebücher für den ‚privaten Gebrauch’ geschrieben. Das gilt in der Regel auch für Schriftsteller, es sei denn ihnen wird bewusst, dass die geschriebenen Tagebucheintragungen später einmal literarisch aufgearbeitet oder schon zu Lebzeiten veröffentlicht werden könnten. Die Tagebücher 1963-1973 von Martin Walser, so denke ich, waren sehr privater Natur. Er nutzte sie sicherlich für Skizzen zu späteren Werken; er entblätterte sich und sein Befinden in einer Weise, die selbst in späteren Werken so nicht vorkommt. „Was ich ins Tagebuch schreibe, ist prinzipiell unverbesserlich.“ Schreibt Walser in einem späteren Nachwort.

Im zweiten Band der Tagebücher hält Martin Walser seine Eindrücke während der Frankfurter Auschwitz-Prozesses fest, seine Reisen nach Moskau, Eriwan und Tbilissi, dann kreuz und quer durch Europa und Nordamerika.

Er kommentiert die Studentenproteste, spricht über durchzechte Nächte mit seinem Verleger und immer wieder über das Schreiben selbst: Erzählen ist ihm „der Versuch, mit geschlossenem Mund zu singen“. Seine Tagebücher gewähren überraschende Einblicke, sie zeigen „einen verletzlichen Martin Walser, den man bisher noch nicht kannte.“ (Die Zeit)

Martin Walser ist als politischer Schriftsteller bekannt. So mag es enttäuschen, dass er sich in diesen Tagebücher politisch kaum äußert. Wir wissen allerdings, das er sich noch 1961 im Wahlkampf für die SPD und Willy Brandt eingesetzt hat. Brandts ausweichende Haltung zum Vietnamkrieg war dann einer der Gründe für Walsers zunehmende Distanz zur SPD und seine Linksorientierung ab Mitte der 60er Jahre.

Wenn sich Walser politisch äußert, dann fast immer im Zusammenhang mit seinem seelischen Befinden, seiner Verletzlichkeit, seinem Unmut, unverstanden zu sein. Es gibt aber immer wieder eine Kritik an scheinbar demokratisch legitimierten Entscheidungen der Politik: „Über Erkenntnisse und Wahrheiten kann übrigens nicht mit Mehrheit beschlossen werden.“ (S: 563 der Taschenbuchausgabe 2009)

Eintragung Tagebuch: Orli Loks aus dem Roman „Das Einhorn“, Anselm Kristleins große Liebe
Eintragung Tagebuch: Orli Loks aus dem Roman „Das Einhorn“, Anselm Kristleins große Liebe

Zu anderen Schriftstellern äußert er sich kaum. Auf die Schnelle habe ich z.B. nur einen Verweis auf die“ … manieristische oder Verklausulierungsmethode des Thomas Mann …“ gefunden (S. 362). Martin Walser zeigt sich aber empfindlich in der Kritik anderer an seinen Werken, er fühlt sich verletzt bis ins Mark.

Ebenso am Boden zerstört ist Walser, als seine Mutter 1967 stirbt. Da ist er 40 Jahre alt. An literarische Arbeit ist nicht zu denken – außer in einer Aufarbeitung in seinem Tagebuch. Hier ist das Tagebuch wirklich ganz privat, ganz intim.

1973 reist Martin Walser für sechs Monate als Gastdozent in die USA (Middlebury College, Vermont und University of Texas, Austin). Zusammen mit den Ereignissen eines viermonatiger USA-Aufenthalt 1983 als Gastdozent an der University of California, Berkeley verarbeitet er diese später; es entsteht 1985 daraus der Roman „Die Brandung“ (siehe auch meinen Beitrag zum Roman Die Brandung). Wie im Roman (dort die als „schöne Dumme“ bezeichnete Fran, ein All-American-Girl) so verliebt sich Walser in eine junge Studentin, Biddie. Diese Liaison hat natürlich keine Zukunft.

Man mag den literarischen Wert solcher Tagebücher – vor allem für den normalen Leser – bestreiten. In diesem Fall sollte man schon ein eingefleischter Fan von Martin Walser sein, um die Lektüre ‚ungeschadet’ zu überstehen. Trotzdem stellt sich solch ein Band von Tagebüchern als Fundgrube brillanter Etüden, Miniaturen, Aphorismen und kryptischer Andeutungen dar. Hier zum Schluss eine kleine Zusammenstellung von Aphorismen, die mir besonders gefallen haben:

– Den Gegner zum Gott machen und dann Atheist werden. Das ist die Lösung.
– Sie ging in die Garderobe, schminkte sich ab und war fertig zum Auftritt.
– Was mich mit meinen Freunden oder Bekannten verbindet, ist eine Serie von Stillhalte-Konventionen.
– Was soll ich Ihnen noch küssen, Gnädigste?
– Ich huste Mückenschwärme ins Abendlicht und laß mir von Schwalben in die Zeitung scheißen.
– Jeder, dem die Gesellschaft gestattet, etwas anderes zu sein, als er ist, ist ein Funktionär.
– Wer Angst hat, will Schrecken verbreiten.
– Vor sich selber hat keiner Angst.
– Es wäre viel ehrlicher, wenn ich mich mal gehenließe und richtig lügen würde.
– Ich wünschte, ich wünsche, ich zähle die Wünsche, probiere sie an und lasse sie ändern …
– Leben ist mir zur Gewohnheit geworden.
– Ich tauge nur noch zum Feind …

aus Martin Walser: Leben und Schreiben: Tagebücher 1963-1973 – Rowohlt Taschenbuch Verlag, Februar 2009

siehe auch: Martin Walser: [Das Herz]Daher der Name Bratkartoffel (3)

Ausgepfiffen und gefeiert

Für Mesut Özil war das Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft 2012 gegen die Türkei am Freitagabend in Berlin sicherlich ein denkwürdiges Spiel. Gegen das Land seiner Väter wurde er von den türkischen Zuschauern ausgepfiffen, sobald er am Ball war. Als er aber besonders in der zweiten Halbzeit ein sehr gutes Spiel ablieferte und auch noch ein Tor für die deutsche Mannschaft schoss, feierten ihn auch die türkischen Fußballfans und klatschten den verdienten Beifall.

Mesut Özil, Nachkomme türkischer Gastarbeiter und in Gelsenkirchen geboren, hatte 2007 seinen türkischen Pass zurückgegeben und sich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden. Das wird ihm von vielen Türken bis zum heutigen Tag krumm genommen. Daher auch die Pfeifkonzerte gegen ihn. Insgeheim sind sie aber über diesen außerordentlichen Fußballspieler doch stolz, zumal er den Wechsel zu einen der ganz großen Fußballvereine, Real Madrid, geschafft hat.

Der deutsche Fußballbund (DFB) feiert Mesut Özil als gelungenes Beispiel für die Integration türkisch-stämmiger Migranten. Allerdings muss gesehen werden, dass sich viele in Deutschland geborene Türken für die Türkei entschieden haben, nicht für Deutschland. Und so sieht u.a. der ebenfalls in Gelsenkirchen geborene Hamit Altintop, Spieler des FC Bayern und Spieler der türkischen Nationalmannschaft, die Entscheidung der Spieler mit Migrationshintergrund pro Deutschland nicht so sehr als Herzensangelegenheit, sondern mehr als Business. „Das hat auch nichts mit Integration zu tun.“

Zum Beispiel Özil erklärt Altintop: „Hätte er sich für die Türkei entschieden, hätte er keine WM gespielt und wäre nicht bei Real Madrid.“ – Zunächst ist das nicht von der Hand zu weisen. Altintop fühlt sich weiterhin als Türke, auch wenn er in Deutschland geboren ist. So geht es vielen. Das gilt besonders aber für die, die sich durch die deutsche Gesellschaft abgelehnt fühlen, die keinen Schulabschluss schaffen – und die Deutschland immer noch als eine Art Provisorium ansehen.

Özil hat aufgrund seiner außerordentlichen Begabung sein Glück in Deutschland gefunden. Sicherlich schlagen zwei Herzen in seiner Brust. Wer wie er in einem von türkischen Traditionen geprägten Umfeld aufgewachsen ist, kann nicht von heute auf morgen seine Herkunft verleugnen. Das will und soll er auch nicht. Und wenn er sich für Deutschland entschieden hat, so haben sicherlich auch finanzielle Gründe dabei eine Rolle gespielt.

Mesut Özil als Integrationsfigur zu feiern, ist zu hoch gegriffen. Das gilt auch für all die anderen deutschen Nationalspieler, die von Einwanderern oder Spätaussiedlern abstammen. Wahre Integration ist auf niedriger Ebene anzusiedeln. An der ‚Basis’ muss etwas getan werden, um Integration zu fördern. Das gilt beim Sport auf Vereinsebene im Breitensport (Beispiel BV Altenessen 06 oder aus meiner Nachbarschaft beim Todtglüsinger SV), besonders aber vor Ort im Stadtteil oder Dorf. Junge Menschen wie Mesut Özil können dabei natürlich als Beispiel, als eine Art Leitfigur dienen. Mehr aber auch nicht.

Was für deutsche Jugendliche gilt, die keine Arbeit finden und sich von rechten Rattenfängern einfangen lassen, gilt für junge Türken und junge Araber erst recht: wenn sie in Deutschland keine Perspektiven sehen, werden sie sich kaum integrieren lassen. Das kann sogar zu einer Deutschenfeindlichkeit führen, zu einem Rassismus andersherum!

Statt ‚schlaue’ Bücher zu schreiben (Sarrazin) oder ‚schlaue’ Reden zu halten (Seehofer), muss von allen Seiten etwas getan werden. Man macht es sich reichlich leicht, wenn man Integration nur ‚fordern’. Man sollte vor allem nicht das Unmögliche fordern. Es macht keinen Sinn, ältere Menschen, die mit ihren Traditionen stark verwurzelt sind, zu ‚brave Deutsche’ umerziehen zu wollen. Integration braucht seine Zeit – über Generationen hinaus. Die Förderung dazu, lang genug verschlampt oder nur halbherzig betrieben, muss aber endlich heute angesetzt werden.

Wenn die Kinder erwachsen werden

Heute ist ein ganz besonderer Tag. Nein, nicht weil der 10.10.10 ist, auch das, aber weil der ältere unserer beiden Söhne heute ‚ausgezogen’ ist. Man sagt: Kleine Kinder, kleine Sorgen – große Kinder, große Sorgen! Das kann ich und kann sicherlich auch meine Frau so nicht sagen. Über unsere beiden Söhne können wir nicht meckern. Natürlich gibt es gelegentlich Auseinandersetzungen, aber insgesamt kommen wir bestens miteinander aus. Beide sind ‚in unserem Sinne’ voll und ganz okay.

Heute ist nun unser Ältester also aus seinem elterlichen Heim ausgezogen. Er beginnt morgen eine Ausbildung in Göttingen und kann natürlich nicht jeden Tag zwischen Göttingen und Tostedt pendeln. Zunächst wohnt er bei einer Bekannten, die in Göttingen studiert. Und eine Ein-Zimmer-Wohnung hat er in Aussicht. Am Dienstag klärt das sich endgültig (Mietvertrag unterzeichnen usw.):

Dass dieser Tag einmal kommen wird, war meiner Frau und mir klar. Und auch das unser Sohn jetzt nach Göttingen geht. Aber erst als wir zum Bahnhof gingen, wir alle vier, um ihn in den Zug zu setzen, da wurde wohl uns allen bewusst, dass das heute ein Tag ist, der für uns alle einen neuen Lebensabschnitt einläutet.

Am nächsten Wochenende wird er wieder nach Hause kommen. ‚Nach Hause’. Zu seinem ‚elterlichen Zuhause’. Denn seine Wohnung ist woanders, sein Leben wird er nun größtenteils in einer anderen Stadt verbringen.

Natürlich bleibt sein Zimmer für ihn weiterhin da. Viele Sachen hat er noch bei uns. Und vielleicht kommt er eines Tages auch zurück, um z.B. bei uns in der Nähe zu studieren. Aber die nächsten Wochen, nein, Monate, vielleicht Jahre wird er nicht mehr da sein, wir werden ihn vielleicht mehrere Wochen hintereinander nicht mehr sehen und hören.

Nicht, dass meine Frau und ich ihn nicht loslassen können. Ganz im Gegenteil. Er war schon früh sehr selbständig und hatte keine Scheu, in die Welt zu ziehen, auch wenn die Welt in seinen jungen Jahren noch klein geraten war. So lassen wir ihn mit gutem Gewissen gehen. Aber es ist eben doch ‚komisch’ für uns Zurückgebliebenen. So einfach von heute auf morgen.

Er wird seinen Weg gehen, den er selbst gewählt hat. Wir werden für ihn da sein, wenn es notwendig sein sollte. Auch seinem Bruder wird er fehlen, der jetzt wochentags keinen mehr hat, den er ärgern kann.

Ja, es ist heute für uns ein ganz besonderer Tag.

Literaturnobelpreis 2010 an den Peruaner Mario Vargas Llosa

Todavía llevaban pantalón corto ese año, aún no fumábamos, entre todos los deportes preferían el fútbol y estábamos aprendiendo a correr olas, a zambullirnos desde el segundo trampolín del “Terrazas”, y eran traviesos, lampiños, curiosos, muy ágiles, voraces. Ese año, cuando Cuéllar entró al Colegio Champagnat.

.. und auf Deutsch …

In dem Jahr damals trugen sie noch kurze Hosen, wir rauchten noch nicht, unter allen Sportarten zogen sie Fußball vor und wir lernten gerade Wellenreiten, vom zweiten Sprungbrett des >Terrazas< ins Wasser hechten, und sie waren ungezogen, bartlos, wißbegierig, sehr behände, gefräßig. In dem Jahr damals, als Cuéllar ins Colegio Champagnat eintrat.

So beginnt eine Erzählung von Mario Vargas Llosa aus dem Jahre 1967: Die kleinen Hunde (Los Cachorros) – Deutsch von Wolfgang Alexander Luchting (hier: Band 439 der Bibliothek Suhrkamp – 1. Auflage 1975), das erste Buch von Vargas Llosa, das ich 1981 gelesen habe, also vor fast 30 Jahren.

Bei dieser Erzählung handelt es sich um eine Parabel der sozialen Integration – ein Thema, das uns heute auch in Deutschland, wenn auch in anderer Weise, sehr beschäftigt. Die wenigen Zeilen zeigen bereits, dass der Autor die Sprache nutzt, um durch einen ständigen Wandel des Bildwinkels (er schreibt zunächst in 3. Person Mehrzahl (sie), wechselt dann ständig in die 1. Person (wir)) den Leser ‚hin- und herzureißen’ und so die Aufmerksamkeit auf das weitere Geschehen zu lenken.

Erzählt wird die Geschichte einer Jugendclique aus einem Villenvorort der peruanischen Hauptstadt Lima. Die Mitglieder dieser Clique berichten, wie sie das Colegio Champagnat durchliefen, gemeinsam Sport trieben, Mädchen kennen lernten und schließlich gesetzter und dicker zu werden begannen. Im Mittelpunkt der Berichte steht einer von ihnen, den ein Hundebiss kastrierte: Pichula Cuéllar, ein reicher, begabter Fabrikantensohn, der im Alter von elf Jahren zu ihnen stieß und später bei einer Fahrt durchs Land ums Leben kommt.

Mario Vargas Llosa
Foto: Daniele Devoti – Padova, Italien (13. Juni 2010)

Was soll ich sagen? Nicht nur der Suhrkamp-Verlag freut sich als deutscher Verleger des neuen Preisträgers des Nobelpreises für Literatur, auch ich konnte meine Freude nicht verheimlichen: Mario Vargas Llosa ist eben schon seit 1981 einer meiner Lieblingsautoren, wenn ich ihn auch bisher in diesem Block (und auch zuletzt beim Lesen) eher stiefmütterlich behandelt habe. Der Roman „Das Grüne Haus“ (dazu später mehr) zählt trotz seiner Komplexität zu meinen absoluten Favoriten der Literatur.

Nun eigentlich fast alle Werke von Mario Vargas Llosa sind in deutscher Sprache verfügbar. Viele von Vargas Llosas Werken spielen in Peru und thematisieren dessen Gesellschaft. Er kritisiert häufig undemokratische und korrupte links- oder rechtsgerichtete Systeme, die niedrige Schwelle zur Gewaltbereitschaft, und die teilweise rassistische Klassenordnung in Peru und Lateinamerika.

Den Nobel-Preis erhielt Vargas Llosa für seine „Kartographie von Machtstrukturen und seine scharf gezeichneten Bilder individuellen Widerstands“ gegen diese Strukturen. 1994 erhielt Vargas Llosa bereits den Cervantes-Preis, die höchste literarische Auszeichnung in der spanischsprachigen Welt. 1996 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

siehe auch zdf.de: Video Literatur-Nobelpreis: Mario Vargas Llosa

John Glascock (1951-1979), Bassist

John Glascock (* 2. Mai 1951 in Islington, Großbritannien; † 17. November 1979 in London) war von 1975 bis 1979 Bassist der britischen Rockgruppe Jethro Tull und spielte auf folgenden Alben der Gruppe:

Too Old To Rock ‚N‘ Roll, Too Young To Die (1976)
Songs From The Wood (1977)
Heavy Horses (1978)
Live – Bursting Out (1978) (live) (2 LP)
Stormwatch (1979).

Während der Heavy-Horses-Tour der Gruppe erkrankte er schwer, als eine Zahnerkrankung sein (durch einen von seinem Vater ererbten Herzklappenfehler bereits vorbelastetes) Herz schädigte. Eine Operation, bei der die defekte Herzklappe ersetzt wurde, brachte nicht die erhoffte Besserung, und nachdem er bereits im Jahr 1978 nicht mehr alle Auftritte der aktuellen Tour bestreiten konnte, stand er am 1. Mai 1979, genau drei Jahre nach seinem Debüt, zum letzten Mal für Jethro Tull auf der Bühne.

Während der Aufnahmen zum aktuellen Album „Stormwatch“ verschlechterte sich sein Zustand zusehends, und John war gezwungen, die Gruppe zu verlassen. Die noch fehlenden Parts am Bass übernahm Ian Anderson selbst. Sein Nachfolger wurde später Dave Pegg.

Nachdem sein Körper die neue Herzklappe schließlich abgestoßen hatte, starb John Glascock am 17. November 1979 in London.

Jethro Tull-Fans kennen John Glascock nicht nur von den genannten Alben her, sondern auch von den wohl besten Filmaufnahmen, die es bisher von der Gruppe gibt:


Jethro Tull 1976 live in Tampa/Florida


Jethro Tull 1977 live at Golders Green Hippodrome

Weitere Stationen seiner Karriere vor Jethro Tull führten John Glascock zu „The Gods“ (1965 bis 1969 mit Ken Hensley und Lee Kerslake, beide von Uriah Heep bekannt), „Head Machine“ (1970), „Toe Fat“ (1969-1970 mit Cliff Bennett) und Chicken Shack (1971 bis 1972).

Mit der Gruppe Chicken Shack nahm John Glascock das Album Imagination Lady (1972) auf. Hier einige der Lieder (bei YouTube) – es ist Musik im Bluesstil und ähnelt in der Gitarrenspielweise etwas der von Jimi Hendrix:

Chicken Shack – Cryin‘ Won’t Help You
Chicken Shack – Poor Boy
Chicken Shack – Daughter of the Hillside
Chicken Shack – If I Were A Carpenter
Chicken Shack – Going Down

Von 1973 bis 1975 spielte John Glascock, zunächst gemeinsam mit seinem Bruder Brian, bei „Carmen“, einer innovativen Flamenco-Rock-Band aus Los Angeles. Mir ist keine Band in der bisherigen Rockgeschichte bekannt, die Rockmusik derart mit traditioneller Flamenco-Musik verbunden hat (deshalb auch unten eine größere Auswahl der Stücke). Sicherlich ist die Musik etwas gewöhnungsbedürftig. Aus dem Rahmen fallen auch die Tanzeinlagen von Sänger und Sängerin. Nicht ganz mein Geschmack sind dabei die Gesangparts, die mich manchmal mehr an Musicals als an Rockmusik erinnern. Dafür überzeugen mich aber die instrumentalen Teile, die die Rhythmik von Rock und Flamenco gekonnt verbinden.

Bei einem Engagement von „Carmen“ als Vorgruppe für die War-Child-Tour von „Jethro Tull“ lernten sich John Glascock und Jethro Tull-Frontman Ian Anderson kennen. „Carmen“ löste sich im Jahr 1975 auf. Die Band hatte finanzielle Probleme, keinen aktuellen Plattenvertrag, und ein Engagement als Vorgruppe der „Rolling Stones“ wurde kurzfristig abgesagt. Außerdem hatte sich der Schlagzeuger der Gruppe bei einem Sturz von einem Pferd schwer verletzt.

John Glascock mit Carmen

Von der Gruppe „Carmen“ erschienen insgesamt drei Alben:

Carmen – Fandangos In Space (1973)
Tracks: Bulerias (Cante-Baille-Reprise) / Bullfight / Stepping Stone / Sailor Song / Lonely House / Por Tarantos / Looking Outside (Theme-Zorongo-Finale) / Tales Of Spain / Retirando / Fandangos In Space / Reprise

Carmen – Dancing On A Cold Wind (1974)
Tracks: Viva Mi Sevilla / I’ve Been Crying / Drifting Along / She Flew Across The Room / Purple Flowers /Rememberances: Table Two For One – She’s Changed – Gypsy Girl – Time – People Dressed In Black – Dancing On A Cold Wind (Instrumental – Vocal) – The Horseman – Conclusion

Carmen – The Gypsies (1975)
Tracks: Daybreak / Shady Lady / High Time / Dedicated To Lydia / Joy / The Gypsies / Siren Of The Sea / Come Back / Margarita

Das letzte Album “The Gypsies” war Ian Anderson und Terry Ellis, früherer Jethro Tull-Plattenproduzent und -Manager, gewidmet.

Von der Gruppe „Carmen“ mit John Glascock gibt es bei YouTube leider nur eine Videoaufzeichnungen von einem TV-Auftritt (immerhin), Glascock finden wir rechts:


Carmen – Bulerias (mit Tanzeinlage – 1973 David Bowie’s Midnight Special)

Dafür gibt es allerdings viel Audio-Material, das ich wie folgt (nach Alben getrennt) zusammengestellt habe:

Carmen – Fandangos In Space (1973)
Carmen – Bullfight
Carmen – Stepping Stone
Carmen – Sailor Song
Carmen – Lonely House
Carmen – Looking Outside (My Window)
Carmen – Fandango in Space

Carmen – Dancing On A Cold Wind (1974)

Carmen – Viva mi Sevilla (Tanzszenen)

Carmen – I’ve been crying
Carmen – Purple Flowers
Carmen – The City / The Horseman

Carmen – The Gypsies (1975)
Carmen – Daybreak
Carmen – Shady Lady
Carmen – The Gypsies

Nachdem er für mehrere Monate arbeitslos war, erhielt John Glascock eine Einladung von Ian Anderson, den sich anderen Projekten zuwendenden bisherigen Jethro Tull-Bassisten Jeffrey Hammond-Hammond zu ersetzen.

Interessante Fakten: Obwohl John Glascock Linkshänder war, spielte er einen Rechtshänder-Bass — John war bekannt für seine originellen Bühnen-Outfits, die er in der Regel selber geschneidert hatte — Der Bruder Brian Glascock spielte u.a. auf Alben von Joan Armatrading (Info lt. Wikipedia – ich habe alle Alben durchforstert, bin dabei aber nicht auf den Namen Glascock gestoßen, vielleicht doch ein Fake) — Die Sängerin von der Gruppe Carmen, Angela Allen, singt die Backing Vocals auf dem Album „Too Old to Rock ’n‘ Roll, too Young too Die“ von Jethro Tull bei den Stücken „Crazed Institution“ and „Big Dipper“ (neben Maddy Prior, für deren Alben öfter der Gitarrist von Jethro Tull, Martin Barre, gearbeitet hat).

siehe auch meinen Beitrag: Jethro Tull live 1. April 1980 München Olympiahalle

Wie im falschen Film …

In diesen Tagen komme ich mir vor wie im falschen Film, genauer: wie in die 60er Jahre zurückversetzt. Sicherlich lässt sich der 2. Juni 1967, als bei einer Demonstration gegen den Staatsbesuch des iranischen Schahs der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde und sich die Studentenbewegung daraufhin radikalisierte, nicht mit dem 30 September 2010 vergleichen, als jetzt Gegner des Bahnhofneubaus Stuttgart 21 von der Polizei niedergeknüppelt wurden. Wenn die Politik jetzt aber nicht reagiert und weiterhin die Protestbewegung lediglich zu diffamieren sucht, dann wird sich diese über Stuttgart hinaus ausdehnen. Denn es geht nicht mehr allein um Stuttgart 21, es geht um unsere Demokratie und was wir Bürger und was die Politik darunter versteht.

Erstaunlich finde ich zunächst, wie sehr die jetzige schwarz-gelbe Koalition in Berlin an Zuspruch verloren hat. Wären jetzt, ein Jahr nach der letzten Bundestagswahl, erneut Wahlen, Frau Merkel und Herr Westerwelle dürften ihre Hüte nehmen. Das ist aber auch kein Wunder, denn mir (und eben nicht nur mir) erscheint diese Bundesregierung weniger Vertreter der Bürger zu sein als Vertreter industrieller Interessen (Stichwort: Lobbyismus).

Richten wir einen Blick zurück: Da bekommt die FDP satte Spendengelder von der Hotelbranche und lässt im Gegenzug den Mehrwertsteuersatz für Hotelübernachtungen senken. ‚Natürlich’ besteht zwischen beidem kein Zusammenhang, aber wer glaubt Ihnen das, Herr Westerwelle?!

Dann das Gerangel um die Gesundheitsreform mit dem Ergebnis einer unausgegorenen Reform à la Rösler. Oder die Wahl von Herr Wulff zum Bundespräsidenten. Hat man da dem Wählerwillen entsprochen? Wohl kaum!

Höhepunkt ist aber der Kuhhandel zwischen Bundesregierung und Atomindustrie. Die Laufzeitverlängerungen der Atommeiler spült viel Geld in die Kassen des Finanzministers und man faselt von ‚Brückentechnologie“, die laut Frau Merkel die Atomkraft über das Jahr 2020 hinaus notwendig macht. Nur wohin führt diese Brücke, wenn man im gleichem Zuge Kürzungen bei der Unterstützung der erneuerbaren Energien vereinbart. Der Ausstieg war beschlossene Sache und wurde auch von der Atomindustrie akzeptiert – natürlich mit dem Hintergedanken, dass unter einer schwarz-gelben Regierung der Ausstieg vom Ausstieg zu bewerkstelligen wäre, was jetzt geschehen ist. Kommt dann spätestens in drei Jahren der Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg?

Man mag mir vergeben, aber diesen Atomdeal finde ich weitaus schlimmer als den Neubau eines Bahnhofs in Stuttgart. Da eine langfristige Entsorgung des Atommülls nicht gewährleistet werden kann (und das kann sie nicht), solange ist jede weitere Nutzung dieser Energiequelle ein Frevel gegen Natur und zukünftige Generationen – zumal eine alternative Energieversorgung möglich ist.

Zu Stuttgart 21: Ähnlich wie 1967 (und da sehe ich Parallelen), als der persische Schah Deutschland besuchte, so könnte auch jetzt ein eher nebensächliches Ereignis Auslöser für ein politisches Umdenken in ganz Deutschland werden.

Das Vorgehen der Polizei letzten Donnerstag war ‚unverhältnismäßig’, wie man so schon sagt – ich meine brutal und einem Rechtsstaat nicht angemessen. Auch hier gibt es Parallelen zu 1967. Wenn es auch kein Todesopfer in Stuttgart gab, so wurden doch einige sehr schwer verletzt; mindestens ein 66jähriger Mann wurde durch den Strahl eines Wasserwerfers so schwer verletzt, sodass er für immer erblindet sein wird. Die Rechtfertigungsversuche der Politik ähnelten auch denen der in den 60er Jahren und sind kaum an Lächerlichkeit zu überbieten (wie sehr entblöden sich da Politiker wie der Innenminister von Baden-Württemberg Heribert Rech, CDU, oder der Justizminister Ulrich Goll, FDP). Sicherlich hat Bahnchef Grube ein Recht auf Meinungsäußerung. Aber seine Äußerungen tragen nicht dazu bei, den Konflikt zu entschärfen. Zudem ist er auch als Bahnchef nicht in der Position, das Widerstandsrecht der Bürger zu definieren. Übrigens war er einst als Vertrauter von Jürgen Schrempp (jahrelang Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG und der DaimlerChrysler AG, der heutigen Daimler AG) und mit diesem Befürworter der heute stark kritisierten und wieder beendeten „Welt-AG“ bei Daimler – einem Loch, in dem Milliarden versickerten!


heute-show: Schlacht im Schlossgarten

Inzwischen reagiert die Politik moderat. Aber das Bauprojekt Stuttgart ist durch die Instanzen gegangen und von der Politik abgesegnet worden. Ein endgültiger Baustopp ist nicht vorgesehen. Wie es weitergehen wird (im März sind Wahlen in Baden-Württemberg), weiß vorerst keiner zu sagen. Aber eines ist sicher: Bei solchen Großprojekten geht es in Zukunft nicht mehr ohne die Beteiligung der Bürger – ähnlich wie bei uns in Tostedt: Die Politik plante den Neubau des Rathauses – durch den ‚Druck der Straße’ wurde dieses Projekt inzwischen zurückgenommen.

Wird der 30. September 2010 zu einem historischen Datum? Es liegt an uns Bürger und Wähler. Am 27. März 2011, also in weniger als einem halben Jahr, findet die Landtagswahl in Baden-Württemberg. Die jetzige Landeregierung steckt mitten in einem Dilemma. Will sie Nägel mit Köpfen machen, dann wird sie Stuttgart 21 soweit vorantreiben, dass das Projekt bis dahin unumkehrbar sein wird. Sie riskiert damit aber endgültig, im nächsten Jahr abgewählt zu werden.

siehe hierzu auch: Die hohle Geste des Herrn Mappus

Bis zur nächsten Bundestagswahl sind es noch drei Jahre. Bis dahin fließt noch viel Wasser die Spree hinunter. Darauf hoffen Merkel und Westerwelle. Wer aber gegen die gegenwärtige Klientelpolitik der Bundesregierung ist, der wird dieser spätestens dann den verdienten Denkzettel verpassen. Ich hoffe, ich bin dann wieder im richtigen Film!

(Fast) unterschlagene Beiträge – Teil 25

Demokratie mit dem Gummiknüppel?

Das eigentliche Thema hieß mal: neuer Bahnhofsbau in Stuttgart. Durch den überharten Polizeieinsatz von letzter Woche ist darauf eine Grundsatzdebatte zum Thema Demokratie geworden. Irgendwie erinnert mich das an alte Zeiten, als jeglicher Protest der Straße von der Politik diffamiert wurde.

Schon in den fünfziger Jahren entstanden in der Bundesrepublik Bewegungen, die sich gegen umstrittene Entscheidungen von Regierung und Parlament formierten. Der Protest gegen die Atombewaffnung, gegen die Wiederbewaffnung und gegen die Notstandsgesetze waren Massenbewegungen, die nur durch ein breites Bündnis von Gewerkschaften, Kirchen, Wissenschaftlern und auch ein paar Studenten überhaupt möglich wurden. Alle Parteien standen diesen Initiativen skeptisch bis ablehnend gegenüber, die „außerparlamentarische Opposition“ gab es lange vor 1968.

Verrückte Torjubler noch nicht am Ende

In skandinavischen Ländern ersinnt man immer wieder Kuriositäten. Ich denke an Finnland und den Gummistiefel- und Handyweitwurf. Manches davon wird wohl in den sehr langen Winternächten kreiert. Aus Island kommt nun eine besondere Art des Torjubels …

Ein Tag im Jahr 2014

Wie sehen die Bildschirme der Zukunft aus, wie leben wir mit Ihnen? Die schwedische Softwarefirma TAT hat einen Blick in die Glaskugel geworden. Faszinierend. Oder erschreckt Sie das?

Christophe Huet, Fotograf?

Fotos? Eine in jeder Hinsicht beeindruckende Sammlung von Bildern findet sich auf der Homepage des in Paris beheimateten Christophe Huet. Die gestalterische Vielfalt der Motive ist beeindruckend. Neben dramatischen Effekten, die sich immer wieder in den Bilder finden lassen, ist es vor allem das Spiel mit Formen, Proportionen und den Naturgesetzen.

Fidel Castro: Zweifel am Lebenswerk

Revolutionsführer Fidel Castro zweifelt an seinem politischen Lebenswerk. Der von ihm erkämpfte Sozialismus funktioniere nicht, sagte er im US-Magazin „The Atlantic“. Und er nahm bei der Gelegenheit auch eine seiner umstrittensten außenpolitischen Positionen mit einer Breitseite gegen den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad zurück. Castro kritisierte Ahmadinedschad für die Leugnung des Holocaust.

Fidel wolle seinem Bruder und Präsidenten Raúl Castro den Raum für Reformen schaffen, analysierte die Kuba-Expertin Sweig weiter, „damit dieser die notwendigen Reformen angesichts des sicheren Widerstandes der orthodoxen Kommunisten in Partei und Bürokratie in die Wege leiten kann.“

Kuba: Eigenständig im Sozialismus

Geert Haiditler Wilders vor Gericht

Eine Partei, geführt von einem rechtspopulistischen Politclown, mit einem politischen Programm, das sich lediglich auf eine islamfeindliche Haltung gründet, schafft es, in den bisher als besonders freiheitlich geltenden Niederlanden 1,5 Millionen Wähler hinter sich zu bringen. Jetzt sieht dieser zum Vollpfosten des Tages gewählte Herr Wilders die Meinungsfreiheit, seine Meinungsfreiheit gefährdet, weil er sich wegen des Vorwurfs der Volksverhetzung vor Gericht zu verantworten hat. Allein seine Fratze zu sehen, bereitet mir Übelkeit: Erbärmlich …!!!

Suche möbliertes Zimmer in Göttingen

Ich suche ab sofort ein möbliertes Zimmer für meinen älteren Sohn (19) in Göttingen. Am 11.10. beginnt er eine Ausbildung zum Medizinisch-Technischen Assistenten an der MTA-Schule Labor der Universitätsmedizin Göttingen. Das Zimmer sollte möglichst auch über Internet-Zugang verfügen und max. 200 €/Monat Warmmiete kosten.

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Daher der Name Bratkartoffel (3)

In der Stilistikstunde hat sie gelernt: Einen hinter die Binde gießen. HK hat erklärt, daß diese Redensart aus den 20er Jahren stammt. Genau so wie Ausgerechnet Bananen. Genau so wie Du kriegst die Tür nicht zu. Genau so wie Einen über den Durst trinken. ER flicht ein: Eins. HK besteht ganz hart darauf, daß es heiße: Einen über den Durst trinken. Und fährt fort mit Beispielen wie Au Backe, Weg vom Fenster.

aus Martin Walser: Leben und Schreiben: Tagebücher 1963-1973
Tagebuch 1973, Seite 613 – Rowohlt Taschenbuch Verlag, Februar 2009

ER ist Walser selbst, HK einer der Professoren des Middlebury College in Vermont, wo Martin Walser 1973 als Gastdozent tätig war. Wer sich mit Sprache und wer sich mit Literatur beschäftigt, kommt an Redensarten nicht vorbei. Will man eine Fremdsprache möglichst gut beherrschen, so muss man besonders ihre Redensarten kennen.

Martin Walser beschreibt hier eine Szene während eines Deutsch-Seminars. Selbst hat er immer wieder seinen Protagonisten solche Redensarten in den Mund gelegt. In seinem Roman Halbzeit lässt er den Gehilfe eines Friseurs immer wieder „Ausgerechnet Bananen“ sagen, eine Redensart, die Unmut kund tun soll, also ein Ausdruck von Enttäuschung ist. Eigentlich lässt sich hiermit aber auch alles andere, also nichts Bestimmtes sagen.

Dieser Ausspruch stammt aus einem Schlager aus den 20er Jahren. Dort heißt es im Refrain: Ausgerechnet Bananen, Bananen verlangt sie von mir. Im Original heißt das übrigens: Yes! We have no bananas, We have no bananas today. Das Lied entstammt aus einer Broadway-Revue aus dem Jahre 1922. Die deutsche Version „Ausgerechnet Bananen“ findet sich dann in Billy Wilders 1961 gedrehter Filmkomödie One, Two, Three (dt. Eins, Zwei, Drei) noch einmal.

Walser hat sich öfter mit Redensarten beschäftigt. Es hat das ebenfalls in seinem Roman „Halbzeit“ 1960 am Beispiel des Modeworts „Pattern“ sehr schön beschrieben, wie eine solche Redensart zustande kommen kann. Ganz einfach: Einer „erfindet“ sie, ganz zufällig, und die anderen plappern sie nach….“: „Pattern war um Weihnachten herum aufgetaucht. Edmund brachte immer Wörter, um die man ihn beneidete, weil diese Wörter einem sofort als unersetzlich erschienen. Man glaubte, es habe immer schon ein Bedürfnis gerade nach diesen Wörtern bestanden. Wenn Edmund auf einen Teppich zeigte und fragte: wie gefällt dir dieses Pattern? dann wagte man kaum mehr an Muster zu denken …“

Aber, um bei Martin Walser zu bleiben, er hat auch selbst Redensarten geprägt. Für Walser setzt jemand die Moralkeule ein, der Moral als Waffe benutzt, z.B. bei einer Diskussion moralisch-sittlich argumentiert, um den Gegner zu diskreditieren.

Die Liste, allein mit Beispielen anhand des Schriftstellers Martin Walser, ließe sich beliebig verlängern. So am Schluss dann noch folgendes interessante Beispiel aus Walsers Buch „Aus dem Wortschatz unserer Kämpfe“ (Düsseldorf 1971, Reinbek bei Hamburg, 1981 – S. 7-12, hier S. 9), wo er in sieben mehrseitigen „Szenen“ die Brutalität zwischenmenschlicher Beziehungen durch Dutzende von zeichenhaften Phraseologismen anprangert (aus dem Text „Kampf mit einem Überlegenen, der nichts hört“):

Menschenskind, Ihnen ist wirklich nicht mehr zu helfen. Sie sollen mich mal von der anderen Seite kennenlernen. Und nicht zu knapp. Ihnen werde ich mal zeigen, was ne Harke ist. Sie haben bei mir verschissen bis in die Steinzeit. Daß das klar ist. Sie mach ich ja so zur Sau. Sie werden sich wundern. Ihnen wird Hören und Sehen vergehen, das versprech ich Ihnen. Sie werden alle Engel singen hören, da können Sie Gift drauf nehmen. Ihnen wird der Arsch auf Grundeis gehen, das dürfen Sie mir glauben. Sie pfeifen aus dem letzten Loch. Mit Ihnen werde ich Schlitten fahren. Mann, mit Ihnen mach ich kurzen Prozeß. Sie mach ich fertig bis auf die Knochen, kurz und klein schlag ich Sie, dann werden Sie schon sehen. Das haben Sie sich selbst zuzuschreiben. Was zu weit geht, das geht nicht. Da können Sie machen, was sie wollen. Mit mir nicht. Nicht mit mir. Das kann ich Ihnen sagen. Das können Sie sich gesagt sein lassen. Ein für alle Mal. Wo kämen wir denn da hin.

Übrigens: Ein erster Entwurf hierzu findet sich in „Leben und Schreiben: Tagebücher 1963-1973“ – Tagebuch 1968, S. 299 – 305 unter:

Wortschatz. Der Überlegene hört nichts. Wortgefecht …

Anmerkung zum Text: Wortschatz: „Aus dem Wortschatz unserer Kämpfe. Szenen.“ Zunächst als Hörspiel (gesendet im WDR, 22.10.1969), dann als Theaterstück für vier Personen verfaßt, Uraufführung unter dem Titel „Ein reizender Abend“ im Théàtre des Casemats, Luxemburg, am 10.7.1972. Der Text ist ein erster Entwurf der ersten Szene.

siehe auch: Daher der Name Bratkartoffel (1)
siehe auch: Daher der Name Bratkartoffel (2)

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